Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

TheaterArche: RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?

April 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Aufschrei der Seele in Gesang verwandelt

Barbara Schandl, Bernhardt Jammernegg und Jakub Kavin. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Die Poesie in Liedern interpretiert, das ist das Überraschendste am aktuellen Abend der TheaterArche. In der Regie von Jakub Kavin haben Barbara Schandl und Bernhardt Jammernegg für die Aufführung „RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?“ einige von dessen Gedichten vertont, „Mädchenklage“ und „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ und „Ich bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug“ …, und das ist so schön, dass einem der Atem stockt.

Gemäß der fragmentarischen „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ hat Kavin, der die Figur auch interpretiert, Rilke-Texte collagiert. „Da standen die Mittage und die Krankheiten und das Ausgeatmete und der jahrealte Rauch und der Schweiß, der unter den Schultern ausbricht und die Kleider schwer macht, und das Fade aus den Munden und der Fuselgeruch gärender Füße. Da stand das Scharfe vom Urin und das Brennen vom Ruß und grauer Kartoffeldunst und der schwere, glatte Gestank von alterndem Schmalze. Der süße, lange Geruch von vernachlässigten Säuglingen war da und der Angstgeruch der Kinder, die in die Schule gehen, und das Schwüle aus den Betten mannbarer Knaben. Und vieles hatte sich dazugesellt, was von unten gekommen war, aus dem Abgrund der Gasse, die verdunstete, und anderes war von oben herabgesickert mit dem Regen, der über den Städten nicht rein ist. Und manches hatte die schwachen, zahm gewordenen Hauswinde, die immer in derselben Straße bleiben, zugetragen, und es war noch vieles da, wovon man den Ursprung nicht wusste.“

Dazu gibt Jammernegg den Dichter in dessen „Doppelgeschlechtlichkeit“ und Schandl als die Wortgeberin dessen Vertraute Lou Andreas-Salomé (mehr zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=22249). Entstanden ist so eine Suche nach der Essenz des Lebens. Die bildungsbürgerliche Atmosphäre, in der man sich bewegte, wird als hohl entlarvt, Kindheitstraumata und deren Folgen ebenso dargelegt, wie Stimmungen und deren Stunden. Und mitten im Fremdsein im eigenen Ich immer wieder die Lyrik, teils wie Dialoge vorgetragen.

Jakub Kavin und Bernhardt Jammernegg. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Bernhardt Jammernegg. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Jammernegg spricht aus der Sammlung „Briefe an den jungen Dichter“, Schandl ebenfalls Briefe und „In der Schule bei Freud“. Ein weiterer zentraler Punkt zwischen den beiden ist die im Zwiegespräch dargebotene „Dritte Duineser Elegie“.

„Siehe, wir lieben nicht, wie die Blumen, aus einem
einzigen Jahr; uns steigt, wo wir lieben,
unvordenklicher Saft in die Arme. O Mädchen,
dies: dass wir liebten in uns, nicht Eines, ein Künftiges, sondern
das zahllos Brauende; nicht ein einzelnes Kind,
sondern die Väter, die wie Trümmer Gebirgs
uns im Grunde beruhn; sondern das trockene Flussbett
einstiger Mütter –; sondern die ganze
lautlose Landschaft unter dem wolkigen oder
reinen Verhängnis –: dies kam dir, Mädchen, zuvor.“

Schandl steht aber auch als Pianistin Magda von Hattingberg – da spielt sie den „Mephistowalzer Nr. 1 von Franz Liszt – und in Andeutungen als Rilkes Mutter auf dem schmalen Laufsteg, der die Bühne bildet. Über die ziehen die drei Darsteller wie ein Sturm. Sie sind Aufruhr und Aufschrei der Seele, sie lassen nach dem Rilke-Zitat den Kunstakt als Notwendigkeit entstehen. Und immer ist da ein Streifen Wirklichkeit. Welch ein Abend. Chapeau!

Noch zu sehen bis 17. April im Theater Delphin.

www.theaterarche.at

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=11&v=75nrV-6CHDo

  1. 4. 2018

Belvedere: Rueland Frueauf d. Ä. und sein Kreis

November 17, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Acht aufwendig restaurierte Altarbilder

Rueland Frueauf d.Ä., Anbetung der Heiligen Drei Könige. Bild: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Rueland Frueauf der Ältere, der zwischen 1470 und 1507 in Salzburg und Passau dokumentiert ist, zählt zu den bedeutendsten spätgotischen Malern des deutschsprachigen Raums. Sein Hauptwerk bilden acht großformatige Altarbilder, die er um 1490/91 für eine Salzburger Kirche schuf. Ab 23. November stehen diese Tafeln, die in den letzten Jahren einer aufwendigen Restaurierung unterzogen wurden, nun im Mittelpunkt einer Fokusausstellung im Oberen Belvedere.

Neben dem Œuvre von Frueauf d. Ä., das sich fast zur Gänze im Besitz des Belvedere befindet, werden auch ausgewählte Werke von Künstlern aus Frueaufs Umkreis, etwa dem Meister von Großgmain, sowie – als großzügige Leihgabe der Kunstsammlungen des Stifts Klosterneuburg – das Schaffen von Frueaufs Sohn Rueland Frueauf d. J. in der Schau zu sehen sein. Diese erstmalige Gegenüberstellung des Gesamtwerks des jüngeren Frueauf mit dem Schaffen seines Vaters ermöglicht einen eingehenden Vergleich der beiden Maler. Die Ausstellung bietet Anstöße für die zahlreichen ungelösten Fragen zum Frueauf-Kreis.

Neue Erkenntnisse liefern auch die kunsttechnologischen Untersuchungen, die im Zuge der Restaurierung an den Salzburger Altartafeln bereits vorgenommen wurden. Weitere Werke der Frueauf-Gruppe sollen noch untersucht werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden in der Ausstellung präsentiert und auch im wissenschaftlichen Begleitkatalog publiziert. Dieser Katalog ist die erste monografische Veröffentlichung zu Rueland Frueauf seit mehr als siebzig Jahren.

www.belvedere.at

17. 11. 2017

Rueland Frueauf d. Ä., Detail aus Kreuztragung Christi, um 1490/91. Bild: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Rueland Frueauf d. Ä., Porträt des Künstlers Jobst Seyfried, um 1495. Bild: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Rabenhof: Holodrio – Lass mich Dein Dreckstück sein

Februar 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Hommage an André Heller

Eine Heller-Show nicht als Kabarett, sondern als Cabaret: Oliver Welter, Lucy McEvil und Christoph Krutzler. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof Theater hat Hausherr Thomas Gratzer eine Hommage an André Heller auf die Bühne gehoben. Zum Siebzigsten Prosatexte, Dialoge, Chansons aus den 1970ern, zeitlose Preziosen des selbsternannten Eulenspiegels aus Wien, dessen Narrenkappe immer auch Gelehrtenhut war und dessen Schellen zu Jux und Jammer läuteten. Nunmehr zum Gärtner in Seelenlandschaften gereift, hat sich Heller von da Musi verabschiedet, umso schöner ist es, sein frühes Schaffen wieder neu zu entdecken.

Gratzer hat sich dazu mit Lucy McEvil, Oliver Welter und Christoph Krutzler ein formidables Trio zusammengestellt; am Klavier ist Alf Peherstorfer zugange. Welter hat die Lieder neu arrangiert, dies bewusst reduziert, und ist so der Falle entschlüpft, den Abend in die Heller-Parodie gleiten oder zum Plagiat werden zu lassen. Nein, hier wird eigenständig Kunst gemacht: Ganz im Sinne des Schönbrunner Schmähtandlers wird nicht Kabarett, sondern Cabaret geboten, ein Flic Flac der Fantasie Thomas Gratzers, bevölkert von Hellers kuriosen Menschenwesen. Der Souffler ist da und Freund Schnuckenack, Leon Wolke und der kleine Pauli Grünwald. Das Wienerherz mag golden sein, aber des G’miat ist pechschwarz, weiß der Poet, und so gibt er einem warm/kalt, Tief- und Abgründiges – einmal als leiser, weiser Lyriker, dann als polternder Brachialdichter. Heller geißelt sich selbst so genussvoll wie andere.

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Die Hits dürfen natürlich nicht fehlen. Die wahren Abenteuer sind im Kopf. Rudolfo Valentino. Für immer jung. „A Zigeina mecht I sein“ wird zum Country Song. Lucy McEvil wünscht Jean Harlow guten Morgen, die Schauspielerin und Diseuse ist wie immer Elegance mit Augenzwinkern. Ihr kommt auch die Aufgabe zu, dem André Heller auf den Grund zu gehen. Ihn literarisch durch seine Familien- und Beziehungshöllen zu begleiten, durch Künstlerlust und -frust. Wie’s Schicksal eben so aufspielt. Die Kindheit war kein Zuckerlschlecken.

Es gibt eine Angst, die macht klein
Die macht einen krank und allein
Und es gibt eine Angst, die macht klug
Mutiger, freier von Selbstbetrug

Interpretiert das Ensemble. Und entschlüsseln das Geheimnis hinter dem Titel des Abends. Holodrio – war in den Latz von Hellers Kinderlederhose gestickt. Man wird mitgenommen zum Krampfaderncontest ins Gasthaus Urdil, erfährt, wofür der Maskenhändler eine Blutmaschine braucht, und wie’s einem nationalsozialistischen Fleischerehepaar ergeht. Naked-Lunch-Frontmann Welter spielt Gitarre, Krutzler bläst die Tuba, Miss McEvil streichelt die Ukulele. Charmant ist das, wenn’s dem Welter beim Dialektsingen den Kärntner raushaut. Krutzler ist schon per Leibesfülle und Stimmvolumen quasi als Qualtinger im Einsatz. Das Premierenpublikum dankte für die Darbietungen mit tosendem Applaus. Und forderte Zugabe. Die’s natürlich gab. Als dann, gengan’S schaun.

www.rabenhoftheater.com

Wien, 15. 2. 2017

Peter Handke: Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte

November 29, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Poet putzt Herrenpilze

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Frage. Widerrede. Neuer Versuch einer Frage. In diesem Beckett’schen Sinne ereignen sich Gespräch mit Peter Handke. Die Wahl der Worte ist ihm wie eine Wahl der Waffen. Und wehe dem, der sich für die plumpe Duellpistole entschied, während der Dichter in Diskussionen doch mit dem elegant schneidenden Florett ficht.

Ständig überprüft Handke die Abnutzungserscheinungen der Sprache, also nur keine Floskeln, Allgemeinplätze, Ungenauigkeiten im Ausdruck! Statt „Schreiben“ sagt er „Tun“. Für den ORF stellt, das heißt: setzt sich immer wieder Katja Gasser heldinnenmutig vor Handke hin. „Ich bin froh, wenn Sie wieder in Ihrem Flieger sitzen“, hat ihr der in der Pariser Vorstadt Lebende schon gesagt. Man kennt einander seit Jahren, und niemals schönt Gasser bei Ihren Beiträgen die Blößen, die ihr Handke ins Journalistinnenoutfit reißt. Hört man genau hin: Er liebt sie. Väterlich.

Nun also Corinna Pelz. Der Filmemacherin, die 2011 mit „Gerhard Richter Painting“ ins Universum des öffentlichkeitsscheuen Malers vordrang, gelang nun Gleiches mit Peter Handke. Ihre Hommage „Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“, die ab 2. Dezember in den heimischen Kinos läuft, ist keine dokumentarische Sicht von außen auf den Autor, sondern sein privater Blick auf die Welt. Deren kaleidoskopartige Wahrnehmung durch einen eigenwilligen, eigensinnigen Kauz. Handke beim Herrenpilze putzen, bei der Gartenarbeit, als Alleinerzieher von Amina, beim Zeitung lesen, beim Stricken (!) und natürlich als Schreibender. Seine Notizbücher füllen die Leinwand, seine Handschrift bestimmt die Stimmung der Szene. Es schreibt ihn, wird klar.

Pelz‘ Bildsprache bleibt dabei lakonisch, so spröde wie der Schriftsteller in der Außenwirkung. Das gemeinsame Werk ist wie ein Hochamt auf die Stille, es beschreibt eine tiefe Verehrung und Kultivierung der Einsamkeit. Als Instrument, um sich selbst zu denken und diese Gedanken später in Sätzen zu strukturieren. Solche wie „Erfinden ist Materieschaffen“ oder „Irgendwann habe ich beschlossen, dass alles fremd ist und unentdeckt“ entstehen wie aus dem Nichts und nehmen beinah unmerklich Raum. Eine „Chronik der laufenden Ereignisse“ nennt Handke sein „Tun“; in dieser geht es ihm nicht nur um die ewig stehenbleibende Frage „Wie sollen wir leben?“, sondern auch um die hochaktuelle „Wie sollen wir miteinander reden?“.

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Regisseurin Corinna Belz. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Regisseurin Corinna Belz. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mittels Archivmaterial zeigt Pelz Handkes Weg vom angry young man zum grumpy old one. Handkes Kosmos heute, gedacht in einer künstlichen Klammer zwischen „Publikumsbeschimpfung“ und seinem Stellung beziehen für Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic, ist ein kleinteiliger. Die Dinge interessieren, faszinieren ihn. Der Titel der Doku stammt tatsächlich von einem Zettel, den Handke am Gittertor zu seinem Haus angebracht hat; Pelz und ihrem Team wird später der Ritterschlag zuteil – die Bewirtung mit der legendären Schwammerlsuppe nach mehr als drei Jahren Drehzeit. Mit Handke lässt sich nicht gut „planen“, Telefonzeit gewährt er Anrufern morgens zwischen 10 und 11 Uhr, Emails sind nicht erwünscht.

Der Film lässt sich entsprechend viel Zeit, um zu erzählen; sein Panorama des Phänomens Handke ist von atmosphärischer Dichte und ergo impressionistischer, inspirierender Intimität. Er ist eine bedachte, behutsame Annäherung an Handke, als gelte es ein scheues Wild am Waldesrand nicht zu verschrecken. Der reagiert entsprechend handzahm, wird nahbar und glänzt in seiner intellektuellen Aura. Dass dennoch eine Distanz zum Menschen Handke bleibt, dass Rätsel bleiben, die sich – und auch das nur vielleicht – in der Beschäftigung mit seiner Literatur überwinden lassen werden, macht den Film umso wertvoller.

www.bin-im-wald.de

Wien, 29. 11. 2016