Theater in der Josefstadt: Der Zerrissene

Oktober 3, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lange nicht mehr so gelacht

Marianne Nentwich, Michael Dangl Bild: Sepp Gallauer

Marianne Nentwich, Michael Dangl
Bild: Sepp Gallauer

Es ist einfach großartig! Gehen Sie hin! Schauen Sie sich das an! Damit könnte man Michael Gampes Inszenierung von Nestroys „Der Zerrissene“ am Theater in der Josefstadt hinlänglich beschreiben. Und aus.

Aber Sie wollen wahrscheinlich mehr wissen. Also. Michael Dangl hat als Herr von Lips seinem schauspielerischen Können eine weitere feine Nuance hinzugefügt. Bislang, bei „The King’s Speech“ http://kurier.at/kultur/the-king-s-speech-sprachlos-schoen/812.273 und „Ziemlich beste Freunde“ www.mottingers-meinung.at/kammerspiele-ziemlich-beste-freunde/, beides in den Kammerspielen, lag Dangls Komik – wie die vieler Großer – darin, eben NICHT komisch zu sein. Nun, zum Hattrick, ließ er sich ganz in die Hände von Regisseur Michael Gampe fallen – und entpuppt sich als Komödiant erster Güte. Zugegeben, man dachte bei seiner Besetzung an einen gerüttelten-geschüttelten Zyniker und Weltverzweifler wie weiland Helmuth Lohner. 1984, bei den Salzburger Festspielen. Auch das spielt Dangl gekonnt, aber eben alles ein bisschen anders. Lange nicht mehr so gelacht im Theater. Wobei die Schenkel vom Klopfen verschont bleiben. Gampe, dieser Meister der Komödie mit Köpfchen, erspart einem das Schnitzeldasein und zeigt einen modernen  Nestroy auf höchstem Niveau. Bravo.

Das beginnt beim „geschmacklos“-neureichen Bühnenbild (von Erich Uiberlacker): einer Säulenhalle in deren Mitte eine güldene Treppe protzt und endet nicht bei Lips‘ dekadenter Gesellschaft, die eine Fête Blanche feiert, in deren Champagnerströmen die Wäsche immer mehr zu Dessous schrumpft. Millionär Lips-Dangl, der überall Verrat und Feindschaft wittert – zu Recht allerdings -, ergeht sich derweil in Langeweile. Und deshalb beinah eine Ehe ein. Mit der wunderbaren Marianne Nentwich als Madame Schleyer. Eine Karikatur der Societyladies S. und S. in pastellrosa Pseudo-Chanel, die im Sekundentakt von der bijoubehängten Bissgurn zur beschwingten Blondine wird, die ihren letzten Rest Sexappeal ins Rennen wirft. La Nentwich, die im Anschluss an die Vorstellung von Direktor Herbert Föttinger zur Doyenne des Hauses ernannt wurde, die Grande Dame der Josefstadt, zeigte im Bravour, wie Schrulle geht. Und das ohne Rücksicht auf Verluste. Vielleicht mit etwas Rücksicht auf die Turmfrisur.

Auftritt Martin Zauner als Schlosser Gluthammer, als Schleyer-Ex, ein rührender Rasender, auch einer, der die Kunst von Tragi-Komisch im Blut hat, immer wieder eine Freude, ihn zu sehen. Nach dem Balkonsturz bildet er mit Siegfried Walther, der als Krautkopf die bauernschlaue Einfalt in Person mimt, ein kongeniales Duo. Beinah Laurel-und-Hardy-würdig; denkt man an den Selbstgebrannten, der flaschenweise fließt, denkt man an die Weinkellerszene aus „Fra Diavolo“ und den von Stan Laurel bestimmt nicht „gespielten“ Lachanfall. Da ist es mit ihm durchgegangen. Kniechen, Näschen, Öhrchen. So wie sich Dangl beim Anblick der Madame Schleyer einmal kurz wegdrehen muss – obwohl er ihn doch eigentlich von den Proben kennen sollte. Auch ein Verschlucken am trocken Brot steckt er locker weg. Der Reiche lernt bei Krautkopf den Wert einer „Milli“ zu schätzen. (Dangl im Dialekt ist übrigens auch nicht schlecht.)

Und die Kathi. Denn erst die Herzenslieb‘ kann den Übersättigten, Abgestumpften, von der Welt an sich und sich selbst im Besonderen Entnervten heilen, erst als er ein verlebter, verliebter Verlobter ist, geht’s ihm gut. Martina Ebm auf der Bühne zuzuschauen, ist die reine Freude. Endlich keine von diesen ätherischanorektischen Nymphen (wiewohl von tadelloser Figur), die Wiens große Häuser durchschweben, sondern eine aus Fleisch und Blut und – pardon! – Goschn und Pfeffer im A***, die sich ihrer Rolle hingibt, ohne „hingebungsvoll“ zu sein. Ebm ist am Theater ebenso zu Hause wie im Film. Und man wünscht ihr von Herzen, dass ihre diesbezüglichen Wünsche in Erfüllung gehen mögen.

Für die Couplet-Texte sorgte Nicolaus Hagg, der mit Oliver Huether und Friedrich Schwardtmann auch einen von Lips‘ Freunderln gibt, und lässt dabei von Austria’s Next Topmodel und Schönheits-OP-Wahn über ÖVP-Kellergeschichten im neuen Ulrich-Seidl-Film und die Betreten-Wegschauerei beim Nähern eines „Augustin“-Verkäufers bis zur Literaturunterrichtsvernichtung zwecks Einheitsmatura keine Narretei aus: Die Bücher verbannten, sind ärger als die, die sie verbrannten. Bleibt, um im Kontext zu bleiben, nur eines zu sagen: So einen grandiosen Abend zu stemmen: Na, da g’hört was dazu!

www.josefstadt.org

www.martinaebm.com

Wien, 3. 10. 2014

„Aus Liebe“ am Theater in der Josefstadt

Mai 17, 2013 in Bühne

Peter Turrini leistet sich ein starkes Stück

Annika Borde (Flora), Ulrich Reinthaller (Michael Weber), Sandra Cervik (Elfriede Weber) Bild: © Sepp Gallauer

Annika Borde (Flora), Ulrich Reinthaller (Michael Weber), Sandra Cervik (Elfriede Weber)
Bild: © Sepp Gallauer

Die Bühne ins Dunkel gehüllt. Hinten, auf einer Bank an der Wand aufgereiht, 18 Schauspieler. Sie werden diese Bühne eineinhalb Stunden lang nicht verlassen. Ein Zeichen. Denn ihre Figuren sind alle Teil des Wahnsinns, der sich in den kommenden 90 Minuten entwickeln wird. Nestroypreisträger Peter Turrini hat sich ein starkes Stück geleistet, „Aus Liebe“, von Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger am eigenen Haus zur Uraufführung gebracht. In 22 Szenen, Short Cuts, erzählt das Theater-Dream-Team von – uns. Wirft einen alles durchdringenden Blick durchs Kaleidoskop der Gesellschaft und zeigt, woran sie krankt. Alltagsaggression, Job-Frust, Einsamkeit, (zumindest subjektiv empfundene) Ungerechtigkeit durch Vorgesetzte, die das Sagen haben, Fremdbestimmtsein, sozialer Abstieg durch Arbeitsplatzabbau oder Angst vor diesem, Schulden, Politikverdrossenheit  … Es brodelt im Druckkochtopf, in dem der Mensch gar nicht langsam gar wird. Doch die meisten finden einVentil. Ein österreichisches, das – je nach Temperament – von Schimpfen bis Schreien reicht. Nur einer findet nichts … außen den „letzten Ausweg“. Ein dramatisches Meisterwerk. Nach vielen sehr gelungenen Goldoni-Bearbeitungen endlich wieder eine Stellungnahme zur Zeit. Sag’s uns rein, Turrini! Schonungslos. Wenn jeder eine Bestimmung hat, ist das die deine.

Am Anfang war … eine wahre Tragödie. Ein Mann, der Frau und Kind mit der Axt erschlug, und in Verhören angab, er hätte es „aus Liebe“ getan. Als Befreiung von dieser schlechten Welt. Sich selbst hinterher zu schicken, war er, wie viele in derlei Situationen, zu feige. Ulrich Reinthaller verkörpert einen Charakter der Art: Michael Weber, Parlamentsmitarbeiter, gutsituiert, in gutes Tuch gekleidet, gebildet, mit wunderschöner Ehefrau Elfriede (Sandra Cervik) und entzückender Tochter Flora (Annika Borde). Turrini bleibt – dies war von Beginn der Arbeit an seine Prämisse – eine Erklärung, eine „Entschuldigung“ für den Doppelmord schuldig. Kalt inszeniert das Föttinger, mit einem die meiste Zeit emotionslos schweigenden, verzweifelt stoischen, seine Bedrücktheit unterdrückenden Reinthaller (nur als bei der Polizei die Rede auf sein Kind kommt, zuckt er kurz aus). Die Kälte- oder Schockstarre überträgt sich aufs Publikum, das am Ende einen Moment braucht, um aus der Unterkühlung aufzutauen und in frenetischen Jubel auszubrechen.

„Aus Liebe“ ereignet sich an einem Tag. Ein Tag, an dem Weber quer durch die Stadt all das Negative aufsaugt, von dem sich die anderen dank Gefühlsausbrüchen befreien. Tief auf Tief, Schlag auf Schlag. Da ist Ella Bischof (Marianne Nentwich), die Gutbürgerliche, die fremden Herren in der Aida halbe Torten wegisst, weil sie sich mit dem verstorbenen Gatten auch immer eine geteilt hat. Da ist der Axt-Verkäufer im Baumarkt (Oliver Huether), der wie alle Kollegen von der Fachkraft zum Regalbetreuer heruntergestuft wurde. Ein Drittel Gehalt weniger, weil der Chef moderne Kunst sammelt. Da ist die gekündigte, weil zu alte, ergo „teure“ Personalreferentin (Isabella Gregor), die sich bei Weber als Gelegenheitsprostituierte versucht, und die echte Nutte, die Hawlicek (Susanna Wiegand), der die Ostkonkurrenz den Stammplatz streitig macht. Jeder Debile kriege einen Sozialarbeitsplatz, jeder Häfnbruder einen Flachbildschirm – und sie?

Da ist Sozialhilfeempfängerin Hilde Böhmdorfer (Raphaela Möst), der das Sozialamt wegen Armut ihre drei Kinder weggenommen hat, und die droht mit der Story ins Fernsehen zu gehen. Und da ist Pressefotograf Wendelin (Friedrich Schwardtmann), der seinen alten Politspezi  „Michl“ im Landl bittet, die Hände so zu heben, dass er eine Axt hineinkopieren kann. Ein Exklusivbild, bitte. Weil, die Zeitungen fordern ja jetzt sogar die Leser auf, Handyfotos einzuschicken. Sein Beruf „löst“ sich auf … Ein Gefängnisgroopie wartet auch schon auf den Weber (um 23 Uhr irgendwas, Ort und Uhrzeit werden auf einem Leuchtband über der Bühne eingeblendet, eine surreale Szene). Ein einzig Glückliche scheint „Sandler“ Siegfried Walther. Freedom’s just another word for nothin‘ left to lose. Der liebe Gott (Kurt Sobotka) ist natürlich auch da. Auf der Baumgartner Höhe. Ohnmächtig, unwissend, aber gütig. Nur interessiert er keinen mehr. Und kann vielleicht auch deshalb Flora am Schluss nicht mehr ihre Bitte erfüllen und sie zum Leben erwecken. Maroltingergasse, alles aussteigen!

Ein Glück, dass wenigstens die Polizei (Heribert Sasse, Martin Zauner und Ljubiša Lupo Grujčić) für ein wenig Humor sorgt. Beim Üben von Wiener Sprüchen: „Wer lang sudert, wird ned ….“ Beim Rauchen. Oder beim Räsonieren, dass die Postler in die Wachstuben kommen. Dort übrigens die komischste Szene, als die Hawlicek, Frau Bischof und Weber gleichzeitig ihre „Anliegen“ vortragen und Sasse beamtisch-sachlich schöööön der Reihe nach vorgeht. Backware bleibt Backware und Beischlaf bleibt Beischlaf. Und Mord? Der Hausmeister ist leider telefonisch nicht erreichbar … Christian Brandauer untermalt all diese tragikomischen Szenen mit Musik. Ein großartiger, „denk“würdiger Abend. Und einer, der einmal mehr zeigt, über welch wunderbares, aufeinander eingespieltes Ensemble die Josefstadt verfügt.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ojVBm1S32q8

www.mottingers-meinung.at/peter-turrini-im-gesprach/

www.mottingers-meinung.at/ulrich-reinthaller-im-gesprach/

Von Michaela Mottinger

Wien, 17. 5. 2013