Maria Teuchmann im Gespräch über „Niemand“

August 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lang verschollenes Horváth-Werk wird nun uraufgeführt

Maria Teuchmann. Bild: Thomas Sessler Verlag

Maria Teuchmann, Geschäftsführerin des Thomas Sessler Verlags, sicherte sich die Verwertungsrechte an „Niemand“. Bild: Aleksandra Pawloff

Die neue Theatersaison beginnt mit einer Sensation. Am 1. September wird am Theater in der Josefstadt Ödön von Horváths lange verschollenes Werk „Niemand“ uraufgeführt. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger wird die Inszenierung dieses Frühwerks vornehmen; an der Spitze eines 24-köpfigen Ensembles spielen Florian Teichtmeister, Gerti Drassl, Raphael von Bargen, Dominic Oley und Martina Stilp. Horváth stand erst am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere als er 1924 dies Theaterstück verfasste.

„Niemand“ sollte den Augen der Öffentlichkeit jedoch bis in das Jahr 2006 verborgen bleiben, damals tauchte es bei einer Auktion auf, verschwand jedoch wieder im Dunkeln. Wie es nun nach Wien kam und was man davon erwarten darf, schildert die Geschäftsführerin des Thomas Sessler Verlags – Maria Teuchmann im Gespräch:

MM: Wie findet man einen bis dato unbekannten Horváth-Text?

Maria Teuchmann: Durch die Aufmerksamkeit von Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, der mich anrief und mir sagte: Weißt du das? In der FAZ steht, ein Horváth-Stück wird versteigert! Ich habe sofort das Auktionshaus recherchiert, gleich angerufen, war aber ein paar Sekunden zu spät dran, um ein Gebot abzugeben. Zum Glück stellte sich heraus, dass die Wienbibiliothek der Meistbieter war. Der Thomas Sessler Verlag hat sich also mit ihr in Verbindung gesetzt, und wegen unserer großen Horváth-Tradition und -Pflege sind wir übereingekommen: die Wienbibliothek ist nun Rechteinhaberin, wir sind der Verlag der Wienbibliothek, beziehungsweise der Freunde der Wienbibliothek mit den Verwertungsrechten. Diesem Verein kommen die Erlöse zu, damit können dann auch neue Nachlässe erworben, oder neue Schätze gehoben werden. Was wir bis jetzt herausgefunden haben, ist, dass das Typoskript seit Mitte der Neunziger-Jahre „herumgeistert“. In Traugott Krischkes 1980 erschienener Horváth-Biografie „Ein Kind seiner Zeit“ findet sich auch ein vager Hinweis: Lajos von Horváth, der jüngere Bruder, schreibt Krischke da, „konnte sich noch Jahrzehnte später an ein in expressionistischer Manier geschriebenes Stück ‚in einem blauen Umschlag‘ mit dem Titel ,Niemand‘ erinnern.“ Warum es nie aufgeführt wurde, wissen wir nicht.

MM: Wird es nun für die Erforschung freigegeben?

Teuchmann: Ist schon geschehen. Wir haben den Text als Buch herausgegeben, außerdem wird es in der kritischen Gesamtausgabe von Klaus Kastberger publiziert und analysiert werden. Er ist der ausgewiesene Horváth-Experte, hat aber keine Exklusivrechte in der Forschung, sondern es steht jedem frei, es zu begutachten. Wir haben viele Anfragen von Wissenschaftlern, die über „Niemand“ schreiben wollen.

MM: Wie ist das Stück denn? Ist es gut? Oft ist ja einfach nur schlecht, was als „verschollen“ gilt.

Teuchmann: Es ist erstaunlich gut. Und es ist ein Übermaß an dem da, was später Horváth ist. Die Wienbibliothek hat lange gebraucht, um dem Verlag das Stück zu übergeben, weil das Typoskript in einem schlechten Zustand ist und erst abfotografiert werden musste. Am Tag der Vertragsunterzeichnung am 24. September 2015 erhielt ich eine DVD mit dem abfotografierten Text. Im Verlag haben wir dann das Typoskript abgetippt und gemeinsam mit den Freunden der Wienbibliothek als kleines feines Bändchen gedruckt. Dieses kann man auch bei uns im Verlag erwerben. Die Prüfung, dass es sich hierbei um einen wirklichen Horváth-Text handle, geschah aber schon vorher. Kastberger hatte vor der Auktion schon festgestellt, dass es unzweifelhaft ein Horváth-Werk ist. Sogar handschriftliche Korrekturen im Text sind von ihm selbst. Ich war beim Lesen sofort geflasht von dieser Fülle an Horváth-Motiven. „Niemand“ ist einerseits ein ungestümes Frühwerk und liest sich andererseits schon, als würde der Autor sein Œuvre Revue passieren lassen. Es hat eine fast filmische Dramaturgie, mit vielen kleinen Nebenrollen, die für die Bedeutung des Werks aber unheimlich wichtig sind.

MM: Der Inhalt ist?

Teuchmann: Das ist schwierig. Das möchte ich gar nicht sagen, weil es viele Interpretationsmöglichkeiten gibt, und ich nicht weiß, was Herbert Föttinger aus diesem Text heraussuggerieren wird. Die Geschichte in sieben Bildern birgt viele Geheimnisse. „Niemand“ kann ein nihilistischer Gott sein, oder ganz ein anderer.

MM: Ja, aber zum Ein-bissl-Auskennen …

Teuchmann: „Niemand“ spielt in einem Mietshaus. Dort herrscht der verkrüppelte Hausbesitzer und Pfandleiher Fürchtegott Lehmann. Alle Bewohner stehen in seiner Schuld. Der mittellose Geiger Klein, dem die Delogierung aus seiner Dachkammer droht, die Prostituierte Gilda, die es auch manchmal umsonst macht, ihr Zuhälter Wladimir, der sie dafür verprügelt, die Kellnerin vom Großen Wirten, die aus Liebe zu Wladimir falsch abrechnet. Lehmann heiratet Ursula, doch die ekelt sich in der Hochzeitsnacht vor seinem entstellten Körper, und dann wird eine Leiche gefunden … Horváth verdichtet und überhöht mit wiederkehrenden Elementen und Motiven sein Stück zu einem surrealen Reigen. Es geht um die Verurteilung zum Dasein, und das Verlangen der Menschen, ihm zu entkommen. Und wie in einem Albtraum muss einer die Rolle des anderen übernehmen. Oder der eine war schon immer der andere. Man wird sehen.

Florian Teichtmeister spielt den Fürchtegott Lehmann, mit dabei: Gerti Drassl und Raphael von Bargen. Bild: Jan Frankl

Florian Teichtmeister spielt den Fürchtegott Lehmann, Gerti Drassl die Ursula und Raphael von Bargen einen geheimnisvollen Fremden. Bild: Jan Frankl

MM: Herbert Föttinger wird die Uraufführung am Theater in der Josefstadt als Regisseur verantworten. Konnten Sie für diese Inszenierung Wünsche anbringen?

Teuchmann: Das ist ein ganz wichtiges Thema. Es war nicht zwingend, das die Josefstadt die Uraufführung bekommt, es hätten sich auch andere dafür interessiert. Doch bei jedem Uraufführungstext ist es für mich maßgeblich, dass es eine Garantie gibt, ihn auf der Bühne möglichst textgetreu umzusetzen.

Andere Regisseure etwa wollten es nur mit vier Personen machen oder gröbere Striche vornehmen, oder sogar Fremdtexte oder Texte anderer Horváth-Stücke einfügen. Ich muss aber die Interessen des Autors vertreten und das nehme ich sehr ernst. Föttinger sagte zu mir: Bei mir wird jede Rolle besetzt, es werden 24 Personen auf der Bühne stehen, und wenn ich notwendige Kürzungen vornehme, dann nur innerhalb der Szenen. Deshalb hat er den Zuschlag bekommen – und weil eine Wiener Bühne auch der Wunsch der Wienbibliothek war. Was für uns aber bedeutet, dass sich einige, vorerst hellauf begeisterte deutsche Bühnen zurückgezogen haben, weil alle uraufführungsgeil sind. Das ist ein Phänomen, das nicht nur bei lebenden, sondern auch bei toten Autoren gilt. Ich bin aber dennoch sehr froh, dass das Deutsche Theater Berlin nicht nur die Uraufführung wollte, sondern sich sehr um die Deutsche Erstaufführung bemüht hat. Dort wird es kommenden März Dušan David Pařízek inszenieren. Davor werden wir noch am Landestheater Linz am 3. Dezember dieses Jahres die Inszenierung von Peter Wittenberg sehen. Christopher Hampton nimmt die Übersetzung ins Englische vor, in französischer Sprache erscheint das Stück demnächst als Buch und hoffentlich bald auf einer Bühne. An der Josefstadt habe ich mittlerweile schon eine Probe gesehen und ich bin sehr glücklich …

MM: Der Thomas Sessler Verlag hat viel Erfahrung mit Uraufführungen. Was braucht’s dazu? Wie hoch ist das Risiko?

Teuchmann: Es braucht eine gute Teamarbeit zwischen Theater und Autor, dann sinkt auch das Risiko. Dies hier ist ja der seltene Fall, dass eine Uraufführung in Abwesenheit des Dramatikers stattfindet. Oft genug übernehme ich die Rolle der Vermittlerin. Wobei es nicht so ist, dass ich ausschließlich die Schutzheilige der Autoren bin, gerade jüngere bewahre ich oft davor, zu sehr den eigenen Text zu verteidigen. Ich versuche ihnen zu erklären, dass auch Dramaturgen und Regisseure gute Ideen haben können. Gerade bei Auftragswerken ist es wichtig, dass einerseits mit dem Text der Autoren respektvoll umgegangen wird, andererseits verpflichten sich jene, die Schreibaufträge erhalten auch dazu, den Input der Theatermacher zu berücksichtigen. Die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Autoren und auftraggebenden Theatern ist durchaus sinnvoll.

MM: Wie viele zeitgenössische Autoren betreuen Sie zurzeit?

Teuchmann: Es sind dreißig, mit denen ich regelmäßig kommunizieren, mit einigen davon telefoniere ich jede Woche, aber insgesamt sind es bestimmt mehr.

MM: Wie steht’s mit Verlagskonkurrenz aus Deutschland?

Teuchmann: Wir betreuen den deutschsprachigen Raum. Gerade im Boulevardbereich, von dem wir gut leben und in dem wir die besten Autoren haben. Sie werden in Deutschland viel mehr gespielt, als in Österreich, weil es dort mehr Privattheater gibt, in denen der gehobene Boulevard Tradition hat und gepflegt wird. Daniel Glattauers „Wunderüberung“ etwa lief schon an 40 Bühnen. Bei „Gut gegen Nordwind“ haben wir bei 100 aufgehört zu zählen und die Stücke von Stefan Vögel beherrschen die Spielpläne.

Maria Teuchmann zwischen Felix Mitterer und Peter Turrini bei der Spielplanpräsentation der Josefstadt. Bild: Herwig Prammer

Teuchmann zwischen Felix Mitterer und Peter Turrini bei der Spielplanpräsentation der Josefstadt, … Bild: Herwig Prammer

... wo sich Herbert Föttinger über seinen gelungenen Horvath-Coup freut. Bild: Herwig Prammer

… wo sich deren Direktor Herbert Föttinger über seinen gelungenen Horvath-Coup freut. Bild: Herwig Prammer

MM: Welche tollen andere Stücke haben Sie derzeit im Portfolio?

Teuchmann: Natürlich Daniel Kehlmanns „Heilig Abend“, das ebenfalls diese Saison an der Josefstadt uraufgeführt werden wird. Auch Peter Turrini hat an dieser Bühne wieder eine Uraufführung. Für Sandra Cervik schrieb er „Sieben Sekunden Ewigkeit“, einen Monolog über Hedy Lamarr. Susanne Wolf dramatisierte gemeinsam mit Bernhard Aichner dessen Thriller „Totenfrau“. Sie arbeitet auch an mehreren noch geheimen Projekten, erzählen aber darf man, dass Thomas Luft mit seinem Theaterlust in München nach dem großartigen „Die Päpstin“-Erfolg ein Stück über Hildegard von Bingen in Auftrag gab. Weil wir gerade bei Bestsellern sind: Josh Costello dramatisierte nach dem gleichnamigen Bestseller von Cory Doctorow „Little Brother“. Darin errichtet die Homeland Security in San Francisco unter dem Deckmantel der Terrorabwehr den totalen Überwachungsstaat. David Schalko schreibt gerade ein Stück, von dem ich mir Großartiges erwarte. An unseren österreichischen Jungautoren möchte ich Petra Maria Kraxner, Martin Plattner und Mario Wurmitzer mit ihren neuen Arbeiten empfehlen. Jérôme Junod kann sich heuer gleich über zwei Uraufführungen freuen. „Flirt“ wird in Darmstadt uraufgeführt und das Schauspielhaus Salzburg gab ein Stück über Hieronymus Bosch in Auftrag.

Nach ihrem Theatererfolg von „Der Junge wird beschnitten“ am Volkstheater hat die Filmemacherin Anja Salomonowitz zum Glück auch Lust bekommen, weiter für die Bühne zu arbeiten. Stephan Lacks „Odyssee“ war in Melk dermaßen erfolgreich, dass er auch nächstes Jahr wieder gemeinsam mit Alexander Hauer arbeitet, um die Bartholomäusnacht auf die Bühne zu bringen. Und auch Altbewährtes kann wieder prominent auf die Bühne gebracht werden. Peter Turrinis „Josef und Maria“ spielen nächstes Jahr zur Weihnachtszeit Thekla Carola Wied und Günther Maria Halmer in München und auf Tournee. Franzobel hat zwei großartige neue Stücke geschrieben. Die Komödie „Der kurze Tag vor einer langen Nacht“ und ein sehr politisches Stück „Das gelobte Land“. Sehr gespannt sind wir natürlich auch auf die vom Autor Thomas Glavinic selbst inszenierte Uraufführung seines Stückes „Mugshots“ am Volkstheater. Der Kinder- und Jugendbereich liegt uns sehr am Herzen. Momentan freuen wir uns über den großen Erfolg von Angela Schneiders Stück „Asip und Jenny“, das eine Flüchtlingsgeschichte aus einer für Jugendliche sehr verständlichen Perspektive erzählt. Der hervorragende Regisseur Folke Braband ist als Autor im Komödienfach zuhause und neu im Verlag. Unter den vielen Verfilmungsprojekten – es werden hauptsächlich Romane, die der Thomas Sessler Verlag für österreichische Buchverlage betreut, verfilmt – findet sich auch ein Theaterstück als Grundlage, „Arthur und Claire“ von Stefan Vögel. Zwei Selbstmordkandidaten, die das Schicksal übereinander stolpern lässt, mit Josef Hader. Am Theater in München wird Uwe Ochsenknecht den Arthur darstellen.

Der Spielplan des Theaters in der Josefstadt 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=19749

www.josefstadt.org

www.sesslerverlag.at

Wien, 23. 8. 2016

TSV Galerie: Bilder von Eve Joy Patzak

Mai 18, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Letter to you: Nachrichten aus einer anderen Welt

Eve Joy Patzak: Letter to you

Eve Joy Patzak: Letter to you

Mit einer Vernissage am 19. Mai beginnt eine Ausstellung von Zeichnungen von Eve Joy Patzak. „Letter to you: Nachrichten aus einer anderen Welt“ heißt die Schau in der Galerie des Thomas Sessler Verlags, in der schon Werke von Herbert Achternbusch, Wolfgang Bauer oder Peter Patzak zu sehen waren. Nun zeigt die Frau des Wiener Regisseurs ihre Arbeiten, schnelle zeichnerische Sequenzen, die sie, mit einer nur auf das für sie Wesentliche reduzierten Linienführung, auf das Blatt bringt.

Patzaks Figuren sind wie Puppen mit ballonartigen Köpfen und Körpern, begrenzt auf eine kompakte, wenig profilierte Silhouette. Menschengruppen, ohne Korrekturen mit einem Strich hergestellt, meistens Frauen und Kinder, einsame, traurige, aber auch fröhliche, einander stützende und helfende. Tatsächlich geht es in Patzaks Abbildungen nie gradlinig zu. Die Figuren sind oft von ihrer Rückenansicht gezeichnet, weswegen der Betrachter sich in die Szenerie hineingezogen fühlt. Patzak unterstreicht die abgewandte Haltung durch die Darstellung extrembehaarter Hinterköpfe, immer wieder beugen, verbiegen, winden sich die Körper mit den angelegten Armen, als sei’s den Naturgesetzen zum Trotz. Dies alles wird allein ausgeführt mit der linken Hand.

Denn Eve Joy Patzak erlitt 2013 einen Schlaganfall, der sie körperlich und sprachlich einschränkt. Obwohl sich das Leben so dramatisch verändert hatte, entwickelte sie einen enormen Überlebenswillen als Peter Patzak sie nach Hause holen konnte. Mit einem auf einen Zeitungsrand gekritzelten Auto, als Symbol der Freiheit und Unabhängigkeit, nahm sie den Kontakt mit ihrer Umwelt wieder auf. Ihr Mann und ihre beiden Söhne verstanden die Botschaft. Nun wurde der Zeichenblock für sie ein Mittel Wünsche und Gefühle auszudrücken. Mit der einzig beweglichen Hand entstanden und entstehen täglich ihre Zeichnungen. Sie erzählen davon, wie es ist, als Fremder in seinem Leben zu stehen, ohne sich mitteilen zu können. Die Drucke und Originale sind bis 9. Juni zu sehen und zu kaufen. Der Erlös wird zur Gänze für die Therapiekosten von Eve Joy Patzak verwendet.

www.tsv-galerie.at

evejoypatzak.com

Wien, 18. 5. 2016