Einsamkeit und Sex und Mitleid

Mai 6, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo sich kein Herz zum Herzen findet

Wer sich einen Lover kauft, will die Ware vor Gebrauch natürlich kontrollieren: Vincent (Eugen Bauder) beglückt gleich Julia (Eva Löbau). Bild: © x-verleih

Es gibt ihn wirklich, diesen Anger-Room, wo man zwecks Aggressionsabbau Möbel kurz und klein schlagen darf. Familienvater Robert geht dorthin, weil er sich unbedingt mit jemandem prügeln muss. Oder besser gesagt: mit etwas, das nicht zurückschlägt, Sperrholzinventar. So wütend macht ihn seine Frau Maschjonka, die Bioübermutti, die kein gutes an seinen ohnedies schon gelichteten Haaren lässt.

Doch zum Glück gibt’s ja Ecki, den ehemaligen Lehrer, der in einer abgefuckten Fabrikshalle seine Zerstörszenarien zum freundlichen Gebrauch aufbaut. Ecki, das ist eines der traurigeren Schicksale, von der Schule geflogen wegen angeblicher sexueller Belästigung einer Schutzbefohlenen, kann er zur Causa gar nichts sagen. Weil keiner wissen soll, dass Ecki schwul ist. Er seinerseits ahnt nicht, dass das Mädchen, das ihn angezeigt hat, die Tochter von – Robert ist. Weshalb das Herausfinden dieser Wahrheit am Ende weniger mit Wohl und mehr mit Wehe zu tun haben wird …

So funktioniert der Episodenfilm „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, den Regisseur Lars Montag nach dem Bestsellerroman von Helmut Krausser gedreht hat, und der seit gestern in den heimischen Kinos läuft. Dreizehn Figuren bringt Kinodebütant Montag vor die Kamera; sie sind Supermarktfilialleiter, Polizist, Flüchtlingshelferin, Sektenmitglied, Callboy, Künstlerin, Ärztin oder Teenager in höchsten Pubertätsnöten. Denn allen geht es nur um eines: die angeblich schönste Sache der Welt irgendwie geregelt und erledigt zu bekommen. Montag gewährt einen tiefen und schwer satirischen Einblick in Einfamilienhausantiidyllen. Er zeigt Bigotterie und Alltagsrassismus, entlarvt Moralapostel und Selbstbetrüger – und das mitunter mit schwarzem, beißendem Spott und nicht selten, weil’s ja das Thema ist, unterhalb der Gürtellinie.

Robert macht sich für Janine zum Model: Rainer Bock und Katja Bürkle. Bild: © x-verleih

Und geht danach zwecks Aggressionsabbau Möbel zertrümmern: Rainer Bock. Bild: © x-verleih

Die Lebenslügengeschichten seiner Großstadtneurotiker verzahnen sich wie die Bilder eines Kaleidoskops, mehr und mehr. In bester „Short Cuts“-Manier dröselt sich erst allmählich auf, wer mit, und vor allem wer gegen wen, und als am Ende ein Kind vom Spielplatz verschwindet, kippt die Tragikomödie kurz ins ganz Tragische, lässt sie einem für einen Moment das Lachen im Hals stecken bleiben, bevor sie sich besinnt, dass sie eigentlich eine irrwitzige Groteske über Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs ist.

Kraussers Charaktere sind pointierte, scharf gezeichnete Miniaturen, die er aber in keiner noch so skurrilen Situation der Lächerlichkeit preisgibt. Diese Qualität zeichnet nun auch den Film aus, der bei aller Ulknudeligkeit mitten ins Herz trifft. Dass die Übung gelingt, ist auch dem großartigen Cast zu verdanken: Bernhard Schütz als Ecki; Jan Henrik Stahlberg und Friederike Kempter als Faschopärchen in Polizeiuniform; Rainer Bock und die wie immer wunderbare Maria Hofstätter als gefrustetes Ehepaar Pfennig; Lilly Wiedemann als deren Tochter Swentja – die Ecki-Verpfeiferin liebt den Muslim Mahmud (Hussein Eliraqui).

Katja Bürkle als Künstlerin und Datingportalopfer Janine; Peter Schneider als Uwe, der sich online als „Brandbeschleuniger XL“ registriert hat und als solcher Janine trifft, während seine Frau Julia (Eva Löbau) sich einen Toyboy einkauft; der wiederum, Eugen Bauder als Vincent, bildet mit Vivian (Lara Mandoki) ein Prostituiertenpärchen, das sich sehr strenge Beziehungsregeln zur friktionsfreien Ausübung des Berufs auferlegt; und dann ist da noch  Johannes (den Wahnsinn im Blick: Aaron Hilmer), der Jesus liebt, und Swentja, die ihn aber natürlich nicht erhört – und so geht Johannes zu Vivian …

Das Prostituiertenpärchen bereitet sich auf einen besonderen Einsatz vor: Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen Bauder). Bild: © x-verleih

In einer raffinierten Melange aus klassischem Erzählkino mit surrealistischen Spotlights, werden all diese Schicksale nur hingeflüstert – von einem Erzählerpaar im Off. Eine Sie und ein Er beschreiben in ruhigem Tonfall das Zündeln am Partnersuchpulverfass. Grausam sind die Gewissheiten über Zwänge und Zwangssituationen, von denen sie berichten: Dass Mädchen immer nur die „bösen Buben“ haben wollen, um mit denen dann recht unglücklich zu werden.

Dass ein „verschissenes Leben“ nicht in einem Kaufglücksrausch repariert werden kann. Man erfährt von den Tücken eines Roboter-Staubsaugers, und warum sich Sex im Stehen nicht für ein 3D-Scanner-Bild eignet. In all diesen Liebesirrungen und -wirrungen ist der einzige Weise weit und breit ein koranfester Hosenmatz. Yamen Masoud spielt ihn mit der Souveränität eines alten Showbiz-Hasen hinreißend.

Unnötig zu sagen, dass sich hier kein Herz zum Herzen findet. Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang, alle singen „Ich bin alles, was ich habe auf der Welt“. Es gilt den Songtext von Peter Maffay konsequent auf „Ich“ weiterzudenken. Ich allein kann mich verstehen, ich darf nie mehr von mir gehen … Ist das nicht allemal schöner, als sich in Liebesidiotie durchs Dasein zu marotten? Was für ein Film!

www.einsamkeitundsexundmitleid.x-verleih.de

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Wien, 6. 5. 2017

Wien Museum: Sex in Wien. Lust. Kontrolle. Ungehorsam

September 7, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine Ausstellung über die schönste Sache der Welt

Wiener Nackedeien", 1906. Bild: © Imagno/Austrian Archives

Wiener Nackedeien, 1906. Bild: © Imagno/Austrian Archives

Sexualität und Stadt – das ist eine ebenso lustvolle wie anstößige Beziehung. Nie zuvor haben sich Formen, Darstellungen und die Bewertung von Sex so stark verändert wie im Prozess der Urbanisierung. Die moderne Großstadt eröffnete Freiräume und versprach Anonymität, Auswege aus sozialer Kontrolle und die Erfüllung sexueller Wünsche. Zugleich schuf die Stadt neue Möglichkeiten der Überwachung, der Disziplinierung und der Kategorisierung von Sexualität.

Die Ausstellung „Sex in Wien“, ab 15. September im Wien Museum, erzählt anhand zahlreicher Beispiele vom 19. Jahrhundert bis heute, wie dieses stete Ringen um Verbot und Freiheit jeden Moment einer sexuellen Begegnung prägte und prägt – vom ersten Blick bis zur Zigarette danach.

Deutlich wird, dass es weder Moralpredigten, wissenschaftliche Systematisierung noch polizeiliche Kontrolle je geschafft haben, all das zu reglementieren, was in den Schlafzimmern, in geheimen Räumen und in dunklen Ecken der Stadt seinen Platz gefunden hat. Die Idee zur Ausstellung stammt von Wien Museum-Direktor Matti Bunzl, der als Kulturanthropologe unter anderem speziell zur Geschichte der Homosexualität in Wien geforscht hat. Umgesetzt wird die Schau in Zusammenarbeit mit QWIEN – Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte.

„Die Kulturgeschichte der Sexualität in der Stadt anhand des Beispiels Wiens erstmals groß angelegt darzustellen, war die enorm spannende Herausforderung“, sagt Matti Bunzl. „Denn es ist kein Zufall, dass Sigmund Freud seine Einsichten gerade in Wien entwickelt hat. Die Stadt war ein Wegbereiter des modernen Verständnis von Sexualität. So war der Schöpfer des Begriffs ‚homosexuell‘, der österreichisch-ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny, ein geborener Wiener; so arbeitete der Psychiater Richard von Krafft-Ebing, Autor der bahnbrechenden Psychopathia sexualis, des ersten Versuchs einer systematischen Erfassung der damals als Sexualpathologien verstandenen Spielarten menschlicher Sexualität, in der Stadt. Diese und andere Errungenschaften in Erinnerung zu rufen, ist ein Ziel der Ausstellung. Wien als Ort der sexuellen Avantgarde darzustellen, bedeutet aber keineswegs, dass es sich um eine voyeuristische Schau handelt. Ganz im Gegenteil. Es geht um die wissenschaftliche Aufarbeitung eines der zentralen Themen unseres Lebens.“

Anschlagtafel aus dem Esterhazy-Bad, 1927. Bild: © Wien Museum

Anschlagtafel aus dem Esterhazy-Bad, 1927. Bild: © Wien Museum

„Sexpo 71“ im Wiener Künstlerhaus. Bild: © Imagno/Votava

„Sexpo 71“ im Wiener Künstlerhaus. Bild: © Imagno/Votava

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gezeigt werden etwa 550 Ausstellungsobjekte, darunter zahlreiche Leihgaben. Zu den Highlights zählt ein bislang unveröffentlichter Brief von Sigmund Freud, in dem dieser die Tätigkeit des Sexualforschers und Mitbegründers der ersten Homosexuellen-Bewegung Magnus Hirschfeld würdigt. Ein weltweit einzigartiges Exponat ist der vermutlich einzige im Original erhaltene „KZ-Winkel eines Rosa-Winkel-Häftlings“, eine Leihgabe aus dem United States Holocaust Memorial Museum in New York. Zahlreiche Fotografien und rare Filmdokumente – wie etwa „Ekstase“ von Gustav Machatý mit Hedy Kiesler und „Mysterium des Geschlechtes“ aus dem Jahr 1933 – erzählen von Wien als wichtigem europäischen Zentrum der erotischen Bildproduktion im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Bandbreite der gezeigten Objekte reicht von Dokumenten aus Polizeiarchiven über historische Verhütungsmittel bis hin zu einem Käfig aus einem SM-Lokal und der Arbeitstasche einer Sexarbeiterin. Neben Objekten zur Alltagsgeschichte finden sich immer wieder ausgewählte künstlerischen Positionen wie etwa VALIE EXPORTS „Genitalpanik“  aus dem Jahr 1969.

Ein zentrales Thema der Ausstellung stellt Prostitution und Sexarbeit dar. Versuchte Maria Theresia im 18. Jahrhundert noch erfolglos, käuflichen Sex in Wien völlig zu verbieten, so setzten Juristen, Mediziner, Politiker und Polizei ab dem 19. Jahrhundert auf verstärkte Regulierung und Kontrolle. Die Sorge um die soziale Ordnung und öffentliche Gesundheit bestimmen bis heute den Umgang der Öffentlichkeit mit Sexarbeit; Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen selbst hingegen kämpfen um die Gleichstellung ihrer Tätigkeit mit anderen Formen von Erwerbsarbeit. Der Fotograf Klaus Pichler hat für die Ausstellung eine eigene Fotoserie über „Sexorte“ im gegenwärtigen Wien, Laufhäuser, Bordelle, Studios, Nachtclubs, Stundenhotels, angefertigt.

Laufhaus „Kontaktzone“, Raaber-Bahn-Gasse, 2016. Bild : Klaus Pichler © Wien Museum

Laufhaus „Kontaktzone“, Raaber-Bahn-Gasse, 2016. Bild : Klaus Pichler © Wien Museum

Kondom aus Schafsdarm, um 1800. Bild: MUVS, Wien

Kondom aus Schafsdarm, um 1800. Bild: MUVS, Wien

 

 

 

 

 

 

Aus heutiger Sicht befremdlich, und ebenfalls im Fokus der Schau, erscheint der historische Umgang mit Pädophilie, ebenso wie die Verharmlosung von nicht einvernehmlichem Sex. Die minderjährige „Kindfrau“ galt in Wien um 1900 als Ideal  – und im Bedarfsfall als „verkommenes Geschöpf“, Vergewaltigung innerhalb der Ehe ist erst seit 1989 ein strafrechtliches Delikt. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches wissenschaftliches Rahmenprogramm, von Stadtexpeditionen bis zur Tagung, und eine Filmreihe im Metro Kinokulturhaus. Ein Besuch der Ausstellung „Sex in Wien“ ist erst für Personen ab 18 Jahren möglich.

www.wienmuseum.at

Wien, 7. 9. 2016