Albertina: Neustart in Schwarz-Weiß mit „Faces“

Dezember 27, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Helldunkle Seiten des Lebens auf Fotopapier gebannt

Willy Zielke: Arbeitslos. Ein Schicksal von Millionen / Die Wahrheit. Ein Film von dem Leidensweg des Deutschen Arbeiters, 1933. Galerie Berinson, Berlin

Wenn die Albertina voraussichtlich am 18. Jänner wieder ihre Tore öffnet, ist nicht nur die aus der eigenen Sammlung von Zeichnungen zusammengestellte Schau „Schwarz Weiß & Grau“ endlich zu sehen, deren Aufbau man bislang bei einem Kuratorinnenrundgang via Facebook mitverfolgen konnte (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=42974),

sondern – das Haus bereitet mit „Faces. Die Macht des Gesichts“ bereits die nächste Ausstellung vor.

Gertrud Arndt: Maskenselbstbildnis Nr. 22, 1930. Museum Folkwang, Essen © Bildrecht, Wien 2020

Helmar Lerski: Verwandlungen durch Licht, 588, 1935–1936. Albertina, Wien © Nachlass Helmar Lerski – Museum Folkwang, Essen

August Sander: Handlanger, 1928. © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; Bildrecht, Wien, 2020

Ausgehend von Helmar Lerskis herausragender Fotoserie „Metamorphose – Verwandlungen durch Licht“ aus den Jahren 1935/36 präsentiert die Albertina Porträts aus der Zeit der Weimarer Republik. In den 1920er- und 1930er-Jahren erneuern Fotografinnen und Fotografen radikal das Verständnis des klassischen Porträts: Ihre Aufnahmen dienen nicht mehr der Darstellung der Persönlichkeit eines Menschen, sondern sie fassen das Gesicht als nach ihren Vorstellungen inszenierbares Material auf. Über das fotografierte Gesicht werden sowohl ästhetische Überlegungen der Avantgarde als auch gesellschaftliche Entwicklungen der Zwischenkriegszeit verhandelt. Modernistische Experimente, das Verhältnis zwischen Individuum und Typ, feministische Rollenspiele und politische Ideologien kollidieren und erweitern damit das Verständnis der Porträtfotografie.

Zu sehen ab 12. Februar.

www.albertina.at

27. 12. 2020

Albertina: Schwarz Weiß & Grau

Dezember 2, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Live dabei sein beim Aufbau der Ausstellung

William Kentridge: Shadow Procession, 1999. Video. © Albertina, Wien

Ab 11. Dezember zeigt die Albertina in der Propter Homines Halle großformatige Werke aus der eigenen Sammlung. Ob mit Bleistift, Tusche, Kreide, Draht oder im bewegten Bild – hier sprengt die Zeichnung alle Dimensionen.

So unterschiedlich die vertretenen Künstlerinnen und Künstler arbeiten, so vielfältig ihre Themen sind: alle eint, dass sie allein mittels Hell-Dunkel-Kontrasten bunte, mannigfaltige Welten erschaffen.

Via Facebook können Zuschauerinnen und Zuschauer heute ab 17 Uhr live dabei sein und hautnah erleben, wie eine Ausstellung aufgebaut wird. Elsy Lahner führt das Publikum durch unfertige Hallen, wo noch gehängt und das Licht eingerichtet wird. Neben den ersten Einblicken in die Ausstellung, liefert sie echte Insider-Infos zum Prozess des Kuratierens vor Ort. Außerdem gibt es die einmalige Gelegenheit Fragen an die Kuratorin der Ausstellung zu richten, die live beantwortet werden.

Robert Longo: Ohne Titel (Ping), 2007. © Robert Longo, Albertina, Wien

Eduard Angeli: Das Haus mit dem Lautsprecher, 2012 (Detail). © Albertina, Wien

Jim Dine: Singing Hard Times, 2009. Schenkung vom Künstler und Diana Michener. © Albertina, Wien

Gezeigt werden Werke von Eduard Angeli, Jim Dine, Sonja Gangl, Hauenschild Ritter, William Kentridge, Birgit Knoechl, Ulrike Lienbacher, Robert Longo, Alois Mosbacher, Muntean/Rosenblum, Florentina Pakosta, Fritz Panzer, Ugo Rondinone, Roman Scheidl, Max Weiler und Rainer Wölzl.

www.facebook.com/events/707864426517960           www.albertina.at

2. 12. 2020

Rabenhof: Monster

November 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zombieball im Hoamatland

Untotentanz beim Monsterball: Christoph Krutzler, Bettina Schwarz, Eva Mayer und Richard Schmetterer, hinten: Romantic Slivo featuring Valentin Eybl. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Am Rottensee lässt sich’s gut verrotten, wissen die Buchleser längst. Nur logisch also, dass Regisseurin Christina Tscharyiski nun eine Truppe Untoter auf die Bühne stellt, damit diese Kurt Palms bizarre Romanfiguren zum Leben erwecken. Deren Krachlederne und Goiserer blicken tapfer ihren Lumpentagen ins Auge, und apropos: die wiederum sind von schwarzen Lidschatten umrandet und mit Gruselkontaktlinsen bestückt. Die Haut ist fahl und fleckig, die Stutzen sind löchrig.

Und mitten unter den derart liederlichen Leichen singt einer seine Lieder. Heißt: Es handelt sich dabei weniger um -musik, denn um Volksgegröle. „Alles Böse kommt aus dem Ausland herein“, schmettert der skurril-schmierige Schlagerschlurf im Silberanzug – damit das klar ist, denn das „Monster“, gestern erst im Rabenhof vom absurden Trash-Text zum aberwitzigen Theaterabend mutiert, ist keine scheußliche Bestie, sondern der ebensolche Seinszustand der Republik.

Tscharyiski, zuletzt im Erdberger Gemeindebau mit „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ erfolgreich (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), mixt nach Originalrezept Krimisatire, Politgroteske und beißende Gesellschaftskritik. Freilich kann ihre 80-Minuten-Show nur ein Shot zum Palm’schen Giftcocktail sein, sind hier doch die Ereignisse auf ihre Essenz reduziert, aber die verhängnisvollsten Vorkommnisse immerhin so verquickt, dass den diversen Handlungssträngen durchaus zu folgen ist.

Als da wären: Ein aus den Tiefen des Alls heranrasender Asteroid, ein riesiger Nazikillerfisch, seines Zeichens ein dereinst aus dem Ruder gelaufenes Experiment der Reichsanstalt für Fischerei, ergo ein im Strandbad angeschwemmter abgebissener Frauenfuß, die irdische Hülle eines tschetschenischen Mädchen- und Organhändlers und ein lesbisches Vampirinnen-Pärchen, das Männer nach dem Aussaugen gern auch ausweidet, eine Innenministerin, die, von ihrem Pressesprecher zwecks Positiv-PR ins Asylwerberheim gezwungen, von einem afrikanischen Eintopf isst, in dem eine Ebola-verseuchte Meerkatzenpfote schwimmt, ein wählerstimmengeiler Bürgermeister, der ein Seekonzert plant, und der in all diesen Fällen ermittelnde Polizist Alfons Stallinger, der die Katastrophen zu verhindert sucht …

Bettina Schwarz. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Christoph Krutzler. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Eva Mayer. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Richard Schmetterer. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Eva Mayer, Bettina Schwarz, Christoph Krutzler und Richard Schmetterer betätigen sich in diesem Umfeld als Erzähler und gestalten ein komplettes Kuriositätenkabinett an Charakteren. Vor einem pittoresken Alpenseebild, Kulisse und Kostüme sind von Jenny Schleif, mitten drin im Hoamatland, findet deren Zombieball statt, links ein Steckerlfischstand, der Himmel immer dann blutrot, wenn allerhöchste Gefahr droht. Gespielt wird einfach großartig und alle Geschlechterrollen ignorierend. Christoph Krutzler ist als abschiebefreudige Innenministerin Dietlinde Breitfurtner-Brandstätter eine prächtige Bissgurn, ein wunderbar suizidaler Weltuntergangsprophet ist gleich: Astronom auf Teneriffa, und sehr attraktiv als osteuropäisch-sexy Blutsaugerin.

Deren Sarggenossin gibt Richard Schmetterer mit Flittchenblick und gekonntem Hüftkreisen, und weil er schon mit Todesverachtung die Totenblasse mimt, übernimmt er auch gleich den Part des nicht ausschließlich wegen seiner Wasserphobie schreckensbleichen Alfons Stallinger. Spooky Eva Mayer macht unter anderem auf Immobilientycoon Alexander Prix, ein Kapitalisten-Prototyp und in jedem Sinne mit dicker Hose ausgestatteter Koks- und Splatterfan, Bettina Schwarz spielt den bärbeißig-unbelehrbaren Bürgermeister und die beflissene Flüchtlingsheim-Betreuerin der Familie Nkwongu. Zum kessen Grusical gerät das Ganze durch die Kompositionen von Musiker Valentin Eybl und „5/8erl in Ehr’n“-Sänger Robert Slivovsky aka Romantic Slivo.

Meistersinger der hinterfotzigen Heurigenlieder und der gfeanzten Volksmusik: Romantic Slivo featuring Valentin Eybl. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Romantic Slivo ist ein fantastischer Entertainer, sozusagen das A und O dieser Apokalypse, und legt mit skandalös-hinterfotzigen Heurigenmelodien über die hiesigen Goldenen Herzen und Songs wie „Ohne di / geh‘ i nirgendwo hi'“ die Lunte ans Pulverfass von Patriotismus und Chauvinismus, von Xenophobie und Neophobie. Den gfeanzten volks- dümmlichen Schmachtfetzen bringt Slivo als Volks-Rock’n’Roller Andreas Mastwächter zu Gehör.

Dessen von den Menschenmassen umjubelter Auftritt beim „Rock se Lek“-Konzert wird zum Höhepunkt der Weltuntergangsumtriebe – alldieweil Schwarz als Herr Nkwongu dessen Brief ans neue Vaterland Österreich unter Fanfarenklängen als Fanal für Vielfalt, Fremdenfreundlichkeit und Toleranz vorliest, dem Prix von den feministischen Vampirinnen das Herz aus der Brust gerissen und ausgetrunken wird, die Innenministerin symbolträchtig in einer sumpfigen Lacke versinkt und der Stallinger sich wieder aufs Sockenstricken verlegt.

Unheimlich gemütlich, diese horrible Heimatseligkeit. Als wär’s ein „Austrian Gothic“-Gemälde schleichen Kurt Palms modrige Märchengestalten durch Christina Tscharyiski nationalgroteskes Grand Guignol. Auf Geschunkel, Wertegeschwafel und die rechte Gesinnung folgt der Final Impact, das absehbare Ende, das bei diesem viel zu kurzen Schabernack denn doch plötzlich und unerwartet kommt. Der Schluss natürlich bitterböse, das Publikum in Jubelstimmung, soviel zum monsterhaften Absang einer Aufführung, die sich Freunde des gepflegten Sarkasmus keinesfalls entgehen lassen sollten.

www.rabenhoftheater.com            Romanrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263

  1. 11. 2019

netzzeit 2019 Out of Control: 701 britische Teelöffel – Viva la muerte!

Oktober 27, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Fideles Totentänzchen um die Hochzeitstafel

Die Hochzeitsgesellschaft wird von der Tödin heimgesucht: Jutta Schwarz, Peter Raffalt, May Garzon, Valentin Ivanov und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

El Día de los Muertos, in diesem Land lieber Allerseelen genannt, ist wohl noch sechs Tage entfernt, aber im Off Theater läuft bereits die perfekte Produktion dazu, zeigt das netzzeit-Festival 2019 Out of Control dort doch „701 britische Teelöffel – Viva la muerte!“ nach Idee und Konzept von Nora Scheidl und Petra Weimer, die beiden auch Ausstatterin und Regisseurin der Uraufführung. Das Thema ist der Tod, heißt hier: die Tödin, denn der Wahlinnsbrucker Komponist Arturo Fuentes, dessen

Soundscapes durch die schwarz ausgekleidete White.Box wabern, ist gebürtiger Mexikaner, heißt: entgegen der Kreisler’schen Wienerliedzeile ist der Sensenmann eine schöne Sensenfrau, La Catrina, als die alsbald Kristina Bangert samt Schnitterwerkzeug auftritt. Auf weicher Friedhofserde – auf der auch das Publikum die Beine abstellt – hat sich eine Hochzeitsgesellschaft versammelt, die Braut wie als Sinnbild des Lebens hochschwanger, der Brautvater von einer Todeskrankheit befallen, über die er sofort loslegt zu sprechen, die Großmutter zufrieden, täglich mehr in einen Zustand zu geraten, in dem sie endlich aufhören kann, „etwas zu müssen“, die Familie im Versuch, die unter der Oberfläche gärenden Verstimmungen mit falscher Fröhlichkeit zu übertünchen.

Sie alle werden vom Nebelsturm einer knochenhändigen Verführerin in ihr persönliches Bardo verblasen, wo sie sich mit dem letalen Ende ihres Wegs konfrontiert sehen. Dies in einer Art andersweltlichem Wartezimmer mit einer dämonischen Ärztin, die mit Kugelschreiber und Klemmbrett bereitsitzt, um jedermanns Psychogramm zu erstellen. Das alles ist mehr Mordsspaß als Absterbens-Amen, die Charaktere Geschöpfe des Makabren, die Monologkette dieser Moribunden so abgrundtief komisch wie hintergründig grotesk wie halszuschnürend heiter. Reduziert auf ein Dasein im Zwischenreich zum Jenseits legt jetzt einer nach dem anderen seine Lebensbeichte ab, allesamt Berichte von Überforderung und Unglück und seelischer Unausgewogenheit.

Mutter-Tochter-Gespräch: May Garzon und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Die Tödin holt die Großmutter: Kristina Bangert und Jutta Schwarz. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Pietà mit Tödin und Mutter: Kristina Bangert und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Vater-Tochter-Begräbnis: Peter Raffalt und May Garzon. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Peter Raffalt ist als Vater aufgerieben zwischen Karrierismus und seiner Erkrankung, er beklagt seine Ich-habe-keine-Zeit-Existenz, wegen der nun „alle Akkus leer“ seien, die einzigen Mittel, seine Frau noch zu befriedigen, die finanziellen. Von Ernst Kurt Weigel, Lukas Meschik & das Ensemble sowie aus Ilse Helbichs wunderbaren Büchern „Grenzland Zwischenland“ und „Schmelzungen“ stammen die Texte, die von einer Intensität, die so hautnah sind, dass sie einen wie selbstverständlich zur Innenschau veranlassen.

Völlig überdrüber im Drüben ist die grandiose Tamara Stern als selbstoptimierungssüchtige Mutter, die sich mal da, mal dort vom Chirurgen zurechtschnitzen lässt, weil „Männer und Sex eine Körperappetitlichkeit verlangen“, und die das Altersjammern ihres Gatten, die Verdachtsdiagnose als dessen Beschäftigungstherapie nervtötender findet, als sein tatsächliches Hinscheiden. Zur ungeduldigen Witwenanwärterin gesellt sich May Garzon als Tochter. Die Vegan- wie Zynismus zuneigende Heiratskandidatin, vom Zukünftigen zwar „durchgegeilt“, aber „ohne Zuneigungsminimum“, die das Kind, das kommen wird, als noch Leibesfrucht damit bedroht, es einmal „mit mir zu belasten“. Den Krebsbekämpfer-Vater fordert schließlich der computerbesessene Schwiegersohn zum Totentänzchen auf, Valentin Ivanov großartig skurril als egoistischer Egoshooter, ein Gamefighter, den am Sterben eigentlich nur stört, dass er dann sein Videospiel nicht beenden kann.

Dem YouPorn-Nutzer erscheint Kristina Bangert angetan als Lara Croft, anderen im mädchenhaften Tüllrock, anderen im transparenten Top. Mitten im morbiden Menscheln hält die Tödin zum Gaudium der Zuschauer ihre absurden Tutorials: „Wie wasche ich einen Toten?“ – Tipp: nicht scheuern, weil Wunden nicht mehr heilen, oder „Wie gestalte ich mein Totenhemd?“ – mit buntem Garn, und wer will, kann à la Stammbuch Verwandte und Freunde Sinnsprüche draufsticken lassen. Zu Fuentes‘ Soundscapes musizieren live zwei Solisten des Ensemble PHACE, Flötistin Sylvie Lacroix und Trompeter Spiros Laskaridis, deren abrupte Trackwechsel die hart gesetzten Schnitte in der Handlung einerseits unterstreichen, andererseits die scharf abgegrenzten Episoden verbinden.

Familienstreitigkeiten vermiesen die Stimmung an der Festtafel: Jutta Schwarz, Peter Raffalt, May, Garzon und Valentin Ivanov. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Gerade nämlich, als man sich’s bei Black Sabbaths „Paranoid“ und einer Schilderung über die Zustandsformen der Zersetzung gemütlich machen wollte, treten die Darsteller aus ihren Rollen, um von ihrem Zugang zum Tod zu erzählen. Faktisches lagert sich über die Fiktion, wenn es darum geht, ob man sein Begräbnis selber organisieren soll, um den Angehörigen den Ärger damit zu ersparen, oder um die Angst vorm langwierigen Abkratzen, einem Verfall bei lebendigen Leib.

Peter Raffalt aka der sterbenskranke Vater berührt mit seiner Bemerkung über die große Peinlichkeit unter den Bekannten, sobald sich ihnen ein Leidtragender nähert, da sie nicht wissen, wie sie mit der Scham des Überlebens umgehen sollen. Längst ist da nicht mehr klar, wo das privat Erfahrene anfängt und das beruflich Erdachte aufhört, wo die Trennlinie zwischen Sein und Nichtmehrsein verläuft. Dem noch eins drauf setzt die sensationell ihre Abgeklärtheit zur Schau stellende Jutta Schwarz. Sich verbrennen zu lassen, so hätte sie erfahren, sei bezüglich ökologischen Fußabdrucks bedenklich. Weil dafür so viel Energie aufgewendet werden müsse, wie sie einen kompletten Haushalt einen ganzen Monat lang versorgen könnte.

Sarg, sagt sie, Jahrzehnte vor sich hin zu verwesen, sagt sie, sei keine Option. In Seattle gäbe es allerdings seit Kurzem die Möglichkeit eines Kompostbegräbnisses. Darauf hofft die Schwarz auch in Wien – zu einem Kubikmeter Humus für die Gärten ihrer Kinder will sie werden. Darauf reichen die Schauspieler – jesús!, salud!, sus! – klaren Schnaps und pikante Kekse. Der britische Teelöffel übrigens ist ein ebendortiges Raummaß, und deren exakt 701 sind es, die das Volumen eines eingeäscherten Leichnams ergeben, das man in die Urne füllt.

www.netzzeit.at           off-theater.at           www.arturofuentes.com

  1. 10. 2019

Kaviar

Juni 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und Zack! ins Dixi-Klo gegriffen

Ein windiger Anwalt, ein schmieriger Stadtrat und ein gar nicht gerissener Glücksritter machen Jagd aufs große Geschäft mit dem Russen: Simon Schwarz, Joseph Lorenz und Georg Friedrich. Bild: 2019 Ioan Gavriel

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch. Also beginnt das Ganze durchgeknallt, der Russenmilliardär Igor auf einem österreichischen Hochstand, und wie er – von Jagdgewehr bis Panzerfaust – mit aller Waffengewalt einen nackten Mann aufs Korn nimmt. Der trägt bei seinem unfreiwilligen Tanz im Kugelhagel einen Lenin-Gipskopf, den sollte man sich merken, denn es wird ein Heidenspaß und eine Riesenüberraschung werden, wer diesen am Ende von Igor übergestülpt bekommt …

Als die Regisseurin und Drehbuchautorin Elena Tikhonova die Arbeit an ihrer Austrorussen-Komödie „Kaviar“ begann, dachte sie an eine Posse basierend auf ihren eigenen Erfahrungen in der Community, nicht aber, dass ihr erster Spielfilm von der knallharten Realität derart bestätigt werden könnte. Nun ist die aberwitzige Geschichte seit Freitag in den Kinos zu sehen, und erinnert frappant an manches, was die Republik seit Mitte Mai unter dem Schlagwort „Ibiza-Video“ beschäftigt. Allerdings bedarf es auf der Leinwand keiner Nichte, sondern der Oligarch selbst schreitet zur Tat. Der obszön reiche Igor hat nämlich einen Herzenswunsch. Er will sich nach Vorbild der Ponte Vecchio in Florenz auf der Wiener Schwedenbrücke eine Protzvilla samt Zwiebeltürmen errichten lassen.

Die Kontakte dafür soll ihm seine persönliche Dolmetscherin, sprich: in seinen Augen Leibeigene, Nadja checken. Die wendet sich an ihre beste Freundin Vera, deren einheimischer Ehemann Klaus schon lange am Schwarzgeldvermögen andocken will. Klaus bindet seinen Haberer, Rechtsanwalt Ferdinand Braunrichter ein, der seinerseits weiß, mit welchem überambitionierten Stadtrat man zum „Waidmanns Heil!“ antreten muss. So ist auch dieser Hans Zech bald im Boot, dank der Verlockung, Igor werde der Stadt Wien die Donaukanalsanierung finanzieren. Geschmierte drei von insgesamt 100 Millionen Bakschisch landen vorab schon in Liechtenstein, klar, Klaus und Ferdinand wollen Hans reinlegen, blöd nur, dass der Politiker Russisch spricht. Doch während die Männer tricksen, schmiedet das Damentrio, erweitert um Veras blauhaarige Babysitterin Teresa und angestachelt durch Klaus‘ halbseidene Seitensprünge, selber Pläne, um ans Bare zu gelangen.

Oligarch Igor schmeißt sich an Klaus‘ Ehefrau ran: Margarita Breitkreiz als Nadja, Georg Friedrich als Klaus, Mikhail Evlanov als Igor und Daria Nosik als Vera. Bild: 2019 Thimfilm

Veras Babysitterin Teresa macht bei Nadjas Love Interest, Oberpunk Don, das Rennen: Sabrina Reiter und Robert Finster. Bild: 2019 Thimfilm

Das Damentrio sucht den Lkw mit den Schmiergeldmillionen: Daria Nosik, Margarita Breitkreiz und Sabrina Reiter. Bild: 2019 Thimfilm

„Kaviar“ ist so knallbunt wie die Cartoons, die zwischen den Aufnahmen zu sehen sind. Insgesamt zu harmlos, ja, zu risikolos für beißende Satire, ist der Film ein schlitzohriger Culture-Clash-Comic, der von Wodka-Konsum bis Kalaschnikow kein Klischee auslässt, und mit Darstellern in komödiantischer Hochform punktet. Allen voran Georg Friedrich als so gierigem wie begriffsstutzigem Möchtegerngauner Klaus und Simon Schwarz, der als Ferdinand nicht viel heller auf der Platte ist. Schnitzler-Schauspieler Joseph Lorenz erfreut als jovial-saturierter Volksvertreter, der sich im Gefühl sonnt, alle Fraktionen in der Hand zu haben. Elena Tikhonova handelt mit diesen dreien ihren haarsträubend glaubwürdigen Korruptionsfall ab.

Von Geschäften, die auf einer Serviette unterzeichnet werden, dem flotten Austausch von Staatsbürgerschaften gegen „Wirtschaftsförderung“, von Geldwäsche bis Bordellbesuchen. Wunderbar Szenen, in denen Friedrichs Klaus eine Bande von Hausbesetzer-Punks beschäftigt, um im ersten Bezirk für Igors Inspektion mit Presslufthämmern eine Baustelle zu faken. Großartig, wie er vor Ort dem von Mikhail Evlanov gefährlich gönnerhaft und stets gutgelaunt gespielten Obskuranten sogar einen Unterwasserlift und einen Tiergarten verspricht, während er hernach versucht, der Polizei, David Oberkogler als Gesetzeshüter, die Aktion als Flash Mob zu verkaufen.

Dazu gehören natürlich Friedrich’sche Sätze wie „Hoit die Pappn, wannst mit mir redst!“ oder, als er nur mit einem Negligé bekleidet in einem Badezimmerfenster feststeckt und um Hilfe ruft, der Gemeindebau antwortet: „Geht’s a bissl leisa!“. In den Mittelpunkt ihres Klamauks stellt Tikhonova aber eine Frauenfreundschaft, die alles aushält: Margarita Breitkreiz als streng gekämmt verklemmte Nadja, Daria Nosik als deren Turbolidschatten und Highest Heels tragende BFF Vera und Sabrina Reiter als wiederum deren Kein-Kind-von-Traurigkeit-Kindermädchen Teresa bekämpfen die männlichen Betrüger mit allen – von modernem Hightech bis traditionellem Sex – Mitteln.

Nur einmal gerät die weibliche Solidarität ins Wanken – ein kurzes Intermezzo, als auf einer wilden Party mit Erdapfelsaft aus Kristallgläsern und traurigen Karaoke-Liedern der von Nadja so dringend ersehnte Oberpunk Don, Robert Finster, sich statt der Gastgeberin der gleicher gesinnten Teresa zuwendet. Doch schnell versöhnen sich die Ladys wieder, rollt doch der Rubel Richtung Wien, in einem Lkw, den die Mädels dank Veras Maneater-Qualitäten zu kapern gedenken, bevor die selbsternannten Herren der Schöpfung seiner habhaft werden können. Und so beginnt auf der Osteuroparoute, heißt: in der burgenländische Pampa, ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem bald alle im Wortsinn nach dem großen Geschäft riechen.

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch: Mikhail Evlanov. Bild: 2019 Thimfilm

Das hat Zack! Zack! Zack! mit den Dixi-Klos zu tun, in die Georg Friedrich seinen Griff ins Braune wird tun müssen, weil Igor denn doch nicht so deppert ist, wie die Wiener gern geglaubt hätten. Und alldieweil es für die Männer „Shit Happens!“ heißt, feiern die Frauen auf Geld-stinkt-nicht-Art die Umverteilung des Kapitals.

„Kaviar“ ist nicht hohe Kunst, aber ein erfreulicher Sommerspaß mit drolligen Animationen und einem temperamentvollen Soundtrack von Karwan Marouf. Ist der Film gewordene Beweis für den humorigen Unterschied dafür, ob Russen-Klischees über Russen oder von einer gebürtigen Russin erzählt werden. Und wenn Vera über Klaus klagt: „Er hat meine Fü(h)llungen verletzt“, kommt auch der Wortwitz nicht zu kurz. Merke: Gerechtigkeit gibt es in Liechtenstein. Aber wer muss mit dem Haupt von Wladimir Iljitsch herumspringen? Die Antwort ist … anschauen.

www.kaviar-film.at

  1. 6. 2019