Werk X-Petersplatz: Mein Hundemund

April 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wurst, Wahn, Weltenkrempel

Der Hundsmaulsepp schwadroniert, während der Sohn sein kaputtes Auto bejammert und die Frau ungerührt im Kochtopf rührt: Sonja Kreibich, Jens Ole Schmieder und Benjamin Vanyek. Bild: © Alexander Gotter

Das menschliche Wrack kriecht über die Spielfläche, vorneweg Schnaps und Selbstvernichtung, hinterdrein das im „tausendjährigen Reich“ kriegsversehrte Bein. Das metallene Wrack kommt geflogen, zerlegt in seine Karosserieteile – wie der Hundsmaulsepp von der Vorsehung auf den Mist geworfen worden ist, macht sein Sohn ebendieses nun mit seinem sportroten, schrottreifen Wagen. Und während der eine überall „Führervertreter“ ortet, will der andere nur eins, „einen Vergaser, der vergast“.

Fürs Auto versteht sich, aber nicht einmal einen solchen hat der Vater bei der Hand. Die Maschine bleibt also so kaputt, wie’s der Hundsmaulsepp längst ist, weil doch beide „einen Schmerz“ haben und die eigene Existenz „nicht mehr ausgehalten“. Der junge Regisseur Alexandru Weinberger-Bara, Absolvent des Max Reinhardt Seminars 2017 und diesen Mai als einer der „35 spannendsten Nachwuchskünstler aus der ganzen Welt“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen, hat im Werk X-Petersplatz Werner Schwabs viertes Fäkaliendrama „Mein Hundemund“ inszeniert. Das ist, verglichen mit den „Präsidentinnen“ oder der „Volksvernichtung“ keine derb überdrehte Volkskomödie, sondern gnadenloser, erbarmungsloser, und Weinberger-Bara versucht auch nicht, dem Stück ein Schenkelklopfen abzuluchsen, er will den Schauspielern kein Kabinett-Stück aufzwingen, womit was bleibt ein so ekel- wie hasserfüllter Abgesang auf alles und das im Besonderen ist.

Der da seine Allmachts- und Ohnmachtsfantasien ausspeit, eingekerkert in Weinberger-Baras Schutthaldenbühne aus Müllsäcken und Kunststoffhäckseln, ist Jens Ole Schmieder als „Drecksepp“, so die Eigenbezeichnung der Figur. Benjamin Vanyek gestaltet die Rolle des Sohns, Sonja Kreibich „das saubere, streng geschürzte Frauenzimmer“, beide dazu angetan, spöttische, sarkastische Stichwortgeber zu sein, stemmt Schmieder die eindreiviertelstündige Aufführung mit der Dreckseppischen Suada doch beinah allein. Im Furor rechnet der Fleischhauer und Bauer mit Gott und der Welt ab, und Schmieder deliriert sich in dessen Tirade politischer und privater Zwangsvorstellungen.

Im Wortsinn ein Blutbad: Jens Ole Schmieder. Bild: © Alexander Gotter

Der Wagen, ein Wrack: Benjamin Vanyek. Bild: © Alexander Gotter

Sein Drecksepp ist ein auto-/aggressiver Alkoholiker, der augenscheinlich schon die Apokalypse sieht, ist aus jenem Stoff, aus dem die Franz Fuchse und Ted Kaczynskis dieser Erde sind, wenn er sich „in seine Einbildungen hineindenkt“, wie alles vor die Hunde gehen muss. Auch er selber; seiner heißt Rolfi und dringt als Klanggetöse von der Seite herein. Schmieder fordert Schwabs Textmonster zum zornglühenden Duell heraus. Er grunzt, grölt, gurgelt sich die Seele samt der „Innensau“ aus dem Leib – bis zur Unverständlichkeit.

Weil er in der Verausgabung die Wort- deutlichkeit mitunter hintanstellt. Momente, die Schwabs brachial-poetischen Sätzen bedingt guttun, „die Sprache zerrt die Personen hinter sich her“, sagte der über seine surreal-skurrilen Verschlüsselungen, und wenn man die schon nicht alle versteht, so sollte man sie zumindest alle verstehen. Was Sonja Kreibich und Benjamin Vanyek trefflich gelingt. Kreibich, von Kostümbildnerin Antoaneta Stereva versehen mit Kittelstürze, Nylonsocken in Gesundheits- schlapfen und einer abenteuerlich orangen Flechtperücke, stampft hantigen Blicks durch Zivilisationsabfall und familiären Unrat.

Eine verbitterte, vom Abscheu auf ihren Mann getriebene Frau, die sich pausenlos bei ihm über ihn beklagt, ihn nichtsdestotrotz herumzukommandieren probiert, eine Übung die naturgemäß misslingen muss, und ihm schließlich im Wortsinn das Bett vor die Tür stellt. Wunderbar eine Szene, in der Kreibich bis zur Gänsehaut mit dem Küchenmesser im Kochtopf kratzt, die spezielle Folter einer Frau, da er statt zu essen zur x-ten Flasche greift. Sonja Kreibich hört man gern zu, wie sie erklärt, als nächstes das „reine Essgeschirr“ in die „unbefleckte Kredenz“ einräumen zu wollen.

Vanyek macht aus dem aus dieser Ehe hervorgegangenen Sohn, der „Kindsgemeinheit“, wie ihn der Drecksepp nennt, ein verhuschtes Bürschchen, nur weil freundlicher, um nichts weniger psychisch gestört als der Vater, das trotz seiner Furcht vor ihm nicht in die Freiheit flüchten kann, hat er doch dessen Defätismus als etwas Angeborenes angenommen. Wäre sein Wagen nicht hinüber, ja dann, aber so! Vanyek spielt es genüsslich aus, wenn dieser Sohn andauernd mit seinem Autounfug nervt, wenn er über seinen einen, kleinen Wutausbruch selbst verwundert ist, wenn er vom Ableben des Vaters träumt, das sein und der Mutter Aufleben sein wird, davon, wie er mit der Raupe den Drecksepp und dessen Dreck ins Grab schieben wird, um darauf, wie es sich für einen Schlachtersohn gehört, eine Wurst zu defäkieren.

Im Mostkeller werden die Messer gewetzt: Sonja Kreibich und Jens Ole Schmieder. Bild: © Alexander Gotter

Ein Wutausbruch, über den sich der Sohn selber wundert: Benjamin Vanyek. Bild: © Alexander Gotter

Vanyek geht mit dem quälerisch komischen Potential dieses bizarren Charakters, der am Ende aus seiner inneren Emigration auftaucht und den Haus- und Hofumbau zu planen beginnt, großartig um. Wie der unterbutterte Sohn immer mehr Oberwasser bekommt, kriegt der Drecksepp gar nicht mit, alldieweil er im Mostkeller sein Messer wetzt, über Gewalt- und die Wohltaten des von ihm erdachten „Weltpräsidenten“ brütet, wie verrückt Plastikgebinde nach Farben sortiert oder sich, seiner Stricklumpen entledigt, in einer Badewanne voll mit Schweineblut wäscht.

Selbst-/Verletzung als Daseinszweck, da darf Schmieders Drecksepp im Todeswahn auch weinerlich werden, er wirft sich vor den Rolfi und dem „Hundemund“ die Gurgel zum Fraß vor. Und schon bei der Beerdigung ziehen Frau und Sohn aus der schwarzen Trauerkleidung gelbe Gummihandschuhe hervor, um ohne Aufschub anzufangen, des Vaters schlechten Geruch sauber zu wischen. Derlei Einfälle hat Weinberger-Bara in seiner das Absurde mit dem Konkreten austarierenden Arbeit einige zu bieten. Ein, zwei Striche hätten dem Ganzen geholfen, und dem Publikum, würde Jans Ole Schmieder, Aura hin, Atmosphäre her, etwas artikulierter sprechen.

werk-x.at

  1. 4. 2019

aktionstheater ensemble: „6 Frauen 6 Männer“ im Kosmos Theater Wien

Januar 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Satirische Suche nach Selbstbildern

Anti-Helden im Feinripp: Andreas Jähnert, Benjamin Vanyek, Sascha Jähnert, Fabian Schiffkorn, Thomas Kolle und Peter Pertusini. Bild: Gerhard Breitwieser

Nicht, dass es nicht klar gewesen wäre, aber einmal mehr zeigte sich gestern Abend, dass es so viel besser ist, eine Frau zu sein. Weil als solche trinkt man Sekt gleich flaschenweise, während die Männer sich mit Sprudelwasser begnügen müssen. Überhaupt ist’s, als träfen wilde Bacchantinnen auf ein Therapiegrüppchen, hie Ekstase, da Krampf, die Frauen grölen anstößige Lieder, die Männer geben einander Tipps zum Massieren von Rosen. Damit die sich öffnen.

Und ja, es wäre zu schön, um wahr zu sein, hätten sie das doppeldeutig gemeint. Also … Zum 30-Jahr-Jubiläum des aktionstheater ensembles hat dessen Mastermind Martin Gruber die aktuelle Produktion „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ und die 2015 für den Nestroy-Preis nominiert gewesene „Pension Europa“ zum Abend „6 Frauen 6 Männer“ verknüpft, derzeit zu sehen im Kosmos Theater Wien. Wie stets beweist Gruber damit Gespür für die Themen der unmittelbaren Gegenwart – von Genderfragen und Rollenklischees bis zu Grenzziehungen und gesellschaftlichen Exklusionen. Entstanden aus Recherche und Selbstbefragung, für die aktuellen Termine textlich und inszenatorisch neu bearbeitet und musikalisch neu interpretiert, hebt Gruber doch zwischen Teil eins und zwei die Ähnlichkeiten in den Unterschieden hervor.

Sie reichen von Sexproblemen bis Körperunzufriedenheit, von der Suche nach einem Selbst- bis zum unangenehmen Fremdbild, Wurzel allen Übels das gegenseitige Missverstehen der Geschlechter – solcherart präsentieren die Performerinnen und Performer ihre unerbittliche Bestandsaufnahme, die Streitpunkte und die Schnittmengen, machen mit beißendem Witz das Politische zum Privaten und das Private zum Politischen, immer hart an der Kante von Selbsterkenntnis und Rollenspiel, und wie immer als theatrale Verdichtung von Sprache, Musik und Choreografie zu einem großen Ganzen.

Den Anfang machen die Männer, Andreas und Sascha Jähnert, Thomas Kolle, Peter Pertusini, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek, begleitet von Musikerin und Sängerin Nadine Abado mit ihrem Projekt PH LION. In weißer Feinrippwäsche und mit einer beständigen „Wohin mit den Händen?“-Bewegung beginnt das Abklopfen von Männlichkeitsstereotypen, wobei nicht nur der ewig untote Machismo, sondern auch „der neue Mann“ satirisch aufs Korn genommen wird. Eine so grandiose wie gnadenlose Nabelschau ist das geworden, Alltagsbeobachtungen als Essenz kredenzt, ein Auflisten von Versagensängsten und erotischen Albträumen, von ödipalen Komplexen und unheilbarer Hypochondrie.

Kirstin Schwab, Alev Irmak und Michaela Bilgeri, die im Kosmos Theater mit Gipsbein spielt. Bild: Felix Dietlinger

Will die Frau in sich erspüren: Thomas Kolle mit Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Die Darstellung der diversen Identitätskrisen ist Hochleistungssport, bald haben sich die sechs schweißnass gearbeitet, wenn sie übers Anforderungsprofil Held auf weißem Hengst, handwerkliches Universalgenie, perfekter Hausmann, Liebhaber sowieso sinnieren. Von Baumarktgesprächen geht’s zum Reproduktionsurinstinkt, mag nicht einfach sein, sich mit einem Körperteil mit Eigenleben, oder im schlimmsten Fall keinem mehr, zu arrangieren, zum Quotenlosertum. Nicht umsonst, konstatiert der Schnelle-Fick-Typ Fabian, sei Versager ein männliches Wort. Wozu es allerdings zu sagen gilt, dass sich im Synonymlexikon dieser Tage unter „Frau“ nach wie vor die Begriffe Dienstmagd, Bettgenossin, Flittchen, unter „Mann“ hingegen die Vergleiche Herr der Schöpfung, das starke Geschlecht, Mannsbild finden.

„Ich weiß ja nicht einmal, wie ich eine Frau in der Nacht auf dem Gehsteig überholen soll, so dass sie keine Angst vor mir hat …“, fragt sich der sensible Sascha, während Peter im Furor sein Mann-Sein zwischen die Beine klemmt, um „die Frau in mir“ zu erspüren. All diese Verstörungen werden zwar höchst empathisch dargeboten, aber weil Buben von klein auf Konkurrenz getrimmt werden, kommt’s zu Aggression, Schlägerei und Rudelringkampf. Benjamin, der einzige Widerpart, der einzige Schwule, und auch das ein Klischee, resümiert immer öfter: „Und warum erzählst du das jetzt?“, sein Tonfall genervt, seine Haltung ein klares Mit-denen-nichts-zu-tun-haben-Wollen. Doch die Videoprojektionen von Claudia Virginia aka Dornwittchen changieren schon zwischen bissigem Rottweiler und blutigem Schmetterling, so wie sich der Chauvinismus in einen Tanz mit Cheerleader-Pompons verwandelt.

Sechs Männer, sechs Sichtweisen, da ist logisch, dass kein Konsens gefunden wird. Es mag einem ein wenig die Stringenz des Gezeigten abgehen, aber wenn Nadine Abado die vorgeführte Selbstdekonstruktion in ihren fantastischen Livegesang übersetzt, so geht das tief unter die Haut. Nicht weniger irrwitzig, ebenso poetisch und um einiges schamloser zeigen sich Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Alev Irmak, Isabella Jeschke und Kirstin Schwab danach in „Pension Europa“, erste mit Gipsbein und von ihren Mitstreiterinnen im Rolli geschoben. Aisah Eisa singt zum Spiel ihre selbstverfassten Songs über die Suche nach dem Paradies. In nudefarbenen Dessous, die Brandt trägt darunter selbstironisch Shapewear, werden nun weibliche wahre Bekenntnisse und erdichtete Geständnisse offenbart.

Und wie bei den Männern sind diese haarscharf an der Peinlichkeit und knapp vorbei an der Plattitüde, was vor wie nach der Pause beim Publikum für höchstes Amüsement sorgt. Wie’s seine Art ist, schafft es Gruber tiefsinnig durch Untiefen, liefert er Humor mit Hintersinn und ins Absurde verpackt eine messerscharfe Analyse. Auf ebenfalls fast leerer Bühne, rechts ein Kleiderständer mit Brautmode, an der Rückwand wächst und gedeiht Felix Dietlingers Video-Blume, gestalten die Schauspielerinnen ausdrucksstarke Körperbilder, eine Selbstverteidigungschoreografie, Aktionismus mit „Stacheldraht“ à la Pjotr Pawlenski, was Kirstin Schwab gründlich missrät, weil ihr, meint sie, zum einen die asketische Christus-Attitüde des russischen Konzeptkünstlers abgeht, und zum anderen in Österreich für eine gelungene Performance zu wenig gelitten wird.

Selbstverteidigungschoreografie: Susanne Brandt, Aisah Eisa, Michaela Bilgeri, hier noch ohne Rolli, Isabella Jeschke, Kirstin Schwab und Alev Irmak. Bild: Felix Dietlinger

Dem ist angesichts des Dargebrachten deutlich zu widersprechen. Wieder drehen sich Gespräche um die Unlust des Äußeren, was Männern die vergleichende Penis-Vermessung ist, sind den Frauen Cellulite und Wabelarme – und ein Muttermal an den Schamlippen. Susanne Brandt erzählt von einem ägyptischen Urlaubsflirt, der ihr nun nach Europa nachflüchten will, was ihr gar nicht passt, und, dass sie mit den osteuropäischen Bettlern in der U-Bahn nicht umgehen kann.

Alev Irmak, dass in der Wahl zwischen der Türkei und Österreich Heimat für sie dort sei, „wo ich am besten scheißen kann“, was derzeit hierzulande ist. Derart werden persönlichste Begebenheiten zu gleichsam europäischen, die Frauen wechseln von deftig zu hart zu zart, und sie haben’s definitiv lustiger. „6 Frauen 6 Männer“ besticht mit seiner hohen Authentizität; den Mitwirkenden ist für ihren Mut und ihr performatives Potenzial sehr zu danken. Was das aktionstheater ensemble hier auf eindrückliche Weise veranschaulicht, ist, dass Veränderungen im vermeintlich Kleinen wie im Großen nur stattfinden werden, wenn man endlich damit anfängt. Freiheit soll man sowohl sich selbst, als auch den anderen gewähren, scheint Martin Gruber zu sagen. Welch ein versöhnlicher Gedanke, der diese beiden großartigen Aufführungen abrundet.

Martin Gruber im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30322

Trailer „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“: vimeo.com/279821837

Trailer „Pension Europa“: vimeo.com/97548144

kosmostheater.at          aktionstheater.at/

  1. 1. 2019

Akademietheater: Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos

Dezember 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk ≠ Groteske

Die böse Göttin und ihre Kreatur in der Plastikblase – Frau Grollfeuer mit Herrmann Wurm: Barbara Petritsch und Nikolaus Habjan. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nun lag es also an Barbara Petritsch, zu zeigen, was der Mensch kann, was die Puppe nicht kann. Die Grande Dame für kantige Charaktere macht aus Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ am Akademietheater ihr persönliches Bravourstück. Entgegen dem alten Aberglauben, niemals mit Puppen aufzutreten, würden die einen Schauspieler schließlich doch nur an die Wand spielen, dreht sie in der Rolle der Frau Grollfeuer den Spieß um.

Sie dominiert die Bühne als archaisch-gefährliche Muttergöttin, die ihre Kreaturen mit unsichtbarer Hand würgt, hängt und ihnen am Ende die Luft nimmt. Wie sich die Petritsch von der sich vom Pöbel distanzierenden feinen, alten Dame zur zeternden Säuferin zur durchtriebenen Mörderin wandelt, dann aus dem letzten Moment einen hingetanzten Hauch Liebe macht, das ist große Kunst. Dabei ist diese Strippenzieherin in Nikolaus Habjans Inszenierung die einzige, die keine Puppe führt. Habjan hat als Regisseur, Puppenbauer und Puppenspieler für sein Hausdebüt kunstvoll deformierte, degenerierte Figuren erdacht, hässliche Klappmaulaufreißer, für die Francis Bacon Pate gestanden sein könnte, in ihren Fehlbildungen grandios – und dennoch den Werner Schwab’schen Krüppelmenschen, seinem Schwabischen, seinem abgrundtiefen Blick in ungustiöse Seelen nicht gewachsen.

Ist ihr Verhalten zwar vordergründig brutal, doch nie hintergründig bösartig. Was den Figuren abgeht, ist das abgefeimt Gfeanzte. Beständig wird sich gegenseitig mit Bierflaschen auf die Schädel geschlagen, wird wie beiläufig Inzest betrieben, droht der Sohn der Mutter an, sie erst zu töten und ihr dann in den Kopf zu brunzen. Das alles ist grell und plakativ und voller Drastik, doch fehlen dem Puppenspiel die Zwischentöne, fehlt das Doppelbödige. Fehlt das unmissverständlich Missverständliche dieser Davonvogelsprache, von der es anzunehmen gilt, dass sie die Schwab’schen Fäkaliendramen, dieses hier vom Autor „Radikalkomödie“ genannt und vom Regisseur mit dem heiligen Ernst eines Schwab-Hochamts zelebriert, ausmacht.

Frau Wurm mit Krüppelsohn Herrmann: Nikolaus Habjan und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Familie Kovacic: Dorothee Hartinger, Alexandra Henkel, Nikolaus Habjan und Sarah Viktoria Frick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Mag sein, dass, so wie Satire in der Regel nicht allzu viele Regiegimmicks verträgt, hier die Verfremdung der Verfremdung nicht funktioniert. Grotesk – die Puppen ≠ Groteske – das Stück. Als ausgewiesenen Nikolaus-Habjan-Fan erfreut, besser gesagt: berührt und aufrüttelt, einen dieser Abend nur halbwegs.

Nichtsdestotrotz ist anzumerken, wie fabelhaft dem Ensemble der Umgang mit den Figuren gelingt, wie bemerkenswert es ist, dabei zuzusehen, wie die Burgschauspieler hinter die Puppen zurücktreten, die ihnen an der Hüfte aus dem Körper entspringen, und wie sie diesen sozusagen den Spielraum überlassen. Dorothee Hartinger agiert als hartleibige, bigotte Frau Wurm, Nikolaus Habjan als deren klumpfüßiger Künstlersohn Herrmann.

Sarah Viktoria Frick macht aus Herrn Kovacic eine Mannsbildkarikatur, Alexandra Henkel ist eine proll-chice Frau Kovacic, und zusammen bewegen Frick und Henkel auch noch die Tussi-Töchter der Familie. Die Hölle im Zinshaus hat Bühnenbildner Jakob Brossmann zweigeschossig angelegt. Unten, und damit unter einer Plastikblase, wohnen die Wurms und die Kovacics.

Erstere in einer ärmlichen, kargen Stube, eine Kredenz, ein Grablicht auf dem Küchentisch, zweitere in einem Fototapetenalbtraum mit Federplüschlampe, in den pink-leopardscheckigen Outfits von Cedric Mpaka. Darüber thront die Grollfeuer, lange Zeit unbewegt und im Wortsinn außen vor bleibend, bis sie die zu beiden Seiten befindliche hölzerne Prunktreppe für ihren großen Auftritt nutzt.

Habjans hässliche Klappmaulaufreißer bevölkern die Geburtstagstafel der Grollfeuer. Herrmann, Frau und Herr Kovacic und deren Töchter. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting, und diese „Speisekammer voller Schmerzen“ ist eines von Schwabs als Grazer Hausmeisterinnenkind höchstpersönlichen, sieht man, wie Mutter und Sohn Wurm ihre Hassliebe ausleben, sich mit Beschimpfungen und Demütigungen an- und beherrschen, sich Familie Kovacic kollektiv in den Rausch trinkt, und deren Vater tatsächlich zum horriblen Hamsterkiller wird.

Bis im dritten Akt endlich, während sich Kyrre Kvams Musik zum Furioso steigert, Petritschs Grollfeuer herabsteigt, und zu ihrer Geburtstagstafel samt vergifteter Torte bittet. Und während die Puppen im Ausdruck stets gleich bleiben müssen, nichts den Druck zur Selbst- und gegenseitigen Zerfleischung deutlich macht, der Schwab’sche Überdruck ergo nie entstanden ist, weiß die Petritsch, wie man eine ungehemmt ausschweifende Schwabiade pointiert und akzentuiert. Die Hexe mit dem Silberhaar, die ihre Mieter wie Tiere in einem Gehege betrachtet und sie mit Gehstockhieben gegen dieses quält, ihnen das Konfettikanonenblut aus den Körpern schleudert, enthüllt nun ihr schnapsgetränktes, wirres Weltbild aus Übermenschenfantasien und Untermenschengefasel. Und weil derart Denken ein ewig untotes ist, auferstehen auch die Puppen. Um zu singen: „Der morgige Tag ist mein“.

www.burgtheater.at

30. 11. 2018

Salon5 im Theatermuseum: Bosch on stage

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater-Triptychon über den Schöpfer des Weltgerichts

Beim Imbissstand auf dem Flughafen herrscht Slibowitz-Stimmung: Kirstin Schwab, Doina Weber und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Bevor es losgeht, die wunderbare Gelegenheit, die Werke in Augenschein zu nehmen. Die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste ist ja bis auf Weiteres zu Gast im Theatermuseum, hier hängen nun die meisterlichen Arbeiten von Hieronymus Bosch, darunter der Weltgerichts-Triptychon. Schauen, staunen, da mischen sich Schauspieler unter die Betrachter, im Theatermuseum wird derzeit auch Theater gespielt: „Bosch on stage“ von Jérôme Junod.

Der Autor hat seine Weltgerichtskomödie anders als bei den Salzburger Festspielen für Wien auch selbst in Szene gesetzt. Eine fabelhafte Arbeit ist es, die Junod da gelungen ist, gleichsam ein Theater-Triptychon, der in drei Bildern Urteile und Vorurteile zu Bosch auf höchst unterhaltsame Art festhält. War der niederländische Renaissancemaler strenger Christ, Häretiker, Alchemist, Moralist? War er homosexuell und/oder von Perversionen wie der Folter angeturnt? Hatte er Albträume, Drogenerfahrungen oder eine reine Freude an symbolischen Botschaften? Dem und mehr forscht „Bosch on stage“ nach. Dass sich dabei immer wieder an Österreich und seinem Kunst- und Kulturverständnis – die Habsburger und ihre Adelsherren überrollten ja weiland das freie Brabant – gerieben wird, ist im herrschaftlichen Palais Lobkowitz ein zusätzliches Vergnügen.

Die Handlung beginnt auf einem Flughafen, auf dem die Kunsthistorikerin Caroline, gespielt von Petra Staduan, festsitzt, weil ihr Flug nach Wien gestrichen wurde. Dabei hätte sie so dringend zu einem Bosch-Symposium ihres Vorgesetzten gemusst. Also Trost suchen am Imbissstand, wo bald der Slibowitz fließt, auf dass der Irrwitz beginnen kann. Figuren wie Bosch’sche Landsknechte, Landstreicher und eine Reinigungskraft mit Hummerscherenhand schleichen über die Bühne, dazu gespenstische Sphärenklänge von Christian Mair. Der dreiteilige Bühnenbildaufbau von Lydia Hofmann wendet dem Publikum seine Kasperletheaterseite zu, in und vor ihm gestalten Doina Weber und Kirstin Schwab als Servierkräfte ein Kabinettstück über des Volkes Stimme zu Hieronymus Bosch.

Eine merkwürdige Reinigungskraft geht um …: Roman Blumenschein. Bild: Barbara Palffy

… fast wie vom Meister selbst erfunden: Horst Schily, Jeanne-Marie Bertram und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Prof. Schlubitschnigg lädt zum Bosch-Symposium: Martin Schwanda mit Doina Weber und Jeanne-Marie Bertram. Bild: Barbara Palffy

Dem das von Martin Schwanda als Wiener Professor Schlubitschnigg in nichts nachsteht. Von seiner besten wissenschaftlichen Kraft allein gelassen, muss er nun eine Konferenz stemmen, über deren Inhalte er keine Ahnung hat. Herrlich, wie er am Telefon einem japanischen Kollegen den Weg ins Theatermuseum via Kaffeehäuser und Stadtheuriger beschreibt. Das Ensemble, verstärkt um Jens Ole Schmieder als französischem Forscher und Roman Blumenschein als dessen deutschem Pendant, ergeht sich derweil in Theorien, Interpretationen und anderen Irrungen und Wirrungen.

Eine schöne Szene, in der Kirstin Schwab als Wiener Wissenschaftlerin mit aufgerissenen Augen über Panik auslösende Schreckensszenarien schwadroniert, während sich Doina Weber in esoterische Ekstase redet, dieweil Schmieders Prof. Flambertin unbedingt an die Fortführung mittelalterlicher Drolerien glauben will.

Teil drei: Caroline hat es in die Vergangenheit in des Meisters Haus geschafft, um diesen zu seinem Werk zu befragen. Horst Schily gibt Hieronymus Bosch als bärbeißigen und wenig auskunftsbereiten Maler, Doina Weber dessen Frau Aleid, Blumenschein dessen Schüler Joachim (alle in wunderbaren Kostümen von Antoaneta Stereva), der die Werke letztlich auszuführen behauptet – und Schwanda brilliert ein zweites Mal als habsburgischer Höfling, der Bilder zu kaufen kommt, und höchst unhöflich abgewiesen wird …

Junod nimmt sich in seiner klugen Komödie nicht nur sehr humorvoll des akademischen Treibens an, eine Parodie, die die p.t. Beteiligten daran im Publikum sichtlich amüsierte, sondern er beschäftigt sich auch ernsthaft mit dem Bosch-Pandämonium.

Sein Meister entpuppt sich als ein Hiob, ein Haderer mit Gott, ein Kritiker seiner Zeit und an deren Gesellschaft, der aber wenig hilfreich bei der Lösung der von ihm gestellten Rätsel ist. Auf jede Frage hat er eine Gegenfrage, und dann doch möglicherweise eine Antwort. „Das Lachen ist vielleicht der letzte Trost, der uns übrigbleibt.“ In diesem Sinn ist „Bosch on stage“ auch tröstlich – und ergo absolut sehenswert.

boschonstage.at

  1. 11. 2017

Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (herrlich, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sondern schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

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  1. 9. 2017