Die Sommerspiele Melk starten ein „Xperiment“

Juni 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Pandemic Edition mit Helena Scheuba und Co.

Alexander Hauer, Wiebke Leithner, Helena Schauba, Lukas Wachernig, Ursula Leitner, Andreas Stockinger und Sebastian Klinser. Bild: © Daniela Matejschek

6 Regisseurinnen und Regisseure, 6 Wochen, 6 Xperimente – die Sommerspiele Melk präsentieren ein völlig neues Konzept für den Sommer. Unter dem Titel „Sommerspiele Melk Xperiment – Pandemic Edition“ wird von 10. Juli bis 15. August ein ungewöhnliches Programm als künstlerische Antwort auf die Herausforderungen der vergangenen Monate und die neuen Rahmenbedingungen in der Wachauarena Melk über die Bühne gehen.

Außerordentliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen – das dachte sich auch das Team rund um den künstlerischen Leiter Alexander Hauer und Wiebke Leithner, Geschäftsführerin der Wachau Kultur Melk. Mit dem Projekt „Sommerspiele Melk Xperiment – Pandemic Edition“ wollen sie den Dialog mit dem Publikum wiederaufnehmen und Unterhaltung bieten, gleichzeitig neue Impulse setzen und sowohl für das Ensemble als auch für das Team der Sommerspiele Melk eine Perspektive für den Sommer gewährleisten. Dabei war es ihnen wichtig, die ursprünglich geplanten Produktionen der Sommerspiele Melk nicht in einer notgedrungenen „Light-Version“ umzusetzen, sondern die neuen Rahmenbedingungen als Chance zu nutzen:

Alexander Hauer, Sebastian Klinser, Helena Scheuba, Andreas Stockinger im Duo mit Ursula Leitner und Lukas Wachernig werden von 10. Juli bis 15. August sechs Wochen lang sechs Kurz-Produktionen inszenieren. Jeder Regisseur – unter ihnen sowohl erfahrene als auch Nachwuchstalente – kreiert jeweils ein etwa 60-minütiges „Xperiment“, das freitags und samstags jeweils um 20.30 Uhr aufgeführt wird. Auf dem Programm stehen unter anderem Stücke von Hofmannstahl, Nestroy, Soyfer, Aristophanes und eine Rockoper. Die szenische Gestaltung der einzelnen „Xperimente“ ist völlig freigestellt. Dennoch werden Casts & Crews alle auf ihre eigene Weise – mal schwarzhumorig, mal nachdenklich, mal komödiantisch, in jedem Fall unterhaltsam – reflektieren, was die derzeitige Situation mit den Menschen macht.

Die Besucherinnen und Besucher erwarten einige Neuerungen und Überraschungen. So wird in diesem Jahr kein Gastrozelt aufgebaut. Um die Wahrung des Sicherheitsabstandes zu gewährleisten, werden in der Wachauarena anstelle der Tribüne, die normalerweise etas 560 Sitzplätze bietet, Sessel für 250 Zuseher aufgestellt – die Platzierung kann bei jeder Produktion variieren. Denn die Stücke werden nicht immer auf der Bühne aufgeführt, sondern können den gesamten Raum der Wachauarena nutzen. Karten für die „Xperimente“  ab 10. Juni auf:

www.sommerspielemelk.at

7. 6. 2020

Volkstheater online: Schwere Knochen

Mai 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein prächtig brecht’scher Grand Guignol

Der Notwehr-Krutzler probt den legendären Halsstich: Thomas Frank, „Dostal“ Matthias Luckey und „Podgorsky“ Andreas Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Schwere Knochen“ von Alexander Charim nach dem Roman von David Schalko (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139) dran ­– heute noch bis 18 Uhr und wieder am 8. Mai kostenlos zu streamen auf www.volkstheater.at.

„Es gibt die Geschichte des Tages und die der Nacht. Die eine steht in den Büchern. Die andere erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand“, sagen die Stimmen auf dem Jenseits. Und über dem sich nun erhebenden Leichenhaufen beginnt Thomas Frank die seine zu schildern, heißt: die von Ferdinand Krutzler. Dem Notwehrspezialisten, dem Chef der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: auszurauben – doch bis es soweit ist, wird er erst einmal aus „Krutzlermutter“ Birgit Stögers Bauch geboren.

Unter Jammern und Wehklagen und erschrockenem Aufjohlen – ein Riesenbaby, ein schaiches noch dazu, das aber seinerzeit zum Wiener Unterweltkönig werden wird. In Schlaglichtszenen beleuchtet Regisseur Alexander Charim dieses Avancement, wer grad nicht spielt, wird als Erzähler eingesetzt, das ganze Ensemble großartig als David-Schalko-Charaktere, allen voran Isabella Knöll als die Musch und Thomas Frank als Krutzler, denen ihre Rollen wie angegossen passen. Muss ein Stück Arbeit für Anita Augustin gewesen sein, diesen konsequent in indirekter Rede verfassten Text bühnentauglich zu machen.

Und siehe da, die Übung ist gelungen, lebhaft wiederaufersteht es auf dem Bildschirm (und zwar im zur MQ-Halle-E-Weite jetzt zuschauerfreundlichen Closeup), dieses brutale Milieu, das gemeine Menschen macht, Schalkos unfeinster Jargon und dessen zynische Distanz zur schmerz- und schuldbehafteten Vergangenheitsverdrängung auf gut Österreichisch bestens getroffen, das Goldene Wienerherz samt dazugehöriger Goschn. Vom Heldenplatz 1938 geht’s durch den Kalten Krieg und den Beginn der Ära Chruschtschow. Sechs Schauspieler und drei Schauspielerinnen gestalten insgesamt 57 Figuren, wobei Protagonist Frank sich als einziger auf eine konzentrieren kann.

Thomas Frank und „Greenham“ Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als „Dr. Harlacher“, Frank und „Honzo“ Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Krutzlers erster Auftragsmord: Thomas Frank und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er, als Typus allein körperlich ideal für Krutzlers „Schwere Knochen“, gibt mit Verve diesen pragmatischen Verbrecher, unmoralisch, unnahbar, unantastbar, oft gepudert, nie geküsst – und wer seinen Kamelhaarmantel åntatscht, braucht sich nicht wundern, wenn er hamdraht wird. Odraht ist hingegen die Viererbande, Krutzlers diebisches Transportunternehmen, Peter Fasching als stotternder Fritz „Der Bleiche“ Wessely, Lukas Watzl als Hurenkind Karl „Der Zauberer“ Sikora und Sebastian Pass als Fleischersohn „Der Praschak“, von dem sich die Knöll wie ein Schwein abstechen lässt.

Unter der Vielzahl der Rollen sind in jeder Hinsicht unmenschliche: Fasching gibt auch den ominösen Dr. Harlacher, Pass dessen Affenweibchen Honzo und den zum Schmuggelgenie „Greenham“ mutierenden Juden Grünbaum, Watzl einfach hinreißend die blondgelockte Krüppelhure Gisela. Matthias Luckey wird aufs Absonderliche abonniert, Musch-Sohn Herwig und SS-Obersturmbannführer Dostal, dessen Uniform Ausstatter Ivan Bazak ins Kostüm eines Horrorclowns verwandelt hat. Weiß geschminkt und mit roter Nase tollt die Herrenrasse durchs KZ, dort nämlich landet die Spedition, als sie sich vom Hundertertrick auf Leerräumen der Nazihuber’schen Liegenschaft verlegt.

Erst Dachau, dann Mauthausen, wo der Krutzler nicht nur die Bekanntschaft von eben Grünbaum/Greenham, sondern auch die vom politischen Gefangenen Alfred Podgorsky macht, ein Erzkommunist, der im Nachkriegswien allerdings Polizeichef wird, weshalb man sich in alter Verbundenheit eine-Hand-wäscht-die-andere-treu bleibt. Andreas Patton spielt ihn – neben dem die Spedition in Zeitlupe umkreisenden Geldscheißerfranz und surreal als nationalsozialistischer Papagei Ahab, und wenn es an diesem Abend etwas zum Ausstallieren gibt, dann dass er im Vergleich zur prallvollen Buchvorlage zu wenig Podgorsky enthält – Podgorsky, Schalkos rote Eminenz, der seine Finger in jedem Intrigenspiel hat.

Der „Geist der Lagerstraße“, „genaugenommen ist das spätere Österreich damals im KZ entstanden“, formuliert Schalko, spukt bei Alexander Charim nur kurz vorbei, wiewohl er es versteht Schalkos sardonisch kolportierte Gangstasaga mit ihrem kuriosen Shoah-Sketch durch seine Zirkuszerrbilder zu verschärfen. Unterstützt von Thomas Frank, der im Moment, als der zum Leibwächter-Kapo ernannte Krutzler dem Dostal seinen legendären Halsstich verpasst, mehr Emotionen zeigt als im Bett mit der Musch – Franks Krutzler, der politisch korrekt lagerierte Racheengel. Im Lager freilich werden die rohen Gesellen zu Ganoven-Diamanten geschliffen, die ihr blutiges Handwerk bei den Meistern gelernt haben.

„Greenham“ Sebastian Pass und Birgit Stöger als KZ-Kapo „Der Zehner“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hausparty für Hilter: Knöll, Sommerfeld, Luckey, Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Matthias Luckey als SS-Obersturmbannführer Dostal. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der bedrohlich rasselnde Kettenglieder-Schnürlvorhang fällt, in den leerem Raum lässt Ivan Bazak nun diverse Interieurs rollen, die Schauplätze mal rotseidenes Puff, mal rosarote Aida, mit einer einzigartigen Mischung aus Pathos und Proletentum wird der Kalte Krieg zum Überkochen gebracht, die Anmutung insgesamt, als würde man Bert Brecht im Grand Guignol aufführen. Ein mit drei Stunden Spieldauer durchaus episch zu nennendes Wurschtltheater, in dem das Krokodil den Kasperl frisst – von wegen, den kaun kana daschlogn: Der Bodycount ist beträchtlich – sechzehn, davon drei Tiere, kommen auf unnatürliche Weise ums Leben. Notwehr, halt.

„Schwere Knochen“ auf Charim’isch ist beides – eine gfeanzte Sozialfarce voll skurrilen Spaß‘, in der zur Heiligen-Panier-Anbetung ein derber Oaschloch-, Fut-und-Geh‘-Scheißn-Spruch geführt wird, durchbrochen durch stimmig-groteske Grausamkeiten wie in der circensischen Mauthausen-Episode oder die Entmenschlichungs-Metaphern durch Schwein, Affe und Lisa-Maria Sommerfeld als sowjetischem Kampfhund. Im Wortsinn unheimlich wandlungsfähig sind die Darsteller.

Birgit Stöger von der politisch beweglichen Krutzlermutter über den KZ-Kapo-Clown „Der Zehner“ bis zur anlassigen Unternehmergattin die Lassnig, mit der der Wessely ein selbstmörderisches Pantscherl pflegt, Lisa-Maria Sommerfeld als „leichtes Mädchen“ Sikoramutter, Praschak-Gattin und Bissgurn Gusti oder Spionin Milady – und über allem Puffmutter Musch, Isabella Knöll, ganz das „Wüdviech“ als das der Krutzler sie benamst, ehrfurchtgebietend ordinär, ihre Krutzlerliebe eine Nahkampfdisziplin, Knölls Zusammenprallen mit Frank intensiv, elektrisch aufgeladen, immer am Rande des Raufhandels.

Im Würgen macht er ihr einen Heiratsantrag: „I bring di um!“, dann „Heirate mich!“, und am Ende seufzt sie ihm ins Grab nach: „Warst kein Guter. Trotzdem hab ich dich geliebt, irgendwie.“ Dass an anderer Stelle bemängelt wurde, die Inszenierung befeuere Schalkos Stereotypen-Schreibe, von den Geschlechterklischees bis zum geldgierigen Gschamster-Diener-Jud‘, naja – honi soit …, genauso gut könnte man sagen, Sebastian Pass spielt den Grünbaum als Nestroy’schen Subaltern-Ungustl. Und wer sich übers „Redfacing“ bei Nazihubers Karl-May-Festspielen aufregt, hat keine Siebzigerjahre-Kindheit beim Rote-Falken-Fasching erlebt.

Lukas Watzl als blondgelockte Krüppelhure Gisela. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zuhälterin Musch mit Sohn Herwig: Isabella Knöll und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Lisa-Maria Sommerfeld als „professionelle“ Sikoramutter. Bild; © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Politik ist bei Schalko/Charim was Beiläufiges, wie’s im Leben der meisten so ist, räsonieren, xenophobieren, rechts wählen, so einfach funktioniert das hierzulande, verkümmerte Seelen, versteinerte Herzen, und Charim präsentiert im Jeder-gegen-Jeden lediglich die üblichen Überlebens- und anderen Treibe, die Sehn- und die weiteren Süchte. Was zweiteres betrifft, Filmisches inklusive, Milady und der Sikora vergnügen sich in der Kaisersuite des Hotel Orient, bei der Winnetou-Orgie vom Nazihuber besudelt der Krutzler ein imperiales Ambiente mit dessen Halsschlagadernblut.

Erst als die Spedition die Erdberger Demarkationslinien aufhebt, Nebel, Schießerei, die Atmosphäre Dritter-Mann-grau, und der Krutzler schreit: „Wien gehört mir!“, ist Schluss mit lustig. Die Tragi- an der -komödie: Gerade jetzt, da in Auflösung begriffen, präsentierte sich das Volkstheater stärker denn je. „Schwere Knochen“ ist das beste Beispiel dafür, geschmeidig inszeniert, jede Szene wie am Ende der Aida-Showdown eine mit Hintersinn, so dass es einem beim Lachen doch kalt über den Rücken läuft.

Alexander Charim karikiert, was bereits Verspottung war – die Mechanismen von Ermächtigung, ein Räderwerk der Gewalt, Existenz auf Kosten anderer, und dass das alles im ideologiedurchtränken wie ideologiefreien Raum gleichermaßen in Gang gesetzt werden kann. „Vermutlich ist etwas ein Mensch, wenn man es behandelt wie einen Menschen“, sagt Schalkos Krutzler. Dreht sich um und tut genau das nicht.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=9HF1PLbIvT4           www.volkstheater.at

  1. 4. 2020

Der Online-Spielplan bis Mitte Mai:

30. April: Der gute Mensch von Sezuan, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, 1. Mai: Alles Walzer, alles brennt, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23477, 2. und Mai: Die rote Zora und ihre Bande, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39484, 4. Mai: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28509, 6. Mai: Nathan der Weise, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24591, 9. Mai: Wer hat meinen Vater umgebracht, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36159, 10. Mai: Wien ohne Wiener, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26649, 12. Mai: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36527, 14. Mai: Medea, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23620 und 15. Mai: Stella, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810.

Alles wird gut: Street Art im MuseumsQuartier

April 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein positives Zeichen in die Stadt setzen

Street Art im MuseumsQuartier Wien / Maria Legat. Bild: @Artis.love

Gemeinsam mit dem Künstler und Kurator Sebastian Schager / @Artis.Love präsentiert das MuseumsQuartier ab sofort sieben ausgewählte Arbeiten, die unter dem Motto „Alles wird gut“ stehen. Die Beiträge stammen von Boicut, Denise Rudolf Frank, Maria Legat, Rudolf Fitz sowie Sebastian Schager. Die Werke sind vor dem MQ Haupteingang und auf dem Projektionsturm zu sehen.

www.mqw.at

23. 4. 2020

Street Art / Rudolf Fitz. Bild: @Artis.love

Street Art / Sebastian Schager. Bild: @Artis.love

Street Art / Denise Rudolf Frank. Bild: @Artis.love

Street Art / Boicut. Bild: @Artis.love

 

Volx/Margareten: Urfaust / FaustIn and out

Februar 29, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gretchen im Faust’schen Kellerverlies

Kein Eisen ist zu heiß, Gretchens Gegenwehr wird kurzerhand glattgebügelt: Sebastian Pass, Steffi Krautz und Nadine Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Habe nun, ach! Es oft genug gehört, gesagt, gelesen, doch Günter Franzmeier tut’s noch und noch. Der brüchige Balkon mimt die Studierstube, hier sitzt der Schauspieler erster Wahl und rezitiert, repetiert den Welttheatermonolog, synkopiert, verjandlt, verbalsert seinen Faust, je neue Betonung eine neue Bedeutung, alldieweil unter ihm im Zimmer-Küche-Kabinett-Keller die Wiederholung zum Mundhygiene-Ritual wird. Putzen, spucken, der Notdurftkübel, das mit dem Aufbegehren übt sich erst.

Im Volx/Margareten hat Bérénice Hebenstreit Elfriede Jelineks Daunenkissenschlacht gegen Marmorkopf-Goethe inszeniert, „Urfaust / FaustIn and out“, jenen theatralen Kulminationspunkt, an dem die Autorin Margaretes „Ich schreye laut, laut dass alles erwacht“ mit Fritzl-Tochter Elisabeths Satz „Ich habe in all den Jahren oftmals geschrien, aber es hat mich niemand gehört“ kollidieren lässt – und Hebenstreit samt Dramaturg Michael Isenberg haben die Texte derart genialisch verschränkt, dass man verteufelt gut achtgeben muss, wo Geheimrat aufhört und Literaturnobelpreisträgerin anfängt. Sie haben den „Olympier“ nicht etwa über-, sondern die Jelinek fortgeschrieben, nahtlos greift da eins ins andere, bis Doktor Chauvi in der Selbstdekonstruktion angelangt ist.

Nahtlos, das gilt auch für das großartige Raumkonzept von Ivan Bazak, die diversen Lichtstimmungen von Markus Hirscher, die Musik von Kerosin95 aka Kathrin Kolleritsch mit Oliver Cortez. Zu Franzmeier gesellen sich die Unter-der-Erdgeister mit den speziellsten Stimmen des Hauses, Steffi Krautz als GeistIn, Sebastian Pass als Zweiter Geist und Nadine Quittner, deren FaustIn sich zur Gretchen-Figur redupliert. Im Sinne des jeli-neckischen „Ich renne mit der Schaufel und dem Besen hinter ihm her und beseitige den Menschenmüll, den der Klassiker hinterlassen hat“, sind die Eingekerkerten am Großreinemachen, Parkett wischen, Wände wienern, man beachte den Doppelsinn des Wortes „aufräumen“, bügeln. Kein Eisen ist zu heiß, als dass nicht Gretchens Gegenwehr damit zu plätten wäre, die Kellerkinder in Fausts Verlies sind einander Verbündete wie Feinde.

Herr Faust lässt seine Socken sortieren: Pass, Krautz und Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Das Feigenblatt der Versuchung: Quittner, Pass und Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Sie ist gerichtet. Ist gerettet. Oder doch gerichtet: Steffi Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Postfeministisches Kaffeekränzchen: Quittner, Krautz und Pass. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Bis Heinrich-mir-graut-vor-dirs Schwadronade endlich die Widerspruchs-Geister weckt. Haben die drei in ihren blassrosa Puffärmelblusen eben noch mit zusammengekniffenem, damit schärferem Auge schwarze Herrensocken verpaart, Krautz sie vorne auf die Wäscheleine geklammert, während Pass hinter ihr die Kluppen abgeklipst und die Socken ihrem Absturz anheimgestellt hat, heißt: apropos Heim, auch ein Haushalt ist ein Loch, eines ohne Boden, besinnen sie sich nun scheint’s auf ihre stets verneinende Charakterbeschaffenheit.

Der Herr oben ist grad beim Pudel, da pinkeln ihn die unten schon postfeministisch an, pardon, aber die Haxn-Heb‘-Metapher ist von der Jelinek höchstselbst, die Störfaktoten nun beim Kaffeetrinken, Steffi Krautz von geradezu mephistophelischer Süffisanz, Sebastian Pass eine Puck’sche Spukgestalt, das Metawesen mit Migräne und der seinen gefährlichen Spaß treibende Narr – sehr durchdacht ist das alles, sehr klug, wie Hebenstreit den Kanon zwar bedient, aber nie ohne den Hinweis, dass die großen Fragen, die der „Faust“ debattiert, aus Sicht der physisch wie psychisch weggesperrten Frau irrelevant sind. Seine Welt gibt’s für sie nicht. Zutritt verboten.

Ohne den abgenudelten #toxischeMännlichkeit zu bemühen, führt die Regisseurin den 2012er-Text über die Distanz der damaligen Tagesaktualität ins Grundsätzliche männerbestimmter Machtverhältnisse und das fremd- bestimmte In-der-Versenkung-Verschwinden der Frau. Nachdem Quittners Schilderung von Szenen aus dem Fritzl-Keller einem den Magen umgedreht hatten, folgt ihr (auch persönlich empfundener) Protest, wieso allein Margarete zur Büßerin auserkoren ist, folgt die lapidare Feststellung: „Warum all die Mädels in den Kellern? Sie könnten ja in einem Turm gehalten werden. – Aber einen Turm hat nicht jeder.“ Das ist Jelinek pur. Die Tragifarce, die mit ihrer Satire den Dichterfürsten vom Sockel, vom Parnassos in die Alltagsbanalität des Bösen holt.

Faust verschlägt’s vom erhabenen Studierrang in die Tiefen einer TV-Talkshow: Günter Franzmeier mit den jelinekischen Kartonköpfen. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Hebenstreits Ideenreichtum unterstützt die absurde Groteske, siehe Socken, siehe Bügeln, beides wie ein Ballett choreografiert, die Darsteller virtuos beim Sprühnebeln mit dem Spritzerl. Quittner muss den Strom für den Stecker selber produzieren, die Energieversorgung aus dem Oberschenkel funktioniert zwar trotz Elektroschlägen ganz gut, dann hält sie den Stecker ans Herz – und fällt vom Hocker. Welch ein Bild! „Wir sind in bester Form, wenn auch in weiblicher!“, sagt Krautz‘ GeistIn.

Und hat damit einmal mehr die Lacher auf ihrer Seite. Und wieder Zeitenverschiebung, Quittner-Margarete-Elisabeth, die um ihr totes Kindchen trauert, Krautz und Pass, die aufsässigen GeistInnen, die den heiligen O-Ton wie eine Liturgie leiern, Faust, der zornige Zitatenschleuderer, der sich zu guter Letzt gottvaterisch unters Volk mischt. Aber, ach! Der Abstieg ist kein Osterspaziergang, statt in Gretchens Kammer verrennt sich Faust in eine TV-Talkshow, rund um ihn nur Kartonköpfe, die mit ihren Strichcodes irgendwie Elfriede Jelinek ähneln, und seinen Fall öffentlich verhandeln. So kehrt sich das Ist-Gerettet ins Ist-Gerichtet zurück, die Medien sorgen schon dafür, dass das Opfer Mitschuld trägt, und die Online-Foren für passenden Hass und Verachtung.

„Ich habe versucht zu schreien. Aber es kam kein Laut heraus. Meine Stimmbänder haben einfach nicht mitgemacht“, schrieb Natascha Kampusch in ihr Buch. Steffi Krautz spinnt ein Bluthalstuch, aber Nadine Quittner leiht der gehenkten Margarete ihre Stimme. In einem kraftvollen Musikfinale erteilt die FaustIn dem „lieben Menschheitsdrama“ eine Abfuhr, sie rappt sich in Rage, hiphopt sich heraus aus dem engen Rahmen der „immer gleichen Bilder“ von Weiblichkeit. Mit diesem Höhepunkt entlässt einen der fulminante Abend in die Nacht. Ein Beweis für die Spielerstärke des Volkstheater, ein Plädoyer für den Erhalt der Spielstätte im Fünften.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2020

Schauspielhaus Wien: Kudlich in Amerika

Januar 12, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nobody is perfect

Il buono, il brutto, il cattivo: Sebastian Schindegger, Vera von Gunten und Simon Bauer warten als Kinostars auf ihren Leinwandeinsatz. Bild: © Matthias Heschl

So carbonschwarz wie der Wüstensand in Marfa ist es auch auf der Autokino-großen Leinwand. Daneben grad noch zu erkennen ist das Muschel- logo einer Mineralölfirma, der Schriftzug nach Ken Saro-Wiwa, Brent Spar und Niger-Delta nun zur „Hell“ zerschmolzen. Ja, die opernbühne in marfa texas präsentiert ihre Gebrauchs- spuren stolz wie Bodennarben, engl.: upper s/oil zone, doch da geht auch schon das Licht aus, als hätt‘ dafür keiner ein paar Dollar mehr gehabt.

Darauf tanzen in der Finsternis vier neongeflexte Stetsons. Ein Cowboy-Chor, der das Giganten-Setting gleich mal mit Anti-US-Themen top-killed, wenn er wie ein Wildwestwind über die Edna-Ferber-Figuren hereinbricht, und dem amerikanischen Individualismus, dem Raubtierkapitalismus, dem Nullsummen-Nationalismus die Seinsberechtigung ausbläst. Auftritt Jesse, nein, nicht James, sondern Inman als nobody, von dem man weiß, dass er der Größte, aber wie diese Produktion nicht perfect ist, der ausführlich des Menschen Wille ist sein Erdölreich, „Why did we choose extinction?“, bejammert.

Am Schauspielhaus Wien wurde gestern in der Regie von Elsa-Sophie Jach und Thomas Köck ebendesselben „Kudlich in Amerika oder who owns history – ein carbondemokratischer spaghettiwestern“ als zweiter Teil der Kronlandsaga uraufgeführt. Das ist die Fortsetzung des 2016er-Stücks „Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23658) , die extended true story vom Bauernbefreier, der diese später allerdings ans Giebelkreuz nagelte, über den Kaiser Franz Joseph zweimal das Todesurteil verhängte, weshalb Kudlich in die Vereinigten Staaten flüchtete. Wo der Aufrührer im Abolitionismus eine neue Aufgabe fand, der Kämpfer gegen die Leibeigenschaft jetzt einer gegen die Sklaverei und für Abraham Lincoln als Präsident, seine supranationalen Freiheitsideen höchst modern.

Für Köck keine Geschichte. Er packt hundert Jahre drauf, und versetzt Kudlich ans Set der „Giant“-Dreharbeiten im Presidio County, um dort Rock Hudson aka Bick Benedict, Liz Taylor aka Leslie Lynnton zu treffen, und selber zu der kudlich hans aka der dean james aka rink jett zu mutieren.

Simon Bauer macht auf Marlboro Man. Bild: © Matthias Heschl

Schindegger, Bauer und von Gunten. Bild: © Matthias Heschl

Il grande silenzio: Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Legendär die Szene, in der der rebellische Schwermütler in schwarzes Gold gebadet sein Glück gar nicht fassen kann, bevor er vom Ranch-Niemand zu Jetexas avanciert, zum lonesome rider, der sich im realen Leben mit dem Sportwagen derstesst, und man kann die Assoziationsperlenkette, die Köck da angeblinkt hat, schon begreifen. Von der final frontier zum Kaputt-Erobern der Erde, ergo Klimawandel, auf der Leinwand zu sehende Flächenbrände, Erdölkriege, in denen für die Tötung eines Generals 70 Dollar je Barrel ausbezahlt werden – und das Ganze in einem Theater, das bis 1975 das Heimat-Kino war.

Die Weglassung ist bekanntlich eine Errungenschaft des Älterwerdens, stand an dieser Stelle schon bezüglich des jungen Autors Kudlich I, und auch diesmal bringt es Köck nicht übers Herz seine darlings zu killen. Er mäandert von so ziemlich jedem Howdy-Klischee zu Politologen Timothy Mitchells Buch „Carbon Democracy: Political Power in the Age of Oil“ zu einer nihilistischen „Wir sterben eh alle“-Philosphie, seine Figuren in diesem Spielfilm-im-Spiel dabei so lustlos, wie man’s als Zuschauer bald selber ist. Musiker Andreas Spechtl, unter anderem „Ja, Panik“, ist für die Todesmelodie zuständig, aber was ein dystopischer Meta-Western hätte werden können, verfängt sich im Lasso der Verquastheit.

Im Vergleich zu Kudlich I wie auch zum luziden „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27228 –, diesem beinah mystischen Zwiegespräch einer Protagonistin mit einem Jugendchor, muss diese sperrige Spintisiererei klar verlieren. Am Drehort wissen derweil alle nicht, was sie tun, denn Jimmy nervt als rebel without a cause. Clara Liepsch beteuert weder hans noch james noch jett zu sein, sondern diese nur „durchgespielt“ zu haben. Fröhlich wurde cross-besetzt. Sebastian Schindegger in gelben Rüschen ist die taylor elizabeth aka die lynnton leslie, Vera von Gunten der hudson rock aka der benedict bick jordan, Simon Bauer die mccambridge mercedes aka die benedict luz, Til Schindler in Fliederfarbe gewandet die baker carroll aka die benedict luz II.

The Wild Bunch: Schindegger, Gunten, Schindler, Liepsch und Bauer. Bild: © Matthias Heschl

l mio nome è Nessuno: Jesse Inman als im Südstaatenakzent lamentierender nobody. Bild: © Matthias Heschl

The Magnificent Five: Bauer, Schindegger, Schindler, von Gunten und Inman. Bild: © Matthias Heschl

C’era una volta il West: Schindegger, Clara Liepsch und von Gunten. Bild: © Matthias Heschl

Eine marionette und ein zwerg tauchen auf, lynch, David, lynch, einer davon hängt als electronic horseman in der Luft, der Chor wird als „ein gottverlassener in der posthistorischen sierra des todes zwischen oilfields and tumbleweeds“ ausgewiesen, und, ja, es gibt begnadete Parodien auf Italo-Western, wehe ich muss noch einmal irgendwo Spaghetti- lesen!, aber dies ist keine davon. Das Ereignis im Schauspielhaus bleibt ergebnislos, Köck lässt einen ohne Wegweiser durch seine Gedankengänge irren. Mit nachgestelltem Ibiza-Video oder seinem Seitenhieb auf strukturellen Sexismus, mercedes-Bauer beschwert sich bei rock-von Gunten, dass Frauen im Western der Heldentod verwehrt ist, will er deshalb wohl anzeigen, dass die Richtung bei ihm stimmt.

Köck, dafür berühmt, heißt: zweifach Mühlheim-bepreist, stets Gott und die Welt in einen Text zu packen, hat mit Kudlich II zu viel des Guten gewollt. Die Publikums/Überforderung, die ihm sonst Programm ist, hat ihn diesmal scheint’s selbst ereilt. Sogar das in der Regel brillante Schauspielhaus-Ensemble kann die Köck’schen Sätze kaum mit Sprit und Spirit befüllen, Ausnahme: der großartig den Südstaatenakzent imitierende Jesse Inman, der mit seinem Nichts an vielleicht aber auch die dankbarste Rolle hat. Am Schluss wird die Sinnfrage aufgeworfen, ob es ohne „Vom Winde verweht“ den Bürgerkrieg gegeben hätte, Lacher!, was zur weiteren führt, ob ohne Hans Kudlich … „am End‘ weiß keiner nix“, soweit was Alt-Wienerisches zum Thema Hobel ausblasen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=o19YBuzKEBo&t=2s           www.schauspielhaus.at

Andreas Spechtl – „The Seperate“: www.youtube.com/watch?v=iAzx-ib35ek

12. 1. 2020