Sebastian Barry: Tausend Monde

November 27, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Kinder keiner neuen Nation

Die tiefe Angst der Büffelkuh. Wenn sie eingeholt wird. Wenn der Jäger, kurz bevor sein Gewehrlauf tödliches Feuer speit, so nah ist wie ein Gedanke. Jetzt des Tiers Moment hellster Klarheit. In dem ihm alles, was es liebt, ganz deutlich wird, die Prärie, die harten Gräser, der lange Atem des Winters und die jähe Fülle des Frühlings. „Ganz deutlich wird in ebender Sekunde, bevor sie dies alles verliert“, schreibt Winona. Da ist sie schon am Ende ihres Weges angelangt, und wo und warum sie das schreibt, wird die Leserin, der Leser am Ende erfahren

In Sebastian Barrys aktuellem Roman „Tausend Monde“, wieder ein Western, genaugenommen die Fortsetzung des Vorgängerromans „Tage ohne Ende“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215), den man unbedingt gelesen haben sollte, aber zum Verständnis von „Tausend Monde“ nicht gelesen haben muss. Nach Thomas McNulty ist nun die 17-jährige Lakota Ojinjintka/Winona die Ich-Erzählerin, allein diese Perspektive macht das Buch besonders.

Gibt’s im Genre doch wenig weibliche Protagonisten – und noch seltener sind sie Native Americans. Es ist 1873, die Stadt Paris im Henry County, Tennessee, und das Land nach dem Bürgerkrieg tief gespalten. Der Süden liegt wirtschaftlich am Boden, die Menschen hungern, das Home Of The Brave schickt seine obdachlosen Kinder wie Untote über die Erde. Freigelassene Sklaven irren umher, Menschen, denen der Krieg Hab und Gut abgefackelt hat, marodierende Konföderierten-Soldaten formieren sich zu Rebellengruppen und nennen sich „Nachtreiter“.

Die Cherokee, die Chickasaw sind ermordet, vertrieben, in Reservate verbracht: „Die Leute mögen es nicht, wenn glühende Asche zu ihnen zurückweht. Jemals einen betrunkenen Indianer gesehen, jemals einen Indianer in Lumpen gesehen? Das passiert, wenn ein König von Trauer überwältigt wird“, schreibt Winona. „Krieg macht den Menschen im Handumdrehen zu einem Gewalttäter, Verstümmler und Mörder, allein die Berührung eines weißen Mannes, schon sein Nahen ist der Herold des Todes. Es sei denn, da ist ein Herz, das mäßigt, und die Bereitschaft zu lieben. So war das bei Thomas McNulty und John Cole.“

Tom McNulty und John Cole, man erinnere sich, das schwule Unionssoldatenpaar, das die Waise Ojinjintka adoptierte und ihr den leichter auszusprechenden Namen Winona gab, lebt und arbeitet samt Ziehtochter nach wie vor auf der Tabakfarm von Lige Magan. Dessen schwarze Wahlschwester Rosalee Bouguereau und deren Bruder Tennyson, beides Freigelassene, sind ebenfalls immer noch Teil der Familie, und Winona hat ihren Job als Sekretärin von Rechtsanwalt Briscoe. Welch eine Idylle, eine andauernd bedrohte. Es ist kurz nach dem Überfall der Banditenbande von Tach Petrie auf die Farm, Tach Petrie, der dabei erschossen wurde.

Winonas schriftliches Zeugnis-Ablegen ist eine Geschichte, die sich erst nach und nach entschlüsselt. „Könnte sein, dass ich von Dingen rede, die sich 1873 oder 1874 im Henry County, Tennessee, zugetragen haben, doch was Daten betrifft, war ich noch nie verlässlich. Und falls sie sich zugetragen haben, gab es zu der Zeit keine wahrheitsgetreue Darstellung. Es gab nackte Tatsachen und eine Leiche, und dann gab es die wahren Ereignisse, die niemand kannte. Dass Jas Jonski getötet wurde, war die nackte Tatsache,“ ist der Satz, der den Roman zum Pageturner macht.

Jas Jonski ist Winonas erste Liebe, „ein mickriger Bursche aus Polen“, Verkäufer im Trockenwarenladen, in dem sie bevorzugt einkauft. Er macht ihr den Hof, ihr, die in den Augen der Stadtbewohner eine Wilde ist, „näher an einer Wölfin als an einer Frau“, ihr, in deren Hinterkopf immer noch ein rußgeschwärztes, blutgetränktes Schlachtengemälde tobt, er – „ein Weißer“. Tom, der mütterliche, der manchmal Frauenkleider trägt, mag ihn nicht, „John Cole schaute finster drein und sagte nichts“, „John Cole, der Kiel meines Bootes, Thomas das Ruder und die Segel“, dennoch gestatten sie Jas‘ Liebeswerben, schließlich gar die Verlobung.

„Es kam der Tag, da ich voller Blutergüsse zur Farm zurückkam“, berichtet Winona weiter. Verprügelt, vergewaltigt, das ist an einer rechtlosen „Indianerin“ kein Verbrechen. Wer es getan hat? Winona vermag den Nebel, der ihren Kopf umwölkt, nicht zu durchdringen, sie weiß nur, dass sie Jas nicht mehr heiraten will. Der reitet zur Farm. Erst hundert Seiten später wird er erfahren, was seine Braut erleiden musste, wird sich unter Tränen fragen, ob er dies Schreckliche getan hat, denn auch er ist ohne Erinnerung. Nun wird er fürs Erste zwecks Verhör in der Wäschekammer festgesetzt, bewacht von Tennyson – der daraufhin von Unbekannten fast totgeschlagen wird, „ein Schwarzer, der Herr über einen Weißen gewesen ist“, wie Jas herumposaunt, „ein Fürst von einem Mann“, der danach ein Angst gebeuteltes Häufchen Elend ist.

Wie schon in „Tage ohne Ende“ zeichnet Sebastian Barry auch in „Tausend Monde“ mittels seiner Wild-West-Versatzstücke und der ihm eigenen poetischen Prosa ein düsteres Bild der USA. Weiße vs Indigene, Weiße vs Afroamerikaner, die WASP gegen die von ihrem Land Vertriebenen und gegen die ins Land Verschleppten, und mittendrin ein Mädchen auf Identitätssuche in einer Gesellschaft, die sie nicht als menschliches Wesen anerkennt. Diesen Riss durch die USA, es gibt ihn auch aktuell.

Auch das macht Barrys Buch beachtenswert. Wie er die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft, ein Anwalt derer, die „auf ein nie heraufdämmerndes Morgenrot warteten“, die auch knapp vor 2021 die Kinder keiner neuen Nation sind, weil in ihr die alte Rechte mit ihren alten Rechten regiert. Die „Lost Cause“-Kämpfer sind bis unter die Zähne bewaffnet, ideologisch aufmunitioniert, nicht zuletzt vom nicht scheiden wollenden Präsidenten, der ihre Denkmäler und ihre Schusswaffen verteidigt, egal – #BlackLivesMatter, und der die „The South Shall Rise Again“-Mentalität in Wählerstimmen umzuwandeln wusste.

Aufs Stichwort auftritt Tachs Bruder Zach Petrie, Anführer der Nachtreiter, die bei ihren Aktionen Kapuzen tragen, und wirklich wurde der Ku Klux Klan 1865 in Pulaski, Tennessee, von Konföderierten-Offizieren gegründet, 50 Reiter, unter ihnen der grausame „Lynchjurist“ Aurelius Littlefair und Jas Jonskis Kumpel Wynkle King. Auftritt auch Colonel Purton mit seinem Trupp, ein großgewachsener Mann mit Hasenscharte, der Zach Petrie und Konsorten wegen diverser Untaten, Erhängungen, Brandstiftungen, auch der an Tennyson festnehmen will. „In Tennessee, sagte der Colonel, gebe es Tausende Seelen wie Zach Petrie. Männer, die der Krieg so aufgebracht habe, dass sie nicht die Luft des Friedens atmen könnten, sie erstickten daran. Und dass keine neue Zeit sie zufriedenstellen könne.“

Der Klan, ca. 1870. Bild: pixabay.com

Bild: pixaybay.com

Lakota, Kleid ca. 1850. Bild: pixabay.com

„Petrie habe das heftige Gefühl eines Mannes, dem Unrecht widerfahren sei, und das verwahre er für immer in seiner Brust, sagte der Colonel.“ Und beschließt die Rebellenhochburg der Nachtreiter am West Sandy Creek, wie das schon klingt!, eigentlich eine kleine Stadt mit Frauen und Kindern, auszuräuchern. Der Colonel, ganz Law and Order. Winona folgt der Kolonne „im Dienste Tennysons“, während die Leserin, der Leser mehr über die Nacht des sexuellen Missbrauchs an ihr erfährt. Dass sie mit Jas Jonski Arm in Arm über den Court Square geschlendert sei, Richtung des von Jas‘ Freund Frank Parkman als Bursche beaufsichtigten Pferdestalls. Parkman, der nebenbei auch der Hilfssheriff ist. Dass sie Whiskey getrunken hätten, und dass sie sich so schäme, dass sie ihren Vätern dies nicht sagen könne. Danach: Blackout.

Einfühlsam und eindrücklich bringt Barry diese Emotionen zu Papier, die Selbstvorwürfe, die Schuldgefühle des Opfers eines Verbrechens, das bis heute ein gesellschaftliches Tabu ist und ob des Schweigens oftmals ungeahndet bleibt. Zurecht sei ihr dies geschehen, da sie doch betrunken war!, diese „belanglose Kleinigkeit im allgemeinen Weltenlauf, die jedes Mädchen zu ertragen hatte“.

Und während Purtons Attacke auf Petrie misslingt, Petrie, dessen elterliches Anwesen ohne die Bewirtschaftung durch Sklaven jämmerlich verkommt, Petrie, der vielen der neue Held ist; während Tennyson, der durch die Schläge seine Stimme verloren hat, die Zeichnung eines Hasen anfertigt, der eindeutig auf ihn einprügelt – hat die Order nachgeholfen, damit das Law in Kraft treten konnte?; während Jas Jonski seine Mutter als Vermittlerin bei Winona aus Knoxville kommen lässt, die sich aber als Indianerhasserin in höchster Vollendung entpuppt; während Briscoes Haus in Flammen aufgeht, Briscoe, der als Anwalt Purtons Einsatzbefehl gegenzeichnete, …

… stößt Winona am West Sandy Creek auf die junge Chickasaw Peg, Ziehtochter von Aurelius Littlefair, deren leiblicher Vater im Krieg Littlefairs bester Späher war, denn auch viele Native Americans stellten sich im Sezessionskrieg auf die eine oder andere Seite, nimmt sie mit nach Hause – und verliebt sich in sie. Peg, neben der sie in der Nacht nicht nur schläft: „Könnte man Honig in der Luft schweben lassen, dann wäre das Peg. Könnte man einen Abschnitt des wildesten Flusses nehmen und ihn in einen Menschen verwandeln, dann wäre das Peg. Könnte man seine Lippen auf einen pulsierenden Stern drücken, dann wäre das Peg. Ihr langer, weicher, süßer, wilder, tanzender, durchdringender, geküsster Körper. Mit all seiner Süße im Zentrum.“ Peg, die Tom und John Cole und Lige Magan bei der Ernte der Tabakblätter hilft, und wie diese nach Winonas Schilderungen von Jas‘ Täterschaft überzeugt ist.

Geschickt zieht Sebastian Barry das Fahndungsnetz um Lige Magans Farm enger. Draußen Lügen und noch mehr Lügen, „der Pony-Express des Getratsches galoppiert“, wie Briscoe sagt, drinnen für die Leserin, den Leser mehr und mehr Möglichkeiten, wer Jas Jonski ins Jenseits befördert haben könnte. Eine blutrauschende Rachetat muss das gewesen sein, mehr als zwanzig Messerstiche! Die Feinde formieren sich. Unter Gouverneur John C. Brown, vormals Generalmajor im konföderierten Heer und später Gründer jener nach „Rassen“ getrennten Schulen, die in den Südstaaten bis Mitte des 20. Jahrhunderts Bestand haben sollten, baut sich auch Paris, Tennessee, politisch um. Noch einer von Barrys Querverweisen, in denen die Fiktion auf historische Fakten trifft, noch ein Seitenhieb auf den derzeitigen US-amerikanischen – und nicht nur dort – Konservativismus.

Aurelius Littlefair wird zum Richter von Henry County ernannt, Frank Parkman zum Sheriff, Wynkle King zum Hilfssheriff, einer der Steigbügelhalter des anderen, und ein Freigelassener namens Imre Grimm über einem Feuer aufgehängt und seiner Körperteile entledigt, bis … die Stadtbevölkerung die Teile seines Leichnams als Souvenir mitnehmen konnte. „Jetzt sind wir wahrhaftig Bürger im Land des Teufels, sagte der Anwalt Briscoe.“ Dessen ehemaliger Bundesgenosse Colonel Purton, den die neue Gerichtsbarkeit seiner Befugnisse berauben will, schafft die Kehrtwende. Er übergibt Winona dem nunmehrigen Sheriff. Das heißt: sie stellt sich aus Gründen, doch in der Gefängniszelle vertraut ihr Frank Parkman an, was im Pferdestall geschah und, dass er wüsste, wer Jas erstochen hat. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, die „ganz deutlich wird in ebender Sekunde, bevor sie dies alles verliert“. Und Wynkle King hört zu …

“Ich verzehre mich nach dem heiligen Stumpfsinn gewöhnlichen Lebens“, ist einer der schönsten Sätze, die Sebastian Barry für seine Heldin formuliert hat. „Tausend Monde“ ist ein geschichtlich verorteter, gleichsam zeitloser Anti-Kriegs-Roman, ist ein Buch darüber, dass Gewalt wieder Gewalt, aber neben den Monstern auch Friedenswächter erzeugt. „Er ist in dieser Geschichte der gute“, meint Winona einmal über Anwalt Briscoe.

„Tausend Monde“ kommt mit weniger brachialen Szenen aus als „Tage ohne Ende“, doch wenn der dünne Firnis der Zivilisation blättert, ist in jedem, von Hans-Christian Oeser einmal mehr mit viel Fingerspitzengefühl übersetzten Satz zu spüren, welches Gewaltpotenzial unter der Oberfläche auf seinen Ausbruch wartet. Ein intensiver, beeindruckender Roman über Rache und Vergeltung, über Schuld und verlorene Unschuld. Eine Erzählung darüber, wie man lebt, wenn die eigene Geschichte in einer diffusen Vergangenheit versinkt und keine Gewissheit möglich ist. Und nicht zuletzt: Welch ein wunderbares Buch über die Liebe! Winona über Tom und John Cole: „Ihre Liebe war das erste Gebot meiner Welt – Du sollst hoffen, so zu lieben wie sie.“

Über den Autor: Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, gehört zu den besten irischen Autoren der Gegenwart. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Bei Steidl erschienen bisher seine Romane „Ein verborgenes Leben“, ausgezeichnet mit dem Costa Book of the Year Award und auf der Shortlist für den Booker Preis, „Mein fernes, fremdes Land“, ausgezeichnet mit dem Walter Scott Prize for Historical Fiction, „Ein langer, langer Weg“, auf der Shortlist für den Booker Preis, und „Gentleman auf Zeit“. „Tage ohne Ende“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215), 2018 auf Deutsch erschienen, war ein internationaler Bestseller und wurde unter anderem mit dem Costa Book of the Year Award ausgezeichnet. Sebastian Barry lebt in Wicklow, Irland.

Steidl Verlag, Sebastian Barry: „Tausend Monde“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.

steidl.de

BUCHTIPP: Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“. Roman über das Leben der Cheyenne in den heutigen USA. Autor Tommy Orange, geboren 1982 in Oakland, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35082

  1. 11. 2020

Werk X: Der G’wissenswurm

September 23, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und die Tuba bläst der …

Nächtens wird die Tank- zur Tanzstelle: Sebastian Thiers, Katrin Grumeth, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Der Skandal ist, man versteht mit Glück knapp die Hälfte von dem, was Christoph Griesser so von sich gibt, der im „Heiligen Land“ Gebürtige tirolert vor sich hin, wie’s ihm passt – und hintnach reit‘ die Urschl. Seht, sagt Regisseur Harald Posch, ein Steirer, so nah kann’s Fremdsein sein, und lässt seine Schauspieler genüsslich hoamatln. Also in ihren jeweiligen Dialekten nebst einer Anzengruberisch stilisierten Mundart sprechen. Sebastian Thiers sächselt, und ist als „Piefke“ selbstverständlich der Bösewicht im Ganzen.

„Der G’wissenswurm“ mit dem Zusatz „The unintentional end of Heimat“ ist Poschs Stück der Wahl für die Saisoneröffnung im Werk X, und passend zum Spielzeitmotto „Der Preis des Geldes“ geht er auf des Volksdramatikers Spuren dem belasteten Begriff Heimat nach, der Verglorifizierung von Vaterland, Land ist gleich Besitz, Besitz gleich Blut und Boden – „unser“ Blut und Boden.

Doch wird er mit dem unintentional end der Sache ein Schnippchen schlagen. Ludwig Anzengrubers Personal hat Posch in dieser, bis dato einer seiner besten Arbeiten beibehalten. Während das maskierte Publikum seine Plätze

einnimmt, leiert eine Newsroom-Stimme niederösterreichische Wahlergebnisse vom Band, kaum eine Gemeinde mit weniger als 90, gar 100 Prozent für die ÖVP, und wer’s beim Hinsetzen überreißt, lacht schon zum ersten Mal an diesem gewitzten Abend. Das Setting von Daniel Sommergruber zeigt sich als Tankstelle mit Imbissbude, hinten laute Musik und eine kitschexotische Palmentapete, vorne versucht Thiers per Textbuch sich die Auffi, Umi, Außi, Arschlings anzueignen. Eine Übung, die zum Scheitern verurteilt sein muss.

Der Werk-X-Wurm, ganz klar, ist eine als derber Bauernschwank getarnte Sozialsatire, ein perfides Sittenbild ländlicher Strukturen, die Anzengruber-Überschreibung natürlich Werk-X-isch unterwandert von wissenschaftlichen Fremdtexten – aber der Hauptspaß ist, dass das, was hier ein überhöhtes Überdrüber ist, beinah täglich auf ORF2 läuft. Und die Tuba bläst … Groove Master John Sass, nur muss sich der afroamerikanische Weltstar von den farblosen Gscherten, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, ständig stampern lassen. Welch Statement ohne Worte.

Neunzig Minuten lang schreien sich die Schauspieler durch ihre Darstellung, Peter Pertusini sitzt als Grillhofer-Bauer an der Schank, beim x-ten Schnaps, weil Freizeitvergnügen ist hier Saufen und Speiben, auch wenn der Tankwartknecht Wastl aka Christoph Griesser längst nicht mehr kann und will, Katrin Grumeth als Kellnerin Gisela schenkt nach und nach. „Mein Besitz, vastehst!“, grölt Pertusini, die Dienstleut‘ haben dem Herrn über die Promillegrenze zu folgen.

Pertusini dreht auf gegen die Feministinnen und Vegetarier, gegen die Biokasperln und gegens Dorfsterben, Schnäpse für die verweichlichten Jugend-Zuschauer, die Ruabnzuzla, Gisela putzt und putzt, der Wastl liegt vollfett im Häusl – und auftritt Miriam Fussenegger, wer Anzengruber kennt, ahnt: die Horlacher-Lies, hier die fleischgewordene Fußnote und als solche am Mikrophon zuständig fürs Diskursive.

Groove Master Jon Sass. Bild: © Alexander Gotter

Erbschleicher quält Großbauer: Sebastian Thiers als Dusterer und Peter Pertusini  als Grillhofer. Bild: © Alexander Gotter

Der Spuckschutz fürs Publikum: Peter Pertusini, Miriam Fussenegger und Katrin Grumeth. Bild: © Alexander Gotter

Die finale Besitzerin von Blut und Boden ist Halb-Bosn …ah: Miriam Fussenegger. Bild: © Alexander Gotter

Posch wäre nicht Posch, würde sein philosophisches Über-Ich nicht von Anzengrubers Nachruf-Verfasser Victor Adler bis Adorno reichen, man kommt schier mit dem Zuhören nicht nach, Autoritarismus, Faschismus und die Erich-Fromm‘e-Frage, warum sich Menschen freiwillig einem Führer unterwerfen, oder die von Gartengestalter Werner Bauch 1942 gestellte „Wie grün soll Auschwitz sein?“, als er von Rudolf Höss beauftragt wurde, die Gaskammern und Krematorien durch belaubten Sichtschutz von den Lagerbaracken zu trennen.

NS-Naturschützer als erste Grüne, das ist nur eine der Provokationen, die Posch in petto hat. Doch hinausläuft’s auf das läppisch-neppische Wien-Bashing, Zitat Posch aus dem Programmheft: „Wenn du heute die Zeitung aufschlägst, hast du diese durch nichts begründbare Abneigung gegen das ,rote‘ Wien immer noch eins zu eins am Tisch“, und immer schon mochte ich dieses Flagge-Zeigen des Werk X, gefolgt von einem historischen Abriss Großbauern vs analphabetische Mägde, Knechte, Kleinbauern.

Zweitere wollten die Landagitatoren der Sozialdemokratie in der Arbeiterbewegung willkommen heißen, wurden aber, das Volk aufgehetzt von der katholischen Kirche, oft schon am Dorfeingang mit Prügel empfangen. Die Christlichsoziale Partei, damals des Namens so wenig würdig wie heute ihre Nachfolgerorganisation, brauchte das Stimmvieh gegen die Stimmen der Arbeitermasse, und weiter geht’s mit 1934, Bauernbund, Raiffeisen … das ist viel Stoff zum Nachdenken, nicht nur in Österreich zeigt sich bei jeder Wahl der Unterschied im Verhalten ländlicher und urbaner Raum.

Und rote Stadtoberhäupter wie Andreas Babler schaufeln sich mit aller Kraft durch die Schwarzerde, neusprachlich: das Türkisreich. Was braucht’s zum Fremdln die Migranten – außer die Rumäninnen, eine davon Katrin Grumeth als spargelstechende Feldsklavin? Die Parallelgesellschaften leben, sagt Posch, alldieweil auf der Spielfläche der In-Group-Altruismus mit der Out-Group-Diskriminierung eskaliert, der Grillhofer redet sich derart in Rage, eine Publikumsbeschimpfung, dass ihm die Gisela ein Plexiglasfenster als Spuckschutz vorhalten muss – zur Beruhigung gibt’s … Schnaps. Es lebe die toxisch-ländliche Männlichkeit!

Toxische Piesel-Männlichkeit: Christoph Griesser und Peter Pertusini im Kampf ums Klo. Bild: © Alexander Gotter

Stimmung! mit Sebastian Thiers, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Liebe war es nie: Christoph Griesser und die verkleidete Horlacher-Lies, Miriam Fussenegger. Bild: © Alexander Gotter

Nur eine bangt um den Bauern: Katrin Grumeth als brave Imbissbuden-Magd. Bild: © Alexander Gotter

Zwischenzeitlich hat sich Sebastian Thiers als Schwager Dusterer tief in die nationale Graswurzelarbeit vergraben, Feindbilder: Linke, Künstler, sowieso alles Linke!, die Asylindustrie und Ökohipster, der vom Wastl als zuagraster Heimattreuer beargwöhnte will die völkische Landnahme bei der Übernahme des Besitz‘ des vermeintlich kinderlosen Grillhofer beginnen – aber zu dessen schönsten Sätzen gehört zum Thema Großer Austausch: „A Kopftüchl ham bei uns alle Weibsleut‘ aufg’hobt.“

Der Pertusini macht eine Menge mit, wie ihn der Thiers an die Wand drückt und über den Boden schleift. Beim Räsonieren über die städtischen Owezahrer und Tachinierer, Schwule und Lesben, Demonstierer statt dass Arbeitn gehen, und die Frauen auf der Uni … werden Wastl und der Dusterer doch noch „Kameraden!“ Aber so richtig tumultös wird’s erst, als alle aus der Rolle fallen. Auch das kennt und liebt man am Werk X, das diesmal in der kollektiven Isolation entstandene Miteinander, jeder bringt sich und seine Story ein, Tiroler Griesser, nein, nicht aus Ischgl, schwadroniert über die Marke Heimat, die es vom Speckknödel bis zum Snowboarden, beides unter stahlblauem Himmel, zu schützen gilt.

Bis zum Schluss der Wastl nur noch bei allem „Dagegen!“ sein kann, vor allem „Das Virus! Dagegen!“, und der Grillhofer mit gellender Stimme immer wieder „Mein Besitz!“ skandiert. Ende gut, alle entfesselt! Ende gut – nein, „mein Besitz“ – nein, denn als uneheliches Kind ex machina erscheint die Horlacher-Lies, eine sexy Sünde, einstmals mit der Magd Magdalen, die nun ihr Recht beansprucht. Das ist die Saat, die aus dem Erbgut aufging, und sie ist, nicht wie‘s der Dusterer versteht, eine halbe Bosna, sondern …

Und die Moral von der Geschicht‘, Muslime fürchten muss man nicht. Poschs Ensemble zerbirst geradezu vor Spiellust, während es sich an dessen inszenatorischen Einfällen und den subtilen Tauchgängen in die Untiefen der Gegenwart delektiert. Die Zuschauerinnen und Zuschauer lachten sich in Grund und Boden, so amüsant, gescheit, zeitgenössisch, zynisch kann Anzengruber sein, wenn man einmal mit dem Staubtüchl drüber geht. Bravo: Für die Idee, die Umsetzung und an alle Beteiligten. Meidling ist einmal mehr eine Reise wert!

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=sxDhBr_tmiQ

  1. 9. 2020

Die Sommerspiele Melk starten ein „Xperiment“

Juni 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Pandemic Edition mit Helena Scheuba und Co.

Alexander Hauer, Wiebke Leithner, Helena Schauba, Lukas Wachernig, Ursula Leitner, Andreas Stockinger und Sebastian Klinser. Bild: © Daniela Matejschek

6 Regisseurinnen und Regisseure, 6 Wochen, 6 Xperimente – die Sommerspiele Melk präsentieren ein völlig neues Konzept für den Sommer. Unter dem Titel „Sommerspiele Melk Xperiment – Pandemic Edition“ wird von 10. Juli bis 15. August ein ungewöhnliches Programm als künstlerische Antwort auf die Herausforderungen der vergangenen Monate und die neuen Rahmenbedingungen in der Wachauarena Melk über die Bühne gehen.

Außerordentliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen – das dachte sich auch das Team rund um den künstlerischen Leiter Alexander Hauer und Wiebke Leithner, Geschäftsführerin der Wachau Kultur Melk. Mit dem Projekt „Sommerspiele Melk Xperiment – Pandemic Edition“ wollen sie den Dialog mit dem Publikum wiederaufnehmen und Unterhaltung bieten, gleichzeitig neue Impulse setzen und sowohl für das Ensemble als auch für das Team der Sommerspiele Melk eine Perspektive für den Sommer gewährleisten. Dabei war es ihnen wichtig, die ursprünglich geplanten Produktionen der Sommerspiele Melk nicht in einer notgedrungenen „Light-Version“ umzusetzen, sondern die neuen Rahmenbedingungen als Chance zu nutzen:

Alexander Hauer, Sebastian Klinser, Helena Scheuba, Andreas Stockinger im Duo mit Ursula Leitner und Lukas Wachernig werden von 10. Juli bis 15. August sechs Wochen lang sechs Kurz-Produktionen inszenieren. Jeder Regisseur – unter ihnen sowohl erfahrene als auch Nachwuchstalente – kreiert jeweils ein etwa 60-minütiges „Xperiment“, das freitags und samstags jeweils um 20.30 Uhr aufgeführt wird. Auf dem Programm stehen unter anderem Stücke von Hofmannstahl, Nestroy, Soyfer, Aristophanes und eine Rockoper. Die szenische Gestaltung der einzelnen „Xperimente“ ist völlig freigestellt. Dennoch werden Casts & Crews alle auf ihre eigene Weise – mal schwarzhumorig, mal nachdenklich, mal komödiantisch, in jedem Fall unterhaltsam – reflektieren, was die derzeitige Situation mit den Menschen macht.

Die Besucherinnen und Besucher erwarten einige Neuerungen und Überraschungen. So wird in diesem Jahr kein Gastrozelt aufgebaut. Um die Wahrung des Sicherheitsabstandes zu gewährleisten, werden in der Wachauarena anstelle der Tribüne, die normalerweise etas 560 Sitzplätze bietet, Sessel für 250 Zuseher aufgestellt – die Platzierung kann bei jeder Produktion variieren. Denn die Stücke werden nicht immer auf der Bühne aufgeführt, sondern können den gesamten Raum der Wachauarena nutzen. Karten für die „Xperimente“  ab 10. Juni auf:

www.sommerspielemelk.at

7. 6. 2020

Volkstheater online: Schwere Knochen

Mai 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein prächtig brecht’scher Grand Guignol

Der Notwehr-Krutzler probt den legendären Halsstich: Thomas Frank, „Dostal“ Matthias Luckey und „Podgorsky“ Andreas Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Schwere Knochen“ von Alexander Charim nach dem Roman von David Schalko (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139) dran ­– heute noch bis 18 Uhr und wieder am 8. Mai kostenlos zu streamen auf www.volkstheater.at.

„Es gibt die Geschichte des Tages und die der Nacht. Die eine steht in den Büchern. Die andere erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand“, sagen die Stimmen auf dem Jenseits. Und über dem sich nun erhebenden Leichenhaufen beginnt Thomas Frank die seine zu schildern, heißt: die von Ferdinand Krutzler. Dem Notwehrspezialisten, dem Chef der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: auszurauben – doch bis es soweit ist, wird er erst einmal aus „Krutzlermutter“ Birgit Stögers Bauch geboren.

Unter Jammern und Wehklagen und erschrockenem Aufjohlen – ein Riesenbaby, ein schaiches noch dazu, das aber seinerzeit zum Wiener Unterweltkönig werden wird. In Schlaglichtszenen beleuchtet Regisseur Alexander Charim dieses Avancement, wer grad nicht spielt, wird als Erzähler eingesetzt, das ganze Ensemble großartig als David-Schalko-Charaktere, allen voran Isabella Knöll als die Musch und Thomas Frank als Krutzler, denen ihre Rollen wie angegossen passen. Muss ein Stück Arbeit für Anita Augustin gewesen sein, diesen konsequent in indirekter Rede verfassten Text bühnentauglich zu machen.

Und siehe da, die Übung ist gelungen, lebhaft wiederaufersteht es auf dem Bildschirm (und zwar im zur MQ-Halle-E-Weite jetzt zuschauerfreundlichen Closeup), dieses brutale Milieu, das gemeine Menschen macht, Schalkos unfeinster Jargon und dessen zynische Distanz zur schmerz- und schuldbehafteten Vergangenheitsverdrängung auf gut Österreichisch bestens getroffen, das Goldene Wienerherz samt dazugehöriger Goschn. Vom Heldenplatz 1938 geht’s durch den Kalten Krieg und den Beginn der Ära Chruschtschow. Sechs Schauspieler und drei Schauspielerinnen gestalten insgesamt 57 Figuren, wobei Protagonist Frank sich als einziger auf eine konzentrieren kann.

Thomas Frank und „Greenham“ Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als „Dr. Harlacher“, Frank und „Honzo“ Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Krutzlers erster Auftragsmord: Thomas Frank und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er, als Typus allein körperlich ideal für Krutzlers „Schwere Knochen“, gibt mit Verve diesen pragmatischen Verbrecher, unmoralisch, unnahbar, unantastbar, oft gepudert, nie geküsst – und wer seinen Kamelhaarmantel åntatscht, braucht sich nicht wundern, wenn er hamdraht wird. Odraht ist hingegen die Viererbande, Krutzlers diebisches Transportunternehmen, Peter Fasching als stotternder Fritz „Der Bleiche“ Wessely, Lukas Watzl als Hurenkind Karl „Der Zauberer“ Sikora und Sebastian Pass als Fleischersohn „Der Praschak“, von dem sich die Knöll wie ein Schwein abstechen lässt.

Unter der Vielzahl der Rollen sind in jeder Hinsicht unmenschliche: Fasching gibt auch den ominösen Dr. Harlacher, Pass dessen Affenweibchen Honzo und den zum Schmuggelgenie „Greenham“ mutierenden Juden Grünbaum, Watzl einfach hinreißend die blondgelockte Krüppelhure Gisela. Matthias Luckey wird aufs Absonderliche abonniert, Musch-Sohn Herwig und SS-Obersturmbannführer Dostal, dessen Uniform Ausstatter Ivan Bazak ins Kostüm eines Horrorclowns verwandelt hat. Weiß geschminkt und mit roter Nase tollt die Herrenrasse durchs KZ, dort nämlich landet die Spedition, als sie sich vom Hundertertrick auf Leerräumen der Nazihuber’schen Liegenschaft verlegt.

Erst Dachau, dann Mauthausen, wo der Krutzler nicht nur die Bekanntschaft von eben Grünbaum/Greenham, sondern auch die vom politischen Gefangenen Alfred Podgorsky macht, ein Erzkommunist, der im Nachkriegswien allerdings Polizeichef wird, weshalb man sich in alter Verbundenheit eine-Hand-wäscht-die-andere-treu bleibt. Andreas Patton spielt ihn – neben dem die Spedition in Zeitlupe umkreisenden Geldscheißerfranz und surreal als nationalsozialistischer Papagei Ahab, und wenn es an diesem Abend etwas zum Ausstallieren gibt, dann dass er im Vergleich zur prallvollen Buchvorlage zu wenig Podgorsky enthält – Podgorsky, Schalkos rote Eminenz, der seine Finger in jedem Intrigenspiel hat.

Der „Geist der Lagerstraße“, „genaugenommen ist das spätere Österreich damals im KZ entstanden“, formuliert Schalko, spukt bei Alexander Charim nur kurz vorbei, wiewohl er es versteht Schalkos sardonisch kolportierte Gangstasaga mit ihrem kuriosen Shoah-Sketch durch seine Zirkuszerrbilder zu verschärfen. Unterstützt von Thomas Frank, der im Moment, als der zum Leibwächter-Kapo ernannte Krutzler dem Dostal seinen legendären Halsstich verpasst, mehr Emotionen zeigt als im Bett mit der Musch – Franks Krutzler, der politisch korrekt lagerierte Racheengel. Im Lager freilich werden die rohen Gesellen zu Ganoven-Diamanten geschliffen, die ihr blutiges Handwerk bei den Meistern gelernt haben.

„Greenham“ Sebastian Pass und Birgit Stöger als KZ-Kapo „Der Zehner“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hausparty für Hilter: Knöll, Sommerfeld, Luckey, Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Matthias Luckey als SS-Obersturmbannführer Dostal. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der bedrohlich rasselnde Kettenglieder-Schnürlvorhang fällt, in den leerem Raum lässt Ivan Bazak nun diverse Interieurs rollen, die Schauplätze mal rotseidenes Puff, mal rosarote Aida, mit einer einzigartigen Mischung aus Pathos und Proletentum wird der Kalte Krieg zum Überkochen gebracht, die Anmutung insgesamt, als würde man Bert Brecht im Grand Guignol aufführen. Ein mit drei Stunden Spieldauer durchaus episch zu nennendes Wurschtltheater, in dem das Krokodil den Kasperl frisst – von wegen, den kaun kana daschlogn: Der Bodycount ist beträchtlich – sechzehn, davon drei Tiere, kommen auf unnatürliche Weise ums Leben. Notwehr, halt.

„Schwere Knochen“ auf Charim’isch ist beides – eine gfeanzte Sozialfarce voll skurrilen Spaß‘, in der zur Heiligen-Panier-Anbetung ein derber Oaschloch-, Fut-und-Geh‘-Scheißn-Spruch geführt wird, durchbrochen durch stimmig-groteske Grausamkeiten wie in der circensischen Mauthausen-Episode oder die Entmenschlichungs-Metaphern durch Schwein, Affe und Lisa-Maria Sommerfeld als sowjetischem Kampfhund. Im Wortsinn unheimlich wandlungsfähig sind die Darsteller.

Birgit Stöger von der politisch beweglichen Krutzlermutter über den KZ-Kapo-Clown „Der Zehner“ bis zur anlassigen Unternehmergattin die Lassnig, mit der der Wessely ein selbstmörderisches Pantscherl pflegt, Lisa-Maria Sommerfeld als „leichtes Mädchen“ Sikoramutter, Praschak-Gattin und Bissgurn Gusti oder Spionin Milady – und über allem Puffmutter Musch, Isabella Knöll, ganz das „Wüdviech“ als das der Krutzler sie benamst, ehrfurchtgebietend ordinär, ihre Krutzlerliebe eine Nahkampfdisziplin, Knölls Zusammenprallen mit Frank intensiv, elektrisch aufgeladen, immer am Rande des Raufhandels.

Im Würgen macht er ihr einen Heiratsantrag: „I bring di um!“, dann „Heirate mich!“, und am Ende seufzt sie ihm ins Grab nach: „Warst kein Guter. Trotzdem hab ich dich geliebt, irgendwie.“ Dass an anderer Stelle bemängelt wurde, die Inszenierung befeuere Schalkos Stereotypen-Schreibe, von den Geschlechterklischees bis zum geldgierigen Gschamster-Diener-Jud‘, naja – honi soit …, genauso gut könnte man sagen, Sebastian Pass spielt den Grünbaum als Nestroy’schen Subaltern-Ungustl. Und wer sich übers „Redfacing“ bei Nazihubers Karl-May-Festspielen aufregt, hat keine Siebzigerjahre-Kindheit beim Rote-Falken-Fasching erlebt.

Lukas Watzl als blondgelockte Krüppelhure Gisela. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zuhälterin Musch mit Sohn Herwig: Isabella Knöll und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Lisa-Maria Sommerfeld als „professionelle“ Sikoramutter. Bild; © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Politik ist bei Schalko/Charim was Beiläufiges, wie’s im Leben der meisten so ist, räsonieren, xenophobieren, rechts wählen, so einfach funktioniert das hierzulande, verkümmerte Seelen, versteinerte Herzen, und Charim präsentiert im Jeder-gegen-Jeden lediglich die üblichen Überlebens- und anderen Treibe, die Sehn- und die weiteren Süchte. Was zweiteres betrifft, Filmisches inklusive, Milady und der Sikora vergnügen sich in der Kaisersuite des Hotel Orient, bei der Winnetou-Orgie vom Nazihuber besudelt der Krutzler ein imperiales Ambiente mit dessen Halsschlagadernblut.

Erst als die Spedition die Erdberger Demarkationslinien aufhebt, Nebel, Schießerei, die Atmosphäre Dritter-Mann-grau, und der Krutzler schreit: „Wien gehört mir!“, ist Schluss mit lustig. Die Tragi- an der -komödie: Gerade jetzt, da in Auflösung begriffen, präsentierte sich das Volkstheater stärker denn je. „Schwere Knochen“ ist das beste Beispiel dafür, geschmeidig inszeniert, jede Szene wie am Ende der Aida-Showdown eine mit Hintersinn, so dass es einem beim Lachen doch kalt über den Rücken läuft.

Alexander Charim karikiert, was bereits Verspottung war – die Mechanismen von Ermächtigung, ein Räderwerk der Gewalt, Existenz auf Kosten anderer, und dass das alles im ideologiedurchtränken wie ideologiefreien Raum gleichermaßen in Gang gesetzt werden kann. „Vermutlich ist etwas ein Mensch, wenn man es behandelt wie einen Menschen“, sagt Schalkos Krutzler. Dreht sich um und tut genau das nicht.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=9HF1PLbIvT4           www.volkstheater.at

  1. 4. 2020

Der Online-Spielplan bis Mitte Mai:

30. April: Der gute Mensch von Sezuan, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, 1. Mai: Alles Walzer, alles brennt, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23477, 2. und Mai: Die rote Zora und ihre Bande, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39484, 4. Mai: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28509, 6. Mai: Nathan der Weise, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24591, 9. Mai: Wer hat meinen Vater umgebracht, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36159, 10. Mai: Wien ohne Wiener, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26649, 12. Mai: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36527, 14. Mai: Medea, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23620 und 15. Mai: Stella, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810.

Alles wird gut: Street Art im MuseumsQuartier

April 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein positives Zeichen in die Stadt setzen

Street Art im MuseumsQuartier Wien / Maria Legat. Bild: @Artis.love

Gemeinsam mit dem Künstler und Kurator Sebastian Schager / @Artis.Love präsentiert das MuseumsQuartier ab sofort sieben ausgewählte Arbeiten, die unter dem Motto „Alles wird gut“ stehen. Die Beiträge stammen von Boicut, Denise Rudolf Frank, Maria Legat, Rudolf Fitz sowie Sebastian Schager. Die Werke sind vor dem MQ Haupteingang und auf dem Projektionsturm zu sehen.

www.mqw.at

23. 4. 2020

Street Art / Rudolf Fitz. Bild: @Artis.love

Street Art / Sebastian Schager. Bild: @Artis.love

Street Art / Denise Rudolf Frank. Bild: @Artis.love

Street Art / Boicut. Bild: @Artis.love