Neu am Volkstheater: Michael Abendroth im Gespräch

August 31, 2016 in Bühne

VON  MICHAELA MOTTINGER

 Er spielt ab 9. September in „Das Narrenschiff“

Michael Abendroth ist ab dieser Saison Ensemblemitglied am Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth ist ab dieser Saison Ensemblemitglied am Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als er vergangene Saison das Publikum in den Bezirken mit Alan Ayckbourns „Halbe Wahrheiten“ zum Lachen brachte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438) , war er noch Gast am Haus. Ab sofort ist Michael Abendroth fixes Ensemblemitglied des Volkstheaters. Der Charakterschauspieler und Theaterregisseur, dessen Karriere ihn von Bochum übers Berliner Ensemble bis ans Düsseldorfer Schauspielhaus führte, spielt in der Saisoneröffnungspremiere „Das Narrenschiff“. Dušan David Pařízek hat Katherine Anne Porters großen Gesellschaftsroman für die Bühne eingerichtet.

Inspiriert von einer Schiffsreise nach Europa und durch die Lektüre von Sebastian Brants „Narrenschiff“ aus dem Jahr 1494 entwirft die Autorin ihren Mikrokosmos. Es ist das Jahr 1931, und Künstler und Kaufleute, Spanier, Amerikaner und vor allem Deutsche, Juden und Nationalsozialisten wollen von Veracruz nach Bremerhafen gelangen. Die Situationen an Bord eskalieren. Viele der Passagiere haben leidvolle Erfahrungen in der Fremde hinter und eine ungewisse Zukunft in Europa vor sich.

In erotisch wie politisch gereizter Atmosphäre lassen sie voreinander die Masken fallen, freiwillig oder erzwungen. So wird die Überfahrt zum prophetischen Lehrstück darüber, wohin nationalistischer Größenwahn, Fanatismus und Rassenhass führen werden. Premiere ist am 9. September. Michael Abendroth im Gespräch:

MM: In der vergangenen Saison waren Sie am Volkstheater noch Gast, waren in „Nora³“ und „Halbe Wahrheiten“ zu sehen, nun sind Sie fixes Ensemblemitglied. Übersiedlung abgeschlossen?

Michael Abendroth: Sozusagen ja (er lacht), ich lebe schon lange in Wien. Da ich Freiberufler war, habe ich mich vor vier Jahren entschlossen, hierher zu ziehen. Meine Mutter war Wienerin, ich habe also sehr viel Bezug zu dieser Stadt, ich fühle mich an der Donau heimisch. Anna Badora und ich haben die Stücke definiert, in denen ich mitwirken werde. Ich bin inzwischen Pensionist und kann mir aussuchen, was ich mache. Ich möchte einfach nicht nur rumsitzen und mich langweilen.

MM: Da haben Sie sich ja gleich das Richtige ausgesucht, denn „Halbe Wahrheiten“ war eine Produktion des Volkstheaters in den Bezirken. Da sind Sie ganz schön rumgekommen. Wie war’s?

Abendroth: Fantastisch! Das war eines meiner schönsten Theatererlebnisse überhaupt. Jeden Tag woanders sein und dabei immer im gleichen Bett schlafen können, das hat schon was. Doris Weiner hat mir erklärt, in welche U-Bahn ich wohin einsteigen muss – und los ging’s. Das Publikum hat uns großartig aufgenommen. Ich habe mich vorher immer in die Foyers gesetzt und mir die Zuschauer angesehen. Die wussten ja nicht, wer ich bin, also konnte ich sie gut beobachten. Es war rührend und liebenswert. Von Ottakring bis Döbling haben sich alle vergnügt. In Liesing hatten wir zwei Vorstellungen, da bin ich zwischendurch zum Billa gegangen und der halbe Laden war mit unseren Zuschauern voll. Das Volkstheater in den Bezirken ist sehr familiär. Ich mag das.

MM: Mit einem Wort, Sie sind schon auf dem Weg zum Publikumsliebling.

Abendroth: Sagen wir lieber, ich liebe das Publikum. Ich bin Publikumsliebhaber. Ich habe mich sofort für die nächste Tournee angemeldet. Das Wiener Publikum ist ein Genuss, das haben wir auch bei „Nora³“ bemerkt, wo die Aufführungen in Wien eine ganz andere Temperatur als die in Düsseldorf hatten. Hier waren die Reaktionen viel emphatischer. Mag sein, dass die Wiener ein tieferes Verständnis für den Aberwitz der Frau Jelinek haben, aber ich glaube, in erster Linie liegt es daran, dass in dieser Stadt so viele theaterverliebt sind.

MM: Wer Sie noch nicht am Theater gesehen hat und trotzdem meint, Ihr Gesicht zu kennen, dem sagen Sie …

Abendroth: Fernsehen, das mache ich nebenbei, „Wilsberg“ oder „Tatort“ vermutlich, da habe ich acht oder neun gemacht. Ich spiele immer die Anwälte oder Ärzte …

MM: Opfer oder Täter?

Abendroth: Das mischt sich. Ich war vor längerer Zeit auch in „Alarm für Cobra 11“, das ist die erfolgreichste Actionserie weltweit, da habe ich eine zwielichtige Doppelrolle gespielt und wurde am Ende erschossen, und vor drei Wochen haben wir wieder gedreht – und wieder hat’s mich erwischt.

MM: Das heißt, man kann Sie für österreichische TV-Krimis empfehlen. Das Fernsehen hierzulande braucht ja auch Leute, die sich gern meucheln lassen.

Abendroth: Ja, ich lass‘ mich jederzeit um die Ecke bringen, wenn die Rolle davor spannend war. Lustig war’s kürzlich: Ich musste eine Bescheinigung für meine Versicherung beibringen, und der Beamte auf der Behörde, der sie ausstellen sollte, meinte launig, nein, das macht er nicht, weil er habe gestern erst gesehen, dass ich erschossen worden bin. Den Ruf habe ich also weg.

In "Halbe Wahrheiten" mit Doris Weiner und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In „Halbe Wahrheiten“ mit Doris Weiner und Christoph Rothenbuchner … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth in "Halbe Wahrheiten". Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… spielte sich Michael Abendroth als seitenspringendes Schlitzohr Philip in die Zuschauerherzen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Ihre große Liebe gehört allerdings dem Theater. Und da haben Sie bemerkenswerte Stationen hinter sich. Zuletzt, weiß ich, haben Sie in Deutschland mit Michael Gruner in Düsseldorf gearbeitet.

Abendroth: Richtig, das war „Die Gerechten“ von Camus, der Kaljajev war 1968 meine erste Rolle am Theater, und nun habe ich ihn wieder gespielt. Die Idee von Michael Gruner war, es retrospektiv mit alten Schauspielern zu machen, ich war der jüngste Alte. Eine sehr schöne Arbeit, und die Leute mochten es sehr. Ich war lange in Düsseldorf, woher ich auch Anna Badora kenne, davor Frankfurt in den Zeiten der Mitbestimmung unter Neuenfels, Bochum bei Zadek, lange Zeit in Nürnberg bei Hansjörg Utzerath … da ist auch meine ältere Tochter geboren, die im Juni geheiratet hat. Ach, das ist alles schon hundert Jahre her …

MM: Hat sich das Theater verändert?

Abendroth: Ich kenne es autoritär, dann haben wir uns rückwirkend betrachtet oft überflüssig die Mitbestimmung erkämpft. Heute habe ich das Gefühl, die können alle sehr viel – technisch, sie sind sehr versiert, sehr gut ausgebildet, bloß sie denken sehr wenig. Das gilt für Regisseure wie für Kollegen. Heute wird viel darüber nachgedacht, wie man welchen Satz am schönsten sagt, aber seltener warum man ihn sagt. Wobei ich explizit meine beiden jungen Kollegen von der Bezirke-Tour ausnehme. Christoph Rothenbuchner und Evi Kehrstephan, das sind zwei gewissenhafte, engagierte, sehr überlegte Darsteller.

MM: Nun folgt am 9. September „Das Narrenschiff“, Regisseur Dušan David Pařízek erstellt die Bühnenfassung nach Katherine Anne Porters Roman. Haben Sie das Buch je gelesen?

Abendroth: Ich kenne doch den Film, da brauche ich das Buch nicht mehr zu lesen! (Er lacht.) Ich lese ungern Romane, die zu Stückvorlagen werden, man ist dann beeinflusst, beginnt zu selektieren, was „wichtig“ ist und was nicht. Dušan ist ein verlässlicher Mann, ich konzentriere mich auf seine Fassung. Ich freue mich sehr über diese Arbeit. Ich habe Dušan in Düsseldorf für „Nora³“ kennengelernt, nun ist es schön, dass wir wieder etwas zusammen machen.

MM: „Das Narrenschiff“ bietet für einen Darsteller, wie Sie einer sind, eine Vielzahl von Rollen: den Nazi-Verleger Rieber, Freytag mit seiner jüdischen Frau, den Schiffsatzr Dr. Schumann, Professor Hutten mit seiner Bulldogge Bébé … Welche werden Sie spielen?

Abendroth: Wir werden vielleicht wandern, werden verschiedene Rollen spielen. Es ist ja sehr personenreich. Für mich ist wichtig, was und mit wem ich arbeite, welche Rolle es dann konkret ist, ist mir zweitrangig, wobei ich prinzipiell natürlich schon besonders gerne die subtil Bösen spiele. Die Stückwahl ist gut: Kurz vor dem Dritten Reich sind Menschen in verschiedensten Lebenslagen auf engstem Raum zusammengewürfelt. Da kann man schlimmerweise einiges an Parallelitäten sehen. Dušan ist ja kein dummer Mensch, der denkt sich da was zur Zeit, auch, wenn wir mit einem Stück nicht die Welt verändern werden. Diese Fahrt von Amerika nach Europa ist eine gedankliche Konstruktion: man muss in das Land fahren, von dem man sich eigentlich wegbewegen sollte, um selber zu sehen, was vor sich geht. Oder besser gesagt: vor sich gehen wird. Man muss am eigenen Leib erleben, wie sich die Gesellschaft verändert, und sei es in kleinsten Details. Das geht mir in letzter Zeit oft durch den Kopf, diese schrecklichen Entwicklungen und Entstellungen.

MM: Sie meinen das jetzt in Bezug auf das Jahr 2016?

Abendroth: Ich bin hier Gast, ich möchte mich in Österreich nicht politisch äußern, deshalb sage ich stellvertretend etwas über Deutschland und die AfD und diese grauenhafte Pegida. Da kriegt man nur Angst. Ich bin überzeugter und glücklicher Europäer. Und Sozialdemokrat. Ich bin 1948 geboren und habe keinen Krieg miterlebt. Diese Errungenschaft des vereinten Europa ist doch ein Geschenk. Dass der Europagedanke nun immer weniger wird, ist ein Wahnwitz, in den gewisse Politiker die Menschen treiben. Von Frauke Petry bis Marine Le Pen ist das ein Typus Machtmensch, den wir Demokraten genau im Auge behalten sollten.

Das Narrenschiff-Ensemble: Lukas Holzhausen, Jan Thümer, Rainer Galke, Anja Herden, Seyneb Saleh, Gábor Biedermann, Bettina Ernst, Sebastian Klein, Katharina Klar, Michael Abendroth und Stefanie Reinsperger. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Passagiere auf dem „Narrenschiff“: Lukas Holzhausen, Jan Thümer, Rainer Galke, Anja Herden, Seyneb Saleh, Gábor Biedermann, Bettina Ernst, Sebastian Klein, Katharina Klar, Michael Abendroth und Stefanie Reinsperger. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

MM: Weckt Dušan David Pařízek in Ihnen Qualitäten, entdeckt er darstellerische Seiten, von denen Sie selber nicht gewusst haben, dass sie in Ihnen stecken?

Abendroth: Ja, insofern, als er mit viel Humor bei den Proben zum Spielen anregt und dabei die verrücktesten Sachen sehen will. Er will, dass wir improvisieren, er ermutigt einen, auszuprobieren, und daraus entstehen dann die Dinge.

MM: Heißt, Sie spielen gerne. Ich hätte Sie eher für einen Kopfmenschen gehalten.

Abendroth: Privat Kopf, beruflich Bauch. Darum bin ich ja zum Theater gegangen, ich bin auf der Bühne für jeden Blödsinn zu haben. Ich habe dank der Begegnung mit wunderbaren Regisseuren, Jürgen Gosch möchte ich da nennen, erfahren, dass man den Kopf beim Spielen vergessen kann. Ich war lange Zeit „schwierig“, aber sie haben mich gelehrt „naiv“ zu sein. Egal, ob man der Lear oder der Mephisto oder die Großmutter in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ist, und alle drei Rollen habe ich schon gespielt, was man für unseren Beruf am meisten braucht, ist Humor. Heute bin ich nur noch rabiat, wenn wirklicher inhaltlicher Unfug bei den Proben passiert, sonst versuche ich ein genügsamer, liebenswerter Mensch zu sein. Fragen Sie die Kollegen.

MM: Nun „Das Narrenschiff“ als Vorlage von Sebastian Brandt betrachtet, zu welcher Narretei der Menschheit bekennen Sie sich?

Abendroth: Das ist mir zu privat (er lacht). Ich habe eine Frau in Bulgarien, sie ist Romni, und mit ihr eine kleine Tochter, meine kleine Valencia, das ist doch Narretei genug. Ich kurve mit dem Auto die tausend Kilometer nach Sofia so oft es geht. Unser Plan ist, dass sie nach dem Sommer endlich zu mir nach Wien übersiedeln.

MM: Sie führen auch Regie ...

Abendroth: Ich inszeniere alle drei Jahre bei den Wallensteinfestspielen in Altdorf Schillers „Wallenstein“ mit Laiendarstellern. Das ist mir Regie genug. Ich finde es schwierig, an einem Theater, an dem ich schauspiele auch zu inszenieren. Da wissen die Kollegen dann nie, wie sie einen ansehen sollen, mal als Bühnenpartner, mal als Regisseur. Am Volkstheater muss sich diesbezüglich also niemand fürchten. Das heißt … wenn ich morgen eine Idee hätte, würde ich sie Anna Badora schon vorstellen. Aber eigentlich möchte ich mich aber auf das konzentrieren, das mir Spaß macht, das Spielen.

MM: In diesem Sinne: Was kommt denn noch außer dem „Narrenschiff“?

Abendroth: Ich bin für vier Inszenierungen vorgesehen, eine davon mit Anna Badora als Regisseurin. Kurze Pause. Dafür, dass ich wie gesagt schon Pensionist bin, arbeite ich eigentlich ganz schön viel. (Er lacht.)

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Wien, 31. 8. 2016

Volkstheater: Brooklyn Memoiren

Mai 4, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die verfallsdatumsfrei konsumierbare Flüchtlingsstory

Anja Herden, Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher: Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bruderzwist im Hause Jerome, doch die Hausherrin spricht ein Machtwort. Anja Herden als Kate mit ihren „Söhnen“ Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher: Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nun ist die letzte Premiere im Haupthaus des Volkstheaters also doch noch ein Stück über Flüchtling- und Fremdsein geworden. Freilich gut verpackt in eine verfallsdatumsfrei konsumierbare Familiengeschichte, doch das tut der Freude über den Abend keinen Abbruch. Statt der wegen der aufgeheizten Anti-Flüchtlingsstimmung abgesagten satirischen Dystopie „Homohalal“ von Ibrahim Amir inszenierte Sarantos Zervoulakos Neil Simons „Brooklyn Memoiren“.

Was dem Haus eine der besten Produktionen der laufenden Saison bescherte. Denn Zervoulakos ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Der in Griechenland geborene Regisseur taggte sein Statement zur Zeit einfach auf die Nostalgietapete. Auch bei Simon geht’s um Asyl und ein Leben in Warteposition, um erfüllte und enttäuschte Erwartungen im jeweiligen land of the free, und um Solidarität, ohne die kein Menschsein sein wird, sagt er. Im Fernsehen laufen „The Bold and The Beautiful“ und später „Dynasty“. Das ist der way of life, von dem viele träumen, „America’s oder Austrias next Topmodel“ wird ihnen verkauft als der Weg dorthin. Doch dies oder ein Handy zum Begaffen von Pin-up-Fotos sind nicht die schönsten augenzwinkernden Anachronismen, die sich Zervoulakos leistet.

Eugene, Neil Simons Alter Ego, der Sohn mit dem Schriftstellergen, füllt nämlich keine Hefte mehr mit seinen Notizen. Er filmt den tagtäglichen Familienwahnsinn mit der Handycam, und im Insert als Datum 1938, und im Fernsehen zu sehen nun Schwarzweiß-Bilder von Menschen, die vor einer ideologieirren Mörderbande davonlaufen. Wie sich die Bilder gleichen. Wie schnell ein Gestern zum Heute wird. Das sicherlich sollte man niemals vergessen.

So sitzen sie also in ihrem Container(wohn)heim, die Jeromes, es ist beengt und laut und keine Chance auf Privatsphäre, die gibt es nur hinter dem Duschvorhang. Ihr Leben haben sie mit Ramschladenschnäppchen und aus der Altkleidersammlung ausgestattet, und ihm wie zum Trotz ein wenig Glanz verliehen, mit einem grauenhaften Glitzerpulli hier und einem, nein: vielen Zierkissen da – letztere in Plastik verpackt, man will die guten Stücke schließlich schonen. Das Bühnenbild von Thea Hofmann-Axthelm und die Kostüme von Werner Fritz, beides schonungslos grell-knallbunt-scheußlich, sind bei dieser Inszenierung schon die halbe Miete. Ihr „Platz ist in der kleinsten Hütte“ kulminiert in einer Zu-Bett-Geh-Szene. Es ist erstaunlich, woraus sich alles Schlafplätze bauen lassen. Die Schauspieler turnen sich mit viel Akrobatik durch dieses Setting.

Denn auf den paar Quadratmetern, die Zimmer, Küche, Kabinett darstellen, wohnen sieben Leute. Kate mit ihrem Ehemann Jack und den Söhnen Stanley und Eugene, und ihre hier aufgenommene, weil verwitwete Schwester Blanche mit den Töchtern Nora und Laurie. Nils Rovira-Muñoz ist ein wunderbar komödiantischer Eugene, der wohldosiert den Clown macht oder auf Slapstick setzt. Bei Neil Simon liegt die Tragi- gleich neben der -komödie, das zeigt Zervoulakos ganz vorzüglich, und Rovira-Muñoz setzt seine Rolle mit viel Sinn für diese Ironie des Daseins um. Als Erzähler richtet er sein scharfes Auge auf seine Verwandtschaft, die im New-Yorker-Stadtrandviertel in einer Art Stand-by-Modus aufs Irgendwann-wird-alles-besser wartet. Gesprächsthema Nr. 1 ist die Geldnot, das heißt: Gespräch ist gut, bei aller Liebe wird aneinander vorbeigeredet oder einander nicht zugehört oder wenn doch, dann sich gegenseitig missverstanden. Wie Familie eben so ist. Und weil, wo Leben Lachen ist, bietet das die Grundlage für den Simon’schen Humor.

Rainer Galke und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Da kommt keine Freude auf – Laurie muss Onkel Jack etwas zu trinken bringen: Rainer Galke und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seyneb Saleh und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Noras Lebensträume fliegen hoch, aber Mama Blanche reagiert auf so viel Elan ängstlich: Seyneb Saleh und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anja Herden und Birgit Stöger haben die Schwestern Kate und Blanche mit einem Putz- und Nähfimmel versehen, das Heim muss piccobello Heimat sein!, sie sind zwei betuliche, lebensängstliche Muttertiere, Einwandererkinder, die viel zitierte „zweite Generation“, von denen Kate vor Ressentiments gegen die „fremden“, irischen Nachbarn überläuft, während Blanche in der großen Tradition der jiddischen Mames eine Meisterin im geduldigen Tragen von Leid und im Verzicht üben ist. Und wie’s einer guten, jetzt wird’s kurz katholisch, Mater Dolorosa eigen ist, verstehen sie sich auch bestens auf Sticheleien, Nörgeleien und Streitereien.

Ein Glück, dass Rainer Galke als Jack das alles mit Großmut und Galgenhumor nimmt. Er, der von zwei Jobs gerade einen verloren hat, dem jede Entscheidung aufgebürdet wird, der nie zu Ruhe kommen darf, vor allem nicht, wenn ihm die Frauen diese gerade ausdrücklich gönnen. Galke gestaltet mit der Lakonie eines Da-kann-man-halt-nix-machen einen Fels in der Familienbrandung, ihm ist einmal mehr eine glaubhafte Figur gelungen, fast ist er der Vater, den sich jeder nur wünschen kann.

Seyneb Saleh ist als Nora die Traumtänzerin der Sippschaft, die von einer Karriere als Musicalstar schwärmt, Katharina Klar als Laurie dagegen das patzige, hässliche Entlein, das sich nicht nur teenagertypisch hinter seinen Haaren, sondern auch hinter einem Herzflattern versteckt, vor allem, wenn’s darum geht, den Müll rauszutragen. Und dann Stanley. Von Kaspar Locher weitestgehend von seiner Strizzihaftigkeit befreit. Während sich die anderen mit Schuldgefühlen und -zuweisungen in der Waage halten, ist er derjenige, mit dem man Mitgefühl hat. Der ältesteste, der nie nach seinen Wünschen und Sehnsüchten gefragt wurde, auf dem der Druck des Geldverdienens lastet, der lernen muss, dass man sich Gerechtigkeitssinn und Stolz als Arbeiterkind finanziell nur bedingt leisten kann. Locher lässt Stanley am Ende sehr schön über sich hinauswachsen, er hat diesen Charakter gedreht und gewendet und zeigt ihn nun als einen Menschen mit vielen Facetten. Und wie jeder Jerome ist auch er warmherzig und hilfsbereit.

Denn die Geschichte, sie hat eine Message, und es muss ja nicht so sein, dass man nie aus ihr lernt. Jacks von den Nazis verfolgten Verwandten ist die Ausreise nach London gelungen, sie werden den nächsten Dampfer nehmen. Wo sie unterkommen sollen? Wenn wir alle ein klein wenig zusammenrücken, ist hier bei uns doch mehr als genug Platz! Das Publikum in dieser dritten Vorstellung war angerührt und amüsiert und dankte mit viel Applaus. Das Volkstheater hat mit seiner speziellen Art, Unterhaltung und Haltung zu zeigen, bei den letzten Premieren dieser Spielzeit so richtig Fahrt aufgenommen. Mit diesem Wind in den Segeln kann es frohgemut in die nächste gehen.

Kaspar Locher im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18954

Der Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=19538

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Wien, 4. 5. 2016

Volkstheater: Das Wechselbälgchen

Dezember 5, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bitternis in bezaubernden Bildern

Seyneb Saleh Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seyneb Saleh mit Puppe Zitha
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Figuren, die langsam, mit Bewegungen, die sich ihre Geschmeidigkeit erst ertasten, zum Leben erwachen, werden gleich selber Figuren bewegen. In Schaukästen stehen sie, steigen aus ihnen, aus dem schwach Beleuchteten ins Halbdunkel; Gebirge ist im Hintergrund gemalt, davor ein Bergdorf, eine Kirche und ein Bauernhof als Modell. Ein Heimatmuseum. Der Ursprung als Quelle der Bitternis. Und diese Bitternis in bezaubernden Bildern. Die Dioramen sind von Jakob Brossmann; und in und vor ihnen hat Nikolaus Habjan „Das Wechselbälgchen“ von Christine Lavant inszeniert, eine Produktion des Volkstheaters in den Bezirken, uraufgeführt im Volx/Margareten.

Nichts an diesem Heimatmuseum ist museal. Habjan entdeckte die Lavant für sich, als er sich mit der Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel beschäftigte. Für seinen Abend „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“. Das Spiegelgrundkind, der Überlebende des NS-Kinder-Euthanasie-Programms. Habjans Plädoyer ist, dass das Ewiggestrige keine immer währende Wahrheit bleiben darf. Er zeigt, welch frohen Herzens der Mensch sein kann, wären da nicht Instanzen, die vorgeben, was gut und böse, richtig und falsch, gesund und ungesund, wert und „unwertes Leben“ zu sein hat. Die Kärntner Autorin Maja Haderlap hat die archaisch anmutende Erzählung dramatisiert, sie trifft dabei den Lavant-Ton, dessen poetische Wortegewalt, die lavanttalerisch durchsetzte Kunst-Sprache ihrer Landverwandten. Wo das Sentiment überfließen, wo das Schmalz rinnen könnte, ist Sprödheit. Hartleibige Leute verständigen sich in kargen Dialogen. Die Herzen so kalt wie der Bach, der schon zum Ertrinken ruft, die Seelen so karstig wie die Landschaft.

Das Konzept kalt wird von Habjans Hauptdarstellerin gleichsam konterkariert. Zitha, die Puppe, agiert, als ob es, nein: weil es um ihre Existenz geht. Es ist bei Habjan kein kindlicher Irrtum, das Objekt zu subjektivieren. Seine Figuren, diesmal gemeinsam mit Denise Heschl gebaut, spielen nicht, brauchen auch keine darstellerische Behauptung aufzubauen. Sie sind. Dieses besondere, hässliche, halbglatzige Kind hat eine Wahrhaftigkeit, die weh tut, die zu Tränen rührt. Es ist in Wahrheit nicht zum Aushalten, diese Rüge muss sich der Regisseur gefallen lassen, man möchte einmal aus seinen Abenden gehen, ohne, dass einem Wimperntusche auf der Wange klebt. Am Schluss, vor tosendem Applaus und den Bravorufen war in der Stille der ersten Schockstarre rundum deutlich Schniefen und Schneuzen zu hören.

Zitha hat sich die Lebenslust aus ihrem „unwerten Leben“ gestohlen, wie sie da sitzt und verstohlen kichert … „Ibillimutter“, sagt sie im Vater-Mutter-Kinderspiel, „Ich bin die Mutter“ ist ihre so zärtliche wie trotzige Selbstbeachtung. Das gesamte Ensemble leiht diesem kleinen Wesen, Lavants Menschlein, das keine Ahnung vom Tod hat, der aber doch kommen muss, Hand und Stimme. Zitha ist „Das Wechselbälgchen“, unehelich geborenes, behindert zur Welt gekommenes Kind der einäugigen Kuhmagd Wrga. Die Gemeinde weiß, ein böser Geist hat das echte, das gesunde Geschöpf gegen sein krankes getauscht. Der Pfarrer weiß, was Sünde ist und wohin sie zwangsläufig führen muss. Der Knecht Lenz kommt in den Ort, er erwartet sich Glück von der Glasaugenfrau – doch bevor er sie zur seinigen macht, soll der Wechselbalg ins Wasser. Über dieser geistigen Talenge wird das Schicksal wie die biblischen Berge zusammenstürzen. Am Ende aller Zeit.

Habjan entpuppt – pardon!, aber der war schon serve-volley – sich einmal mehr als großer Bildermagier. Er taucht Mitmenschliches und Unmenschlichkeit in mystisches Licht, und strahlt die Alle-Weisheiten-der-Welt-Aufsager scharf an. Seine Schauspieler sind auch Puppenspieler. Die aus der „anderen Welt“, Zitha und ihr späteres Schwesterlein Magdalena, Pfarrer Duldiger, die Schwundbäuerin sind Figuren, beide, der Glaube und der Aberglaube, sind übergroß und übermächtig. Realität erleiden Wrga, Lenz, der Bartl-Thoman, die Weiddirn und alle zusammen als die Keuschenkinder, die mit dem Puppenkind Zitha wie mit einer Puppe spielen. In hohem Tempo erfolgt der Wechsel zwischen den Charakteren. Das ist auch eine artistische Höchstleistung und funktioniert an einem Beispiel etwa so: Gábor Biedermann hält die Klappmaulpuppe, verleiht deren Gesicht mit seiner Hand Mimik und spricht als Pfarrer, Claudia Sabitzer schlüpft unter dessen Soutane, die Hände, die Geste, die Körperhaltung des Geistlichen sind ihre.

Seyneb Saleh ist als Wrga überragend. Überraschend wie ähnlich sie mit Kopftuch und Schürze der Lavant ist, beide streitbare Schmerzensfrauen, die ihrem krankheitsbedingt mühseligen Körper mit wilder Widerspruchskraft entgegentreten. Sie, am untersten Ende der Dorfhierarchie, ist ihrer Zitha durchaus ähnlich, dickköpfig und bockbeinig im Aufstampfen: Ich bin nun einmal da in dieser Welt. Als Mutter eine Löwin, als Magd ein Arbeitstier, erschütternd in ihrer Schilderung der eigenen garstigen Kindheit. Ihr Kind soll es besser haben. Deshalb fällt sie auch dem einen zum Opfer, der ihr die Lüge des besseren Lebens vorgaukelt. Sie wechselt ihr Strohbett gegen Lenz‘ Schläge. Florian Köhler steht Salehs Darbietung in nichts nach. Würde man ihn nicht schon kennen, man müsste schreiben, ist er die Entdeckung des Abends. Als einer, der viele Fs in Lenz vereint. Faschistisch, fanatisch, Frevler an der Nächstenliebe, einer, dem bald was „fremd“ vorkommt. Köhler spielt den Aufhetzer mit den einfachen Sprüchen, seine Pose ist Herrenmenschentum, spielt einen wundergläubigen Wundertäter, dem ein Traum Geld und gesellschaftlichen Aufstieg an der Seite einer Frau mit gläsernem Kopf prophezeit hat, der Wrgas Qualen mit tausend quälenden Mittelchen zu heilen verspricht. Köhler ist ein fabelhafter Unsympath.

Seinen Gegenpol gestaltet Gábor Biedermann als gläubiger Bartl-Thoman, ein stiller Leidender, die Stimme der Liebe in diesem Stück, die nicht ge- oder erhört wird. Er übernimmt neben der Pfarrersfigur als Thoman auch die Funktion des Erzählers. Der barfüßige Naturbursch wird bei Biedermann zum Philosophen, zum Außenstehenden, der das Treiben beobachtet, aber nichts ausrichten kann. Man spürt mit ihm die Abscheu wie seine Tendenz zur Flucht vor der Welt. Claudia Sabitzer fügt sich in die Riege der erfahrenen Puppenspieler perfekt ein. Sie ist als solche die gespenstische Schwundbäuerin, ein Hexenwesen, das Kräuterweiblein, die Personifizierung der Allmacht der Natur. Sie und Thoman vertreten das Prinzip des Spirituellen gegen den institutionalisierten, verkopfen Glauben des Pfarrers. Sabitzer ist außerdem die Weiddirn, die missgünstige Nachbarin, die dem Wechselbalg sein Leben „wie Gott in Frankreich“ missgönnt.

Womit es mit Auftritt Lenz ohnedies ein Ende hat. Die glückliche kleine Zitha wird aus Angst und Qual zum bissigen Tier, heißt es im Text. Zum Verhängnis wird der Puppe allerdings eine Puppe. Habjan gestaltet eine wunderbare „Unterwasserszene“ im Bach, drei Spieler schwimmen, strudeln, sterben mit Zitha. Am Ende ist Reue. Und Vergebung. „Vielleicht ein Ausdruck ihrer Großherzigkeit“, sagt Habjan über die Lavant. Seine Inszenierung sagt, mögen wir nie wieder am offenen Grab derer stehen, denen wir die Rettung verweigert haben.

Über Christine Lavant: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Gábor Biedermann im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16438

www.volkstheater.at

TIPP: Am Volkstheater ist auch Nikolaus Habjans Inszenierung von Camus‘ „Das Missverständnis“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15568, dazu ein Gespräch mit Seyneb Saleh: www.mottingers-meinung.at/?p=15526.

Wien, 5. 12. 2015

Neu am Volkstheater: Gábor Biedermann

Dezember 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die europäische Freiheit nicht aufs Spiel setzen

Gábor Biedermann Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gábor Biedermann
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er nennt sich zu Recht einen Europäer, denn seine Wurzeln reichen von Ungarn bis Portugal. Umso mehr freut sich Gábor Biedermann nun in Wien seiner Familienstadt Budapest näher zu sein. Dort hat er als Student beim legendären Henrik Kemény das Puppenspiel erlernt (mehr: www.volkstheater.at/person/gabor-biedermann), eine Fähigkeit, die er am Volkstheater in den Bezirken reaktiviert. Maja Haderlap hat Christine Lavants „Das Wechselbälgchen“ dramatisiert; Nikolaus Habjan ist der Regisseur der Uraufführung, und Biedermann fungiert in der Inszenierung als Puppen- und als Schauspieler. Mit ihm spielen Claudia Sabitzer, Seyneb Saleh und Florian Köhler.

In „Das Wechselbälgchen“ erzählt die Lavant von der einäugigen Kuhmagd Wrga und ihrem unehelichen Kind Zitha, geistig zurückgeblieben und körperlich entstellt. Die Leute im Dorf, so katholisch wie abergläubisch, haben für dieses Schicksal eine einfache Erklärung: Böse Geister haben der Magd nach der Geburt einen verhexten Wechselbalg untergeschoben. Der werde die ganze Gemeinde ins Unglück stürzen. Als sich der Knecht Lenz für Wrga zu interessieren beginnt, stellt er seine Bedingung: Der Wechselbalg muss im Wasser ersäuft werden …

Gábor Biedermann im Gespräch über die Furcht vor dem Fremden, ungarische Abgrenzungsgedanken und das Geschenk Europa:

MM: Sie waren unter anderem schon am Deutschen Theater Berlin, Schauspielhaus Zürich, Thalia Theater Hamburg engagiert. Nun also das Volkstheater – wie kam’s?

Gábor Biedermann: Im Wesentlichen durch zwei Regisseure, die ich seit mehr als zehn Jahren kenne, Viktor Bodó und Dušan David Pařízek. Als Anna Badora anfing ihr neues Ensemble zu planen, befragte sie auch ihre Regisseure und da haben mich beide unabhängig voneinander genannt. Erwünscht zu sein war für mich eine wichtige Voraussetzung, um Vertrauen zu diesem Neustart aufzubauen, denn das Team aus Graz kannte ich nicht. Aber auf diese Weise wurde mir der Einstieg hier erleichtert.

MM: Und wie finden Sie’s jetzt in Wien?

Biedermann: Ich finde es ganz toll, so nahe an Budapest zu sein. Ich habe dort die Sommer meiner Kindheit und Jugend verbracht, manchmal auch Weihnachten. Ich habe immer noch Freunde und Familie dort. Von Berlin aus, wo ich die letzten fünfzehn Jahre gelebt habe, war das immer eine längere Reise. Jetzt ist es ein Katzensprung. Außerdem gibt es in Wien sehr viel, was ich aus Budapest kenne. Historisch bedingt sind die beiden Städte miteinander verwandt. Ich fühle mich teilweise schon aufgrund der Architektur heimisch. Aber es gibt noch viel zu entdecken.

MM: Nämlich?

Biedermann: Beispielsweise die Mentalität der Wiener. Ich bin dabei sie kennenzulernen. Wien ist wie Berlin eine gewachsene Metropole mit langer Geschichte. Dieses Hauptstädtische spiegelt sich in den Menschen wider. Ich habe den Eindruck die Wiener besitzen ähnlich wie die Berliner Ironie, die manchen überheblich vorkommt, haben eine ausgeprägte Meinung zu vielen Dingen und nehmen oftmals kein Blatt vor den Mund. Diese Direktheit, dieses Ungeschönte gepaart mit Humor ist mir sehr symphatisch.

MM: Sie werden nun im „Wechselbälgchen“ als Puppen- und Schauspieler zu sehen sein. Sie haben das Puppenspiel in Budapest bei Henrik Kemény gelernt. Der war in Ungarn eine Institution.

Biedermann: Ich habe Henrik Kemény als Kind kennengelernt; er war in Ungarn tatsächlich schon zu Lebzeiten eine Legende, eigentlich kennt ihn dort jeder, jeder hat im Laufe seiner Kindheit einmal ein Stück von ihm gesehen. Ich habe sogar Auftritte erlebt, wo Großeltern mit ihren Enkeln da waren und die Großeltern hatten vor vielen Jahrzehnten schon seinen Vater gesehen, der das gleiche traditionelle Handpuppenspiel gemacht hat.

MM: Er hatte eine Kasperlfigur, die heißt …

Biedermann: … Vitéz László. Verwandt mit dem Kasper, aber wesentlich naiver, viel liebenswürdiger, durch und durch eine Identifikationsfigur für jung und alt. Er kämpft gegen einen oder mehrere Teufel, die er im Laufe seiner Stücke in die Mangel nimmt, aufspießt, durch die Luft wirbelt, mit der Palatschinkenpfanne verkloppt … Ihn treibt der Kampf eines jeden Menschen um: das Gute in uns gegen das Böse in uns. Keménys Aufführungen waren immer äußerst intensiv, ein kathartisches, befreiendes Erlebnis für alle, die ihnen beiwohnten. Ich weiß noch, die Kinder haben gejubelt und geschrien. Am Ende wird der Teufel natürlich ausgetrieben und das Böse besiegt. Und der kleine alte Mann war fix und fertig. Persönlich kennengelernt habe ich ihn, weil meine Mutter ihn als junge Journalistin interviewt hat. Daraus ist eine lange und sehr schöne Freundschaft entstanden.

MM: Die Sie dann auch mit ihm verbunden hat.

Biedermann: Ja, und wie ich später in das Alter kam, in dem man sich für ein Studium entscheidet, bot sich mir die Gelegenheit bei ihm zu lernen. Ich begleitete ihn zunächst zu seinen Auftritten quer durch Ungarn, bis er mich ans Staatliche Puppentheater, das Budapest Bábszínház, brachte, wo ich eine Ausbildung zum Puppenspieler begann. Und weil ich ja auch Deutsch spreche, meinte man dort ich solle meine Ausbildung in Deutschland fortsetzen, die beruflichen Perspektiven seien da besser. Mit der Kulturförderung ging es damals in Ungarn schon langsam bergab. So bin ich dann um das Jahr 2000 herum an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ im Studiengang Puppenspiel gelandet, wo ich für mich das Schauspiel entdeckte, was ich dann dort abschließend studierte. Aber hätte ich den Weg über das Puppenspiel nicht genommen, wäre ich wahrscheinlich nicht Schauspieler geworden.

MM: Stichwort „bergab“ – Sie meinen politisch bedingt? Der Kasperl ist ja traditionell eine Figur der Subversion. Das wird unter Orbán sicher nicht so gern gesehen werden.

Biedermann: Das wäre sicher interessant gewesen, das zu erleben. Zumal man heute aufpassen muss, was man auf der Bühne, wie auch in der Presse von sich gibt. Leider ist der große Kemény 2011 gestorben. Ich habe aber Aufführungen von ihm begleitet, wo sich die Stimmung schon nach rechts neigte. Er versuchte immer alle zu erreichen, über die politische Gesinnung hinaus; sein Spiel hatte einen sehr menschlichen, direkten Bezug zum Publikum. Er wusste, dass er auch von denen geliebt wurde, von denen er es nicht so gerne wollte. Heute … naja … er wäre bestimmt nicht glücklich über den Zustand Ungarns.

MM: Sie haben an der Handpuppe gelernt, nun spielen Sie mit einer Klappmaulpuppe. Ein großer Unterschied.

Biedermann: Ich würde nicht behaupten, dass man, wenn man eine Puppe beherrscht, alle Puppen beherrscht. Die Klappmaulpuppe ist allerdings sehr organisch. Sie ist in direktem Kontakt mit der Hand, die Impulse kommen direkt vom Spieler. Für mich ist diese Arbeit eine Chance an etwas Unvollendetem anzuknüpfen. Ich begegne der Puppe jetzt anders als vor 15 Jahren, und weil Nikolaus Habjan eine sehr eigene Art hat, Puppen einzusetzen, gibt es für mich viel Neues zu entdecken. Insbesondere den Dialog zwischen Puppe und Spieler finde ich sehr spannend.

MM: Ihre Puppe ist der Pfarrer …

Biedermann: … und als Schauspieler spiele ich die Rolle des Thoman. Das ist ein Dorfbewohner, welcher der Kuhmagd Wrga sehr nahe steht, ein spiritueller Typ, ein wortkarger Mensch. Eigentlich, wenn man so will, wäre er die bessere Wahl für Wrga, aber es kommt ja Lenz daher. Man wird sehen, aus welchen Gründen sie sich für jenen entscheidet, warum sie sich auf Lenz einlässt.

MM: Das heißt: einmal, weil wir vorhin vom Teufel gesprochen haben, der institutionalisierte Glaube und einmal der immaterielle Glaube?

Biedermann: Ganz genau. Das fasst es sehr schön zusammen. Mir persönlich ist der spirituelle, immaterielle sympathischer, weil der institutionalisierte Glaube oftmals Barrieren zwischen Menschen aufbaut. Was Thoman lebt, finde ich sozial und menschlich kompatibler. Religion als Institution verhindert oft, dass Menschen zueinander finden, etwas, das man gerade heute wieder sehr stark erlebt. Ich wünschte mir, man könnte sich mehr auf humanistischer Basis begegnen. Eine Gesellschaft sollte Grundwerte haben, die gelten, egal, welcher Religion man angehört. Im „Wechselbälgchen“ gibt sich der Pfarrer als moralische Instanz und handelt aber alles andere als moralisch. Wie er von Gerechtigkeit und Sünde spricht, enttarnt seine aus heutiger Sicht sehr bornierte Gedankenwelt.

MM: Die Erzählung ist 1945/46 entstanden. Da spielt sehr stark der faschistische Begriff des Entartet-Sein hinein, das von den Nazis so beschriebene „unwerte Leben“. Wie macht man so ein Stück nicht zur Mahnwache?

Biedermann: Wir sind zwar 70 Jahre weiter, aber wir versuchen nicht die Handlung äußerlich in die Gegenwart zu verlegen. Die Kostüme beispielsweise erinnern eher an vergangene Zeiten. Aber es gibt auch heute durchaus Gestalten, die so funktionieren wie die Personage in der Erzählung, vor allem in ihrer engstirnigen Sicht auf Gott und die Welt, in ihrer Angst vor allen, die „anders“ sind, oder von denen sie vermuten, dass sie es sind. Da hat sich die Menschheit nicht sehr weiterentwickelt. Es gibt eine große Scheu, ja sogar Furcht vor dem Fremden.

MM: Kannten Sie die Lavant vor dieser Arbeit?

Biedermann: Sie ist für mich neu – und ich bin von ihrer Erzählkraft fasziniert. Ich verstehe nicht, wie ich ihr nicht früher begegnen konnte. Ich hoffe, dass in Zukunft noch viel mehr von Christine Lavant zu lesen und zu sehen sein wird. Diese Produktion, die Bühnenfassung ist von Maja Haderlap, geht ja vom Volx in die Bezirke, aber wir werden sie auch im Haupthaus zeigen.

MM: Wenn man Ihre Biografie liest, Wurzeln in Ungarn, geboren in Frankreich, aufgewachsen in Portugal und Deutschland, würde man Ihnen unterstellen, Sie sind Europäer.

Biedermann: Das ist ein Geschenk, weil Europa sehr reich an verschiedenen Kulturen ist, und ich in einigen davon zu Hause bin. Zudem habe ich das Glück, mich frei in ihnen bewegen zu können. Als meine Eltern jung waren, war das anders. Sie mussten erst heiraten, damit meine Mutter aus Ungarn zu meinem Vater nach West-Deutschland konnte. Ich hoffe, dass meine Generation die innerhalb Europas errungene Freiheit nicht aufs Spiel setzt.

MM: Sind Sie im Sinne eines wieder erstarkenden Nationalstaatsgedanken in Sorge um Europa?

Biedermann: Ich finde heute vieles sehr befremdlich. Es ist wichtig, dass sich die Menschen auf ihre Traditionen besinnen, dass Sprachen und Dialekte gepflegt werden, dass regionale Bräuche gelebt werden. Diese Vielfalt ist in Europa absolut notwendig. Das bedeutet aber nicht, dass man in das kleine Denken zurückfallen darf, in dem nur richtig und wichtig ist, was einen unmittelbar umgibt. Mich erschreckt was derzeit vorgeht, vor allem in Osteuropa. Mich erschreckt, dass man dermaßen das Vertrauen in die Nachbarn verloren hat. Eigentlich war ich der Auffassung, dass man über die Jahre, die man bisher in Europa vereint war, genug voneinander gelernt haben könnte, um sich gegenseitig zu respektieren. Auch Ungarn hatte in den 1990-Jahren nach Öffnung des Eisernen Vorhangs eine schöne freiheitliche Phase. Dann kam aber die Enttäuschung über den ausbleibenden wirtschaftlichen Fortschritt sowie zunehmende Arbeitslosigkeit. Da waren viele Wähler plötzlich bereit, sich wieder in den Abgrenzungsgedanken zu begeben, nicht die europäische Vielfalt zu leben, sondern in „urzeitliches“ Denken zurückzufallen.

MM: Die, die von linken Regimen geknechtet waren, schließen sich nun rechts an.

Biedermann: Menschen ändern ihre Meinung. Auch manche linke Ideologen klingen dieser Tage verdächtig rechts. Solche Entwicklungen gibt es in etlichen Biografien, das ist auch nichts Neues. Jeder hat das Recht, seine politische Meinung zu ändern. Schade ist nur, wenn man dabei die anderen aus den Augen verliert. In diesem Sinne besteht Gefahr für Europa. Es ist ja leider auch zu lange als institutionalisierter Apparat aufgetreten, fernab von den einfachen Belangen der Europäer.

MM: Ihre Mutter Journalistin, Ihr Vater Lehrer, Sie Schauspieler – das ist eine logische Folge, denn alles drei sind pädagogische Berufe.

Biedermann: Schön, dass Sie das so sehen. Ich glaube tatsächlich, dass Theater einen Bildungsauftrag hat. Deswegen finde ich auch den Dialog mit den Zuschauern spannend. Was nehmen sie aus einem Theaterabend mit? Für mich ist mein erstes Stück in Wien, „Der Marienthaler Dachs“, diesbezüglich eine wesentliche Erfahrung gewesen. Es geht um Arbeitslosigkeit, sehr aktuell, es kann alle betreffen, und die Zuschauer diskutieren nach den Vorstellungen in der Roten Bar oft auch noch sehr intensiv darüber. Wir haben am Volkstheater einen Spielplan, der sich nicht der reinen Pflege der Kunst und der Ästhetik verschreibt, sondern auf kunstvolle und ästhetische Weise politische Themen angehen und den Leuten die Augen öffnen will. Und im besten Fall gehen die Leute raus und nehmen etwas mit auf ihren Weg.

MM: Und um nun die Brücke zum „Wechselbälgchen“ zu bauen: Was wollen Sie da mitgeben?

Biedermann: Wie ich vorher über die Angst vor dem Fremden sagte: Mir fehlt der liebevolle Blick aufeinander, der es ermöglicht das Fremde nicht von sich wegzustoßen, sondern herzuziehen und näher zu betrachten, damit es nicht mehr ganz so fremd ist. Wir gehen mit dieser Produktion für das Volkstheater in den Bezirken sicher einen neuen Weg. „Das Wechselbälgchen“ ist keine leichte Kost, aber wenn unsere Arbeit gelingt, ist sie eine Einladung, sich mit dem Wesen des Menschen zu beschäftigen. Die Zuschauer werden hoffentlich ein Stück erleben, das sie berühren wird, ein Stück, das sie sicher nicht kalt lassen wird.

www.volkstheater.at

Über Christine Lavant: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Maja Haderlap am Theater: www.mottingers-meinung.at/?p=14710

Wien, 2. 12. 2015

Volkstheater: Das Missverständnis

Oktober 24, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Psychothriller mit Puppen

Seyneb Saleh, Nikolaus Habjan Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Seyneb Saleh, Nikolaus Habjan, der tote Jan
Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Es beginnt à la Alfred Hitchcock. Das alte Haus auf dem Hügel. Nebelschwaden untermalen dramatisch Smetanas „Moldau“. Und eine Stimme aus dem Off sagt: „Mutter … du bist seltsam.“ Nikolaus Habjan zeigt am Volkstheater seine Inszenierung von Albert Camus‘ „Das Missverständnis“, eine Übernahme aus dem Schauspielhaus Graz und als solche für den Nestroy-Preis 2015 in der Kategorie „Beste Bundesländer-Aufführung“ nominiert. Habjans Arbeit ist ein Puppen-, Masken- und Schauspiel. Selbst die Puppen tragen noch Masken, wie jeder Protagonist verbergen auch sie hier ihre wahren Absichten. Der zurückkehrende Sohn Jan gibt sich als Fremder aus, verbirgt sein tatsächliches Ich, die Mutter und Schwester Martha, dass sie längst des Fremden Tod beschlossen haben. Sie sind in Jans Abwesenheit zu Mörderinnen geworden. Die Erkenntnis kommt. Zu spät. Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.

Camus schrieb „Das Missverständnis“ zum Ende des Zweiten Weltkriegs im besetzten Paris. Viel von diesem Glück ist, wo Resignation ist, und wo Gott wohnt, hat er mutmaßlich selber schon vergessen, liegt in seinem Text. Er ist beim Wiederlesen, heißt: Wiederhören, erstaunlich tagesaktuell, wenn über Europa, das Land ohne freudige Gesichter berichtet wird, wenn Menschen vergehen vor Heim- und Fernweh nach einem, nach ihrem Land am Meer, wo Sonne und Sand brennen. Das mare nostrum wird gerade zum Massengrab. Und Europa schaut mit gekonnt geübter Betroffenheitsmiene zu. Der erste afrikanische Literaturnobelpreisträger wandte sich bei seiner 1957er Rede in Stockholm nicht nur gegen Repression, sondern auch gegen den Terror, damals den des FLN. „Ich glaube an die Gerechtigkeit, aber bevor ich die Gerechtigkeit verteidige, werde ich meine Mutter verteidigen“, sagte der gebürtige Algerier Camus. Auch das deklinieren seine einander Missverstehenden durch. Wenn zum Schluss Charles Trenets „La Mer“ erklingt, wird die Sehnsuchtsklangdopplung klar: das Meer und la mère, die Mutter.

Ohne die Puppen wäre Camus‘ absurder Politpathos, seine Verfremdungssprache, die Vertrautheit zur bewussten Illusion macht, schwieriger auszuhalten. Hier wird nicht miteinander verhandelt, sondern sich gegeneinander verhalten. Dies und die handhaberisch existenzielle Entschleunigung stehen für eine Kommunikationsunfähigkeit, aber nicht für das Entsagen der Emotionen. Sie beuteln einen, diese Puppen. Wenn sie von der Einsamkeit des Verbrechens, selbst wenn von Tausenden gemeinsam begangen, sprechen.

Habjan erzählt detailverliebt in großen Bildern. Die graue Welt kippt, die böhmische Herberge oben, ganz strange motel, deren Rezeption unten, sind in Schieflage im Bühnenbild von Jakob Brossmann; durch diese Räume ging das Leben ohne jemals verweilt zu haben. In diesem Klima der Grabeskälte agieren die Figuren aus Meursaults Zeitungslektüre. Ihr Tonfall: Ausweglosigkeit. Habjan stellt eine Verbindung zwischen dem Hinrichtungskandidaten in seiner Zelle, Camus entlieh den Inhalt des „Missverständnis'“ einer Episode seines Romans „Der Fremde“, und den zum Hinscheiden Verurteilten des Dramas her. Wie’s ausgehen wird, daraus macht das Stück von Anfang an kein Geheimnis, und trotzdem gelingt es dem Regisseur der handlungsarmen Handlung etwas Verrätseltes zu geben. „Das Missverständnis“, so berühmt philosophisch wie psychologisch bedeutsam, gerät ihm schlicht spannend. Habjan, ein Meister des Suspense. Der Abend ist atmosphärisch dicht, beklemmend, von großer Intensität wie Intimität. Ein Kammerspiel, das seinen grausigen Sinn für Humor über das Publikum ergießt. Ein Psychothriller mit Puppen.

Florian Köhler spielt und spielt mit seinem Puppenzwilling den Jan. Vergrübelt und in sich gekehrt sind sie beide; ihr Jan kann vor lauter Lauterkeit nicht aus seiner Haut, oder seinem Stoff. „Darf ich auf mein Zimmer gehen?“, fragt dieser nicht als Sohn erkannte Gast die Mutter. Er sagt den Satz wie das gewesene Kind es getan hätte: „Darf ich auf mein Zimmer gehen?“ Der Puppen/Mensch will gerettet werden und tut doch alles, damit das unmöglich ist, wenn das Menschliche die Bestie wird. Fehlenden Hang zum Humanismus stellt denn auch seine Schwester als ihre schwache Seite aus. Sie beruft sich auf ihre Humanität beim Töten, weil weniger gewaltsam als die Natur. Nikolaus Habjan zeigt die klappmäulige Martha verbittert, zerrissen, genervt, mit androgyner Stimme und bestrumpften Beinen. In ihr schildert sich die fundamentale Sinnlosigkeit der Existenz am erschreckendsten, denn welchen Sinn macht es, ohne sinnvolle Alternative von der Sinnlosigkeit befreit zu werden: Martha wird das Meer nicht sehen, sondern sich den Strick drehen. Beide, der geliebte, abwesend geglaubte Sohn, und die ungeliebte, aber anwesende Tochter, kranken an ihrer Schöpferin. Seyneb Saleh gestaltet Jans Frau Maria als Schauspielerin, angstvoll-aggressiv, mit Katalysatorwirkung, und Jans Mutter als Puppenspielerin. Scheinbar mühelos gelingt ihr der Wechsel zwischen junger und alter Frau in Stimme wie Haltung. Als Maria durchkreuzt ihre ausbruchsstarke Spielweise die metaphysische Stimmung der Inszenierung. Ein Ruf nach Barmherzigkeit, ein Flehen um restmenschliche Wärme. Eine eindrückliche Leistung.

Die Puppen sind Bühnenpartner mit denen die Darsteller ins Zwiegespräch gehen. Die Mutter, als sie von instinktbefohlenen Skrupel befallen in einen Fauteuil sinkt, Jan, changierend zwischen Enttäuschung und Entsetzen, als er sich knapp vor Schierlingstrank den Verdruss über die Verwandtschaft eingestehen muss. Die Puppe denkt, der Mensch gibt ihr eine innere Stimme, das ist eine Qualität, die es nur so geben kann. Und apropos, Stimme wie Haltung: Es ist, man kann es leider nicht weniger peinlich sagen, entzückend!, wie Habjan seine Puppe beobachtet, wie ehrlich erstaunt er ist, ob der furchtbaren Dinge, die sie formuliert, wie er mit seiner Mimik ihre Gesten kommentiert.

Am Ende des erlösungsgedanklich erbarmenbefreiten Teufelskreises zieht Köhler die Hand aus seinem Jan, die Puppe stirbt, der Mensch nun Geist sagt noch: „Ich bin’s“ – und ab. Die Entsorgung der Puppe durch die Mitpuppen im Fluss ist grauenhaft grotesk. Schmerzhaft. Den greisen Knecht, letztlich letzter Überlebender, gestalten mit fahlgesichtiger Maske alle drei Spieler abwechselnd, weil ER in allen ist. Als die verzweifelte Maria sich auf den Fußboden wirft und „Gott erbarme Dich meiner!“ schreit, spricht dieser unbeteiligte, unbeeindruckte Allvater-Hausdiener sein erstes Wort, das abschließende Wort des Stücks: „Nein!“. Der Schmerz reicht nicht an das Unrecht heran, das Menschen angetan wird. Die Großartigkeit der Darbietung von Saleh, Köhler und Habjan tröstet einen fulminanten Abend lang über diese Erkenntnis hinweg. Und das Wissen, dass der verschämte, verhärmte Katholik Camus Gott nicht für tot, sondern nur für alt, behäbig und schwerhörig hält. Bravo!

Seyneb Saleh im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15526

Nikolaus Habjan in „Fasching“: www.mottingers-meinung.at/?p=14584    nikolaushabjan.com

www.volkstheater.at

Wien, 24. 10. 2015