Landestheater NÖ: Tod eines Handlungsreisenden

Mai 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Burghart Klaußner als halbdementer Haustyrann

Burghart Klaußner, Christian Sengewald  Bild: M. Horn

Burghart Klaußner, Christian Sengewald
Bild: M. Horn

Das Landestheater Niederösterreich überrascht nicht nur immer wieder mit außergewöhnlichen, ausgezeichneten Eigenproduktionen (etwa: www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-meine-mutter-kleopatra-2/), sondern hat auch ein Händchen beim Einladen von Gastspielen. Diesmal ist es Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ in der Regie von Wilfried Minks, eine Koproduktion des St. Pauli Theaters Hamburg mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

Hauptdarsteller Burghart Klaußner erhielt für seine Interpretation des Willy Loman den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ als bester Darsteller. Zurecht. Denn Klaußner zeigt eine Spielart des abgesandelten Abgesandten seiner Firma, wie sie nicht einmal Dustin Hoffman in Volker Schlöndorffs berühmter Verfilmung des Stoffes schuf – wiewohl Minks auf Schlöndorffs Übersetzung zurückgreift. Vor dem einen Dollar darstellenden Bühnenhintergrund entwickelt Klaußner einen aufbrausenden, aggressiven – das geht mit dem Krankheitsbild oft einher -, angedeuteten Alzheimerkranken. Er ist ein tyrannischer Macho, der seiner Frau Linda über den Mund fährt. Frauen schweigen, wenn Männer sprechen. Und wer anpackt, der schafft’s! In US We Trust. Wettbewerb ist Wettlauf. Dabei wusste Arthur Miller 1949 noch gar nichts von Obamas Arbeitslosenzahlen in zweistelliger Millionenhöhe. Immerhin: Sein Pulitzer-Preis gekröntes Werk hat nichts an Aktualität verloren. Klaußner ist kein demütiger Duckmäuser wie viele seiner Loman-Vorgänger. Er ist roh und hart. Und berührt dennoch in den Momenten, in denen er einbricht, wegbricht, weint. Für Sekunden nur. Denn: Ein Familienvater ist ein Mannsbild. Im immerwährenden Lebenskampf.

Margarita Broich als Ehefrau Linda gibt dazu das „Weibchen“. Mit der Betonung auf „gibt“. Naiv, selig in der Realitätsverweigerung. Stets den Wäschekorb zur Hand. In den Gesprächen mit den Söhnen Biff und Happy, in ihrem Zorn, in dem sie einen Blumenstrauß zerschlägt, dass die Blütenköpfe bis in die zweite Zuschauerreihe fliegen, wird klar, dass sie ganz klar sieht. Linda kennt die Wahrheit genau. Doch – und wie wunderbar hat Minks das inszeniert – sind sie und Willy trotz aller Klippen, die sie über die Jahrzehnte umschifft haben, immer noch ein Liebespaar. Und sie schützt ihren Geliebten wie eine Löwenmutter ihr Junges. Die Broich glänzt in dieser Rolle. Ein Diamant in Kittelschürze. Wilfried Minks lässt in seiner zeitlosen Arbeit das Publikum hautnah an die Schauspieler heran. Sein „Spezialeffekt“ zwischen zwei einfachen Sofas und einem Tisch ist die punktgenaue Personenführung. Übergangslos, mit ein wenig anderem Licht, gestaltet er Rückblenden und Parallelszenen. Doch keine löst er schöner als die Schlussszene: Um Willy wird es dunkel, hinten kleidet man sich schon in Schwarz. Seine Darsteller danken’s Minks, indem sie nicht spielen, sondern sind. Kein Satz ist aufgesetzt, aufgesagt. So viel „Realität“ kann beim Zusehen und Zuhören weh tun.

Das gilt auch für Christian Sengewald als Biff und David Allers als Happy. Ersterer die Ex-Football-Hoffnung der Familie, jetzt hauptberuflich Loser, Zweiterer immerhin Angestellter auf dem Weg zum stellvertretenden Filialleiter, aber in den verblendeten Augen des Vaters wurscht. Sengewald und Allers gestalten zwei junge Männer mitten in der Identitätskrise. Sinnierend über den Wert von Arbeit, Einsamkeit, die Sinnlosigkeit der Existenz. Selbst Sex bleibt ohne Sinn. Wie modern ist das denn? Und als es gilt als „Kind“ die Verantwortung für die „alten Eltern“ zu übernehmen, ein Umkehrschwung, den jeder einmal macht, suchen sie das Weite. Klaußner, Broich, Sengewald und Allers sind ein fabelhaftes Quartett. Außerdem sehenswert: George Meyer-Goll als gutmütiger Charley; Oliver Urbanski als dessen Sohn, erst die verlachte Brillenschlange Bernard, dann Staranwalt; Martin Wolf als Lomans eiskalter, sleeker Chef Howard; und natürlich Onkel Ben: Niels Hansen als Geist der Vergangenheit, ein steter Mitspieler, gefährlich lauernd, der Abholer.

„Ein Mensch ist kein Abfall“, sagt Willy Loman zu Howard. Für Manager schon. Das hat sich nicht geändert, das hat sich in den vergangenen 65 Jahren nur verschlimmert. Wilfried Minks hat die Botschaft fein ziseliert. Das Leben wird lediglich als ein im Zusammenbruch begriffenes Überbleibsel von ersehnten Zuständen aufrechterhalten. Doch weil seine Aufführung so fantastisch ist, geht man trotzdem gut gelaunt nach Hause …

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/burghart-klaussner-im-gespraech/

Wien, 10. 5. 2014