Bronski & Grünberg: Exorzist

Februar 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spuksatire über die Sünde Raffsucht

Elisa Seydel, David Oberkogler, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin, Serge Falck und Rafael Schuchter. Bild: © Philine Hofmann

Stockduster ist es, und das gespenstische Geräusch ein schweres Keuchen, und selbstverständlich wird sich unter den schemenhaften Gestalten, die über die Bühne geistern, die eine im Nachthemd befinden, die auf den Teppich pieselt. So viel Original muss sein, der Special Effect des Abends sozusagen, weil mit den Kotz- und Kopfdrehmomenten ist es am Theater ohnedies Essig. Doch mit dem Teppich, der im Laufe der Ereignisse noch viel mehr Flüssigkeiten aushalten wird müssen, das 4000 Euro teure Stück, dessen Verschandelung ob seines Preis‘ und Werts noch sehr bejammert werden wird, weist Dominic Oley schon den Weg, den seine Inszenierung im Weiteren einschlägt.

Oley, als Autor wie Regisseur erste Adresse für besten Boulevard, hat im Bronski & Grünberg sehr frei nach dem William-Friedkin-Film dessen „Exorzist“ anders gedacht und weitergeschrieben.

Hat den ernstgemeinten Horror in eine skurrile Spuksatire verwandelt, deren wichtigste Bestandteile Suspense, Slapstick und ein Sexvorfall sind. Der Inhalt reloaded: Ex-Schauspielstar Nanni plagt sich mit ihrer verhaltensoriginellen Tochter Ronaldrea, die mit ihren Anwandlungen nicht nur die Mutter, sondern auch das Haushälterehepaar Karl und Wilma und ihr Kindermädchen Traudl tyrannisiert. Als Nanni wieder einmal eine Party gibt, erscheint der ehemalige Erfolgs-, nun Erotikfilmchenregisseur Puke Darrings, aber auch ein gewisser Pater Dorian Gyros – der von seinem Bischof mit einer besonderen Mission beauftragt wurde.

Wie’s kaum anders sein kann, handelt die Teufelsaustreibung anno Profitgier und Konsumrausch nicht mehr vom altmesopotamischen Pazuzu-Dämon, stattdessen von dem Leibhaftigen, der die Leute heute rotieren und durchschütteln lässt: Geld. Alle hier haben es auf das durch illegale Geschäfte erworbene der Diva abgesehen. Die Angestellten für ein Leben abseits der Allüren der weltfremden Chefin, der Bischof über seinen instrumentalisierten Untergebenen, der eine Großspende einsacken soll, deren karitativer Zweck der Behübschung seines Badezimmers im venezianischen Palazzo dient, Puke, was tatsächlich „Kotze“ heißt, indem er ein von Nanni verfasstes Drehbuch stiehlt, mit dem er endlich wieder einen Leinwandtriumph feiern will.

Das Aufgebot an Abzockern verkörpert das beliebte Bronski-Team: Elisa Seydel und Johanna Prosl als überdrehte Nanni und teenie-aufsässige Ronaldrea, David Oberkogler als selbstverliebter Puke Darrings, Serge Falck und Rafael Schuchter als schmieriger Bischof und bald im doppelten Wortsinn aufrechter Pater Gyros, Daniela Golpashin und Michou Friesz als rachedürstige Traudl und Drahtzieherin Wilma. Den Karl dazu spielt kein geringerer als Burgtheaterschauspieler Fabian Krüger. Oley lässt seine Darsteller im hintergründigen Humor seiner Nonsensedialoge strahlen, alles ist eingestellt, das heißt eigentlich: verstellt, auf Verhören und Versprechen, der Quatsch pointiert durchbrochen durch Gesinnungssätze.

David Oberkogler, Elisa Seydel, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Großartige Komödianten: Johanna Prosl, Michou Friesz, Rafael Schuchter und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Etwa wenn Krüger, der sich einmal mehr als Erzkomödiant erweist, Karl Honecker zitiert, bevor er in eine „Publikumsbeschimpfung“ ausbricht, oder die grandiose groteske Friesz erklärt „Mir geht langsam der ideologische Treibstoff aus, wenn ich hier alles alleine machen muss“ – nachdem sie dem Pater sein „Anfängerbettelprospekt“ um die Ohren geschlagen hat. Jede brutale Geste sitzt, die großen wie die kleinen, und wie stets im Bronski & Grünberg ist die Aufführung brüllend amüsant und getroffen von so manchem Geistesblitz. Kaja Dymnicki hat das Bühnenbild, Julia Edtmeier die Kostüme entworfen.

Auch die beiden brillieren in der Detailverliebtheit des passenden Beinah-1970er-Jahre-Ambientes samt Bowleschüssel und Dean-Martin-Schallplatten. Eine der schönsten Finessen ist eine Vogue, die Nanni durchblättert, vorne natürlich sie als Covercelebrity, hinten als Gesicht einer Zigarettenwerbung. Derart geht’s munter dem Ende zu: Der Mutter wird das große Exorzismus-Paket angedreht, das seit den 1880ern niemand mehr bestellt hat, doch im Wasserglas des Paters schwimmt Viagra, so dass dieser statt religiöser Ekstase eine andere Art Erregung erfährt.

Ein Priesterproblem, das der Bischof intern regeln will, und apropos, Intoxikation durch Drogen: Ronaldreas Besessenheit entpuppt sich durch ihr böswillig verabreichte Koffeintropfen ausgelöst. Wie auch immer, die Bekämpfung des Beelzebubs wirkt, jeder fühlt sich plötzlich bemüßigt zu bekennen, der Bischof muss es also sagen: Beichten kosten extra. Gegen die Raffsucht ist offenbar kein Kruzifix gewachsen. Was in diesem speziellen Sündenfall wirklich zum Lachen ist, der „Exorzist“ als Turbokomödie über Turbokapitalismus …

Video: www.facebook.com/watch/?v=493390097861765

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2019

TAG: Macbeth – Reine Charaktersache

Februar 4, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Zufall macht den Mörder

Julian Loidl ist der perfekte Macbeth. Bild: Anna Stöcher

Gegen Ende sagt eine der Hexen, Georg Schubert spielt sie, sie hätte jedem der anwesenden Männer den Königswahn in den Kopf pflanzen können. Dass es Macbeth traf und sie damit ausgerechnet sein Schicksal besiegelte, war – Zufall. Mit diesen Gedankenspielereien, was wählt der Mensch, wo wird für ihn gewählt, befasst sich Gernot Plass bei seiner jüngsten Shakespeare-Überschreibung im TAG. Wie immer, wenn Plass zum britischen Barden greift, ist ihm ein exzellenter Abend gelungen. Modern, witzig, temporeich, und das alles, ohne dem Shakespeare’schen Stoff in irgendeiner Weise Gewalt anzutun.

Im Gegenteil, Plass bleibt nahe am Original, seine Sprache ist poetisch, sie kontrastiert die Brutalität der Handlung. „Heutig“ ist die eine Frage, die ihn offenbar umtreibt: In dieser Welt, in der Selbstbestimmtheit ein Recht ist, auf das es zu pochen gilt, wie weit ist’s wirklich damit her? Gibt es so etwas wie freien Willen, freie Entscheidung überhaupt, oder muss sich nicht jedermann Kräften beugen, die von außen auf ihn einwirken? Derlei philosophischem Überbau folgt fantastisches Schauspiel.

Ein mit einem bald besudelten weißen (Leichen-)Tuch bedecktes Podium stellt die Hochebene dar, drauf und drunter wird gemeuchelt und gemordet, dass es eine Freude ist. Den „geilen Bräutigam der Göttin Krieg“ gibt Julian Loidl. Er ist die Idealbesetzung für diesen Typus Macbeth, ein Zögerer und Zauderer, den die zunehmende Macht mit sich steigernder Angst ausstattet, ebendiese wieder zu verlieren. Loidl gestaltet den Hin- und Hergerissenen ganz großartig, erst am Schluss, erneut auf dem Schlachtfeld, wird dieser Krieger wieder zu sich gefunden haben.

Ihm zur Seite steht Elisa Seydel als eine intensive Lady Macbeth (und wie alle anderen außer Loidl in unzähligen weiteren Rollen. Plass gelingt es, mit sechs Darstellern Shakespeares gesamten schottischen Kosmos zum Leben zu erwecken), sie eine vom Ehrgeiz Getriebene, die die Chance der Prophezeiung nicht ungenutzt verstreichen lassen kann. Wie Seydel zetert und tobt, schmeichelt und kurz darauf mit Liebesentzug droht, wenn er nicht nach ihrem Willen tanzt, ist sehenswert. Diese Lady Macbeth ist eine große Manipulatorin.

Die drei Hexen bei der Arbeit: Lisa Schrammel, Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Banquo wird ermordet: Lisa Schrammel, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen ist ein ehrenwerter Banquo, Georg Schubert als despotischer Duncan kein so guter König, wie dem nachgesagt wird. Lisa Schrammel macht unter anderem den Malcolm zum sich ermannenden Söhnchen, Raphael Nicholas ist als Lennox verzweifelt über die politischen Entwicklungen in seiner Heimat. Allesamt Krieger in ihren erstaunlich erstarrten Männlichkeitsritualen, die Bühne (Ausstattung: Alexandra Burgstaller) ein düsteres Schlachtengemälde, in das ab und an allerdings kräftig Farbe gebracht wird – womit nicht nur das Blutrot gemeint ist.

Denn wie stets, wenn Plass bei Shakespeare die Finger im Spiel hat, kommt natürlich der Humor nicht zu kurz. Zum einen, wenn sich Nicholas, Schrammel und Schubert als gedungene Mörder im Dialektsprechen und Bärbeißigsein üben, zum anderen, wenn die drei als Hexen auftreten. Die sind bei Plass in Leoprint gehüllte Esoteriktanten, die zwischen Hekates Zauberworkshop und den aktuellsten Societymagazinen tändeln. Dass diesen Spaßgesellschaftsgirlies überhaupt jemand etwas glaubt, grenzt an ein Wunder. Doch natürlich kommt’s, wie’s kommen muss. Dafür war gerade der richtige Mann zur richtigen Zeit am falschen Ort. Alles Zufall – oder was?

Gernot Plass im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28155

dastag.at

  1. 2. 2018

TAG: Gernot Plass im Gespräch

Januar 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert „Macbeth – Reine Charaktersache“

Gernot Plass. Bild: Anna Stöcher

Am 3. Februar präsentiert Gernot Plass am TAG seine jüngste Überschreibung: „Macbeth – Reine Charaktersache“, frei nach Shakespeare. Es spielen Jens Claßen, Julian Loidl, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel, Georg Schubert und Elisa Seydel. Ein Gespräch über Zufall und Schicksal, Macher und Mörder – und die aktuelle Kulturpolitik in Österreich:

MM: Wenn Sie inszenieren, dann Shakespeare. Wie kam’s zu dieser Liebe?

Gernot Plass: Es ist nicht schwer, dass Shakespeare bei einem Theatertier, wie ich eines bin, der Lieblingsautor ist. Shakespeare hat in seiner Dramaturgie und in seinen Figuren, die er ja in einer Unzahl geschaffen hat, uns eine Welt hinterlassen, mit der er den modernen Menschen erfunden hat. Bei ihm ist es so, dass der Mensch sich ein Bild aus der Literatur nimmt, und sich danach formt, nicht umgekehrt. Ich folge da den diesbezüglichen Theorien, dass das englische Renaissance-Ich, das Individuum eine Erfindung Shakespeares ist. Man hat sich an seinen Figuren damals orientiert, und auch wir heute sind – wenn man so will – nichts anderes als seine Kopfgeburten.

MM: Trotz dieser Verehrung muss Shakespeare „neu“ werden, das TAG hat sich ja der Überschreibung von Klassikern generell verschrieben. Muss man Shakespeare modern machen?

Plass: Ich glaube, ja, und jetzt wird’s frech: Es braucht bei all diesen klassischen Texten einen sprachlichen Eingriff. Das ist mein Skandal, den ich provoziere. Man muss diese Sprache aus dem 16. Jahrhundert herausholen; Sprache ist etwas Lebendiges und es gibt die sprachlichen Moden einer Zeit. Natürlich kann man Shakespeare konservieren und immer wieder museal aufführen, nur treffen wir Theaterpraktiker auf Sprachbilder- und muster, Sehgewohnheiten …, die nicht mehr heutig sind und die uns eigentlich im Weg stehen. Wir können uns überlegen, dass wir die Ausstattung anpassen, und alle in Strumpfhosen auf die Bühne schicken, in England machen sie das, die haben sogar ein ganzes Theater nachgebaut, so dass man in eine Art Zeitmaschine hineingeht. Ich gehe den anderen Weg, ich passe die Sprache an die Moderne an – und hebe nicht das Stück, aber dafür den Tex – das ist ein Unterschied – hinüber in unsere Zeit.

MM: Manche versuchen Moderne über die Regie zu schaffen und lassen den Text, wie er ist …

Plass: Regietheater ist der Versuch, Klassisches in die Moderne zu heben. Da macht man’s mit lustigen Ideen, Kostümen, Ausstattung. Man verändert auch hie und da den Text, macht ein Extempore etc. Ich sage, wenn schon, denn schon. Nehmen wir moderne Figuren mit einem modernen Text. Ursprünglich war es meine Idee für ein Jugendtheater, um Jugendlichen die Klassiker näher zu bringen. Das lief so gut bei „Richard II.“, das wir damals sagten, das könnte eine Morgenröte für einen neuen Theaterzugriff werden. Mittlerweile wird schon überall überschrieben, vielleicht  so ein morphogenetisches Feld, das sich ergeben hat, wer weiss.

MM: Der Erfolg gibt Ihnen Recht. Ihre Shakespeare-Inszenierungen zählen zu den erfolgreichsten im deutschsprachigen Raum, zu mindestens aber in Österreich.

Plass: Ob ich im ganzen deutschsprachigen Raum schon wahrgenommen werde, weiß ich nicht. Es melden sich mittlerweile einige deutsche Stadttheater, meine Art zu inszenieren ist halt gerade ein bisschen im Schwange: die Klassiker neu zu befragen und es sich dabei aber nicht zu einfach machen … das hoffe ich wenigstens …

MM: Nun also „Macbeth“ oder lieber „das schottische Stück“? Sind Sie abergläubisch?

Plass: Ich bin eher Rationalist. Das Globe Theatre im Übrigen ist nicht bei „Macbeth“ abgebrannt, sondern bei „Heinrich VIII.“ Insofern … nein, ich bin nicht abergläubisch.

MM: Was ist für Sie das Thema von „Macbeth“? Worauf fokussieren Sie?

Plass: Mich interessiert die Metaphysik des Stückes: Gibt es eine Zukunft, die festgelegt ist? Gibt es eine Vorbestimmung, die nicht ausweichbar ist? Oder ist – wieder modern gedacht – alles Zufall? Ist das Leben nur eine Reihe von Banalitäten, die im Rückblick eine Kausalität ergeben? Im Sinne von Ursache – Wirkung. Das ist die große Frage von „Macbeth“: Schicksal, Zufall, in welcher Welt leben wir? Wer strickt den Faden.

MM: Das heißt, hat der Mensch einen freien Willen? Was ja eigentlich ein aufklärerischer Gedanke ist?

Plass: Richtig. Oder hat der Mensch eine Vorherbestimmung? Ist die Erzählung schon fertig, und wir treten bloß in einem Stück auf? Womit wir bei Shakespeare sind, der sagt, die Welt ist eine Bühne. Na, da frage ich doch sofort: Wer ist der Bühnenautor? Ein weiteres Thema sind natürlich die Szenen einer Ehe …

MM: Eine wichtige Frage: Wie legen Sie die Lady Macbeth an – als Macherin oder Mörderin?

Plass: Es wird von Mann und Frau das Abgründigste hergezeigt, und wo Beziehungen landen können, obwohl man sich so unwahrscheinlich liebt. In der Weltliteratur gibt es kein zweites Paar, das sich so liebt, wie die Macbeths, auch, weil sie sich in eine Welt begeben, in der sie einzig voneinander gegenseitig abhängig sind. Die Lady macht sich natürlich eines Verbrechens schuldig, sie ist ein böser Antrieb, der den tragischen Helden in die Misere hineintreiben. Er wird, auch von den Hexen, in diese Handlung geschubst, heißt: Frauen sind der Motor in „Macbeth“. Die Lady ist eine starke Frau, sie hat ihre Haken in seinem Fleisch, und weil er nicht so funktioniert, wie sie das vorgesehen hat, verzweifelt sie an ihm, auf eine sehr moderne Art und Weise. Die Lady Macbeth ist eine fast feministische Figur.

MM: Nur um zu provozieren, die Frage: Was geht mich das heute an?

Plass: Den Aufstieg eines ambitionierten Paares, das kennt man auch aus der heutigen Zeit. Krieg ist natürlich leider immer aktuell, Macht, Liebe, das Ausspielen von Sexualität sind Dinge, die ewigmenschlich sind. Dieses ja nicht reale Schottland ist eine Metapher für unsere Welt, und darin sehen wir moderne Figuren, die auf ihre Weise zu überleben probieren. Das sollte abgründige Saiten in uns zum Schwingen bringen, die wir meistens, oder eigentlich immer verbergen wollen.

Julian Loidl als „Macbeth“. Bild: Georg Mayer

MM: Heißt, es geht um die Frage, wie weit würde man gehen, um …

Plass: … die Dinge, die man wirklich will, deren man bedarf, zu erreichen? Wie konsequent geht man auf diese Dinge zu?

MM: Bei der Programmpräsentation sagten Sie über „Macbeth“: Es wird blutig, es wird lustig, und: die Hexen seien die modernsten Figuren darin. Wie das?

Plass: Die Hexen sind esoterische Tanten, die in einem Hinterzimmer sitzen und Horoskope verkaufen. So, wie man sie aus Tageszeitungen oder anderen Medien kennt. Sie „verkaufen“ Zukunft, und treffen auf einen Menschen, der aufgrund seiner Disposition schon unlauter ist, und bei dem fruchtet das.

MM: Sie sind eine Art Königsmacher-Boulevardmedium?

Plass: In dem Sinne als Journalismus eine hexische Macht ist. Journalismus kann Karrieren machen, in der Politik, in der Kultur. Man kann jemanden rauf- oder runterschreiben, und das tut auch das Boulevard gerne. Es kommt im Text auch eine Boulevardzeitung vor. Das führt meinen Shakespeare auch ans Volkstheater heran, und ans absurde Theater, ich möchte nicht, dass er diesen gutbürgerlichen Illusionismus hat, ich schau‘ den Leuten aufs Maul. Und ich will, dass sich die Leute letztlich unterhalten.

MM: Julian Loidl kommt als Macbeth wieder einmal ans Haus.

Plass: Er ist tatsächlich für diese Rolle ideal, weil er tatsächlich alles mitbringt, was ein Darsteller des Macbeth benötigt. Er hat eine unheimliche Kraft, er lotet die Texte wirklich aus, und er hat – was tatsächlich wenige Schauspieler haben: eine dämonische Seite. Der Loidl hat etwas Gefährliches und gleichzeitig Hyperintelligentes, deswegen war er auch schon mein „Richard III.“. Ein Schauspieler, der das produziert, ist selten, ich hänge also in diesem Sinne vom Loidl ab. Um aber nicht nur ihm lobzuhudeln, wir haben ein großartiges Ensemble, das alle Rollen abdeckt …

MM: … Das ist so im TAG: Selbst wenn das Konzept einmal nicht aufgeht, das Ensemble ist in der Regel hervorragend.

Plass: Das ist auch handverlesen, und Neuzugänge suche ich sehr sorgfältig und vorsichtig aus, wer da zu uns dazu passt. Der Ensemblegeist ist der Hausgeist. Ich arbeite auch in anderen, größeren Theatern, wo vieles schwieriger ist; bei uns ist es eine schöne geölte Maschine. Also: In „Macbeth“ spielen außer dem Loidl nochdie großartigen Schauspieler Georg Schubert, Jens Claßen, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel, die seit dieser Saison im Ensemble und auch unsere „Johanna“ ist, und Elisa Seydel als Gast. Sie spielt die Lady Macbeth.

MM: Lassen Sie uns noch übers TAG an sich sprechen. Diese Saison gibt es „nur“ vier Produktionen, davon eine Koproduktion, weil zusätzlich zu den erhaltenen 770.000 Euro 30.000 Euro an Subventionen fehlen.

Plass: Naja, um wirklich glücklich zu werden, bräuchten wir noch etwas mehr. Die 30.000 wären die reale Indexanpassung über den vierjährigen Förder-Zyklus. Durch die Vierjahresförderung schauen wir prospektiv auf eine Zeit, und daneben lauft die Inflation. Unsere Fördermargen sind tatsächlich so, dass wir seit 2014 die gleiche Summe kriegen. Leider muss man annehmen, dass Kulturpolitik diese volkswirtschaftlichen Zusammenhänge nicht versteht oder nicht verstehen will, dass die Deckung der Kosten am Theater nicht über den Verkauf von Platzkarten gehen können. Sie rennt lieber dem Austeritäts- und Sparer-Zeitgeist hinterher, indem sie alles deckelt.  So erwürgt man die Theater langsam, heißt: ohne, dass man sich groß schuldig macht. Das ist ein großer Zynismus oder eine große Dummheit der Politik, denn real verlieren wir, wenn wir immer die gleiche Fördersumme kriegen. Wir haben 120 Sitzplätze, die für eine Mittelbühne sehr gut besucht sind, aber die werden nicht mehr, und wir haben – das ist Hauspolitik – sehr niedrige Kartenpreise: nicht mehr als 20 Euro. Das ist nix. Wir können uns über die Abendkasse nicht groß steigern.

MM: Müssen aber andererseits wie viele Mitarbeiter entlohnen?

Plass: 22, im Sommer weniger. Es gibt Gehaltsanpassungen, damit man zu mindestens das, was man hat, finanzieren kann. Eine verantwortungsvolle Kulturpolitik sollte also die Institutionen, die sie fördert, immer zumindest entlang der Realeinkommen und der Inflationsrate indizieren. In unserem Fall tun sie’s nicht. Sie haben uns zwar mehr in Aussicht gestellt, wenn sie irgendwo mal Geld finden, aber so kann man nicht planen. Das ist ein Appell an die noch bestehende Sozialdemokratie in Wien, dass sie endlich die volkswirtschaftlichen Grundrechnungen versteht! Realeinkommen sinken, Mieten steigen. Das macht die Leute verrückt und sie rennen nach rechts.

MM: Apropos, Bund: Was erwarten Sie vom neuen Kulturverantwortlichen Gernot Blümel?

Plass: Herr Blümel ist für uns genauso ein Fragezeichen, wie es vor ihm Herr Drozda und Herr Ostermayer waren. Die sind mit uns nicht befasst, die machen sich keine Gedanken, egal ob das ein Sozialdemokrat oder ein ÖVPler ist. Die schauen nur, dass sie ihre Bundestheater und Bundesmuseen im Lot behalten. Nur, wenn die ganze Szene einmal Aufstand macht und ihre Begehrlichkeiten groß in der Zeitung äußert, dann schaut der Kanzleramtsminister einmal kurz her.

MM: War das Ihre Enttäuschung, dass es wieder keinen Kulturminister gibt? Oder war das zu erwarten?

Plass: Mich überrascht das bei der jetzigen Regierung nicht, mich hat es viel mehr bei der vorherigen Regierung geärgert, an der die Sozialdemokratie führend beteiligt war. Der Kulturminister wäre auch nicht nur etwas Symbolisches, der säße im Ministerrat und hätte dort eine Stimme, das wäre der Unterschied. Konservativen Parteien verstehen Kultur ohnedies bloß als Repräsentation, als Schmuck, den man trägt. Die Sozialdemokratie hätte Kunst und  Kultur dagegen anders begreifen müssen. Und sollte es in Wien immer noch.

dastag.at

29. 1. 2018

Landestheater NÖ: Tartuffe

Februar 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss eine zeitpolitische Satire

Albrecht Abraham Schuch und Tobias Voigt Bild: Nurith Wagner-Strauss

Albrecht Abraham Schuch und Tobias Voigt
Bild: Nurith Wagner-Strauss

Ihr seid alle von meinem Wohlwollen abhängig, lässt der Präsident am Ende ausrichten. Da ist Tartuffe wie vorgesehen mit der Polizei erschienen, enttarnt sich aber per Ausweis als einer aus ihren Reihen. Er ist ein Spitzel der Staatsmacht, der gönnerhaft Haftbefehl und Schenkung rückgängig macht und auf ein Tässchen Kaffee bleibt. Sardonisch lachend und sich im Spaß windend sitzt er zwischen den verkniffenen Gesichtern der Orgon-Familie, seht her!, der Betrüger bleibt der Sieger.

Róbert Alföldi hat am Landestheater Niederösterreich Molières Komödienklassiker durch diese neue Wendung am Schluss zur zeitpolitischen Satire gemacht. Eine wunderbare Möglichkeit, das 350 Jahre alte Stück zu modernisieren, ohne dem Original Gewalt anzutun. Beim St. Pöltener Premierenpublikum kam der „Gag“ zurecht gut an, es dankte Alföldis kluger Neuinterpretation mit großem Applaus.

Der Budapester Regisseur, bis Juni 2013 Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, weiß, was es heißt, wenn einem der Urbi et Orbán entzogen wird. Wie seine Kollegen Árpád Schilling, Viktor Bodó und Kornél Mundruczó, deren jüngste Inszenierungen in den kommenden Wochen am Burgtheater, am Volkstheater und bei den Wiener Festwochen zu sehen sein werden, arbeitet er mittlerweile großteils im Ausland, am Landestheater Niederösterreich zum zweiten Mal. Nach dem regimekritischen Stück „Meine Mutter, Kleopatra“  setzte er nun eben den „Tartuffe“ in Szene. Und wie! Bei ihm haben die Pariser, vor allem die Pariserinnen, Paprika im Blut. Knappe zwei Stunden fegen die Darsteller mit Schwung über die Bühne, turnen sich temperamentvoll durch Wolfgang Wiens Versfassung, und lassen auch sonst keine Leibesübung aus. Das Publikum ist Teil ihres Spiels, immer wieder mit Licht im Saal miteinbezogen, und wer wissen möchte, wie es ist, von Pascal Groß gestürmt und geküsst zu werden, muss den Platz dritte Reihe, links außen, wählen.

Für die Rolle des Tartuffe hat man Albrecht Abraham Schuch als Gast eingeladen. Der junge deutsche Schauspieler war unter anderem in der Daniel-Kehlmann-Verfilmung „Die Vermessung der Welt“ als Alexander von Humboldt zu sehen. Als Molières Wasser predigender und Wein trinkender Kopfparasit ist er weniger Verführer als Verblender. Er ist weder charmant noch besonders bigott, und er hat es schon gar nicht notwendig, Anstand vorzutäuschen. Er ist kein verdeckter Heuchler, sondern ein offener Lügner, die Art neupopulistischer politischer Heilsbringer, die sich selbst noch im größten Unrecht ins Recht setzt. Weil angesichts ihrer Schlagzahl beim Sprechen vernünftige Argumente wie im Wind verpuffen. Und man ahnt, aus welcher Richtung dieser Wind weht. Schuch spielt sehr schön den immer von allen Angegriffenen, stets böswillig Beschuldigten, ob dieser Zumutungen durchwegs leicht Beleidigten mit Verschlagenheit in der Stimme und mephistophelischem Seitenblick. Wie man das (er)kennt: Während er im Haushalt Orgons selbst der Aggressor ist, beklagt er natürlich den „aggressiven Tonfall“ der anderen.

Auf deren Reaktionen richtet Alföldi sein Augenmerk. Im Zentrum seiner Molière-Essenz stehen die Erwiderungen auf und der Widerstand gegen Tartuffes Pläne, der verzweifelte Versuch der Familie Orgons den selbsternannten Moralapostel vom Sockel zu stoßen. Dabei sind die Rädelsführer die Frauen: Elisa Seydel als Gattin Elmire, Lisa Weidenmüller als Tochter Mariane und Swintha Gersthofer als Zofe Dorine. Sexappeal, Teenagerschnute und eine gehörige Portion Frechheit sind je nach Rangordnung die weiblichen Waffen ihrer Wahl, die Damen zeigen sich einmal mehr als vorzügliche Komödiantinnen, doch diesmal muss jedes Mittel versagen. Auch Michael Scherff als freigeistiger Schwager Cléante, Jan Walter als Sohn Damis, Pascal Groß als seine Liebe zu Mariane herausstotternder Valère und Julia von Sell, der als Madame Pernelle spät, aber doch die Einsicht kommt, können nichts mehr ausrichten. Und, wenn Cléante sagt, dass hier ein Frömmler mit falschem Wort vorgibt, um Werte zu kämpfen, „die auch wir verehren“, verschluckt man sich am Lachen. Wem wird in dieser Welt nicht alles Macht und Ämter angetragen.

Die Hauptrolle hat, in dieser Aufführung mehr als an anderen „Tartuffe“-Abenden, Tobias Voigt als Orgon. Er ist seit der Ankunft Tartuffes tatsächlich wie beschrieben von „wüstem Wahn befangen“, ein Fan mit staunend offenem Mund angesichts des bei ihm eingekehrten Wunders. Seiner Familie begegnet er als erschöpfter Despot, so viel Aufmüpfigkeit ist eben anstrengend, Tartuffe mit beinah hündischer Verehrung. Dass das clean-chice Bühnenbild von Ildikó Tihanyi (die Farbleitsystemkostüme sind von Fruzsina Nagy), ein weißer Kubus aus halbdurchsichtigen Schiebewänden, dessen Intrigen leicht durchschaubar machen, will er nicht sehen. Da bleibt der Ehefrau als Beweismittel nicht einmal der Beischlaf mit dem Bösewicht erspart. Voigt agiert ganz großartig, ändert Orgons Aggregatzustand je nach Gesprächspartner, wirft sich vor Zorn oder in Demut zu Boden, tobt oder schluchzt, dass es eine Freude ist.

Am Ende, siehe oben, muss er einsehen, dass die Familie mit ihrer Einschätzung Tartuffes ins Schwarze dieser schwarzen Seele getroffen hat. Aber ach, wer hört dieser Tage noch auf die Stimme der Vernunft. Und wenn endlich, ist es zu spät, da haben sich die rechtsschaffenen Politprediger die Sessel schon gesichert. Die Über-einen-Machthaber, sagt Alföldi, sind in der Regel selbst gewählt. Wer also in der Demokratie schläft, wacht unter Umständen in einer Diktatur auf.

„Tartuffe“ läuft bis 9. April am Landestheater Niederösterreich und ist am 5. und 6. April als Gastspiel in der Bühne Baden zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=V2oNYngAFy4

Róbert Alföldi im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=8301

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

Wien, 28. 2. 2016