Theater in der Josefstadt: Sieben Sekunden Ewigkeit

Januar 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik brilliert in Peter Turrinis Monolog

Sandra Cervik inmitten der Hedy-Lamarr-Schaufensterpuppen. Bild: Sepp Gallauer

Sandra Cervik inmitten der Hedy-Lamarr-Schaufensterpuppen. Bild: Sepp Gallauer

Die Bitte, auf der Bühne an einen Police Officer in Florida gerichtet, erfüllten ihr tatsächlich ihre Kinder Anthony und Deedee. Sie verstreuten zumindest einen Teil der Asche ihrer Mutter Am Himmel im Wienerwald, den anderen Teil setzten sie in einem Ehrengrab am Zentralfriedhof bei. So verhält es sich mit Peter Turrinis Monolog „Sieben Sekunden Ewigkeit“, der am Donnerstag unter großem Jubel im Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht wurde:

Dichtung und Wahrheit. Turrini nähert sich in seiner jüngsten Arbeit dem Phänomen Hedy Lamarr. Lange schon ist der Dichter von dieser Frau fasziniert, die sich bei ihm selbst als die schönste und gleichzeitig klügste der Welt bezeichnen darf. Sein Stück bewegt sich eng entlang der Biografie der Hollywoodschauspielerin und Erfinderin, und ist gleichzeitig weitergreifend eine Folie, auf der er Zeitgeschichte und Themen zur Zeit spiegelt.

Hedy Lamarr wurde 1914 als Hedwig Kiesler in Wien in bessere Kreise geboren. Sie heiratete den wesentlich älteren Waffenfabrikanten Mandl, der Geschäfte mit den Nazis machte, ging ihm durch und in die USA, wurde von Louis B. Mayer unter Vertrag genommen und ein Filmstar. 1942 entwickelte Lamarr eine Funkfernsteuerung für Torpedos. Dieses Frequenzsprungverfahren sollte es den Feinden der Alliierten unmöglich machen, deren Geschosse aufzuspüren. Es wird heute immer noch in der Mobilfunktechnik verwendet.

Doch nicht an diesem großen Wurf wurde die Lamarr stets gemessen, sondern an eben „Sieben Sekunden Ewigkeit“. So lange dauert ihre Nacktszene im Film „Ekstase“ von 1933. Da huscht sie völlig unbekleidet durch einen Wald – als erste Frau, die sich jemals hüllenlos vor der Kamera zeigte. In Stephanie Mohrs Inszenierung läuft diese Sequenz als Hintergrundkulisse. Immer und immer wieder. Vorne eine fulminante Sandra Cervik. Turrini hat ihr den Text auf den Leib geschneidert und sie spielt ihn mit vollem Körpereinsatz; mit Perückenunterziehhaube und im Fatsuit macht sie aus dem Monolog den wütenden Verzweiflungsschrei einer derangierten, einer ausrangierten Diva.

Mit viel Ironie gestaltet Cervik ihre Rolle ... Bild: Sepp Gallauer

Mit viel Ironie gestaltet Cervik ihre Rolle … Bild: Sepp Gallauer

... einer Frau, die ebenso schön wie klug war. Bild: Sepp Gallauer

… einer Frau, die ebenso schön wie klug war. Bild: Sepp Gallauer

Im Jahr 2000 ist Lamarr verstorben; bei Turrini blickt sie vier Jahre vorher auf ihr Leben zurück, erzählt es einem imaginären Gesetzeshüter, der sie alkoholisiert im Straßengraben aufgelesen hat, nicht ahnend welchen Schatz er da birgt. Im Bühnenbild von Miriam Busch kriecht Cervik über die Planskizzen von Lamarrs Erfindung. Sie ist umringt von einem guten Dutzend Schaufensterpuppen, sie zieht sie aus, um sich ihre Verkleidungen anzuziehen, diese vielen Rollen, in die „die Frau“ zu schlüpfen und dabei immer schön zu sein hat. Cervik stattet die Figur mit einer gehörigen Portion Ironie aus. Sie macht sich lustig über den Schönheits- und Jugendwahn, der längst nicht nur die Traumfabrik befallen hat.

Und während sie im einen Moment über Versuche zur Selbstoptimierung zynisch lacht, wird sie im nächsten ernst, wenn sie über Pogrome in Russland und den Faschismus in Deutschland und Österreich spricht. Turrinis Text springt zwischen den Jahreszahlen und zwischen den Emotionen. Wie ein Kaleidoskop dreht sich sein Stück um die Beschreibungen und Zuschreibungen, mit denen er sein literarisches Geschöpf zu fassen sucht.

Dass die Lamarr in der Regie von Max Reinhardt einmal auch am Josefstädter Theater auftrat, ist eine Anekdote, die sich der Dramatiker nicht entgehen lassen konnte und die das Publikum mit einem Lachen bedankt. Das erprobte Team Mohr-Cervik zeigt sich mit dieser Aufführung erneut von seiner besten Seite. Stephanie Mohr hat Sandra Cervik sehr präzise und prägnant in Szene gesetzt; es ist stets die Stärke der Regisseurin ihre Schauspieler schillern zu lassen – und so tut’s die Cervik auch diesmal. Am Ende gab’s viel Applaus für alle Beteiligten und einen glücklich gerührten Peter Turrini. Die Josefstadt setzt ihren Erfolgskurs der Ur- und Erstaufführungen fort; weiter geht es am 2. Februar mit Daniel Kehlmann und seinem „Heilig Abend“.

Video: www.youtube.com/watch?v=xXzBjcKggOk

www.josefstadt.org

Wien, 13. 1. 2017