Kosmos Theater: Das Werk

Januar 9, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Ziehen in den Schneidezähnen der Wahrnehmung

Keine Panik vor der Titanic: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brower und Tamara Semzov als Persiflage eines literarischen Quartetts. Bild: Bettina Frenzel

Als Hintergrundgeräusch endlosschleift Freddy Quinn „Ich mach mir Sorgen / Sorgen um dich / Denk auch an morgen / denk auch an mich“ – der Vierzeiler über den Jungen, der bald wiederkommen möge, von Regisseurin Claudia Bossard allerdings auf ihre Zweifel an der Seligen-Insel Österreich umgemünzt. Kaum ein Monat, bevor am Akademietheater aktuell Politbalearisches von der Literaturnobelpreisträgerin uraufgeführt wird, hatte gestern im Kosmos Theater Elfriede Jelineks „Das Werk“ Premiere.

Dessen Thema: Kaprun2, heißt, dass die Autorin den Gletscherbahnbrand am Kitzsteinhorn im Jahr 2000 mit dem zeithistorischen Bau des Tauernkraftwerks verquickt, 155 Tote hie, in etwa ebenso viele da, Schifahrer und NS-Zwangsarbeiter und kein Schuldiggesprochener nirgendwo, stattdessen die Schaffung eines Mythos vom Unterwerfen der Natur durch Menschenhand als „eine patriotische Leistung des gesamten Bundesvolkes“ (© Karl Renner, Bundespräsident 1949).

So größenwahnsinnig der Kahlschlag, so gewaltig die Tragödie, auf die nun im Kosmos Theater – 20 Jahre nach der von ihrem wirtschaftlichen Kontext hurtig entkernten und medial noch fixer mit jenem Schicksalsbegriff ausgestatteten „Kaprun-Katastrophe“ – Rückschau gehalten wird. „Das Werk“ dabei eine Collage aus Zitaten und Zeitungsartikeln, Fachkommentaren und Fakten, eine Textmauer über die Staumauer, ein monomaner Monolog, den fünf Spieler parieren, pointieren, rhythmisieren, zerlegen und chorisch aufladen müssen. Und zu dem Jelinek regie-anweist: „Wie Sie das machen, ist mir inzwischen bekanntlich sowas von egal.“

Zusammengefasst, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov, Lukas David Schmidt und Wojo van Brouwer machen’s virtuos. Claudia Bossard, die zuletzt am Haus mit ihrer Inszenierung der „Sprengkörperballade“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32624) überzeugte, schöpft aus den Jelinek’schen Satzkaskaden die Hybris als ihr zentrales Sujet, und dies mit einem Biss und einem Witz, dass es eine Freude ist. Bossard lässt ihr Ensemble nämlich nicht „Das …“, sondern Jelineks Werk verhandeln, in Form einer blasiert aufgeblähten Literaturkritikerrunde, jede Ähnlichkeit mit derlei real existierenden Fernsehformaten wohl alles andere als rein zufällig, die bei einem skurrilen Symposium im Über-Jelinek-Reden schwelgt.

Wojo van Brouwer, Alice Peterhans und Veronika Glatzner. Bild: Bettina Frenzel

Lukas David Schmidt. Bild: Bettina Frenzel

Veronika Glatzner, Alice Peterhans und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Die Mythos-Mäklerin wird derart selbst zu einem solchen, das Werk im doppelten Wortsinn zerkaut, verdaut, defäktiert, interpretiert wird, bis der Arzt kommt, denn eine Autorin, die ihre Gedanken nicht deklariert, muss sich mit dem Deuteln der anderen, oder wie’s hier gesagt wird: dem rezensentischen Dekonstruieren, abfinden. Prachtvoll ist diese Farce über blaugedroschene Werkforscherfragen, köstlich, wie die Schauspielerinnen und Schauspieler Binnen-I-ronisch formulieren, beim Rezitieren pathetisch paraphrasieren, über die Übersetzung von Accident – Zufall/Unfall? – philosophieren. Zwischen den Zuschreibungen „Seismografin“ oder „Columba des Zeitgeists“ wird selbstverständlich der Selbstdarstellung gefrönt. Jeder der Diskutanten hatte schon seinen Jelinek-Moment, aus weiter Ferne und in der Furcht, die öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin nur ja nicht zu stören, beim Zeitunglesen im Railjet oder beim Shoppen in der Münchner Maximilianstraße.

„Wie billig“, bemerkt dann einer übers teure Pflaster. „Es weiß doch wirklich jeder, dass Frau Jelinek dort eine Wohnung hat.“ Alice Peterhans zetert, sie empfinde Jelinek eigentlich als Lesetortur, als schmerzhaftes „Bohren in den Schneidezähnen meiner Wahrnehmung“. Gemeinsam mit Veronika Glatzner, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov wirft sie sich gehörig in Pose, alle vier als literarisches Quartett wahrhaft und in allen Nuancen akademischer Eitelkeit höchst amüsant. Von Elisabeth Weiß mit Club-2-Garderobe und Goiserern ausgestattet, wird über ein Österreich, das als Idee besser denn als Ausführung ist, kluggescheißert, soll Turnschuh-telefonisch eine Musikgruppe namens „Die Ur-Krainer“ um ein Jelinek-Statement gebeten werden.

Und mittendrin Lukas David Schmidt als Getränkekellner, der offenbar als einziger „Das Werk“, dies Denk-mal! der Wissenschaftsjargon-Jongleure, auswendig hersagen kann. Videokünstlerin Annalena Fröhlich macht die Sprachbilder visuell greifbar. Mit einem metaphorisch zu erklimmenden Worteisgebirge, ein garstig-karstiges Konterkarieren der Tourismushochburg Alpenland, an dem vorbei Fröhlich ab und an Monty-Phyton-like einen Riesenluxusliner schickt – der aber ohne Panik vor der Titanic elegant entlang der Spieler gleitet, zu einem – ebenfalls von Fröhlich – Soundtrack von Schlager bis Katastrophenfilm.

Illustre Runde rauchender Literaturkritiker: Lukas David Schmidt, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Nach knapp der Hälfte ist der Abend jelinekisch vom Feinsten. Längst hat man’s aufgegeben sinnerfassend zuzuhören, und beobachtet lieber, wie die, die’s beruflich können müssen, mit dem Abend umgehen. Nach Jelinek-Perücken und -Puppen hat Bossard nun mit deren Werk Betrachter die humoreske Metaschraube noch stärker angezogen. „Warum, Martin Heidegger, warum so schwierig?“, darf einer der Protagonisten den Insidergag jammern.

Und plötzlich wird man’s gewahr, das Ziehen in den Zähnen, die gnadenlose Grausamkeit der Gleichnisse, der Spaß hat mit dem Heimatbegriff-Usurpator die Kurve zum Schrecklichen gekratzt. Zitat Jelinek: „Der faschistische Philosoph Heidegger [hat] sozusagen das Eigene gegen das Fremde abgrenzen und bewahren wollen. […] Heidegger ist der, der davon spricht, dass diese Heimat denen gehört, die sie besitzen …“ Das Panorama wird brüchig, im Hintergrund stürzen Schlote in sich zusammen, im Monströsen entpuppt sich die Poesie und umgekehrt. Publikum und Bühnenpersonal sind da bereits vom Sog der Sprache verschluckt worden. „Das Werk“ im Kosmos – der mit Bravour geführte Beweis, wie groß eine Produktion im kleinen Rahmen sein kann!

kosmostheater.at           www.elfriedejelinek.com

  1. 1. 2020

Schauspielhaus Graz: Iwan Wyrypajews „Betrunkene“

Mai 11, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Tiefere Welterkenntnis dank Wodka

Evamaria Salcher, Clemens Maria Riegler und Silvana Veit. Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Evamaria Salcher, Clemens Maria Riegler und Silvana Veit. Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Silvana Veit und Clemens Maria Riegler Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Silvana Veit und Clemens Maria Riegler Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Am 13. Mai hat am Schauspielhaus Graz Iwan Wyrypajews „Betrunkene“ als österreichische Erstaufführung Premiere, übersetzt aus dem Russischen von Stefan Schmidtke. Es inszeniert Bernadette Sonnenbichler, es spielen Fredrik Jan Hofmann, Florian Köhler, Clemens Maria Riegler, Evamaria Salcher, Tamara Semzov, Werner Strenger und Silvana Veit. Sie verkörpern vierzehn Gestalten, die durch die Nacht torkeln.

 

Eben „Betrunkene“, die je nach Anlass den König Alkohol zum Feiern, Trauern, Vergessen oder Gedenken gebraucht haben. In verschiedenen Situationen treffen sie aufeinander, und es treffen auch jene aufeinander, die sich nüchtern nicht begegnet wären, sich nichts zu sagen gehabt hätten, oder die sich unter normalen Umständen nichts gesagt hätten. Das Publikum begegnet Ehepaaren und Junggesellen, einer Prostituierten, dem Direktor eines Filmfestivals, Bankern, Managern, Gutverdienenden – es sind nicht die Verlierer der Gesellschaft, die hier schwanken, sondern vor allem die Gewinner, die Bestimmer, die Entscheider, die Stützen der Gesellschaft. Bei allen hat der Alkohol vorübergehend die Kontrolle übernommen,  lockert die Zungen, löst Geständnisse aus, macht den Weg frei zu umfassender Ehrlichkeit. Und zeigt den schutzlosen, liebesbedürftigen, verletzlichen Menschen in seiner ganzen tragikomischen Lächerlichkeit.

Dass das Stück aus der Feder eines Russen stammt, verwundert nicht, sagt man diesem Volk doch eine besonders große Begabung zu alkoholbasierter tieferer Erkenntnis nach. Dass es mehr ist als eine heitere Posse, versteht sich von selbst: Schon im alten Griechenland war Dionysos, der Gott des Rausches, verantwortlich für die Entstehung dessen, was man bis heute Theater nennt und das wie manches religiöse Ritual die Grenze zur Transzendenz zu überschreiten versucht.

Und so macht der Rausch die Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen durchlässig und vereint die unterschiedlichen Gestalten der Nacht in einer Feier der Liebe und der Erkenntnis des Göttlichen innerhalb und außerhalb ihrer selbst. So, dass am Ende der Spielzeit, die mit „Merlin“ und der Zerstörung einer alten Ordnung und dem gescheiterten Versuch einer neuen Gesellschaft begann, die Utopie einer Welt steht, in der alle – und sei es nur eine berauschte Nacht lang – Brüder und Schwestern und von Gott geliebte Kreaturen sind. Na dann, na sdarowje!

Iwan Wyrypajew. Bild: Lupovsko

Iwan Wyrypajew. Bild: Lupovsko

Über den Autor: 

Iwan Alexandrowitsch Wyrypajew wurde 1974 in Irkutsk geboren, einem der politischen und wirtschaftlichen Zentren Sibiriens südlich des Baikalsees. Er ist einer der wichtigsten russischen Dramatiker seiner Generation und arbeitet als Schauspieler, Regisseur, Autor und Drehbuchschreiber. Seit 2001 lebt er in Moskau. Seine Stücke sind im deutschsprachigen Theaterraum seit 2003 zu sehen, in Wien zuletzt am Schauspielhaus, bei den Wiener Festwochen und im Theater Nestroyhof Hamakom.

Iwan Wyrypajew im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=2016

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 11. 5. 2016

Schauspielhaus Graz: Barbara Petritsch spielt Prospero

Januar 29, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Der Sturm“-Inszenierung von Stephan Rottkamp

Barbara Petritsch mit Chor Bild: © Lupi Spuma

Barbara Petritsch mit Chor
Bild: © Lupi Spuma

Am Schauspielhaus Graz hat am 6. Februar Shakespeares „Der Sturm“ Premiere. Das späte poetische Werk des großen britischen Barden kommt in einer Inszenierung von Stephan Rottkamp auf die Bühne. Die Rolle des Prospero übernimmt Burg-Schauspielerin Barbara Petritsch, die das erste Mal in einer Inszenierung des Schauspielhauses zu sehen sein wird. Mit ihr spielen Gerhard Balluch, Pascal Goffin, Benedikt Greiner, Julia Gräfner, Fredrik Jan Hofmann, Nico Link, Sarah Sophia Meyer, Raphael Muff, Tamara Semzov, Franz Solar und ein Damenchor.

Zum Regisseur:

Stephan Rottkamp, geboren 1971 in Köln, Studium der Theaterwissenschaften an der LMU München, Regieassistenzen am Bayerischen Staatsschauspiel und Burgtheater Wien. Seit 2000 inszenierte er u. a. am Schauspiel Hannover, Thalia Theater Hamburg, Residenztheater München, an den Münchner Kammerspielen, am Staatstheater Stuttgart, Staatstheater Braunschweig, Theater Freiburg, Düsseldorfer Schauspielhaus, Konzert Theater Bern, Burgtheater Wien. Von 2006 bis 2010 war er Oberspielleiter am Düsseldorfer Schauspielhaus.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 29. 1. 2016