Bronski & Grünberg: Exorzist

Februar 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spuksatire über die Sünde Raffsucht

Elisa Seydel, David Oberkogler, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin, Serge Falck und Rafael Schuchter. Bild: © Philine Hofmann

Stockduster ist es, und das gespenstische Geräusch ein schweres Keuchen, und selbstverständlich wird sich unter den schemenhaften Gestalten, die über die Bühne geistern, die eine im Nachthemd befinden, die auf den Teppich pieselt. So viel Original muss sein, der Special Effect des Abends sozusagen, weil mit den Kotz- und Kopfdrehmomenten ist es am Theater ohnedies Essig. Doch mit dem Teppich, der im Laufe der Ereignisse noch viel mehr Flüssigkeiten aushalten wird müssen, das 4000 Euro teure Stück, dessen Verschandelung ob seines Preis‘ und Werts noch sehr bejammert werden wird, weist Dominic Oley schon den Weg, den seine Inszenierung im Weiteren einschlägt.

Oley, als Autor wie Regisseur erste Adresse für besten Boulevard, hat im Bronski & Grünberg sehr frei nach dem William-Friedkin-Film dessen „Exorzist“ anders gedacht und weitergeschrieben.

Hat den ernstgemeinten Horror in eine skurrile Spuksatire verwandelt, deren wichtigste Bestandteile Suspense, Slapstick und ein Sexvorfall sind. Der Inhalt reloaded: Ex-Schauspielstar Nanni plagt sich mit ihrer verhaltensoriginellen Tochter Ronaldrea, die mit ihren Anwandlungen nicht nur die Mutter, sondern auch das Haushälterehepaar Karl und Wilma und ihr Kindermädchen Traudl tyrannisiert. Als Nanni wieder einmal eine Party gibt, erscheint der ehemalige Erfolgs-, nun Erotikfilmchenregisseur Puke Darrings, aber auch ein gewisser Pater Dorian Gyros – der von seinem Bischof mit einer besonderen Mission beauftragt wurde.

Wie’s kaum anders sein kann, handelt die Teufelsaustreibung anno Profitgier und Konsumrausch nicht mehr vom altmesopotamischen Pazuzu-Dämon, stattdessen von dem Leibhaftigen, der die Leute heute rotieren und durchschütteln lässt: Geld. Alle hier haben es auf das durch illegale Geschäfte erworbene der Diva abgesehen. Die Angestellten für ein Leben abseits der Allüren der weltfremden Chefin, der Bischof über seinen instrumentalisierten Untergebenen, der eine Großspende einsacken soll, deren karitativer Zweck der Behübschung seines Badezimmers im venezianischen Palazzo dient, Puke, was tatsächlich „Kotze“ heißt, indem er ein von Nanni verfasstes Drehbuch stiehlt, mit dem er endlich wieder einen Leinwandtriumph feiern will.

Das Aufgebot an Abzockern verkörpert das beliebte Bronski-Team: Elisa Seydel und Johanna Prosl als überdrehte Nanni und teenie-aufsässige Ronaldrea, David Oberkogler als selbstverliebter Puke Darrings, Serge Falck und Rafael Schuchter als schmieriger Bischof und bald im doppelten Wortsinn aufrechter Pater Gyros, Daniela Golpashin und Michou Friesz als rachedürstige Traudl und Drahtzieherin Wilma. Den Karl dazu spielt kein geringerer als Burgtheaterschauspieler Fabian Krüger. Oley lässt seine Darsteller im hintergründigen Humor seiner Nonsensedialoge strahlen, alles ist eingestellt, das heißt eigentlich: verstellt, auf Verhören und Versprechen, der Quatsch pointiert durchbrochen durch Gesinnungssätze.

David Oberkogler, Elisa Seydel, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Großartige Komödianten: Johanna Prosl, Michou Friesz, Rafael Schuchter und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Etwa wenn Krüger, der sich einmal mehr als Erzkomödiant erweist, Karl Honecker zitiert, bevor er in eine „Publikumsbeschimpfung“ ausbricht, oder die grandiose groteske Friesz erklärt „Mir geht langsam der ideologische Treibstoff aus, wenn ich hier alles alleine machen muss“ – nachdem sie dem Pater sein „Anfängerbettelprospekt“ um die Ohren geschlagen hat. Jede brutale Geste sitzt, die großen wie die kleinen, und wie stets im Bronski & Grünberg ist die Aufführung brüllend amüsant und getroffen von so manchem Geistesblitz. Kaja Dymnicki hat das Bühnenbild, Julia Edtmeier die Kostüme entworfen.

Auch die beiden brillieren in der Detailverliebtheit des passenden Beinah-1970er-Jahre-Ambientes samt Bowleschüssel und Dean-Martin-Schallplatten. Eine der schönsten Finessen ist eine Vogue, die Nanni durchblättert, vorne natürlich sie als Covercelebrity, hinten als Gesicht einer Zigarettenwerbung. Derart geht’s munter dem Ende zu: Der Mutter wird das große Exorzismus-Paket angedreht, das seit den 1880ern niemand mehr bestellt hat, doch im Wasserglas des Paters schwimmt Viagra, so dass dieser statt religiöser Ekstase eine andere Art Erregung erfährt.

Ein Priesterproblem, das der Bischof intern regeln will, und apropos, Intoxikation durch Drogen: Ronaldreas Besessenheit entpuppt sich durch ihr böswillig verabreichte Koffeintropfen ausgelöst. Wie auch immer, die Bekämpfung des Beelzebubs wirkt, jeder fühlt sich plötzlich bemüßigt zu bekennen, der Bischof muss es also sagen: Beichten kosten extra. Gegen die Raffsucht ist offenbar kein Kruzifix gewachsen. Was in diesem speziellen Sündenfall wirklich zum Lachen ist, der „Exorzist“ als Turbokomödie über Turbokapitalismus …

Video: www.facebook.com/watch/?v=493390097861765

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2019

Bronski & Grünberg: Titanic

Februar 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Was David Cameron nicht erzählt hat

Rette sich, wer das Geld dafür hat: Daniela Golpashin, Claudius von Stolzmann, Johanna Prosl, David Oberkogler, Lisa-Caroline Nemec. Bild: Andrea Peller

Zwanzig Jahre nachdem die „Titanic“ auf der großen Leinwand gesunken ist, tut sie’s nun im Bronski & Grünberg. Wenig hat sich seitdem verändert, Diverses verschlechtert sich gerade wieder, und die Rettungsboote sind immer noch für die Reichen gedacht. Regisseur und Autor Dominic Oley spart bei seiner Bühnen- adaption des Films nicht an Kritik zur Zeit, an Turbokapitalismus und Regierungen, die doch eben noch links waren, in erster Linie aber ist sein Stück ein Mordsspaß.

Mit Volldampf fährt nicht nur der Luxusliner auf den Eisberg zu, sondern auch die turbulente Komödie ein hohes Tempo. Nicht weniger als elf Schauspieler bevölkern die kleine Bühne, die dank einer weiteren genial-schlanken Lösung von Kaja Dymnicki im Handumdrehen von der Kapitänsbrücke zum Maschinenraum und vom Salon zum Zwischendeck werden kann. Vor allem das Bettenlager im zweiten Zwischendeck wird zum Austragungsort aller möglichen Leidenschaften, wird doch an Bord geliebt, gelogen und betrogen, dass sich die Schiffsbalken biegen.

Ein Auszug aus dem tollen Treiben: Schiffseigner Bruce Manchester (Claudius von Stolzmann) und seine kapriziöse Gattin (Daniela Golpashin) gehen mit jeweils Lord und Lady Wood (David Oberkogler und Johanna Prosl) fremd. Das heißt, zumindest versuchen sie es. Manchester ist außerdem Börsenspekulant und als solcher im Dauerclinch mit einem seiner Hauptaktionäre (Alexander Braunshör), Lord Wood will ein wertvolles Collier seiner Ehefrau verschwinden lassen, um die Versicherungssumme zu kassieren.

Dafür beauftragt er einen zwielichtigen Kubaner (Boris Popovic als Kommunist mit originell-ökonomischen Vorstellungen von der Welt), dem allerdings der Borddetektiv (Thomas Weissengruber) auf den Fersen ist. Thomas Kamper gibt sowohl Kapitän als auch Chefmaschinist, beide der festen Überzeugung, dass die Titanic sinken wird, wenn man die Maschinen nicht drosselt, aber auf sie hört natürlich keiner. Und am Ende taucht Serge Falck auf und interviewt die überlebende Rose. Ach ja: Das mit Rose (Lisa-Carolin Nemec), das war übrigens ganz anders, als David Cameron es erzählt hat. Ihr geliebter Jack (Paul Graf) soll in erster Linie dazu gut sein, Papa und Stiefmama Manchester zu schockieren. Kein Wunder also, dass er am Ende leichten Herzens den Wellen überantwortet wird …

Eisberg voraus: Claudius von Stolzmann und Thomas Kamper. Bild: Andrea Peller

Wandelt auf den Spuren von Leonardo DiCaprio: Paul Graf. Bild: Andrea Peller

Den Schiffbruch mit Seitenspringern und anderen Schlitzohren erzählt Oley mit Versprechern und Beiseitesprechern, so dass es im Publikum einfacher ist, den Überblick zu behalten, als es den Figuren gelingen mag. Dass eine Inszenierung wie diese auch auf Klamauk und Kalauer setzt, versteht sich. Diese „Titanic“ ist die Hochseilvariante von Slapstick – und offenbart dabei dennoch die tiefsten Abgründe menschlicher Seelen. Schade, dass das Schiff mit nur eineinviertel Stunden ein Absaufdatum hat.

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2018

Victor Serge: Schwarze Wasser

Dezember 16, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Sieg der Menschlichkeit

indexEs ist ein ruhiger, leiser Roman, den Victor Serge zwischen 1936 und 1938 geschrieben hat, und der 1939 erstmals erschienen ist. Serge macht in „Schwarze Wasser“ lange bevor der Begriff „Gulag“ geprägt wurde, lange vor Arthur Koestler („Sonnenfinsternis“) und lange vor Alexander Solschenyzin („Der Archipel Gulag“) das Leben in den sowjetischen Straflagern zum Thema. Dabei schildert er keine Gewaltexzesse, auch wenn der Terror und der Tod allgegenwärtig sind. Das Menschsein steht im Vordergrund.
Die Sowjetunion, mitten in der Zeit der stalinistischen Säuberungen der 30er Jahre: Michail Iwanowitsch Kostrow, Professor für „historischen Materialismus“ in Moskau, wird wegen „falscher Gesinnung“ verhaftet. Er durchläuft die verschiedenen Stationen des stalinistischen Repressionsapparats und landet schließlich, als er seine Taten „bereut“, in dem entlegenen Ort „Schwarze Wasser“ in der Verbannung. Hier trifft er auf andere Politische, eine Gruppe von Oppositionellen – Rodion, Jolkin, Galja, Wawara und Ryschik, die meisten überzeugte Revolutionäre und Gegner Stalins. Trotz unmenschlichen Lebensbedingungen, staatlicher Willkür und der Angst, im Zuge der Säuberungswellen ihr Leben zu verlieren, bewahren sie ihre menschliche Würde und Wärme, und werden nicht müde gegen das herrschende Regime und dessen Terror auch auf subtile Weise Widerstand zu leisten.

Serge beschreibt eine Maschinerie, die die Menschen physisch und seelisch zerstört. In den „Schwarzen Wassern“, ein unwirtlicher Flecken in der kargen russischen Tundra, leben die Gegner des Regimes vor sich hin und sterben in Anonymität. Kompromittiert, auch weil sie etwa in einer Parteigeschichtsstunde über die ersten Meinungsverschiedenheiten zwischen Minderheitlern (Menschewiki) und Mehrheitlern (Bolschewiki) 1904 oder über das Lohnsystem diskutiert hatten.
Irgendwie geht aber alles doch seinen gewohnten Gang bis der neue stellvertretende Chef der Spezialabteilung, Genosse Fedossenko, erscheint, um den „gefährlichen Ideen“, die sich in den über das riesige Land verteilten Lagern ausbreiten, ein Ende zu machen. Denn der nächste Parteitag der KPdSU steht an. Und alle fragen sich was Generalsekretär Stalin vor hat: „Wen würde er von der geschwächten Linken zu manipulieren versuchen, um vorübergehend die Rechte zu stärken – oder wen von der entlarvten Rechten, die sich selbst verurteilt hatte, um die eigene Linke auf ihre Seite zu ziehen – die ihm zu misstrauen begann“. Denn sicher ist niemand in der Sowjetunion – weder alte Kampfgefährten, Politbüromitglieder, Regierungsbeamte, die das vorgegebene Plansoll nicht erfüllen konnten, noch lokale Parteisekretäre, kritische Intellektuelle, Arbeiter und Bauern. Und bei wirtschaftlichen Rückschlägen, und deren gab es viele, mussten rasch Schuldige gefunden werden. Dabei konnte man alte Genossen gleich mit aus dem Weg räumen, der Konterrevolution angeklagt. Von oberster Stelle wird eine neue Direktive erlassen, „am Vorabend der nächsten Parteitage unverzüglich jedwede Tätigkeit des linken Sektors zu unterbinden, ohne indes den Deportierten das Gefühl einer zu politischen Zwecken organisierten Kampagne zu vermitteln.“
Den Deportierten geht es an den Kragen. Doch Rodion, Jolkin, Galja, Wawara und Ryschik bleiben ihren revolutionären Maximen der ersten Stunde treu. Bevor sie verhaftet werden, diskutieren sie noch einmal über die verratene Revolution. Rodion fragt sich: „Gefängniswärter und Gefangene, wir gehören noch immer zur selben Partei: zur einzigen Partei der Revolution; sie entwürdigen sie, führen sie ins Verderben, wir leisten Widerstand, um sie ihnen zum Trotz zu retten. Angesichts der kranken, von korrupten Karrieristen regierten Partei können wir uns nur auf die gesunde Partei berufen … Aber wo ist sie, wo? Wer ist sie?“

Serges Roman mit seiner kraftvollen Sprache ist zwar Fiktion, aber genährt durch fürchterliche Realitäten, aus Erfahrungs- und Erinnerungsbruchstücken der deportierten linken Opposition und wird so auch zu einem Zeitdokument, das nun 70 Jahre später in Deutsch erschienen ist, in einer exzellenten Übersetzung von Eva Moldenhauer.
Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Der Autor erfindet einen Schluss, der dem Leben eine Chance gibt. Dem jungen Rodion gelingt die Flucht, auch wenn sein weiteres Schicksal ungewiss erscheint. Mit Rodions Flucht ist auch das Schicksal des Opportunisten Fedossenko besiegelt.

Über den Autor:
Victor Serge, geboren 1890 in Brüssel, Sohn zweier Emigranten, ursprünglich Anarchist, schloss sich 1919 nach Zwischenstationen in Barcelona und Paris, trotz großer Skepsis den Bolschewiki an und arbeitete später als Journalist, Verleger und Übersetzer für die Komintern. Nach dem Tod Lenins 1924 begann er über seine Besorgnis angesichts der Politik des Regimes zu schreiben. Er kritisierte den Dirigismus, die Bürokratie und die polizeiliche Repression. Die Folge: 1927 wurde er aus der Partei ausgeschlossen und durfte das Land nicht verlassen. 1933 wurde er wegen seiner Opposition zu Stalin nach Orenburg (Ural) verbannt; 1936 dank einer internationalen Solidaritätskampagne, u. a. von Romain Rolland und André Gide, freigelassen. Serge verließ die Sowjetunion und floh 1941 vor den Nazis aus Marseille nach Mexiko, wo er 1947 starb. In seinen letzten zehn Lebensjahren entstanden sieben Romane, die inzwischen international als Klassiker gelten, darunter „Die große Ernüchterung: Der Fall Tulajew“

Rotpunktverlag, Victor Serge: „Schwarze Wasser“, Roman, 288 Seiten. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer

www.rotpunktverlag.ch

Wien, 16. 12. 2014

Wiener Festwochen: Coup Fatal

Juni 13, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Gigerln von Kinshasa

Serge Kakudji (M.) mit Russell Tshiebua und Bule Mpanya Foto: Chris Van der Burght

Serge Kakudji (M.) mit Russell Tshiebua und Bule Mpanya
Foto: Chris Van der Burght

Die Behauptung ist: Es gibt eine Story. Erst eine Miliz, alle in einheitlichen blauen Uniformhosen, singt ihr „Hauptmann“ noch vom Sieg. Ein Kamerad stirbt. Dann, als alle als Sapeurs auf der Bühne stehen, schält sich einer irgendwann aus dem Pelzmantel. Darunter ist er ein weißgewandeter „General“, der neue Führer – und ein Priester singt von verlorener Freiheit. Ja, es gibt Musik, Gesang und Tanz und viel, viel gute Laune. Ein Mitklatsch- und Umarmt-und-Gebussselt-werden-Theater, denn die beiden Sänger Russell Tshiebua und Bule Mpanya machen bei ihren Touren durch das Publikum keine Gefangenen. „Grüß Gott, wie geht’s?“, rufen die Darsteller im Chor in den Zuschauerraum, wo die Herzen schmelzen. Irgendwie glaubt man ja André Heller in den Kulissen. Afrika, Afrika! Doch die belgisch-kongolesisch-österreichische Koproduktion von Countertenor Serge Kakudji, Alain Platel, Fabrizio Cassol und Dirigent Rodriguez Vangama, die Uraufführung von „Coup Fatal“ (Todesstoß) am Burgtheater, ist politischer als es scheint. Und wird daher in der Demokratischen Republik Kongo, wo die Handlung spielt, nicht zur Aufführung kommen.

In Bühnenbildvorhängen aus Patronenhülsen, erdacht von Freddy Tsimba, inmitten blauer Plastikstühle (bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen der DR Kongo hatte die Regierung den Zuschauern die Stühle zur Verfügung gestellt, die sie freudig als Geschenk von Präsident Kabila mitgenommen haben – ein Missverständnis) läuft die wohl gewagteste Versuchsanordnung der diesjährigen Festwochen ab: Traditionelle kongolesische Musik trifft auf Barockarien, beide gespielt auf Instrumenten von der E-Gitarre Vangamas bis zu Likembe und Balafon. „Naiv“ ist hier nichts. Die 14 Musiker agieren selbstironisch und führen einem europäischen Publikum sehr charmant dessen Erwartungshaltung vor. Doch das Sterben und die Gewalt im immer wieder von Bürgerkriegen gebeutelten Staat bleiben stets präsent.

Beeindruckend ist, mit welch kreativer Kraft die kongolesischen Musiker sich den Barock aneignen, ohne sich darin zu verlieren. Eine Wohltat zu mancherlei Weltmusiktralala. Die Hof- und Hahahochkultur mischt sich mit Gruppengesängen und Trommelklängen, als hätte sie nie etwas anderes getan. Die Wirkung ist stark.  Die Tänze sexy. Serge Kakudji kann nicht nur seine Stimme in lichte Höhen schrauben, sondern auch mit dem Popo shaken, dass Elvis neidisch würde. Und sage niemand, der’s nicht gesehen hat, hier würden Klischees des „schwarzen Mannes“ bedient! Kakudji wandelt sich vom Hauptmann zum Priester. Interpretiert Händel-Gluck-Vivaldi-Monteverdi … von „Che farò senza Euridice“ aus Christoph Willibald Glucks Oper „Orfeo ed Euridice“, in der Orpheus den Verlust seiner Liebsten beklagt, bis zur abschließenden Arie „Lascia ch’io pianga“ aus Georg Friedrich Händels „Rinaldo“ – Laß mich mein grausames Schicksal beweinen und seufzen um meine Freiheit. Die Nichtweltspitzenstimme macht er durch Ausstrahlung wett. Nur, dass er manchmal ein wenig über die Koloraturen schmiert, hätte ihm einer seiner Lehrer schon abgewöhnen können. Mit der (im Alter) zunehmenden Klarheit Händels wird auch Kakudji klarer. Dass es nach „Rinaldo“ trotz Standing Ovations keine Zugabe geben kann, ist logisch.

Ach, ja: die Sapeurs, die Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes (zu deutsch etwa Gesellschaft für Unterhalter und elegante Personen). Das sind junge Männer, meist aus den Armenvierteln Kinshasas, die auffällige als Couture getarnte Second-Hand-Klamotten à la Jim Carrey in „Die Maske“ tragen, sich einen eigenen Gang und die Religion Kitendi ausgedacht haben, um so seelisch über ihr zerrüttetes Umfeld zu turnen. Hier treffen sich die Pole Barock und Kongo: im Memento mori und im Carpe diem. Die barocken Klagelieder gelten plötzlich dem Elend einer Bevölkerung, deren Alltag Kriegsgräuel und Lebensfreude, Schmerz und Schönheit, Leid und Tanz ist. Und die schillernde Pracht der Musik findet sich in den kunterbunten Anzügen wieder.

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