Werk X-Petersplatz: Trümmerherz

Juli 7, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Nachkriegsbrutalität in Pastelltönen

Yes, Sir, I Can Boogie: Unfreiwilliger Partnertausch mitten im „Mach koane Dànz!“: Lukas David Schmidt, Anna Zöch und Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

„Siehst doch eh wie die Leut hier sind. Die tun: Vergessen. Verdrängen. Lügen. Wo ist hier die Moral? Wo ist hier der Anstand? Den Wiederaufbau schaffen ́s doch nur: Weil’s die frühere Gesinnung in die neuen Häuser miteinbauen.“ – „Du sollst nicht immer von früher reden. Die Mama hat’s verboten.“ – „Ohne früher kein Heut‘. Das wird die Mama auch noch begreifen …“ Mit diesem Dialog lernt man die Schwestern Mitzi und Rudi kennen, erstere von der Nachbarschaft als Ami-Hur‘

gebrandmarkt, will sie doch mit ihrem GI-Johnny in die USA auswandern, zweitere, das Nesthäkchen insofern amerikanisiert, als sie den Boogie-Woogie in den Beinen hat, mithilfe derer sie sich das Preisgeld eines Tanzwettbewerb abholen will. Autor Bernhard Bilek hat diese Mädchen für seinen Text „Trümmerherz“, basierend auf biographischen Episoden aus dem Leben seiner mit knapp 90 Jahren verstorbenen Großmutter, erdacht und ihnen Nachkriegs-österreichische Signature-Sätze in den Mund gelegt. Es ist nicht zu viel zu sagen, dass Bileks 1950er-Jahre-Wien nur ums Eck zur berühmten „stillen Gasse im achten Bezirk“ liegt. Das Milieu, die Charaktere, eine Dreiecksbeziehung, der genretypische Kunstdialekt … alles passt bei dieser jüngsten Hervorbringung der Gattung „neues Volksstück“.

Regisseurin Martina Gredler, gemeinsam mit Bilek Gründerin des Kunst- und Kulturvereins Wiener*innen Wahnsinn, hat mit dem Ensemble Anna Zöch als Rudi, Josefine Reich als Mitzi, Bettina Schwarz als Mama, Felix Krasser als Pepi und Lukas David Schmidt als Moritz die Uraufführung von „Trümmerherz“ zur auslastungsstärksten Produktion am Werk X-Petersplatz in der Spielzeit 2021/22 gemacht. Grandios dazu Komposition und Live-Musik von Nadine Abado, Ausstattung und Kostüme von Moana Stemberger und die Choreografie von Daniela Mühlbauer.

Abado, die den Boogie als hypnotischen Percussion-&-Voice-Sound wispert, was die Tanzenden bei psychischem Fast Forward zur physischen Slow Motion zwingt; Stemberger, deren pastellige Outfits – die Damen in Ballroom-Petticoats, die Herren in Rosé- und Metallic-Silber samt Pailletten, Nagellack in Killerfarbe und blutroten High Heels – die Brutalität der Ereignisse konterkarieren; Mühlbauer, in deren somnambule Bewegungsabläufe die Schauspielerinnen und Schauspieler sich albträumen, wenn die Zweier-, Dreier-, Viererkonstellationen einander mit Worten nichts mehr zu sagen haben. Nach dem großen Publikumszuspruch zur ersten Aufführungsserie ist eine Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit geplant, über deren Termine www.mottingers-meinung.at informieren wird, wenn sie von der Kulturabteilung der Stadt Wien – MA7 bewilligt wurde.

Können Spielen und Tanzen: Anna Zöch und Lukas David Schmidt. Bild: © Alexander Gotter

Lukas David Schmidt, Felix Krasser, Josefine Reich und Anna Zöch. Bild: © Alexander Gotter

Zum Geschlechtsverkehr abgeschleppt: Anna Zöch und Lukas David Schmidt. Bild: © Alexander Gotter

So steht also auf Moana Stembergers leerer Nachkriegstristesse-Bühne Anna Zöch als rotzfrech um ihr Emanzipiert-Sein ringende Rudi (Lieblingsfrage ihres losen Mundwerks: „Tätschn?“) von Beginn an zwischen zwei Burschen: dem tölpelig-warmherzigen Pepi von Felix Krasser, der sich das Korsett, in das ihn die Gesellschaft zwängt, tatsächlich um den Leib gelegt hat, und dem draufgängerischen Frauenschwarm und Schwarzhändler Moritz, der sich nimmt, was er will – und das in, für Darsteller Lukas David Schmidt muss man den Begriff erfinden, ungestümer Zeitlupe.

Und über alles und allen schwebt die Mater Dolorosa in der Kittelschürze, „Mitzi-Mama“ Bettina Schwarz, die sich ans Mantra klammert, der Papa und der Onkel wären als Kommunisten im Konzentrationslager ermordet worden (weshalb sie von den Russen die kleine Wohnung zugeteilt bekommen hätte) – Mamas Liebling Pepi dazu, während er sich noch ein Stück ihres Guglhupfs reinschiebt: „Das Leben ist zu kurz, um für eine Partei zu sterben.“ Seine Mama hätt‘ seinem Papa halt immer was zum Essen in den Mund gestopft, wenn er politisieren wollte. Während Moritz die Widerständler-Glorifizierung mit einem „Die waren doch selber Nazis!“ entherrlicht, bevor das Publikum verbale Schlagabtausche später erfährt, er könnt‘ ebenso gut den eigenen Vater zu verspäteter Rechenschaft gezogen haben.„Wir haben alle nichts gelernt. Entweder waren wir zu früh dran, oder zu spät“, schreit dieser Moritz die Rudi an, als sie ihn wegen seines sinistren Broterwerbs zur Rede stellt.

Und unwillkürlich denkt man die Zukunft der Generation CoV-19 und ans Ausarten des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, dessen Grausamkeit den Geflüchteten und folgenden Generationen wie hier nach 1945 blutig in die Körper eingeritzt ist. Rudi hat/hatte von Moritz ein Kind, Anni, das mit zwei Jahren verstarb. Ob dessen bösartige Großmutter mit diesem Ableben zu tun hat, erfährt man nicht, wie Bilek und Gredler überhaupt vieles in der Schwebe halten. Geldknappheit, ein verlorenes Kind und das bedrückende Schweigen, das Wien für die Nachgeborenen in einen undurchdringlichen, grauen Schleier hüllt, ein Kuss an falscher oder gar richtiger Stelle. Man taumelt durch Kriegstraumata, stilisiert sexuelle Gewalt, quer zu lesende queere Geschlechterverhältnisse, österreichische Verdrängungskultur, heißt: Zeitgeschichte, wie’s Huhn übers Möbiusband.

Gluckhenne Mitzi-Mama (M.) und ihre Küken: Anna Zöch, Bettina Schwarz und Josefine Reich. Bild: © Alexander Gotter

Lieber noch dem Joker als ihm einen Luftballon abgekauft: Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

Ami-süchtige Sisters in Crime: Josefine Reich als Mitzi und Anna Zöch als Rudi. Bild: © Alexander Gotter

Geschlecht? Spielt keine Rolle: Lukas David Schmidt und Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

Hochspannend ist das, wie der Boogie-Woogie inszenatorisch zum Ringkampf wird. Hip Bump Flirt, American Spin, Whip, Let Loose, Ladies Solo, Fallaway Throwaway, schließlich der „Todessprung“, im Englischen „Birth of a Baby“ genannt. Im Wechselschritt meint man den Rückwärtsgang eingelegt zu haben, Rudi, eben noch den Tod ihres Töchterchens beklagend, ist jetzt hochschwanger …, jedenfalls ist‘s, wie’s kommt, eine Drehung senkrecht nach unten. Wie Mitzi Rudi aus Moritz‘ Umklammerung befreit, wie Moritz den Pepi diesmal nicht heraus-, sondern auffordert. Intensiv performen das die Vier. Selten war ein Turniertanz so ein „Mach koane Dànz!“

Geht Pepi wirklich in diese Art von Herrenetablissements, wie Moritz behauptet? Und gibt ihm dies das Recht, Rudi zwecks Kindszeugung von der Tanzfläche im Wortsinn abzuschleppen? Ist das geschehen oder wird es erst passieren? Rudis Antwort auf Baby und Pepis Bi+Stereotypisierung: „Besser einer, der sich kümmert, als …“ Anna Zöch überzeugt als stur-zerbrechliche Rudi, Bettina Schwarz als Hart-aber-herzlich-Mama und Lukas David Schmidt ist sowieso des Werk X-Petersplatz‘ Antwort auf „Elvis the Pelvis“, doch obliegt es Felix Krasser seinen Pepi in grausige Abgründe zu entwickeln, im Prater als Luftballonverkäufer in dragqueenigen Zwölfzentimetern und einem sinistren Lächeln als wäre er ein Joaquin-Phoenix‘-Joker-Lookalike.

„Trümmerherz“ ist ein ungeschönt authentisches, aber von Bernhard Bilek gleichwohl liebevoll gestaltetes Sittenbild einer Familie, wie es zahlreiche gab und gibt, die sich im Chaos zwischen Vergangenheit und Gegenwart eine rosige Zukunft erträumen. Dass Regisseurin Martina Gredler die Realität des Textes nicht „bebildert“ hat, sondern ihr Ensemble in choreographisch-tänzerischer Körperarbeit ausleben lässt, ist der Clou der Aufführung. Vor allem aber: Danke, Oma Bilek, dass du als Zeitzeugin uns alle über deinen Enkel an deinen Erinnerungen teilhaben lässt …

Bernhard Bilek. Bild: © Matthias Heschl

Über den Autor: Bernhard Bilek wurde 1982 in Wien geboren. Er studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Germanistik an der Universität Wien. Während seines Studiums wurde er zum Theaterautor am Burgtheater und Schauspielhaus Wien in den von Andreas Beck initiierten Schreibklassen unter den Leitungen von David Spencer, Wolfgang Stahl und Bernhard Studlar ausgebildet. Zusätzlich ließ er sich postgradual am Institut für Kulturkonzepte in Kulturmanagement schulen. Er arbeitete als Kommunikations- und Kulturmanager im Theaterverein „Ich bin OK”, im Nachtclub „Flex” und in der Filmproduktionsfirma „evolver film” (dort auch als Script Consultant). Von 2019 bis 2021 leitete er Presse- und Kommunikation am Theater Werk X.

2020 gründete er mit Martina Gredler den Theaterverein „Wiener*innen Wahnsinn“, um Projekte von Frauen, queeren und nicht-binären KünstlerInnen zu fördern. Die Uraufführung seines Theaterstücks „Trümmerherz“ in der Inszenierung von Martina Gredler ist das erste Projekt des Vereins.

werk-x.at           werk-x.at/premieren/truemmerherz

7. 7. 2022

Trailer: © Clemens Schmiedbauer

Volksoper: Into the Woods

Mai 29, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Musical als kunterbuntes Pop-up-Märchenbuch

Familie Aschenputtel trifft Hans‘ Mutter: Martina Dorak, Franz Suhrada, Elisabeth Schwarz, Theresa Dax, Christian Graf und Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der eigene Vater, da selber früher ein kindliches Opfer von deren Gruselschockern, hatte die Gebrüder Grimm ja aus Töchterchens Zimmer verbannt. Stattdessen wurden „Die schönsten Tiermärchen aus aller Welt“ über Verständnis und Versöhnung, Frieden und Freundschaft verlesen. Doch wie’s schon so ist, mit der dunklen Seite des Wünschens und dem Reiz des Verbotenen, die berühmt-berüchtigte Sammlung fand sich in der öffentlichen Bibliothek

– und heimlich, sozusagen mit Taschenlampe unter der Bettdecke, konnte man sich nun dem süßen Erschauern ob brennender Hexen, sich selbstverstümmelnder Stiefschwestern und dem Massakrieren gefährdeter Tierarten hingeben. So ähnlich mag’s vielleicht Stephen Sondheim ergangen sein, dem scharfsinnigen Satiriker unter den Musicaltitanen, dessen Geniestreiche „Die spinnen, die Römer!“ und „Sweeney Todd“ die Volksoper bereits höchst erfolgreich aufführte, bevor man nun gestern* des Hauses Erstaufführung von dessen Märchen-Mash-up „Into the Woods“ besorgte.

Im weiland Broadway-Hit gehen Sondheim und sein Autor James Lapine, die deutsche Übersetzung ist von Michael Kunze, jenem „happily ever after“ nach, das es nach Verarbeitung durch die spöttelnden Fabelverschwurbler angesichts der Unbelehrbarkeit der Menschheit einfach nicht geben kann. So viel zum Verbotenen und zum Wünschen, ist der eine erfüllt, wird schon der nächste auf die Liste gesetzt. Das geht nicht ohne Kollateralschäden ab: In „Into the Woods“ hat es mehr Tote als im „Hamlet“, und gefragt, ob’s denn trotzdem was wäre für die ganze Familie: Ja. Es gibt, wie auch in der US-amerikanischen Comic-Literatur üblich, eine Ebene zauberhaften Humors für die Kleinen, jedoch dahinter, als Subtext jene Art hinterhältig bitterbösen Witz, der die Volksoper zum Ankünder „Auch Erwachsene brauchen Märchen!“ veranlasste.

Sondheim und Spießgesellen haben eine Rahmenhandlung erdacht, in die sie Grimm’sche Klassiker sonder Zahl einbetten: Ein Bäckersehepaar möchte nichts dringlicher als ein Kind, aber die alte Hexe aus der Nachbarschaft verlangt für die Magie dieser künstlichen Befruchtung eine milchweiße Kuh, ein blutrotes Mäntelchen, maisblonde Haare und einen goldenen Schuh. Womit, man ahnt es, Rotkäppchen, Rapunzel und Aschenputtel ins Spiel kommen, nebst Hans aus „Jack and the Beanstalk“, vom britischen Buchhändler Benjamin Tabart 1807 nieder- geschrieben, und wohl weltweit bekannt geworden, als Mickey, Goofy und Donald die Bohnenranke erklommen.

In der Regie von Oliver Tambosi und Simon Eichenberger, Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann, Kostüme von Lena Weikhard, verwandelt sich das Musical zum kunterbunten Pop-up-Märchenbuch. Mit Robert Meyer als „Es war einmal …“-Erzähler und Geheimnisvollem Mann, über dessen Existenz nichts weiter verraten sein soll, und während Entertainment Weekly über die Stars-funkelnde Hollywood-Verfilmung mit immerhin Meryl Streep, Emily Blunt, Chris Pine und Johnny Depp zusammenfasste, nach der wilden Jagd des Bäckerpaars sei der Film „wie ein luftloser Ballon“, verhält es sich an der Volksoper genau umgekehrt.

Bettina Mönch als sexy Hexe. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Drew Sarich als böser Wolf. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Lauren Urquhart als Rapunzel und Julia Koci. Bild: © B. Pálffy / Volksoper Wien

Regelrecht giert man schon danach, dass nach der Pause die Dekonstruktion von „und wenn sie nicht gestorben sind“ beginnt, weil ja wie gesagt heftig abgelebt wird. Welch ein cleverer Spaß voll musikalischer Eleganz, der, ohne dies nun überstrapazieren zu wollen, eine allgegenwärtige Alb-Geschichte von Meinungsmachern, Opportunisten, Egoisten und Wutbürgern erzählt, denen gegenseitige Schuldzuweisungen wichtiger sind als das Wohl aller. Welch ein Sehnsuchtsruf nach „normalen“ Zeiten, und, ja, selbstverständlich gibt’s bei Sondheim eine Moral von der … nämlich, dass nur Gemeinschaft und Zusammenhalt die Auslöschung der Welt – hier durch die Riesin mit der Stimme von Erika Pluhar und den Saal erbeben lassenden Stampfschritten – verhindern können.

In rasanten Performances toben die Darstellerinnen und Darsteller durch das tragikomische Stück. Dies mit einer Tambosi’schen sexuellen Konnotation, der finstre Wald der wilden Triebe, die Grimms Märchen ohnedies unterstellt werden, und Dirigent Wolfram-Maria Märtig vermag es mit dem Volksopernorchester, den Themes, den musikalischen Motiven der einzelnen Figuren den entsprechenden Drive zu geben. Anfangs ist die Bühne dreigeteilt, Aschenputtel Laura Friedrich Tejero möchte zum Galaball des Prinzen, Hans‘ Mutter – superb Ursula Pfitzner als Oliver Liebls schreckschraubige Erziehungsberechtigte -, dass die Kuh endlich Milch gibt, Peter Lesiak und Julia Koci als Herr und Frau Bäcker schnellstens Nachwuchs.

„Ab in den Wald“, Ohrwurm #1 dieser Aufführung, singen sie alle, weil offensichtlich im dunklen Dicht der Baumstämme die Erfüllung aller Bedürfnisse lauert. Die fulminante Bettina Mönch hat ihren ersten Auftritt als gedreadlockte, rappende Megäre, bevor der Zaubertrank aus den geforderten Zutaten sie zum Sexy Hexy macht, im denkbar knappsten Kostümchen, das erahnen lässt, dass hier schon diverse Herren Hand angelegt haben. Alldieweil begegnet Rotkäppchen Juliette Khalil dem bösen Wolf – Publikumsliebling Drew Sarich wie stets mit Sonderapplaus bedacht, er im Exhibitionisten-Trenchcoat über den Bondage-Strapsen der volle Verführer. Es folgt die Defloration mittels Liebesschaukel/Sling mitten im Blütenmeer.

Die kinderlosen Bäckersleut‘ und die milchweiße Kuh: Julia Koci und Peter Lesiak. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Juliette Khalil als williges Rotkäppchen und Drew Sarich als rotbestrapster Wolf. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Wehrhaftes Enkelkind: Juliette Khalil im Wolfscape und Oliver Liebl als Hans. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Robert Meyer als Geheimnisvoller Mann, Bettina Mönch als noch böse alte Hexe. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Allein, die Story ist bekannt. Nicht nur richtet Regula Rosin als Rotkäppchens Großmutter eine Splatter-Schlächterei an, auch das Rotkäppchen ist äußerst wehrhaft. Es wird später ein Cape aus dem Fell des Wolfes tragen. Im Who is Who der Grimm-Welt geben außerdem Martina Dorak, Elisabeth Schwarz und Theresa Dax die Aschenputtel-Stieffamilie – und Franz Suhrada grandios den ob seiner miesen Wahl dauertrunkenen Vater. Lauren Urquhart muss als Rapunzel Haare lassen, und Christian Graf galoppiert als jene Art prinzlicher Kammerdiener, der mehr hoheitlicher Prinzipienreiter ist als sein Herr, durchs blindwütige Setting.

Was einen zum x-ten Kabinettstückchen der Produktion kommen lässt, Drew Sarich nunmehr als Aschenputtels Macho-Prince Charming im pathostriefenden Duett mit Martin Enenkel als jenem von Rapunzel über beider „Liebesqual“, zwei selbstverliebte Degenschwinger, die ihre Rösser à la Ritter der Kokosnuss reiten, die ihre Bestimmung im Wachküssen schlafender Schönheiten orten, und alsbald von den Gattinnen gelangweilt sich Schneewittchen und Dornröschen zuwenden …

Unzufriedenheit, Fremdgehen, ständiges Mehr-Wollen, Irrungen und Wirrungen und nicht zu vergessen eine dorfzertrampelnde Gigantin später hat sich das furios agierende Ensemble durch die schönsten Melodien des Musicals gesungen, Oliver Liebl sinniert über die „Riesen unter uns“, Bettina Mönch verkündet die „Mitternachts- stunde“. Man wähnt sich „von der Regierung verlassen“, und als eine Gottesgabe für die Fee-fi-fo-fum-Frau gesucht wird und die ohnedies geringe Solidarität perdu geht, versucht sich Robert Meyer mit den Worten „ich spiele doch gar nicht mit“ aus der Affäre zu ziehen. Vergebens, welch eine Rolle für den Herrn Direktor.

Jahaha, es ist ein Teufelskreis vom Wunsch zu dessen Erfüllung. „Into the Wood“ ist zweifellos Stephen Sondheims skurrilstes Werk übers Sehnsuchtsvehikel Mensch, darüber, was wir von der Vorgängergeneration mitbekommen und an die nächste weitergeben wollen. „Niemand ist allein“, davon gibt’s in diesem Sondheim’schen Vexierspiegel einer real existierenden Gesellschaft Teil I und II. Die spielfreudige Volksopern-Truppe fühlt sich im Überdrüber des Drunter und Drüber sichtlich so pudelwohl, wie der von Faust beschworene Kern. Und so lebten sie vergnügt bis … zur nächsten Vorstellung kommenden Sonntag.

[* Die Rezension bezieht sich auf die Vorpremiere am 24. Mai 2021.]

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=HuLvf3JW4os           Das Ensemble im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=Z8pjeas414Q           www.youtube.com/watch?v=G6f8hZSndqU           www.volksoper.at

  1. 5. 2021

toxic dreams im Theatermuseum: After the End and Before the Beginning

Februar 12, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Video-Installation mit Hamlet, Winnie und Woyzeck

Praktiziert den alten philosophischen Gedanken: Ich spreche, also bin ich: Stephanie Cummings als Winnie aus „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett. Bild: © Timotheus Tomicek

Wer fragt sich nicht manchmal nach dem Ende eines Films, eines Theaterstücks oder eines Buches wie die Geschichte eigentlich weitergeht, wie die darin Handelnden weiterleben? Oder wie es ihnen vor deren Anfang erging? Die Videoinstallation „After the End and Before the Beginning“ der Gruppe toxic dreams erzählt nun im Theatermuseum und in neun Kurzfilmen mögliche Vorgeschichten oder Fortschreibungen von ikonenhaften Charakteren aus klassischen Theaterstücken.

Unter den handelnden Personen befinden sich William Shakespeares Hamlet und Lady Macbeth, Friedrich Dürrenmatts Claire Zachanassian aus „Der Besuch der alten Dame“, oder Olga aus Anton Tschechows „Drei Schwestern“. Sie alle steigen in einen Wagen und während der Fahrt durch die Stadt ergeben sich Gespräche mit dem Chauffeur. Auf diese Weise erfahren die Besucherinnen und Besucher mehr darüber, wie sich das Leben der Figuren vor oder nach ihren Auftritten im Originalstück zugetragen haben könnte.

Hamlet, ein Experimentalfilmer, ist auf dem Weg zum Begräbnis seines Vaters und monologisiert über Filme, Schauspieler und die ultimative Story. Nora, die einst ohne Verbindungen zur Vergangenheit oder Perspektive einer Zukunft ihre Familie verlassen hat, ist mittlerweile aufstrebende Politikerin und bereitet im Taxi ihre Rede vor, in der sie ihre Wählerschaft über ihre Trennung von Mann und Kindern informieren will. Woyzeck kommt von der Beerdigung Maries und sucht aufgeregt ein Restaurant, um seinen Hunger zu stillen. Lady Macbeth ist Chefin eines Verbrechersyndikats, hat eben wieder jemanden um die Ecke gebracht und gibt dem Fahrer eine Einführung in die Kunst des Mordens. Nach einer weiteren lausigen Verabredung ist Blanche DuBois verzweifelt und möchte nur ziellos durch die Stadt kurven.

Markus Zettl als Hamlet von William Shakespeare. Bild: © Timotheus Tomicek

Nina Fog als Shakespeares Lady Macbeth. Bild: © Timotheus Tomicek

Susanne Gschwendtner als Eliza Doolittle. Bild: © Timotheus Tomicek

Ein Billigflugangebot ermöglichte Olga endlich den langersehnten Wochenendtrip in die Stadt ihrer Träume, Moskau, von dem sie nun zurückkehrt. Die Linguistikexpertin Eliza Doolittle, mittlerweile zur weiblichen Version ihres Erziehers Higgins verkommen, einsam, versnobt und überheblich, lässt sich zu einem Vortrag zum Thema Sprachanwendung chauffieren. Winnie, steckt irgendwo zwischen dem Davor und dem Danach, genießt ihre wöchentliche Rundfahrt durch die Natur und praktiziert den alten philosophischen Gedanken: Ich spreche, also bin ich. Claire Zachanassian, die reiche, angesehene alte Dame, fährt mit dem Leichnam ihres Liebhabers nach Capri zurück, um in der Internetshow „Celebrities Talk in a Family Car“ teilzunehmen.

Die Multi-Screen-Videoinstallation ist über mehrere Ausstellungsräume des Palais Lobkowitz verteilt. Die Besucherinnen und Besucher entscheiden selbst, welchem Charakter und welcher Geschichte sie folgen möchten. Jede Film-Station hat ein von alten Lichtspieltheatern inspiriertes Präsentationsdesign, das einen atmosphärischen Kontext zum Raum und den Werken des Theatermuseums und der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste herstellt.

Es spielen: Stephanie Cumming die Winnie aus „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett, Nina Fog die Lady Macbeth, Susanne Gschwendtner die Eliza Doolittle aus „Pygmalion“ von George Berhard Shaw, Isabella Händler die Blanche DuBois aus „Endstation Sehnsucht“  von Tennessee Williams, Anna Mendelssohn Ibsens Nora,  Jutta Schwarz die Claire Zachanassian, Anat Stainberg Tschechows Olga aus den „Drei Schwestern“, Florian Tröbinger Büchners Woyzeck und Markus Zett den Hamlet. Text, Regie und Chauffeur: Yosi Wanunu. In englischer Sprache mit deutschen Untertiteln.

www.toxicdreams.at           www.theatermuseum.at

12. 2. 2021

Albertina: Neustart in Schwarz-Weiß mit „Faces“

Dezember 27, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Helldunkle Seiten des Lebens auf Fotopapier gebannt

Willy Zielke: Arbeitslos. Ein Schicksal von Millionen / Die Wahrheit. Ein Film von dem Leidensweg des Deutschen Arbeiters, 1933. Galerie Berinson, Berlin

Wenn die Albertina voraussichtlich am 18. Jänner wieder ihre Tore öffnet, ist nicht nur die aus der eigenen Sammlung von Zeichnungen zusammengestellte Schau „Schwarz Weiß & Grau“ endlich zu sehen, deren Aufbau man bislang bei einem Kuratorinnenrundgang via Facebook mitverfolgen konnte (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=42974),

sondern – das Haus bereitet mit „Faces. Die Macht des Gesichts“ bereits die nächste Ausstellung vor.

Gertrud Arndt: Maskenselbstbildnis Nr. 22, 1930. Museum Folkwang, Essen © Bildrecht, Wien 2020

Helmar Lerski: Verwandlungen durch Licht, 588, 1935–1936. Albertina, Wien © Nachlass Helmar Lerski – Museum Folkwang, Essen

August Sander: Handlanger, 1928. © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; Bildrecht, Wien, 2020

Ausgehend von Helmar Lerskis herausragender Fotoserie „Metamorphose – Verwandlungen durch Licht“ aus den Jahren 1935/36 präsentiert die Albertina Porträts aus der Zeit der Weimarer Republik. In den 1920er- und 1930er-Jahren erneuern Fotografinnen und Fotografen radikal das Verständnis des klassischen Porträts: Ihre Aufnahmen dienen nicht mehr der Darstellung der Persönlichkeit eines Menschen, sondern sie fassen das Gesicht als nach ihren Vorstellungen inszenierbares Material auf. Über das fotografierte Gesicht werden sowohl ästhetische Überlegungen der Avantgarde als auch gesellschaftliche Entwicklungen der Zwischenkriegszeit verhandelt. Modernistische Experimente, das Verhältnis zwischen Individuum und Typ, feministische Rollenspiele und politische Ideologien kollidieren und erweitern damit das Verständnis der Porträtfotografie.

Zu sehen ab 12. Februar.

www.albertina.at

27. 12. 2020

Albertina: Schwarz Weiß & Grau

Dezember 2, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Live dabei sein beim Aufbau der Ausstellung

William Kentridge: Shadow Procession, 1999. Video. © Albertina, Wien

Ab 11. Dezember zeigt die Albertina in der Propter Homines Halle großformatige Werke aus der eigenen Sammlung. Ob mit Bleistift, Tusche, Kreide, Draht oder im bewegten Bild – hier sprengt die Zeichnung alle Dimensionen.

So unterschiedlich die vertretenen Künstlerinnen und Künstler arbeiten, so vielfältig ihre Themen sind: alle eint, dass sie allein mittels Hell-Dunkel-Kontrasten bunte, mannigfaltige Welten erschaffen.

Via Facebook können Zuschauerinnen und Zuschauer heute ab 17 Uhr live dabei sein und hautnah erleben, wie eine Ausstellung aufgebaut wird. Elsy Lahner führt das Publikum durch unfertige Hallen, wo noch gehängt und das Licht eingerichtet wird. Neben den ersten Einblicken in die Ausstellung, liefert sie echte Insider-Infos zum Prozess des Kuratierens vor Ort. Außerdem gibt es die einmalige Gelegenheit Fragen an die Kuratorin der Ausstellung zu richten, die live beantwortet werden.

Robert Longo: Ohne Titel (Ping), 2007. © Robert Longo, Albertina, Wien

Eduard Angeli: Das Haus mit dem Lautsprecher, 2012 (Detail). © Albertina, Wien

Jim Dine: Singing Hard Times, 2009. Schenkung vom Künstler und Diana Michener. © Albertina, Wien

Gezeigt werden Werke von Eduard Angeli, Jim Dine, Sonja Gangl, Hauenschild Ritter, William Kentridge, Birgit Knoechl, Ulrike Lienbacher, Robert Longo, Alois Mosbacher, Muntean/Rosenblum, Florentina Pakosta, Fritz Panzer, Ugo Rondinone, Roman Scheidl, Max Weiler und Rainer Wölzl.

www.facebook.com/events/707864426517960           www.albertina.at

2. 12. 2020