Theater zum Fürchten: Der Preispokal

Juni 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt

Der Fußballclub von Avondale hat den Preispokal gewonnen: Carina Thesak, Philipp Schmidsberger, Bernie Feit, Jasmin Reif, Ivana Stojkovic, Jakob Oberschlick und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Seán O’Caseys „Der Preispokal“. 1927 ist dieses Stück über die Menschenvernichtungs- maschine Erster Weltkrieg entstanden, vom Autor selbst als Tragikomödie bezeichnet, was insofern richtig ist, als O’Casey in liebevollen Details die Schrulligkeiten der Bewohner der kleinen irischen Ortschaft Avondale ausstellt. Hinter dieser humorigen Seite allerdings ist das Antikriegsvolksstück gnadenlos.

Und TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max trägt dem Rechnung. Seine Inszenierung, passend zum Gedenkjahr 2018, ist dergestalt, dass einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt. Eben noch feierte „Avondale United“ die Erringung des eben titelgebenden Preispokals, es wird gesungen, gesoffen, schwadroniert, da müssen die Fußballhelden auch schon zurück an die Front in Frankreich. Von der nicht alle unversehrt heimkommen. Harry Heegan, der Goalgetter, sitzt nun im Rollstuhl, Teddy Foran, ein brutaler Kerl, der seine Frau prügelte, ist erblindet. Aber das Leben geht weiter. Zumindest für die Gesundgebliebenen. Es gibt neue Matadore und neue Techtelmechtel, es entsteht eine neue Welt, in der für Harry und Teddy, weil sich kein anderer ihre Erlebnisse auch nur vorstellen kann, kein Platz mehr zu sein scheint …

In den realistischen Räumen – großartig etwa die alten irischen Kriegsplakate – von Sam Madwar hat Bruno Max sein Ensemble zu expressionistischem Spiel angehalten. Er macht aus O’Caseys fein ziselierten Figuren Charaktere aus Fleisch und Blut. Da kippt Jakob Oberschlick als Harry gekonnt vom gefeierten Triumphator in die abgrundtiefe Verzweiflung eines Mannes ohne Zukunft. Da kommentieren die fürs Komödiantische zuständigen Rüdiger Hentzschel und Bernie Feit als Harrys Vater und Nachbar Simon die Geschehnisse mit trockenem Humor und einer Portion Sarkasmus.

Harry ist nach dem Krieg gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen: Bernie Feit, Carina Thesak und Jakob Oberschlick. Bild: Bettina Frenzel

Régis Mainka ist als Teddy Foran, wie schon in „Der Gute Mensch von Sezuan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27711), der Mann fürs Grobe, Leopold Selinger brilliert als schmierig-gutgelaunter Oberarzt Dr. Forby und Valentin Frantsits gibt als nur leicht verletzter Barney den guten Kerl, den seine Liebesangelegenheiten aufs Gewissen drücken. Denn, wenn man so will, sind im „Preispokal“ die Frauen die Sieger, so wie’s tatsächlich war:

Die historischen Gewinnerinnen des Untergangs einer ganzen Generation von Männern. Und so emanzipiert sich Carina Thesak als enervierend bigottes Mauerblümchen Suzie Monahan zur resoluten Krankenschwester, die sich Dr. Forby als Liebhaber angelt. Teresa Renner wird als Mrs. Foran durch Teddys Blindheit von der häuslichen Gewalt befreit und dessen strenge Kommandeurin und Pflegerin. Und dann ist da noch Jasmin Reif als Jessie Taite, Harrys Freundin, die sich vom „Rollstuhl-Krüppel“ ab- und Barney zuwendet, während Harrys Mutter, Angelika Auer, einzige Sorge ist, dass er nichts tut, was seine Kriegsrente beschädigt. Für Zündstoff ist also gesorgt. Dass O’Caseys Stück über den lieben und den Fußballgott vor 90 Jahren für Skandal sorgte, als anti-irisch und anti-katholisch verdammt wurde, das macht die TzF-Aufführung mehr als klar.

Heute erschüttern nicht nur die zwischen den Akten gezeigten, eindrücklichen  Bilder und Videos, für die ebenfalls Sam Madwar verantwortlich zeichnet und die das Massaker in den Schützengräben zeigen, sondern auch ein Kunstgriff von Bruno Max: Er hat für den einst ausgedehnten zweiten Akt, der in Form einer Litanei den Krieg abstrakt wiedergab, mit Zeynep Buyraç eine Choreografie erdacht, die den Sprung vom Fußball über den Drill bis zur Schlacht näherbringen soll. Am Ende schließlich begeben sich die Frauen mit Skeletten zum Totentanz, auch das ein starker Moment.

Die Versehrten passen nicht mehr in die Gesellschaft: Régis Mainka, Bernie Feit, Teresa Renner, Emre Dogan, Ivana Stojkovic, Jasmin Reif, Angelika Auer, Jakob Oberschlick, Carina Thesak und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Die Darbietung in der Scala macht eine Wahrheit deutlich, die dieser Tage erneut zutrifft: Das Elend von Kriegsopfern wird erst am Schicksal einzelner so richtig deutlich. In diesem Sinne geht „Der Preispokal“ auch heute noch etwas an. Ein so poetisches wie brutales Stück, ein absolut sehenswerter Abend.

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  1. 6. 2018

Theater zum Fürchten: Der jüngste Tag

Februar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Macht der öffentlichen Meinung

Hudetz, verfolgt von den untoten Geistern seiner Opfer: Matthias Messner, RRemi Brandner, Christian Kainradl und Susanne Preissl. Bild: Bettina Frenzel

Eine eindrückliche und beklemmende Inszenierung von Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ zeigt das Theater zum Fürchten in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Regisseur Peter M. Preissler hat Horváths Text als Volksstück verstanden. Er zeigt ohne viel Verfremdungseffekt dessen Figuren als Kleinbürger par excellence, dies nicht ohne liebevolles Verständnis für ihre geschundenen Krämerseelen.

Tut das Horváth’sche Personal doch nichts anderes als die Zwänge und Nöte, in die der jeweils einzelne eingebunden ist, an den nächsten weiterzugeben. Dass aus dieser Kette von Verdrängung nur Feigheit, Dummheit, Intoleranz resultieren können, dass an ihrem Ende „menschliches Versagen“ steht, ist systemimmanent.

Der „Versager“ ist Stationsvorstand Thomas Hudetz, gefangen in einer lieblos gewordenen Ehe zu einer älteren Frau, dem die Wirtstochter Anna, sie wiederum in eine vorteilhafte Verlobung gedrängt, auf dem Bahnsteig einen Kuss abringt. Hudetz vergisst darob ein Signal zu stellen, Züge kollidieren, Menschen sterben. Hudetz wird verdächtigt, doch Anna schwört einen Meineid auf seine Unschuld. Frau Hudetz allerdings hat die Szene vom Fenster aus beobachtet, und rasend vor Eifersucht wird sie dem Staatsanwalt die Wahrheit offenbaren. Von der Kleinstadt allerdings als böses Weib abgestempelt, glaubt ihr keiner auch nur ein Wort. Hudetz wird freigesprochen. Doch Anna bekommt Skrupel, und es kommt zum Äußersten …

Den für einen kurzen Moment pflichtvergessenen Hudetz spielt Christian Kainradl auf höchstem Niveau. Er ist der typische österreichische Beamte, ein bissl Schmerzensmann, ein bissl Judas, ein Charakter, in dem sich Phlegma und Verzweiflung nicht ausschließen. Interessant an der Interpretation Preisslers ist, dass hier ein Hudetz weniger erotisiert als von Annas Avancen überrumpelt ist. Stark spielt Kainradl die Szenen, in denen es Hudetz darum geht, seine Haut zu retten; er macht deutlich, dass Horváth sein 1935/36 entstandenes Stück als Parabel angelegt hat, wohin Lüge und Verleumdung eine Gesellschaft führen werden.

Alles wartet auf den Zug: Leopold Selinger, Angelika Auer, Matthias Messner, Susanne Preissl und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Der Staatsanwalt vernimmt die Zeugen: Jörg Stelling, Matthias Messner, Susanne Preissl, Georg Kusztrich und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Ein Überlebender wird entdeckt: Georg Kusztrich, Anna Sagaischek und Tom Jost. Bild: Bettina Frenzel

Die Anna spielt Susanne Preissl als eine Art Lolita, die ihre reizenden Atouts mit großer Naivität ausspielt. Erst als sie sich ihrer Schuld, eine Falschaussage gemacht zu haben, bewusst wird, wird sie erwachsen. Christina Saginth changiert als Frau Hudetz zwischen enervierend und strapaziös, doch dank ihrer gelungenen Darstellung kann man fast nicht umhin, auf ihrer Seite zu sein, da sie doch im Recht ist. Eine Falle, in die Preissler das Publikum geschickt tappen lässt. Jörg Stelling gibt ihren Bruder Alfons als distinguierten Drogeriebesitzer.

Dreh- und Angelpunkt des Abends aber ist die Darstellung der zahlreichen Kleinstädter. Das TzF-Ensemble beweist ja nicht zum ersten Mal, dass es Horváth kann. Und so überzeugt Georg Kusztrich als oberg’scheit-jovialer Wirt zum „Wilden Mann“, der das Menschenfreundlich-Sein ebenso beherrscht, wie das Ausrufen einer Menschenjagd. Angelika Auer ist eine herrlich taktlose Dorftratschn Frau Leimgruber, Valentin Frantsits Fleischhauer Ferdinand als gleichsam Gemüts- wie Gewaltmensch wirkt wie ein Verwandter Oskars.

Anna Sagaischek als Kellnerin Leni gibt mit Chips in der Hand einen der Unfallvoyeure. Matthias Messner, Leopold Selinger, RRemi Brandner (er auch ein grantiger Staatsanwalt) übernehmen gleich mehrere Rollen, auch die der wiederkehrenden Untoten, Tom Jost spielt den überlebenden Heizer Kohut. Und am Höhepunkt der Handlung tritt die örtliche Blaskapelle auf …

Für all das hat Julia Krawczynski ein Bühnenbild erdacht, das nicht nur Antipuppenhäuschen und Antipuppenstuben zeigt, sondern mit Licht und Schall und Rauch auch wunderbar vorbei- und ineinander rauschende Züge. Durch diese Optik entsteht zusätzliche atmosphärische Enge, und so rasch die Bahn daran vorbeifährt, so schnell wechselt die Gesinnungslage im Dorf.

Was einen beim Verlassen des Theaters nicht loslässt: Gedanken über die Macht der öffentlichen Meinung, und die ist, sagt Horváth, sagt Preissler, je nach Einflüsterern wetterwendisch. So schnell im „Jüngsten Tag“ jemand verteufelt wird, so schnell ist er rehabilitiert – und umgekehrt. Ein Umstand, an dem sich nichts geändert hat. Die öffentliche Meinung, auch wenn fehlgeleitet, hat das Sagen.

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  1. 2. 2018

Theater zum Fürchten: Die Fleischbank

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der kleine Mann hat’s Hackl im Kreuz

Ein Fleischhauer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alfred Paul Schmidts Groteske „Die Fleischbank“. Als Ballade bezeichnet der Autor selbst seinen Text, Moritat könnte man auch sagen, schildert Schmidt doch Aufstieg und Untergang eines, dem das Leben nichts geschenkt hat: Der Favoritner Fleischhauer Arnulf ist Schmidts Anti-Held. Dem Kleingewerbetreibenden, braver Steuerzahler und gehorsames Innungsmitglied, ist die Welt abhanden gekommen. Als ehrliche Haut erniedrigt, als immer nur Durchschnittlicher zum Dulden verdammt, beginnt er sich selbst zu ermächtigen. Mittels Mord.

Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1974 liegt Schmidts Stück zugrunde. Da verschwanden in Graz zwei – damals gab’s das noch – Geldbriefträger und mit ihnen beinah 400.000 Schilling. Als Täter wird der Fleischer Karl H. ausgeforscht und zu lebenslanger Haft verurteilt … Es ist fein, dass das Theater zum Fürchten an der Wiederentdeckung Alfred Paul Schmidts arbeitet. 1941 in Wien geboren, kam er über die Umwege diverser Studien und Gelegenheitsjobs zum Schreiben. Seit 1975 lebt er in Graz, und gilt als das widersprüchlichste Mitglied der von Alfred Kolleritsch so genannten Grazer Gruppe.

Das Schweinchen weist den Weg in den Wahnsinn: Lara Buchsteiner. Bild: Bettina Frenzel

Arnulf mordet und seine Schweinchen schauen zu: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Seinen Werken eigen sind der weitgehende Verzicht auf eine herkömmliche Handlung, dafür der exzessive Einsatz burlesker, possenhafter Mittel, um vorgeblich fiktives Geschehen zur Wirklichkeit zu entstellen. Das alles kommt dem Theater zum Fürchten sehr entgegen, das mit der Inszenierung von Peter M. Preissler seinem Namen mehr als gerecht wird. Preissler, der auch bei der Uraufführung 1984 am Akademietheater Regie geführt hatte, setzt in der Scala auf Grauen, Gruseln, Gänsehaut. In halluziniert albtraumhaften, in gespenstisches Grün getauchten Szenen geht Arnulf seinem tödlichen Geschäft nach. Auf dem Dreirad umschwirrt, auf dem Akkordeon begleitet von einem Schweinchen im rosa Tutu (Lara Buchsteiner), mit deren mehrerer vom Wahnsinn umzingelt.

Preisslers exemplarische Aufführung lässt das Stück in seiner Zeit. Marcus Ganser und Prinzipal Bruno Max haben für Schmidts schwarzhumorigen Volksstück-Psychothriller ein steril-tristes Bühnenbild erdacht. Eine weiß gekachelte Fleischerei, die von der Theke über die Eskimo-Kühltruhe bis zum Wandtelefon 1970er-Jahre atmet; auf einer Angebot-des-Tages-Tafel wird das „Leberkässemerl“ um 6,50 Schilling angepriesen. Doch die Parabel auf den „kleinen Mann“, der das Hackl, das das Leben ihm permanent ins Kreuz haut, endlich zwischen anderer Leute Schulterblätter versenkt, ist zeitlos. Weil’s, siehe jüngst Las Vegas, mit jedem jederzeit passieren kann. Arnulf ist aus dem Stoff, aus dem die Amokläufer sind, und „Ana hat immer des Bummerl“, Horst Chmelars Gassenhauer, die Begleitmusik durch seine patscherte Existenz. Georg Kusztrich ist als Arnulf fulminant. Im Infight mit sekkanten Kunden, einer liederlichen Lebensgefährtin und einem „besten Freund“, der das Vorhandensein von Feinden überflüssig macht, ist er der ewige Verlierer.

Einmal ein Glück im Leben haben: Georg Kusztrich und Leopold Selinger als Vokuhila-Haberer Heinz. Bild: Bettina Frenzel

Das Selbstbewusstsein steigt, das Opfer kommt in Klarsichtfolie: Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

Kusztrich changiert in der Rolle zwischen tief depressiv, dann wieder aufmüpfig-aggressiv, verletzt und verzweifelt. Er erschreckt mit der Vehemenz seines Spiels. Er gestaltet auf höchstem darstellerischen Niveau das Psychogramm eines „armen Würschtls“, das zum Psychopathen wird. Kaum zum Killer avanciert, fühlt sich Arnulf wie ein allmächtiger Erlösergott. Das Selbstgewusstsein wächst, der Mord mutiert für ihn zur Machtdemonstration, wird letztlich zur guten Tat. Dieser Briefträger mit seiner hirndepperten Frau hatte doch ohnedies keinen leidensfreien Tag! In einer Allmachtsfantasie sprudelt es aus Arnulf: „Endlich hob i wos gmocht wos nua i vasteh … Durch dein Tod bin i auf die Wöd kumman. I bin aus mia söba ausikrochen – du woast die Hebamm“. Und während er moralisch-menschlich ungerührt sein Opfer in Klarsichtfolie verpackt, singt er das Schubertlied. „Du bist die Ruh, der Friede mild …“

Mit Kusztrich agiert das bestens aufgelegte TzF-Ensemble. Christina Saginth spielt Arnulfs Freundin Hedwig in Ledermini und waffenscheinpflichtiger Bluse hart am Flitscherl. Die gefährliche Liebschaft ist im Betrieb für die Buchhaltung zuständig, eine Gefälligkeit, für die sie tief ins Fleischergeldbörsel greift. Ihr schließt sich Leopold Seliger als hinterlistiger Haberer Heinz (mit großartiger Vokuhila-Frisur und riesigem Proleten-Schnauzbart) an, der für einen beim Karate-Training einkassierten Gipsarm von Arnulf Schmerzensgeld haben will. Als der neue Arnulf ihn entlarvt, erkennt er ihn als einen „dea zittat nach innan wia a Lampelschwaf, oba noch außen tuat a wia da Tegetthoff am Proterstern“. Doch die Halbseidene und der Kleinkriminelle sind nur zwei aus der Menge der Peiniger – allesamt sind sie Menschen, die selber auf der Schattenseite stehen.

Hedwig träumt von der Heirat: Christina Saginth und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Doch der Kommissar hat die Spur aufgenommen: Georg Kusztrich und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Das macht vor allem Birgit Wolf als verteufelt redselige Kundin Frau Dalma deutlich. Von ihrem Mann offenbar gepiesackt, brodelt es unter ihrer in Loden gewandeten Biederfrau-Fassade nicht weniger als unter der Arnulfs, nur ist sie zum Ausbruch noch nicht bereit … Bernie Feit brilliert als penetrant seine Obrigkeit verströmender Innungsfunktionär Bunderit und als Behinderter, der Zeter und Mordio schreit, als ihm Arnulf unbedarft die Frage stellt: „Wie is‘n des, wann ma waaß, dass ma bleed is?“ In ihrer Art scheinen viele der Schmidt’schen Charaktere – dies freilich auch dank der Kostüme von Alexandra Fitzinger und der Maske von Gerda Fischer und Monika Krestan – einem der „Tatorte“ rund um Oberinspektor Marek und Bezirksinspektor Wirz entsprungen, und tatsächlich hat Schmidt für die erfolgreiche TV-Krimireihe geschrieben.

Direkt aus dem „Kommissariat 24“ kommt offenbar Karl Maria Kinsky als urig-gemütlicher Kommissar in die Buchengasse. Kinsky macht seine beiden Auftritte zum Kabinettstück, wunderbar die skurrile Szene, als er den Täter entlarvt habend, nun aber völlig überfordert und hyperventilierend nach seinen Kripo-Kollegen ruft. „Geh, na! Na!“, entschlüpft es ihm. Der Mörder gefasst? Soviel Action hat er echt nicht gewollt … Michael Reiter und Florian-Raphael Schwarz sind als Briefträger von ihrem Amt gezeichnet, der junge Studienabbrecher um nichts weniger, als der Dienstältere, dem die schwere schwarze Tasche bereits den Rücken krumm und die Füße platt gemacht hat. Der Pletterscheck und seine Weinerlichkeit – sie waren Grund genug, zuzuschlagen. Mehr braucht es oft nicht zur Brutalität. Die private Malaise verlangt nach einer Bluttat, in Revolverblättern täglich nachzulesen. „Die Fleischbank“ erzählt von einem Menschen, der sich nicht holen kann, was ihm zusteht … obwohl er immer getan hat, was richtig ist … Großer Applaus fürs ganze Team.

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  1. 10. 2017

Theater zum Fürchten: Eine italienische Nacht

Januar 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sozialdemokratie knapp vor der Sperrstunde

Beim Lehninger-Wirt sind zahlende Gäste jeder Gesinnung willkommen: Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Ob links oder rechts, beim Lehninger-Wirt sind zahlende Gäste jeder Gesinnung willkommen: Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Aus Zorn, sagt Bruno Max, hätte er Ödön von Horváths „Eine italienische Nacht“ auf den diesjährigen Spielplan genommen, aus Zorn über das Erstarken einer neuen unverschämten Rechten und der angesichts dieser Tatsache völlig versagenden Linken, die sich in Flügelkämpfen, Pfründe-Sichern, Status-Quo-Erhalten aufreibt, statt endlich Konzepte gegen ewig gestrige Geister zu entwickeln. Das Ergebnis von Bruno Max‘ Erbostheit hatte nun in der Scala Premiere – und es ist großartig.

Horváth versah seine Komödie mit der Zeitangabe „1930 bis ?“ und der TZF-Prinzipal lässt mit seiner Arbeit keinen Zweifel daran, dass dieses Fragezeichen jetzt ist. Er hat das Stück zur Stunde inszeniert, hat es auf den Punkt genau inszeniert, und es ist erschreckend, wie wenig er dazu in den Text eingreifen musste. Was Horváth vor 85 Jahren geschrieben hat, ist so gegenwärtig, dass es einen gruselt.

Die „italienische Nacht“ soll das Sommerfest einer Sektion Sozialdemokraten in einer Kleinstadt werden. Im Gastgarten vom Lehninger-Wirt will man feiern, tanzen, trinken, blöd nur, dass sich zum gleichen Zeitpunkt eine Gruppe Rechtsextremer angesagt hat, die zum „Deutschen Tag“ aufmarschiert. Die Parteijugend ruft zu Gegenaktionen auf, die saturierten Honoratioren kalmieren, „Ich stelle den Antrag, dass wir uns nicht stören lassen“, sagt einer. Ein Kriegerdenkmal wird demoliert, die Situation eskaliert. Plötzlich ist Kampf angesagt …

Den das Publikum auf Tuchfühlung mit den Schauspielern erlebt. Bruno Max und Marcus Ganser haben für die Aufführung eine Raumlösung erdacht, wie man sie von den bewährten und beliebten Dinner-Produktionen des TZF kennt. Die Zuschauer sitzen mitten im Wirtshausgarten rund um die Tische der Darsteller. Wein und Kracherl stehen bereit, und während einen der Wirt noch an seinen Platz führt, werden schon Anträge verhandelt und vertagt. Es gibt, wie sich’s gehört, eine Pawlatsche und ein Toilettenhäuschen, und auf dem Höhepunkt der Stimmung, kann’s einem passieren, dass man zur Polonaise aufgefordert wird.

Horváth rechnet in seinem Stück weniger mit der Rechten ab, als dass er die Linke schilt. Er stellt die demokratische Ohnmacht gegenüber einem faschistischen Fanatismus aus; was das anrichtet, hat er geradezu prophetisch vorhergesehen, dieses „Lasst die Republik ruhig schlafen“, dieses man lasse sich von „ein paar dummen Buben“ doch nicht provozieren. Die Buben sind Wiedergänger, sie schließen die Reihen und sie marschieren. Die Demo wird zur Bedrohung für die Demokratie, und während die Sozialdemokratie ihre Wahlverluste als von einem – Zitat Horváth – „feindlich gesinnten höheren Schicksal“ gesandt annimmt, wird alles für den Ausbruch des gerechten Volkszorns vorbereitet.

Die italienische Nacht fordert von den Sozialdemokraten vollen Einsatz: Georg Kusztrich, Jacqueline Rehak, Wolfgang Fahrner, Christoph Prückner, Christina Saginth und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Die italienische Nacht fordert von den Sozialdemokraten vollen Einsatz: Georg Kusztrich, Jacqueline Rehak, Wolfgang Fahrner, Christoph Prückner, Christina Saginth und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Die Parteijugend macht sich bereit zum Kampf gegen Rechts: Wolfgang Fahrner und Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Die Parteijugend macht sich bereit zum Kampf gegen rechts: Wolfgang Fahrner und Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Seine politische Fabel bevölkert Horváth mit vielschichtigen Figuren, die Bruno Max mit seinem Ensemble scharf konturiert hat. Entstanden ist so ein Panoptikum an Parteigängern, wie es real existierender kaum sein könnte. Georg Kusztrich gibt als selbstzufriedener, satter Stadtrat Ammetsberger die institutionalisierte Linke, Bernie Feit als Oberschulrat Betz die intellektuelle. Christoph Prückners Kranz ist der Typ leutseliger Mitgliedsbeitragsmarkenverkäufer, Marion Rottenhofers Engelbert ist korrektes Gendern wichtiger als der Widerstand gegen rechts. Komme was wolle, ihre Hauptsorge gilt dem Binnen-I.

Ganz anders da die nächste Generation Genossen. Wolfgang Fahrner ist als Martin ein aufrechter Marxist. Der Schauspieler, der nach „Brassed Off“ zum zweiten Mal für das TZF arbeitet, spielt sich mit seiner prägnanten und präzisen Darstellung des jungen Wilden in den Mittelpunkt der Aufführung. Und mit ihm Thomas Marchart als Martins von Hormonen gebeutelter bester Freund Karl, Claudia Waldherr als seine Freundin Anna und Jacqueline Rehak als Karls völlig unpolitische – Leitsatz: Völlig egal, wer uns regiert, es bescheißen uns ohnedies alle – Angebetete Leni.

Sie alle gestalten ihre Rollen mit großer Spielfreude, besonders auch Karl Maria Kinsky, der als Lehninger fürs abgründig Humorige sorgt. Sein Wirt ist ein Opportunist, dem es letztlich egal ist, wem er drei Bier verkauft. Mit Gelächter quittierte das Publikum die Szenen, in der sich die Sozialdemokraten bei ihm über die rechte Übernahme ihres Stammtisches beschweren und er seelenruhig die Nelken in den Tischvasen gegen Kornblumen tauscht. Dass sich die Zeiten ändern, entnimmt er den Sprüchen, die an die Häuslwand geschmiert werden – statt pornografisch nur noch politisch, das kann die Welt nur zum Schlechteren wenden.

Horváth zeigt eine Sozialdemokratie knapp vor der Sperrstunde. Nicht nur symbolisch, so lange will man nämlich im Gastgarten ausharren, will man, weil das schließlich auch die bewährte Proporzproblemlösung ist, die Faschos aussitzen. Die Frauen werden typisch horváthisch erst zu Opfern, dann zu Heldinnen. Martin schickt Anna auf den politischen Strich, sie soll die Wehrsportkameraden auskundschaften und wird dabei sexuell misshandelt. Ammetsberger behandelt seine Frau Adele wie einen Putzlappen, dabei wird sie es sein, die die Schreihälse in ihre Schranken weist. Christina Saginth gibt der Figur Profil, Leopold Selinger mit Kärntner Akzent den Kameradschaftsführer.

Am Ende bleibt alles beim Alten, heißt: beim Stadtrat. Er brüstet sich mit einem moralischen Sieg, der nicht der seine ist. Und Bruno Max entlässt einen in die Nacht mit der bangen Frage, wie lange diese Art von Wegschauen und ja nicht Hinhören Politik noch funktionieren kann, bevor rot gegen rechts endgültig den Kürzeren zieht.

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Wien, 15. 1. 2017

Scala: Moonlight & Magnolias

Januar 9, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie „Vom Winde verweht“ entstand

Hermann J. Kogler, Leopold Selinger, Bernie Feit Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler, Leopold Selinger, Bernie Feit
Bild: Bettina Frenzel

Diese Rezension wagt es, ein wenig privat zu sein. Weil das Stück so sehr gemocht wird. Weil der Film so sehr auf die Nerven geht. Wenn Mutter Bügelnachmittage hatte und ihr – weil sie ohnedies schon gereizzzzzt war – niemand die Auswahl der (damals noch) VHS-Kassetten aus der Hand nahm, lief er: „Vom Winde verweht“. (Oder „Die Dornenvögel“) Uäh! Immerhin: Die Hollywood-Schnulze aus dem Jahr 1939 nach dem Roman von Margaret Mitchell war mit fast vier Stunden Laufzeit seinerzeit der Film mit der längsten Spieldauer, außerdem mit etwa vier Millionen US-Dollar der teuerste Film überhaupt. Vom American Film Institute wurde er auf Platz 4 der „größten US-Filme aller Zeiten“ gewählt. Er wurde seit seiner Uraufführung mehrfach wieder in die Kinos gebracht und ist mit einem Einspielergebnis von an die 3,8 Milliarden US-Dollar bis heute das kommerziell erfolgreichste Werk der Filmgeschichte. Und nicht nur das: Auch „künstlerisch“ wurde die Schmonzette als auserlesen betrachtet: „Vom Winde verweht“ ging mit einer Rekordzahl von 13 Nominierungen in die Oscarverleihung 1940 und wurde mit zehn Oscars ausgezeichnet, darunter als Beste Nebendarstellerin Hattie McDaniel, mit der erstmals ein afro-amerikanischer Künstler die begehrte Trophäe gewann.

Und nun erlaubte sich Ron Hutchinson mit „Moonlight & Magnolias“ – ein Begriff, der den Sklavenhalter-Süden romantisiert und außerdem einem Zitat der Figur Rhett Butler entliehen ist – eine Hollywoodfarce über die Entstehungsgeschichte des Leinwandklassikers zu schreiben. Und die ist einfach großartig. Und derzeit in der Wien-Dependance des Theaters zum Fürchten, der Scala, in einer Inszenierung von Marcus Ganser zu sehen. Inhalt: Produzent David O. Selznick (Leopold Selinger) hat die Rechte für den Roman erworben und plant aus dem 600-Seiten-Wälzer den größten Film aller Zeiten zu machen. Clark Gable und Vivien Leigh sind schon besetzt, eine ganze Filmstadt ist gebaut und abgefackelt, die Presse hat Blut geleckt, viel Geld wurde investiert: das Ganze muss einfach der Jahrhundert-Erfolg werden, sitzt Selznick doch auch sein Schwiegervater Louis B. Mayer im Nacken. Drehbuchautoren und Regisseure wurden im Dutzend gefeuert. Nun droht die Jahrhundert-Pleite. Also sperrt sich Selznick fünf Tage lang mit seinem Starregisseur Victor Fleming (Hermann J. Kogler), der am Set vom „Zauberer von Oz“ gerade Judy Garland geohrfeigt hat, und Ben Hecht (Bernie Feit), Hollywoods bestem Drehbuch-Autor, in seinem Büro ein. Doch Hecht hat den Roman weder gelesen noch überhaupt Lust, sich mit diesem „Rassismus verherrlichendem Kitsch“ näher zu befassen, während in Europa der Zweite Weltkrieg vor der Tür steht. Also greift der Produzent zu drastischen Mitteln. Bei einer Bananen- und Erdnüsse-Diät, geliefert von Sekretärin Miss Poppenghul (Irene Halenka), spielen Fleming und er Hecht die Schlüsselszenen aus dem Buch vor …  Ron Hutchinsons rasantes „Making Of“ der legendären Südstaatenfrechheit ist ein so unglaubliches und aberwitziges Szenario, dass es glatt erfunden sein könnte – aber genau so wird die Story in Hollywood noch heute erzählt … vermutlich …

Was nach Klamauk klingt, ist es über weite Strecken auch. Slapstick folgt auf Handgreiflichkeiten. Filmemacher am Rande des Nervenzusammenbruchs. Der Wahnsinn sickert durchs Schlüsselloch. Ganser lässt dies alles in seinem Bühnenbild, einer Filmrolle, in die Selznicks Büro eingebettet ist, und mit einem Original-Wochenschaubericht beginnen. Doch ihm gelingt mit Bernie Feit etwas, das anderen Inszenierungen weniger am Herzen lag: das Herausarbeiten der „Rassenfrage“. Zwei Juden arbeiten angesichts Nazi-Deutschlands an einem Stoff, in dem das „Nigger“-Dienstmädchen von der Hauptdarstellerin einfach so geohrfeigt wird, in dem die Problematik Schwarz-Weiß in einem Traum aus Technicolor untergehen soll? Feit ist ganz wunderbar als Ben Hecht. Lakonisch macht er sich über den Inhalt, den er im Schnelldurchlauf verwursten soll, lächerlich. Ein Humanist, dem die rassenideologische Hetzjagd in Übersee nicht aus dem Kopf geht, gleichzeitig wie stets ein großer Komödiant, den der Scarlett liebt Ashley – der heiratet Melanie – die stirbt – Ashley liebt Scarlett trotzdem nicht – und mit Rhett hat sie sich’s auch verscherzt – Plot immer wieder vom Schreibmaschinenband wirft. Bis schließlich nicht nur das Hirn, sondern auch die Finger verknotet sind.

Die „Show“ stiehlt ihm diesmal Leopold Selinger, der als Selznick alle Register zieht. Er ist Enthusiasmus wegen Erfolgdrucks in seiner schönsten Ausdrucksform. Mit Kleiderbügel und Croissant spielt er Sezessionskrieg, Scarlett samt Dekolleté und was nicht noch alles, während Hermann J. Kogler alias Fleming, verschrien als „Riesenarschloch“ hinter der Kamera, abwechselnd die gebärende Melanie und das „dumme“ Dienstmädchen gibt. Er, der Realist, der Zyniker, der brutal ist bis zur Ehrlichkeit, sich aber, weil unter Vertrag, um den „Scheißdreck“ kümmern wird. Großartig! Der Abend wird mit zunehmender Verzweiflung seiner Protagonisten, die zwischendurch auch noch die Nöte ihres jeweiligen Berufs von den anderen therapiert haben wollen, besser und besser. Lachen, bis das Zwerchfell w. o. gibt. Auch Miss Poppenghul befindet sich angefangen bei der Frisur bald in Selbstauflösung. Irene Halenka macht aus der Rolle, die im Wesentlichen aus den Worten „Ja, Mr. Selznick“ besteht, ein Kabinettstück für sich. Höhepunkt der Körperarbeit ist aber eben jene Ohrfeigen-Szene, in der sich die Eingeschlossenen zum Watschn-Trio verwandeln, weil Hecht sie überhaupt streichen will, Selznick um die Burg nicht – und Fleming den besten Kamerawinkel für den Konflikt sucht. Verraten sei, dass Feit die meisten Tätschen kassiert …

Marcus Ganser hat aus einer heißgeliebten Klamotte Unterhaltung mit Haltung gemacht. Bravo. Wer die Aufführung bis jetzt versäumt hat, kann auf Scarlett O’Haras berühmt gewordene letzte Worte setzen: Morgen ist auch noch ein Tag.

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Wien, 9. 1. 2014