Seefestspiele Mörbisch 2017: Der Vogelhändler

April 24, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 60-Jahr-Jubiläum ein Operettenklassiker

Staatsoperntenor Thomas Ebenstein singt – hier umringt von seinen gefiederten Freundinnen – den Vogelhändler Adam. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Es ist ein Klassiker der Operette, den Intendantin Dagmar Schellenberger ihrem Publikum mit dem „Vogelhändler“ 2017 präsentiert. Nach beinah zwei Jahrzehnten Abwesenheit, finden und lieben Christel und Adam einander ab 7. Juli wieder auf der Seebühne in Mörbisch. Die Hits „Grüß enk Gott, alle miteinander“, „Ich bin die Christel von der Post“ und „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ sind Operettenliebhabern bestens bekannt.

Genau das richtige Werk also für die Jubiläumssaison – 60 Jahre, die die Seefestspiele heuer begehen. „Ich freue mich sehr, dass wir unser Jubeljahr mit diesem wunderbaren Werk von Carl Zeller feiern“, so Schellenberger bei der Programmpräsentation am Montagvormittag im Wiener Theatermuseum – wo „Adam“ Thomas Ebenstein, der Kärntner ist Staatsopernbesuchern seit 2012 als Ensemblemitglied bekannt und derzeit in der Alvis-Hermanis-Inszenierung des „Parzifal“ zu sehen, auch gleich eine Kostprobe seines Könnens gab.

Frank Philipp Schlößmann, Mirko Mahr, Gerrit Prießnitz, Dagmar Schellenberger und Axel Köhler bei der Pressekonferenz. Bild: © Seefestspiele Mörbisch

Flix, flux, flax, Florian! Thomas Ebenstein gibt bei der Präsentation im Wiener Theatermuseum eine erste musikalische Kostprobe. Bild: © Seefestspiele Mörbisch

„Im ,Vogelhändler‘ werden Themen verhandelt, die zutiefst menschlicher Natur sind und die in der Vergangenheit genauso relevant waren, wie sie es in der Zukunft sein werden, denn es geht um die Sehnsucht nach der großen ehrlichen und ausschließlichen Liebe, die dunklen Seiten der Macht und die lächerlichen Auswirkungen übergroßer Eitelkeit“, sagt Axel Köhler, der für die Inszenierung verantwortlich zeichnet. „Die amüsante Erzählweise und die hochemotionale Musik haben diese Operette zu den beliebtesten Werken ihres Genres werden lassen. Und eben diese Leichtigkeit, das permanente Augenzwinkern der Verfasser gilt es, auf der Bühne sichtbar und zum Erlebnis werden zu lassen. Mein Ziel ist es, unseren Zuschauern ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, das sie nach dem Genuss des Abends in Mörbisch mit in den Schlaf nehmen werden.“

Das Bühnenbild wird wieder opulent – mit riesiger Kukucksuhr, Singvögeln, einem Jagdfalken und einer waschechten Wildsau (re.). Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Frank Philipp Schlößmann

„Das Bühnenbild stellt sich wie ein großes Pop-up-Buch dar, das durch bewegliche Elemente das Publikum überrascht. Ein Beispiel dafür ist die überdimensionale Kuckucksuhr, die im Fokus der Seebühne steht“, erklärt Frank Philipp Schlößmann, der das Bühnenbild entworfen hat.  Der spielerische Umgang mit dem Stück setzt sich auch bei den Kostümen fort. „Dieses Jahr werden es 100 Kostüme für Statisterie, 200 Kostüme für Ballett und 32 Kostüme für Solisten sein. Alleine für die Damen-Kostüme der Hofgesellschaft werden gerade 160 Laufmeter Tüll für 25 pastellfarbene „Tüllbomben“ verarbeitet, die so groß sind, das alle Türen ausgehängt werden müssen und ein Handkuss nur aus gebührenden Abstand möglich wird“, gibt Armella Müller von Blon Einsicht in ihre Kostümentwürfe.

Die Choreographie sieht sich beim „Vogelhändler“ mit einer besonderen Herausforderung konfrontiert, da in der Operette keine Balletteinlage im herkömmlichen Sinn vorgesehen ist. „Da eine Operette ohne Ballett auf der Seebühne Mörbisch undenkbar ist, war es also unsere Aufgabe, nach Möglichkeiten zu suchen, um das wunderbare Ballett der Seefestspiele Mörbisch wirkungsvoll und erfrischend in die Inszenierung zu integrieren. So werden zum Beispiel Adam, dem Vogelhändler, eine Schar erotisch anmutender Vögel zur Seite gestellt und die Christel von der Post ist von tollpatschigen Brieftauben umgeben. Außerdem wird unser Publikum zünftige Tiroler Trachtenpaare zu Gesicht bekommen und nicht zuletzt ein prunkvolles „Rosenballett“ erleben dürfen. Aber ich will nicht zu viel verraten“, so Choreograph Mirko Mahr.

Zu sehen sind in dieser Inszenierung Sieglinde Feldhofer alternierend mit Martina Fender als Christel, Thomas Ebenstein und Paul Schweinester als Adam, Cornelia Zink beziehungsweise Elena Puszta als Kurfürstin Marie, Dagmar Schellenberger als Adelaide, Wolfgang Dosch und Gerhard Ernst als Professoren Süffle und Würmchen, Horst Lamnek oder Rupert Bergmann als Baron Weps und Maximilian Mayer im Wechsel mit Philipp Kapeller als Graf Stanislaus.

Intendantin Dagmar Schellenberger singt die Adelaide. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Tschank

Sieglinde Feldhofer als Postbotin Christel, Thomas Ebenstein als Vogelhändler Adam und Cornelia Zink als Kurfürstin Marie. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Anlässlich 60 Jahre Mörbisch haben sich auch Stars vergangener Jahre angesagt. Allabendlich wird Dagmar Schellenberger mit einigen von ihnen plaudern, danach stehen die Publikumslieblinge ihren Fans für Autogramme und Gespräche zur Verfügung. Angekündigt sind unter anderem: Guggi Löwinger und Gerhard Ernst am 14. Juli, Adolf Dallapozza und Susanne Kirnbauer-Bundy am 15. Juli, Sona Ghazarian und Heinz Zednik am 20. Juli, Helga Papouschek und Kurt Schreibmayer am 22. Juli, Gabi Bischof und Sandor Nemeth am 27. Juli. Am 17. August tritt der  Gründungschor der Seefestspiele Mörbisch auf, am 18. August Dagmar Koller.

www.seefestspiele-moerbisch.at

Wien, 24. 4. 2017

Seefestspiele Mörbisch: Viktoria und ihr Husar

Juli 8, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Weltreise mit wunderbaren Melodien

Motorradtrip ins Happy End: Dagmar Schellenberger als Viktoria und Michael Heim als Husarenrittmeister Stefan Koltay. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Motorradtrip ins Happy End: Dagmar Schellenberger als Viktoria und Michael Heim als Husarenrittmeister Stefan Koltay. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Das ist tatsächlich großes Kino! Intendantin Dagmar Schellenberger zeigt bei den diesjährigen Seefestspielen Mörbisch „Viktoria und ihr Husar“ und was Regisseur Andreas Gergen und sein Ausstatter Christian Floeren dazu auf die Neusiedlerseebühne gestellt haben, übertrifft an Opulenz, so möchte man meinen, sogar noch die vergangenen Jahre.

Die beiden laden zu einer Weltreise mit den wunderbaren Melodien von Paul Abraham; sie entzünden lang bevor das eigentliche beginnt ein Feuerwerk an großartigen Ideen und kleinen Gimmicks. Da wechseln sich japanische Pagoden mit einem St. Petersburger Palais und später der ungarischen Puszta ab. Da kann ein Doppeldecker beinah wirklich fliegen, eine Beiwagenmaschine fast ohne Anschieben Fahrt aufnehmen. Da wackelt der goldene Buddha im Takt mit dem Kopf und glitzert der Eifelturm, aber hängt im Grammophon die Nadel, stocken Platte wie Ballett und es gibt kein Weiterkommen. Welch ein Spaß. Und jeder der Mitwirkenden hat Paprika im Blut.

Schellenberger selbst hat sich der Rolle der Viktoria verschrieben. Die ungarische Gräfin wurde Ehefrau des amerikanischen Gesandten John Cunlight, als sie ihren geliebten Husarenrittmeister Stefan Koltay gefallen glaubte. Doch der überlebt die russische Kriegsgefangenschaft und landet auf seiner Flucht just in der US-Botschaft in Tokio. Nun steht Viktoria vor der Gewissensfrage, welchen der beiden Männer sie von Herzen liebt. Schellenberger gestaltet ihren Part ganz Grande Dame mit Augenzwinkern, sie zeigt einmal mehr, wie unterhaltsam, bewegend und mitreißend Operette sein kann, wenn man das Genre im richtigen Maße ernst wie leicht nimmt.

Ihr zur Seite stehen Andreas Steppan als selbstloser Entsager Cunlight, der auch ohne klassische Operettenstimme den Kollegen punkto Ausstrahlung und Charme in nichts nachsteht. Und der fabelhafte Michael Heim als Koltay, der wiewohl im Vorspiel in der sibirischen Steppenlandschaft kurz von der Mikrofonierung gestört, seine Stimme schön zu führen weiß und als aufrechter Held und Ehrenmann berührt. Schließlich ist nicht alles eitel Wonne in diesem Werk, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, teils im bolschewistischen Russland und am Vorabend des Nationalsozialismus spielt.

Gergen lässt in einem ersten Bild Lager anklingen. Ein Innehalten und Nachdenken darüber, was Operette hätte sein können, wären ihre Schöpfer wie eben Abraham und seine Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda nicht von den Nazis vertrieben oder ermordet worden. Abraham, der einstige k.k.-Superstar, starb nach dem Exil in geistiger Umnachtung. Löhner-Beda wurde in Auschwitz totgeschlagen, weil Manager des Chemiekonzerns IG Farben seine Arbeitsleistung bemängelt hatten …

Perfektes Buffopaar: Andreas Sauerzapf als Janczi und Katrin Fuchs als Riquette. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Perfektes Buffopaar: Andreas Sauerzapf als Janczi und Katrin Fuchs als Riquette. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Peter Lesiak als Graf Ferry ist ein Highlight des Abends; mit Verena Barth-Jurca als O Lia San. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Peter Lesiak als Graf Ferry ist ein Highlight des Abends; mit Verena Barth-Jurca als O Lia San. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Dem dramatischen Dreieck, die gewesene Liebesgeschichte zwischen Viktoria und Koltay erzählt Gergen mit einem Balletttänzerduo als wären’s Rückblenden, stehen zwei Buffopaare gegenüber. Alle vier machen sich mit überbordender Spielfreude und einer Prise Frivolität an ihre Rollen. Was ihnen die Lacher des Publikums sichert. Der sympathische Spaßvogel Andreas Sauerzapf und die quirlige Katrin Fuchs geben witzig-spritzig Koltays Burschen Janczi und das Kammerkätzchen Riquette. Verena Barth-Jurca ist als O Lia San entzückend; sie überzeugt nicht nur mit ihrem kristallklaren Sopran, etwa wenn sie ihrem Ferry die 1070 Regeln der glücklichen Ehe vorbetet, sondern auch in den Tanznummern.

Zweiundzwanzig davon hat Simon Eichenberger einfallsreich choreografiert, wie verlangt Foxtrott, Charleston und Csárdásschritte untergebracht, und der sie von den Solisten am gekonntesten umsetzt ist Peter Lesiak als Graf Ferry. Der Sänger der Wiener Volksoper, der dort zuletzt als leidenschaftlicher Student Perchik in „Anatevka“ auffiel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19898), überzeugt auch in Mörbisch mit seiner temperamentvollen Art. Er zeigt nicht nur geradezu akrobatische Slapstickeinlagen, sondern steppt auch, dass es eine Freude ist. Mit dem Slowfox-Hit „Mausi, süß warst du heute Nacht“ samt einer Nagetierparade gestaltet er einen der Höhepunkte des Abends. Auch Statisten, Chor und Tänzer sind gut geprobt und vor allem ausgesprochen gut gelaunt.

Musikalische Weltreise von Japan ... Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Musik-Weltreise von Japan … Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

... bis Paris. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

… bis Paris. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

David Levi führt das Orchester mit flottem Dirigat durch den Abend. Er versteht es Folklore mit Jazz zu mixen, und überzeugt musikalisch vom Schlager à la „Meine Mama war aus Yokohama“ über die weit schwingenden Melodien von „Du warst der Stern meiner Nacht“ und „Nur ein Mädel gibt es auf der Welt“ zum melancholischen „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ bis zum feurigen Foxtrott „Ja so ein Mädel, ungarisches Mädel“. Da ist das Happy End schon in greifbarer Nähe, weil, wie könnt’s im Burgenland anders sein, im Wein die Wahrheit liegt.

„Viktoria und ihr Husar“ in Mörbisch ist ein üppiger Bilderbogen, der alles zu bieten hat, was die Tragikomik der Operette ausmacht. Er ist ein bissl schräg, etwas gefühlig, zwischendurch pathetisch, alles in allem sehr beschwingt – mit einem großen Schuß (Selbst-)Ironie. Eben ein auf allen Ebenen gelungener Abend. Es gibt noch für alle Spieltage und in beinah allen Preiskategorien Karten.

www.seefestspiele-moerbisch.at

Wien, 8. 7. 2016

Seefestspiele Mörbisch 2016: Viktoria und ihr Husar

April 20, 2016 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Dagmar Schellenberger präsentierte die Produktion

Die Stars von "Victoria und ihr Husar": Michael Heim, Dagmar Schellenberger und Andreas Steppan. Bild: Seefestspiele Mörbisch

Die Stars von „Viktoria und ihr Husar“: Michael Heim, Dagmar Schellenberger und Andreas Steppan. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Pin

Eine rare Perle der glamourösen Revue-Operette präsentierte Intendantin Dagmar Schellenberger Mittwoch Vormittag ihrem Publikum 2016. Nach 43 Jahren Pause verlieren, finden und lieben „Viktoria und ihr Husar“ einander wieder auf der Seebühne in Mörbisch.

Paul Abrahams Operette ist eine Geschichte mit Tiefgang, jede Menge Evergreens zum Mitsingen von „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“, „Mausi, süß warst du heute Nacht“ bis „Meine Mama war aus Yokohama“, spektakuläre Tanznummern und eine wahre Ausstattungsschlacht, die zwischen 7. Juli und 20. August für Glamour am Neusiedler See sorgen wird. „Ein Spektakel der besonderer Art“, verspricht die Intendantin.

Besondere Anforderungen gibt es an das Bühnenbild, denn „Viktoria und ihr Husar“ gleicht einer musikalischen Weltreise, die von Sibirien über Tokio nach St. Petersburg und schließlich zum großen Finale in die Puszta führt. „Diesen völlig unterschiedlichen Schauplätzen ist aber eines gemeinsam“, erklärt Christian Floeren, der Bühnenbild und Kostüme entworfen hat: „Jedes Bild ist um die zweiteilige Revuetreppe gruppiert – sie ist der Dreh- und Angelpunkt für die Tänzerinnen und Tänzer und kann mit LED fast wie eine Lichtwand ihre Farbe verändern.“

Das Bühnenbild wird opulent. Bild: Seefestspiele Mörbisch

Das Bühnenbild wird opulent. Bild: Christian Floeren

Nicht nur das Bühnenbild steht ganz im Zeichen der Tanzes, auch sonst werden bei den Seefestspielen 2016 völlig neue Maßstäbe gesetzt. Das Ballett besteht aus 50 Tänzerinnen und Tänzern, mit denen Choreograf Simon Eichenberger bereits seit dem Frühjahr die extrem aufwendigen Schrittfolgen erarbeitet. „Insgesamt haben wir einen sehr breiten Bogen von Folklore-Momenten bis hin zu amerikanischen Einflüssen aus Charleston und Foxtrott gespannt.“ 22 Tanznummern hat das Stück, da „müssen neben den 25 Tanzpaaren – so viele gab es noch nie in Mörbisch – auch alle Sängerinnen und Sänger rann“, sagt Dagmar Schellenberger, die die Gräfin „Viktoria“ singt, und sich am Ende zwischen zwei Männern entscheiden muss: ihrem Husar, Michael Heim, und dem US-Botschafter John Cunlight, Andreas Steppan.

Zu sehen sind in der Regie von Andreas Gergen neben Dagmar Schellenberger als Viktoria, Andreas Steppan als Botschafter und Michael Heim bzw. Garrie Davislim als Husarenrittmeister Stefan Koltay, Verena Barth-Jurca bzw. Theresa Dittmar und Jeffrey Treganza bzw. Peter Lesiak sowie Andreas Sauerzapf bzw. Timo Verse und Laura Scherwitzl bzw. Katrin Fuchs als die beiden Buffo-Paare. Die musikalische Leitung hat David Levi.

Intendantin Dagmar Schellenberger und ihr Mörbisch-Team. Bild: Seefestspiele Mörbisch

Intendantin Dagmar Schellenberger und ihr Mörbisch-Team. Bild: Jerzy Pin

Für alle, die den Inhalt nicht kennen sollten: Die ungarische Gräfin Viktoria führt eine komfortable, aber wenig leidenschaftliche Ehe mit John Cunlight, dem amerikanischen Botschafter in Tokio. In der Botschaft herrscht Aufbruchsstimmung, denn Cunlights Versetzung nach St. Petersburg steht unmittelbar bevor. In die Reisevorbereitungen hinein platzen zwei ungarische Soldaten, denen die Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft gelungen ist. Viktoria trifft dieser unerwartete Besuch mitten ins Herz – erkennt sie in einem der beiden Männer doch ihre große Liebe Stefan Koltay wieder, ihren Verlobten aus Jugendtagen, von dem sie dachte, dass er im Ersten Weltkrieg gefallen sei. Am Schluss siegt die Liebe und in Ungarn wird eine Dreifach-Hochzeit gefeiert.

www.seefestspiele.at

Wien, 20. 4. 2016

Dagmar Schellenberger im Gespräch

Juni 18, 2013 in Klassik

Die neue Intendantin der Seefestspiele Mörbisch

eröffnet mit „Der Bettelstudent“

Bild: (c) Lichtstark

Bild: (c) Lichtstark

Probenbesuch auf der Seebühne: Noch ist hier vieles Baustelle. Es wird gehämmert und gesägt, aber auch eifrig geprobt, gesungen und gespielt. Denn Dagmar Schellenberger hat spannende Pläne, wie sie im Interview erzählt. Premiere ist am 11. Juli.

MM: Was hat Sie daran gereizt, die Intendanz der Seefestspiele Mörbisch zu übernehmen?

Dagmar Schellenberger: Mörbisch ist die größte Herausforderung, der ich mich in meiner Karriere gestellt habe. Es ist das Mekka der Operette, es gibt keine zweite Bühne, die vergleichbar wäre. Große Open-Air-Opernbühnen gibt es viele, aber das hier gibt es sonst nirgends. Ich bin seit mehr als 30 Jahren in diesem Beruf und die Operette hat immer mein Leben begleitet. Dass ich nun diese Chance bekommen habe, selber etwas zu bewirken, Verantwortung für ein so großes Unternehmen zu übernehmen, meine Handschrift zu zeigen, das ist ein Geschenk.

MM: Hier wird nicht nur künstlerisch, sondern auch von Handwerkern heftig gearbeitet. Was gibt es an baulichen Neuerungen?

Schellenberger: Das ist eine Kombination aus Wünschen, Vorschlägen, die an uns herangetragen wurden, und eigenen Ideen zur Verbesserung, die schon Bestandteil meines Konzepts waren. Wir verändern den hinteren Publikumsbereich so, dass bei Regen alle ins Trockene können, um bei einem Gläschen Wein abzuwarten, bis sich das Wetter wieder beruhigt. Dazu werden wir über Monitore Informationen zur aktuellen Wetterlage anbieten.Wir werden auch mehr Toiletten haben (sie lacht), das ist wichtig. Wir haben ein neues Gastrokonzept, wo für jede Brieftasche etwas dabei sein wird. Eine Panoramabar, ein Kaffeehaus, ein Restaurant, einen Würstelstand …Wir öffnen das Gelände eine Stunde früher, damit die Zuschauer sich schon einstimmen können. Wir bauen einen Aufzug und eine Rampe. Wir bauen eine zweite, wetterunabhängige Spielstätte für Kinder. Das Orchester wird nicht mehr im Orchestergraben auf der Bühne spielen, sondern in einem akustisch perfekten Raum, was den Klang enorm verbessern wird. Wir haben innen Probenräume. Und, und, und …

MM: Warum beginnen Sie Ihre Intendanz mit „Der Bettelstudent“? Haben Sie einen persönlichen Bezug dazu?

Schellenberger: Ich hab’s nie gesungen, das ist für eine leichtere, höhere Stimme. Ich wollte als klares Zeichen rüberbringen, dass ich ein Stück aus der klassischen, goldenen Zeit der Wiener Operette zeige. Da ist „Bettelstudent“ ideal. Es ist ein schönes Stück, das hier erst zum dritten Mal gespielt wird, super besetzt, ein tolles Leading Team – und es passt auch gut hierher: Es gibt vier große Bühnenbilder, die komplett wechseln. Und der Neusiedlersee wird auch wieder verstärkt miteinbezogen werden.

MM: Apropos, Leading Team: Sie werden jedes Jahr ein neues zusammenstellen?

Schellenberger: Was sich bewährt hat, ist geblieben. Wo ich Erneuerungsbedarf sah, habe ich etwas getan. Ich finde es gut, wenn es jedes Jahr eine neue künstlerische Handschrift gibt, das belebt das Geschehen. Denn jeder muss dann neu daran herangehen, diese Riesenbühne zu knacken. Da sind Einfälle gefragt. Das Orchester und das Ballett bleiben, letzteres kommt wieder aus Bratislava. Den Chor habe ich neu zusammengesetzt aus Staats- und Volksopernsängern und einigen jungen Sängern aus den Wiener Hochschulen, damit die auch die Chance haben, hier in diesem Umfeld Praxiserfahrung zu sammeln. Also: Wir bewegen uns auf dem schmalen Grad, in der Tradition zu bleiben, und trotzdem innovativ zu sein, über den Tellerrand zu schauen und neue Wege aufzutun.

MM: Stichwort: Schüler. Nachwuchsförderung ist Ihnen ein Anliegen?

Schellenberger: Vielleicht werden junge Sänger im Kinderstück sein, das Christian Kolonovitz schreibt, vielleicht auch in „Anatevka“, das wir 2014 auf der Seebühne bringen. Ich denke auch über eine Akademie nach, aber das ist wirklich noch eine Vision, wäre mir aber wichtig, weil aus meiner Sicht an den Hochschulen die Operette im Unterricht vernachlässigt bis vergessen wird. Dabei ist sie die Königin des Musiktheaters: man muss singen – und die Partien sind schwer -, tanzen, schauspielern können. Charmant sein. Und mitunter komisches Talent beweisen.

MM: Viele empfinden die Operette als verstaubtes Genre …

Schellenberger: Ja, da gibt es von manchen, sorry, auch von Medien eine gewisse Arroganz. Die, die wirklich mitten drinnen stehen, die singen Operette mit Leidenschaft und wissen, dass es das Schwerste ist, was einem die Bühne abverlangen kann. In der Oper kann ich auf viele große, auch internationale Kollegen zurückgreifen. Operette kann nicht jeder. Die Zahl derer, die dafür geeignet sind, ist erheblich kleiner. Da sehe ich mich – siehe Akademie – schon in der Verantwortung einzugreifen. Vielleicht machen wir auch Seefestspiele-Förderpreise. Mal sehen, wie’s heuer hier anläuft.

MM: Werden Sie selber mal hier auf der Bühne stehen?

Schellenberger: Sicher. Aber dieses Jahr bin ich voll ausgelastet. Ich bin Hans Dampf in allen Gassen. Das Administrative ist immens. Und reicht mir heuer als Beschäftigung völlig. Aber es gibt ja ein nächstes Jahr und da gibt’s eine Mutterrolle und wenn die Intendantin sich da künstlerisch einbringt, ist das punkto Identifikation gar nicht so verkehrt.

MM: Werden Sie jetzt Burgenländerin?

Schellenberger: Mit dem Dialekt wird’s ein bissl schwierig, aber mit den Rotweinen bin ich schon ganz firm (sie lacht). Im Ernst: Ich habe meinen Lebensmittelpunkt hierher verlegt, mich wortwörtlich häuslich niedergelassen, nämlich ein Haus gemietet. Ich mag das Burgenland sehr, das ist eine wundervolle Landschaft, meine Tochter liebt den See, und freue mich auch, meine Kontakte nach Wien wieder besser pflegen zu können.

MM: Was alle interessiert: Bleibt das Feuerwerk zum Schluss?

Schellenberger: Ja, weil ich denke, das Publikum wartet darauf. Aber lassen sie sich überraschen, es wird anders sein, als bisher. Es wird ins Geschehen mit eingebaut. Mehr verrate ich nicht. Die übliche Rede werden so nicht mehr stattfinden, ich mache mein eigenes Ding. Mit neuer Fanfare und auch ein paar Überraschungen.

MM: Welches Opfer haben Sie sich für den Wettergott ausgedacht?

Schellenberger: Ich habe mit ihm schon gesprochen. Ich bin ein Sonntagskind, mir ist der Optimismus in die Wiege gelegt worden. Wenn wir wohin fahren, sagt meine Tochter immer: Ich fahre mit der Mama, weil die findet immer einen Parkplatz. Ich hoffe einfach auf das Glück des Tüchtigen. Unser Publikum ist so tough ausgerüstet, mit Decken, mit Regenschutz oder Gelsenschutz, die wollen gar nicht aufstehen, wenn’s zu tröpfeln beginnt.

MM: Wird der ORF wieder live übertragen?

Schellenberger: Nein, den Vertrag  haben wir im beiderseitigen Einvernehmen aufgekündigt. Die Aufführung wird als DVD aufgezeichnet und dann auch durchaus Fernsehsendern zur Verfügung gestellt werden. Eine CD gibt es schon, die haben wir in unserem eigenen Studiosaal aufgezeichnet.

ZUM STÜCK: „Der Bettelstudent“ von Carl Millöcker

Ein Kuss auf die Schulter – ein Schlag ins Gesicht. Mit ihrem Fächer hat die schöne polnische Komtesse Laura Nowalska die Avancen des sächsischen Gouverneurs von Krakau, Oberst Ollendorf, vor aller Öffentlichkeit quittiert. Das muss gerächt werden! Ollendorf entlässt aus seinem Gefängnis den Bettelstudenten Symon, der als millionenschwerer Fürst Wybicki um Laura werben soll und den politischen Häftling Jan, den er zum Sekretär des vermeintlichen Fürsten macht. Nach der Hochzeit soll der ganze Schwindel auffliegen und so die Gräfin Nowalska mit ihren zwei Töchtern Laura und Bronislawa zum allgemeinen Gespött machen. Ollendorfs Racheplan scheint aufzugehen. Jedoch auch Symon und Jan haben sich in die beiden Mädchen verliebt und meinen es ernst. Während Symon darüber nachdenkt, wie er Laura seine wahre Identität gestehen kann, ohne ihre Liebe zu verlieren, nutzt Jan die etwas unübersichtliche Lage, um Polen von der Herrschaft der Sachsen zu befreien. Am Ende kündigt Kanonendonner den Sieg der Freiheit und der Liebe an. Während sich Laura und Symon, sowie Jan und Bronislawa glücklich in die Arme schließen, hat Oberst Ollendorf ausgespielt.

Carl Millöckers „Bettelstudent“ eroberte schon gleich nach der Uraufführung am 6. Dezember 1882 im Theater an der Wien die Bühnen der Welt. Musikalische Meisterschaft vereint sich hier mit einer brillanten Geschichte, in der dank der Liebe wahre politische Wunder vollbracht werden. Millöcker, geb. 29. April 1842 in Wien, gest. 31. Dezember 1899 in Baden bei Wien, war neben Johann Strauß Sohn und Franz von Suppé der dritte Vertreter der klassischen Wiener Operette.
LEADING TEAM UND BESETZUNG:
Musikalische Leitung: Uwe Theimer; Regie: Ralf Nürnberger; Bühnenbild:Yadegar Asisi; Kostüme: Susanne Thomasberger; Choreografie: Renato Zanella. Es singen u. a. Mirko Roschkowski, Sebastian Fuchsberger, Gert Henning-Jensen, Erwin Belakowitsch, Cornelia Zink, Nora Lentner, Adriane Queiroz, Daniela Kälin, Linda Plech, Ingrid Habermann, Henryk Böhm und Milko Milev.
ZUR INTENDANTIN:

Kammersängerin Dagmar Schellenberger erhielt ihre musikalische Ausbildung an der „Carl Maria von Weber“ Hochschule für Musik in Dresden. Noch als Studentin gewann sie den internationalen Dvorak Gesangswettbewerb in Karlsbad, ihr Start in eine internationale Karriere. Sie begann ihre Sängerlaufbahn an der Komischen Oper Berlin und sang dort hauptsächlich Mozart-Partien, wie Pamina, Susanna, Contessa, Fiordiligi, Donna Anna u. Donna Elvira, aber auch Valencienne, Eurydice und Arianna in Händels „Giustino“. Für ihre Agathe im „Freischütz“, die sie auch an der Berliner Staatsoper und an der Oper Frankfurt gesungen hat, erhielt sie den Kritikerpreis der Berliner Zeitungen. Über 125 mal sang Dagmar Schellenberger alle 3 Frauen in Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen, die Antonia dazu weltweit, u. a. in Rom und Nizza mit R. Raimondi. Zu Beginn Ihrer Karriere gastierte Dagmar Schellenberger bereits an verschiedenen Theatern u. Opernhäusern, u. a. als Maria in „West Side Story“ am Opernhaus Leipzig sowie als Ernestine im „Salon Pitzelberger“. Sie sang als Ännchen im „Freischütz“ 1985 die Eröffnungsproduktion der Semperoper Dresden. Schnell führt sie ihr Weg an die Staatsoper Berlin, wo sie viele Jahre Rosalinde in der „Fledermaus“, Gräfin im „Figaro“, Agathe im „Freischütz“ und Antonia sang. Als Rosalinde konnte man sie über 20 Jahre u. a. in Berlin, Paris (Bastille), Santiago de Chile, Tokio sowie in Spanien erleben. Ihr breit gefächertes Repertoire u. das Spektrum ihrer Gesangskunst führten zu Engagements u. Gastspielen in Deutschland, Argentinien, USA, Niederlande, Frankreich, Italien, Spanien, Israel u. Japan. 2004 debütierte Dagmar Schellenberger an der Mailänder Scala als Blanche in „Les Dialogues des Carmelites“ unter Ricardo Muti u. sang 2005 ebendort die Lisa in Tschaikowskys „Pique Dame“ unter Jury Termikanow. Die Rolle der Marschallin im „Rosenkavalier“ sang sie weltweit, wie auch Strauss‘ Arabella und Cappriccio Madeleine. Sie arbeitete mit namhaften Dirigenten von Milan Horvath über Zubin Mehta bis zu Riccardo Muti zusammen. Zahlreiche Rollen sind auf DVD dokumentiert, z.B. Lustige Witwe unter Welser-Möst am Opernhaus Zürich, Rosalinde in „Fledermaus“, Mariza in „Gräfin Mariza“, Marschallin im „Rosenkavalier“ u. a. Über 30 CD-Einspielungen belegen ihre Vielfalt.In Österreich war sie als Pamina in „Die Zauberflöte“ am Theater an der Wien und oftmals als „Lustige Witwe“ an der Wiener Volksoper sowie am Raimund-Theater als Eurydice in Glucks „Orfeo“ zu hören. 2006 sang sie die Primadonna in Bernhard Langs Oper „I hate Mozart“ am Theater an der Wien, im Juni 2012 sang sie im Wiener Konzerthaus in Weinbergers Oper „Wallenstein“.Die Seefestspiele Mörbisch und das Burgenland lernte Dagmar Schellenberger während ihrer Engagements bei den Seefestspielen als „Gräfin Mariza“ in 2004 und „Lustige Witwe“ in 2005 kennen und lieben. Seit 15 Jahren widmet sich Dagmar Schellenberger der Nachwuchsförderung u. gibt ihre langjährige Erfahrung als Professor an der Universität der Künste in Berlin weiter. Sie ist Jurymitglied großer Gesangswettbewerbe. Im September 2012 übernahm die Sängerin die Intendanz bei den Seefestspielen Mörbisch.

www.dagmar-schellenberger.de

www.seefestspiele-moerbisch.at

Von Michaela und Rudolf Mottinger

Wien, 18. 6. 2013