Burgtheater: Die Bakchen

September 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aufmarsch von rechts außen

Der Chor der Bakchen marschiert durch Ulrich Rasches Maschinentheater; vorne: Markus Meyer als Chorführer. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Nahe am Abgrund marschieren, nein: eigentlich schleichen, sie im Gleichschritt über sechs den Raum durchmessende Laufbänder, dreieinhalb Stunden in ständiger Bewegung, in angeschrägter Hoch- und Tieflage geht‘s mal steil hinauf, mal abschüssig hinab, doch sind statt des Rhythmus‘ aufstampfender Kampfstiefel im Stakkato hervorgestoßene Sätze zu hören – von Protagonisten wie Chor, schwarzgewandet allesamt.

Nicht mehr als Schemen sind sie, im schwefeligen Gegenlicht, im Infight mit der Macht der Maschine, die ganze Aufführung ein körperlicher Akt … Die Neuerfindung des Burgtheaters hat gestern Abend begonnen. Ulrich Rasche bescherte dem Publikum zum Auftakt der Direktion Martin Kušej eine Inszenierung der Extraklasse. Seit etwa einem Jahrzehnt feiert der Regisseur und Bühnenbildner mit seinem monumentalen Maschinentheater Triumphe, zelebriert bildgewaltig und textkonzentriert die Sinnlichkeit des Abstrakten, und erzählt des Themas nimmermüde von der Selbstentfremdung des Menschen im Wechselfall von exzessivem Individualismus und gewissenloser Konformität.

In Wien nun ließ Rasche die hypnotische Sogwirkung seiner Arbeiten sich via „Die Bakchen“ entfalten, Euripides‘ letztem Meisterwerk, geschrieben nach 30 Jahren Krieg mit Sparta und kurz vor der Niederlage Athens, uraufgeführt posthum, 405 v. Chr. bei den Tragödienwettbewerben der Polis, und deren Siegerstück. Diverses wurde über das Drama schon gedeutelt, in dem Dionysos in seiner Geburtsstadt Theben einfällt, um sich an deren Bewohnern zu rächen, weil diese die Göttlichkeit des Sohns von Zeus und König Kadmos‘ Tochter Semele nicht anerkennen. Lang stand bei den Theatermacherinnen und -machern der Schutzherr der Ekstase hoch im Kurs, doch scheint’s sind dieser Zeiten die ethischen Anliegen andere.

Rasche hat auf die Ambiguität der verstörenden Vorlage gepfiffen. Er blendet Problematiken, die sich durch die Gegenüberstellung von Ratio und Raserei stellen, blendet die Frage, ob tatsächlich der Rigorose oder der Wilde Despot ist, aus. Seine Sympathien gelten, sein Brennglasblick konsequent auf die Gegenwart gerichtet, eindeutig Thebens Herrscher Pentheus, für Rasche ein Verteidiger demokratischer Errungenschaften, dem zur Verdeutlichung seiner politischen Haltung eine Perikles-Rede und ein Fragment des Kritias in den Mund gelegen wurden, und der den dionysischen Ausschreitungen mit den Mitteln des Rechtsstaats den Garaus machen will. Er ist der Gegenpol zum grausamen, gewalttätigen Gott, der in dieser Aufführung ganz klar Anthroporrhaistes, der Menschenzerschmetterer, und nicht Lysios, der Sorgenbrecher, ist.

Franz Pätzold brilliert als wütender Gott Dionysos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Martin Schwab als Kadmos, Felix Rech als Pentheus und Hans Dieter Knebel als Teiresias. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Auftritt der famose, mit Gänsehautstimme gesegnete Franz Pätzold als Dionysos, um seine bösen Absichten kundzutun, ein Hass sprühender, manipulativer, wenn man‘s so lesen will: „rechtspopulistischer“ Demagoge, der seine Anhängerschar, die fanatische Armee der Bakchen, Motto: Gehorsam sein anstatt sich eigene Gedanken machen, zu Mord, Totschlag, Gräueltat anführt. Und wie diese ihren totalitären Anspruch auf Land und Leute skandieren: „Wir holen uns unser Land zurück. Diese Stadt gehört uns. Wie haben kein Recht zu scheitern“, später: „Wir werden immer mehr. Unsere Erregung steigert sich zur Raserei!“

Derart bekundet Rasche sein Bestreben das griechische Theater als Vehikel für Äußerungen zur aktuellen Lage der Nation zu nutzen, ohne groß zu verschleiern, auf wen diese abzielen. Euripides wird zur Schablone für Rasches gesellschaftspolitisches Statement. Sein Schattenspiel in Slow Motion begleitet Minimalmusic von Nico van Wersch, dargeboten von einem Streichquintett, Tenor und Bariton und der großartigen Schlagwerkerin Katelyn King, die mit ihrer Batterie an Trommeln und Pauken nicht nur den Rhythmus fürs Geschehen vorgibt, sondern mit ihrem Sound eine archaisch anmutende Atmosphäre schafft.

Ihr Taktschlagen besiegelt sozusagen den Untergang der Zivilisation. Pätzolds charismatischem Dionysos entgegen stellt sich aber Pentheus, dargestellt von Felix Rech, um nichts weniger „lärmend“ als sein Widerpart, ein starker Machthaber, der nicht an einen Führer, sondern an Verfassung und Gesetze, freie Bürger und den Schutz für Unterdrückte glaubt. Wie Raubtiere lässt Rasche Rech und Pätzold nebeneinander her gleiten, ohne, dass sie einander auch nur einmal eines Blickes würdigen. Pentheus lässt den in Menschengestalt erschienenen Gott verhaften, was dem freilich kein Hindernis ist, die Thebanerinnen – und bei Rasche auch – Thebaner in seinen Bann zu ziehen und auf den Berg Kithairon zu locken. Unter den frisch rekrutierten Bakchen ist auch Pentheus‘ Mutter Agaue, Kadmos zweite Tochter, was Dionysos und Pentheus de facto zu Cousins macht.

Den gemeinsamen Großvater Kadmos gestaltet der Doyen der Produktion, Martin Schwab, wie einen modernen Altpolitiker. Schwabs Kadmos hat genug Wissen und Erfahrung, um die Vorgänge rund um Dionysos zu durchschauen, doch rät er aus opportunistischen Gründen dazu, sich ihnen nicht entgegenzustellen, sondern sie für die eigenen Zwecke einzusetzen. Er selbst erhofft sich durch die Verwandtschaft zum numinosen Enkel einiges: Ruhm und Ehre für die Sippe. Wie Schwab seinen alten Freund Teiresias, Hans Dieter Knebel als Hüter der Religion, dazu anstiftet, ihm zu zeigen, wie man tanzt, wollen sich die beiden Greise doch mit den Bakchen im Wald vergnügen, wie er einen kleinen Hüftschwung probiert, da menschelt es plötzlich an diesem ansonsten durchchoreografierten Abend.

Zu spät kommt über Agaue die Erkenntnis: Katja Bürkle, hinten: Martin Schwab als Kadmos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Markus Meyer macht den Chorführer und hat als solcher auch einige Solostellen. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dionysos lockt alldieweil Pentheus auf den Berg, vorgeblich, damit er die Bakchen-Briganten in ihrem kollektiven Rausch beobachten kann, doch er wird entdeckt und von der wütenden Meute in Stücke gerissen. Pätzold zitiert darüber im Hacksprech Nietzsches Zarathustra: “Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: – ihr – habt – noch – Chaos – in – euch!“ Die Masse hat über die Macht gesiegt. Zum Ende erklärt Kadmos seiner Tochter Agaue in quälerisch langsamer Behutsamkeit, dass der Kopf, den sie in der schwarzblutigen Hand hält, nicht der eines Berglöwen ist.

Sondern der ihres Sohnes, den ihr Toben tötete. Da entfährt Schwab ein so tiefer, grässlicher Klagelaut aus der Brust, dass es einen schaudern macht. Nach der ihren Gipfelpunkt erreicht habenden Gewalt-Orgie ist dies der unerwartete Antiklimax der Aufführung: Katja Bürkle überzeugt als Schmerzensmutter aus eigenem Verschulden, sie ist die gramgebeugte Menschin, die Verliererin im Kräftemessen der Männer, und wie die Bürkle das spielt, von Erstaunen zu Erkenntnis zu Entsetzen, beinhaltet mehr Emotionspsychologie, als die alten Griechen je zugelassen hätten.

Markus Meyer ist ein ausgezeichneter Chorführer, dem ein paar Solostellen überantwortet wurden, der aber auch in der Gruppe dank seiner besonderen Ausstrahlung jederzeit zu erkennen ist. Und während die Figur mit dem absoluten Machtanspruch, Dionysos, weiter zieht und die Zuschauer gleichsam durch die Zeitgeschichte führt, versuchen die Restthebaner, im Bewusstsein, wie steinig dieser Weg sein wird, zu einer geordneten Gesellschaft zurückzukehren. „Die Bakchen“ präsentiert Ulrich Rasche als „Ritualhandlung“, als im Wortsinn „schwarze Messe“. Hervorragend gelungen sind bei dieser Einstiegsproduktion des neuen Burgtheater-Teams außerdem die martialischen, viel Haut zeigenden Kostüme von Sara Schwartz und die – um den Einsatz einer Livekamera erweiterten – Videos von Sophie Lux.

Rasche indes hat es geschafft, bewährte und neue Ensemblemitglieder des Hauses nahtlos zusammenzufügen, alle miteinander Ausnahmeschauspieler, was Präzision und Präsenz betrifft, allesamt imstande gemeinsam mit der Laufbandhydraulik in höhere Sphären abzuheben – und dass Pätzold und Rech einander vom Typ, von der Körpersprache und der Stimmführung her ähnlich sind, ist ein zusätzlich prickelndes Moment. Man darf’s ruhig sagen: Diese „Bakchen“ sind ein Gesamtkunstwerk, anhand dessen Rasche gekonnt den Widerstreit zweier Weltsichten, den Kampf demokratischer vs. antidemokratischer Kräfte durchdekliniert. Auf welcher Seite Kušejs Burgtheater steht, ist logisch, auch, dass das Haus sich in dieser Stadt, in diesem Land politisch einmischen wird. Der Applaus dafür war laut und lang.

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  1. 9. 2019

Schikaneder: Milica Jovanovic im Gespräch

September 30, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie spielt die Ehefrau Eleonore

Milica Jovanovic und Mark Seibert als Eleonore und Emanuel Schikander. Bild: Rafaela Proell

Milica Jovanovic und Mark Seibert als Eleonore und Emanuel Schikaneder. Bild: Rafaela Proell

Wenn sich heute Abend im Raimund Theater der Vorhang hebt, wird sie als Eleonore Schikaneder auf der Bühne stehen. Milica Jovanovic verleiht in der Weltpremiere des neuen VBW-Musicals der Ehefrau des genialen Theatermanns Gestalt und Stimme – und erlebt dabei eine turbulente Liebesgeschichte rund um die Entstehung der „Zauberflöte“. Den Schikaneder spielt Mark Seibert. Das Buch stammt von VBW-Musicalintendant Christian Struppeck, die Musik von Stephen Schwartz. Regie führt Sir Trevor Nunn.

Milica Jovanovic im Gespräch:

MM: Hand aufs Herz, seit wann wissen Sie, dass es einen Wiener Theatermacher namens Emanuel Schikaneder und seine Frau Eleonore gegeben hat?

Milica Jovanovic: Ich habe 2008 zum ersten Mal die Papagena in der „Zauberflöte“ am Staatstheater am Gärtnerplatz in München gesungen und habe da auf dem Deckblatt der Noten seinen Namen gelesen. Von seiner Frau weiß ich erst durch unser Musical.

MM: Ihnen kommt nun die Aufgabe zu, Eleonore Schikaneder zu würdigen. Ich denke, bis dato wusste kaum jemand, wie wichtig Ihre Funktion bei der Entstehung dieses Meisterwerks war. Über sie weiß man wenig, was haben Sie sich also über Ihre Figur erarbeitet und zurechtgelegt? Und mit Augenzwinkern gefragt: Wird’s einen emanzipatorischen Ansatz dabei geben?

Jovanovic: Eleonore ist eine starke, hochintelligente Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Dennoch stieß sie in der damaligen Gesellschaft an ihre Grenzen, weil sie eine Frau war und somit nicht dieselben Rechte besaß. Unser Musical begleitet sie auf dem Weg ihrer Emanzipierung. Ich habe Fakten über Eleonore gesammelt, mit dem Kreativteam und unserer Dramaturgin diskutiert und habe mir anhand der Texte und Lieder meine Eleonore gebaut. Interessant finde ich, dass ich ihr unterbewusst eine tiefere Sprechstimme gegeben habe, als ich normalerweise habe, um aus ihr eine toughe Frau zu machen. Spannend für mich als Schauspielerin ist die Alterspanne, ich zeige Eleonore von Anfang zwanzig bis Mitte dreißig.

MM: Ist es eine besondere Herausforderung Rollen für eine Uraufführung erstmals, heißt: ohne „Vorbilder“, zu gestalten?

Jovanovic: Für mich ist es eine wunderbare Chance und ein Geschenk. Ich darf kreativ sein und mich einbringen. Ich darf singen, wie es aus mir herauskommt und spielen, wie ich es empfinde und somit viel ausprobieren. Unser Regisseur unterstützt uns in diesem Prozess sehr und hilft uns, wenn wir irgendwo steckenbleiben. Ich fühle mich in diesem Team sehr aufgehoben. Und unser Komponist ist fast immer da und passt uns die Songs an. Es ist ein wahr gewordener Traum.

MM: Sie probten sechs Tage die Woche. Wie ist diese intensive Arbeit mit Regisseur Sir Trevor Nunn und Musikchef Koen Schoots?

Jovanovic: Er ist ein wunderbarer Mensch und grandioser Regisseur, immer freundlich und sehr witzig. Mit Koen arbeite ich bereits zum dritten Mal. Jedes Mal staune ich über sein Dirigat, wie er mit mir als Sängerin atmet und mich mit dem Orchester unterstützt, ist einmalig. Jetzt gerade arbeiten wir an den technischen Abläufen, morgen haben wir die erste Bühnenorchesterprobe und darauf freue ich mich schon sehr.

Die Hauptdarsteller auf einer Probe ... Bild: VBW/ Herwig Prammer

Die Hauptdarsteller bei derProbe … Bild: VBW/ Herwig Prammer

... und knapp vor der Premiere. Bild: VBW/Rolf Bock

… und knapp vor der Weltpremiere. Bild: VBW/Rolf Bock

MM: Bei einer ersten Präsentation hat uns Stephen Schwartz in seine Musik hineinhören lassen, sie ist sehr eingängig, lässt für mich klassische Musicalmelodien, aber auch die goldene Operette anklingen als wäre es seine Hommage an die Uraufführungsstadt.

Jovanovic: Stephen Schwartz ist etwas Magisches gelungen. Er schafft es, seine Musik mit Mozart zu verweben und daraus etwas Neues zu schaffen.

MM: Wie hoch ist der Erwartungsdruck, den Sie sich vielleicht auch selber machen, wie hoch die Fallhöhe bei so einem Projekt?

Jovanovic: Ich freue mich jetzt sehr auf das Publikum, um zu sehen, wie die Menschen auf das Stück reagieren, und ob es sie genauso berührt wie mich. Ich hoffe, dass es ein Erfolg wird. Ich spüre insoweit Druck, dass wir alle auf und hinter der Bühne auf Hochtouren arbeiten und alles geben.

MM: Sie haben schon in Wien gearbeitet. Ist es in Wien wirklich so besonders, wie viele Künstler gerne sagen?

Jovanovic: Ja, das ist es. Ich habe selten so ein leidenschaftliches Publikum erlebt. Ich werde nie den Moment und die Reaktionen vergessen, als ich zum ersten Mal die Arie „Liebe stirbt nie“ gesungen habe.

MM: Der vorprogrammierte Hit des Werks heißt ja „Träum‘ groß!“. Wovon werden Sie vor der Welturaufführung träumen?

Jovanovic: Von veganen Cupcakes, Kokoswasser und ausverkauften Vorstellungen.

Was VBW-Musicalintendant Christian Struppeck über „Schikaneder“ sagt: www.mottingers-meinung.at/?p=23050

Was Komponist Stephen Schwartz über „Schikaneder“ sagt: www.mottingers-meinung.at/?p=19731

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Wien, 30. 9. 2016

Schikaneder: Die ersten Szenen des neuen Musicals

September 16, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

VBW-Musicalintendant Christian Struppeck im Gespräch

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Koen Schoots, Bild: VBW/Herwig Prammer

Die Hauptdarsteller Milica Jovanovic und Mark Seibert mit dem musikalischen Leiter Koen Schoots. Bild: VBW/Herwig Prammer

Zum ersten Mal präsentierten die Vereinigten Bühnen Wien Freitagvormittag im Raimund Theater Szenenausschnitte aus ihrem neuen Musical „Schikaneder“. Am 30. September hat die von VBW-Musicalintendant Christian Struppeck erdachte und verfasste und von Stephen Schwartz komponierte Liebesgeschichte rund um die Entstehung der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ Weltpremiere.

„Wir wissen über Schikaneder, dass Zeitgenossen ihn einen Charismatiker nannten, seine Frau Eleonore wird als Schönheit mit silbriger Stimme beschrieben. Mal sehen, ob wir das getroffen haben“, scherzt Struppeck. Der Vorhang hebt sich, gibt den Blick frei auf die beiden Hauptdarsteller Mark Seibert und Milica Jovanović. Es ist das Jahr 1775, die erste Begegnung von Emanuel und Eleonore in Innsbruck, da ist er Star der Theatertruppe von Franz Moser, sie die Newcomerin – und es funkt. Die Anziehungskraft der Bühne, sie wirkt auch zwischen den beiden. Im Orchestergraben sitzt das 32-köpfige VBW-Orchester, der musikalische Leiter Koen Schoots hat am Cembalo Platz genommen. Von dort aus begleitet er auch die Rezitative. „Träum groß!“ geht los, der vorprogrammierte Hit der Produktion, ein Duett im schwungvollen Sound des großen, klassischen Musicals.

Charisma getroffen! Seibert und Jovanović sind ein ebenso charmantes wie schelmisches Paar. Seibert spielt einen Schikaneder, der von seinem Genie überzeugt, auch ein bissl selbstverliebt ist, einen liebenswerten Visionär mit großen Plänen und noch größeren Träumen. „Mach‘ dich von den Fesseln der Wirklichkeit los“, singt er. Die deutschsprachigen Texte stammen einmal mehr von Michael Kunze. Sie aber ist nicht weniger selbstbewusst, wird von Jovanović dargestellt als eine, die dem Schikaneder Paroli bieten kann und will. „Warum spiel‘ ich in diesem Stück nicht den Don Juan?“, wird sich der Theatermagier später fragen. A Powerpaar is born.

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble. Bild: VBW/Herwig Prammer

Szene im Ballettsaal mit Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble … Bild: VBW/Herwig Prammer

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble. Bild: VBW/Herwig Prammer

… in der Eleonore und Emanuel versuchen, ihre Liebe geheim zu halten. Bild: VBW/Herwig Prammer

Eine Einschätzung, die ganz im Sinne des Erfinders ist. „Emanuel Schikaneder war der größte Theatermacher im deutschsprachigen Raum, vielleicht sogar in Europa“, sagt Struppeck. „Er war der Sohn zweier Lakaien, und in der damaligen Zeit war es eigentlich unmöglich dorthin zu kommen, wo er hingelangt ist, an die Spitze der Wiener Bühnenlandschaft. Er war ein Magier der Bühne, er hatte Mut zum Experiment, er war als Sänger, Schauspieler, Dichter und Produzent ein Universaltalent, ein Vorgänger Johann Nestroys und Max Reinhardts und, indem er die Wichtigkeit des Schauwerts von Aufführungen erkannt hat, ein Vorreiter des modernen Musicals.“

Worte, die so etwas wie Seelenverwandtschaft vermuten lassen. Seit mehr als fünf Jahren arbeitet das Leading Team an der Produktion, inspiriert hat Struppeck eine Schikaneder-Büste, die er im Salzburger Landestheater gesehen hat. Historisch, sagt er, ist sein Buch „erstaunlich akkurat. Natürlich sind nicht alle Details bekannt, aber die Geschichte ist schon so passiert“. Die Geschichte des Musicals ist die der „Zauberflöte“ minus Mozart. Struppeck: „Schikaneder ist der Kopf dahinter, die ,Zauberflöte‘ ist seine Idee, er hat Mozart engagiert, er hat den Papageno der Uraufführung gespielt. Mit dem Gewinn, den er daraus erzielt hat, hat er das Theater an der Wien gekauft.“ Heute ein Haus der Vereinigten Bühnen.

Auch eine berühmt-berüchtigte Anekdote wird vorkommen, nämlich, „dass Schikaneder das Federkostüm schon für ein anderes Stück hatte, aber dann doch nicht verwenden konnte. Er wollte das teure Teil aber nicht verschwenden, indem er’s weggeworfen hätte – und so wurde aus Papageno ein Vogelhändler.“ Was Struppeck bezüglich Plot jedoch viel mehr interessierte als solcherart Histörchen, war, dass Schikaneder alle Unternehmungen gemeinsam mit Eleonore vornahm. „Sie haben die Stoffe gemeinsam entwickelt und umgesetzt, das ist unser Blickwinkel im Stück: Schikaneders Ehe mit dieser besonderen Frau, über die man bis dato so wenig wusste.“

Milica Jovanovic und Mark Seibert. Bild: VBW/Rolf Bock

Milica Jovanovic und Mark Seibert. Bild: VBW/Rolf Bock

Franziska Schuster, Armin, Kahl, Katie Hall, Florian Peters und Katja Reichert. Bild: VBW/Rolf Bock

Franziska Schuster, Armin, Kahl, Katie Hall, Florian Peters und Katja Reichert. Bild: VBW/Rolf Bock

Auf der Bühne sind die Darsteller bereit für die zweite Szene. In „Irgendwas passiert“ tratschen sich die Theaterkollegen im Ballettsaal den Mund über die Liebesaffäre zwischen Emanuel und Eleonore in Fransen. Ein Ausschnitt, der beweist, dass bei all den großen Gefühlen auch das Komödiantische nicht zu kurz kommen wird. So wie Hardy Rudolz, als Franz Moser mit überdimensionaler Perücke und Ballettmeisters Stock ausgestattet, da versucht seine Mimen bei und an der Stange zu halten, wird’s witzig. Auch bei den unzähligen Kostümen zeigt sich die Liebe zum Detail zweier Tony-Preisträger – Regisseur Sir Trevor Nunn und Ausstatter Anthony Ward. Weil die Kostüme optisch der Zeit angepasst sein sollten, wurden sie aus historischen Beständen gefertigt, Schmucksteine, Pailletten sind tatsächlich aus anno dazumal, die Knöpfe wurden aus alten Bordüren oder Spitzenbesätzen gepresst.

Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seiber und Sir Trevor Nunn. Bild: VBW/Rolf Bock

Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seiber und Sir Trevor Nunn. Bild: VBW/Rolf Bock

Struppeck freut sich, dass es immer wieder möglich ist, die Superstars unter den Musicalmachern nach Wien zu holen. Obwohl: „Das internationale Team ist eine logistische Herausforderung, man muss gut vorbereiten, wo man wann mit wem arbeitet. Denn ein Musical kann man nicht am Schreibtisch entwickeln, das muss man immer wieder ansehen und anhören.“ Sein Gemütszustand nun, so knapp vor der Uraufführung?

Er lacht. „Sagen wir: Die nächsten 14 Tage werden turbulent, das macht aber auch sehr viel Spaß.“ Turbulent wird es mittlerweile auch auf der Bühne. Finale des 1. Akts. Schikaneder und Eleonore sind zu Seitenspringern geworden. Sie geht mit Johann Friedl nach Wien, er bekennt sich öffentlich zu seinem Pantscherl mit Maria Anna Miller, das Ensemble glaubt sich ob dieser Trennung erledigt. Mit Seibert und Jovanović treten in dieser Szene auch Florian Peters und Katie Hall als Solisten auf. Und, ja, da denkt man sie zu hören: Zauberflöten-Zitate! Zumindest sind’s deutliche „dramatische“ Opernklänge, die Stephen Schwartz da aufs Notenblatt gebannt hat. Hunderte echte Kerzen sorgen für ein stimmiges Lichtdesign. Das lässt sich über „Schikaneder“ jetzt schon sagen: Es wird bestimmt bombastisch. Der erste Eindruck ist jedenfalls hinreißend.

Was Komponist Stephen Schwartz über „Schikaneder“ sagt: www.mottingers-meinung.at/?p=19731

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Wien, 16. 9. 2016

Schikaneder: Ab 30. September im Raimund Theater

Mai 10, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Vereinigten Bühnen präsentierten ihr neues Musical

Erste musikalisce Kostprobe: Milica Jovanovic und Mark Seibert singen als Eleonore und Emanuel Schikaneder "Träum groß!". Bild: VBW

Erste musikalische Kostprobe: Milica Jovanovic und Mark Seibert singen als Eleonore und Emanuel Schikaneder „Träum‘ groß!“. Bild: VBW

Als schließlich zum ersten Mal vor Publikum der vorprogrammierte Hit „Träum‘ groß!“ intoniert wurde, klang es schon so, als würde Wolfgang Amadé ums Eck grinsen. Was nicht zuletzt daran lag, dass Dirigent Koen Schoots sein 31-köpfiges Orchester „mozartisch“, das heißt: „in der Fast-Original-Zauberflöten-Besetzung“, aufgestellt hat. Mark Seibert und Milica Jovanovic sangen das Liebesduett von Eleonore und Emanuel Schikaneder.

Denn darum geht’s im Wesentlichen, die turbulente Liebesgeschichte des genialen Wiener Theatermachers und seiner Frau. Das alles rund um die Schöpfung der „Zauberflöte“, deren Librettist und Ur-Papageno der Schauspieler, Sänger und Regisseur war. Und, nein, Mozart kommt diesmal nicht vor. Wie das geht, kann man ab 30. September, also genau 225 Jahre nach der Erstaufführung der Freimaureroper, erleben, wenn die Vereinigten Bühnen „Schikaneder“ als insgesamt dreizehnte Musical-Uraufführung des Unternehmens auf die Bühne des Raimund Theater heben.

Intendant Christian Struppeck, als Autor auch für das Buch verantwortlich, stellte die Produktion Dienstag Vormittag gemeinsam mit seinem „Schreibpartner“, dem Komponisten und Liedtexter Stephen Schwartz vor. Der Oscar-, Grammy- und Golden-Globe-Preisträger ist ein Showman. Und so war ein Klavier flugs zur Stelle, auf dem der New Yorker Musiker für die Presse und einige handverlesene Musicalfans ein Best-of seiner Melodien zum besten gab. Dazu erklärt er in Kurzfassung die Handlung: Man lernt sich kennen, „We are only young once“, doch er kann seine Angewohnheit, sich für andere Frauen zu interessieren, nicht ablegen, es gibt einfach „Too many fish in the sea“. Sie lernt erst „To look the other way“, doch nach Trennung und Beinah-Pleite steht das Geschäftliche wieder im Vordergrund, es heißt „Striktly business“ und man macht sich an die Arbeit zu einer der berühmtesten Opern der Welt.

„It’s all true and really funny“, sagt Schwartz über seine Story. Und, dass er es erst aufregend, gefährlich und erschreckend fand, dass in seiner Musik Zitate von Mozart zu hören sein sollten. Nun, die Übung scheint aufs erste Hinhören gelungen. So zwischen volkslied’schem „Klinget, Glöckchen, klinget“, Walzeranklängen und very Wienerischem L’amour-Hatscher. Michael Kunze schreibt die deutschsprachige Fassung, David Cullen hat die Orchestierung übernommen.

Intendant Christian Struppeck stellte mit Komponist und Liedtexter Stephen Schwartz die Produktion vor. Bild: VBW

Intendant Christian Struppeck stellte mit Komponist und Liedtexter Stephen Schwartz die Produktion vor. Bild: VBW

Reinwald Kranner, Katie Hall, Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seibert, Koen Schoots, David Cullen und Florian Peters. Bild: VBW

Reinwald Kranner, Katie Hall, Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seibert, Koen Schoots, David Cullen und Florian Peters. Bild: VBW

Mark Seibert und Milica Jovanovic. Bild: Rafaela Pröll/VBW

Die Schikaneders in ersten Kostümen: Mark Seibert und Milica Jovanovic. Bild: Rafaela Pröll/VBW

Seit vier Jahren schon beschäftigt sich Struppeck intensiv mit dem Projekt. Er sei fasziniert, sagt er, von diesem waghalsigen Unternehmer, mit seinem Sinn fürs Spektakuläre und seinen Antennen für den Publikumsgeschmack. Und, mal ehrlich, was könnte schöner an ein VBW-Haus passen, als eine Hommage an den Gründer der Raimund-Theater-„Schwesterbühne“, des Theaters an der Wien. Dies sei in dieser Stadt tatsächlich längst überfällig.

Auch Darsteller Mark Seibert schwärmt von seinem Charakter: „Schikaneder war definitiv ein Visionär, der das Theater neu erfinden wollte. Privat allerdings war er ein Hallodri, der es immer geschafft hat, mit einem Augenzwinkern davonzukommen. Ich bewege mich da auf einem schmalen Grat, denn Schikaneders großes Selbstbewusstsein und seine maßlose Selbsteinschätzung können schnell auch unsympathisch wirken. Meine Aufgabe wird es sein, die Figur so charmant zu gestalten, dass man ihn trotzdem mag.“ Bühnenpartnerin Milica Jovanovic sieht Eleonore Schikaneder als „moderne, emanzipierte Frau, und das im 18. Jahrhundert! Es ist fantastisch, wie sie es geschafft hat, von der Schauspielerin zur Intendantin zu werden. Welch eine Karriere! Schade, dass sie heute fast vergessen ist.“ Nachsatz: „Doch das werde ich jetzt ja ändern.“ Sie lacht.

Mit den beiden spielen unter anderem Reinwald Kranner, der „gerade übt, in Saft zu gehen“, den Schikaneder-Gegenspieler Karl Marinelli, Florian Peters Eleonores Verehrer Johann Friedl, Katie Hall die Maria Anna Miller, Franziska Schuster und Katja Reichert die Barbara Gerl, die spätere Papagena, und Josepha Hofer, Mozarts Schwägerin, die spätere Königin der Nacht. Hardy Rudolz ist als Franz Moser und Josef von Bauernfeld zu sehen, Armin Kahl als Benedikt Schack.

Anthony Ward gestaltet Bühnen- und Kostümbild, „alles wird aussehen, wie 1791“, sagt er, „und auch die Art, wie die Bühnenbilder bewegt werden, haben wir an die damaligen technischen Gegebenheiten angepasst“; Anthony van Laast übernimmt die Choreografie. Und mit noch einem Superstar kann Christian Struppeck aufwarten: Sir Trevor Nunn wird Regie führen. Der Tony-Preisträger und ehemalige Intendant der Royal Shakespeare Company meldet sich via Videozuspielung zu Wort. Was er davon hält, Schikaneder ein Musical zu widmen? „Well, das ist nicht die schlechteste Idee der Welt!“ Stimmt. Der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

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Wien, 10. 5. 2016