Landestheater NÖ: Quasi Jedermann

Januar 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Verschluckt an der österreichischen Seele

Herr Karl hoch fünf: Michael Scherff, Tobias Artner, Tim Breyvogel , Hanna Binder und Josephine Bloéb teilen sich den Qualtinger-Monolog. Bild: Alexi Pelekanos

Wer ist denn dieser Querulant im Publikum? Zuschauer drehen sich zu dem Mann in der Reihe hinter ihnen um, dem’s nicht passt, dass da vorn nix weidageht, und der sich ausdauernd darüber beschwert. Lauta Weiba, sagt er mit Blick auf die Besetzungsliste, und drei Piefke, des haaßt deutscher Humor gegen unsan Schmäh, und erklimmt auch schon die Bühne, steigert sich hoch, vom Privaten ins Politische, und steigert sich rein, von Voreingenommenheit zum Vorurteil zur Verurteilung.

Weil, auch wenn St. Pölten nicht Wien ist, da kennt sich einer aus mit Frühaufstehen und Wachsein. „Mir brauchen se gar nix erzählen.“ Mit diesem Satz beginnt Helmut Qualtingers „Der Herr Karl“ und nun auch der Abend zu seinen Ehren – „Quasi Jedermann“ am Landestheater Niederösterreich. Für den sich Schauspieler Michael Scherff eben jenen brillant beckmesserischen Prolog verfasste. Regisseurin Christina Tscharyiski, die zuletzt mit der Stefanie-Sargnagel-Collage „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ im Rabenhof überzeugte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), hat zum 90. Geburtstag des Satiregenies Qualtinger etliche von dessen in Zusammenarbeit mit Carl Merz entstandenen Texte zu einem Ganzen verbunden.

Als Klammer dient selbstverständlich die Lebensbeichte des berühmt-berüchtigten Feinkost-Lageristen, und es überrascht, wie neu diese klingt, man hat ja das Original „quasi“ im Ohr, wenn die Widersprüche, in die sich der ewige Raunzer verstrickt, auf mehrere Stimmen aufgeteilt gleich einer Vox populi werden. Mit Scherff spielen Tobias Artner, Hanna Binder, Josephine Bloéb und Tim Breyvogel, und die fünf verstehen es meisterlich ein Herr-Karl-Gefühl aufkommen zu lassen, wenn sie einen weit hinunter in dessen österreichische Seele blicken lassen, so dass man sich am Lachen über deren Abgründe schnell einmal verschluckt.

Burschenschafter am Würstelstand: Tim Breyvogel und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Rosen für die Trottoirschwalbe: Josephine Bloéb und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Die Darsteller wissen die Pointen treffsicher zu setzen, sie bringen Qualtingers schwarzhumorigen Tiefsinn, seine bitterböse Verzweiflung ob herrschender Verhältnisse, seine urkomischen Dialoge angetan als Burschenschafter, Rosenverkäufer oder Heurigenbesucher, die Kostüme sind von Miriam Draxl, auf den Punkt. Als Bühnenbild hat ihnen Sarah Sassen einen Pflock hingestellt, der durch Drehung zu Blumen- oder Würstelstand wird, aber auch wie eine Bunkeranlage wirkt.

Tscharyiskis Text-Auslese reicht vom Travnicek-Sketch über „Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben“ und „Jahrhunderte blicken herab“ bis zur Striptease-Familie. Und wie sie sich bei „Ja, eh!“ Liedermacher Voodoo Jürgens als musikalischen Zeremonienmeister holte, sind diesmal die Wienerlied-Beatboxer Wiener Blond mit von der Partie.

Verena Doublier und Sebastian Radon, unterstützt vom Kontrabassisten Navid Djawadi, sind in hohem Maße mitverantwortlich für diesen gewissen anderen, den lapidaren Tonfall der Aufführung. Verkleidet als Country-Duo animieren Doublier und Radon das Ensemble zum „Vereinsmeier Bossa“ und verleiten es bei „Da liegt ana, da pickt ana“ zum Can Can.

Und weil Wiener Blond wissen, wo das goldene Wienerherz schlägt, geht’s liedtechnisch auch in den „Gemeindebau“ oder lassen sie in „I kumm ned weida“ wissen „Lieber das Krügerl vuam Gsicht, ois die Hackn im Kreuz. Lieber a Leber voi Gift, ois a Pantscherl des eh kaan mehr gfreut“. Das passt zum Qualtinger wie Arsch auf Eimer, um noch mal auf die Nachbarn zu sprechen zu kommen. Hanna Binder berlinert sich mitunter durchs heimische Idiom, sagt sie Hitler, wird daraus ein Schluckauf-Hicks, will sie „Die Bürgschaft“ rezitieren, wird ihr das Aufsagen von Terroristenlyrik so lange verboten, bis sie beim Gabalier’schen „Hulapalu“ landet. Dessen Hodi odi ohh di ho di eh auf klassische Art vorgetragen, das hat was … Michael Scherff wiederum mutiert zu St. Pöltens Antwort auf Charles Aznavour und erläutert seinen migrantischen Mitspielern, dass Lavendel nicht zwangsläufig eine lila Pflanze ist. Und apropos, Lippenblütler, geschüttelt, heißt: gereimt, wird auch. Auf Teufel komm‘ raus und tief unter der Gürtellinie.

Wiener Blond im Country-Look und mit Kontrabassist: Verena Doublier, Navid Djawadi und Sebastian Radon. Bild: Alexi Pelekanos

Josephine Bloéb singt als Trottoirschwalbe mit hinreißender Hingabe das Leopold/Werner-Lied „I schupf alles nur mit l’amour“, und erklärt Tobias Artner Tim Breyvogel, er habe vor der nächsten Wahl eine Operation vor, meint er damit keinen politischen Rechtsruck, sondern seinen Leistenbruch. Mit ihrer Hommage „Quasi Jedermann“ gelingt Christina Tscharyiski politisch-poetisches Volkstheater, das sich dem großen Vorbild als durchaus würdig erweist.

Sie treibt den Stachel, den Qualtinger einst einer geschichtsverleugnenden Nachkriegszeit ins Fleisch bohrte, der neu aufkommenden Kleingeistigkeit ins Gehirn. Eine Tiefenbohrung, die bei allem Freilegen gesellschaftlicher Tatbestände trotzdem auch Riesenspaß macht. Zum Schluss servieren Wiener Blond endlich, worauf alles gewartet hat: Qualtingers Greatest-Hits-Medley, vom „G’schupften Ferdl“ übern „Bundesbahnblues“ bis zum Papa, der’s schon richten wird.

Vorstellungen am Landestheater bis 9. März, zu Gast an der Bühne Baden am 23. August.

www.landestheater.net          www.wienerblond.at          www.buehnebaden.at

  1. 1. 2019

Schauspielhaus Wien: AUTOS

Januar 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwarzhumorige Messe für ein Statussymbol

Die AUTO-Fahrer, ihr Auto-Radio und drei seltsame Spukgestalten: Johanna Baader, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Olga Hepnarová, das erzählt Johanna Baader, die Sopranistin zu Gast am Schauspielhaus Wien, war die erste, die mit einem Fahrzeug Menschen tötete. 1973 am Prager Strossmayerplatz ist das geschehen, da fuhr sie mit einem Lastwagen in eine Gruppe von 25 Leuten, die auf die Straßenbahn warteten. Um, wie sie in einem Bekennerbrief schrieb, „Rache zu nehmen an denen, die mich hassen“. Die Opfer kannten ihre Mörderin nicht, und so kam der Terrorismus per Kfz in die Welt.

Mit „AUTOS“ zeigt das Schauspielhaus die zweite Uraufführung eines Texts von Enis Maci, und der Hepnarová’sche Wahnsinn ist nur eine der Auto-Biografien, die die Autorin an diesem Abend in ihren Assoziationsfreiraum entlässt. Vollgepackt wie ein Urlauber-Auto sind Macis Zeilen, in doppeltem Sinn unfassbar, was alles in knapp zwei Stunden passt, in denen sie alle Hervorbringungen des Begriffs abhandelt. Statussymbol und Schutzraum und gern verwendetes Vehikel in Horrorstorys. Als Silbe heißt es „selbst“, also Auto-nomie vs Auto-ritäten, und darum geht’s Maci auf einer Metaebene:

Heimat haben oder Fremdsein, beides auch bei oder mit sich selber, Abnabelung von Vaterfiguren und Vaterländern, woran ihre Charaktere reihum scheitern, und wenn’s denn gelingt, Verrat an der eigenen Vergangenheit, gefolgt von erst Verheißung, dann Fluch eines neuen Lebens. Und während Maci auf einzelne Geschichten zoomt, entwirft sie gleichsam ein Europa als eine von inneren und offen ausgetragenen Konflikten entzündete Wunde. Darin politisches Herumstochern, statt Heilungsversuchen.

An Handlung gibt es dies: Ein Road-Trip. Bruder und Schwester, Steffen Link und Vassilissa Reznikoff, begeben sich – wie die statt eines Navi verwendete Straßenkarte vermuten lässt, irgendwann in den 1970er-Jahren – auf die Todeszone „Gastarbeiterroute“, um jene Stelle aufzusuchen, an denen einst der Großvater bei einem Auto-Unfall ums Leben kam. Als sie Kinder waren, hat der Vater in nächtlichen Albträumen deshalb laut geschrien und begab sich darob in psychiatrische Behandlung, nun wollen die Geschwister an Großvaters Sterbeort einen Baum pflanzen. Begleitet werden sie vom Auto-Radio, aus dem im Gruselton vorgetragene Nachrichten und Musikfetzen dringen, erstaunlich, wie viele La-La-Lieder geschrieben wurden, im Fond des Wagens drei mit Blutrot gezeichnete Gestalten, Johanna Baader, Simon Bauer und Sebastian Schindegger, die vom Auto als (Fortbewegungs-)Mittel zu Freiheit oder Tod berichten.

Regisseur Franz-Xaver Mayr verwandelt die absurde Poesie der Vorlage in eine schwarzhumorige Messe. Die Stimmung: suspense-ig. Im Halbdunkelnebel auf steiler Schräge, Bühne und Kostüme sind von Korbinian Schmidt, scheinen düstere, in Talare gewandete Priester ein Ritual abzuhalten. Sie erheben die Stimmen zum Chor, mal wird so gesungen, mal gesprochen, mal sind sie Rhythmusmaschine, mal Melodienmacher, sind das Aufheulen des Motors, das Rauschen im Äther, sind schluchzende Geige oder polterndes Blech, Simon Bauer eine schnauzbärtige Tuba – die Baader eine wahrhaftige Opernsängerin.

Einflüsterer unterwegs: Johanna Baader, Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Das Geld liegt auf der Straße: Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Hochmusikalisch ist diese Aufführung, und Mayr, der szenisch wenig Theater macht, tut recht daran, sich im leeren Raum auf die darstellerische Kraft seiner Schauspieler zu verlassen, die die Dialoglosigkeit des Textes dadurch aufheben, dass sie füreinander das absolute Gehör zu haben scheinen, ihr Spiel eine beständige Suchbewegung nach dem Wesentlichen beim anderen, eine Aufmerksamkeit, die zu perfektem Zusammenklang führt. Und weil’s am Schauspielhaus wunderbarer Weise meist so ist, wird das Ganze mit jener tiefernsten Komik vortragen, die noch die allerentsetzlichsten Vorkommnisse in goldhelles Licht taucht.

Die Schicksale sind nämlich schrecklich bis skurril. Bertha Benz, die, weil der Patent-Motorwagen ihres Mannes kein zahlendes Publikum fand, zu PR-Zwecken die erste erfolgreiche Fernfahrt unternahm, damit die Familienkasse klingeln ließ, und später vom Gatten verleugnet wurde, indem er angab, seine Söhne hätten das Fahrzeug gelenkt. Kurierfahrer K., ein migrantischer Tom Selleck, der in seiner Caritas-Kleidung die Zukunft der Runways vorwegnimmt, und Post in den Süden transportiert.

Steffen Link als Daniel Küblböck, der das Verblassen seines DSDS-Starruhms nicht ertrug und sich von der MS Aida ins Meer stürzte. Cem, der aus Alternativlosigkeit am protestantischen Religionsunterricht teilnimmt. Richard Sarrazin zwischen Plattenbau-Armut und Arbeitsamt. Sebastian Schindegger als Walter Kohl, den die Stiefmutter-Witwe nicht zum aufgebahrten Vater vorlässt. Der Syrer Ahmed A., dem kein Aufseher half, als seine deutsche Gefängniszelle in Flammen stand. Albaniens Punkikone Ivi, sein Vater hochrangiger Militär, und deshalb von den Eltern ins Irrenhaus verfrachtet, bevor er mit seinen Widerstandsrufen Kundgebungen des Regimes stören konnte … All diese Töchter/Söhne aufgebrochen, angefeindet, ausgestoßen, abgemahnt. In einer jelinek’schen Passage wird die Wolfsburger Auto-Industrie aufs Korn genommen, die die frühen italienischen Gastarbeiter in genau dem Lager zu wohnen hieß, in dem knapp zuvor noch Zwangsarbeiter und KZ-Häflinge hausten. Solches schildert Maci mit großer Wucht, etwa, wenn es darum geht, ob das Haus der Menschen Vernichtung oder Versöhnung heißt.

Mayr hält Macis so unergründliche wie mächtige Bedeutsamkeiten in Schwebe, nichts wird aufgelöst, nichts erklärt, nicht einmal, ob es in der Videoprojektion am Ende Wasser oder Feuer ist, das in Endlosströmen nach oben fließt. Da berichtet Vassilissa Reznikoff von denen, die im rostigen Mercedes, und dieser daheim trotzdem ein Protz-Auto, sieben Personen pro Pkw, Waschmaschine aufs Dach geschnallt, die Europastraße 5 befahren. Am Straßenrand ausgebrannte Auto-Wracks und Grenzkaufhäuser für letzte West-Geschenke. Heute heißt dieser Weg „Balkanroute“, darauf Flüchtlinge, unterwegs in der Gegenrichtung. Abgezogen von Schleppern und ohne Aufenthaltstitel. Johanna Baader singt betörend schön Kurt Weills Song über den Sehnsuchtsort „Youkali“. Den gibt es nicht, der ist nur Illusion. Und am Straßenrand liegen zwei neue Leichen.

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2019

Werk X-Petersplatz: Zum Wilden Mann

Dezember 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blitzkrieg mit Bierdeckeln

Die Burschenschaft „Dekadenzia zu Wien“: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl, Martin Purth, Matthias Tuzar, J-D Schwarzmann; vorne: Sebastian von Malfér. Bild: © Alexander Gotter

Kein Schmäh. Gerade als man das Theater verließ, lief einer im Elitenstechschritt vorbei. An der Hand die Freundin, die Couleur hellbraun. Sage noch einer, Kunst sei kein Spiegel der Sachlage im Lande. Einen solchen halten Regisseurin Ursula Leitner und die handikapped unicorns nun im Werk X-Petersplatz der Pandorabüchse Burschenschaften vor. Sören Kneidl, Sebastian von Malfèr, Martin Purth, Bernhard Georg Rusch, J-D Schwarzmann und Matthias Tuzar agieren als „Dekadenzia zu Wien“.

Diese zwar fiktiv, doch der Text zu „Zum Wilden Mann“ auf Grundlage von Dokumaterial und mit Beratung des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands entstanden. Eine bissige Farce auf die Vollwichsträger ist diese Uraufführung geworden. Vom Fuxmajor über den Cantusmagister bis zum Fuxe, die Hackordnung wie in einem Hühnerstall, sind alle vorhanden, die sich der Männlichkeit ihres Bierzipfels versichern müssen. Und so übt sich das rechtsakademische Personalreservoir Vielmann, Neumann, Hartmann, Bergmann, Baumann und Trautmann in den entsprechenden Ritualen – saufen, singen, über Sex reden. Das alles tun sie in der Wirtschaft „Zum Wilden Mann“, wo die Truppe knapp vor Sperrstunde kornblumenblau von einem Bezirksfest kommend einfällt. Für eine letzte Runde.

Dem linksgemütlichen Hausherrn Johnny, Régis Mainka, und seiner Kellnerin/Verlobten Tajana, Aleksandra Corovic, helfen ihre freundliche Art wenig. Die Nacht wird aus dem Ruder laufen, die Situation eskalieren. Immer wieder nämlich wird der Fortlauf der Ereignisse gestoppt, treten einzelne Mitglieder der Dekadenzia wie zur Aussage fürs Polizeiprotokoll an, Tenor natürlich: wir immer die Sündenböcke – lächerliche Vorwürfe – an den Pressesprecher wenden, da weiß man bereits, es wird nicht gut enden.

Der Wirt und seine Verlobte bemühen sich um Freundlichkeit: Aleksandra Corovic und Régis Mainka; hinten: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl und Martin Purth. Bild: © Alexander Gotter

Doch die Stimmung wird dank Alkohol immer aggressiver: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl, Martin Purth und J-D Schwarzmann; hinten: Aleksandra Corovic und Régis Mainka. Bild: © Alexander Gotter

Bis die Situation eskaliert: Martin Purth, Bernhard Georg Rusch, Matthias Tuzar, J-D Schwarzmann, Sören Kneidl (hinten) und Aleksandra Corovic. Bild: © Alexander Gotter

Schwarzweiße Maskengesichter hat Leitner den Burschenschaft-Darstellern verpasst, kennzeichnet sie so als untote Wiedergänger, doch je mehr die Schminke verrinnt oder verwischt wird, werden die Menschen darunter zur Kenntlichkeit entstellt. Bald schon werden nicht nur Bettgeschichten und Fußballergebnisse diskutiert, werden nicht mehr Blitzkrieg mit Bierdeckeln und andere Trink- und Demütigungsspielchen gespielt, sondern bricht sich der Hass Bahn. Der rechte Arm schnell hoch, Parolen werden gebrüllt, dass der Spielraum erbebt.

Es geht um Ehre, Treue, Vaterland, um urdeutsch vs. ostmärkisch, darum, das kulturelle Erbe wehrhaft zu verteidigen, gegen die Gutmensch-Propaganda, gegen toleranzbesoffene Armleuchter, Asylanten, Andersdenkende. Als die Liedzeile vom Schaffen der siebenten Million angestimmt wird, und der Wirt darob dem Treiben Einhalt gebieten will, wird die Bemerkung „Wir werden uns um die Wirtschaft kümmern“ zur unverhohlenen Drohung. Umso mehr, als sich herausstellt, dass Tajana aus dem Montenegro stammt …

Die Schauspieler spielen mit viel Schmiss. Zwar sind ihre Herrenmenschen ziemlich holzschnittartig angelegt, doch dient vielleicht gerade dies als Instrument für die Beunruhigung, die dieser mit Testosteron aufgeladene Theaterabend beim Betrachter auslöst.

Zum Schluss eine choreografiert ästhetische Gewaltszene. Dazwischen aber wendet Ursula Leitner ihren Gesellschaftsspiegel immer wieder auch Richtung Publikum. Wenn Sätze fallen wie „Ich bin wirklich die letzte, die etwas gegen Ausländer hat …“, und darauf ein kollektives „Aber …“ folgt. So wird „Zum Wilden Mann“ auch Aufforderung zur Selbstüberprüfung. Sehenswert! Noch bis 8. Dezember.

werk-x.at

  1. 12. 2018

Volkstheater: Don Karlos

November 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Franzmeier funkelt wie ein Solitär

Einstürzende Altbauten: Steffi Krautz, Lukas Watzl, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es stand hier schon einmal anlässlich einer „Antigone“-Aufführung am Haus, das Sophokles-Stück müsse so gespielt eigentlich „Kreon“ heißen. Nun hat es Günter Franzmeier wieder getan. Als Spaniens König Philipp II. dominiert er mit seiner brillanten Performance die „Don Karlos“-Inszenierung von Barbara Wysocka am Volkstheater. Franzmeier funkelt wie ein Solitär, er macht aus dem Souverän einen modernen Chef im perfekt sitzenden grauen Anzug. Der reichste und mächtigste Mann seiner Welt gäbe sich gern gönnerhaft jovial, doch ist das eine bemühte Maskerade, frisst am absolutistischen Herrscher doch das Misstrauen gegen den Hof.

Fantastisch, wie Franzmeier seine Figur entwickelt. Vom ersten Auftritt in Aranjuez, wo er schneidend kalt seine Frau vor deren Entourage bloßstellt, über das Bild eines Einsamen, der sich, auf sich selbst zurückgeworfen, als Sklave seiner Staatsverpflichtungen zeigt, zum seelisch zerrissenen Vater, der der Inquisition seinen Sohn opfern wird. In einer von vielen vorzüglichen Szenen befragt Philipp sein Adressbuch nach einem spionagetauglichen Vertrauten. Blatt für Blatt reißt er aus der Ringmappe: „Tot! Besser tot! Was will der hier? Ich werfe ihn zu den Toten!“, bis er auf die Personalakte Posa stößt.

Wysocka, bereits weit über Polen hinaus als widerständige Regisseurin bekannt, hat bei ihrem Wien-Debüt reichlich richtig gemacht. Ihre auf die Schauspieler konzentrierte Arbeit lässt Schillers kompliziertes Intrigenspiel mit einer Intensität ablaufen, dass man gar nicht anders kann, als wie gebannt das Bühnengeschehen zu verfolgen. In erster Linie die Männerfiguren sind ihr gutfundiert und vielschichtig geraten, als Bühnenbild bietet Barbara Hanicka dazu martialische Architektur, einen zerfallenden Regierungsbunker an, auf den wichtige Textzitate projiziert werden, dessen Rückseite ihn allerdings als bloße Theaterkulisse enttarnt – die Macht nicht mehr als eine billige Bretterwand, die Masse wird später – „Ganz Madrid in Waffen!“ – in Form von Arbeitergesichtern darüber hinwegziehen.

Konfrontation in Höchstform: Sebastian Klein und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Don Karlos ein fiebriger Fürstensohn: Lukas Watzl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Interview sagte Wysocka, sie wolle mit „Don Karlos“ auf den aktuellen Demokratie-Abbau in Europa reagieren, und irgendwie muss man beim Betrachten der ernsten Schwarzweiß-Antlitze an die Solidarność denken, und was seither an Bürgerrechten erneut veruntreut wurde. Dass Hanicka als Versatzstücke Schreibmaschine, Drehscheibentelefon und Plattenspieler verwendet, wirft einen umso mehr zu deren Anfängen zu Beginn der 1980er-Jahre zurück. In diesem Setting spielt Lukas Watzl überzeugend den Don Karlos, weniger als jenen „schwachen Knaben“, den der König „mehr als das vereinigte Europa fürchtet“, denn als fiebrigen Fürstensohn.

Der Infant ist ein ungestüm und unglücklich Liebender, und Watzl zeigt ihn von Hormonen wie vom Vaterhass geschüttelt. Ausgestattet mit einer gehörigen Portion Borderline rennt er im Wortsinn beständig im Kreis und sich dabei doch nur den Hitzkopf an. Er ist aus Verzweiflung untätig, zwar kein Elegiebürscherl, sondern ein Energiebündel, nur kann er eben diese nicht bündeln, kann seine Emotionen nicht in den Griff kriegen, um Posas politisches Programm als neuer erster Mann im Staat umzusetzen.

Wie Watzl beeindruckt auch Sebastian Klein als Marquis von Posa, in seiner Darstellung ein kühler, kluger, auch manipulativer Realpolitiker, kein Aufklärer bis zur Selbstaufgabe, kein Sympath, sondern als Stratege ein ebenfalls sehr zeitgemäßer Charakter, an dessen Schachzügen bis zuletzt undurchschaubar bleibt, ob sie auf die helle oder dunkle Seite der Macht führen werden. Dass dieser Posa immer eine braune Reisetasche mit sich trägt, deren Inhalt er nie preisgibt, was Philipp zu der Frage „Was ist denn mit dieser Tasche?“ führt, schafft eine der humorvollen Stellen des Abends. In der Konfrontation mit Franzmeier läuft Klein, mit dem pathosfrei gesprochenen Satz von der Gedankenfreiheit ein Forensiker von Philipps abgetaner Staatsform, zur Höchstform auf.

Steffi Krautz gestaltet den Herzog von Alba als süffisanten, eiskalt kalkulierenden Ränkeschmied, der Don Karlos statt eines Schwertkampfs einen Kuss aufnötigt, ihrer Leistung steht Stefan Suske als verlogen schmeichlerischer Beichtvater Domingo, der hinter dem Rücken des Königs Gift und Galle spuckt, in nichts nach. Jan Thümer riskiert als Graf von Lerma von deren Niedertracht aufgerieben zu werden, vielleicht der Grund, warum man ihn auch als Opfer eines Autodafés erlebt. Ein brennend starkes Bild.

Läuft! Lukas Watzl und Sebastian Klein bringen Bewegung ins Spiel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefan Suske, Evi Kehrstephan und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Frauen neben Krautz haben unter der Führung von Wysocka keine Fortune. Sie setzen auf falsche Töne, Evi Kehrstephan als wie ein Waschweib keifende Elisabeth, Isabella Knöll als hysterisches Schulmädchen Eboli, der man nie und nimmer die elegant-heimtückische Quertreiberin abnimmt, und warum Claudia Sabitzer, als Oberhofmeisterin Olivarez eine Art Securityfrau, in Schreikrämpfe ausbrechen muss, versteht man sowieso nicht.

Erst Florentin Groll bringt als Großinquisitor wieder jene Qualität ins mitunter arg aufgeregte Spiel zurück, mit der Franzmeier die Aufführung begonnen hat. Mit leidenschaftsloser Brutalität fordert er von seinem „Schüler“ Philipp die Herausgabe Don Karlos‘, und der König ergibt sich nach kurzem Scheingefecht der katholischen Autorität.

Barbara Wysocka ist mit ihrer Inszenierung ein bemerkenswertes Statement zur politischen Gegenwart gelungen, und wiewohl ihr in der Überhitzung einiger Augenblicke die Gefährlichkeit dieses Ständig-nach-dem-Leben-Trachten im Stück immer wieder aus den Händen gleitet, entwirft sie mit ihrem finster-grauen ein zutiefst beunruhigendes Bild über die Mittel und Wege eines totalitären Regimes. Dafür gab es zur Premiere verdient langen Applaus.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2018

Schauspielhaus Wien: Schlafende Männer

November 10, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Einsauen bis zur Ekelgrenze

Hier wird gekleckert, nicht geklotzt: Anton Widauer, Vera von Gunten, Sebastian Schindegger und Alina Schaller. Bild: © Susanne Einzenberger

Lässig lehnt Maria Lassnig an der Wand. Ihre Selbstporträts „Du oder ich“ und jenes „unter Plastik“, natürlich „Schlafende Männer“. Das Gemälde aus dem Jahr 2006 ist schließlich Namensgeber für Martin Crimps Stück, das Tomas Schweigen nun am Schauspielhaus Wien als österreichische Erstaufführung inszeniert hat. Bühnenbildnerin Giovanna Bolliger hat Zuschauertribüne und Spielfläche vertauscht, all the world’s a stage, und auf diese eine Atelierwohnung gestellt.

Manifeste über den heidnischen Menschen und die ursprüngliche Tragödie an den Wänden; Kunst fließt hier, später noch im Wortsinn, tropft von Gesichtern und Körpern, wenn sich das Darstellerquartett mit Joghurt und Gips, Blutfarbe und griechischem Salat einsaut – bis zur aktionistischen Ekelgrenze; das Leben dagegen stagniert. Dass an die Fensterschräge als Referenz Mike Nichols Geschlechterkampffilm, Liz Taylor und Richard Burton in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, projiziert wird, verweist auf die theatrale Zimmerschlacht, die hier gleich anheben wird.

Das Setting ist dasselbe, ein in die Jahre kommendes, gutsituiertes Ehepaar, Paul und Julia, er Musikproduzent, sie Kunsthistorikern, lädt ein junges ein. Josefine ist Julias neue Assistentin, deren Mann Tillman hat mit Möbeln zu tun, und ist ergo der einzige nicht künstlerisch tätige in der Gruppe. Die Vornamen sind die der Schauspieler der Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus, Crimp-Intima Katie Mitchell hatte dort die Regie übernommen, und musste sich vom Feuilleton vorwerfen lassen, ihre „kältestmögliche Zurückhaltung“ hätte die Aufführung zur „Fischblütigkeit“ verdammt.

Das kann man Tomas Schweigen nicht anlasten, er greift in die Vollen. Mitten im Alsergrunder Boboville geraten ihm die Crimp’schen Figuren wie selbstverständlich zu jener Art von Bourgeoisie, die verzweifelt versucht, ihr letztes bisschen Bohème ins Arriviert-Sein zu retten. Vera von Gunten gibt die Julia mit ausreichend Schnepfigkeit und selbstverliebter Attitüde, die Frau ist schließlich ein Star auf ihrem Gebiet, Sebastian Schindegger spielt Paul in lustvoll-gebückter Demutshaltung, ein passiv-aggressiver Tropf, dessen Geltungsdrang längst erloschen ist. „Die meisten Leute in Pauls Alter, die versagt haben, sind verbittert, aber Paul ist frei von Bitterkeit“, sagt Julia.

Das sitzt. Und Paul ist nicht der einzige unterbutterte, auch der verhuschte, tanzbärig-dumpfe Tillman wird von der Gattin klein gemacht. „Wir haben darüber gesprochen, Kinder zu kriegen, aber das Kind dürfte nicht wie ich sein, es müsste sein wie Josefine, es müsste Josefines Augen haben und Josefines Mund und Hände, und es müsste ihren Verstand und Körper haben und Josefines Lächeln und Josefines gesamte Körpereinstellung, weil, ich bin nur ein Stück Scheiße“, so stellt er sich vor. Plaudertäschchen Josefine ist er unter den Kunstkollegen in erster Linie peinlich.

Von Gunten und Schindegger. Bild: © Susanne Einzenberger

Von Gunten, Schaller und Widauer. Bild: © Susanne Einzenberger

Schaller und Widauer. Bild: © Susanne Einzenberger

Zwischen absurder Komödie und psychologischem Kammerspiel entwickelt Crimp im Weiteren eine Horrornacht mit unklarem Ausgang. Wie Maria Lassnigs Bilder vor expliziter Sexualität strotzen, wie sie Machtstrukturen genussvoll aufbricht und ins Skurril-Surreale dreht, so zugeht’s auch im Stück. Es ist ein Erregungsfeuerwerk, und Schweigen bedient Crimps expressiven Humor aufs beste, etwa, wenn der angesäuerte Paul Rudolf-Schwarzkoglerisch an seinem Salatgurken-Penis herumsäbelt und Paradeiser auf seiner Stirn zertrümmert.

Julia ist nämlich Expertin für Wiener Aktionismus, und knapp vor dem Aus laufen an den Seiten Videos, die Schauspieler in Günter Brus‘ Kopfbemalungs-Pose oder in Otto-Muehl-Aktionen zeigen. „So leben wir nicht“, ist Pauls Selbstversicherung, bevor er eine sexuelle Annäherung an Tillman wagt.

Die Pointen fliegen wie die Fäuste, es gibt Prügel mit der Plastikflasche, die unterschwellige Bereitschaft zu Gewaltakten bricht sich dank zunehmend Alkohol allmählich Bahn, das kennt man so auch von Yasmina Reza, doch Crimp legt keinen Wert aufs Well-Made-Play, er fordert das Publikum heraus mit seinen feministischen Diskurstheaterdialogen übers extrem schwache starke Geschlecht.

Gekonnt wechseln von Gunten, Schindegger, Schaller und Widauer von Exzess zu Konversationston, vor allem von Gunten als obskure Strippenzieherin treibt mit ihrem zwischen Hysterie und Hochmut changierenden Spiel den Abend voran. Bis ein ominöser Marc anruft, er offenbar auch Maler mit gerade Ausstellung in den USA, und von Julia für ihre Karriere eine Auslöschung verlangt.

Zum Schluss – dies ein Spoiler – scheint sich die ganze Inszenierung höchst doppeldeutig als von Marc geschaffene Kunstinstallation zu enttarnen. Deren Ende ist ein Sprung aus dem Fenster. Mit Hausmacher-Aktionismus die eigene Existenz wieder provokant zu machen, hat für Julia und Paul nicht funktioniert. Tomas Schweigens Hommage an ebendiesen funktioniert als irrwitziges Bühnenschüttbild hingegen prächtig.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Jga-YL95zGo

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018