sehsaal: fake & fragment

Juni 11, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Täuschung als Teil des Kunstschaffens

Liddy Scheffknecht: Sun Pan, 2019. Bild: © Liddy Scheffknecht/Bildrecht Wien

Das Jahresthema des Projektraumes sehsaal lautet „Fake & Fragment“ und verbindet zwei aktuell Phänomene, die seit #Corona aktueller denn je die Wahrnehmung unserer Lebenswelten prägen: Täuschung ist durch die Überflutung mit fake news und der damit verbundenen Sondierung von Quellen ein allgegenwärtiger Begriff. Fake als Täuschung, auch

Vortäuschung und Blendung, spielt medial als auch in der Architektur, Kunst eine wesentliche Rolle. Speziell in der Kunst reflektiert der Begriff das Verhältnis von Original und Kopie, von Realitätsbezügen und vermeintlichen Kontexten und referenziert Fragestellungen zu Re-/Produktion, Aneignung sowie Imitation. Täuschung umfasst aber auch ein Dazwischen von Fantasie und Realität, von Lüge und Wahrheit, von Schein und Sein.

Fragment bezieht sich auf die gesplittete Wahrnehmung unserer digitalen und analogen Welt durch beschleu- nigte, oft nur mehr bruchstückhaft erfahrbare Ereignisse. Fragment kann ein Bruchstück, Relikt, Überbleibsel, ein Ab- und Ausschnitt sein, der unvollendet oder lückenhaft geblieben ist. Ein Fragment ist nur teilweise erhalten, verweist folglich stets auf etwas „Ganzes“ oder „Größeres“, wobei das Fragmentarische den Blick auf Details und Einzelaspekte zu richten und Komplexität zu reduzieren oder auszublenden vermag. Fragmente können als Reste von Systemen verstanden werden und auch zu neuen Ordnungen zusammengesetzt werden.

Regula Dettwiller: Blueprint (Mirror), 2019. Bild: Regula Dettwiller

Gunda Gruber: aus der Serie Diskrepanzen, o. J. Bild: Gunda Gruber

Michael Wegerer: Figures Utopia folded, 2020. Bild:  Michael Wegerer

Mit der Wiedereröffnung nach der Corona-Schließung wird im sehsaal ab 17. Juni die Gruppenausstellung „Human Installation by Ablate Mountain Productions“ mit künstlerischen Werken gezeigt, die sich diesem Themenkomplex sehr grundlegend nähern und verblüffende Verbindungen zwischen Fiktion und Realität herstellen.

So täuscht etwa die Fotoarbeit „Sun Pan“ von Liddy Scheffknecht mit einer subtilen Konstruktion von Realität, indem sich eine vermeintlich durch eine Kehrschaufel gesäuberte Stelle als Lichtfragment von Sonneneinstrahlung darstellt. Die Zeichnung „Selbstdurchdringungen in Weissblau“ von Brigitte Mahlknecht stellt keine präzisen Studien dar, sondern schafft collageartig neue Hybride aus Architektur- und Biologiefragmenten. In der Fotoserie „Linden-, Ecke Kastanienstraße“ fotografiert Matthias Klos reale Ausschnitte existierender Straßenabschnittte, diese dienen aber eigentlich als Täuschung, sind nämlich eigentlich Kulissenfragmente, die wiederum fiktionale Realitäten abbilden.

Matthias Klos: Linden-, Ecke Kastanienstraße, Serie von 15 Fotografien, 2020. Bild: © Matthias Klos/Bildrecht Wien

Gunda Grubers kleine gerahmte Fotoarbeiten sind fake news, denn sie hätten nie als Werk selber in Erscheinung treten sollen, sondern dienten bislang nur als Gedankenskizzen spezieller Ateliersituationen. Die fragmenta- rische Offenheit in Elisabeth Czihaks Arbeiten lässt Platz für die eigene Entscheidung, ob das Gesehene räumliche Strukturen darstellen soll oder nicht. Herbert Hofer stellt das Wort „Okay“ auf die Waagschale von Wahrheitsbestimmung, indem sich die Positionierung im Negativ und auf den Kopf gestellt einer Bestimmung verweigert.

Regula Dettwiller nimmt in ihrer Arbeit Bezug auf wissenschaftliche Authentizität und stellt diese, genau wie die verwendete photogrammartige Abbildungstechnik, in eine Art Zerrspiegel. Melanie Dorfers Leinwandkasten erscheint auf den ersten Blick als perfekte gemalte Faltenstudie; die Draperie täuscht die Malerei nur vor, denn bei näherer Betrachtung stellt es sich als reales Relikt einer raumgreifenden Farbarbeit dar. Ob Fake oder nicht, Michael Wegerer verwendet Inhalte aus Tageszeitungen und übersetzt diese mittels algorithmischer Prozesse in grafische Kürzel. Die Faltungen der Papieroberfläche ergeben ein dreidimensionales Objekt, die Inhalte können so erneut fragmentiert zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Fridolin Weltes amorphe Skulptur entwickelt sich bewusst aus einem natürlichen Ursprung und erweitert dessen fragmentarischen Charakter mit künstlichem Material in den Raum, wobei sich die Arbeit einer endgültigen Formwerdung entzieht. Der Eintritt ist frei. Sitzplätze als „Warteraum“ gibt es im Innenhof.

sehsaal.at

11. 6. 2020

sehsaal: In Wien eröffnet ein neuer Projektraum

April 26, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit Mats Dekocks „Reconstructing Mariënbad“

Mats Dekock: Regard en Abyme. Bild: Werktank

Mats Dekock: Regard en Abyme. Bild: Werktank

Am 3. Mai eröffnet in Wien mit dem „sehsaal“ ein neuer Projektraum, der sich gleichzeitig als neues Kunstprojekt versteht, als Forum für künstlerische, architektonische und gesellschafts­po­litische Auseinandersetzungen.

Die Eröffnungsausstellung ist entsprechend der gewünschten Schnittstelle von Kunst, Architektur und Film dem belgischen (und in Wien lebenden) Architekten und Transmedia-Künstler Mats Dekock und seiner Arbeit „Recon­struc­ting Mariënbad“ gewidmet. „Reconstructing Mariënbad“ besteht aus drei unterschiedlichen Installationen, inspiriert von dem Filmklassiker „L’Année Dernière à Mariënbad“ des französischen Regisseurs Alain Resnais aus dem Jahr 1961.

Trailer: https://vimeo.com/76964617

matsdekock.wix.com

www.sehsaal.at

Wien, 26. 4. 2016