Schauspielhaus Wien: Café Bravo

November 4, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Petting, Pickelcreme und David Bowie

Steffen Link, Vassilissa Reznikoff und Sophia Löffler. Bild: © Susanne Einzenberger

Wenn als Intro The Fools „Psycho Chicken“ singen, dann ist man sicher im richtigen Jahrzehnt. Obwohl, man selber hat’s ja nie gelesen, weil: nicht cool. Stattdessen Pop/Rocky und natürlich den Rennbahn Express. Wer will schon von etwas Sexualberatung, von dem einem die eigene Mutter erzählt, sie und die Schwester hätten Streits ausgetragen, ob Peter Kraus oder Ted Herold als Starschnitt die Wand behübschen dürfen?

Die Bravo. Die Jugendzeitschrift gewesene Legende. 1956 „mit dem jungen Herzen“ geboren, war sie vor Social Media die Austauschzentrale für Teenager. Ein Seismograph für Sensationen, der sich kein Boulevard-Blatt vor den Mund nahm, von Petting über Pickelcreme bis zur Frage, ob David Bowie ein Außerirdischer ist, nie um Antworten verlegen – und auch nicht um Heilsversprechen. Ganze Generationen erfuhren dank Dr. Sommer, dass Selbstbefriedigung nicht blind macht, und dass es punkto Pimmelchen kein zu klein gibt. Man mag’s ja kaum glauben, aber derlei Artikel wurden bis spät in die 1990er-Jahre hinein indiziert …

Am Schauspielhaus Wien hat Regisseur und Autor Felix Krakau mit „Café Bravo“ nun eine humorig-kritische Hommage an die Bravo inszeniert. Sophia Löffler, Vassilissa Reznikoff, Steffen Link und Musiker Michael René Sell machen auf berufsjugendlich, sind wahlweise Mark Spitz, das Schwimmass mit dem schnittigen Schnauzbart, oder paddeln als Wencke Myhre im knallroten Gummiboot. Der erste Jahrgang nach Nachkriegsverklemmtheit ließ es im Jahrzehnt von Heintje und Jimi Hendrix ordentlich krachen, als Beweis werden Kondome wie Luftballons aufgeblasen, und wenn Dieter Thomas Heck die Hitparade anmoderiert, findet man’s nur schade, dass Peter Rapp und seine Kultsendung Spotlight kein Plätzchen in Krakaus knallbunter Schlagzeilen-Show gefunden haben.

Michael René Sell, Sophia Löffler und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Susanne Einzenberger

Sophia Löffler, Steffen Link und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Susanne Einzenberger

Kommt vielleicht noch. Die Zeitreise soll die ganze Spielzeit über weitergehen, bis man so ziemlich beim Jetzt angelangt ist. Noch aber dreht sich alles um Abtreibungsverbot, Vietnamkrieg, das Attentat in München und Margaret Thatcher, die Europa übernimmt, ja, die Bravo konnte auch politisch, das darf über Foto Love Story und Beziehungsbuttons nicht vergessen werden. Krakau wiederum kann wunderbar spötteln, etwa, wenn sich Steffen Link mit irrem Augenrollen als Christian Anders outet, „der böse junge Mann des Schlagers“, heute unterwegs als Verschwörungstheoretiker, der davon überzeugt ist, die WHO hätte Aids künstlich erschaffen. Bemerkenswert, wie viel harte Recherchearbeit (von Judith Weißenborn) hinter diesen so leicht hingesagten „Fun Facts“ steckt.

Was zwischen diesen steckt, ist eine gute Portion Skepsis. Schließlich hatte die Bravo als Massenphänomen auch Agitprop-Potenzial, bediente ganz gern Stereotype, und bestimmte nicht nur im Musikbusiness, wer in und wer out ist, sondern auch wer zu wählen und was zu kaufen. Tatsächlich rügte der Deutsche Presserat schon wegen mehrerer Schleichwerbeverstöße. So ist „Café Bravo“ bei all dem Spaß auch ein nachdenklicher Blick auf den papierenen Evergreen, mit minus 90 Prozent Auflage seit 1998 ohnedies nur noch ein mickriges Pflänzchen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=pZSk75-4f4s

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018

Landestheater NÖ: Tartuffe

Februar 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss eine zeitpolitische Satire

Albrecht Abraham Schuch und Tobias Voigt Bild: Nurith Wagner-Strauss

Albrecht Abraham Schuch und Tobias Voigt
Bild: Nurith Wagner-Strauss

Ihr seid alle von meinem Wohlwollen abhängig, lässt der Präsident am Ende ausrichten. Da ist Tartuffe wie vorgesehen mit der Polizei erschienen, enttarnt sich aber per Ausweis als einer aus ihren Reihen. Er ist ein Spitzel der Staatsmacht, der gönnerhaft Haftbefehl und Schenkung rückgängig macht und auf ein Tässchen Kaffee bleibt. Sardonisch lachend und sich im Spaß windend sitzt er zwischen den verkniffenen Gesichtern der Orgon-Familie, seht her!, der Betrüger bleibt der Sieger.

Róbert Alföldi hat am Landestheater Niederösterreich Molières Komödienklassiker durch diese neue Wendung am Schluss zur zeitpolitischen Satire gemacht. Eine wunderbare Möglichkeit, das 350 Jahre alte Stück zu modernisieren, ohne dem Original Gewalt anzutun. Beim St. Pöltener Premierenpublikum kam der „Gag“ zurecht gut an, es dankte Alföldis kluger Neuinterpretation mit großem Applaus.

Der Budapester Regisseur, bis Juni 2013 Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, weiß, was es heißt, wenn einem der Urbi et Orbán entzogen wird. Wie seine Kollegen Árpád Schilling, Viktor Bodó und Kornél Mundruczó, deren jüngste Inszenierungen in den kommenden Wochen am Burgtheater, am Volkstheater und bei den Wiener Festwochen zu sehen sein werden, arbeitet er mittlerweile großteils im Ausland, am Landestheater Niederösterreich zum zweiten Mal. Nach dem regimekritischen Stück „Meine Mutter, Kleopatra“  setzte er nun eben den „Tartuffe“ in Szene. Und wie! Bei ihm haben die Pariser, vor allem die Pariserinnen, Paprika im Blut. Knappe zwei Stunden fegen die Darsteller mit Schwung über die Bühne, turnen sich temperamentvoll durch Wolfgang Wiens Versfassung, und lassen auch sonst keine Leibesübung aus. Das Publikum ist Teil ihres Spiels, immer wieder mit Licht im Saal miteinbezogen, und wer wissen möchte, wie es ist, von Pascal Groß gestürmt und geküsst zu werden, muss den Platz dritte Reihe, links außen, wählen.

Für die Rolle des Tartuffe hat man Albrecht Abraham Schuch als Gast eingeladen. Der junge deutsche Schauspieler war unter anderem in der Daniel-Kehlmann-Verfilmung „Die Vermessung der Welt“ als Alexander von Humboldt zu sehen. Als Molières Wasser predigender und Wein trinkender Kopfparasit ist er weniger Verführer als Verblender. Er ist weder charmant noch besonders bigott, und er hat es schon gar nicht notwendig, Anstand vorzutäuschen. Er ist kein verdeckter Heuchler, sondern ein offener Lügner, die Art neupopulistischer politischer Heilsbringer, die sich selbst noch im größten Unrecht ins Recht setzt. Weil angesichts ihrer Schlagzahl beim Sprechen vernünftige Argumente wie im Wind verpuffen. Und man ahnt, aus welcher Richtung dieser Wind weht. Schuch spielt sehr schön den immer von allen Angegriffenen, stets böswillig Beschuldigten, ob dieser Zumutungen durchwegs leicht Beleidigten mit Verschlagenheit in der Stimme und mephistophelischem Seitenblick. Wie man das (er)kennt: Während er im Haushalt Orgons selbst der Aggressor ist, beklagt er natürlich den „aggressiven Tonfall“ der anderen.

Auf deren Reaktionen richtet Alföldi sein Augenmerk. Im Zentrum seiner Molière-Essenz stehen die Erwiderungen auf und der Widerstand gegen Tartuffes Pläne, der verzweifelte Versuch der Familie Orgons den selbsternannten Moralapostel vom Sockel zu stoßen. Dabei sind die Rädelsführer die Frauen: Elisa Seydel als Gattin Elmire, Lisa Weidenmüller als Tochter Mariane und Swintha Gersthofer als Zofe Dorine. Sexappeal, Teenagerschnute und eine gehörige Portion Frechheit sind je nach Rangordnung die weiblichen Waffen ihrer Wahl, die Damen zeigen sich einmal mehr als vorzügliche Komödiantinnen, doch diesmal muss jedes Mittel versagen. Auch Michael Scherff als freigeistiger Schwager Cléante, Jan Walter als Sohn Damis, Pascal Groß als seine Liebe zu Mariane herausstotternder Valère und Julia von Sell, der als Madame Pernelle spät, aber doch die Einsicht kommt, können nichts mehr ausrichten. Und, wenn Cléante sagt, dass hier ein Frömmler mit falschem Wort vorgibt, um Werte zu kämpfen, „die auch wir verehren“, verschluckt man sich am Lachen. Wem wird in dieser Welt nicht alles Macht und Ämter angetragen.

Die Hauptrolle hat, in dieser Aufführung mehr als an anderen „Tartuffe“-Abenden, Tobias Voigt als Orgon. Er ist seit der Ankunft Tartuffes tatsächlich wie beschrieben von „wüstem Wahn befangen“, ein Fan mit staunend offenem Mund angesichts des bei ihm eingekehrten Wunders. Seiner Familie begegnet er als erschöpfter Despot, so viel Aufmüpfigkeit ist eben anstrengend, Tartuffe mit beinah hündischer Verehrung. Dass das clean-chice Bühnenbild von Ildikó Tihanyi (die Farbleitsystemkostüme sind von Fruzsina Nagy), ein weißer Kubus aus halbdurchsichtigen Schiebewänden, dessen Intrigen leicht durchschaubar machen, will er nicht sehen. Da bleibt der Ehefrau als Beweismittel nicht einmal der Beischlaf mit dem Bösewicht erspart. Voigt agiert ganz großartig, ändert Orgons Aggregatzustand je nach Gesprächspartner, wirft sich vor Zorn oder in Demut zu Boden, tobt oder schluchzt, dass es eine Freude ist.

Am Ende, siehe oben, muss er einsehen, dass die Familie mit ihrer Einschätzung Tartuffes ins Schwarze dieser schwarzen Seele getroffen hat. Aber ach, wer hört dieser Tage noch auf die Stimme der Vernunft. Und wenn endlich, ist es zu spät, da haben sich die rechtsschaffenen Politprediger die Sessel schon gesichert. Die Über-einen-Machthaber, sagt Alföldi, sind in der Regel selbst gewählt. Wer also in der Demokratie schläft, wacht unter Umständen in einer Diktatur auf.

„Tartuffe“ läuft bis 9. April am Landestheater Niederösterreich und ist am 5. und 6. April als Gastspiel in der Bühne Baden zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=V2oNYngAFy4

Róbert Alföldi im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=8301

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

Wien, 28. 2. 2016

Landestheater Niederösterreich: Meine Mutter, Kleopatra

März 30, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Julia von Sell ist sensationell

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell Bild: Josef Gallauer

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell
Bild: Josef Gallauer

Die Tonalität stimmt, nur das Verhältnis Konsonanz/Dissonanz ist längst verschoben. Sie ist ganz Diva in goldener Kleopatra-Abendrobe, dann wieder halbnacktes Kleinkind, das vom Sohn mit dem Schwamm gewaschen werden muss. Ihre Auftritte sind theatralisch, durchtrieben, bösartig; man weiß nicht: schmerzt es mehr, wenn sie lakonisch oder tyrannisch ist? Sie schwebt zwischen Sticheleien und Schreierei – alles Zeichen ihrer Depression. Irrsinnig. Julia von Sell ist als Rebekka Weér die Sensation der Inszenierung.

Die besorgte als deutschsprachige Erstaufführung der ungarische Regisseur Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgesetzt wurde: „Meine Mutter, Kleopatra“, basierend auf dem Roman „Die Ruhe“ von Attila Bartis. Die Weér war einmal wer. Budapests gefeierter Schauspielstar, Shakespeares Kleopatra. Als sich ihre Tochter Judit, eine begabte Violinistin, in den Westen absetzt, legt die Partei ihrer Bühnenheldin die Schlange an die Brust. Die lässt ihr Kind sogar pro forma beerdigen – doch Politik ist unerbittlich. Entlassung. Ersetzung durch eine Komparsin. Schmach und Schande. Fünfzehn Jahre selbst gewählte Einzelhaft in der Wohnung. Das heißt: So Einzel- ist die nicht, Rebekka bleibt noch ihr Sohn Andor als Opfer ihrer Launen …

Alföldi – eines der Themen, das er variantenreich durchspielt, lautet: Darf besondere Begabung alles? – und seine Bühnenbildnerin Anni Füzér haben dafür ein Metallgerüst, treppauf, treppab, mit hohen Maschendrahtzäunen, einen Gefängnishof geschaffen. Darin ein samtrotener Thron für die entthronte Königin. Und allerlei Zeug von Frühstücksgeschirr bis mottenzerfressenen Pelzmänteln, die im Laufe der Handlung auch noch das Zeitliche segnen werden. Zu dieser „Realität“ schafft Alföldi (alb-)traumhafte Bilder, Rückblenden, die das Geschehene erklären. Ganz wunderbar, wie er in dem von ihm erdachten Szenario die St. Pöltener Schauspieler und ihre Gäste zu Höchstleistungen führt.

Zunächst natürlich, denn er ist eigentlich die zentrale Figur der Geschichte, Andor, den angehenden Schriftsteller, der den Wahnsinn seiner Mutter zu Papier bringen will. Und zu ihrer Nervenberuhigung sogar falsche Briefe von Judit schreibt. Moritz Vierbooms stumme, stoische Verzweiflung, seine ausdrucksstarke „Ausdruckslosigkeit“ ist große Kunst. Nur manchmal bricht sich bei ihm der Zorn Bahn, aber das ebbt bald wieder ab, das hat er anders nicht gelernt. Er ist der Mann, umgeben von fünf Frauen. In Erinnerungen sieht er Judit (Marion Reiser), sie anklagend, dass sie ihn nicht mitgenommen hat. Sie erzählen einander von einer traurigen Kindheit, lieblos, verwahrlost im Sinne von allein, verlassen, Mauerblümchen gegen den lockenden Lorbeer. Doch die Mutter, die Patriarchin, fordert immer noch Dankesschuld von ihren Abkömmlingen. Wie ein Wiedergänger kommt auch der pragmatische, brutale Funktionär Genosse Fenyö (Michael Scherff) immer wieder vor. Dem alle untertänig entgegenkommen. Als Rebekka sich ihm zur Rettung der Karriere anbietet, spuckt er ihr ins Gesicht: „Bedecken Sie Ihre Brüste.“

Dann ist da Susi Stach als Juli, die gute Seele, die sich immer wieder neue Städtenamen für die Briefe ausdenken muss, und als Nutte mit Vogel. Er ist tot und heißt Rebekka. „Ficken“ (vor dem Four-Letter-Word wie vor sehr viel Nacktheit auf der Bühne darf man keine Scheu haben. Ein paar Zuschauer „flüchten“ darob in der Pause und versäumen einen paradiesisch-erbarmungslosen Theaterabend) will Andor sie nicht. So lebt man dahin in seinen Lebenslügen. Wären da nicht noch zwei Frauen: Andors Geliebte Eszter (Lisa Weidenmüller), eine ungarische Jüdin, sich in ihre Historie verbeißend, gleichzeitig sein Manuskript herausbringen wollend – so dringend will sie ihm erfolgsförderlich sein, dass sie sich sogar sein Kind „auskratzen“ lässt. Eine Darstellung, die Respekt verdient, wie Weidenmüller ihrer Figur mehr und mehr Profil abgewinnt. Ein Besuch bei Rebekka, auf dem sie besteht, wird selbstverständlich zum GAU.

Doch es kommt zum Kampf der Titaninnen: Michou Friesz mischt auch noch mit. Als Verlagsredakteurin Éva Jordán, die Andors Manuskript begutachten soll. Und sich darin wiederfindet? Friesz ist elegant, schön, sexy, ganz kühle Fassade. Mit einem bitteren Geheimnis dahinter. Sie will den jungen Autor in ihrem Schoß haben. Kriegt ihn auch. Eine Ménage à trois, wie es sie schon zwischen ihr, Rebekka und dem alten Weér gegeben hat. Die späte Rache einer ewigen Zweitfrau? Da beginnt Andors Zellauflösung, umso mehr als ein Brief vom Roten Kreuz bescheinigt, dass Judit nicht mehr auf dieser Erde, sondern unter ihr … Und er beginnt wieder die Mutter zu waschen … Geschichte ist Wiederholung. Und das Leben kennt kein Entrinnen.

Dem Landestheater Niederösterreich ist mit dieser Produktion eine der besten der diesjährigen Saison gelungen. Wer das nicht gesehen hat, hat was versäumt! Am Landestheater zu sehen bis 10. April.  Am 1. und 2. April als Gastspiel in der Bühne Baden.

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Wien, 30. 3. 2014

Landestheater Niederösterreich: Meine Mutter, Kleopatra

März 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geliebter Róbert, gehasster Róbert

Róbert Alföldi Bild: Daniel Nemeth

Róbert Alföldi
Bild: Daniel Nemeth

Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, führt Regie am Landestheater Niederösterreich. Und er lässt sich bitten: 23 Tage brauchen er und/oder seine Übersetzerin (er spricht nur Ungarisch) nun schon, um die Fragen von mottingers-meinung.at zu beantworten. In St. Pölten soll Alföldi „Meine Mutter, Kleopatra“, basierend auf dem Roman „Die Ruhe“ von Attila Bartis inszenieren. Mit Julia von Sell, Moritz Vierboom, Michou Friesz und Susi Stach. Es sei gerade alles sehr schwierig, hört man. Vielleicht geht’s in den Kulissen ja hoch her. Um die Wartezeit bis zur Premiere am 29. März (oder vielleicht kommen die Antworten ja doch noch) zu überbrücken, hier ein Artikel von Anna Frenyo aus der TAZ von 3. 9. 2013 (www.anna-frenyo.de):

Ungarns Ultrarechte hassen den Theatermann Alföldi. Als Intendant des Nationaltheaters in Budapest sind sie ihn losgeworden, als radikalen Künstler nicht. „Wo zum Teufel ist mein Kaffee?“, ranzt Róbert Alföldi seinen Produktionsassistenten an. Eine neue Probenwoche beginnt, und Alföldi hat schlechte Laune. „Steht hinter dir, Robi“, antwortet der Assistent gelassen. Alföldis zorniger Blick weicht einem freundlichen Grinsen. Im Hof der Budapester Sportarena lehnt er sich an die Motorhaube seines Autos und zündet sich eine Zigarette an. Sein kleiner Hund rennt schon in den Probensaal, über die Bühne und bellt vor Aufregung. Den Hund lieben alle.

Wo der preisgekrönte Alföldi künstlerisch zu Werke geht, kann mit vollem Haus gerechnet werden. Er ist ein kreatives Multitalent: Theater- und Filmregisseur, Schauspieler und Maler – zudem musikalisch begabt. In dem auch verfilmten Stück „Amadeus“ von Peter Schaffer dirigierte er selbst im Mozartkostüm das Orchester und spielte Klavier. Alföldis Genius scheint schier unerschöpflich – genauso wie der Hass, der ihm aus dem rechten Lager der ungarischen Gesellschaft bei allen seinen Projekten entgegenschlägt. An Alföldi verdichten und entladen sich die gesellschaftlichen Spannungen in Ungarn: Konservative und Rechte nennen sich gern „Heimattreue“ und bezeichnen Linke und Liberale als „Fremdherzige“ oder „Kommunisten“. Die christlich-konservative Kulturpolitik erklärt ein strammes Nationalgefühl zur Voraussetzung für künstlerische Qualität. Als Alföldis Vertrag als Intendant des Budapester Nationaltheaters Ende Juni – nach fünf Jahren – auslief, wurde der Posten neu ausgeschrieben.

Obwohl Alföldi sich beworben hatte, wurde er durch einen Nachfolger ersetzt, der den Vorstellungen der Regierung entspricht. Die Auswahlkriterien für die Bewerbung waren so angelegt, dass von Anfang an klar war, dass Alföldi nicht gewinnen konnte. Anlässlich seiner aktuellen Inszenierung von „Stephan, der König“ („István, a király“ wurde 1983 von Levente Szörényi und János Bródy geschrieben, inspiriert von „Jesus Christ Superstar“. Am vergangenen Freitag hatte Alföldis Inszenierung in Budapest Premiere. Die Besucher mussten an ca. hundert rechtsextremen Demonstranten vorbei, die sie als „Vaterlandsverräter“, „Schwulensäue“ und „dreckige Juden“ beschimpften. Auch Anhänger Alföldis demonstrierten. Das Regierungsmedium Magyar Nemzet sprach von „Demonstrationen extremistischer Gruppen“ und betonte die „Homosexuellenfreundlichkeit“ der Pro-Alföldi-Demonstranten) wurde Alföldi erst jüngst wieder aufs Heftigste in den Medien, über Facebook und auf Internet-Foren gebasht. Die Rockoper über Ungarns Staatsgründung ist für alle politischen Lager identitätsstiftend. Doch fungiert sie nicht als Kitt einer zerbröselnden Gesellschaft, sondern macht die Gräben erst recht sichtbar: Alföldis Kritiker meinen, ein Liberaler wie er dürfte das „Nationalheiligtum“ „Stephan, der König“ überhaupt nicht anfassen.

Bei der Probe wirkt der grauhaarige Regisseur, Mitte 40, Jeans und schwarzes T-Shirt, leger. Manchmal macht er kleine Späße, aber wehe, wenn einer aus dem Takt kommt oder sich nicht so bewegt wie er, Alföldi, sich das vorgestellt hat. Als plötzlich, während er den Tänzern etwas erklärt, Musik vom Technikpult ertönt, brüllt er los: „Das kann doch nicht wahr sein! Ich versuche mit 150 Tänzern zu arbeiten und ihr hört hier Musik!“ Die genervte Antwort des Dirigenten: „Robi, wir wollen ein technisches Problem lösen, damit du weiterarbeiten kannst.“ Wieder Alföldi: „Dann macht es in der Pause oder mit Kopfhörern!“ Ende der Durchsage. Alföldi behält für gewöhnlich das letzte Wort.

Aber er kann auch anders. Als Moderator einer Morgensendung im Fernsehen kam Alföldi zwischen 1998 und 2002 so gut rüber, dass er vor allem seiner empathischen Interviews wegen zum „Robi des ganzen Landes“ wurde. Auch in privaten Gesprächen mit seinen Kollegen kann er eine Herzlichkeit herstellen, dass die gar nicht anders können, als sich geliebt zu fühlen. Umso schockierender wirkt es dann, wenn Alföldi seine Schauspieler wie Sklaven behandelt. „Mach doch besser Puppentheater!“, empfahl ihm eine Schauspielerin nach seiner ersten Filmregie 2008, „dazu brauchst du keine Schauspieler.“ Alföldi schwankt zwischen Dr. Jekyll und Mr Hyde. Vom Publikum wird Alföldi entweder geliebt oder gehasst, kalt lässt er keinen. Seine Anhänger stehen stundenlang an, um Karten zu bekommen, seine Hasser organisieren Demonstrationen gegen ihn, den schwulen, skandalträchtigen Regisseur. Die rechtsextreme Oppositionspartei Jobbik hetzt auch gern im ungarischen Parlament gegen ihn – auf ihrer Agenda stand die Entfernung Alföldis als Intendant des Nationaltheaters ganz oben. Seine Inszenierungen jedoch fanden auch manchen konservativen Anhänger. So wurde einer der Verfasser von „Stephan, der König“, Levente Szörényi, auf ihn aufmerksam und bat ihn trotz aller politischen Differenzen, die von ihm und János Bródy komponierte Rockoper für das dreißigjährige Entstehungsjubiläum zu inszenieren.

Ohne den ersten König Stephan, der vor tausend Jahren herrschte, würde es Ungarn in seiner heutigen Form vermutlich nicht geben. Er ließ das Christentum einführen und stabilisierte das Land durch die Bindung an die Westkirche. Als das Werk 1983 uraufgeführt wurde, galt es als Freiheitssymbol, inspiriert von der Rockoper „Jesus Christ Superstar“, mit versteckter Kritik am kommunistischen Regime. Die Melodien von „Stephan, der König“ kennt in Ungarn jedes Kind. Komponist Szörényi erklärte die Wahl Alföldis damit, dass er wahre Kunst sehen wolle. Er habe die Nase voll von der in konservativen Kreisen hochgehaltenen „Nationalkunst“ und davon, dass jeder, der sich daran Kritik erlaube, gleich als Vaterlandsverräter abgestempelt werde. Als 1983 „Stephan, der König“ entstand, waren es die Parteifunktionäre, die sagten, wo es im kulturell-politischen Leben langzugehen hat. Diese Geisteshaltung lebt in konservativen ungarischen Kreisen fort, weshalb sich immer mehr Künstler vom Regierungskurs distanzieren. Alföldis Nationaltheater galt in Budapest als eine Insel der Andersdenkenden.

Der Intendantenwechsel war allerdings angesichts von Alföldis Persönlichkeitsstruktur nicht nur eine politische Entscheidung. Alföldi steht sich manchmal charakterlich selbst im Wege. Ende 2010 erlaubte er dem Rumänischen Kulturinstitut, das rumänische Nationalfest im Budapester Nationaltheater zu feiern. Ziemlich unsensibel. Denn bei diesem Fest wird der Anschluss Siebenbürgens an Rumänien 1918 gewürdigt, der für Ungarn den Verlust dieses Gebiets brachte und zu den wundesten Punkten seiner Geschichte gehört. „Dieses Fest im Budapester Nationaltheater zu feiern ist so, als wären Japans Luftstreitkräfte in Pearl Harbor zum Sektempfang geladen“, kommentierte der User eines Online-Forums. Alföldi gab nach, konnte aber die über ihn hereinbrechende Protestwelle dadurch nicht mehr aufhalten. Die rechtsextreme Jobbik-Partei demonstrierte vor dem Nationaltheater und bezeichnete Alföldi als krank und sein Theater als „Tempel der Perversität“. Das war im Dezember 2010.

Im Frühling 2011 untergrub der sogenannte Oralsex-Skandal Alföldis Stellung weiter: Eine Jobbik-nahe Journalistin hatte sich beschwert, dass es in einer seiner Inszenierungen eine – jedoch nur angedeutete – Oralsexszene gäbe, und gefragt, ob Alföldi das auch einem zwölfjährigen Kind zumuten wolle? „Jawohl, und Ihnen wünsche ich solchen Oralsex bis ans Ende Ihres Lebens“, antwortete er sarkastisch. Daraufhin wurde er zu dem für Kultur zuständigen Minister zitiert. Dieser jedoch stand zu Alföldi und seiner Aufführung, er durfte Intendant bleiben – vorerst. „Wie lange dulden wir noch, dass heimtückische, falsche Priester unter uns herumlaufen?“, fragt ein Lied in „Stephan, der König“. Das fragen sich auch im heutigen Ungarn viele. Vor tausend Jahren hatte Stephan den Clanältesten Koppány besiegt, der auf traditionellen, heidnischen Sitten beharrte. Die ungarischen Stämme standen vor der Entscheidung: weiter in althergebrachten Nomadenstrukturen zu verbleiben – und dabei zwischen den europäischen Feudalstaaten zermalmt zu werden – oder sich in ein eigenes Staatswesen römisch-christlicher Prägung einbinden zu lassen. Einen Kompromiss zwischen Stephan und Koppány konnte es nicht geben. Die eine Kultur musste die andere vernichten. Auch heute scheint es keinen Weg zur Versöhnung der politischen Lager in Ungarn zu geben. Die Zusammenarbeit zwischen dem konservativen Künstler Szörényi und Alföldi und ihr gemeinsames Rockoperprojekt darf man nicht überbewerten. In der derzeitigen Stimmung in Ungarn ist sie aber wenigstens ein kleines Hoffnungszeichen.

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Wien, 26. 3. 2014