Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport

Januar 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Du musst das halt in meinem Sinn machen …“

„Du musst das halt in meinem Sinn machen“, trägt Thomas Bernhard seinem Halbbruder und gleichzeitig be­handelnden Arzt Peter Fabjan auf, als er spürt, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Und der sieben Jahre Jüngere gehorcht und übernimmt die Verantwortung für das literarische Erbe, „deine zweite Karriere“, wie Bernhard ätzt – wie Fabjan es immer getan hat, von Jugend an, wenn ihn der Ältere brauchte.

Den anderen galt er als „der liebe Bruder“, Fabjan selbst sieht sich eher als „Helfer in der Not“. Oft genug fand er sich in der Rolle des Chauffeurs und dienstbaren Geistes wieder, der am Nebentisch saß, während der Bruder mit Persönlichkeiten aus Politik und Kunst parlierte.

„Einmal sagte er: ,Ich will nicht, dass ihr beide (gemeint waren wir Geschwister, also Susi und ich) nach mir einmal über mich befragt werdet und was erzählt. Darum schreibe ich meine Autobiographie. Man weiß ja sonst nicht, woher bei mir das alles kommt.‘ Dennoch kann ich vielleicht etwas zum ,Woher‘ beitragen“, so Peter Fabjan. Der seine Erinnerungen über ein Dasein, besonders auch eines im

Schatten dieses großen österreichischen Autors nun doch noch in einem Buch zusammengefasst hat. „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport“ erscheint heute, pünktlich zu Thomas Bernhards 90. Geburtstag am 9. Februar. Fabjan berichtet darin von den vielfach belasteten verwandtschaftlichen Verhältnissen, die aus Bernhards Werk bekannte „verwunschene Familie“, über die Fabjan im Unterschied zum Bruder „nie den Druck verspürte, diese Menschen in fiktive Figuren zu verwandeln, um sie ,loszuwerden‘“. Von der Kriegskindheit, vom Großvater mütterlicherseits, dem Salzburger Dichter Johannes Freumbichler, von der ledigen Mutter Herta und Bernhards langanhaltenden Verlassenheitsängsten.

Von Peters Vater Emil Fabjan, der vom anstrengenden Stiefsohn mehr als von den anderen beiden Kindern Gehorsam einforderte, schließlich von Thomas Bernhards Freundin und Vertrauter Hedwig Stavianicek. Von gemeinsamen Reisen in die USA, nach Portugal oder Polen, fabelhaft die Anekdote vom Übernachten auf dem Sofa des Warschauer Lyrikers Stanisław Jerzy Lec im Jahr 1964. Am Ende von seinen Bemühungen um den von langer und schwerer Krankheit gezeichneten Patienten. In dessen letzten Jahren sich Fabjan, Bernhard war zu diesem Zeitpunkt schon von Ohlsdorf nach Gmunden übersiedelt, im Haus gegenüber einquartierte.

Entstanden ist so der intime Einblick eines „lebenslang stummen Begleiters“ ins – so weit möglich – Innerste eines, der von sich einerseits sagte „Ich bin immer ein Störenfried geblieben“, andererseits „Ich bin der kleine Vogel, der im finsteren Wald schreit“. Und schön zu lesen ist, wie dieser vom anderen gewisse Sprachgewohnheiten angenommen hat – „Er würde das wahrscheinlich völlig unnötig finden und dazu überhaupt keinen Bezug haben, nicht“, „Ich schreibe mir auch gar keine künstlerische Ader zu, – eine intuitive schon, denn die brauchen Sie als Arzt auch, nicht.“ Nicht?

„In einem Gespräch mit dem Journalisten Kurt Hofmann im Haus in Ottnang antwortete Thomas Bernhard auf die Frage, was für ein Verhältnis er zu seinem Bruder habe: ,Na, ein brüderliches. Das ist so sporadisch, normal, und dann ist es so konträr. Eigentlich sehr angenehm. Nachdem man so verschieden ist, gibt’s keine Probleme. So ist das‘“, so Fabjan – und zwischen den Zeilen über Bernhards Distanz- wie Schutzbedürfnis meint man durchaus ein Leiden daran zu lesen.

„Wir Geschwister erlebten unseren Bruder früh eifersüchtig und als Meister im Demütigen. Unsere Zuneigung durften wir ihm nicht schenken, sie wurde verlangt und musste ein Leben lang bewiesen werden. Eine schwierige Situation“, formuliert Fabjan, und weiter: „Er war unfähig, Dankbarkeit zu zeigen. Im engeren Freundes- und Familienkreis war er besonders verletzlich und abweisend, wechselte schnell zwischen Zuwendung und eisiger Verachtung. Bisweilen gab er sich mitfühlend, begleitet von Belehrung, dann wieder zeigte er Interesse, ja Neugierde. In heiklen Situationen gab er sich als Kind, das Rücksicht in Anspruch nehmen darf, von einem Gegenüber, das zumeist weiblich war und wesentlich älter. Außerhalb des vertrauten Kreises galten Angriff und Provokation als beste Verteidigung …“

Sagt Fabjan über den „Dichterschauspieler“ und seine „in Gesellschaft gern wechselnden Gesichter“: „Er trat als Clown auf oder war von tiefem Ernst, sein Spektrum reichte von anerkennender Liebenswürdigkeit bis zu tiefem Hohn. Jeder Tag war eine gelebte Inszenierung. Wo immer er sich befand, stand er im Mittelpunkt: unterhaltend durch Witz, Kritik und unerschöpfliches Assoziationsspiel. Er war von sicherem Geschmack … sein Charme war legendär.“ Welch ein Satz von Peter über Thomas, dass das „eigene Leben in ihm schon in frühester Kindheit erstorben“ sei.

Aus dieser Kindheit schildert Fabjan einige Szenen, so auch diese aus dem Jahr 1950: „Mein Aufsatz in Deutsch, der die elende häusliche Situation nach dem Tod der Mutter zum Thema nimmt – ein erster Versuch der Bewältigung von Erlebtem durch Schreiben –, wird vom Lehrer als vorbildlich gesehen und soll von mir vorgelesen werden, was ich ablehnen muss. Thomas sieht ihn als nicht zulässig an.“ Dies Bezwingen mittels Sprache gestand der Argwöhnler, der später seine Kindheit und Jugend in fünf Teilen (Die Ursache, Der Keller, Der Atem, Die Kälte, Ein Kind) verarbeitete, schon damals „naturgemäß“ nur sich selbst zu; Fabjan: „Das bösartige Kind in ihm blieb dabei zeitlebens lebendig.“ Er lernte früh, auf die Thomas’schen Ausbrüche von Jähzorn „keinesfalls mit spontaner Gefühlsreaktion zu antworten“.

Jede Bernhard-Leserin, jeden -Leser werden Peter Fabjans fragmentarisch aneinandergereihte Erinnerungen faszinieren. Er kann berichten, was kein anderer so unmittelbar nah miterleben konnte. Etwa von Telefonaten zwischen dem Vater und „Frau Stavianicek, die auf seinen Wunsch, Thomas zu sprechen, gemeint habe: ‚Worum handelt es sich denn?‘ Er war inzwischen zu ‚ihrem‘ Thomas avanciert. Darauf sein empörtes Insistieren mit erhobener Stimme: ‚Ich möchte den Thomas sprechen !!!'“

Den Thomas, über Thomas Bernhard sprechen – das mutet in manchen Kapiteln gar tragikomisch an. Auf einer allein unternommenen Reise durch Sizilien lernt Peter Fabjan einen dort schon lange ansässigen Deutschen kennen: „Ich werde in die Privatwohnung eingeladen und erzähle bei erlesenem Essen und Wein bis in die tiefe Nacht – von Thomas.“ Letztes Zitat, eine in die Aufzeichnungen aufgenommene, undatierte Notiz, die Bände spricht über die Bruderliebe zum übermächtig-berühmten. Dies soll als Leitsatz fürs Buch gelten: „Wenn Thomas nicht mehr lebt, werde ich meine Zuneigung viel stärker empfinden, als er es mir heute erlaubt.“

Über den Autor: Peter Fabjan, geboren 1938 im bayrischen Traunstein, studierte Medizin in Wien und war bis 2001 als Internist tätig. Nach Thomas Bernhards Tod übernahm er die Betreuung des Erbes seines Halbbruders. Er gründete das Thomas Bernhard Archiv, die Thomas-Bernhard-Privatstiftung und die Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft, deren Ehrenpräsident er ist. Peter Fabjan lebt in Gmunden in Oberösterreich.

Suhrkamp Verlag, Peter Fabjan: „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport“, 240 Seiten. Mit zahlreichen, teilweise bisher unveröffentlichten Abbildungen.

www.suhrkamp.de           thomasbernhard.at

  1. 1. 2021

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

April 8, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der neue Roman der Bachmann-Preisträgerin 2019: Eine tröstliche Tragifarce über Resozialisierung

Arthur sitzt der Frau vom Amt gegenüber. Gesundheitscheck wegen des Therapieplatzes. Befragt nach Hobbys, Sport, Alkohol, Drogen … antwortet Arthur: „Ich bin nicht wirklich Raucher, ich leihe mir nur ab und zu Zigaretten. Oder ich kaufe sie, aber hauptsächlich, um nicht auf andere angewiesen zu sein.“ – „Aha“, sagt Gerhild Rothenberger und notiert etwas. „Ihre sozialen Beziehungen sind also abhängig vom Vorhandensein Ihrer Suchtmittel.“

Das ist die Art Galgenhumor, mit der Birgit Birnbacher ihren neuen Roman „Ich an meiner Seite“ spickt. 2019 für ihren Prosatext „Der Schrank“ mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, versteht es die Salzburger Schriftstellerin auch ihr aktuelles Buch als Mikrostudie von Lebensverhältnissen anzulegen. Mit ihrer knisternden, ergreifenden, manchmal auch gnadenlosen Sprache erzählt sie nach dem realen Vorbild „eines Menschen, der bereits war seine diesbezüglichen Erfahrungen mit mir zu teilen“, von einem 22-jährigen Zufallskriminellen.

Arthur, der gerade 26 Monate Gefängnis hinter sich gebracht hat. Nun soll er nach dem Willen ebendieser in der Gesellschaft wieder Fuß fassen, in der WG „Weitermachen e. V.“ mit

anderen jungen Ex-Straftätern und einem eher eigenwilligen Psychopädagogik-Projekt, dem „Starring“-Prinzip, Starring von Star, heißt: man entwirft sich selbst als Hauptfigur, als Held, als ureigene Optimalversion, und lässt diese sich in brenzligen Situationen „spielen“. Die Rolle „Ich“, die instagramig weichgezeichnete, weltläufige, weitaus klügere als Retter in der Not der Behörden- und Bewerbungsgespräche, die auf einen Haftentlassenen zukommen. Die sich das ausgedacht haben sind das grandiose Gegensatzpaar in Birnbachers Panoptikum, Betty Bergner und Konstantin Vogl, sie das Hirn, er das Herz einer Uni-Studie, sie pedantisch-penible akade- mische Aktenanlegerin, er abgefuckter Bewährungshelfer mit sehr speziellem Rechtsverständnis und Spitzname Börd, gemeinsames Credo: „Nicht, wer wir sein wollen, ist entscheidend, sondern wen wir darstellen können.“

Beim bärbeißigen Börd, Markenzeichen vorabendliche Alkoholfahne, abgeschmierter Arbeitsmantel, weil Wohnort eine aufgelassene Autowerkstatt, weiß Arthur und mit ihm der Leser nie, woran er ist. Birnbacher zeichnet mit Verve einen Bessere-Zeiten-gehabt-Charakter, der bald zum Stützpfeiler im Leben seines Schützlings wird. Man mag einander, Arthur, weil „es angenehm ist, mit Börd unterwegs zu sein. Immer fällt Börd unangenehmer auf als er selbst.“ Mit Börd dreht Birnbacher ihr Coming-of-Age-Resozialisierungsdrama, denn die Momente, die einem die Luft abschnüren, in denen ein Mensch ohne die richtigen Papiere kein Mensch ist, hat der Roman durchaus, zur skurrilen Tragifarce. Börd, immer lässig und leicht daneben, wiewohl die Autorin auch seinen holprigen Lebensweg in Andeutungen enthüllt, der sich von seinen Klienten nicht vollraunzen lassen will, und sie deshalb veranlasst, was sonst die Sitzung mit dem Therapeuten wäre, lieber solo auf Tonbänder zu sprechen.

Zum Zwecke einer „Dokumentation“, die freilich gar nicht existiert, Arthurs Aufnahmen aber ein zeitversetzter zweiter Handlungsstrang, ein Was-bisher-Geschah von der Jugend bis zur Justizanstalt. Derart erfährt man von einem stillen Kind, „das Räume leise betritt und trotzdem alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Als ginge eine stumme Spannung von ihm aus, die es niemandem mehr erlaubt, sich zurückzulehnen. Immer ist er vielen voraus. Denkt schneller und schweigt dann, bis sie soweit sind. Aber die Ungeduld sieht man ihm an den Fingerknöcheln an. Ins Gespräch kommen die wenigsten mit ihm.“ So wird’s auch bleiben. Der Vater haut ab, die Mutter zieht Arthur und Bruder Klaus in der – was Raum und Geist betrifft engen – Bischofshofener Eisenbahnersiedlung auf, bis Georg auftaucht und mit ihm Pläne für ein Luxus-Sterbehospiz in Andalusien.

Arthur arrangiert sich mit dem Staaten- und sozialen Schichtwechsel, Klaus kehrt der Familie den Rücken, aus Arthur, Milla und Princeton, die beiden ebenfalls verpflanzte und umso mehr verwöhnte Rich Kids, wird eine pubertätsgepeinigte ménage à trois. Es kommt während eines bekifften Bootsausflugs zu einem tödlichen Badeunfall, der aus der Bahn geworfene Arthur flüchtet zurück nach Österreich, Wien diesmal, wo der wohlstandsverwahrloste Geschäftsführerinnen-Spross aus Geldmangel zum Phishing-Betrüger mutiert.

Das alles beschreibt Birnbacher nicht so linear wie hier. Beinahe zwei Drittel der Seiten bleibt unklar, wer, was, wie, während sich die Abwärtsspirale in den Rückblenden immer rasanter dreht, in einer Gefängnisvergewaltigung gipfelt, und sich im Jetzt und Heute die Endlosschleife abgelehnter Bewerbungen und erfolgloser Wohnungssuche wie eine Schlinge um Arthur zusammenzieht. Anschaulich, spannend, nachvollziehbar wird das geschildert. Arthurs Traumatisiert-Sein, seine Panikattacken aus der Hinter-Gitter-Zeit, seine akute Angst nach Ablauf seines Jahres in der „Maßnahme“ ohne Schutzschirm und wieder im freien Fall zu sein.

Bild: pixabay.com

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Ein Glück. Birnbacher vergisst aufs Tröstliche und Komödiantische nicht. Sie beherrscht Sprache in subtilsten Nuancen, kann’s von spitzfedrig bis superempathisch, wechselt im Wortumdrehen zwischen den emotionalen Aggregatzuständen ihrer Figuren, die namenlos bleibende Wendy-Mutter ist ein hingeschriebenes Kabinettstück, Arthurs WG-Zimmergenosse Lennox, Börds „Musterschüler“, weil er sich vom Dealer zum Game-Erfinder gemausert hat, rührt mit seinen hochneurotisch-verzweifelten Versuchen seinen Koks-Kumpels zu entkommen.

Birnbacher ist ihren literarischen Geschöpfen spürbar zugewandt, sie ist scheint’s das erzählerische Commitment eingegangen, anständig mit ihnen umzugehen und auch den größten Loser nicht auflaufen zu lassen. Sie holt selbst kleinste Randerscheinungen in die Mitte des Geschehens und bietet ihnen den Platz, ihr Dasein, wenn auch nur kurz, zu entfalten. Mit großer Sensibilität, viel Gespür fürs Zwischenmenschliche und einer angenehmen autorlichen Zurückhaltung befühlt sie deren Schicksale. Und nimmt sich ungeniert den Freiraum, abseits eines sonst oft bemühten und spröden Sozialrealismus, die schiefe Bahn, über die ihr Personal rutscht, für den Leser zur himmelhoch-erdenschweren Seelenschaukel zu machen. Ihr Tonfall – eine Lakonie, die den Text locker lässt und trotz des Themas, dem Thema zum Trotz jede Moralinsäure verunmöglicht.

Bei Weitem kein Rand-, obgleich ein Phänomen ist „la famosa Grazetta“, die Arthur als Patientin des stief-/elterlichen Hospiz‘ kennenlernt, viel zu kurzes Kleid, Glitzerjäckchen in Knallblau-getigert, spindeldürr, schwer geschminkt mit schwarzen Oberlidbalken, „Kleopatra, denkt Arthur, Nofretete“, auf dem Boden hingestreckt, weil mit dem Rollator ausgerutscht, gewesene Schauspielerin und immer noch in allen Kulissenfarben schillernd, die in Wahrheit gutwienerisch Maria Meischberger heißt, und die bald der Dreh- und Angelpunkt in Arthurs Existenz wird.

Sie gibt im Roman eine famose Abschiedsvorstellung, während sie den Allzu-Kindgebliebenen in das Erwachsenendasein einschult, und als gar nicht so gutes Herzerl den tatsächlich vom „Scheißpech“ Verfolgten, dem sie nach Wien nachreist, wo sie samt 24-Stunden-Pflegerin im Bristol residiert, von seiner Verpflichtung zur „Scheißehrlichkeit“ entbindet, wegen derer er kein Praktikum kriegt. So mäandert Börds Starring-Methode ihrem Ende entgegen, zwischen neonbeleuchteten Sandler-Ausspeisungen und in Stadtrandbrachen irrlichternden Schmalspurganoven, wobei’s erst zum Showdown, dann zum unerwartet versöhnlichen Familienfinale kommt.

Börd ist mit seiner Therapie gescheitert – und auch nicht. Mehr und mehr widerspricht ihm Arthur, widerlegt Bettys wissenschaftlichen Ansatz. „Er, so hat er sich Betty gegenüber einmal ausgedrückt, sei durch all dieses Hauptfiguren-Getöse eben nicht seiner Vorbildfigur nähergekommen, sondern vor allem sich selbst. ,Es kommt mir so vor‘, hat Arthur zu Betty gesagt, ,als habe gegen euer allzu großes Einwirken eine Verteidigung meines Selbst begonnen. Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig und allein ich an meiner Seite.‘“

Über die Autorin: Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Soziologin und Autorin in Salzburg. 2016 erschien ihr Debütroman „Wir ohne Wal“, sie wurde unter anderem mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung, dem Rauriser Förderungspreis und dem Theodor Körner Förderpreis ausgezeichnet. 2019 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Zsolnay Verlag, Birgit Birnbacher: „Ich an meiner Seite“, Roman, 272 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay

8. 4. 2020

Martin Suters „Die dunkle Seite des Mondes“ im Kino

Januar 11, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Moritz Bleibtreu besticht mit radikaler Performance

Moritz Bleibtreu Bild: © Felix Cramer

Moritz Bleibtreu
Bild: © Felix Cramer

Die Bücher des Schweizer Erfolgsautors Martin Suter werden von Film und Fernsehen gern und mit wechselndem Erfolg als Vorlage verwendet. Zwei seiner Werke aus der „neurologischen Trilogie“ hatten es ja schon auf die Leinwand geschafft, während Francis Girods Verfilmung von „Ein perfekter Freund“ allerdings nur in Frankreich zum Hit wurde, erlangte „Small World“ von Bruno Chiche dank Superstar Gérard Depardieu als Demenzpatienten internationale Anerkennung. Nun also kommt am 15. Jänner „Die dunkle Seite des Mondes“ ins Kino, der Titel eine Anspielung auf das Pink-Floyd-Album, von dem Suter sagt: „Es ist bis heute eines meiner liebsten. Und die Musik war zu ihrer Zeit eine treue Tripbegleiterin in der Szene.“

Der deutsche Regisseur Stephan Rick übernahm den Arbeitsauftrag vom ursprünglich vorgesehenen Oliver Hirschbiegel und adaptierte die Geschichte eines Anwalts, dessen Leben sich nach einem durch halluzinogene Pilze ausgelösten Rausch radikal ändert, für die Leinwand. Der Film präsentiert sich als rasanter Psychotrip, der den Zuschauer von der ersten Minuten an in seinen Bann zieht. Die Spannung ist von Anfang an hoch, doch Rick versteht es, die Spirale immer noch weiter anzuziehen. Dass das gelingt, ist nicht zuletzt das Verdienst von Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu, der eine beeindruckende Performance abliefert.

Bleibtreu spielt den Wirtschaftsanwalt Urs Blank. Dieser ist der unangefochtene Star auf seinem Gebiet. Er ist erfolgreich, hat Geld und die für ihn perfekte Frau (Doris Schretzmayer). Der Selbstmord eines Geschäftskollegen wirft Blank jedoch aus der Bahn. Er fängt an, sein bisheriges Leben in Frage zu stellen. Vielleicht auch deshalb fühlt er sich so zu Lucille (Nora von Waldstätten) hingezogen, die ihm mit ihrem alternativen Lebensstil eine ganz neue Welt eröffnet – und ihn mit magic mushrooms verführt. Mit Folgen für Blank, denn nach diesem Abenteuer verändert sich seine Persönlichkeit. Seine dunkle Seite kommt zum Vorschein. Zunächst fast unbemerkt, dann mit unbarmherziger Macht brechen lang unterdrückte Aggressionen aus ihm heraus. Und machen den zivilisierten Anwalt zum instinktgetriebenen Individuum, verwandeln den Dr. Jekyll in Mr. Hyde. Zutiefst verunsichert von seiner Wandlung flüchtet sich Blank aus seinem alten Leben in den Wald, um dort nach einem Gegenmittel für den missglückten Selbstversuch zu suchen. Doch für seinen Geschäftspartner Ott (Jürgen Prochnow) ist der unberechenbare Blank eine tickende Zeitbombe geworden. So wird er zum Gejagten – und sein Kampf um seine Rückkehr zum Wettlauf um sein Leben …

Bleibtreu begibt sich auf eine darstellerische Tour de Force. Sein Urs Blank ist so sensibel wie brutal, funktioniert als Mörder ebenso wie als Liebhaber. Die Ambivalenz, die der Schauspieler der Suter’schen Figur gelassen hat, macht den großen Reiz des Films aus – und zeigt einmal mehr, wie vielfältig er in seinem Spiel sein kann. Ließ der Autor seinen Roman schon zwischen Psychothriller und Psychogramm eines Mannes in der Midlife-Crisis, zwischen Horror- und -märchen changieren, so tut dies Bleibtreu mit seiner Rolle erst recht. Da hat einer Schubladen souverän und mit so großer Kraft zugeschlagen, dass sie von keinem Katalogisierer mehr zu öffnen sein werden!

Jürgen Prochnow hatte in seiner beeindruckenden Karriere zweifellos schon bedeutendere Rollen, als die des Ott, doch ist es wie immer erfreulich, den Boot-Star wieder einmal im Kino zu sehen. Als eiskalter, unberechenbarer Machtmensch überzeugt Prochnow selbst in seinen seltenen Momenten. Er ist nicht nur erbitterter Gegner Blanks, sondern wird als Kämpfer auch handgreiflich, was zu einem blutigen Showdown im Wald führt, den die gewieften Kameramänner Stefan Ciupek und Felix Cramer mit poetisch-expressiven Bildern ausmalen. Zu einem wiederkehrenden Motiv werden etwa Begegnungen mit einem schwarzen Wolf, das sind geheimnisumwitterte Sequenzen, doch gefertigt, ohne dass der Film dadurch künstlich oder verkopft wirken würde.

Ein Dämpfer für Suter-Auskenner mag es sein, dass Rick, der auch das Drehbuch schrieb, Blanks Halluzinationserfahrungen und seine Naturerlebnisse stark zusammenstrich, obwohl sie beinah die Hälfte der literarischen Vorlage ausmachen. Dennoch ist Ricks Verfilmung von „Die dunkle Seite des Mondes“ eine in sich stimmige, erstklassige Analyse über den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn, auf dem sich der Mensch befindet. Sehenswert!

www.dsdm-film.de

Wien, 11. 1. 2016