Weltmuseum Wien: Staub & Seide

Januar 10, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf den Spuren von Marco Polo

Relieffliese. Anonym, Kashan, um 1308. Ankauf 1873, MAK KE 2091. MAK – Museum für angewandte Kunst, Bild: © MAK/Georg Mayer

Das Weltmuseum Wien zeigt die Ausstellung „Staub & Seide. Steppen- und Seidenstraßen“, lädt damit zu einer vielschichtigen Spurensuche durch Geschichte und Gegenwart ein und fragt nach den Verbindungen der historischen Routen mit der „Neuen Seidenstraße“. Stoffe und Ikat-Webereien aus Seide, Tee und „Wilde Äpfel“ gelangten einst auf den mythenumwobenen historischen Handelsrouten, die schon Marco Polo bereiste, nach Europa.

Doch eine Seidenstraße hat es nie gegeben. Weder damals noch heute handelt es sich um eine einzelne Straße oder nur um Seide als einziges Transportgut. Vielmehr war und ist es ein loses, sich veränderndes Geflecht aus Land- und Seerouten, das China mit Europa und anderen Weltgegenden verbindet. Der Begriff „Seidenstraßen“ wurde 1877 erstmals vom deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen verwendet.

Auf den Wegen durch die Steppen und Wüsten zwischen Asien und Europa bewegten sich neben Seide Güter wie Tee, Gold, Jade, Porzellan und Pferde. Aber auch Waffen, Musikinstrumente, Goldene Pfirsiche, Wildäpfel und Gewürze sowie Ideen, Religionen, Kunst, Träume, Wissen, Krankheiten, Konflikte und Staub. Auch heute geht es um Kontakte, Bewegung und Transport, wenn auch mit anderer Geschwindigkeit und neuen Waren. Großangelegte Infrastrukturprojekte prägen die Regionen der Steppen- und Seidenstraßen und fördern nicht nur Staub, sondern auch Rohstoffe an die Oberfläche. In Europa wird vielfach die Bezeichnung „Neue Seidenstraße“ für das von China geplante weltumspannende Infrastrukturnetz der „Belt & Road Initiative“ verwendet.

In der Ausstellung werden diese Bewegungen und die Beziehungen zwischen Asien und Europa nachvollzogen und neue Verbindungen zwischen Themen und Orten hergestellt. Die Exponate spiegeln dabei auch die Interessen der Reisenden, die sie nach Europa gebracht haben. Zu sehen sind mehr als 200 historische Objekte, Kunstwerke und Fotografien, die in Gegenüberstellung mit aktuellen künstlerischen Perspektiven und gegenwärtigen Forschungsdokumentationen betrachtet werden. Zu den Exponaten zählen herausragende Sammlungsstücke des Weltmuseums Wien sowie zahlreiche Leihgaben aus nationalen und internationalen Museen und Sammlungen und Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.

„Die Steppen, durch die die Seidenstraßen verliefen, waren in der Vergangenheit das Zentrum der Welt. Sie sind für ihren Reichtum so berühmt gewesen, dass sie uns noch heute in ihren Bann ziehen. Wenn wir uns die Geschichte der Seidenstraßen genauer ansehen, so verstehen wir sie nicht nur als Routen für den Austausch von Waren, sondern auch von Macht, Wissen, Religionen, Krankheiten, und Kunst. Und dann ist auch der Blick auf die ‚Neue Seidenstraße‘ umso interessanter:  Was wird sie uns außer einem verstärkten Handel noch bringen? Wie wird sie die Welt verändern?“, so Jonathan Fine, Direktor Weltmuseum Wien.

Zehn Gramm. Khosbayar Narankhuu 2020. Gemalt für das Projekt Dispersed & Connected.Geschenk von John D. Marshall an das Weltmuseum Wien. © Khosbayar Narankhuu

Ausstellungsansicht. Bild: © KHM-Museumsverband

Instant Food. Khosbayar Narankhuu 2020. Gemalt für das Projekt Dispersed & Connected. Erworben mit Unterstützung der Weltmuseum Wien Friends. © Khosbayar Narankhuu

Wege durch die Ausstellung

Ausgangspunkt für die Ausstellung ist die Steppe: Die Steppenlandschaften zwischen dem Kaukasus und China sind ein Zwischenraum, der Ost und West verbindet. In ihr bewegen sich Reisende, Transportwege durchqueren sie. Hier entstanden frühe zentralasiatische Reiche mit großer Wirkung auf sesshafte Bewohner in China und Europa. Die Schau lenkt den Blick auf wenig beachtete Zwischenräume und kaum gehörte Stimmen. Die Besucherinnen und Besucher können diesen Geschichten auf verschiedenen Wegen folgen:

Bei den „Objekten der Begegnungen“ trifft man etwa auf eine Goldkasel aus Regensburg, gefertigt aus kostbarem mongolischem „Tartarenstoff“, auf chinesisches Porzellan oder auf wilde Äpfel, die ihren Ursprung im Zentrum Asiens, im Tian Shan Gebirge haben. Die „Orte der Sehnsucht“ führen zu legendären Handelsstädten wie Tiflis oder Samarkand, auf den Basar von Buchara oder an den chinesischen Kaiserhof. Bei den „Objekten der Begierde“ treffen die Betrachterinnen und Betrachter unter anderem auf kostbare Ikat-Weberein, die von Indien und Südchina bis Zentralasien Verbreitung fanden, auf die legendären „Himmlischen Pferde“ aus dem Fergana-Tal und natürlich auf Gold, Tee und chinesische Seide. Diese Wege sind auch mit Reisenden, Sammlerinnen und Sammlern sowie zeitgenössischen Kunstwerken verbunden.

„Der Blick ist in dieser Ausstellung auf die Zwischenräume und Vielstimmigkeit gerichtet, die im öffentlichen Diskurs wenig gehört und berücksichtigt werden. Diese Zwischenräume sind von einem sich verändernden Geflecht von Wegen und Geschichten gezeichnet. Die Ausstellung ist eine Montage von Objekten und Erzählungen von Menschen, die uns während der Recherchen in den Museumsdepots, Archiven und Feldforschungen – manchmal zufällig – begegneten; ein fragmentarischer Reisebericht entlang der Steppen- und Seidenstraßen zwischen Peking und Hamburg oder Wien und auf deren Seitenwegen“, sagt Maria-Katharina Lang, die Kuratorin der Ausstellung.

Europäische Expeditionen: Reisen, Sammeln & Austausch

Die Reise des Händlers Marco Polo (1254–1324) nach China und die auf Grundlage seiner Erzählungen verfassten Berichte inspirierten noch Jahrhunderte später Reisende, seinen Spuren entlang der Seidenstraßen zu folgen. Viele der Dinge, die sie unterwegs als Fragmente dieser imaginierten Seidenstraße erwarben, gelangten in die Sammlungen europäischer Museen und Bibliotheken, so auch ins Weltmuseum Wien. Franz Heger, der Leiter der Anthropologisch-Ethnographischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien, der Vorgängerin des Weltmuseums Wien, reiste nach Zentralasien, dokumentierte Baudenkmäler und sammelte „ethnographische“ Objekte, die sein Interesse weckten. Georg von Almásy brach im Jahr 1900 als einer der ersten Europäer seit Jahrhunderten auf, um die Gipfel und Gletscher des Himmelsgebirges Tian Shan zwischen Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und China zu erforschen und zu fotografieren.

Chapan aus der Serie „Scream“. Dilyara Kaipova, Usbekistan, 2019. © Dilyara Kaipova

Neue Straße in der Wüste Gobi. Mongolei 2018. Bild: © Maria-Katharina Lang

Kohlelaster am Weg nach China. Tavan Tolgoi, Ömnögobi, Mongolei, 2018. Bild: © Maria-Katharina Lang

Teppich. Anonym. Khotan, Xinjiang, China, 1889 oder früher. Sammlung Josef Troll, Weltmuseum Wien. Bild: © KHM-Museumsverband

Auch Frauen waren im frühen 20. Jahrhundert als Reisende und Sammlerinnen unterwegs. Der Anteil der sammelnden Frauen ist dabei bemerkenswert, ebenso deren Lebensgeschichten. Der Malerin und Grafikerin Lene Schneider-Kainer (1885 Wien–1971 Cochabamba, Bolivien) und ihrer Reise über Konstantinopel, Tiflis und Baku in den Iran und weiter durch Südasien bis China wird in der Ausstellung ein besonderes Augenmerk gewidmet. Natürlich dienten viele dieser Reisen nicht nur der Wissenschaft, sondern versorgten auch die expandierenden europäischen Reiche mit Informationen, die deren politische und wirtschaftliche Ambitionen unterstützten. Die Gegenstände, mit denen die Reisenden zurückkehrten, sind eine Mischung aus Sensationellem und Alltäglichem: Brillen zum Schutz vor Staub und Sand der Steppe, Panoramafotos von gewaltigen Berggipfeln und Tälern, Gegenstände aus dem Inneren einer Jurte, Astragale und Seiden-Ikat.

Zeitgenössische Kunst

Einen besonderen Stellenwert in der Ausstellung nehmen die Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler ein. Diese wurden im Rahmen des der Ausstellung zugrunde liegenden Forschungsprojekts eingeladen, Werke zu schaffen, die sich mit Themen wie Infrastrukturen, Geschwindigkeit, Distanz und Verbundenheit, Globalisierung, Kolonialismus, Nomadismus und Ressourcenabbau auseinandersetzen. In der Verbindung aktueller Perspektiven mit historischen Kunstwerken und Kulturgütern werden überraschende und kaum beachtete Geschichten erzählt. Die zeitgenössischen Stimmen beschreiten eigene Wege und präsentieren dabei durchaus kritische Visionen.

Paul Kollings „Break of Gauge“ entfaltet sich filmisch in einem einzigen durchgehenden Bild der Zugverbindung zwischen China und Deutschland und zeichnet eine Frachtlieferung im Juni 2019 in Zeit und Raum nach. Dilyara Kaipovas textile Kunstwerke berühren die koloniale Vergangenheit Usbekistans und die Globalisierung. Das Werk „The Scream“ thematisiert die Übernahme globalisierter Bilder in usbekische Kulturformen und verdeutlicht den Preis, der für die Anpassung an die Anforderungen der Globalisierung verlangt wird. In dem Gemälde „Time Link“ zeigt die Künstlerin Nomin Bold, deren Werke auch auf der Dokumenta 14 ausgestellt waren, die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart im Stil moderner mongolischer Malerei.

Zwei beeindruckende Kurzfilme von Jack Wolf entstanden in der Auseinandersetzung mit und nach einer Forschungsreise 2019 nach Xinjiang und Kazachstan. Besonders wirkungsvoll sind die beiden Gemälde von Khosbayar Narankhuu, die sich auf den ersten Blick stark an der Bildsprache des tibetischen und mongolischen Buddhismus orientieren. Bei näherer Betrachtung offenbaren sie aber auch Details und Erzählungen, die die zeitgenössische Kultur und Politik scharf kritisieren. Das Weltmuseum Wien konnte die beiden Gemälde dank der großzügigen Unterstützung der Freunde des Weltmuseums Wien und John D. Marshalls für seine ständige Sammlung erwerben.

Zu sehen bis 3. Mai.

www.weltmuseumwien.at

10. 1. 2022

Nesterval: „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ als interaktive Live-Zom-Version

November 26, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Wahlgrotesken ist …

Astôn Matters als Patrizia Rot, Tochter der Goodbye-Kreisky-Gründerin Gertrud Nesterval (l.) mit den BedROTen und dem Analyseteam. Bild: © Alexandra Thompson

Da dies die Besprechung einer Nesterval-Produktion ist, die frohe Botschaft zuerst: Für die Performances bis 12. Dezember gibt es noch Tickets. Und derer sollte man sich gleich mehrere sichern, hat man doch bei der gestrigen Uraufführung gerade mal acht von 80 Szenen gesehen – wie man danach in der Zoom-Plauderei erfährt. Denn der Spezialtrupp für immersive Theaterformen nützt, wie beim mit dem Nestroy-#Corona-Spezialpreis ausgezeichneten „Kreisky-Test“

(Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39561), auch fürs zweite Lockdown-Abenteuer die Meeting-Plattform. Dessen Kenntnis ist keine Vorbedingung für „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“. Mit dem Mail zum Teilnahmelink erhalten die Zuschauerinnen und Zuschauer jenen zu einem Filmessay von Jonas Nesterval, ein Was-bisher-Geschah über seine buchstäblich vom Erdboden verschluckte Mutter Gertrud, plötzlich auftauchende Briefe, Pläne, Paranoia wegen diffuser Bedrohungen, ein in jeder Hinsicht fantastisches Projekt …

Kurz, die mittels Gertrud Nestervals Kreisky-Test auserwählten Bewohnerinnen und Bewohner eines sicheren und sozialdemokratischen Utopia, das heißt: deren letzte Überlebende, wurden dieser Tage bei Bauarbeiten am Karlsplatz ausgegraben. Mehr als 50 Jahre waren sie in der dem U-Bahn-Bau untergeschmuggelten Anlage insoliert, in dieser 200 Meter tief gelegenen Stadt unter der Stadt, nun, da sich der Nesterval-Fonds für die Findlinge verantwortlich fühlt, wurden sie in eine geheime „Arena“ gebracht.

Wo wenige Auserwählte, das Publikum in sechs Gruppen à  zwölf Personen, sie live und in Farbe beobachten dürfen, ja, müssen, gilt es doch in enger Zusammenarbeit mit dem Analyseteam über das weitere Schicksal der „psychisch wie physisch fragilen“, nunmehr von 50 Kameras „beschützten“ BedROTen zu entscheiden – und anschließend die Rechtmäßigkeit der Geschehnisse zu bestätigen. Da sträuben sich erstmals die Nackenhaare, in Arenen ist – siehe argentinische Militärjunta – schon eine Menge Böses passiert.

Die Bergung der Pflegerin Ludowika Weiß: Rita Brandneulinger. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Special Guest Eva Billisich als Analyse008_Daniela. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Die VersorgerInnen: Romy Hrubeš mit Martin Walanka und Johannes Scheutz. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Gertrud Nesterval mit dem Nestroy Corona-Spezialpreis: Astôn Matters. Bild: © Alexandra Thompson

Und dem Familienfonds für karitative Zwecke, gegründet, man erinnere sich, von Martha Nesterval als eine Art Wiedergutmachung für das Treiben der Sippschaft im Dritten Reich, nämlich der Herstellung von Waffen unter Einsatz von Zwangsarbeitern, ist ohnedies nur bedingt zu trauen. Aber schwupps, schon hat einen Analytikerin Alexandra, Spielerin Julia Fuchs, zur Nummer 606 der entsprechenden Kommission gekürt, und nicht ohne Stolz möchte man erwähnen, dass man von deren anderen Mitgliedern alsbald zur Sprecherin gewählt ward.

Wahl – das ist das Thema. Denn die Vorsitzende Maria Grün, dargestellt von Performerin Alexandra Thompson, die diese Funktion seit Gertruds Ableben im Jahre 1997 innehat, wirkt zunehmend vergesslich, verwirrt, rücktrittsreif. Befindet der Rat der Frauen, Männer haben nämlich in Gertruds Unterwelt nichts zu melden, der Rat, in den jeder Clan eine Vertreterin entsendet. Als da wären: Rot, die VerwalterInnen, Patrizia und Ehemann Theo, sowie die gemeinsamen Kinder Franka, Roberta und Maggo – Astôn Matters, Alkis Vlassakakis, Laura Hermann, Michaela Schmidlechner und Willy Mutzenpachner.

Grau, die Ideologinnen, die Schwestern Viktoria und Raffaela – Miriam Hie und Claudia Six. Weiß, die PflegerInnen-Geschwister Ludowika, Anna und Erich – Rita Brandneulinger, Chiara Seide und David Demofike. Schwarz, die VersorgerInnen, Petra und ihre Was-auch-immer Jannik und Julian – Romy Hrubeš, Martin Walanka und Johannes Scheutz. Die Koproduktion mit brut Wien wie stets angeleitet von Herrn Finnland und Frau Löfberg, und im Analyseteam Christopher Wurmdobler als Jonas Nesterval und Special Guest Eva Billisich.

Verantwortliche für Kunst und Kultur gibt es keine, KünstlerInnen wurden von Gertrud als nicht systemrelevant erachtet, „Kunst kann man machen, wenn die Arbeit vorbei ist“, befindet Patrizia Rot, und wiewohl man gebeten wurde, nicht zu spoilern, darf man verraten, dass sie der großen Vorkämpferin leibhaftige Tochter ist. Dieser (no na) wie aus dem Gesicht gerissen, und weder psychisch noch physisch fragil, sondern voll des süffisanten Anspruchsdenkens. Aufzug wie Aufmarsch sind militärisch, die Frauen starken Willens, die Männer unemanzipiert und rechtlos. Ein wenig gemahnt das Setting an die Siebzigerjahre-Serie „Star Maidens“ mit Pierre Brice über ein Alien-Matriarchat, in dem die Männer in „Die Abhängigen“ und „Die Unfreien“ aufgeteilt waren.

Vorsitzende Maria Grün und Truppe: Alexandra Thompson, Miriam Hie, Astôn Matters als Patrizia Rot (Mi.) und Chiara Seide. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Das folgende Macht-Spiel um die neue Führungsfrau ist spannender als es „Der Kreisky-Test“ war, wenn auch mit weniger Interaktion, da mit den BedROTen kein Kontakt aufzunehmen ist. So gilt es für die Kommission – bestehend aus stimmberechtigten Frauen, nicht stimmberechtigten Männern, vier ins Bild drän- genden Katzen, einem Hund mit Streichelbedarf, sechs Flaschen Wein, zwei Bier et al./kohol– zu beschließen:

Wem folgen, welchen Weg einschlagen, welcher davon ist ein Irr- oder Ab-? Wie in jedem guten Thriller ist frei nach Hitchcocks Lehre kein Hinweis null und nichtig. Die innerfamiliären Konflikte, ältliche Despotinnen, junge Revolutionärinnen, Papakinder, Geschwisterzwistigkeiten, heimliche Liebespaare, Verschwörerzellen, Fluchtwillige, Fortschrittsverweigerer, Zukunftspessimisten, ihnen allen sollte die Kommission genau zuhören, um zu einem Schluss zu gelangen. Und so robbt man durch politische Grabenkämpfe diverser „demokratisch legitimierter“ Leitfigurinnen, angesichts deren Sesselsägerei jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen heimischen Wahlgrotesken eh-schon-wissen ist.

Im digitalen Kämmerlein hat die Kommission schließlich die Chance, sich zu besprechen und ein Votum abzugeben – und siehe, was der/dem einen Sekte, ist der/dem anderen ein sozialistisches Paradies, jedoch: was ist eigentlich diese „lukrative und vielversprechende“ Idee, die der Nesterval Fonds für die Überlebenden anpreist? „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ ist ein sozialistischer Spaß, und am Ende so zynisch, wie es nicht einmal Walt Disney erfinden hätte können. Nach einem im Wortsinn geistreichen Schlussgag, gibt’s als Belohnung via E-Mail einen weiteren Geheimlink vom Feinsten.

Und statt des Nesterval-üblichen Zusammensitzens ein virtuelles Get-Together mit den anderen Kommissionen, den Back-ups und dem Analyseteam. Bei dem von jenen Gruppen, die einen anderen Weg als die eigene eingeschlagen haben, allerlei Wissenswertes über beispielsweise eine rituelle Waschung der Männer oder das Zusammentreffen der Gertrud-Nachkommen Jonas und Patrizia zu erfahren ist. So wurd’s mit Performance und Plauderei beinah 23 Uhr, bis man den Zoom-Raum endlich verließ. Mitte März soll ein Zusammenschnitt der besten Goodbye-Kreisky-Momente auf der Nesterval-Webseite folgen. Da hofft man natürlich, mit einem speziellen „Auftritt“ dabei zu sein. Freundschaft? Freundschaft!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=n9d0HrRlGeU           vimeo.com/456901428           brut-wien.at           www.nesterval.at

  1. 11. 2020