Theater zum Fürchten: Revanche / Sleuth

Juni 16, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Großes Tennis beim Schauspieler-Serve-and-Volley

Otto Beckmann als Lover Milo Tindle und Johannes Terne als gehörnter Gatte Andrew Wyke im detailverliebten Bühnenbild von Regisseur Sam Madwar. Bild: © Bettina Frenzel

Als letzte Saison-Premiere in der Wiener Scala zeigt das Theater zum Fürchten Anthony Shaffers „Revanche. Mord mit kleinen Fehlern“, mit dem der Zwillingsbruder des berühmteren Dramatikers Peter Shaffer 1970 bei der Uraufführung in London einen Welthit landete – ansonsten blieben Anthonys Ausflüge ins Fach des Theaterautoren eher unbemerkt, er machte sich stattdessen als Drehbuchautor der Agatha-Christie-

Verfilmungen „Das Böse unter der Sonne“, „Tod auf dem Nil“, „Mord im Orientexpress“ und von Alfred Hitchcocks Thriller „Frenzy“ einen Namen. Unter dem Originaltitel „Sleuth“, umgangssprachlich für „Schnüffler“ im Sinne von Detektiv, wurde die Kriminalkomödie zwei Mal verfilmt: 1972 von Joseph Mankiewicz mit Sir Laurence Olivier als Andrew Wyke und Michael Caine als Milo Tindle und 2007 von Kenneth Branagh nach einem Drehbuch von Harold Pinter mit Michael Caine nun in der Olivier-Rolle und Jude Law als Milo Tindle.

Die Handlung dürfte also als bekannt vorausgesetzt werden: In seinem englischen Landhaus, das mit teuren Kuriositäten und witzigen Maschinchen vollgestellt ist, die die Vorliebe ihres Besitzers für Spielchen aller Art widerspiegeln, empfängt der Bestsellerautor von Kriminalromanen Andrew Wyke einen besonderen Gast: Er lädt den Liebhaber seiner Frau, den Friseur Milo Tindle, zu einem „Spiel“ ein: Wenn der mittellose Milo zwecks Versicherungsbetrugs einen fingierten Juwelendiebstahl hier im Haus begeht, überlässt Wyke ihm nicht nur seine Frau, sondern auch den Schmuck zur Finanzierung eines standesgemäßen Lebens.

Klar, dass der Vorschlag eine Reihe von Ereignissen auslöst, die die Grenzen zwischen Wettkampf und Kampf, blutigem Ernst und Mordsspaß auf das Durchtriebenste verwischen. Als Tindle von der Bildfläche verschwindet, erscheint ein mysteriöser „Inspector Doppler“ auf der Jagd nach einem Killer …

Fürs TzF hat Sam Madwar inszeniert und auch den Raum – mehr als dustere Ritterburg denn als Chalet – gestaltet, und so ist auch das Prunkstück zwischen den bezeichnenden Spielbrettern für Schach, „Fuchs und Henne“ oder „Mensch ärgere dich nicht“ eine Ritterrüstung, die per Knopfdruck in hämisches Gelächter ausbricht. In diesem Setting bestreiten Johannes Terne als Wyke und Otto Beckmann als Tindle das fintenreiche, verbal-intellektuelle Duell der beiden Antagonisten – das mit einer kuriosen Pointe ein überraschendes Ende findet.

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Terne füllt die Szenerie mit seiner Bühnenpräsenz, mit giftsprühender Intensität und im Laufe der Begebenheit mit zunehmend verzweifelter Wut. Er gibt den exzentrischen Schriftsteller, der sich an seinem Werk grandios zu delektieren weiß, süffisant, sarkastisch, spleenig, versnobt, sein Narzissmus maximal von seinem Ennui übertroffen – und logisch, dass dieses von sich so überzeugte „Genie“ das italienische Gastarbeiterkind „Figaro“ Tindle was Upper Class und geistreiche Art betrifft für deutlich unterlegen hält. Welch ein Irrtum. Aus seinem jüngsten literarischen Hit „Die Leiche auf dem Tennisplatz“ liest Wyke der Gattin Lover nicht einfach vor, vielmehr schlüpft er in die Rollen aller seiner Romanfiguren, und so hat’s Sam Madwar – mit feiner Hand für die Charaktere, viel Hinter-/Sinn für die spitzzüngigen Dialoge und um spooky Effekte nicht verlegen – inszeniert:

Seine „Revanche“ ist ganz großes Tennis mit schauspielerischem Serve-and-Volley-Spiel, mit Otto Beckmann als Milo Tindle als Ternes kongenialem Pendant, denn Tindle erweist sich bald als ebenbürtiger Partner in Wykes „Spiel“, auch er enttarnt sich als Master of Gamesmanship *.

*Die Legende besagt, Anthony Shaffer hätte die Idee zu „Sleuth“ nach einer der berüchtigten Spielenächte bei Musicalkomponist und -texter Stephen Sondheim gehabt, der für seine Rätselleidenschaft gefürchtet war, und regelmäßig Gäste in sein bis zur Decke mit alten Brett- und Ratespielen angefülltes New Yorker Appartement zu „The Murder Game“ lud, bei dem die Anwesenden gleich Cluedo-Detektiven einen Mord aufklären mussten.

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

„Karl Steinsch“ als mysteriöser Inspector Doppler. Bild: © Bettina Frenzel

Die Partie beginnt. Zwecks Einbrecher-Verkleidung zwingt Wyke Tindle in allerlei lächerliche Gewänder: in die Mönchskutte von Pater Langfinger, eine Ku-Klux-Klan-Kapuze, ein Marie-Antoinette-Kleid, die Kostüme sind von Anna Pollack, bis er endlich ein Dummer-August-Outfit als passend befindet – in dem sich der scheint’s gutmütige und schwer gedemütigte Tropf Tindle anfangs tatsächlich zum Clown macht. Terne unterstreicht Wykes Verachtung für den „Papagallo“ mit zunächst subtilen Gesten, doch je weiter dessen perfider Plan gedeiht, umso brutaler reißt man sich gegenseitig die Masken vom Gesicht in diesem „nie enden wollenden Reigen verhüllter Identitäten“, wie Wyke sagt.

Die kleinen Bösartigkeiten wachsen sich zu größeren aus. Terne und Beckmann performen ihre Rollen als Cracks aus jenem Holz, aus dem die Gambler geschnitzt sind. Bei der Verwüstung des Hauses, der Raub soll ja echt aussehen, zerreißt Tindle genussvoll die Hoflieferanten-Hemden seines Gastgebers oder zerfleddert dessen neuestes Manuskript, der wiederum hat flugs einen Revolver zur Hand, mit dem er vorerst das Antlitz seiner Angetrauten aus dem Hochzeitsfoto schießt. Milo Tindle macht auf ängstlich und irritiert, der eiskalt sein Mütchen kühlende Wyke zunehmend auf irrsinnig, aber schon bald, heißt: nach der Pause, wird ihm die Arroganz aus dem Gesicht fallen und die Contenance flöten gehen.

Auftritt nämlich ein gewisser „Inspector Doppler“, dargeboten vom – wie seine zwei Kollegen TzF-Debütanten – „Karl Steinsch“, über den im Programmheft zu erfahren ist: Geboren in der Theaterhauptstadt St. Pölten, Schauspielausbildung an der Autodidaktica in Castrop-Rauxel, und nein: hier wird nicht gespoilert. „Steinsch“ spielt den adipösen Schnüffler bärbeißig und unnachgiebig; Doppler ist schließlich auf der Suche nach dem wie vom Erdboden verschluckten Coiffeur Tindle beziehungsweise dessen Leiche und damit dessen Mörder. Und während Ternes Wyke ein Alibi haarscharf entlang der Wahrheit hervorstottert, baut das ermittelnde Schwergewicht Indiz um Indiz seine Falle auf …

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Dass Johannes Terne und Otto Beckmann in der Schlussrunde das komödiantische Gaspedal bis zum Anschlag durchtreten, wurde vom höchst amüsierten Premierenpublikum mit viel Gelächter und Applaus goutiert; der leichtfüßig tänzelnde, sich very british gebende, vor Verve sprühende Johannes Terne; Otto Beckmann als Gamechanger Tindle ein Fall für Frauen, die auf den Typ Teddybär fliegen, und großartig ist, wie Beckmann seinen Hairstylisten zur Hochform auflaufen lässt.

„Revanche“ ist der quintessentielle Krimi über einen Schuss, der im Wortsinn nach hinten losgeht; das Suspense-Stück veralbert das Genre und bedient es gleichzeitig virtuos. Sam Madwar hat daraus ein Fest für Schauspieler gemacht, die einander im rhetorischen Schlagabtausch und bei ständig wechselnden Machtverhältnissen nichts, und den Zuschauerinnen und Zuschauern alles schenken. „Darauf einen Gin!“ – „Zum Wohle von Queen Mum!“

Zu sehen bis 25. Juni.

TIPP: Am 14. August hat das Theater zum Fürchten als Theater im Bunker mit „Aventura. Von den Abenteuern im Kopf und anderswo“ Premiere. Ein extravagantes Stationentheater im kilometerlangen System des ehemaligen Mödlinger Luftschutzstollens. Alle fünfzehn Minuten startet eine Gruppe ZuschauerInnen und begegnet auf der Wanderung durch den Bunker SchauspielerInnen, Bildern, Installationen und Szenen, aus denen sich im Kopf der Betrachtenden ein Stück zusammenpuzzelt. Konzept und Buch: Bruno Max, Raum: Marcus Ganser.

BONUSTRACK: Johann Nestroys „Umsonst“, inszeniert von Bruno Max, als kostenloser Stream: www.youtube.com/watch?v=jsoPuvu-3uY&t=3s

www.theaterzumfuerchten.at

16. 6. 2022

Theater zum Fürchten: Equus

Oktober 31, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pferdegott im Bondage-Geschirr

Alan Strang erkennt in Nugget seinen Pferdegott Equus: Angelo Konzett und Tom Wagenhammer. Bild: Bettina Frenzel

Diese Frage, auch wenn er sie mit einem verschmitzten Lächeln beantwortet, und die Kostüme selbstverständlich wie stets von Alexandra Fitzinger sind, muss sich Regisseur und Raumgestalter Sam Madwar schon gefallen lassen – nämlich in welchem Erotikshop er eigentlich die Ausstattung für seine Pferdegeschöpfe erstanden hätte. Leithengst Nugget und seine beiden Mitrösser tänzeln ihr aufreizendes Dressurballett schließlich bestrapst, mit um die Brust geschnalltem Bondage-Geschirr, an die

Kandare genommen mit einer BDSM-Trense. Tom Wagenhammer, Eduard Martens und Bernardo Ribeiro verkörpern die kraftvollen, anmutigen Tiere mit dem Stolz eines Pegasus, regelrecht majestätisch tragen sie ein Drahtgestell um ihre Köpfe, das die größeren der Vollblüter simulieren soll. In mondblaues Licht getaucht ereignet sich im Reitstall derart Zauberisches, und man begreift die Magie des Glaubens, die von Alan Strang Besitz ergriffen hat. Auch wenn Sam Madwar die Aura zwischendurch bricht, um die Arena zum Ort der Auseinandersetzung mit Arzt oder Eltern des Siebzehnjährigen zu machen.

Das Theater zum Fürchten zeigt in der Scala die Wien-Premiere seiner aktuellen Produktion „Equus“, ein Text des britischen Stardramatikers Peter Shaffer, im Entstehungsjahr 1973 noch ein Skandalstück samt Zoophilie-Schock und Masturbationsandeutung und etlichen Nacktszenen, und äußerst mutig von Sir Laurence Olivier am Royal National Theatre zur Uraufführung gebracht. Anthony Hopkins am Broadway, Anthony Perkins am Theatre Royal Plymouth und Richard Burton in der Sidney-Lumet-Verfilmung spielten den Dr. Martin Dysart; der bekannteste Alan ist bis dato wohl Daniel Radcliffe, der sich mit der Rolle des verstörten Teenagers bravourös von seinem Harry-Potter-Image löste.

In Madwars Inszenierung sind Anselm Lipgens und TzF-Debütant Angelo Konzett als Psychiater und Patient zu sehen. Die auf einer True Story beruhende Geschichte ist diese: Dysart, der als Erzähler die Handlung zusammenhält, wird von Richterin Heather Salomon aka Christina Saginth ein außergewöhnlich schrecklicher Fall zugewiesen. Er soll den Jungen Alan Strang therapieren, der in einem Reitstall gearbeitet hat, bis er sechs seiner Schützlinge aus ungeklärter Ursache mit einem Hufkratzer die Augen ausstach. Wie Konzett den schwierigen Charakter seiner Figur schultert, ist grandios. Der Körper angespannt vor Schuld, die Glieder wie steifgefroren im Versuch, die pubertär-sexuellen Gefühle zu verbergen, doch die ganze Renitenz eines Heranwachsenden ins Gesicht geschrieben, so agiert Konzett, wenn er die Fragen Dysarts zunächst nur mit dem Singen von Werbejingles beantwortet.

Psychiater Martin Dysart und Richterin Heather Salomon: Anselm Lipgens und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Bedrohliches Pferdeballett: Wagenhammer, Eduard Martens, Konzett und Bernardo Ribeiro: Bild: Bettina Frenzel

Vater Frank sieht, wie sich sein Sohn mit einem Strick züchtigt: Christoph Prückner, Lipgens und Konzett. Bild: Bettina Frenzel

Ein Besuch im Sexkino hat dramatische Folgen: Wagenhammer, Konzett, Angela Ahlheim und Robert Stuc. Bild: Bettina Frenzel

Konzetts explizite Darstellung passt perfekt in Madwars ebensolche Arbeit, in der sich nicht geschont und niemand verschont wird. Dr. Dysart, selbst ein Mann in beruflichem wie privatem Ausnahmezustand, gelingt es im zähem Zweikampf nach und nach „mit funzeliger Taschenlampe“ in Trotzkind Alans Inneres zu dringen, und je mehr dieser Prozess vonstattengeht, umso eindrücklicher gestaltet Lipgens die Seelennöte des Seelenheilers, der nicht nur an seiner vergeblichen Sinnsuche laboriert, sondern auch an der nach wodurch auch immer evozierten tieferen Empfindungen. Es ist fast eine Form von Neid, die er gegenüber dem Kranken empfindet, verbunden mit der Angst vor der Aufgabe, diesen „normal“ zu machen, heißt: so kalt und grau wie die meisten.

Madwar spielt Shaffers bipolare Konfrontation des dionysischen und des apollinischen Prinzips in den Beziehungen genussvoll aus. Dysart, als bacchantischer Typ mit einer „anbetungsfernen“ Frau gestraft, macht sich mit Alans Eltern bekannt, Birgit Wolf und Christoph Prückner als Dora und Frank Strang wie Grant Woods Gemälde „American Gothic“ entsprungen, auch sie wie die Götter ein Gegensatzpaar, die Wolf wunderbar in Doras sich ereifernder Bigotterie, sie nach eigener Bekundung „was Besseres“, Prückner – mit leichtem Basedow – ein politisch linksorientierter Drucker, ein bodenständiger Proletarier. Und Alan? Am emotionalen Ertrinken in diesem Wechselbad von verhuschter, überfürsorglicher Mutter, autoritärem, rechthaberischem Vater, von Religiosität und Atheismus, der einen die Bibel alles, dem anderen pure Gewaltpornografie, Alans Welt eine der Verbote und Vorschriften.

In gut zweieinhalb Stunden legt Madwar die Motive, Manien, Merkwürdigkeiten der Strangs und Alans gefühlsmäßige Deformierung dank deren Erziehungsmethoden bloß. Aus dem mütterlichen Vorbeten der Offenbarungsstelle über den Reiter Treu und Wahrhaftig, der vom Himmel auf einem weißen Pferd herniederkommen wird, und dem geschenkten Schimmel-Poster vom Vater, erschafft sich Alan eine Pseudoreligion mit Pferden, versenkt sich in der Hingabe an einen Herrn namens Equus, diese inklusive Selbstzüchtigung mit Zaumzeug-Strick, will Alan doch so leiden wie sein Heiland – das Pferd, seit seiner Zähmung die vom Menschen in Kriegs- und Arbeitsdienst am meisten geschundene Kreatur, sein Messias, der am ganzen Körper blutend Richtung Golgatha geht.

Mutter Dora hat dem Doktor einiges zu beichten: Birgit Wolf, Anselm Lipgens und Angelo Konzett. Bild: Bettina Frenzel

Alans Akt der Hingabe: Tom Wagenhammer und Angelo Konzett. Bild: Bettina Frenzel

„Kann man einem Menschen etwas Schlimmeres antun, als ihm seinen Gott zu nehmen?“, zweifelt Dysart zunehmend, ob die fehlgeleitete, aber schöpferische Obsession des Jungen eine zu behandelnde Psychose ist oder ob er Alan und all seinen Patienten nicht im Grunde ein gesellschaftskonformes Dasein aufzwingt, das sie ihrer wahren Identität beraubt.

Auf Harry Daltons aka Robert Stucs Gestüt wird, was weiter geschieht, eindeutig sexuell konnotiert. Vom Striegeln und Streicheln übers Besteigen bis zum mächtigen Ritt galoppieren Wagenhammer als nunmehr Equus und auf seinem Rücken der entkleidete Konzett über jedes Tabu. Die Schenkel gegen die Flanken gepresst, brüllt Konzetts Alan seine Lust heraus, versagt aber später im Stall, als er unter den Blicken der Pferde mit einer Frau zum Orgasmus kommen will. Angela Ahlheim, auch sie erstmals auf einer TzF-Bühne, legt diese Jill Mason zwischen burschikos und mädchenhaft an, punktgenau dosiert, zwischen resolut und romantisch. Die Ereignisse überschlagen sich nach einem Besuch im Erotikkino, in dem Alan Vater Frank findet, Alans Qualen sind kaum noch auszuhalten – also die Wahnsinnstat am allwissenden, alles sehenden, „denn ich, der Herr, bin ein eifersüchtiger“ Gott …

„Equus“ in der Inszenierung von Sam Madwar und großartig gespielt vom TzF-Ensemble geht in mehr als einer Beziehung an die Grenzen. Ein schmerzhafter, intensiver, auch irritierender Abend. Eine Empfehlung.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2019

Volkstheater: Komödie im Dunkeln

April 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lachen, bis der Elektriker kommt

An Stunts wird nicht gespart: Steffi Krautz, Thomas Frank, Nadine Quittner, Sebastian Pass und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit der „Komödie im Dunkeln“ kann das Volkstheater einen garantierten Publikumserfolg einfahren. Regisseur Christian Brey hat Peter Shaffers Erfolgsstück auf den Punkt inszeniert, und schon bei der Premiere am Mittwoch jubelten die Zuschauer darüber lang und ausgiebig. Die fulminant komischen Darsteller wurden beinah länger beklatscht, als diese vorhatten, noch einmal auf die Bühne zu kommen. Licht wurd’s schon im Saal. Bis zum Schluss galt es also zu lachen, bis der Elektriker kommt.

Wobei der hier auch noch ein Kabinettstückchen zu bietet hat … Entstanden ist die „Komödie im Dunkeln“ Mitte der 1960er-Jahre, und Brey und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Anette Hachmann belassen sie optisch in ihrer Zeit. Im Zentrum der Turbulenzen befindet sich der noch erfolglose Bildhauer Brindsley Miller, der am Abend den russischen Kunstsammler Godunow zum Kauf eines seiner Werke überreden will. Dazu hat er sich nicht nur unerlaubter Weise die – besseren als die eigenen – Möbel seines begüterten Nachbarn Harold ausgeborgt, sondern auch seine Verlobte Carol vergattert.

Die wiederum hat ihren gestrengen Vater im Schlepptau, doch noch bevor die beiden Gäste eintreffen, gibt es einen Kurzschluss und damit Stromausfall. Man tappt durch die Finsternis. Als unerwartet Harold in der Tür steht, eine Nachbarin durch Alkohol hochprozentig indisponiert ihren Scharfblick verliert und die noch keineswegs ausrangierte Exfreundin von Brindsley auf den Plan tritt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Zu guter (?) Letzt kommt auch noch der Mann vom E-Werk, Schupanski, ein russischer Emigrant. Klar, für wen er gehalten wird …

Bei vollem Licht kann’s ganz schön finster sein: Thomas Frank und Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Exfreundin Clea neigt zu Handgreiflichkeiten: Thomas Frank, Birgit Stöger und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater wird sich in all diesen Irrungen und Wirrungen nicht geschont. Da wird gegen Wände gelaufen und über Stühle gestolpert, aneinander vorbeigehastet und -geredet. Shaffers Komik entsteht, weil man selber bei Licht sieht, wo die Schauspieler vorgeben ebendieses nicht zu tun. So entsteht Slapstick vom Feinsten. Tempo und Timing stimmen. Allen voran hat Thomas Frank als Brindsley den Turbomotor angeworfen, spielt sich außer Atem und legt regelrechte Stunts hin, sogar einen Sturz über die Treppe. Auch das übrige Ensemble agiert entfesselt, so überdreht die Handlung, so auch dessen Mimik und Gestik.

Nadine Quittner gibt eine naive Carol, Stefan Suske ihren militärisch zackigen Vater Colonel Melkett. Brillant auch Steffi Krautz als Nachbarin Miss Furnival und Sebastian Pass als mehr oder minder geheimer Brindsley-Liebhaber Harold. Mit Birgit Stöger als durchgeknallter Exfreundin Clea nimmt der Komödienkarren noch einmal mehr Fahrt auf, nun wird sich nicht nur gezankt, sondern auch gerauft, bis Sebastian Klein endlich als unerwartet kunstsinniger Schupanski auftritt. Den Cast komplettiert Mario Schober als Godunow. Unter den vielen witzigen Einfällen von Christian Brey ist der mit dem Hula Hoop Reifen besonders gelungen. Was es damit auf sich hat? Hingehen, anschauen!

www.volkstheater.at

  1. 4. 2018

Volkstheater: Zwei zusätzliche Produktionen

Januar 17, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Der neue Zeitplan zur Generalsanierung macht’s möglich

Anja Herden spielt Milo Raus Theatertext „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“: Bild: © Götz Schrage / Volkstheater

Zwei zusätzliche Neuproduktionen ergänzen das Repertoire im Volkstheater: Am 8. März hat die Österreichische Erstaufführung von Milo Raus Theatertext „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ im Volx/Margareten Premiere. Anja Herden verkörpert beide Rollen des Doppel-Monologs: die der Frau mit schwarzer und die mit weißer Hautfarbe.

Der Schweizer Theatermacher, Autor und Aktivist Milo Rau schrieb das Stück auf der Grundlage von Interviews mit NGO-Mitarbeitern, Geistlichen und Kriegsopfern in Afrika und Europa. Regie führt der diesjährige Max-Reinhardt-Seminar-Absolvent Alexandru Weinberger-Bara. Im Haupthaus bereichert eine Komödie den Spielplan: Am 11. April findet die Premiere von Peter Shaffers „Komödie im Dunkeln“ statt. Thomas Frank spielt in der rasanten Verwicklungskomödie die Rolle des jungen Bildhauers Brindlsey Miller, der zu einem Trick greift, um Karriere und Liebesbeziehung zugleich auf die Sprünge zu helfen.

Um Eindruck bei seiner Einladung eines reichen russischen Kunstmäzens und seinem Schwiegervater in spe zu schinden, will er kurzerhand einige stilvolle Möbelstücke aus der Wohnung seines Nachbarn entwenden. Doch dann taucht ein Stromausfall das komplette Haus ins Dunkle und das Chaos nimmt seinen Lauf … Regie führt Christian Brey, der bereits an großen deutschsprachigen Häusern inszenierte und von 2009 bis 2011 zum Team der Late-Night-Show von Harald Schmidt gehörte.

„Da wir aufgrund des neuen Zeitplans der Generalsanierung das Haupthaus doch bis Ende der Spielzeit zu Verfügung haben, ist die ,Komödie‘ eine sinnvolle Ergänzung im Spielplan“, kommentiert Volkstheater-Intendantin Anna Badora. „Unser Ensemble freut sich schon auf dieses rasante Stück. Und mit ,Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs‘ verfolgen wir unsere traditionsreiche Kooperation mit dem Max Reinhardt Seminar weiter.“

www.volkstheater.at

17. 1. 2018

Interview mit Cornelius Obonya und Rupert Henning

Februar 8, 2013 in Bühne

 Schlagabtausch auf höchstem Sprachniveau

Im Wiener stadtTheater Walfischgasse spielen Cornelius Obonya und Rupert Henning in Anthony Shaffers „Revanche“.

Um Irrtümer vorwegzunehmen: Hier handelt es sich um keine Götz-Spielmann-Interpretation. Zwar wäre dessen 2009 oscarnominierter Film „Revanche“ durchaus für die Bühne geeignet, im Wiener stadtTheater Walfischgasse spielen Cornelius Obonya und Rupert Henning aber „Revanche“ – von Anthony Shaffer. Premiere ist am Mittwoch.Auch das erfolgreiche Broadway-Stück hat im Kino Geschichte geschrieben. Mit zwei Verfilmungen: 1972 als „Mord mit kleinen Fehlern“ mit Sir Laurence Olivier und Michael Caine, und 2007 als „1 Mord für 2“. Wieder mit Michael Caine, der in die Olivier-Rolle aufgerückt ist, und Jude Law.KampfIn der Walfischgasse sind nun Cornelius Obonya als erfolgreicher Krimiautor Andrew Wyke und Rupert Henning als arbeitsloser Schauspieler Milo Tindle zu sehen. Letzterer hat ein Pantscherl mit der Schriftstellersgattin, weshalb ihn Ersterer zum Gespräch bittet. Aus dem verbalen Schlagabtausch wird ein erbitterter Kampf, und … mehr bitten die Herren nicht über ihren Abend zu verraten … außer:
„Shaffers Stück ist einer der seltenen Fälle, wo jeder Satz schillert und glänzt“, schwärmt Henning. „Es hat eine schrecklich lustvolle Tiefe, es folgt Wendung auf Wendung. Wir können da beim Spielen so schön spielen.“ „Revanche“, sagt Obonya, sei wie „kleine Weihnachten“ – umso mehr, da als Dritte im Bunde seine Frau Carolin Pienkos Regie führt.
Vom bekannten Konzept „älterer Mann fordert jüngeren Liebhaber“ hat man sich leicht getrennt. Obonya: „Das erschien uns heute zu stereotyp. Für uns ist es wesentlich interessanter eine soziale Schieflage zu zeigen, wo einer nach oben gerutscht ist, und einer anderer das nicht schafft. Das ist das heutige Europa.“
„Wobei“, ergänzt Henning, „der toughe, eloquente Autor schnell kapiert, dass Tindle, wenn auch beruflich erfolglos, kein Jausengegner ist.“Es folgt: Eine wilde Debatte über eine reine Seele, die korrumpiert wird, die Butterseite des Lebens und die Frau als Prestigeobjekt. So, bestätigt Pienkos, war’s täglich bei der Probenarbeit. Diskussion und Widerspruch – bis die Regie (also sie) die Letztentscheidung trifft. Gelächter.
Ob man weitere gemeinsame Pläne hegt?
Henning (und an dieser Stelle umarmt oder würgt ihn Obonya): „Wenn wir uns nicht vor lauter Zuneigung umbringen, gibt’s bestimmt Fortsetzungen.“