Alexander Pechmann: Im Jahr des schwarzen Regens

Januar 26, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Charles Austen verstrickt sich in die Wunder des Orients

Es ist diesmal keiner seiner Schauerromane, den der Wiener Autor Alexander Pechmann dem Publikum vorlegt. „Im Jahr des schwarzen Regens“ liest sich vielmehr als Hommage an den historisch-fantastischen Abenteuerroman. Es ist der Reisebericht des Kapitän Charles Austen an seine berühmte Schwester Jane Austen: Charles hat mit der Royal-Navi-Fregatte Phönix vor der türkischen Stadt Çeşme/Tschesme Schiffbruch erlitten und wartet nun auf seinen Prozess vor einem britischen Militärgericht. Es ist das Jahr 1816, eben noch hatte Kapitän Austen napoleonische Kriegsschiffe gejagt, nun will er für die bevorstehende Verhandlung seine Gedanken ordnen, indem er sie für Jane festhält.

Sie, die vor wenigen Tagen mehr Ausführlichkeit und mehr Seemannsgarn einforderte: „Habe die Wunder des Orients gesehen‘ reicht mir nicht.“ Er, der nun antwortet, er werde ein Märchen niederschreiben, „denn es handelt von einer verzauberten Stadt, in der es nicht mit rechten Dingen zugeht, und von einem Unhold, der die Schätze derjenigen Menschen vermehrt, die ihm ein gottloses Opfer darbringen.“ Wie stets betört Pechmann mit seiner poetischen, nostalgisch-verwehten Sprache, er ist ein Schönschreiber auch des Hässlichsten.

Und davon gibt es in diesem Buch einiges. Er setzt Menschen und Orte zu orientalischen Mosaiken zusammen, Steinchen um Steinchen, Zusammenhang und Sinn, bis sich am Ende das Ornament als großes Ganzes erklärt. Die verwunschene Stadt, in der sich alles ereignen wird, Liebe, Lüge, Laster, Korruption und Killerkommandos, ist Smyrna, heute Izmir, wohin Austen aufbricht, um für seine 270 Mann Besatzung ein Transportschiff zu organisieren und mit dem britischen Konsul weitere Schritte zu besprechen. Austens, er ist Witwer und Vater zweier Töchter, gutmütiger Charakter wird durch die Rettung des Schiffskaters Nelson ausgestellt: „Der schändlich zerzauste Kater, den ich geborgen hatte, lugte missmutig aus dem Seesack hervor. Er klammerte sich an meine Schulter wie Odysseus an das von Poseidon umhergeschleuderte Floß.“

„Besmele‘, rief Mr. Faruk, der türkische Lotse. ,Ihr habt Nelson gerettet. Allah belohnt die Barmherzigen.“ Gottes Segen wird Austen in Smyrna jedenfalls brauchen. Die Hafenstadt, ein Schmelztiegel der Nationen, Kulturen und Religionen, wird vom zwielichtigen osmanischen Gouverneur Katipzade Mehmet Bey regiert, von den Europäern, besonders den Briten, wohlgelitten, weil er sich für deren Handelsinteressen einsetzt, hingegen im Dauerclinch mit Sultan Mahmud II. und der Hohen Pforte in Konstantinopel/Istanbul. Die einfachen Menschen fürchten und verachten Katipzade, Konsul Werry ist hocherfreut über den „Prachtkerl auf unserer Seite“, vom Sultan ausgesandte Meuchelmörder verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Allen scheint Katipzade einen Schritt voraus.

Im Stil der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts und mit viel historischem Kolorit, das die intensive Recherchearbeit durchschimmern lässt, erzählt Pechmann eine Geschichte über politische Intrigen, wirkmächtige Volksmythen, rücksichtsloses Machtstreben, und wie man den Machterhalt durch „Gegenleistungen“ sichert. „Was wäre der Gouverneur ohne die Janitscharen, die er bezahlt, ohne die Richter, die er besticht, ohne die Beamten, die er erpresst, ohne die Handelsfirmen, denen er Vorteile verschafft – eine Spinne ohne Netz. Und was wären sie ohne ihn – ein Netz ohne Spinne.“

Diese Worte legt Pechmann dem baltischen Orientalisten und Forschungsreisenden Otto Friedrich von Richter in den Mund, der 1816 tatsächlich in Smyrna weilte. Im Roman erläutert Richter allerlei Wissenswertes zur multikulturellen Handelsmetropole, in der die nationalistischen Konflikte des 20. Jahrhunderts bereits gären. Kapitän Austen bahnt sich derweil als – von Gerüchten und der darauffolgenden Paranoia bisher kaum touchierter – Ehrenmann der britischen Marine unerschrocken und aufrecht seinen Weg durch dieses Schlangennest.

Bild: pixabay.com

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„Viele Zündschnüre und ein Pulverfass“, sagt der Gouverneur, für Austen vom Äußeren eines biederen Bankdirektors, würden ihn seine nervösen Augen, die Freund und Feind im Blick behalten müssen, nicht verraten, über sein Babylon. „Die Philiki Etaireia planen den Aufstand, armenische Geheimbünde sinnen auf Rache, die Sabbatianer sehnen einen neuen Messias herbei, während die Briten eine Annexion vorbereiten, und die Franzosen und Preußen wollen dies natürlich verhindern …“ Eine durchaus skurrile Szene ergibt sich solcherart am Festtag des Heiligen Polykarp, erster Bischof von Smyrna, an dessen Grab auf dem muslimischen Friedhof (!) Katholiken, Griechisch-Orthodoxe und armenische Christen aufeinander losgehen, bis die Janitscharen alle mitsammen niederknüppeln.

Die Person, die den Kapitän mehr in diese Wirrnisse hineinzieht, als ihm lieb ist, ist die seltsame jüdische Witwe Rachel Löwenthal, Logiergast im selben Hotel wie Austen, die der festen Überzeugung ist, Katipzade hätte ihren Mann, den aus Wien stammenden Jakob Löwenthal, und die gemeinsame Tochter ermordet, indem er ihr Haus als einziges im Nobelviertel als Pesthort deklarierte und samt Bewohnern niederbrennen ließ. Nun appelliert sie an Austens Ritterlichkeit, der ja bei den Würdenträgern der Stadt aus und ein ginge, mehr über deren Schicksal herauszufinden – während die Frau vom Gouverneur bis zum Konsul als wahnsinnige Querulantin abgetan wird. Asten fühlt sich, erinnert an den Verlust seiner Fanny, zu Rachel Löwenthal hingezogen und will helfen.

Rund um dieses Szenario errichtet Pechmann ein wundersames Panoptikum aus Figuren, wie alten Volkssagen und Legenden entsprungen. Da ist zunächst Anthoula aus der Irrenanstalt, wohin Rachel Charles führt, um ihm zu zeigen, was mit Mädchen passiert, die Katipzade „als Spielzeug missbraucht“ und nach Gebrauch wegwirft. Ein taubstummes, blindes, kahles Geschöpf mit verkrüppelten Beinen, über das Austen schreibt: „Diese Mischung aus abstoßender Hässlichkeit und außerweltlicher Erhabenheit in ihren Zügen verwirrte und verstörte mich zutiefst.“ Er denkt an die Schlangengöttin Schahmeran, die sich zerhacken ließ, um das Böse zu bezwingen.

Oder Arevhat, die Sängerin und Volksheldin, die wie aus dem Nichts auftaucht und ebenso wieder verschwindet, und die in ihren Liedern zum Ungehorsam gegen den Unterdrücker aufruft. Rachel ist sich sicher, dass ihr Mann sterben musste, weil er Arevhat Unterschlupf gewährte, auch sie war eines jener „unglücklichen Kinder, die der Gouverneur in seinen Sommerpalast bringen ließ. Die Mädchen wurden wie Huren bekleidet und bemalt. Sie mussten bei den großen Feierlichkeiten die Gäste des Gouverneurs bedienen. Hatten die Mädchen ihren Zweck erfüllt, wurden sie entehrt vor die Tür gesetzt. Einige machten ihrem Leben ein Ende, wieder andere schlossen sich aus Not den Bettlern an.“

Deren „König“ ist ein weiterer schillernder Charakter, der Derwisch Salaheddin, der mit seinen zerlumpten Truppen und seinen Sufis Austen noch sehr hilfreich sein wird (die beiden schleusen den ehrfurchtgebietenden Sufi Ahmet mit einem gefälschten „Ferman des Sultans“ als trojanischen Janitscharen ins Polizeigefängnis ein, was die Wachsoldaten zum Habt-Acht und zur Herausgabe politischer Gefangener veranlasst – Anthoulas Arzt Dr. Mikaelis ist nämlich außerdem griechischer Freiheitskämpfer). Magisch auch die Begegnung mit Rachels Zaddik Rabbi Ashkenasi, der Austens Blick auf ungeahnte Aspekte des Glaubens richtet.

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Richtig Fahrt nimmt der Roman nach einem missglückten Attentatsversuch auf den Katipzaden auf dem Casino-Ball auf. Der Täter, die Hintermänner? Konsul Werrys Sohn Peter sagt Seiten vorher und hämisch grinsend diesen verhängnisvollen Satz zu Austen: „Der nächste Gouverneur muss ja nicht unbedingt ein Türke sein.“ Charles Austen und Otto Friedrich von Richter retten den angeschossenen Gouverneur und verstecken ihn in einer der bewohnbaren Höhlen am Strand …

Pechmann gelingt mit Verve keinen seiner Charaktere eindimensional zu gestalten. Der bösartige Gouverneur, der das Volk schikaniert, spricht in der Höhle mit den Worten eines Dichters über seine verlorene Liebe Leila, ein Korbflechter-Mädchen, dass Vater Katipzade aus dem Weg schaffte, um dem Sohn eine standesgemäße Heirat vorzuschreiben (als wer sich Leila entpuppt, ist sagenhaft). Selbst Kapitän Austen ist in seinem Innersten zerrissen, nach außen Pflicht und Moral, innerlich nicht über Fannys Tod hinwegkommend, an dem er sich die Schuld gibt. Und Madame Löwenthal? Ist sie wirklich verrückt, wie alle behaupten, oder ist an ihren Anklagen etwas dran? Allmählich erst, die Nerven längst bis zum Äußersten gespannt, dröseln sich die verschlungenen Verhältnisse – wer mit wem und wer gegen wen – auf. Was für mehr als eine Überraschung gut ist.

„Im Jahr des schwarzen Regens“, benannt nach dem Ausbruch des indonesischen Tambora-Vulkans 1815, der noch im Jahr darauf, dem „Jahr ohne Sommer“, ascheschwere Niederschläge auf die Welt fallen ließ, ist ein bis ins Detail stilgetreuer historischer Abenteuer-Roman und mehr. Denn Pechmann erzählt seine Geschichte aus der Zeit des europäischen Handelsimperialismus und der Minderheitenverfolgung im Osmanischen Reich als Bericht aus einer exotischen Wunderkammer. Die vorgegebene Zeit ist ihm nur der Anker, um die orientalischen Mythen und levantinischen Märchen über fantastische Wesen und unerklärliche Phänomene daran festzumachen. Alles in allem: Eine atmosphärisch dichte, nostalgische, unterhaltsame Lektüre über historische Tatsachen.

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzsucher und Goldgräber der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844) „Die zehnte Muse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39939) und „Sieben Lichter“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45974).

Steidl Verlag, Alexander Pechmann: „Im Jahr des schwarzen Regens“, Roman, 256 Seiten.

steidl.de

26. 1. 2022

Benjamin Black: Die Blonde mit den schwarzen Augen

August 7, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein schwerer Fall von Mimikry

51rFN+IZvuL._SX303_BO1,204,203,200_Als mir mein Informant das kleine schwarze Buch über den Tisch reichte, ahnte ich noch nicht, dass es mir Sorgen machen würde. Ich blätterte durch die Seiten. Da schrieb so ein John-Banville-Typ, hochdekorierter Schriftsteller, der unter dem Alias Benjamin Black Kriminalromane verfasst und Hochanständiges über einen Pathologen namens Quirke zu Papier gebracht hatte, einen Philip-Marlowe-Roman. Ich griff zum Telefon und rief meine verlässlichste Quelle an. „Hör auf zu schreien – ich bin’s, Bogey“, sagte ich in den Hörer, „Was weißt du über diesen Schnüffler?“ „Keine sichtbaren Narben. Haare dunkelbraun, etwas grau. Augen braun. Größe einsvierundachzig. Gewicht circa einsneunzig.“ „Nicht Marlowe, Mensch, den Schreiberling“, unterbrach ich seine bourbonschwangere Stimme. Ich hörte, wie er seinen Fedora zurechtschob. „Hat wohl eine Liste aus dem Nachlass Raymond Chandlers in die Finger gekriegt, in der der mögliche Fälle seines Privatdetektivs Philip Marlowe auflistete“, knurrte er. „Hat sich ,Die Blonde mit den schwarzen Augen’ ausgesucht und will damit jetzt ein paar Pennys verdienen.“ Ich dankte höflich. Niemandem bekommt es gut, Bogey über Gebühr zu strapazieren. Immerhin hatte ich mir durch das Fernsprechen den Anblick seines sauertöpfischen Gesichts erspart. Kurz bevor die Verbindung abbrach, meinte ich ihn die Worte „Hardboiled-Götter ersaufen nicht auf dem Grund einer Flasche“ murmeln gehört zu haben. Aber wer weiß das schon?

Ich goss mir einen Gimlet ein, den dritten heute, ein vierter wäre fatal, und blickte aus dem Fenster hinaus in die Stadt, in der die brütende Hitze noch mehr Hitze ausbrütete. Vielleicht war ich nicht die Richtige für diesen Fall? Ich hatte derzeit weder gesteigerte Lust auf Schlägereien noch auf Schießeisen. Um die Wahrheit zu sagen, ich passte ins Cahuenga Building wie eine Perlzwiebel auf einen Bananasplit. Ich sah sehnsüchtig hinüber zum Schachbrett, wo die letzte Partie Ich gegen Mich Remis ausgegangen war. Dann siegte meine Gewissenhaftigkeit und ich griff wieder zu diesem verdammten schwarzen Buch. Ich bin nun einmal ein braves Mädchen. Ich höre manchmal nachts Schreie und dann gehe ich nicht nachsehen, was los ist. Ich habe meine fünf Sinne zusammen, ich mache das Fenster zu und drehe den Fernseher lauter …

„Der Stil ist das Wertvollste, in das ein Schriftsteller seine Zeit investieren kann“, hatte mein Informant zitiert. Dem allmächtigen Suspense sei gedankt für die clevere Bescheidenheit dieses Mannes. Banville, Black, oder welche anderen Decknamen meine Recherchen noch ans Tageslicht fördern würden, war jedenfalls ein Meister der Mimikry. Das kann man nach der „Poodle Springs“-Katastrophe wirklich nicht über jeden sagen, der glaubt, sich in der Yucca Avenue herumtreiben zu müssen. Black, ich beschloss fürs Erste bei dieser Benennung zu bleiben, hatte sich den von Chandler angezogen wie einen zerknitterten Trenchcoat, war in dessen Figurenkabinett eingezogen wie zwischen Mrs. Hudsons Mietmöbel. Oh ja, ich kannte sie alle, die Gestalten, die hier durch die Seiten geisterten. Den eiskalten blonden Engel. Die hingebungsvolle Brünette. Sie verstanden mit Männern umzugehen. Sie brachten sie bis dahin, dass sie ihnen die Schuhsohlen ableckten. Den bärbeißigen Bullen mit dem Herzen am rechten Fleck. Den Verbrecherkönig gänzlich ohne Herz. Seine Prügelknaben, die ebensoviel Ausdruck zeigten wie der Verschlussdeckel zum Benzintank meines Wagens. Schönlinge mit Zähnen, die nicht in ihrem Mund gewachsen waren. Spitzmausgesichtige Feiglinge. Stereotypen. Klischees. Parodien, Karikaturen ihrer selbst. Dachte der Ire mit dem irren Humor damit wirklich durchkommen zu können? Ich schloss die Augen und sah quick meinen alten Freund Nick zwischen Molly Moll und Virginia Peng sitzen. Der Genießer. Mein Abend hingegen würde in Zermürbung enden. Ich überlegte, ob es mir etwas nützen würde, wenn ich mir die Haare ausraufte. Es verstärkte lediglich meinen innigen Wunsch, die Wände hinaufzuklettern und mir einen Weg durch die Zimmerdecke zu nagen.

Der große Schlaf. Das wär’s jetzt gewesen. Stattdessen nahm ich mir Blacks Story vor: Clare Cavendish, so der Name der geheimnisvollen Blonden, war Erbin eines L.A.-Parfum-Imperiums und hatte ihren Ex-Liebhaber Nico Peterson in San Francisco gesehen, was ihr insofern spanisch vorkam, als besagter Peterson eigentlich in seinem kühlen Grab ruhen sollte. Den Polizeiakten zufolge hatte man ihn vor dem schicken Cahuilla Club in Pacific Palisades über den Haufen gefahren. Der Rest der unglaubwürdigen Geschichte war so konstruiert wie das Hollywoodzeichen in den Hollywood Hills. Aus der Ferne mordsmäßig überdimensional, bei näherer Betrachtung ein zusammengezimmerter Haufen Schrott in der Ödnis. Ich hatte das Spiel durchschaut, dachte ich zumindest, und war geneigt, es mitzuspielen. Black legte Fährten aus, die mich zu Banville führen sollten. Als Marlowe den Geschmack eines Old Crow-Whiskey mit dem Duft von „Walnussfeuern an Herbstnachmittagen“ vergleicht, muss er hinterher gestehen, „durchaus den einen oder anderen Vers“ von Keats und Shelley gelesen zu haben. Einen Witz über den zweiten Marlowe, Christopher, verstand ich da fast von selbst: Hochkulturgeschwafel. Für aufschlussreicher hielt ich die Verbindung, die Black zur IRA aufgebaut hatte. War das seine alte Connection zur Grünen Insel? Von der auch sein Geschöpf Cavendish stammte. Die Spur schien verlässlich.

Ich machte mich auf ins Auld Dubliner nach Long Beach, um Näheres über die Angelegenheit zu erfahren. In meinem Kopf malte ich mir schon eine hübsche Hässlichkeit aus, die weit in die Vergangenheit zurückreichte, bis zu Claires Vater, der, wohl weil Michael Collins’ Mitstreiter, weiland ermordet worden war. Doch mein dortiger Kontaktmann schüttelte seinen blutroten Quadratschädel. Er stopfte seine Pfeife, zündete sie an und begann, seinen Teil zum allgemeinen Mief beizutragen. „Ich werde Ihnen jetzt eine kleine Rede halten. Sie werden nicht sehr begeistert davon sein“, sagte er. Die IRA-Sache verlief sich im Sand. Meine lange Übung, immer das Falsche zu glauben, bewährte sich also. Black hatte ein paar mexikanische Mafiosi eingeführt, zu belanglos, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei hätte ich ihnen mehr Beachtung schenken sollen. Denn sie griffen nun an. Aus dem Hinterhalt. Sie spielten ihr Spiel im Dunkel. Auch dank eines Helfers, der höchst unsportlich erst im letztmöglichen Moment eingeführt worden war. Als mich die Erkenntnis wie ein Schlag traf, dachte ich an meine gute Freundin Agatha, die sich derlei Unfug immer verboten hatte. Mit einem hatte ich immerhin recht: Die Spur führte in die Vergangenheit, aber anders als gedacht. Die Story erwies sich als platt wie ein Autoreifen, dem ebenso wie ihr die Luft ausgegangen war. Ich schleppte mich zu einem Spiegel und betrachtete mein Gesicht. Es kam mir noch bekannt vor. Ich rief meinen Informanten an, um ihm mein enttäuschendes Ergebnis mitzuteilen. Was ich ihm sagte, war alles nicht manierlich. Was er jetzt empfand, weiß ich. Hab‘ ich oft genug in Krimis gelesen.

Über den Autor:
Benjamin Black ist das Pseudonym des 1945 geborenen John Banville, das er für Kriminalromane verwendet. Banville gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Irlands. Sein umfangreiches literarisches Werk wurde mehrfach, auch international, ausgezeichnet, zuletzt mit dem Man Booker Prize und dem Franz-Kafka-Literaturpreis. John Banville lebt und arbeitet in Dublin.

Kiepenheuer & Witsch, John Banville alias Benjamin Black: „Die Blonde mit den schwarzen Augen“, Roman, 288 Seiten. Aus dem Englischen von Kristian Lutze

www.kiwi-verlag.de

Wien, 7. 8. 2015