Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

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1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Volx/Margareten: Vereinte Nationen

Oktober 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Unentschieden zwischen Untiefen

Martina hat mutmaßlich mehr als nur Himbeeren zu schlucken: Nélida Martinez mit „Vater“ Philipp Auer. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es ist immer noch nicht ausgemacht, ob hier etwas über enigmatische Komplexität und Metaphernhaftigkeit zu raunen oder doch Quatsch zu konstatieren ist. Am Volx/Margareten zeigt das Volkstheater als Koproduktion mit dem Max-Reinhardt-Seminar Clemens J. Setz‘ „Vereinte Nationen“ – und der gefeierte Prosa-Autor macht es mit seinem Debütstück dem Publikum und offenbar auch dem Leading Team schwer.

Hoch drei rückte das Prinzip Gonzo (Holle Münster für die Regie, Robert Hartmann für die Musik, Alida Breitag als künstlerische Mitarbeiterin) in Wien an, um den Text, der schon bei der Uraufführung in Mannheim und einer weiteren Inszenierung in Graz kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte, zu stemmen. Als Resultat präsentiert sich kristallwasserklar die Janusköpfigkeit des Wortes Untiefe. Und zwischen hin und her ein klares Unentschieden.

„Vereinte Nationen“ verhandelt die Deformierungen eines Kindes durch Erziehung. Heißt: Das Ganze ist ein Fake, denn die Eltern Anton und Karin drehen ihr Durchdrehen gegenüber Tochter Martina für Abnehmer im Internet, die Zahl der Perversen, die sich die Obedience-Prüfungen anschauen, steigt täglich. Mit den Freunden Oskar und Jessica haben die Eltern ein Paar Fädenzieher im Nacken, das bei der Vermarktung der Filme hilft, Marktbeobachtung im Netz betreibt, und ergo Ideen für die Umsetzung beisteuert. Es gibt schließlich Publikumswünsche zu erfüllen.

Ringkampf um den Fön: Nélida Martinez und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der zerplatzte Luftballon als Zeichen für sexuellen Missbrauch? Nélida Martinez. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die da wären: eine Himbeerüberfütterung und ein Fön-Ringkampf. Das ist als sprachliches Bild nicht viel, als Bühnen-Bild aber wenig. Die Gonzos schaffen es nicht, die Leerstellen zu füllen, die Setz‘ Stück (mit welchen Intentionen auch immer / Furcht vor dem Plakativen?) offen hält. Lässt der Text die Hoffnung auf eine Art Bedeutung immerhin keimen, fehlt der Aufführung des Performance-Kollektivs das Abgründige, eine wie auch immer geartete „Meta-Ebene“ oder ein Andeuten des Schreckens durch Spiel, weitgehend. Und so bleiben Himbeeren halt Himbeeren. Einmal zerplatzt die „kleine Maus“ in ihren Händen einen Luftballon, den „Mann“ ihr geschenkt hat; mit lautem Knall zerbirst das Ding wie ein Kinderleben, das ist das stärkste Bild des Abends. Ein Missbrauchsbild, mag man interpretieren.

Ansonsten werden die nicht näher ausgeführten platten Handlungen der Protagonisten in einer knallbunten Kulisse abgespult, einem Wohnzimmer-Dschungelcamp, die Schauspieler darin allesamt in Adidas-Buxe. Da ängstigte sich niemand von wegen plakativ, und Performance darf natürlich auch sein. Martina ihrerseits übt nämlich Kontrolle über die anderen aus, indem sie sie mit Video-Worten manipuliert. Sie spult das Spiel mit „Fast Forward“ oder „Rewind“ vor und zurück, lässt die Mitspieler mit „Mute“ verstummen oder erschöpft sie mit „Loops“, nur „Play“ sagt sie nie. Es wird sich klären, dass Martina ihr Martyrium aus einer Rückschau berichtet. Zum Schluss steht sie da im schwarzen Businessoutfit als Erwachsene (manche Zuschauer meinten: ihrer Begräbniskleidung) und schmiert sich mit Himbeeren „blutig“ – und da ist man dann doch wieder bei metaphernhaft … und Kindheit, die man nie mehr los wird …

Anton und Karin in der Kulisse ihrer Wohnzimmer-Dschungelshow: Philipp Auer und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die Abnehmer der Video-Aufnahmen: Anton Widauer und Emilia Rupperti. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es spielen Studierende des Max-Reinhardt-Seminars. Nélida Martinez gefällt als Martina von der ersten Szene an. Mit riesig aufgerissenen Kinderaugen stopft sie sich einen Schöpflöffel voll der roten Früchte in den Mund, von ihrem Schöpfer – im doppelten Wortsinn: real und virtuell – dabei traktiert wie von einem Drillsergeanten. Eine eindrückliche Szene, mit Philipp Auer als dem Vater, von dem man später erfahren wird, dass er der liebevollere Elternteil ist, der dieses Treiben nur aus menschlicher Schwäche mitmacht.

Martinez‘ in Panik verzerrtes Gesicht setzt ihm so zu, dass er sich vor Selbstekel gleich mit ihr übergeben möchte. Die beiden spitzen diesen Akt der Unterdrückung bis an die Grenze des Unerträglichen an. Wäre der Rest des Abends gleich intensiv geblieben, es wäre eine Freude gewesen.

Doch weder Clemens J. Setz noch Holle Münster haben dem viel nachzusetzen. Clara Schulze-Wegener als Mutter Karin und Emilia Rupperti als Freundin Jessica füllen ihre eindimensionalen Frauenfiguren, die Macherin und Mitmacherin, mit größtmöglichem Leben.

Als Story für die beiden kann man zusammenreimen, dass Karin neben dem Wunsch nach Geld auch von dem Wunsch nach Bedeutung getrieben wird. Sie quält ihr Kind, um nicht mehr „die Unwichtigste in der Familie“ zu sein. Jessica sieht und erspürt dies alles, ein Bluterguss am Oberarm weist Oskars Brutalität aus?, und versagt sich daher eigene Kinder. Auch Anton Widauer hat in seiner Rolle als Oscar wenig darstellerische Herausforderung zu meistern. Doch er changiert wunderbar zwischen smartem Businessmann und unterschwellig Grobian. All das darf man selber sagen, weder von Autor noch Regie gibt es sachdienliche Hinweise auf eigenes Wollen und Wirken oder Motivationen der Figuren.

Diesbezüglich offenbleibende Fragen über die Banalität des Blöden, über ein Am-Kern-der-Sache-Vorbeischlittern oder einen erstaunlich fehlenden Mut zu Härte und Risiko wurden auf dem Heimweg diskutiert. Dritter Versuch – durchgefallen? Wie wichtig es wäre, dies Stück endlich zu fassen zu kriegen, zeigt ein Telefonmitschnitt aus den USA, der derzeit durch die Medien geht. In dem von der Polizei abgefangenen Gespräch „bestellt“ ein Mann ein Mädchen zwischen neun und sieben Jahren – und checkt mit dem Anbieter aus, was er mit dem Kind alles tun kann. Am Ende die Frage: „Can I kill her?“ – „Yes.“ Das Mädchen ist noch nicht gefunden.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017