Werk X-Petersplatz: Geleemann

September 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gefangen im großen deutschen Sprach-Raum

Geleemann mal vier trägt seine Zellenwand mit sich: Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Sie tragen blaue Gefängnisuniformen, und die Art, wie sie sich gegenseitig vernehmen, weist sie als Häftlinge und zugleich Wärter aus. Sie tragen ihre Zellenwände vor sich her, zwei Darstellerinnen, zwei Darsteller, drei davon „Migranten“, und es ist Maria Sendlhofers den Abend eröffnendes Publikums-Spiel, wem man’s ansieht und wem nicht. Sendlhofer, im Werk X-Petersplatz zuletzt als Performerin in „Carrying A Gun“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=31561) zu erleben, hat nun ebendort „Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“ von Amir Gudarzi inszeniert – die Uraufführung eine Produktion von Andromeda Theater Vienna in Kooperation mit dem WERK X- Petersplatz, und mottingers-meinung.at zum Probenbesuch samt anschließendem Interview mit Regisseurin und Autor eingeladen.

Woher man komme und warum man hier sei, fragen Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović einander ab, Name? – Geleemann, dazwischen Gesten des Schutzes und der Abwehr, Größe? – eine gute handbreit überm jeweiligen Kopf. Der „Geleemann“, er von den Medien zu diesem gemacht, ist größer als man selbst, heißt das, und zugleich kann’s jede und jeder sein. Ja, lacht Maria Sendlhofer, als sie den Text zum ersten Mal las, dachte sie, „ich besetze das weißeste Milchbubi, das ich finde“ – oder eben so.

Amir Gudarzis Text ist so politisch wie poetisch. Wie sein Protagonist, der sich nicht als Einbrecher-Verbrecher, sondern als Dichter sieht. Da sitzt er nun in Untersuchungshaft, von den Zeitungen bereits als Vergewaltiger und Mörder vorverurteilt, Geleemann genannt, weil er sich vor seinen Taten einölte, klitschig machte, um nicht gefasst werden zu können. Den wahren Namen erfährt man nie. Der Mann ist iranischer Asylwerber, 2009 vor dem Regime in Teheran nach Österreich geflüchtet, festgenommen als Eindringling in die Schlafzimmer schlafender Frauen, auf der Suche, aus Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Geborgenheit. „Die Menschen sind nur im Schlaf nahbar“, sagt er, und dass er es nicht mehr ausgehalten hätte, das ständige „Wegsetzen, Wegschauen, weg da, du da, weg da“.

Via Video wird der Täter zum Opfer: Johnny Mhanna und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Simonida Selimović, Philipp Auer, Clara Schulze-Wegener und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Der virtuose Ghaychak-Spieler Pouyan Kheradmand begleitet den Abend musikalisch. Bild: © Alexander Gotter

Eine der vom Geleemann „besuchten“ Frauen bei der Aussage: Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Mal als Chor, mal als Einzelstimme sagt das Ensemble solche Sätze, je nach eigener Biografie mit je eigener Klangfarbe, mit großer Intensität alle vier. Auf den auch als Videowände verwendeten Paneelen wird aus Täter Opfer, gefilmt hinter Plexiglas, wo auch der virtuose Ghaychak-Musiker Pouyan Kheradmand sitzt, Täter zu Opfer auch auf der Spielfläche, wenn die Masse den einen angreift. Mit Fäusten und jenen rechtspopulistischen Formulierungen, die die Wählerschaft in die offenen Arme der Xenophobie treibt.

Was Amir Gudarzi verhandelt, vom Publikum fordert, ist nicht wenig. Sein Text thematisiert, assoziiert, analysiert, ist ein komplexes Konstrukt aus Rassismus und Stereotypen, Geschichte und Gegenwart, Bewusstsein und Verdrängung, von den Wiener Kurdenmorde von 1989, der NS-Vergangenheit Österreichs, dem Attentat von Oberwart bis zur Grünen Revolution im Iran von 2009, der Ermordung politischer Gefangener am Ende des Iran-Irak-Kriegs, von Berichten der hiesigen Boulevard-Presse bis zum heutigen Antisemitismus.

Polemisch lässt er den Geleemann über die Willkommenskultur der heimischen Hotellerie lästern, die sich allerdings nicht an Flüchtlinge, sondern an „die reichen Araber“ wendet, und es geht unter die Haut, wenn er über die unter Androhung von Sanktionen zu erlernende Sprache sagt: „Deutsch ist wie ein großer Raum, in dem man gefangen ist.“ Der Geleemann kam traumatisiert aus Teheran, wen schert’s?, er ist eines jener in den 1980er-Jahren im Foltergefängnis geborenen Kinder, von denen man selbst erst durch den Dokumentarfilm „Born in Evin“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=38221) erfuhr, wer weiß das schon? Wen interessiert der „Hurensohn“, der nach der Erschießung der Mutter im Hof ihr Blut wegwaschen musste?

„Worüber man schreibt, hat immer mit einem zu tun“, sagt Amir Gudarzi. Auf der Theaterschule in Teheran, dieser Grauzone des Dürfens, wo die Proberäume via Gucklöchern überwacht werden, mit 13, 14, hatte er einen Freund, dessen Vater, wenn er betrunken war, von der Ermordung der Oppositionellen unter Ayatollah Khomeini erzählte, die Mutter, Geschwister. Gudarzi floh, wie er es formuliert, „aus religiös-politischen Gründen“, seit 2009 lebt er im Exil in Wien, gewann den österreichischen exil-DramatikerInnenpreis und erhielt das Dramatikerstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts. Derzeit schreibt er an seinem Debütroman, schreibt, er muss schmunzeln, noch sind es viele Ideen im Kopf, darüber wie Politik der Privatheit in die Quere kommt.

Bild: © Alexander Gotter

Ein Wunschtraum vom Richtigstellen, den auch der Geleemann hat. „Steht er erst vor Gericht“, so Maria Sendlhofer, „glaubt er ein Plädoyer über Verdrängung und Verfälschung von Wissen und Gewusstem halten, und über die mediale Aufmerksamkeit, die Öffentlichkeit zum Ausleuchten der geschichtlichen und gegenwärtigen toten Winkel bringen zu können.“ Derweil wird’s auf der Spielfläche tumultuös, dem muslimischen Geleemann wird zur Gaudi der Jude David als Zellengenosse überantwortet, Vorurteile und Klischees prallen aufeinander, werden bedient und hinterfragt.

Schönster Satz zwischen den ihr Leid tragenden Tätern zum hiesigen Lieblingsmythos: „Hier gibt es nur ein Opfer – Österreich!“ Doch siehe, die Feindbilder beginnen sich anzufreunden, Philipp Auer und Johnny Mhanna spielen diese Szene über barbarische Regime, Millionen Tote, der Zweite Weltkrieg, die Besetzung durch Briten und Sowjets da wie dort, der offizielle Iran, der die Shoah ein israelisches Märchen nennt, die „Stolpersteine“, deren Inschriften der Geleemann in Wien gelesen hat. „Ein Mensch ermahnt seine Mitmenschen zum Hinschauen, aber wie steht es um seine Ignoranz?“, erklärt Sendlhofer das zu Sehende.

Und Gudarzi ergänzt: „Es geht um die Narrative und wer die Macht über sie besitzt. Wer kann komplexe Zusammenhänge vereinfachen, wer kann aus Leid Sensation machen, wer entscheidet, welche Nachricht sich gut verkauft und das Rennen um die Titelseite gewinnt?“ Was Regisseurin und Autor mit all dem in den Köpfen der Zuschauer festsetzen wollen? „Viele Fragen und keine Antwort“, lacht Sendlhofer. „Wir wollen herausfordern, weil das Publikum hier im Theaterraum jemandem, der ob seiner Tat verachtet werden müsste, zuhören muss.“ – „Wäre der Geleemann ein Österreicher, wäre er ein Einzelfall und würde psychologisiert“, ergänzt sie. „Aber so, heißt es wieder die …“

„Der Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“, exakt und ideenreich inszeniert, perfekt und mit Hingabe an die Figur gespielt, ist ein Stück, dem wohl niemand gleichgültig begegnen wird können. Es ist Gudarzis lyrische Einladung zur Selbstbefragung, zur Hinterfragung der oftmals von anderen vorgefertigten Bildern, die man in sich trägt, es ist Gudarzis Bitte, der eigenen Voreingenommenheit bewusster zu begegnen. In Tagen wie diesen ein wichtiger Text, umgesetzt in einer sehenswerten Aufführung.

Vorstellungen bis 2. Oktober.

werk-x.at           www.facebook.com/WERKXPetersplatz

  1. 9. 2020

Kosmos Theater: SHE HE ME

März 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein verpixeltes Gesicht bedeutet Gefahr

Platons Kugelmenschen, bevor Gott Zeus sie in zwei Hälften schnitt: Josef Mohamed, Alev Irmak und Sandra Selimovic. Bild: a.c.schiffleitner

Amahl Khouri beginnt bei den Kugelmenschen. Der Philosoph Platon legte den Mythos in seinem Dialog „Symposion“ einst dem Komödiendichter Aristophanes in den Mund, die Geschichte von den glücklichen drei Geschlechtern, männlich, weiblich, androgyn – deren Stärke Zeus zu fürchten begann, weshalb er sie in zwei Hälften zerschnitt. Seither, sagt die antike Legende, irren die Erdenkinder auf ebendieser herum, auf der Suche nach ihrer verlorenen Ganzheit …

„SHE HE ME“ heißt dieser Text, den Amahl Khouri, ein*e jordanische*r Autor*in und Theatermacher*in, schon als szenische Lesung an den Münchner Kammerspielen präsentierte; nun hat Regisseur Paul Spittler im Kosmos Theater kongenial die Uraufführung inszeniert. Über Jahre hinweg hat Khouri Gespräche mit Trans-, Inter- und Homosexuellen im arabischen Raum geführt, das Destillat daraus sind drei Figuren, Trans*mann, Trans*frau und eine non-binäre Person, Randa, Rok und Omar, dargestellt von Alev Irmak, Sandra Selimovic und Josef Mohamed. Und siehe, was in dieser erklärenden Einleitung nach bierernstem Proseminar in Sachen Genderproblematik klingt, entpuppt sich auf der Spielfläche als das genaue Gegenteil.

Rok erzählt der Mutter, dass sie als Mann leben möchte: Sandra Selimovic und Alev Irmak. Bild: a.c.schiffleitner

Omar wurde wieder einmal gedemütigt und geschlagen: Josef Mohamed. Bild: a.c.schiffleitner

Amahl Khouri hat mit diesem semidokumentarischen Stück eines geschrieben, das erschüttern und erheitern kann, die Sogwirkung des sprachmächtigen Skripts noch verstärkt durch das grandios intensive Schauspiel, das Komik und Tragik wunderbar in der Waage zu halten weiß. Khouris Kunst zwischen Witz und Wahnwitz der Situationen zu wechseln, verstehen der auch fürs Bühnenbild verantwortliche Paul Spittler und Modemacher Mael Blau optisch gekonnt umzusetzen. Mit Plüschtierberg und archaisch anmutenden Kostümen, diese allerdings in metallischen Pastellfarben. Derart changiert die Aufführung zwischen Körperperformance, Choreografie: Jasmin Avissar, Schattenspiel und den Videosequenzen von Oliver Stotz, zwischen Mutters theatralischen Brustschlägen, kuschelig-rosa Barbapapa und von Josef Mohamed frech verwendeten „Gay-Gesten“.

Zwischen Codes und Konnotationen und unverschämten Fragen zum Geschlecht – häufigst gestellte die, was man denn jetzt „da unten“ tatsächlich hätte. Denn während eine*r die Geschichte eines Charakters erzählt, schlüpfen die anderen beiden in die Rollen von Eltern, Brüdern, Polizisten, Imamen. Alev Irmak ist die algerisch-stämmige Randa, die vom Mann zur Frau werden will. Randa muss Hals über Kopf fliehen, Frau und Sohn zurücklassen, landet in einem libanesischen Männergefängnis, wird daraus befreit, kommt nach Wien, wo sie erstmals ganz als Frau in die Öffentlichkeit geht, und lebt nun in Schweden als politische Aktivistin – die erste Transsexuelle in einem dortigen Stadtrat. Was ihren Sohn betrifft, hofft sie, ihn vielleicht als „Witwe des verstorbenen Vaters“ eines Tages wiederzusehen.

Als Randa beschreibt Alev Irmak die beklemmende Begebenheit, wie sie es in der Inhaftierung, ständig sexuell bedrängt von den Mitinsassen, ohne Kopfbedeckung nicht wagt zu beten – bis ihr ausgerechnet Schwestern vom Orden der Mutter Teresa ein Tuch bringen. Als Roks Mutter wiederum liefert sie Stoff für die humorvollsten Szenen des Abends. Sandra Selimovic spielt den aus dem Libanon kommenden Rok, der seiner Familie zu versichern versucht, dass er sich als Mann fühlt. Ein Schritt, der erst gelingt, nachdem Rok zum Vater nach New Jersey auswandert. Als er die Mutter nachholt, gibt sie sein Geschlecht auf und sich Netflix hin.

Während Rok es ablehnt, sich zu verhüllen …: Sandra Selimovic und Josef Mohamed. Bild: a.c.schiffleitner

… ist Randa erleichtert, als sie im Gefängnis endlich ein Kopftuch erhält: Alev Irmak mit Josef Mohamed und Sandra Selimovic. Bild: a.c.schiffleitner

Neben Diskriminierungen und Drohungen, Schmach und Schande, befasst sich „SHE HE ME“ unter anderem auch mit dem schwulen Sexismus, mit der permanenten Selbstdisziplin Betroffener, mit dem Normierungsdruck. Das Bühnen-Trio wirft sich gleich übermütigen Kindern ins Teddybär-Gewimmel und rennt verzweifelt gegen die Wände an. Doch mehr Frei-Raum gibt es für sie nicht. Josef Mohamed sagt als schwuler Omar, sein Bruder würde ihn an der mentalen Hundeleine Gassi führen. Als jordanischer Ministersohn ist Mohamed entzückend.

So schön, wie der ägyptische Gesangsstar Oum Kulthoum will er sein, vor Klassenkameraden führt er exaltierte Fashionshows auf – und wird deshalb verprügelt. Nicht nur unter den Angehörigen stößt er auf Ablehnung bis hin zur Morddrohung, auch die Flucht in die homosexuelle Szene ermöglicht ihm kein Ausleben seines Selbstbildes, weil dort ebenfalls Erwartungen punkto Geschlechterrollen an ihn herangetragen werden. Was „SHE HE ME“ in diesen Momenten deutlich macht, ist, dass das Wesen eines Menschen ohnedies nur außerhalb seiner Biologie erfahrbar ist.

Am Ende folgt eine utopische Geburt, die Frage an die/den Doktor*in: „Was ist es denn?“ und die Antwort: „Da müssen wir warten, bis es sprechen und es uns mitteilen kann.“ Am Ende sieht man auf den Leinwänden die wirklichen Randa, Rok und Omar – eine Frau mit rotgetöntem Bob im Auto, einen Mann mit feschem Drei-Tage-Bart und fester Freundin, ein Gesicht verpixelt. Das macht unsagbar betroffen, weil man nachvollziehen kann, was das für Omars Leben bedeutet. Nämlich: Gefahr.

www.kosmostheater.at

  1. 3. 2019