Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Volkstheater: Stefan Suske im Gespräch

November 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt Robert Seethalers „Trafikant“

Nach 37 Jahren spielt er wieder in Wien: Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nach 37 Jahren spielt er wieder in Wien: Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit seinem Roman „Der Trafikant“ landete der bis dahin unbekannte Wiener Schriftsteller Robert Seethaler 2012 auf den internationalen Bestsellerlisten. Am 2. Dezember hat nun eine vom Autor selbst für das Volkstheater in den Bezirken vorgenommene Dramatisierung seines Buches im Volx/Margareten Premiere. Seethaler erzählt vom jungen Franz Huchel, der 1937 vom Attersee nach Wien zieht, um beim Trafikanten Otto Trsnjek in die Lehre zu gehen. Dabei lernt er nicht nur dessen prominentesten Kunden Sigmund Freud und seine erste Liebe, die Erotiktänzerin Anezka, kennen, sondern auch die Nazis. Als der unbequeme Trsnjek als „Judenfreund“ von der Gestapo verhaftet wird, muss Franz seine ersten Schritte in die Erwachsenenwelt tun. Es ist eine grausame Welt, in der sich der Bub vom Land zum Widerständler gegen das Mörderregime mausert. Schauspieler Stefan Suske (mehr: www.volkstheater.at/person/stefan-suske/), nach 37 Jahren mit der Intendanz Anna Badora nach Wien zurückgekehrt, spielt den Otto Trsnjek. Ein Gespräch über die stillen Helden des Alltags und die Notwendigkeit, Haltung zu haben:

MM: „Der Trafikant“ ist eine Geschichte über dunkler werdende Zeiten, ein Plädoyer für Zivilcourage im kleinstmöglichen Rahmen.

Stefan Suske: Das würde ich ähnlich formulieren: Eine Geschichte über die stillen Helden des Alltags, die außerhalb des Gesichtskreises einer Zeit Haltung zeigen. Die nirgends vorkommen, außer es gibt ihnen zum Beispiel ein Schriftsteller wie Robert Seethaler Raum und Stimme. Der Protagonist ist Franz Huchel, ein junger Mann, der vom Land kommt, der keine politische Bildung hat, der außer dem Nußdorfer Gemeindeblatt nichts gelesen hat, und dann durch diesen Trafikanten Otto Trsnjek sozusagen im zweiten Bildungsweg herangeführt wird an das, was um ihn herum vorgeht. Franz macht dann tatsächlich seinen Weg bis zum Widerstandskämpfer. Nicht mit einer großen Tat, sondern mit einer kleinen, subtilen Geste gegen den Nationalsozialismus.

MM: Das Buch, damit nun das Stück, beginnt mit dem Wetterleuchten des Dritten Reichs und schildert den Wahnsinn, wie Menschen in diese NS-Todesmaschinerie hineingesogen werden und ihr nicht mehr entkommen können.

Suske: Die ersten Wochen, Monate, nach dem „Anschluss“, die Aggression, die sich da ausgebreitet hat, das beschreibt Seethaler in einer eindrücklichen Passage, in der der „rote Egon“ – vielleicht eine Hommage an Egon Friedell – nur ein Transparent aufhängt, auf dem steht „Die Freiheit eines Volkes braucht die Freiheit seiner Herzen Es lebe die Freiheit, es lebe unser Volk, es lebe Österreich“ und dafür bezahlt. Der Trsnjek wiederum lässt sich nichts anderes zu Schulden kommen, als dass er jüdische Kunden bedient.

MM: Dieser Otto Trsnjek, den Sie spielen werden, wie ist der?

Suske: Ein Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg. Er hat nur ein Bein, das werden wir mit einem Trick darstellen, weil das wichtig ist für den Schluss des Ganzen. Ich habe lange überlegt, ob er politisch aktiv, ein Sozialist oder Kommunist sein könnte, aber ich denke, das ist er nicht. Er ist einfach ein denkender Mensch, der ang’speist ist von dem, was da auf Wien, auf Österreich zurollt. Er ist ein guter Mensch, aber ein gezeichneter.

MM: Robert Seethaler hat auch das Stück verfasst?

Suske: Er hat eine eigene Bühnenfassung für uns geschrieben, das ist lustig, weil er mal am Volkstheater als Schauspieler tätig war, auch die damalige Schauspielschule am Haus besucht hat. Diese Fassung wurde von Regie und Dramaturgie im Einverständnis mit dem Autor noch einmal aufgemacht, weil die Prosa des Romans so wahnsinnig gut ist. So sprechen bei uns die Figuren nicht nur die Dialoge, sondern eben auch Prosastellen, Erzählpassagen aus dem Roman, auch die Briefe, die sich Mutter und Sohn schreiben. Ich hoffe, dass das funktioniert. Ich mag auch die anderen Bücher von Robert Seethaler sehr, wär‘ schön, wenn er zur Premiere käme.

MM: Waren Sie schon in den Bezirken?

Suske: Gespielt habe ich da noch nie, aber geschaut, wie sich die Kollegen schlagen. Das ist aus meiner Wahrnehmung ein sehr ehrliches Publikum, das sehr direkt reagiert, das mitgeht, wenn es interessiert ist. Wenn es fadisiert ist, dann zeigen sie es einem aber auch beinhart. Das Bezirks-Publikum darf man nicht unterschätzen, die lieben ihr Theater.

Das Ensemble von "Der Trafikant": Lukas Watzl, Stefan Suske, Nils Rovira-Muñoz, Elzemarieke de Vos und Klaus Huhle. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Das Ensemble von „Der Trafikant“: Lukas Watzl, Stefan Suske, Nils Rovira-Muñoz, Elzemarieke de Vos und Klaus Huhle. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Suske mit Carolin Knab in "Hose Fahrrad Frau". Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Suske mit Carolin Knab in „Hose Fahrrad Frau“. Nächste Vorstellung: 5. Dezember im Volx/Margareten. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

MM: Sie sind auch Schreibender, Sie haben in der vergangenen Saison die „Notizen eines Heimkehrers“ verfasst. Nach 37 Jahren wieder in Wien – wie geht es Ihnen?

Suske: Gut! Ich war viele Jahre in der Schweiz, da wäre ich nie auf die Idee gekommen, mir etwas aufzuschreiben. Ich habe die Menschen sehr schwer verstanden, wenn sie in ihren jeweiligen Sprachen geredet haben. Denn Berndeutsch, Zürichdeutsch zum Beispiel sind keine Dialekte, sondern eigene Sprachen. Aber hier in Wien, egal ob ich in einem Caféhaus oder in einem öffentlichen Verkehrsmittel sitze, muss ich mir Notizen machen. Ich höre den Leuten zu und denke mir, das gibt’s ja nicht, das kann man nicht erfinden. Ich begreife sofort, wo einer herkommt, aus welcher Gesellschaftsschicht er ist, was das jeweils für eine mögliche Geschichte ist. Und dann spinne ich das weiter. Dieses Jahr mache ich Pause, weil ich eine Lese-Reihe für die Rote Bar mit Ausschnitten aus Doderers „Dämonen“ vorbereite, deren letzter Teil dann im Justizpalast stattfinden wird. Aber ich habe schon Ideen für ein neues Format.

MM: Ihr Sohn Jacob ist am Schauspielhaus Wien tätig.

Suske: Jacob ist Musiker, das Ein-Mann-Orchester am Schauspielhaus, Tomas Schweigen bezieht ihn aber auch in die Dramaturgie mit ein. Ich finde, er macht das großartig, Jacob hat ursprünglich Jazz studiert, war circa fünf Jahre lang Bassist in der damals bekanntesten Schweizer Popband „Lunik“, hat ganz gut verdient und hat sich dann in Berlin ein zweites Standbein als Theatermusiker aufgebaut. Was ich sehr schätze ist, dass er immer etwas macht, was dem Stück dient. Jetzt bei „Traum Perle Tod“ zum Beispiel hat er den Schauspielern in sechs Wochen beigebracht, Instrumente zu spielen, in „Imperium“ hat er nebst der Live-Musik auch eine kleine Rolle gespielt, einen Dramaturgen, der sich um den roten Faden bemüht. Das war lustig, weil er nicht so wie ich Text lernt, Musiker denken da anders, die kommen über die Improvisation … ich glaube, die Kollegen haben nicht immer das richtige Stichwort gekriegt. (Er lacht.)

MM: Um wieder auf den „Trafikant“ zu kommen: Einer der Kunden von Otto Trsnjek ist Sigmund Freud.

Suske: Deshalb war ich auch mit dem ganzen Team zum ersten Mal im Sigmund-Freud-Museum, wir bekamen eine ausgezeichnete Spezialführung, die auf die Bedürfnisse unserer Inszenierung Bezug nahm. So freundlich, wie er bei Seethaler ist, war Freud bestimmt nicht. Ich wusste gar nicht, dass er so havariert war, er hatte ein Platte im Mund, weil der Gaumen so krebszerfressen war, er hat sich nur von links fotografieren lassen, weil rechts ein Loch in der Wange war …

MM: Zu diesem Krebsleiden hat der Trafikant mit seinen Virginias wohl beigetragen.

Suske: Jaja. Er hat ohne Unterlass, auch während der Therapiesitzungen, seine geliebten Virginias geraucht … Man muss sich den Schock dieses schwerkranken Menschen vorstellen, als plötzlich die Gestapo in seiner Tür stand. Bei Seethaler wird Freud ein Mentor für Franz, er erklärt ihm, wie’s mit den Frauen geht und andere Dinge des Lebens. An ihm sieht Franz als erstes, wie das Regime ihm missliebige Personen vertreibt. Das ist eine schöne fiktive Geschichte, Seethaler wollte scheinbar einen „Prominenten“ in seinen Stoff einschreiben, als Katalysator unter den „Niemanden“, und ich finde, das funktioniert sehr gut. Die Trafik, in die Freud ging und die im Stück dem Trsnjek gehört, gibt’s übrigens wirklich, Ecke Währinger Straße/Berggasse.

MM: Freud rät Franz seine Träume aufzuschreiben. Was erträumen Sie?

Suske: Auf unsere Arbeit bezogen? Dass das Publikum ein wenig verändert aus diesem Abend raus geht. „Ins Licht treten, die Treffbaren, die Erfreubaren, die Veränderbaren!“, um Brecht zu zitieren, das ist das Publikum, das ich mir wünsche. Ich träume davon, dass die Menschen begreifen, dass es hin und wieder notwendig ist, Haltung zu zeigen.

www.volkstheater.at

www.stefansuske.ch

Romanrezension von „Der Trafikant“: www.mottingers-meinung.at/?p=5071

Wien, 27. 11. 2016

Robert Seethaler: Man Booker International Prize

Mai 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit „Ein ganzes Leben“ auf der Shortlist

HB Seethaler_978-3-446-24645-4_MR.inddDie Sensation war eigentlich bereits im März perfekt, denn gleich zwei in Österreich arbeitende Autoren hatten es auf die Longlist für den diesjährigen Man Booker International Prize geschafft: der Wiener Robert Seethaler und der aus dem Kongo stammende, in Graz lebende Fiston Mwanza Mujila. Doch Seethalers Name findet sich nun auch auf der kürzlich veröffentlichten Shortlist für den renommierten Literaturpreis. Mit dem schmalen, ungeschnörkelt geschriebenen Band „Ein ganzes Leben“, erschienen im Hanser Verlag, hat er es dorthin geschafft.

In seinem Buch erzählt Seethaler von einem Menschen, dem das Schicksal alles andere als wohlgesonnen ist: Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweg gegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen. Eine einfache und eine tief bewegende Geschichte.

Seethalers Vorgängerroman, „Der Trafikant“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5071), wird übrigens ab 2. Dezember in einer Bühnenfassung des Autors am Volkstheater in den Bezirken zu sehen sein.

Mujila 290316.inddMit Seethaler nominiert sind die jüngsten Romane des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk: „Diese Fremdheit in mir“, des angolanischen Autors José Eduardo Agualusa: „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“, der Südkoreanerin Han Kang: „Der Vegetarier“, des chinesischen Autors Yan Lianke: „The Four Books“, und einer Neapolitanerin, die unter dem Pseudonym Elena Ferrante schreibt. „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ soll 2017 auf Deutsch erscheinen. Der Man Booker International Prize ist mit 50.000 Pfund dotiert. Die Bekanntgabe des Preisträgers findet am 16. Mai statt. Die Auszeichnung wird in diesem Jahr erstmals für ein fremdsprachiges und in Großbritannien in englischer Übersetzung veröffentlichtes Buch verliehen. Bisher wurde sie alle zwei Jahre an ein Gesamtwerk vergeben.

„Tram 83“, das auf der Longlist vermerkte Buch von Fiston Mwanza Mujila, ein afrikanischer Großstadtroman und Mujilas literarischer Erstling, erscheint bei Zolnay.

themanbookerprize.com/man-booker-international-prize

www.hanser-literaturverlage.de

Wien, 11. 5. 2016

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

August 14, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichten, die die Geschichte schreibt

HB Seethaler_978-3-446-24645-4_MR.inddDass der Wiener Schriftsteller Robert Seethaler immer noch ein bisschen Geheimtippstatus hat, ist eine Frechheit. Gerade eben liegt nämlich sein fünfter Roman vor, „Ein ganzes Leben“ auf 160 Seiten. Und er ist so brillant und liebevoll, wie seine Vorgänger. Seethaler schreibt Geschichten, die das Leben schreibt. In diesem Fall folgendes: Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Seine Mutter ist tot, seinen Vater kennt er nicht, der Großbauer Kranzstocker nimmt ihn widerwillig auf, Andreas Mutter war eine entfernte Verwandte von ihm. Schäbig wird er behandelt, zum Krüppel geschlagen. Doch er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen.

Eine einfache und tief bewegende Geschichte. Und rundum gelungenes Futter für die Seele. Und wie immer bei Seethaler akribisch recherchiert. Die Geschichte über den Bau der ersten Bergbahnen ist Fakt, das harte Leben der Bergbauern auch. Anderes ist Fiktion. Ein neuer Roman von Robert Seethaler ist immer wie ein Geschenk, das einen Staunen, Lachen und Weinen macht. Auch diesmal sollten Taschentücher griffbereit liegen.  Hochachtung spürt man, vor einem wie dem Egger Andreas, der in seinem  Leben so beständig, so ruhig, so unaufgeregt durch alle Katastrophen und Tragödien geht. Um das zu beschreiben, braucht der Autor nicht viele Worte. Was und wie er schreibt ist sehr still, leise, und hat dennoch einen großen Klang. Und großen Nachklang beim Leser. Man wünscht diesem Buch sehr viele davon.

Über den Autor:

Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Sein vierter Roman „Der Trafikant“ wurde zu einem großen Publikumserfolg. „Ein ganzes Leben“ ist sein erstes Buch bei Hanser Berlin. Robert Seethaler lebt in Wien und Berlin.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. 160 Seiten. Hanser Literaturverlage.

TIPP: Der Trafikant. www.mottingers-meinung.at/robert-seethaler-der-trafikant/Robert Seethaler erzählt die Geschichte von Franz, Freud und Anezka im Wien der 30er-Jahre. Österreich 1937: Der 17-jährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf, um in Wien als Lehrling in einer Trafik – einem Tabak-und Zeitungsgeschäft – sein Glück zu suchen. Dort begegnet er eines Tages dem Stammkunden Sigmund Freud und ist sofort fasziniert von dessen Ausstrahlung. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern. Als sich Franz kurz darauf Hals über Kopf in die Varietétänzerin Anezka verliebt und in eine tiefe Verunsicherung stürzt, sucht er bei Professor Freud Rat. Dabei stellt sich jedoch schnell heraus, dass dem weltbekannten Psychoanalytiker das weibliche Geschlecht ein mindestens ebenso großes Rätsel ist wie Franz. Ohnmächtig fühlen sich beide auch angesichts der sich dramatisch zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse. Und schon bald werden sie – und Anezka – jäh vom Strudel der Ereignisse auseinandergerissen. Der Trafikant landet als „Judenfreund“ am Morzinplatz; seine einbeinige Erster-Weltkriegsversehrten-Hose wird, von Franz nächtens am Gestapo-Fahnenmast aufgezogen, zum Fanal: Widerstand!  … Ein hinreißendes Buch. Eine Kostbarkeit.

www.hanser-literaturverlage.de

Wien, 14. 8. 2014

Robert Seethaler: „Der Trafikant“

August 8, 2013 in Buch

Nicht einmal Sigmund Freund weiß Rat

seethaler_trafikant_3DEs ist die Zeit, in der kein Stein auf dem anderen bleiben wird. 1937/1938. Wien. Die Mutter schickt ihren Sohn Franz, 17 Jahre alt, aus dem Salzkammergut in die Stadt. Er soll was lernen in der Trafik vom Otto Trsnjek im 9. Bezirk, Währingerstraße. Der hat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren, verkauft Zeitungen, Zigarren und „besondere“ Zeitschriften für den Herrn. Sigmund Freud ist sein Stammkunde. (Für Rauchwaren natürlich, alles andere ist Traumdeutung.) Trsnjek daher ein Judenfreund und Nachbar Fleischhauer mit Leib, aber ohne Seele Denunziant. Franz, der Simplicissimus, das naive Kind vom Land, begegnet der Zeitgeschichte, ohne es zu ahnen. Immer mehr Hakenkreuzfahnen, immer mehr braune Hemden, immer mehr „Heil Hitler!“, auf das Franz ein höfliches „Grüß Gott“ erwidert. Immer öfter Hotel Métropole. Morzinplatz. Franz verliebt sich in die exotische, böhmische Tänzerin Anezka. Entdeckt, dass er ein Mann ist. Besser gesagt: wird von ihr entjungfert. Verzweifelt, als sie, die Opportunistin, die (Überlebens)künstlerin, Herren mit Totenköpfen auf schwarzen Uniformen bevorzugt. Und sucht Rat in der Berggasse 9. Doch dort ist man längst am Packen. Judenverfolgung. London. Gegen dieses Pack weiß auch der große Psychoanalytiker keinen Rat.

Seethaler erzählt das alles filigran-feinfühlig, ein zartes Wortgebinde, das sich sanft über die bösartige Historie legt und Verbrechen nicht  zudeckt, sondern so erst greifbar macht. Die Sprache ist einfach. Es ist Franz‘ Sprache. Wie der Bub denkt, redet, so schreibt Seethaler. Rührend die Briefe, in denen er der Mutter daheim schildert, alles sei in Ordnung. Mehr und mehr kann man im Schriftwechsel der beiden zwischen den Zeilen lesen, dass es das nicht ist. Großartig auch ein kurzer Dialog mit Freud: Franz: „Könnte es vielleicht sein, dass Ihre Couchmethode nichts anderes macht, als die Leute von ihren ausgelatschten, aber gemütlichen Wegen abzudrängeln, um sie auf einen völlig unbekannten Steinacker zu schicken, wo sie sich mühselig ihren Weg suchen müssen, von dem sie nicht die geringste Ahnung haben, wie er aussieht, wie weit er geht und ob er überhaupt zu irgendeinem Ziel führt?‘ Freud hob die Augenbrauen und öffnete langsam den Mund. ‚Könnte das sein? Habe ich etwas unglaublich Blödsinniges gesagt?‘ wiederholte Franz. Freud schluckte. ‚Nein, das hast du nicht. Das hast du ganz und gar nicht.'“ Wurde Psychotherapie je treffender beschrieben?

Mit dieser Leichtigkeit, mitunter sogar Komik,  kontrastiert Seethaler in seinem Roman die sich dramatisch zuspitzenden politischen Verhältnisse, das Grauen, das sich rund um Franz aufbaut. Otto Trsnjek wird von der Gestapo abgeholt. Tage später erhält Franz ein Paket mit der letzten Habe des „an einem plötzlichen Herzinfarkt“ Verstorbenen. Freud hat ihn gelehrt, dass im anscheinend Unüberwindlichen auch Kleines Wirkung tut, ein Signal setzen kann. So zieht Franz am Morzinplatz nächtens statt der Naziflagge die einbeinige Hose Trsnjeks auf den Mast. Es kommt, wie es kommen musste … Seethaler erzählt das alles ohne Pathos, ohne Übertreibung, ohne „Drama“. Dennoch: Entsetzen stellt sich beim Lesen ein. Und die Melancholie, Grundfarbe dieses ganzen außerordentlichen Buches, hat das letzte Wort.

ZUM AUTOR: Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, wurde 2007 für seinen Roman Die Biene und der Kurt mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. Er erhielt zahlreiche Stipendien, darunter das Alfred-Döblin Stipendium der Akademie der Künste. Der Film nach seinem Drehbuch Die zweite Frau wurde mehrfach ausgezeichnet und lief auf verschiedenen internationalen Filmfestivals. 2008 erschien sein zweiter Roman Die weiteren Aussichten. Jetzt wirds ernst wurde 2010 veröffentlicht. Sein neuster Roman Der Trafikant erschien 2012. Robert Seethaler lebt und schreibt in Wien und Berlin.

Robert Seethaler: „Der Trafikant“. Roman. Kein & Aber, Zürich 2012. 250 Seiten.

www.keinundaber.ch

www.robertseethaler.de

Von Rudolf Mottinger

Wien, 8. 8. 2013