Architekturzentrum Wien: Downtown Denise Scott Brown

November 19, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Einladung zum Flanieren auf der Piazza

Denise Scott Brown vor der Skyline von Las Vegas, 1972. Bild: Robert Venturi

Denise Scott Brown ist Legende, Geheimtipp und Ikone. Sie startete eine Revolte gegen die architektonische Moderne mit dem Ziel, die Moderne zu retten. Höchste Zeit für die weltweit erste umfassende Einzelausstellung zum Werk der heute 87-jährigen Architektin, Stadtplanerin, Lehrerin und Autorin: „Downtown Denise Scott Brown“, zu sehen ab 22. November im Architekturzentrum Wien.

Seit den 1960er Jahren hat Denise Scott Brown – gemeinsam mit ihrem Partner und Ehemann Robert Venturi, mit dem sie ein Büro in Philadelphia führte – Generationen von Architektinnen und Architekten auf der ganzen Welt beeinflusst. Sie hat den Zusammenhang von Architektur und Stadtplanung, die Regeln von Entwurf, Fotografie und Analyse sowie Fragen von sozialer Verantwortung und Alltag und nicht zuletzt die Möglichkeit gemeinsamer Kreativität neu definiert. Aus ihrem Forschungsprojekt zu Las Vegas entstand das wegweisende Buch „Learning from Las Vegas“, dessen Einfluss bis heute spürbar ist.

Scott Brown trat als heftige Kritikerin einer Moderne an, die Kontext, Kommunikation und Geschichte beharrlich ignorierte. Die Arbeit mit dem Vorhandenen, mit der „Stadt als Palimpsest“, ist für ihre urbanistische und theoretische Arbeit zentral. Heute, da sich eine jüngere Generation von Architekten wieder dieser Komplexität verschreibt, sind Scott Browns undogmatische Formensprache, ihre zurückhaltenden urbanen Eingriffe, ihre aufschlussreichen photographischen Analysen, aber auch ihre manieristischen Eskapaden und ihr postheroischer Humor reif für eine Wiederentdeckung.

Denise Scott Browns Leistungen wurden in den letzten Jahrzehnten oft übersehen oder marginalisiert. So wurde 1991 der Pritzker Preis für die gemeinsame Arbeit alleine an Robert Venturi verliehen, was Jahre später auch eine öffentlichkeitswirksame Petition nicht korrigieren konnte. Der Kampf um die Anerkennung von Frauen in der Architektur, aber auch um das Verstehen von gemeinsamer Kreativität, ist Denise Scott Brown ein Anliegen geblieben. Aber paradoxerweise hat gerade ihr Status als feministische Ikone wiederum den Blick auf ihre architektonische Arbeit verstellt. Deshalb widmet sich die Ausstellung im Architekturzentrum Wien gleichermaßen Leben und Werk dieser Grande Dame der Architektur. Scott Brown verfolgt weiterhin ihre Ideen und widmet sich dem Schreiben. Robert Venturi verstarb im September dieses Jahres.

Mielparque Nikko Kirifuri Hotel und Spa, Nikko, Japan, 1997. Bild: Matt Wargo

Sainsbury Wing, National Gallery, London, United Kingdom, 1991. Bild: Richard Bryant

Die ungewöhnliche Form der Ausstellung „Downtown Denise Scott Brown“ entspricht ihrem einzigartigen architektonischen und urbanistischen Werk, das einerseits mit Kommerz und Populärkultur spielt und andererseits ästhetische und gesellschaftliche Konflikte vorführt. „Downtown Denise Scott Brown“ ist zugleich Ausstellung und urbaner Ort. Unter dem Backsteingewölbe des Architekturzentrum Wien entfaltet sich rund um einen monumentalen und doch geheimnisvollen Brunnen ein städtischer Platz, gerahmt von Geschäftsportalen, einem Café und Marktstand. Hier begegnen Besucher dem faszinierenden Leben und Werk von Denise Scott Brown in Originalobjekten, Fotos, Collagen, umfangreichen Zitaten, Plänen und Videos. Der Bogen der Ausstellung erstreckt sich von ihrer Kindheit in Afrika und ihren ausgedehnten Studienreisen auf der ganzen Welt über ihre berühmten fotografischen Projekte, ihre Schriften und ihre bahnbrechenden Studien wie „Learning from Las Vegas“ bis zu ihrer architektonischen und urbanistischen Arbeit auf vier Kontinenten.

Besuchern von „Downtown Denise Scott Brown“ sind eingeladen, entlang der Schaufenster zu flanieren, sich in überraschende Details zu vertiefen, über „Kleine Big Ideas“ oder „Augen, die nicht sehen!“ zu diskutieren. Sie können mit ihren Kindern rund um den riesigen Brunnen verstecken spielen oder sich mittels einer interaktiven Fotobox selbst zum „Monument“ machen. Sie können beim Café Nkana Kaffee und Kuchen genießen, etwa einen Denisian Cappuccino namens Denisuccino, die eigene Stadtzeitung lesen und ein Souvenir aus dem Venturi Fruit and Produce Shop mit nach Hause nehmen. „Downtown Denise Scott Brown“ ist „Wiens neues Downtown“.

Denise Scott Brown hilft beim Bau einer Tennishalle an der Universität Witwatersrand, 1950. Bild: Clive Hicks

Auf ihrer Entdeckungsreise auf dem Las Vegas Strip spielten Denise Scott Brown und Robert Venturi „Mir kann etwas Hässlicheres gefallen als dir“. „Er wurde zu unserer schönsten Hässlichkeit, unserem besten Objet trouvé“. Ihr „Ugly Game“ empfiehlt die Ausstellung auch den Besuchern: „Fotografiere Hässliches oder Schönes oder Überraschendes in der Ausstellung und poste deine beste Hässlichkeit unter dem Hashtag #uglyinstagram_azw. Und dann lass dich in der Ausstellung überraschen“.

www.azw.at

19. 11. 2018

Bronski & Grünberg Theater: Vor dem Fliegen

Februar 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claudia Kottal variiert „Thelma & Louise“ auf Wienerisch

Bewaffnet und gefährlich: Julia Schranz als Louise/Christiane. Bild: Monika Rovan

Es ist schon etwas Besonderes, sich über eine Theaterneugründung zu wagen. Schauspieler Alexander Pschill und seine berufliche wie private Mitstreiterin Kaja Dymnicki haben’s gewagt, haben das Bronski & Grünberg Theater aus der Taufe gehoben – und das Besondere beginnt schon Foyer. Der morbide Charme der nach den Underdogs aus Lubitschs Kinotragikomödie „Sein oder Nichtsein“ genannten Bühne ist unvergleichlich.

Das Ambiente changiert zwischen abgehaustem Etablissement und heimeliger Wohnzimmeratmosphäre anno psychedelic Seventies. Die Garderobe bedient man bitte selbst, am Buffet dafür der berühmte Fred Pschill, der in dieser neuen Rolle nicht nur völlig aufgeht, sondern – ein Glück – auch seinen erlesenen Weingeschmack ans Haus mitgebracht hat. Der Spielplan liest sich spannend, die Schauspielernamen auch, hat Alexander Pschill doch etliche seiner Josefstadt-Kollegen zum Mitmachen animieren können. Doch nicht nur die wissen die Intimität des neuen Spielraums zu schätzen.

Donnerstagabend brachte Claudia Kottal „Vor dem Fliegen“ zur Uraufführung. Das Stück stammt von ihr, sie hat auch die Regie übernommen und mit Julia Schranz und Anna Kramer zwei hervorragende Darstellerinnen besetzt. Der Text ist eine Paraphrase von Ridley Scotts Meisterwerk „Thelma & Louise“, ganze Dialogpassagen sind dem Drehbuch von Callie Khouri entnommen. Dazu verwendet Kottal Zitate aus Interviews, die das Team mit Frauen und Männern geführt hat, und Stellen aus Laurie Pennys Buch „Unsagbare Dinge: Sex, Lügen und Revolution“.

Aus diesem Mix ist ein gewitzter, auch witziger Abend entstanden, der Geschlechterrollen und -klischees hinterfragt und dabei die Männer wie die Frauen aufs Korn nimmt. Es geht um Rollenprägungen, um schmerzfreie Indianer und mitleidheischende Heulsusen, um männliches Machtgefühl und die Bequemlichkeit der weiblichen Opferhaltung – und die Frage, ob das alles genetisch oder gesellschaftlich bedingt ist. „Emanze, ist das ein Superwort?“, will Julia Schranz eruieren. Und dann, apropos: aufs Korn nehmen, ist plötzlich eine Pistole im Raum, und wer den Film kennt, weiß, dass damit auch geschossen werden wird.

Überhaupt ist es von Vorteil, den Film zu kennen. Die versteckten Anspielungen auf das Roadmovie machen bei Entschlüsselung einfach zu viel Spaß. Kottal hat ihre Protagonistinnen von Arkansas-am-A***-der-Welt an die Wiener Peripherie übersiedelt, der Trip soll entsprechend zum Annaberg gehen, doch natürlich wird auch diesmal der harmlose Wochenendausflug zweier Freundinnen und Mediamarkt-Verkäuferinnen zur Höllenfahrt.

Statt im US-Provinzkaff Kellnerinnen nun Mediamarkt-Verkäuferinnen an der Wiener Peripherie: Claudia Kottal und Anna Kramer. Bild: Monika Rovan

Auch die Fast-Vergewaltigungsszene aus dem Film fehlt auf der Bühne nicht. Schranz und Kramer wechseln dazu blitzschnell die Rollen. Bild: Monika Rovan

Christiane und Michelle heißen sie, und holen sich ihr Publikum als Flyer verteilende „Hühner“ aus dem Vorraum ins Innere des Geschehens. In einen mit zwei Kloschüsseln ausgestatteten Mitarbeiteraufenthaltsraum (Bühne: Monika Rovan), der je nach Bedarf zur Bar oder zum Motelzimmer wird, beziehungsweise zur jeweils dazugehörenden Toilette. So wandlungsfähig wie die diversen Häusln müssen auch die Schauspielerinnen sein. Des Hühnerkostüms entledigt gestalten sie nicht nur die beiden Frauenrollen, sondern wechseln blitzschnell die Position, um auch in die Haut der Männer zu schlüpfen. Beeindruckend gelingt das in der Fast-Vergewaltigungsszene in der Bar, Anna Kramer als Angegriffene, Julia Schranz als Angreifer, dann plötzlich als bewaffnete Christiane, deren Trauma sich – siehe Louise – nach und nach enthüllt.

Filmszenen durchbrechen die Bühnenrealität, Erstere durch Zweitere auch ein wenig persifliert, etwa wenn „Bradl Pitt“ am Straßenrand links liegen gelassen wird oder der Kauf von „Safepants“, den versperrbaren Unterhosen gegen sexuelle Übergriffe, angekurbelt werden soll. Sehr pointiert wird das alles vorgebracht, oft sehr konkret in der Darstellung und daher umso zwingender. Sowohl Schranz als auch Kramer wissen das Publikum zu packen, wissen, wie’s funktioniert, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Für Thrilleratmo sorgt die Musik von Eva „Gustav“ Jantschitsch.

Während Kramer weibliche Rückzugsszenarien aus unangenehmen Situationen durchexerziert, stellt Schranz lapidar fest: „Die ideale Frau ist fickbar, fickt aber nie selber.“ Dies ihrem Ratgeber „Was Männer wirklich wollen“ entnommen, denn die Ratgeberinnenpose gegenüber den Zuschauern wird selbstverständlich eingenommen. Sind ja auch Männer im Raum. Die keineswegs „mitgenommen“, sondern zum Schluss dieser klugen, aber nie belehrenden Aufführung genauso gut unterhalten waren wie ihre Begleiterinnen. Das Bronski & Grünberg Theater hat mit „Vor dem Fliegen“ eine großartige schwarze Komödie auf dem Programm. Deren Titel bezieht sich auf Thelmas letzte Worte: „Steig aufs Gas!“ Das ließ sich das Trio Kottal, Schranz und Kramer nicht zwei Mal sagen. Bravo!

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 23. 2. 2017

Stewart O’Nan: Westlich des Sunset

Mai 19, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Literarisches Requiem für F. Scott Fitzgerald

978-3-498-05045-0Ein Vanitas-Motiv. In Los Angeles hat es wieder einmal ein Erdbeben gegeben. Auch die Hollywood-Studios sind betroffen, und am nächsten Tag diskutieren Kulissenschieber über die Wiederverwertbarkeit ihres Arbeitsstoffes. Das Segeltuch in der Schlammpfütze, ein Jade-Buddha, dessen gerissene Haut ihn nunmehr als Schaumstoffgeschöpf ausweist, wird davon etwas zu retten sein? Oder ist das Schicksal der Religionsgründerattrappe besiegelt? Techniker denken praktisch. Am Ende von leerem Schein und Lügen, von Misserfolg und Vergeblichkeit steht der Tod.

F. Scott Fitzgerald am Kamin, die Faust verkrampft über der gekrampften Brust, die letzte Herzattacke – und ein letzter Gedanke: „Ich bin noch nicht fertig.“ Es ist das Jahr 1940 und ein angefangener Roman liegt in der Schublade und Nazi-Deutschland ist auf dem Vormarsch. Während der einstmals gefeierte US-Schriftsteller versucht aus seiner Vergangenheit etwas Neues zu generieren, erhebt sich in Europa eine schreckliche Zukunft, der Zweite Weltkrieg dämmert herauf und bald wird es erste Gräuelmeldungen geben …

Stewart O’Nan hat mit seinem Roman „Westlich des Sunset“ ein Requiem für F. Scott Fitzgerald geschrieben, dessen Tonfall eine einzige Erinnerung, eine Sentimentalität, eine Sehnsucht. Denn als das Buch beginnt, hat der Autor des „Großen Gatsby“ definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Seine Traurigkeit über gülden gewesene Tage hängt über den Seiten, Tage, in denen seine extravaganten Eskapaden Bilder für Glamourzeitschriften lieferten, nun entpuppt sich der Glamour als Tand, der schicke Roadster ist nur noch ein gebrauchter Ford. Fitzgerald ist bankrott, seine Frau Zelda, von ihrer psychiatrischen Familiengeschichte eingeholt, in ein Nervensanatorium eingewiesen, das Schulgeld für Tochter Scottie nicht mehr zu bezahlen. Fitzgerald versucht es an einem Ort, an dem er zuvor schon zwei Mal gescheitert ist: in Hollywood. Ein Gnadenbrot als Drehbuchautor. Er wird wieder scheitern. Diesmal existentiell scheitern. „Für mich war es, als würde ein großer Bildhauer dafür engagiert werden, als Klempner zu arbeiten. Er hatte keine Ahnung, wie er die verdammten Rohre verlegen sollte“, soll Regisseur Billy Wilder gesagt haben.

„Westlich des Sunset“ ist O’Nans bisher schönst geschriebenes Buch. Eines, das sich so angenehm liest, als ließe man kühles Wasser über die Handgelenke laufen. Eine traurige Ballade darüber, wie das Leben sein kann, wenn man nicht sorgfältig darauf aufpasst, mit einem Refrain, der, weil dies Teil seiner selbst ist, sich wiederholt und wiederholt. Fitzgerald arbeitet an einem Treatment, der Auftrag wird ihm entzogen, er trinkt, Zelda dreht am Rad, er trinkt mehr, er muss deswegen bei seiner Geliebten zu Kreuze kriechen … Die gibt es auch. Sheilah Graham, eine Societyreporterin. Und mit ihr noch mehr Schuldgefühle. Das Gewissen beißt ins kranke Herz. Das alles vor einer aufwendigen Traumfabriksdekoration, Filmpremieren in Grauman’s Chinese Theatre, teure Partys im Cocoanut Grove, Mittagessen in der Studiokantine mit Dorothy Parker und den anderen Intellektuellen, Zynikern und Chauvinisten, dazu passendes Namedropping von Humphrey Bogart bis Ernst Hemingway. Man ist verwundert, dass in diesem einzigen Riesenbesäufnis je ein Film zustande kam. „Das war das Problem mit Hollywood: Alles verwandelte sich in einen Plot“, lässt O’Nan seinen Protagonisten sagen. Ein Satz, gut erdacht für einen, der sein ganzes Sein in eine Fiktion von Glück und Reichtum verwandeln wollte. Mitunter fließt staubtrockener Humor durch die hochprozentige Erzählung. Die Hoffnung, dass morgen alles besser ist, trügt.

Statue von F. Scott Fitzgerald in seinem Geburtsort St. Paul, Minnesota. Bild: mottingers-meinung.at

Statue von F. Scott Fitzgerald in seinem Geburtsort St. Paul, Minnesota. Bild: mottingers-meinung.at

Fitzgerald hat sich vergeudet. An eine Welt, die ihn einst und er sie mit ausladenden Gesten umarmte. Es war seine größte Schwäche, dass er sich selber nicht widerstehen konnte. Hemingway dient der Erdung. Mit seinen Schilderungen aus Spanien, später Frankreich. Im Zusammenspiel der beiden „Kontinente“ entwickelt O’Nans Geschichte erst ihre emotionale Sprengkraft. Und im Aufeinanderprall mit dem dritten. Die wenigen Besuche Fitzgeralds bei Zelda sind die stärksten Szenen. Eindrücklich zeigt O’Nan in ihnen, wie eine fürs Leben geglaubte Liebe durch immer neue Erschütterungen porös wird – die Erdbeben und das Herz, Thema auch hier – bis sich die Liebe in etwas anderes verwandelt. In Mitleid und Mißbehagen.

Mit kühnen Strichen entwirft der Autor seine Figur. „Ein Gestrauchelter muss eine unzumutbare Last an Erwartungen tragen“, schreibt Fitzgerald an Zelda, und er meint sich, nicht sie. In diesen Teilen ist O’Nan ein Verzweiflungsbuch von besonderer Qualität gelungen. Zensur und Selbstzensur werden beschrieben, aus der Erzählung „Untreue“ wird für die Doch-nicht-Verfilmung mit Joan Crawford das Script „Treue“.

Reinecke heißt Hitlers Mann in Hollywood. Er achtet darauf, dass das Dritte Reich im US-Kino nicht zu schlecht wegkommt. Wer glaubt, in Hollywood sei der Kampf gegen den Faschismus eine Selbstverständlichkeit gewesen, täuscht sich aber wie. Lesern verlangt O’Nan dabei auch einiges an Vorwissen ab. Am Ende aber wird sein Roman viel mehr gewesen sein, als eine Biografie der letzten drei Lebensjahre Fitzgeralds. Er ist auf einer Metaebene die Schilderung eines Künstlerschicksals, deren Antiheld die Reise in die Zukunft nicht anreisen kann. Fitzgerald muss sterben, weil er sich überlebt hat. Sein Stil, seine Art Stoffe anzugehen, sind nicht mehr gefragt. Er und die verwehte Elegance, die der verlebte Dandy nach wie vor auszustrahlen wagt, gelten als nicht mehr zeitgemäß, die Hyänen haben von den Löwen die Herrschaft übernommen. Metro-Goldwyn-Mayer bringt 1940 die Komödie „Comrade X“ mit Clark Gable und Hedy Lamarr heraus. Als Gable scherzt, nun seien Nazi-Panzer zumindest auf der Kinoleinwand in Russland einmarschiert, weiß er noch nicht, wie nah er der Wahrheit ist. Doch da ist F. Scott Fitzgerald schon gegangen. Am Ende von leerem Schein und Lügen, von Misserfolg und Vergeblichkeit steht der Tod. Schriftsteller leben einfach nicht praktisch.

Über den Autor:
Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Zuletzt veröffentlichte er „Die Chance“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut.

Rowohlt, Stewart O’Nan: „Westlich des Sunset“, Roman, 416 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel.

www.rowohlt.de

Wien, 19. 5. 2016

Black Mass – Der Pate von Boston

Oktober 14, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Johnny Depp arbeitet jetzt wieder als Schauspieler

Bild: Warner Brothers

Bild: Warner Brothers

Es mag vielleicht nicht so sein, wie Filmkritiker nach den Filmfestspielen in Venedig formulierten, dass dies die beste Performance ever von Johnny Depp ist. Es mag vielleicht sein, dass ihm dafür der Oscar angetragen wird – obwohl er ihn ohne nominiert zu sein in Interviews schon mal ablehnt. Tatsache ist, in „Black Mass“, der ab 16. Oktober in den heimischen Kinos läuft, besinnt sich Depp nach Jahren als zugekiffter Pirat auf seine Kernkompetenz als Schauspieler. Er gestaltet einen Charakter, statt als verrückter Dreadlocksperückenständer zu fungieren. Depp ist James „Whitey“ Bulger. Die true story: Der irischstämmige Verbrecher ist Kopf einer kriminellen Bande in South Boston, außerdem Bruder des Senators William M. Bulger. Es sind die Siebziger-Jahre. FBI-Agent John Connolly überzeugt ihn, gemeinsam die Cosa Nostra zu bekämpfen. Diese unheilige Allianz ermöglicht es Bulger, der Strafverfolgung zu entgehen und zu einem der mächtigsten Gangster der USA aufzusteigen. Schließlich kann er seine Feinde nun mit den Waffen des Gesetzes – Schießeisen sind da natürlich inkludiert – besiegen … Der Film von Regisseur Scott Cooper beruht auf dem Buch „Black Mass: The True Story of an Unholy Alliance Between the FBI and the Irish Mob“ von Dick Lehr und Gerard O’Neill. Mit „Departed – Unter Feinden“ legte Meister Martin Scorsese bereits 2006 ein Werk mit ähnlichem Plot vor.

Anders als dessen exaltiert schillernde Protagonisten, Jack Nicholson als Frank Costello und Leonardo DiCaprio als Maulwurf Billy Costigan, begnügt sich Depp mit einer darstellerischen Farbe. Mausgrau. Sein Whitey ist so unscheinbar wie es Schwerverbrecher, Special Agents und die Kombination aus beidem, Spitzel, in der Regel sind. Mit Halbglatze und Pilotenbrille dem Original optisch erstaunlich ähnlich gibt Depp America’s everyman. Wie grausig der Kleinbürger ist, zeigt sich erst, wenn er die Brille abnimmt und ein Blick aus den eisblauen Augen einer direkt in die seelenlosen des Teufels ist. Mit dem schließen die Menschen bekanntlich seit Adam und Eva freiwillig einen Pakt. Depp feiert auf der Leinwand eine schwarze Messe. Wechselt blitzschnell vom freundlichen Nachbar zum gefährlichen Psychopathen. Der echte Bulger war in seinem Wohnviertel beliebt, den Leuten nach seiner schlussendlichen Verhaftung schwer beizubringen, dass er für Morde und Drogengeschäfte verantwortlich war. Eine kollektive Wahrnehmungsverschiebung. Depp lässt Whitey seine disziplinierte Cleverness immer dann bedrohlich entgleiten, wenn man ihm widerspricht. Schön zu sehen, in einer Szene, in der er mit seiner Freundin, Dakota Johnson spielt Lindsey Cyr, über den gemeinsamen Sohn streitet. „Wenn niemand es sieht, ist es nie passiert“, sagt er ihm. Das könne man einem Kind nicht sagen, erwidert sie. Selbst in diesen Momenten der Eskalation aber ist Depps Spiel zurückgenommen, hat nichts vom schwankenden Charmeur Sparrow. Jim lässt Jack vergessen machen. Und erst recht das Millionengrab „Mortdecai“.

Dass neben diesem Auftritt die anderen ein wenig untergehen, versteht sich. Dabei liefern gerade Benedict Cumberbatch als ehrenwerter Bruder und Senator William M. Bulger sowie Joel Edgerton als FBI-Connolly eine tadellose Leistung ab. Ersterer verschanzt sich hinter der fadenscheinigen Ausrede „Jimmys Geschäfte sind Jimmys Geschäfte“, für zweiteren kommt nach falsch verstandener Solidarität und schierer Gier nach Erfolg die Erkenntnis „Wir stecken zu tief drin“ zu spät. Peter Sarsgaard und Kevin Bacon glänzen in Nebenrollen. Coopers gelassener Genrefilm kommt nicht generell gut an. Der Spiegel etwa nennt ihn eine „unbefriedigende Episode von ‚Aktenzeichen XY ungelöst'“. Dem Argument mag man insoferne nachgeben, als Cooper das Ausloten gesellschaftspolitischer Verfilzungen weitestgehend unterlassen und sich aufs Biopicmachen konzentiert hat. In einem solchen agiert ein Johnny Depp in Hochform. Das ist allemal sehenswert. Denn der nächste „Fluch“ kommt gestimmt, aargh.

www.blackmassthemovie.com

film.info/blackmass

Wien, 14. 10. 2015

Die Kinohighlights im Herbst

August 6, 2015 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das flimmernde Dutzend

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson Bild: The Weinstein Company

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Bild: The Weinstein Company

Alles wird leinwand: Neben dem neuen James-Bond-Abenteuer „Spectre“ und „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gibt es im Kinoherbst allerlei Sehenswertes. mottingers-meinung.at freut sich auf folgende zwölf Filme:

September

Black Mass

Endlich einmal ohne Dreadlocks! Johnny Depp besinnt sich auf seine Kernkompetenz, nämlich Schauspieler statt Berufspirat zu sein, und gibt in Halbglatze den skrupellosen US-Verbrecher Joseph „Whitey“ Bulger, der seine lange Karriere auch dem Umstand zu verdanken hatte, dass er dem FBI als Informant im Kampf gegen die Mafia – die in seinem Territorium wilderte – diente. Verspricht ein spannender Mix aus Gangsterfilm und Biopic zu werden. An Depps Seite agieren unter anderem Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Regie: Scott Cooper. Die Bostoner Unterweltlegende Bulger diente übrigens schon als Vorbild für Jack Nicholsons Figur Frank Costello in „Departed – Unter Feinden“.

www.blackmassthemovie.com

Oktober

Macbeth

Justin Kurzels Adaption von Shakespeares schottischem Stück ging beim diesjährigen Rennen um die Goldene Palme in Cannes zwar leer aus, das bildgewaltige Epos scheint aber allemal sehenswert zu sein. Michael Fassbender, derzeit im Western „Slow West“ in den heimischen Kinos zu sehen, und Marion Cotillard geben Macbeth und seine Lady. Laut Trailer sehr duster und sehr schön vom Wahnsinn umzingelt.

www.macbeth-movie.com

Hotel Transsilvanien 2

Teil eins des Animationsspaßes füllte 2012 weltweit die Kinokassen mit knapp 360 Millionen Dollar. Nun kommt die Fortsetzung der Gruselkomödie: Hotelbesitzer und Oberblutsauger Dracula hat, da sein Schwiegersohn ja einer ist, sein Haus nun auch für Sterbliche geöffnet. Sorgen macht ihm allerdings sein Enkel Dennis, der die Vampirsache nicht so recht ernst nimmt. Dracs Freunde Werwolf, Mumie und Frankensteins Monster sollen dem Nachtschattensprößling auf den Spitzzahn fühlen. Sicher wieder ein Riesenspaß.

www.hoteltmovie.com

Life

Anton Corbjins Biopic über James Dean lief schon bei der Berlinale. Dort war die Handlung manchen zu blutleer, allgemein gelobt wurden aber die schönen Bilder. Teenieschwarm Robert Pattinson schlüpft in die Rolle von Magnum-Fotograf Dennis Stock, der für das Life-Magazine Film-Enfant-terrible James Dean (Dane DeHaan, Variety nannte sein Spiel „magnetisch“) ablichten soll. Der Auftrag führt die beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, quer durch die USA. Das Leben des mit seinen 26 Jahren schon ziemlich biederen Familienvaters Stock wird von der Kinoikone kräftig zentrifugiert – bis aus Staunen Freundschaft entsteht. True Story! Mal schauen.

lifethefilm.com

The Walk

1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit in schwindelnder Höhe zwischen den New Yorker Twin Towers. Robert Zemeckis (Drehbericht samt Aufnahmen des und Interview mit dem echten Philippe Petit: www.mottingers-meinung.at/?p=10367) machte aus dessen Buch „To Reach The Clouds“ einen hoffentlich spannenden Film. Joseph Gordon-Levitt spielt den Wolkenkraxler.

thewalkmovie.tumblr.com

November

Spectre

Wie’s im Geheimagentenbusiness nun mal so ist, ist das Meiste streng geheim. Da kann man trotzig ein Schnütchen ziehen wie Daniel Craig, hilft alles nix. Aber egal. Ist ja nicht anzunehmen, dass das jüngste James-Bond-Abenteuer „Spectre“ in den bewährten Händen von Regisseur Sam Mendes, der auch schon für „Skyfall“ verantwortlich zeichnete, nicht wieder zum Riesenspektakel wird. Handlung: Eine mysteriöse Botschaft aus Bonds Vergangenheit bringt den Superspion auf die Spur einer sinistren Organisation. Während M – Ralph Fiennes folgte bekanntlich auf Judy Dench – gegen Politkräfte kämpfen muss, die dem Secret Service ans Leder wollen, enthüllt die Doppelnull die Machenschaften von „Spectre“. Monica Bellucci fungiert als „Bond-Girl“, Ben Whishaw wieder als Q, Christoph Waltz gibt den Bösewicht mit dem österreichischen Namen Oberhauser. Ob der Blofeld ist oder nicht, sagt uns erst .. Auch darüber, wer den Bond-Song singt, brodelt derzeit noch die Gerüchteküche.

www.007.com/spectre

The hateful Eight

Pflichtprogramm! Quentin Tarantino zum zweiten Mal auf der Fährte der beiden Sergios. Mit „The hateful Eight“ schuf er wohl wieder eine astreine Hommage an den Italowestern, diesmal im Schnee wie weiland Corbuccis Meisterwerk „Leichen plastern seinen Weg (Il grande silenzio)“. Wie Klaus Kinski ist auch Kurt Russell als Kopfgeldjäger mit Postkutsche und Verbrecherin (Jennifer Jason Leigh) unterwegs, allerdings will er die Holde nicht à la Vorbild im Schnee tieffrieren, sondern sie – um eben dies zu verhindern – in einer Stagecoachstation zwischenparken. Dort gibt sich bereits allerlei lichtscheues Gesindel ein Stelldichein: Man hat noch eine Bürgerkriegsrechnung miteinander offen. Mit Samuel L. Jackson, Tim Roth, Channing Tatum und dem großartigen Bruce Dern als abgehalftertem General. Ennio Morricone macht die Musik.

thehatefuleight.com

Irrational Man

Woody Allen kann auch mit beinah 80 nicht aus seiner Haut, muss er auch nicht, er hat ja Erfolg damit. „Irrational Man“ heißt sein jüngster Alter-Ego-Film, Joaquin Phoenix darf diesmal den Stadtneurotiker spielen, allerdings in einem beschaulich-ländlichen College, wo er als Philosophieprofessor am Sinn-des-Lebens-Bezweifeln und Zwischen-zwei-Frauen-Stehen laboriert. Und deshalb (?) an Erektionsstörungen. Die angeblich schwarzhumorige Komödie, die sich zum Krimi entwickelt, soll bissfester sein als ihr Vorjahrsvorgänger „Magic in the Moonlight“.  UK- und US-Kritiken waren nicht durchwegs freundlich, also selber ein Urteil bilden.

www.sonyclassics.com/irrationalman

The Martian

Ridley Scotts Ankündigung den faden „Prometheus“ mit einem Sequel zu adeln, darf zwar als gefährliche Drohung verstanden werden, trotzdem ist Science Fiction vom „Alien“-Altmeister ein Cineastenmuss. Des Sirs jüngste Mission führt zum Mars, er hat Andy Weirs Weltraumroman „The Martian“ für die Leinwand gebannt. Der Marsianer ist kein grünes oder andersfarbiges Männchen, sondern der von Matt Damon gespielte NASA-Astronaut Mark Watney, der von seinen Kollegen irrtümlich auf dem roten Planeten vergessen wird. Ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung beginnt für den Botaniker auf dem unwirtlichen fremden Himmelskörper der Überlebenskampf. Mit Jessica Chastain, Jeff Daniels und Sean Bean, der hier nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ den Film mutmaßlich überstehen wird. Wir freuen uns auf erwartungsgemäß tolle Bilder und eine klaustrophobische Stimmung.

www.foxmovies.com/movies/the-martian

Steve Jobs

Gerade erst hat die Oper von Santa Fe für 2017 die Premiere von „The (R)evolution of Steve Jobs“ aus der Feder von Komponist Mason Bates angekündigt, da kommt auch schon der nächste Film über das Apple-Genie ins Kino. Dem kann man nur mehr Glück wünschen als Ashton Kutchers abgestürztem „jOBS“. Garanten für ein vielschichtiges Werk über einen faszinierenden Zeitgenossen wären Autor Aaron Sorkin, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Michael Fassbender jedenfalls. Dem gewieften Charakterdarsteller, dem keiner so schnell einen Apple für ein Ei vormacht (Tschuldigung, konnte nicht widerstehen 😉 ), sollte es doch möglich sein, Jobs überbordenden Geist, sein gefürchtetes Temperament, seine Kompromisslosigkeit und seinen Alleinherrscheranspruch in eine Figur zu gießen.

www.stevejobsthefilm.com

Dezember

Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Hurra, Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill sind wieder da! Nach den unsäglichen Episoden I bis III geht’s nun mit Han, Leia und Luke hoffentlich in bewährter Manier flottilotti weiter. Über die Handlung des ersten Teils der dritten Trilogie ist nicht viel bekannt: Wiewohl der Todesstern hin ist, lebt das Imperium als „The First Order“ weiter. Prinzessin Leia schickt Piloten auf Erkundungsflüge, ein geheimnisvolles Lichtschwert soll der Schlüssel zu einem Grab der bösen Sith sein, weshalb Rebellenheld Han Solo sich der Sache annimmt. Der braucht die Hilfe von Jedi Luke Skywalker. Doch sein alter Freund und Schwager ist im Exil … Mit J. J. Abrams als Regisseur dürfen die Erwartungen ruhig hoch liegen. Harrison Ford hat nach Beinbruch am Set zwischenzeitlich bewiesen, dass er alles überleben kann, auch selbstfabrizierte Flugzeugabstürze. Carrie Fischer möge in ihrer berüchtigt grummeligen Leiar, äh Leier, für feministischen Touch sorgen. Das „Oh, Anakin!“-Gesäusel ihrer unemanipierten Mutter Padmé Amidala war ja nicht zum Aushalten. In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns sein!

www.starwars.com/the-force-awakens

Bridge of Spies

In the shadow of war, one man showed the world what we stand for. So der erste Satz, mit dem sich der Film vorstellt. Und, ehrlich, wer möchte bei so viel US-Propaganda nicht sofort ins Kino laufen? Da ist bitte nur einem PR-Menschen der Schreiberling durchgegangen? Steven Spielberg und Tom Hanks stehen eigentlich für mehr Qualität. Und auch ihr deutschsprachiger Mitstreiter Sebastian Koch. Inhalt des Zeitgeschichtethrillers: Im Kalten Krieg wird ein amerikanisches Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen. Anwalt Hanks soll mit den Russen in Verhandlungen treten, um den Piloten vorm Arbeitslager zu retten. Ein Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin wird vorbereitet …

bridgeofspies.com

Wien, 6. 8. 2015