Albertina: Seurat, Signac, Van Gogh

September 12, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Wie die Punktekunst die Kunstwelt veränderte

Vincent van Gogh: Der Sämann, 1888. Bild: Collection Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande

Vincent van Gogh: Der Sämann, 1888. Bild: Collection Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande

Als Georges Seurat 1891 im Alter von 31 Jahren unerwartet stirbt, ahnt Camille Pissarro bereits, dass sich mit Seurats „Erfindung“ Folgen für die Malerei abzeichnen würden, „die später höchst bedeutungsvoll sein würden“: Mit nur wenigen Bildern hatte Seurat einen Stil begründet, der wegweisend für die Moderne sein sollte: den Pointillismus.

Die Albertina widmet dieser Strömung mit der Schau „Seurat, Signac, Van Gogh. Wege des Pointillismus“ ab 16. September  eine hochkarätige Ausstellung, die den Beginn der Moderne mit dem Pointillismus als ihrem Geburtshelfer um ein wesentliches Kapitel vervollständigt: 100 ausgewählte Meisterwerke der Hauptvertreter und Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen moderner, von der Punktekunst faszinierter Meister wie Van Gogh, Matisse und Picasso illustrieren die Strahlkraft sowie den Einfluss dieser Kunstrichtung.

Die Ausstellung erzählt die Erfolgsgeschichte des Pointillismus von ihrem Anfang 1886 bis zu ihren Auswirkungen Anfang der 1930er-Jahre: Beginnend mit den bahnbrechenden, frühen Werken von Georges Seurat, Paul Signac und Théo van Rysselberghe spannt sich der Bogen über Signacs und Henri-Edmond Cross‘ Transformation der Punkte zu kleinen Quadraten und Mosaiken hin zu den Meisterwerken Vincent Van Goghs. Die kräftigen Farben der Fauves, die dekorativ gesetzten Punkte im Kubismus bei Pablo Picasso und die abstrahierenden Werke von Piet Mondrian stehen dabei ebenfalls im Fokus. Die umfassende Schau beleuchtet nicht nur die einzigartige Metamorphose des Punktes, sondern thematisiert erstmals jene Errungenschaften des Pointillismus, die für die Moderne fruchtbar gemacht wurden.

Paul Signac: Venedig, die rosa Wolke, 1909. Bild: © Albertina, Wien - Sammlung Batliner

Paul Signac: Venedig, die rosa Wolke, 1909. Bild: © Albertina, Wien – Sammlung Batliner

Georges Seurat: Sonntag in Port-en-Bessin, 1888. Bild: Kröller-Müller Museum, Otterlo

Georges Seurat: Sonntag in Port-en-Bessin, 1888. Bild: Kröller-Müller Museum, Otterlo

Die Maler, die wegen ihrer Technik „Pointillisten“ genannt wurden, setzen 1886 dazu an, den bis dahin gültigen Avantgardismus der Impressionisten herauszufordern. Die Entwicklung der Malerei in Paris gegen Ende des 19. Jahrhunderts gibt Pissarros vorausschauendem Urteil recht: Die Flächigkeit und Stilisierung sowie die Bewegungs- und Teilnahmslosigkeit der dargestellten Figuren in den Werken von Seurat zeigen, dass es ihm nicht mehr um das Dargestellte sondern um die Darstellung selbst geht. Die Komposition seiner Bilder folgt zunehmend geometrisch überlegten Linien, die vielen systematisch gesetzten Punkte wirken wie tausendfach zerlegte Ornamente. Die Abstraktion sind nicht mehr aufzuhalten.

Mit der Reduktion der malerischen Handschrift auf die kleinstmögliche künstlerische Äußerung distanzieren sich Seurat, Signac, Pissarro und Rysselberghe allerdings nicht nur von der Wiedergabe des flüchtigen Augenblicks der Impressionisten, sondern stellen mit ihren Ansätzen das Malen nach der Natur in Form von Pinselstrichen, wie es seit Jahrhunderten Gültigkeit hatte, gänzlich in Frage. Die realistische Sicht auf die Welt weicht der Darstellung einer synthetischen Wirklichkeit: Der Moderne stehen mit einem Schlag alle Türen offen.

Nach Seurats Tod ist es vor allem sein Wegbegleiter Signac, der die Punkttechnik weiterentwickelt: Gemeinsam mit Henry-Edmond Cross steigert er die Leuchtkraft, intensiviert die Farbkontraste und prägt den Begriff des „Divisionismus“. Bald entwickeln sich die kleinen, systematisch gesetzten Punkte zu Strichen, die aus entsprechender Entfernung im Auge eine Farbmischung eingehen sollen. Eine jüngere Generation, der unter anderen Henri Matisse und sein Kreis oder Piet Mondrian angehören, brechen schließlich aus dem rigiden System Seurats aus.
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Ein wichtiger Mittler bei dieser Entwicklung ist Vincent van Gogh, der als Außenseiter und kurzfristiger Anhänger des Pointillismus neue Wege beschreitet. Zunächst greift er Seurats Ideen mit Begeisterung auf: Seine Palette wird heller und strahlender – zahlreiche flirrende Punkte finden Einzug in seine Landschaften. Doch die systematische Punktemanier spielt nie eine wirklich tragende Rolle in Van Goghs Schaffen; schnell entscheidet er sich für eine freiere Ausdrucksweise, die ihm eher entspricht: „Das Pointillieren, das Aurelieren und dergleichen, das halte ich für wirkliche Entdeckungen; aber man muss schon jetzt dafür sorgen, dass diese Technik nicht – sowenig wie andere – zu einem allgemeinen Dogma wird“, sagt er bereits 1888 und setzt der kühlen und rationalen Malerei des Pointillismus seinen individuellen Ausdruck und Gefühl entgegen.
Henri Matisse: Papageientulpen, 1905. Bild: Albertina, Sammlung Batliner © Succession H. Matisse/ Bildrecht, Wien 2016

Henri Matisse: Papageientulpen, 1905. Bild: Albertina, Sammlung Batliner © Succession H. Matisse/ Bildrecht, Wien 2016

Pablo Picasso: Spanische Tänzerin, 1901. Bild: Collection Nahmad, Monaco

Pablo Picasso: Spanische Tänzerin, 1901. Bild: Collection Nahmad, Monaco

Ähnlich ist die Rezeption des Divisionismus im Werk von Henri Matisse. Der Fauves-Begründer wendet sich diesem in zwei Schritten zu: 1897 experimentiert er mit kommaartigen, impressionistischen Kleinstrukturen, die der Malweise von Pissarro nicht unähnlich sind; 1898 intensiviert er Farben und Kontraste. Van Gogh, Matisse und die Fauvisten veranlassen schließlich auch Piet Mondrian, dem Pointillismus den Rücken zu kehren. Auch an den Werken Pablo Picassos gehen der Pointillismus und seine zukunftsweisenden Ideen nicht spurlos vorüber.

Zu gleich drei Zeitpunkten in seiner Karriere – 1901, 1914 und 1917 – setzt er sich in spielerischer Weise mit den Werken Seurats auseinander und integriert Punkte in seine Werke. Zunächst motiviert ihn sein Wille, dem Zeitgeist zu entsprechen, später entwickelt er mit lose gesetzten Punkten dekorative Flächen und somit den sogenannten „Rokoko-Kubismus“. Zuletzt schafft Picasso mit seinem Meisterwerk „Heimkehr von der Taufe“ nicht nur ein präzises, sondern ein vollkommenes Zitat des Pointillismus.

www.albertina.at

Wien, 12. 9. 2016

Albertina: Degas, Cézanne, Seurat

Januar 29, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Archiv der Träume aus dem Musée d‘Orsay

Pierre-Auguste Renoir: Drei Badende am Ufer, Studie für Die Großen Badenden, 1882-1885 Bild: © Musée d´Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Jean-Gilles Berizzi © Bildrecht, Wien 2014

Pierre-Auguste Renoir: Drei Badende am Ufer, Studie für Die Großen Badenden, 1882-1885
Bild: © Musée d´Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Jean-Gilles Berizzi © Bildrecht, Wien 2014

Vom 30. Jänner an öffnet das Musée d’Orsay seine Tresore und verleiht die grafischen Kostbarkeiten seiner Sammlung erstmalig an ein Museum außerhalb Frankreichs. 130 Werke sind in der großen Schau französischer Kunst des 19. Jahrhunderts zu sehen. Delikate Pastelle von Edgar Degas, Georges Seurat und Odilon Redon, malerische Gouachen von Honoré Daumier und Gustave Moreau, feine Aquarelle von Paul Cézanne sowie Arbeiten von in ihrer Zeit hoch geschätzten Salonkünstlern bilden ein weites Panorama französischer Zeichenkunst ab: Der politisch orientierte Realismus ist mit seinen prominentesten Protagonisten vertreten: Honoré Daumier verzerrt gesellschaftliche Konflikte der Zeit in den Gerichtssälen ins Karikaturhafte während Gustave Courbet und Ernest Meissonier Barrikadenkämpfe und bedeutende politische Wendepunkte auf Skizzenblättern dokumentieren.

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Giovanni Segantini und Jean-François Millet hingegen hüllen monumental anmutende Bauern und Fischer in mystisches Licht, frieren die Posen der Arbeiter ein und ästhetisieren so ihre repetitiven Gesten. Diese sozial motivierten Werke finden ihren Platz neben Arbeiten des malerischen Impressionismus und bilden einen provokanten Kontrast zu den sonnendurchfluteten Landschaften aus dem Süden Frankreichs von Paul Cézanne und den leichten, atmosphärischen Markt-Darstellungen von Eugène Boudin. Beide Künstler setzen auf die
Leuchtkraft des hellen Papiers, das sie stellenweise durchscheinen lassen und bauen ihre Motive mit versierter Leichtigkeit durch nahezu geometrische Flächen auf. Licht spielt auch bei Edgar Degas eine tragende Rolle: aus verborgenem Winkel betrachtete Tänzerinnen werden von ihm bei privaten Übungen und in intimen Szenen dargestellt. Degas widmet sich, wie Aristide Maillol, ebenso dem klassischen Genre des Aktes, ergänzt ihn mit anscheinend profanen Tätigkeiten des Alltags und entwickelt so eine moderne Venus oder Göttin. Alexandre Cabanel und Pierre-Auguste Renoir zeigen, dass die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts trotz aller modernen Bestrebungen auch an den Traditionen der academie française festhielt:
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Cabanel’s „Geburt der Venus“ zelebriert das klassische Schönheitsideal so wie die Regeln und den Geschmack des Salons und repräsentiert den Höhepunkt des Klassizismus nach Ingres oder Raffael. Die Meisterwerke von Edward Burne-Jones, Jean Léon Gérome und Frantisek Kupka haben narrative Züge und setzen literarische Figuren in Szene. Ihnen gegenüber stehen Zeichnungen, die als Buchillustrationen geschaffen wurden. Dazu gehören Jean-Paul Laurens‘ Grisaillen zu Goethes „Faust“, ein Entwurf des Präraffaeliten William Holman Hunt zu John Keats‘ „Basilikumtopf“ und schließlich Maurice Denis‘ Zeichnungen zu den „Fioretti“ des heiligen Franz von Assisi.  Odilon Redon schafft geheimnisvolle, rätselhafte Darstellungen, indem er die Technik der Kohlezeichnung belebt: Seine „Noirs“ setzen eine suggestive, spirituelle Welt in Szene und gesellen sich so zu den nicht minder dunklen, aber pointillistischen Kreidezeichnungen von Georges Seurat. Seine mit schwarzer Conté-Kreide geschaffenen Zeichnungen werden nicht durch Linien definiert, sondern durch den Kontrast zwischen den subtilen Nuancen des schwarzen Zeichenmittels und der Weiße des Papiers. So entstehen diesige und geheimnisvolle Silhouetten. Felicien Rops und Gustave Moreau lassen in die Abgründe der menschlichen Seele blicken: Ihre Werke zeigen Monster und Chimären, erfinden Salomé, Medea und Medusa neu und illustrieren somit die Vorstellungen, die um die femme fatale der Jahrhundertwende kreisen.
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Durch das anscheinend undurchschaubare Labyrinth von Stilen, Themen und Motiven, die im 19. Jahrhundert neben einander herrschen, führt der ehemalige Direktor des Musée National d’Art Moderne im Centre Pompidou, Werner Spies. Er hat die Schau für die Albertina zusammengestellt.

www.albertina.at

Wien, 29. 1. 2015