Theater zum Fürchten: Die Fleischbank

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der kleine Mann hat’s Hackl im Kreuz

Ein Fleischhauer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alfred Paul Schmidts Groteske „Die Fleischbank“. Als Ballade bezeichnet der Autor selbst seinen Text, Moritat könnte man auch sagen, schildert Schmidt doch Aufstieg und Untergang eines, dem das Leben nichts geschenkt hat: Der Favoritner Fleischhauer Arnulf ist Schmidts Anti-Held. Dem Kleingewerbetreibenden, braver Steuerzahler und gehorsames Innungsmitglied, ist die Welt abhanden gekommen. Als ehrliche Haut erniedrigt, als immer nur Durchschnittlicher zum Dulden verdammt, beginnt er sich selbst zu ermächtigen. Mittels Mord.

Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1974 liegt Schmidts Stück zugrunde. Da verschwanden in Graz zwei – damals gab’s das noch – Geldbriefträger und mit ihnen beinah 400.000 Schilling. Als Täter wird der Fleischer Karl H. ausgeforscht und zu lebenslanger Haft verurteilt … Es ist fein, dass das Theater zum Fürchten an der Wiederentdeckung Alfred Paul Schmidts arbeitet. 1941 in Wien geboren, kam er über die Umwege diverser Studien und Gelegenheitsjobs zum Schreiben. Seit 1975 lebt er in Graz, und gilt als das widersprüchlichste Mitglied der von Alfred Kolleritsch so genannten Grazer Gruppe.

Das Schweinchen weist den Weg in den Wahnsinn: Lara Buchsteiner. Bild: Bettina Frenzel

Arnulf mordet und seine Schweinchen schauen zu: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Seinen Werken eigen sind der weitgehende Verzicht auf eine herkömmliche Handlung, dafür der exzessive Einsatz burlesker, possenhafter Mittel, um vorgeblich fiktives Geschehen zur Wirklichkeit zu entstellen. Das alles kommt dem Theater zum Fürchten sehr entgegen, das mit der Inszenierung von Peter M. Preissler seinem Namen mehr als gerecht wird. Preissler, der auch bei der Uraufführung 1984 am Akademietheater Regie geführt hatte, setzt in der Scala auf Grauen, Gruseln, Gänsehaut. In halluziniert albtraumhaften, in gespenstisches Grün getauchten Szenen geht Arnulf seinem tödlichen Geschäft nach. Auf dem Dreirad umschwirrt, auf dem Akkordeon begleitet von einem Schweinchen im rosa Tutu (Lara Buchsteiner), mit deren mehrerer vom Wahnsinn umzingelt.

Preisslers exemplarische Aufführung lässt das Stück in seiner Zeit. Marcus Ganser und Prinzipal Bruno Max haben für Schmidts schwarzhumorigen Volksstück-Psychothriller ein steril-tristes Bühnenbild erdacht. Eine weiß gekachelte Fleischerei, die von der Theke über die Eskimo-Kühltruhe bis zum Wandtelefon 1970er-Jahre atmet; auf einer Angebot-des-Tages-Tafel wird das „Leberkässemerl“ um 6,50 Schilling angepriesen. Doch die Parabel auf den „kleinen Mann“, der das Hackl, das das Leben ihm permanent ins Kreuz haut, endlich zwischen anderer Leute Schulterblätter versenkt, ist zeitlos. Weil’s, siehe jüngst Las Vegas, mit jedem jederzeit passieren kann. Arnulf ist aus dem Stoff, aus dem die Amokläufer sind, und „Ana hat immer des Bummerl“, Horst Chmelars Gassenhauer, die Begleitmusik durch seine patscherte Existenz. Georg Kusztrich ist als Arnulf fulminant. Im Infight mit sekkanten Kunden, einer liederlichen Lebensgefährtin und einem „besten Freund“, der das Vorhandensein von Feinden überflüssig macht, ist er der ewige Verlierer.

Einmal ein Glück im Leben haben: Georg Kusztrich und Leopold Selinger als Vokuhila-Haberer Heinz. Bild: Bettina Frenzel

Das Selbstbewusstsein steigt, das Opfer kommt in Klarsichtfolie: Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

Kusztrich changiert in der Rolle zwischen tief depressiv, dann wieder aufmüpfig-aggressiv, verletzt und verzweifelt. Er erschreckt mit der Vehemenz seines Spiels. Er gestaltet auf höchstem darstellerischen Niveau das Psychogramm eines „armen Würschtls“, das zum Psychopathen wird. Kaum zum Killer avanciert, fühlt sich Arnulf wie ein allmächtiger Erlösergott. Das Selbstgewusstsein wächst, der Mord mutiert für ihn zur Machtdemonstration, wird letztlich zur guten Tat. Dieser Briefträger mit seiner hirndepperten Frau hatte doch ohnedies keinen leidensfreien Tag! In einer Allmachtsfantasie sprudelt es aus Arnulf: „Endlich hob i wos gmocht wos nua i vasteh … Durch dein Tod bin i auf die Wöd kumman. I bin aus mia söba ausikrochen – du woast die Hebamm“. Und während er moralisch-menschlich ungerührt sein Opfer in Klarsichtfolie verpackt, singt er das Schubertlied. „Du bist die Ruh, der Friede mild …“

Mit Kusztrich agiert das bestens aufgelegte TzF-Ensemble. Christina Saginth spielt Arnulfs Freundin Hedwig in Ledermini und waffenscheinpflichtiger Bluse hart am Flitscherl. Die gefährliche Liebschaft ist im Betrieb für die Buchhaltung zuständig, eine Gefälligkeit, für die sie tief ins Fleischergeldbörsel greift. Ihr schließt sich Leopold Seliger als hinterlistiger Haberer Heinz (mit großartiger Vokuhila-Frisur und riesigem Proleten-Schnauzbart) an, der für einen beim Karate-Training einkassierten Gipsarm von Arnulf Schmerzensgeld haben will. Als der neue Arnulf ihn entlarvt, erkennt er ihn als einen „dea zittat nach innan wia a Lampelschwaf, oba noch außen tuat a wia da Tegetthoff am Proterstern“. Doch die Halbseidene und der Kleinkriminelle sind nur zwei aus der Menge der Peiniger – allesamt sind sie Menschen, die selber auf der Schattenseite stehen.

Hedwig träumt von der Heirat: Christina Saginth und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Doch der Kommissar hat die Spur aufgenommen: Georg Kusztrich und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Das macht vor allem Birgit Wolf als verteufelt redselige Kundin Frau Dalma deutlich. Von ihrem Mann offenbar gepiesackt, brodelt es unter ihrer in Loden gewandeten Biederfrau-Fassade nicht weniger als unter der Arnulfs, nur ist sie zum Ausbruch noch nicht bereit … Bernie Feit brilliert als penetrant seine Obrigkeit verströmender Innungsfunktionär Bunderit und als Behinderter, der Zeter und Mordio schreit, als ihm Arnulf unbedarft die Frage stellt: „Wie is‘n des, wann ma waaß, dass ma bleed is?“ In ihrer Art scheinen viele der Schmidt’schen Charaktere – dies freilich auch dank der Kostüme von Alexandra Fitzinger und der Maske von Gerda Fischer und Monika Krestan – einem der „Tatorte“ rund um Oberinspektor Marek und Bezirksinspektor Wirz entsprungen, und tatsächlich hat Schmidt für die erfolgreiche TV-Krimireihe geschrieben.

Direkt aus dem „Kommissariat 24“ kommt offenbar Karl Maria Kinsky als urig-gemütlicher Kommissar in die Buchengasse. Kinsky macht seine beiden Auftritte zum Kabinettstück, wunderbar die skurrile Szene, als er den Täter entlarvt habend, nun aber völlig überfordert und hyperventilierend nach seinen Kripo-Kollegen ruft. „Geh, na! Na!“, entschlüpft es ihm. Der Mörder gefasst? Soviel Action hat er echt nicht gewollt … Michael Reiter und Florian-Raphael Schwarz sind als Briefträger von ihrem Amt gezeichnet, der junge Studienabbrecher um nichts weniger, als der Dienstältere, dem die schwere schwarze Tasche bereits den Rücken krumm und die Füße platt gemacht hat. Der Pletterscheck und seine Weinerlichkeit – sie waren Grund genug, zuzuschlagen. Mehr braucht es oft nicht zur Brutalität. Die private Malaise verlangt nach einer Bluttat, in Revolverblättern täglich nachzulesen. „Die Fleischbank“ erzählt von einem Menschen, der sich nicht holen kann, was ihm zusteht … obwohl er immer getan hat, was richtig ist … Großer Applaus fürs ganze Team.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2017

Akademietheater: paradies fluten. verirrte sinfonie

September 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Da geht die post- ab

Die Reifenhändlerfamilie: Peter Knaack, Elisabeth Orth, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Spannend war es in der Pause, als die Bühnenarbeiter die große Plastikplane zusammenlegten, den Unrat entsorgten, die Bühne putzten, jeder Handgriff mit Zweck und Ziel, ungekünstelt, uneitel, authentisch, die Bewegungen wie choreografiert …

Davor und danach gab es die Österreichische Erstaufführung von Thomas Köcks Kleist-Förderpreis-Stück „paradies fluten“, „teil eins der klimatrilogie“.

Das Ganze ist – zumindest in der Drei-Stunden-Zerdehnung von Regisseur Robert Borgmann – doch ein klein wenig geschwätzig und repetitiv. (Was nichts damit zu tun hat, dass Köck wie jeder gute Jelinek-Schüler in Textflächenblöcken und mit Textflächenblockwiederholungen arbeitet.) Köck will viel, das ehrt ihn, will den welterklärerischen Komplettentwurf, will seine Kapitalismus-, Konsumismus-, Klimaschutz-, Kautschukgewinnungs-, Und-überhaupt-alle-Katastrophen-und- Ungerechtigkeiten-dieser-Erde-Kritik in eine Perlenreihe kriegen; er reiht sie auf, die Schlagwörter, die die neoliberalen Suchmaschinen zum Laufen bringen.

Seine Schlussfolgerungen sind: BWL-Täuschung und Markt-Schreierei, und enden bei der obligatorischen Globalisierungs-Beanstandung, das Ergebnis ein frei-assoziativer Text, der sich selbst seinen Sinn bescheinigt. Fürs postfaktische Zeitalter also ein postmodernes, postnarratives Stück, postapocalypse now! Dabei – paradox – ist dieser hermetische Theaterabend bar jeder Sinnlichkeit so besoffen von sich und seinen Ideen, dass er gar nicht genug von sich kriegt.

Das neonfarbene Paar: Marta Kizyma und Christoph Radakovits mit Elisabeth Orth. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Und schwupps – Rokoko: Alina Fritsch, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt und Alina Fritsch als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und „Die von der Vorsehung Übersehene“. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In seiner sinfonie-Kakophonie verschränkt Köck im Wesentlichen zwei Handlungsstränge. Die Familiengeschichte. Gegenwart. Ein mittelständischer Kleingewerbetreibender, Autowerkstatt und Autoreifenverkauf, geht Pleite. Vorwürfe von der Frau, Kalmierungsversuche von der Großmutter. Man ergeht sich in großstädtisch-spätbürgerlichem Beziehungs-Kleinklein. Die Tochter wird später im prekären Ballettbetrieb versumpern, der Vater einen Schlaganfall erleiden.

Die Figuren sprechen von sich in der dritten Person, hart klingt das, sie erzählen von sich, statt auf- und miteinander zu (re)agieren; die fremde Haut, in die sie schlüpfen, sie soll den Schauspielern hier verfremdet bleiben. Elisabeth Orth, Peter Knaack, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz bestreiten diesen Teil blut- und dreckverschmiert.

Handlung 2. Manaus zur Zeit des Kautschukbooms. Ende des 19. Jahrhunderts. Ein fiktiver deutscher Architekt namens Felix Nachtigall soll das Opernhaus Teatro Amazonas bauen. Im Gegensatz zu Fitzcarraldo ist er aber ein guter Mensch, und will die versklavten, gefolterten Indios vor den Kautschukbaronen retten (lesenswert und magenumdrehend dazu die Beiträge im Programmheft). Philipp Hauß gestaltet diese Rolle. Sylvie Rohrer wird als „der Entwicklungshelfer“ ausgewiesen, ist auf der Bühne aber tatsächlich eine hysterische Koloniallady, die um endlich ein bisschen Kultur in der Wildnis fleht.

So ziemlich allgegenwärtig in diesem Geduldsspiel sind, goldgesichtig, Sabine Haupt als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und Alina Fritsch als „Die von der Vorhersehung Übersehene“. Sie fügen zum Enigmatischen das Mythologische hinzu, changierend zwischen einem Dasein als Parzen und Wladimira und Estrella.

Gleich zu Beginn nimmt Haupt die Universumsperspektive ein. Schildert die Ausdehnung und den Zerfall der Sonne in Milliarden von Jahren, roter Riese, weißer Zwerg. Die Sonne wird die Erde erst verstrahlen, dann vergasen, sagt sie. Das ist Köcks „Poetik des Transvisuellen“, und die Bilder dazu sind diametral banal. Im Wesentlichen wird im Wortsinn im Gatsch gespielt. Die Flut hat ihre Schlammmassen hinterlassen.

Des Weiteren kommen vor: ein in Neonfarben gestrichenes Paar (Marta Kizyma und Christoph Radakovits), das sich wie wahnsinnig auf die nächste Finanzblase freut, drei Klischee-Schwarze, Nancy Mensah-Offei, Marie-Christiane Nishimwe und Sopranistin Bibiana Nwobilo, die eine Handvoll Arien zum Besten gibt, ein UNO-Soldat und Rokoko-Kostüme. Warum? Man weiß es nicht. Sven Dolinski, ausgestattet mit dem Mantra „Why Should I Want To Be In This Picture?“, Anna Sophie Krenn und Leonhard Hugger gehören ebenfalls zu diesem immer wieder über die Bühne driftenden Chor. Mittels ihm schiebt Köck auch noch zwischen die Szenen seine mäandernden Wortströme: „aber / es entsteigen der materialflut aufgescheuchte erinnerungen / ohne eigentümer“.

Philipp Hauß als Architekt mit Marie-Christiane Nishimwe, Nancy Mensah-Offei, Marta Kizyma (im Vordergrund) und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Köck hält die Überflutung des Theaters mit seinen Textmengen von Stück zu Stück konsequent durch. Er macht sie zu seinem ästhetischen, ja zum „politischen“ Prinzip, die Überforderung gleichsam zum Programm. Die Burgkräfte kann das freilich nicht wegschwemmen, so richtig mit Verve ist aber auch kaum einer bei der Sache.

Am ehesten schaffen es noch Peter Knaack als psychisch und ökonomisch an der mühsam errungenen Selbstständigkeit gescheiterter Vater und Philipp Hauß als Beobachter, wie der Reichtum Manaus in der abebbenden Konjunktur erst den Bach und dann den Amazonas runtergeht, ihren Rollen Seele einzuhauchen. Gemeinsam (obwohl nie zusammen in einer Szene) verkörpern sie eine in Alternativelosigkeit verfangene Gegenwart und jenen Imperfekt, der das angerichtet hat, was Status Quo ist.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Bronski & Grünberg Theater: Kasimir & Karoline

April 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein purer, ehrlicher, beinharter Horváth

Er beherrscht die lauten, wie die leisen Momente der Inszenierung: Christian Strasser als Kasimir. Bild: © Dietmar Tollerian

Und wieder eine sehenswerte Produktion im Bronski & Grünberg Theater. Regisseurin Katharina Schwarz hat „Kasimir & Karoline“ inszeniert, das Stück mit dem Untertitel „Drei Abnormitäten üben Empathie“ und ergo dem Zusatz „nach …“ versehen – doch was sie auf die Bühne stellt, ist ein so purer, ehrlicher, beinharter Horváth, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Wobei, Bühne ist nicht. Schwarz hat im kleinen Spielraum inmitten des Publikums Platz für vier Stationen gefunden, an denen die Oktoberfest-Entgleisungen stattfinden. Eine davon ist eine Karaoke-Bar, in der sich die diversen Unersättlichkeiten von der Seele gesungen werden. Eine ein schnapstrunkener Schanigarten-Campingtisch. Eine unter einer Glühbirne, hier werden die dunkelsten Ecken des menschlichen Daseins ausgeleuchtet. Und der junge Mann, der in der zweiten Reihe Lolli lutscht, gehört natürlich auch schon dazu.

Es sind drei Schauspieler, die den Horváth-Text stemmen: Christian Strasser, Katharina Wawrik und Robert Finster, und alle drei verfügen sie über ein ausgeprägtes komödiantisches Talent. Denn Schwarz hat sich das Gfeanzte bei Horváth auf die Fahnen geschrieben, ihre Arbeit changiert zwischen satirisch und sarkastisch, und es ist schon zum Lachen, wenn die berühmten Sätze wie Stammtischsprüche deklamiert werden: „Man muss das immer trennen, die allgemeine Krise und das Private“, „Wenn es dem Manne schlecht geht, dann hängt das wertvolle Weib nur noch intensiver an ihm“, „Wir sind alle nur Menschen, besonders heute“ – und sehr schön: „Jähzornige Leute sind ja meistens gutmütig“.

Der Kommerzienrat hat ein Auge auf Karoline geworfen: Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Doch die lutscht lieber Lolli mit dem Schürzinger: Katharina Wawrik und Robert Finster. Bild: © Dietmar Tollerian

Schwarz zeigt ein tiefes Verständnis für die Horváth-Sprache. Sie charakterisiert über sie die Figuren, lässt ihr Trio wahlweise im brutalen Jargon, im gepflegten Dialekt oder in der vom Autor vorgeschriebenen Kunstsprache sprechen, und so macht sie Kleinbürger zu Kunstfiguren, Proletarier zu Proleten. Dazwischen, nein: in der Hauptsache, weiß sie um die Macht der Horváth’schen Pausen, seine Leerstellen im Gesprochenen, die Sprachlosigkeit und dem Ringen der Charaktere um Ausdrücklichkeit, und pflegt dies besonders sorgfältig. Die Schauspieler „schweigen“ das Unaussprechliche nicht nur an, sie loten es aus. Mit den letzten Takten aus „Cabaret“, Trommelwirbel, Tusch, werden die kurzen Szenen als quasi Blackouts getrennt.

Die Darsteller (re)agieren mit Tempo und Temperament und in erster Linie Trotz aufs Leben an sich und die Verhältnisse im Besonderen. Die Stimmung wechselt zwischen naiver Verbitterung, abgeklärtem Weltverstehen und aggressivem Selbstmitleid, man ist mal personifizierte Empörung, mal hektisch und zänkisch, die Auseinandersetzungen sind lautstark – und umso mehr berühren die leisen Momente der Aufführung. Vor allem Christian Strasser als Kasimir erweist sich diesbezüglich als ein Meister.

Mit einem Handgriff wird aus einer Rolle eine andere. Strasser verwandelt sich mit Sonnenbrille und Zigarre in den großkotzigen Kommerzienrat, Robert Finster ist – graue Strickweste an, graue Strickweste aus – bald ein schüchtern-ängstlicher Zuschneider Schürzinger, bald der Kleinkriminelle Merkl Franz, Katharina Wawrik wird mit rosa Perücke von der Karoline zur Merkl Franz seiner Erna. Es folgen Frontalangriffe mit Alkohol und Freddie Mercurys „Don’t stop me now“. Fantastisch, wie schlecht und falsch das Ensemble insgesamt singt; auf dem Höhepunkt der Handlung und seiner Verlassenheit interpretiert Kasimir/Strasser Tammy Wynettes „Stand by your man“. Auf dem Weg nach Altötting fliegen schließlich ein Büstenhalter weit und ein rechter Arm in die Höhe …

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Katharina Wawrik, Robert Finster und Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Derart subtil sind Schwarz’ Anmerkungen zur Zeitgeschichte und zum gegenwärtigen Zeitgeschehen. Am Ende folgt das Mantra ”Es geht immer besser, besser, besser …“, 1932 so aktuell wie 2017, die Rollen verschwimmen, nicht länger ist klar, wer ist wer, der Bub mit dem Bulldoggenkopf, Juanita, das Gorillamädchen, jeder Zeit ihre Monstrosität. Denn, siehe Untertitel, die Abnormitäten sind längst wir. Freigesetzt, gekündigt, vom Arbeitsplatz entfernt.

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln, und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen…“ Zu sehen bis 6. Mai. Im Mai gibt es auch Zusatzvorstellungen von „Der Spieler“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24236

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 13. 4. 2017

Volksoper: La Wally

März 26, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Und die Lawine ist Mensch geworden

Auf Strommingers Fest geraten Freund und Feind erstmals aneinander: Vincent Schirrmacher als Giuseppe Hagenbach, Kari Postma als Wally, Kurt Rydl als Stromminger, Bernd Valentin als Vincenzo Gellner und der Volksopern-Chor Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper wird erstmals Alfredo Catalanis „La Wally“ gezeigt, und zumindest was das Musikalische betrifft, ist die Aufführung eine einzige Beglückung. Sowohl die Solisten als auch der wie immer souveräne Chor der Volksoper wurden nach der Premiere mit großem Applaus und vielen Bravi bejubelt, Hausdebütantin Kari Postma für ihre Sangesleistung als Titelheldin gar mit Bravissima-Rufen gefeiert. Dieser Erfolg ist durchaus als Verdienst von Dirigent Marc Piollet zu erachten.

Der das Orchester mit so sensibler wie sicherer Hand in lichte Höhen führte, und mit seiner einfühlsamen Art die Sänger auf diesem Wege folgen ließ. So wie die norwegische Sopranistin mit ihrer tadellosen, stimmgewaltigen Leistung konnten auch die Darsteller der männlichen Protagonisten überzeugen: Vincent Schirrmacher lässt als Hagenbach seinen hellen Tenor erklingen, ihm gelingen Spitzentöne, so klar wie ein Gebirgsbach. Mit jugendlicher Heldenstimme trägt er die lyrischen Momente in Catalanis Musik ebenso gekonnt vor wie ihre dramatischen Höhepunkte. Er korrespondiert gesanglich perfekt mit Postma; die beiden geben ein unwiderstehlich tragisches Liebespaar ab.

Als Dritter in diesem Amour-fou-Bunde ist Bernd Valentin mit seinem schön geführten Bariton ein überzeugender Gellner, the one and only Kurt Rydl brilliert als herrischer Stromminger. Annely Peebo und Elisabeth Schwarz gefallen als Wirtin Afra und Wallys Freund Walter. Und Paradebösewicht Daniel Ohlenschläger überzeugt als Infanterist. Einer Rolle, eingesetzt als allegorische Figur, als spielmachender, todbringender Schicksalsschmied, dem am Ende eine ganz besondere Bedeutung zukommen wird …

Arturo Toscanini und Gustav Mahler gelten als Verehrer von Catalanis 1892 uraufgeführtem Werk. Der Komponist ließ sich von Wilhelmine von Hillerns Roman „Die Geier-Wally“ inspirieren, schuf sein famoses Frauenporträt allerdings unter Verzicht auf den Geier, der eigentlich ein Adler ist, und unter Verzicht auf das von der Autorin vorgesehene Happy End. Dies schien ihm wohl zu wenig operntauglich und so handelt seine Story ausschließlich von der desaströsen Liebesgeschichte. Der tyrannische Gutsherr Stromminger will seine Tochter Wally mit seinem Gutsverwalter Gellner verheiraten. Doch das sturschädelige Mädchen schmachtet heimlich nach dem draufgängerischen Jäger Hagenbach. Als sie, die reiche Tochter aus besserem Bauernhause, die arme Wirtin Afra verspottet, tritt Hagenbach zu deren Ehrenrettung an.

Der Vater unterdrückt seine Tochter: Kurt Rydl und Kari Postma. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gellner wirbt um Wally: Bernd Valentin und Kari Postma … Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

… doch die liebt nur Hagenbach: Kari Postma und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wally demütigt Afra: Kari Postma und Annely Peebo. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er stiehlt Wally beim Tanz den Kuss, den sie niemals einem Mann geben wollte. Die Brüskierte erbittet von Gellner Hagenbachs Tod, der greift zur Flinte, und zu spät erkennen die Figuren wer hier wen wirklich liebt. Wally flieht in die Berge, Hagenbach aber hat das Attentat überlebt und eilt ihr nach, doch eine Lawine gibt den beiden den Rest. Ein Ende unter Schneemassen, das bühnentauglich und unpeinlich kaum umzusetzen ist … Catalani zeigt einen hartleibigen Menschenschlag, und seine Hauptfigur darunter als die härteste und kratzbürstigste; die Charaktere sind so karstig gezeichnet, wie die Tiroler Berge, die sie umgeben. Die Musik ist mal hochdramatisch, mal lakonisch knapp, mal setzt Catalani mit ihr sarkastische Akzente, mal lässt er sie ganz zart – in allen Augenblicken aber ist sie aufwühlend und vorwärtstreibend. Der Verismo lässt grüßen!

Während nun Marc Piollet diese Vielschichtigkeit am Pult einwandfrei umzusetzen vermag, gelingt Aron Stiehl mit seiner Inszenierung wenig bis gar keine Nuancierung. Der Regisseur störte die Sänger nicht beim Singen, ist dazu ein passendes Bonmot, es heißt aber auch, dass Stiehl, der mit „La Wally“ erstmals eine Arbeit an der Volksoper vorlegt, sein Ensemble darstellerisch sehr allein gelassen hat. Er hat das Personal nicht ausreichend psychologisiert, um die Rollen als individualisierte Charaktere neu zu formen. Da singen sich herausragende Kräfte im Wortsinn die Seele aus dem Leib, aber ihre Figuren bleiben davon völlig ungerührt; man weiß szenisch einfach nichts mit sich anzufangen.

Je nach Temperament retten die Sänger sich in eine Art Schreckstarre, agieren hingegeben an die Hybris der von ihrem Stolz zerfressenen Protagonisten oder irren auf der Bühne plan- und ziellos umher. Manche Momente wirken so hilflos, man weiß nicht, ob lachen oder weinen. Zwar hat Frank Philipp Schlößmann ein abstraktes, geröllgraues, jeder Kitschfalle entgehendes Bühnenbildmassiv erschaffen, das immer wieder überraschende Ein- und Durchblicke in seine klaustrophobischen Räume freigibt, doch eine auf Dauerrotation geschaltete Drehbühne bringt noch keine Bewegung ins Geschehen. Der Einfälle sind also wenige, dafür manche Ideen ziemlich abstrus. Etwa, wenn sich Gellner, nachdem Wally sich ihm ergeben hat, mitten auf dem Dorffest sein Hosentürl aufreißt, sich über das Weib beugt und – Blackout. Das Schlussbild allerdings gelingt Aron Stiehl beeindruckend gut. Denn, apropos: Kitschfalle, der Regisseur hat sich für den Schneetod etwas Spezielles einfallen lassen:

Hinten die Mensch gewordene Schneelawine, vorne der Infanterist: Daniel Ohlenschläger, Kari Postma und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Auftritt Schirrmachers Hagenbach im weißen Anzug. Er bittet Wally zu sich. „Komm mit mir in ein neues Leben …“ heißen die Zeilen, die Stiehl elegant neu interpretiert. So nämlich, als wäre Hagenbach durch Gellners Schuss doch gestorben und würde nun als quasi Mensch gewordene Lawine die geliebte Wally nachholen wollen. Die streckt ihre Arme dem Infanteristen entgegen, der aber hat ihr Geschick gesiegelt. Und das ist so stark, dass es einen die Schwächen davor milder sehen lässt …

www.volksoper.at

Wien, 26. 3. 2017

Burgtheater: Die Orestie

März 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus Rasenden werden keine Wohlgesinnten

Die Erinyen besingen für die Götter das Schicksal des Hauses der Atriden: Andrea Wenzl, Barbara Petritsch, Sarah Viktoria Frick, Caroline Peters, Irina Sulaver, Aenne Schwarz und Maria Happel. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Gewalt des Bildes schlägt einen vom ersten Augenblick an in Bann. Schwarz ist die Erde, der Himmel verfinstert, purpurdunkles Blut bewegt sich als Rinnsal Richtung Rampe. Mittendrin sieben weißzerlumpte, wie in ihre Hautfetzen gekleidete Gestalten, die Bürger von Argos? – auch, vor allem aber die Erinyen. Beklagen die einen den auf dem Haus der Atriden lastenden Fluch, so die anderen ihr eigenes Schicksal.

Nämlich von Pallas Athene dazu verdammt zu sein, die innerfamiliäre Mord-und-Totschlag-Serie nicht länger anzustacheln, weil, wo Blut fließt, ist immer eine Erinys, und sich dem Recht und der Gerichtsbarkeit der Göttin zu unterwerfen. Dies ist es also, was Regisseur Antú Romero Nunes an Aischylos‘ „Orestie“ interessiert. Die zwangsweise Umwandlung der Rachefurien in den Menschen Wohlgesinnte – und die Frage, wie dauerhaft ihre primitiven Prinzipien mit der Farbe der Demokratie zu übertünchen sind. Nunes stellt damit die Frage zur Zeit, treiben doch gerade weltweit Hasardeure des Populismus ihr übles Spiel mit parlamentarischen Grundregeln, setzen Schreihälse mit ihren Parolen jede Rationalität außer Kraft, wagt sich der überwunden geglaubte völkische Ungeist wieder aus seinem Loch. Es wird sich zeigen, inwieweit das Alte durch ein Neues zu ersetzen ist …

Mit den Schauspielerinnen Caroline Peters, Maria Happel, Andrea Wenzl, Barbara Petritsch, Aenne Schwarz, Sarah Viktoria Frick und Irina Sulaver hebt Nunes die Dramentrilogie auf die Bühne des Burgtheaters. Jede von ihnen ist nicht nur eine im Kollektiv Rasende, sondern auch Protagonistin, nicht nur Chormitglied, sondern auch psychologisierte Figur. Denn es gelingt Nunes tatsächlich – soweit Aischylos es zulässt – aus dessen archaischen Archetypen modern anmutende Charaktere zu formen. Da steht der einen die Angst ins Gesicht geschrieben, verzerren sich die Züge einer anderen vor Eifersucht und Wut, verzweifelt eine dritte an ihren Weissagungen.

Kassandra warnt – wann hätte ein Orakel den Menschen je Gutes gebracht: Andrea Wenzl. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Klytaimestra tötet Agamemnon und Kassandra: Caroline Peters, Maria Happel und Andrea Wenzl. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Wohl nur am Burgtheater ist eine solch mimische Meisterleistung möglich. Die glorreichen Sieben schaffen es mühelos, die Maskerade zu bedienen, ohne hinter der Maske zu verschwinden. Mit großer Prägnanz gestalten sie ihre Rollen und immer wieder blitzt hinter der Entstellung die Darstellerin auf. Man erkennt sie an ihren unvergleichlichen Stimmen, auch am Gestischen, die Happel, die Petritsch, die Peters.

Die Geschichte des atridischen Schlachthauses ist bekannt, von Iphigenies Opferung über Agamemnons Heimkehr aus Troja mit Kriegsbeute Kassandra und Ermordung beider durch Klytaimestra bis zu Elektras Ruf nach Vergeltung und Orestes, der diesen erhört. Nunes braucht für das Gemetzel knapp zweieinhalb Stunden. Die Kraft, ja die Opulenz seiner Inszenierung liegt in ihrer Reduziertheit. Ein Weniges, ein schneller Feuerzauber, ein rascher Regenguss, genügen ihm, um Atmosphäre zu schaffen. Auch Versatzstücke benötigt er nicht viele. Mit zwei, drei Handgriffen schält sich aus dem Schwarm ein Individuum. Maria Happels lakonisch-komischer, ermüdeter Held Agamemnon trägt als Metapher Kothurn, der heißspornige Orestes von Aenne Schwarz einen überlebensgroßen Kinderkopf aus Pappmaché. Es ist eine der schönsten Ideen dieses exzellenten ästhetischen Konzepts, wie der Vater im Moment des Todes jene sterbliche Hülle abstreift, die der Sohn später anlegen wird.

Caroline Peters als Klytaimestra zischt erst vor devoter Wut, sie schwankt zwischen Götterfurcht und Eifersucht, bis sie triumphierend zum Vergeltungsschlag ausholt. Ihr, der Gerechtigkeit Suchenden, wird in einer starken Szene die Anklage der Erinyen gelten. Barbara Petritsch gibt den Strahlemann und Klytaimestra-Beschlafer Aigisthos mit stolz geschwellter Brust und ist später als Amme eine Klasse für sich. Andrea Wenzel glänzt in einem Kurzauftritt als Kassandra, Sarah Viktoria Frick treibt ihr eigenes Spiel und Bruder Orestes in die Bluttat. Irina Sulaver schließlich tritt als Athene geharnischt aus dem Opferrauch und verkündet mit Donnerstimme die neue Wahrheit. Es folgt Orestes Freispruch.

Der Chor tröstet Elektra: Sarah Viktoria Frick mit Peters, Happel, Schwarz, Sulaver, Wenzl und Petritsch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Klytaimestra will Orestes besänftigen, doch der Sohn schlüpft in die abgelegte Haut des Vaters: Caroline Peters und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Erinyen, nun in entwürdigende, buntrüschige Kleidchen gewandet, müssen sich scheinbar fügen. Und den Frieden preisen. Doch Obacht, aus Rasenden werden keine Wohlgesinnten, Europas Angst und Schrecken wird „stets als Wächter vor dem Herzen sitzen“. So schreibt es Aischylos 458 vor Christus. Antú Romero Nunes hat die Aufgabenstellen, dem antiken Drama gerecht zu werden und trotzdem durch eine Handvoll Hinweise aufs Heute zu verweisen, mit Bravour gemeistert. Als der Vorhang fällt, braucht das Publikum einen Moment, um sich von der Bühne zu lösen und im Zuschauerraum anzukommen. Dann folgt großer Jubel und Applaus.

www.burgtheater.at

Wien, 19. 3. 2017