Volkstheater: Endstation Sehnsucht

März 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blanches Albtraum in Bonbonfarben

In den Elysischen Gefilden herrscht eine Bande von Raubtieren: Nils Hohenhövel, Alaedin Gamian, Katharina Klar, Birgit Stöger, Günter Franzmeier und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Vorstellung beginnt im Arthouse-Casino. Blanche, überlebensgroß auf den Eisernen Vorhang projiziert, mit einer Runde Männer am Spieltisch, gewinnt – und bekommt doch nur einen Jeton ausgehändigt. 632 steht darauf. Das ist die Hausnummer von ihrer Schwester Stella und deren Ehemann Stanley. Schon irrt sie auf der Suche nach der Adresse in den „Elysischen Gefilden“ nahe der Straßenbahn-Endstelle „Sehnsucht“ durch die Katakomben des Theaters.

Vorbei an Fluchtplan und Erste-Hilfe-Kasten, hinein in den Zuschauerraum. Auftritt Steffi Krautz als Blanche DuBois. Nomen est omen. Weißer Hosenanzug, weißer Schirm, bodenlang weißes Insektenschutznetz, als wüsste die von Tennessee Williams bereits in seiner ersten Anmerkung als Motte bezeichnete Figur, dass sie sich in dieser Inszenierung noch in sich selber fangen wird. Und während die Krautz mittels des Autors Regieanweisungen ein schäbiges New-Orleans-Viertel herbeiredet, wird der Blick auf die Bühne frei – eine Herrenhaustreppe, gesäumt von Plastikblumen, englische Wallpaper, Stuckaturen, Kristallluster, als wär’s eine hinterfotzige Parodie auf den verlorenen Familiensitz Belle Rêve. Blanche ist in ihrem Albtraum angekommen. Der Horror hat Bonbonfarbe.

Dass Regisseurin Pınar Karabuluts Interpretation von Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ am Volkstheater weite Teile des Publikums ratlos zurückließ, ist verständlich. Auf das von ihr gemeinsam mit Bühnenbildnerin Aleksandra Pavlović und Kostümverantwortlicher Johanna Stenzel erdachte Konzept muss man sich einlassen wollen. Steckt doch im Wort Konzept sowohl die Klasse als auch die Krux dieser Aufführung. Auf der Habenseite steht, dass Karabulut das Südstaatendrama durch Verweigerung des obligaten Eiskasten-Küchentisch-Ambientes und unter Vermeidung eines zu zerreißenden Feinrippunterhemds von jeder ikonischen Vorbelastung befreit hat. Nichts atmet noch schwitziges Arbeitermilieu vs versnobten Landadel, hier tragen Mann wie Frau kreischbunte Perücken und schrill gemusterte Outfits – The Big Easy reloaded.

Animalische Anziehung zwischen Stella und Stanley: Katharina Klar und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Aufeinanderprallen zweier Provokateure: Jan Thümer und Steffi Krautz als Blanche. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gekonnt dröselt Karabulut derart Rollen und deren Klischees auf. So ist, Blanche überrascht Katharina Klars Stella bei einer Art Martial-Arts-Training, der Schmerzensruf, der durch den Raum tönt auch nicht einer nach ihr, sondern nach „Stanley!“. Später wird die Pokerrunde Stanley, Mitch, Steve und Pablo – Jan Thümer, Nils Hohenhövel, Günter Franzmeier und Alaedin Gamian in High Heels – ihren Herrenabend mit einer megametrosexuellen Voguing-Choreografie beginnen. Mit ihrem Bilderbogen gelingen Karabulut von Platzregen über Dunstschwaden bis Feuersbrunst effektvolle Momente. Geschickt weist sie durch die Polarität von Gesprochenem und zu Sehendem auf Blanches bipolare Störung hin. Wenn die in diesem Setting empört von „solchen Verhältnissen“ spricht, ist doppelt klar, dass sich für sie die Realität längst ins Irreale verschoben hat.

Diesen Sack macht Karabulut auch konsequent zu. So sieht Blanche nicht nur ihre in den Selbstmord gegangene Jugendliebe Allan in Merlin Miglincis Zeitungsausträger, sondern auch Stanley, in gruselgrünes Licht getaucht, echsengleich auf sie zukriechen. Eine schöne Illustration dafür, dass der Lizard King seine Opfergabe von Anfang an im Visier hat. Allein, skurril, satirisch, surreal, ist nicht alles. Kann nicht alles sein. Woran Karabuluts Inszenierung intensiv krankt, ist Charakterzeichnung. Obwohl so farbenprächtig angetan, bleiben die Figuren blass, kommen erste Kräfte des Volkstheaters auf seltsame Weise nicht zum Spielen.

Katharina Klar bleibt zwischen Brüllen und Geil-Sein stecken, Jan Thümer im geckenhaften Herumstelzen. Selbst ein Günter Franzmeier wird vom Regiekonzept erschlagen. Nils Hohenhövel schafft als melancholischer Mitch wenigstens ein, zwei sensible Szenen. Bleibt Steffi Krautz als Blanche – und die führt ihre Rolle, als wär‘ sie die Antithese des von Tennessee Williams vorgesehenen „Eindruck des Zerbrechlichen und Flüchtigen“. Ihre Störenfriedin ist ein Cougar, krankheitsbedingt zwischen Aggression, Angespanntheit und Apathie changierend. Die Krautz kann’s. Flirten und sehnsüchteln und verführen, mädchen- und divenhaft sein, dann wieder hart und herrisch. Dass sie gegen Stanley die Hüften ebenso wie den Baseballschläger schwingt, und er sie statt Vergewaltigung zur Messer-Fellatio zwingt, wirkt vollkommen stimmig. Auch, dass sie sich am Ende als Unbeflecktes Herz Mariä herbeifantasiert.

Blanche mit toter Jugendliebe Allan und neuem Verehrer Mitch: Nils Hohenhövel, Merlin Miglinci und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Blanche am Ende als Unbeflecktes Herz Mariä: Steffi Krautz, Günter Franzmeier und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Unterm Strich bleibt also ein Tennessee Williams, den Pinar Karabulut im Wortsinn entmottet, heißt: von überkommenen Theatertraditionen entlüftet, hat. Das zu sehen macht schon Spaß, nur wär’s mit mehr Interesse für Schauspielkunst nebst all dem Programmatischen perfekt gewesen.

www.volkstheater.at

  1. 3. 2019

Klangraum Krems: Osterfestival IMAGO DEI

März 27, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Sehnsucht. Paradies“

Das Herz der Sufis vom Nil Bild: Promo

Das Herz der Sufis vom Nil
Bild: Promo

Das Kremser Osterfestival IMAGO DEI reflektiert ab 29. März  im mittelalterlichen Klangraum Krems Minoritenkirche und mit einem Gastspiel in Stift Melk die ewige Sehnsucht des Menschen nach einer Vervollkommnung des Lebens und die unterschiedlichen Vorstellungen vom Paradies verschiedener Glaubensrichtungen und Epochen:  ob als verlorene Urheimat, ob als diesseitiger Garten Eden, als imaginärer Zukunftsort im Jenseits oder als der Versuch, das Paradies in sich selbst zu finden. Bis Ostermontag stehen Chorwerke aus Estland, spirituelle Musik aus Ägypten und Indien, Werke aus uralten Codices und von zeitgenössischen Komponisten, Uraufführungen und Auftragswerke sowie eine künstlerische Interpretation des traditionellen Osterfeuers, Podiumsgespräche, Lesungen und  Filme auf dem Programm.

Die 15. Ausgabe steht heuer unter dem Motto SEHNSUCHT. PARADIES und versucht damit die Utopie einer menschlichen Existenz ohne Beschwerlichkeiten, Missstände und Nöte in den Mittelpunkt des Programms zu stellen. Seit Menschengedenken existiert der ewige Wunsch nach einer Vervollkommnung des Lebens, welcher im christlichen Abendland erstmals in der alttestamentarischen Geschichte von Adam und Eva dargestellt ist. Die Vorstellungen vom Paradies – ob als verlorene Urheimat, ob als diesseitiger Garten Eden, als imaginärer Zukunftsort im Jenseits oder im eigenen inneren Erleben – werden an sieben Abenden im Klangraum Krems Minoritenkirche und an einem Abend im Kolomanisaal des Stifts Melk in mehreren Uraufführungen, in spiritueller Musik aus Ägypten und Indien, in Kompositionen aus jahrhundertealten Codices und von zeitgenössischen Komponisten, in Tanzperformances, Lesungen und Filmprogrammen, Podiumsgesprächen sowie in einer künstlerischen Interpretation des traditionellen Osterfeuer reflektiert.
Der renommierte estnische philharmonische Kammerchor und das Tallinn Kammerorchester eröffnen das Programm  mit Arvo Pärts Vertonungen von Texten des Mönchs Siluan vom Berg Athos, in denen Adam den Verlust des Paradieses und der Verbindung zu Gott beklagt. Vor dem Konzert stellt sich Filmemacher Ulrich Seidl einem philosophisch-theologischen Diskurs über unterschiedliche Paradiesesvorstellungen. Das Paradies in sich selbst zu finden, es durch Kontemplation als etwas realistisch zu Erreichendes zu betrachten ist nicht nur spiritueller Hintergrund des indischen Dhrupad-Gesangs Ritwik Sanyals (4.4.), sondern auch des ihm verwandten Sufismus, wie ihn die Sufis vom Nil praktizieren (11.4.). Gesang und Tanz werden so zu Techniken, die Wahrheit, also die Verbindung zu Gott, im Diesseits wiederzufinden.
Peter  Simonischek erzählt mit Jean Gionos Kurzgeschichte „Der Mann mit den Bäumen“ von den Möglichkeiten der Menschen, ein irdisches Paradies zu schaffen (5.4./Stift Melk) – musikalisch umrahmt von sechs herausragenden Solisten des Klangforums Wien und der Camerata Salzburg mit Werken von Olivier Messiaen und Krzysztof Penderecki.
Das belgische Vokal-Ensemble Graindelavoix singt am 12.4. in mittelalterlichen Motetten aus den Musikhandschriften von Montpellier von den Gärten aus dem verlorenen Paradies. Am Karfreitag (18.4.) führt „Towards Silence“ eine Meditation für vier Streichquartette und eine tibetische Klangschale des erst im November 2013 verstorben britischen Komponisten John Tavener, auf den Weg zur Vereinigung des wahren Selbst mit der Weltseele, zur Einheit des Menschlichen und des Göttlichen (mit Medici Quartet, Koehne Quartett, Ensemble Lux, Minetti Quartett). Zuvor spielt jedes der vier Quartett ein Werk für Streichquartett, darunter die Uraufführung einer Auftragsarbeit des Festivals von John Tavener. Zum Höhepunkt des Osterfests, in der Osternacht am Karsamstag (19.4.), wird das Ritual des Osterfeuers vom japanischen Klangkünstler Akio Suzuki und der Tänzerin Hiromi Miyakita neu interpretiert, umrahmt von einem Reigen aus englischen Madrigalen, zeitgenössischen Kompositionen und den schwebenden Klängen des archaischen Semantrons und die orgelgleichen Sphärentöne der Paetzodflöten. Das Licht ist der Welt wiedergegeben. Kompositionen von William Byrd, Anthony Holborne, Michael Gordon sowie drei Uraufführungen von Werken von Burkhard Stangl, Pauline Oliveros und Gunter Schneider (mit Plenum, Paetzold Bassblockflöten Ensemble, Anna Clare Hauf, Mezzosopran, und Slagwerk Den Haag).

Zum Abschluss des Festivals erinnert lateinamerikanische Musik aus dem 17. und 18. Jhdt. an einen Versuch, das Paradies auf Erden zu errichten: Das chilenische Alte-Musik-Ensemble Capilla de Indias wird  am Ostermontag (21.4.) mit Kompositionen voll Lebensfreude aus dem Archiv der Kathedrale von Santiago de Chile, aus Missionen in Paraguay, Peru und Bolivien in die Utopien des Heiligen Experiments der Jesuiten führen.

www.klangraum.at  (Hier findet sich auch Info zu den neuen Shuttlebussen.)

Wien, 27. 3. 2014

Alles aussteigen, bitte!

Februar 8, 2013 in Bühne

Stanley verliert auch gegenüber seiner geliebten Frau Stella allmählich die Nerven: Nicholas Ofczarek und Katharina Lorenz zeigen Schauspielkunst vom Feinsten.
29.01.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/8

„Endstation Sehnsucht“: Schauspielkunst vom Feinsten

An der Burg hatte „Endstation Sehnsucht“ Premiere. Gezeigt wurde exquisites Schauspielertheater, das von der Regie so gut wie nicht gestört wurde.

Die Latte lag hoch. Hatte doch Regisseur Dieter Giesing am Haus zuletzt mit seiner fulminanten Inszenierung von Schnitzlers „Professor Bernhardi“ gezeigt, wie man auch bei anscheinend Altbekanntem den Blick für neue Sichtweisen öffnen kann. Nun legte Giesing, unter Mitarbeit seines Starkollegen Johann Kresnik, an der Burg Hand an Tennessee Williams’ Südstaatendrama, dessen Drei- bis Vierecksgeschichte „Endstation Sehnsucht.“ Und dazu fiel Giesing deutlich weniger ein, als zur österreichischen Arztabsägestory. Wenig bis gar nichts an dieser Arbeit verdient das Prädikat unkonventionell, von einem Suchen und Finden anderer Blickwinkel ist gar nicht erst zu reden.

Es soll einer Aufführung allerdings andererseits nichts Schlimmeres passieren, als dass sie als schöner, solider Abend zu preisen ist … Giesing verlässt sich auf die Kraft seiner Schauspieler. Und die ist zum Glück im Übermaß vorhanden. Dörte Lyssewski als Blanche und Nicholas Ofczarek als Stanley gewinnen ihren Figuren Facetten ab, wie man sie so noch nie gesehen hat. Zu Recht gab es für die beiden, die sich ihre Rollen offensichtlich im Teamwork erarbeitet haben, immer wieder aufbrandenden Szenenapplaus.

Hart und brüchig

Lyssewski zeigt die Brüchigkeit der Blanche gleich in den ersten Minuten ihres Auftritts. Überschäumend vor – ja, was eigentlich?, ganz herrische, harte Ex-Herrenhaus-Besitzerin, ist sie im Küchenschrank ihrer Schwester Stella auf der Suche nach der Schnapsflasche. Blanche, menschlich wie finanziell am Ende, sucht Zuflucht im Haushalt der Schwester – und trifft auf den mäßig erfreuten Schwager Stanley. Den legt Ofczarek fern jedes „Proleten“- oder Kraftlackel-Images an. Sein Stanley, wegen seiner polnischen Wurzeln von Blanche als primitiver „Polake“ beschimpft, ist Handelsvertreter in Anzug und Krawatte. Ein ehrlicher Kerl, ein aufrechter Mensch, der sich darauf freut, Vater zu werden. Der sich seinen Teil des amerikanischen Traums erfüllt hat – bis eine Hysterikerin seine Idylle zerstört. Da geht Ofczarek in seiner Wut in Sekunden von Null auf Hundert, um gleich darauf zusammenzubrechen und um die Liebe seiner Frau zu winseln. Eine beeindruckende darstellerische Leistung. Katharina Lorenz hat es da schwerer mitzuhalten. Ihre Stella, allein schon ramponiert durch die zu dieser Art von Stanley nicht mehr stimmigen Doku-Soap-Schlampen-Outfits, bleibt über weite Strecken Schablone.
Dietmar König müht sich als tollpatschiger Kavalier von Stanleys bestem Freund zu Blanches’ Verehrer und zurück zu mutieren. Dennoch ist es auch beeindruckend, diesen beiden Figuren bei ihren zunehmenden Beschädigungen zuzuschauen. Entgleisung, die aus Not geboren ist, ist nicht umsonst das Freud’sche Fundament von Williams’ Schauspiel.

Kein Poe

Eine Themenverfehlung ist hingegen das Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann. Er dürfte das Stück nicht, oder darin den Satz „Nur Edgar Allen Poe könnte das hier in Worte fassen“ überlesen haben. So schuf er ein rosa-zartgelbes Loft. Vielleicht hatte er ja mehr Florida als New Orleans im Sinn.

Fazit: Ein Fest für die Darsteller

Stück: Uraufgeführt 1947. Inhalt: Die alternde Südstaatenschönheit Blanche, die den Familiensitz verloren und sich prostituiert hat, sucht Unterschlupf bei Schwester Stella und Schwager Stanley. Die Situation eskaliert: Stanley soll Blanche vergewaltigt haben. Stella lässt Blanche einweisen.

Regie: In Spuren da. Als hätte Giesing gesagt: Das Stück kennen wir, da wissen wir alles, da gibt’s nichts zu entdecken.

Schauspieler: Das taten dann die Darsteller für ihn – und zwar brillant.

Interview mit Dörte Lyssewski und Nicholas Ofczarek

Februar 8, 2013 in Bühne

25.01.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/8

Burg-Premiere: „Endstation Sehnsucht“

Interview: Dörte Lyssewski und Nicholas Ofczarek spielen ab Samstag in dem Tennessee-Williams-Klassiker „Endstation Sehnsucht“.

Die Szene, in der Marlon Brando laut „Stella“ schreiend sein Unterhemd zerfetzt – wer sollte die je vergessen?

Dörte Lyssewski und Nicholas Ofczarek versuchen’s gerade. Ab Samstag werden die beiden am Burgtheater in Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ als Blanche und Stanley auf der Bühne stehen. Und natürlich kennen sie Elia Kazans mit vier Oscars ausgezeichnetes filmisches Meisterwerk aus dem Jahr 1951. Mit Vivian Leigh als Blanche und Brando als Stanley.
Ohne sich Fragen nach „neu, heutig, richtig, anders“ zu stellen, „ohne vorgefertigte Bilder im Kopf“, ohne ein „Wie-man-sich-das-so-vorstellt“ zu bedienen, wollen sich Lyssewski und Ofczarek, sagen die beiden im KURIER-Gespräch, ihren Rollen nähern. Wollen „was Eigenes abliefern“ – in der Regie von Dieter Giesing, der am Haus zuletzt mit seiner subtilen Inszenierung Schnitzlers „Professor Bernhardi“ neu entdeckte.
Nun machte er sich also an das Drama der neurotischen Südstaaten-Verblühten Blanche, die, weil finanziell und menschlich am Ende, in den heilen Haushalt ihrer Schwester Stella und deren Ehemann Stanley einbricht. Die Stella spielt Katharina Lorenz; Stanleys besten Freund Mitch, der bald zu Blanches Verehrer mutiert, gibt Dietmar König.

Ganz in Weiß

Die Geschichte endet ganz in Weiß – allerdings nicht vor dem Traualtar, sondern durch die Kittel der Irrenärzte, die Blanche in ihre Anstalt holen …
Was Ofczarek in seiner „Brando“-Rolle erkennt? „Über Stanley wird ja schon viel gesagt, bevor er überhaupt das erste Mal auftritt. Die Frage ist, ob das wahr ist. Ich habe lange überlegt, wie ich das spielen soll und nach einiger Zeit der Proben beschlossen, ich spiel’s so: Keinen ,Kraftlackel‘, keinen ,Proleten‘, sondern einen ehrlichen, aufrechten Mann. Einen Menschen ohne Falsch, ohne Argwohn.“
Eine Vergewaltigung, die Stanley an Blanche begangen haben soll, steht am Ende im Raum. Ihre Einbildung oder Wahrheit? Vieles zwischen den Figuren geschehe aus Not, nicht aus Berechnung analysieren die Darsteller. „Da prallen Welten aufeinander, die einander faszinierend, aber auch abstoßend finden.“
You better watch out or the apes take over! – „Pass auf, sonst haben die Affen das Sagen“, antwortete Tennessee Williams nach dem Sinn seines Stücks befragt.
„Das Affenartige, das Animalische, ergreift an einem gewissen Punkt alle“, so Lyssewski. „Blanche ist das Leben bereits entglitten. Es ist Teil der Story, herauszufinden, woran sie krankt. Aber auch Stella, die die Entscheidung trifft, ihre Schwester, diese abgewrackte High-Class-Tussi, diese Frau besonders, einliefern zu lassen, geht die Intaktheit verloren.“
Was bleibt sind Beschädigungen, kein „back to normal“. Eine Ehe, die ein Thema hat, das sie bis zu ihrem Ende bewusst ausklammern wird. Wie’s so ist im Leben …