Volksoper: Wonderful Town

Dezember 10, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Sarah Schütz rockt die Show

In Greenwich Village geht es hoch her: Olivia Delauré als Eileen, Sarah Schütz als Ruth, Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis, Ines Hengl-Pirker als Violet, Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Mit Standing Ovations endete gestern Abend die Premiere von „Wonderful Town“ an der Volksoper. Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein wollte Hausherr Robert Meyer dem Publikum etwas Besonderes bieten, und das ist mit dieser Musical-Rarität hervorragend gelungen. Stimmt an der Aufführung, die Inszenierung eine Koproduktion mit der Staatsoperette Dresden, doch einfach alles – von der gewitzten Regie Matthias Davids‘ über das schwungvolle Dirigat von James Holmes.

Bis zu den darstellerischen Leistungen, allen voran die von der Elbstadt nach Wien übersiedelten Volksopern-Debütantinnen Sarah Schütz und Olivia Delauré als Schwesternpaar Ruth und Eileen Sherwood. Sarah Schütz rockt die Show! Inhaltlich ist „Wonderful Town“ keine große Sache: Die beiden Landpomeranzen Ruth und Eileen kommen aus Ohio in den Big Apple, um dort ihre unbegrenzten Möglichkeiten auszuloten. Die eine ist klug, aber ungeküsst, die andere eine Schönheit, erstere will Schriftstellerin werden, zweitere Schauspielerin. Man mietet eine schäbige Unterkunft in Greenwich Village – und schon geht das Spiel um viele Verehrer und ein paar Troubles los, Happy End absehbar. Joseph Fields und Jerome Chodorov schrieben das Libretto entlang ihres Theaterstücks „My Sister Eileen“, Betty Comden und Adolph Green die Liedtexte, und erst diese in Kombination mit Bernsteins famoser Musik machen das Musical aus dem Jahr 1953 einzigartig.

Die brasilianischen Seekadetten interessiert nur die Conga: Olivia Delauré als Eileen und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ruth überzeugt die Gäste im Village Vortex vom Swing: Sarah Schütz und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Bernstein lässt den Rhythmus New Yorks in all seinen Facetten pulsieren. Rasant reiht sich Broadwaysound an Jazzelemente an Swing, dann wieder wird’s statt stürmisch smooth. James Holmes führt das Volksopernorchester mit viel Drive wie eine Big Band, er folgt Bernsteins Einfallsreichtum punktgenau, kann’s etwa bei der Conga der brasilianischen Seekadetten witzig-spritzig, beim Schwesternduett „Ohio“ auf Country-&-Western-Art oder bei Robert Bakers „Ein stilles Girl“ elegisch lyrisch. Matthias Davids belässt die Handlung in den 1930er-Jahren, er hat sich mit seiner wirbelwindigen Arbeit am Stil der Screwball-Comedys orientiert, setzt auf Tempo, Temperament und Timing, und setzt auf den Wortwitz der für Wien von Christoph Wagner-Trenkwitz angepassten Vorlage.

Damit die zahlreichen Szenenwechsel ruckzuck funktionieren, hat Mathias Fischer-Dieskau ein Bühnenbild aus einer drehbaren Skyline und verschiebbaren Skyscrapern, inklusive Flat Iron und Chrysler Building, erdacht, das den American Dream im Reich und Arm zwischen dem abgewohnten Souterrain der Sherwood-Schwestern und von Neonreklame beschienenen Nachtklubs ansiedelt. Als Kostüme gibt es dazu von Judith Peter stilgerecht schwingende Glockenkleider, Trenchcoats samt kecken Hütchen und Marlenehosen.

Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

In diesem Setting dreht sich das Großstadtkarussell um Sarah Schütz und Olivia Delauré. Und die beiden erweisen sich nicht nur als sängerisch wunderbares Sopran-Alt-Duo, sondern auch als großartige Komödiantinnen, die herb Nüchterne und die flirty Naive, die es verstehen, mit trockenem Humor ihre Pointen zu setzen. Delauré gibt die Eileen mit Charme und jener unschuldigen Mädchenhaftigkeit, in der ihr gar nicht bewusst zu sein scheint, dass die Männer um sie kreisen, wie die Motten ums Licht. Das Bühnengeschehen allerdings dominiert Sarah Schütz, die ihre Ruth mit einer gepfefferten Portion Sarkasmus ob ihres Nicht-so-hübsch-wie-die-Schwester-Seins ausstattet. Schütz hat Stimme, Spielfreude und Showtalent – und sorgt für etliche starke Momente. Etwa, wenn sie ihre „Hundert gold’nen Tipps, einen Mann zu verlier’n“ zum Besten gibt. Oder, wenn sie, als der Zeitungsredakteur Robert Baker endlich ihre melodramatischen Kurzgeschichten liest, diese für ihn auch gleich visualisiert.

Die Herren haben es neben so viel Frauenpower nicht leicht, zu bestehen. Hervorragend gelingt das Drew Sarich als verkopftem Bob Baker, der erst einen Schubs in die richtige Richtung Liebe braucht, ein gelungenes Rollenporträt von Sarich, wie Bob vom beruflichen Verlierer zum Gewinner im Leben wird, und Peter Lesiak als abgehalftertem Footballhelden „The Wreck“ Loomis. Trotz von Direktor Meyer angekündigter Verletzung und ergo Knieschiene tanzt und tobt Lesiak über die Bühne, dass man mitunter nicht umhin kann, um sein Wohlergehen zu fürchten … Christian Graf gefällt in mehreren Rollen, darunter als Schmierfink Chick Clark, Christian Dolezal als unfreundlicher Vermieter und untalentierter Maler Appopolous, Oliver Liebl unter anderem als verhuschter Feinkost-Filialleiter Frank Lippencott, Cedric Lee Bradley als geschmeidiger Speedy Valenti.

Vorstellungsgespräch in der Zeitungsredaktion: Oliver Liebl als Redakteur, Drew Sarich als Robert Baker, Jakob Semotan als Redakteur und Sarah Schütz als Ruth Sherwood. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der begnadete Tänzer dominiert auch immer wieder die handlungstragenden, revueartigen Choreografien von Melissa King. In riesigen Chor- und Ballettszenen zeigen der Volksopernchor, der sich nicht nur in der Figurengestaltung perfekt, sondern auch in kleinen Solonummern präsentiert, und das Wiener Staatsballett die ganze Bandbreite ihres Könnens. „Wonderful Town“ an der Volksoper ist ein rundum gelungener Gute-Laune-Abend. Kein Wunder, dass es die Zuschauer zum Schluss nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=LhKenAg3pw0

www.volksoper.at

  1. 12. 2018

Einsamkeit und Sex und Mitleid

Mai 6, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo sich kein Herz zum Herzen findet

Wer sich einen Lover kauft, will die Ware vor Gebrauch natürlich kontrollieren: Vincent (Eugen Bauder) beglückt gleich Julia (Eva Löbau). Bild: © x-verleih

Es gibt ihn wirklich, diesen Anger-Room, wo man zwecks Aggressionsabbau Möbel kurz und klein schlagen darf. Familienvater Robert geht dorthin, weil er sich unbedingt mit jemandem prügeln muss. Oder besser gesagt: mit etwas, das nicht zurückschlägt, Sperrholzinventar. So wütend macht ihn seine Frau Maschjonka, die Bioübermutti, die kein gutes an seinen ohnedies schon gelichteten Haaren lässt.

Doch zum Glück gibt’s ja Ecki, den ehemaligen Lehrer, der in einer abgefuckten Fabrikshalle seine Zerstörszenarien zum freundlichen Gebrauch aufbaut. Ecki, das ist eines der traurigeren Schicksale, von der Schule geflogen wegen angeblicher sexueller Belästigung einer Schutzbefohlenen, kann er zur Causa gar nichts sagen. Weil keiner wissen soll, dass Ecki schwul ist. Er seinerseits ahnt nicht, dass das Mädchen, das ihn angezeigt hat, die Tochter von – Robert ist. Weshalb das Herausfinden dieser Wahrheit am Ende weniger mit Wohl und mehr mit Wehe zu tun haben wird …

So funktioniert der Episodenfilm „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, den Regisseur Lars Montag nach dem Bestsellerroman von Helmut Krausser gedreht hat, und der seit gestern in den heimischen Kinos läuft. Dreizehn Figuren bringt Kinodebütant Montag vor die Kamera; sie sind Supermarktfilialleiter, Polizist, Flüchtlingshelferin, Sektenmitglied, Callboy, Künstlerin, Ärztin oder Teenager in höchsten Pubertätsnöten. Denn allen geht es nur um eines: die angeblich schönste Sache der Welt irgendwie geregelt und erledigt zu bekommen. Montag gewährt einen tiefen und schwer satirischen Einblick in Einfamilienhausantiidyllen. Er zeigt Bigotterie und Alltagsrassismus, entlarvt Moralapostel und Selbstbetrüger – und das mitunter mit schwarzem, beißendem Spott und nicht selten, weil’s ja das Thema ist, unterhalb der Gürtellinie.

Robert macht sich für Janine zum Model: Rainer Bock und Katja Bürkle. Bild: © x-verleih

Und geht danach zwecks Aggressionsabbau Möbel zertrümmern: Rainer Bock. Bild: © x-verleih

Die Lebenslügengeschichten seiner Großstadtneurotiker verzahnen sich wie die Bilder eines Kaleidoskops, mehr und mehr. In bester „Short Cuts“-Manier dröselt sich erst allmählich auf, wer mit, und vor allem wer gegen wen, und als am Ende ein Kind vom Spielplatz verschwindet, kippt die Tragikomödie kurz ins ganz Tragische, lässt sie einem für einen Moment das Lachen im Hals stecken bleiben, bevor sie sich besinnt, dass sie eigentlich eine irrwitzige Groteske über Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs ist.

Kraussers Charaktere sind pointierte, scharf gezeichnete Miniaturen, die er aber in keiner noch so skurrilen Situation der Lächerlichkeit preisgibt. Diese Qualität zeichnet nun auch den Film aus, der bei aller Ulknudeligkeit mitten ins Herz trifft. Dass die Übung gelingt, ist auch dem großartigen Cast zu verdanken: Bernhard Schütz als Ecki; Jan Henrik Stahlberg und Friederike Kempter als Faschopärchen in Polizeiuniform; Rainer Bock und die wie immer wunderbare Maria Hofstätter als gefrustetes Ehepaar Pfennig; Lilly Wiedemann als deren Tochter Swentja – die Ecki-Verpfeiferin liebt den Muslim Mahmud (Hussein Eliraqui).

Katja Bürkle als Künstlerin und Datingportalopfer Janine; Peter Schneider als Uwe, der sich online als „Brandbeschleuniger XL“ registriert hat und als solcher Janine trifft, während seine Frau Julia (Eva Löbau) sich einen Toyboy einkauft; der wiederum, Eugen Bauder als Vincent, bildet mit Vivian (Lara Mandoki) ein Prostituiertenpärchen, das sich sehr strenge Beziehungsregeln zur friktionsfreien Ausübung des Berufs auferlegt; und dann ist da noch  Johannes (den Wahnsinn im Blick: Aaron Hilmer), der Jesus liebt, und Swentja, die ihn aber natürlich nicht erhört – und so geht Johannes zu Vivian …

Das Prostituiertenpärchen bereitet sich auf einen besonderen Einsatz vor: Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen Bauder). Bild: © x-verleih

In einer raffinierten Melange aus klassischem Erzählkino mit surrealistischen Spotlights, werden all diese Schicksale nur hingeflüstert – von einem Erzählerpaar im Off. Eine Sie und ein Er beschreiben in ruhigem Tonfall das Zündeln am Partnersuchpulverfass. Grausam sind die Gewissheiten über Zwänge und Zwangssituationen, von denen sie berichten: Dass Mädchen immer nur die „bösen Buben“ haben wollen, um mit denen dann recht unglücklich zu werden.

Dass ein „verschissenes Leben“ nicht in einem Kaufglücksrausch repariert werden kann. Man erfährt von den Tücken eines Roboter-Staubsaugers, und warum sich Sex im Stehen nicht für ein 3D-Scanner-Bild eignet. In all diesen Liebesirrungen und -wirrungen ist der einzige Weise weit und breit ein koranfester Hosenmatz. Yamen Masoud spielt ihn mit der Souveränität eines alten Showbiz-Hasen hinreißend.

Unnötig zu sagen, dass sich hier kein Herz zum Herzen findet. Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang, alle singen „Ich bin alles, was ich habe auf der Welt“. Es gilt den Songtext von Peter Maffay konsequent auf „Ich“ weiterzudenken. Ich allein kann mich verstehen, ich darf nie mehr von mir gehen … Ist das nicht allemal schöner, als sich in Liebesidiotie durchs Dasein zu marotten? Was für ein Film!

www.einsamkeitundsexundmitleid.x-verleih.de

www.facebook.com/einsamkeitundsexundmitleid

Wien, 6. 5. 2017

Wiener Festwochen: „Le Retour“

Mai 19, 2013 in Bühne

Bruno Ganz glänzt in Harold Pinters

Familienaufstellung

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory Bild: Ruth Walz

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory
Bild: Ruth Walz

Es war einmal, da erklärte Bruno Ganz nie wieder in Wien Theater spielen zu wollen. Verrisse hatten ihn gekränkt. Zu Recht. Er war damals ein fabelhafter Ödipus in Kolonos in einer fabelhaften Inszenierung von Klaus Michael Grüber. Ein Glück. Verletzungen verheilen. Auch, wenn’s zehn Jahre dauert. Nun ist der Schweizer Star wieder da. Spielt in Luc Bondys Inszenierung von Harold Pinters „Le Retour“ den Max. Fabelhaft. Naturgemäß. Der Intendant der Wiener Festwochen hat diese Arbeit von seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, mitgebracht.Eine gewaltige Collage aus in Gewalt verborgener Geborgenheit, Wut und Witz. Eine Familienaufstellung.

1964 hat Literaturnobelpreisträger Pinter „Die Heimkehr“ geschrieben. Und damit dem Publikum ein unlösbares, wunderbares Rätsel aufgegeben: Als Viererbande hausen Max, Schlachter im Ruhestand, sein Bruder Sam, Privatchauffeur, und seine Söhne – Hilfsarbeiter Joey, der hofft, Boxer zu werden, und Zuhälter Lenny – in einer unfreiwilligen, aus finanzieller Not entstandenen Männer-WG. Da taucht im tristen Nordlondoner Loch der einzige der Familie auf, der’s geschafft hat: Teddy, Philosophieprofessor in den USA, mit Haus, Swimmingpool, drei Söhnen – und einer Ehefrau. Die hat er mitgebracht. Die wird mit herber Herzlichkeit begrüßt und geprüft. Denn Ruth hat eine Vergangenheit als „Model“ und mehr. Die Männerwirtschaft macht die Mutter wieder zur Hure. Eine(r) muss ja aufs Wirtschaftliche schauen. Und tatsächlich: Sie bleibt. Teddy geht allein heim … Undurchsichtig, undurchschaubar das Ganze.

Johannes Schütz hat für diese Geschichte ein sehr schön abgefucktes Bühnenbild erfunden: einen Riesenraum, in dem Küche, Essplatz, Wohnzimmer und Wohnwagen (Sams Unterschlupf) untergebracht sind. Schlafzimmer: im ersten Stock. Hier lässt Bondy seine Schauspieler ihr Spiel entfalten. Bondy hätte Pinter „entstaubt“ war nach der Pariser Premiere irgendwo zu lesen. Blödsinn. Das braucht es bei Pinter nicht. Und das hat auch ein Bondy nicht nötig. Meisterhaft stülpt er über die MQ-Halle eine Atmosphäre, die Verlangen, Verachtung, Verlust spürbar macht. Wie in einer „französisch duftenden“ Käseglocke gefangen, ist das Publikum all diesen starken Gefühlen, Gerüchen, dem Odeur, ausgeliefert. Der Rivalität zwischen beiden Brüderpaaren, der Hassliebe der Eheleute; intellektuelle Humanität trifft auf Animalität. Ohne Ausweg nehmen noch das harmloseste Gespräch, ein absolut banaler Alltagsaugenblick, eine ungeheuere Wendung.

Apropos, Ungeheuer: Bruno Ganz spielt eines. Großartig, gefährlich, grausam. Ein Berserker, Prolet. Ein Kronos, der auf den ersten Blick Seinesgleichen erkennt. Sieht, welche Gorgone ihm da ins Haus kommt. Die wird uns noch was kosten, stellt er nach abgeschlossenem „Geschäft“ mit Ruth fest, während die schon ihr Täschchen dreht. Dieser Fremdkörper Frau wird im Laufe des Abends zunehmend konkret körperlich. Emmanuelle Seigner (Ehefrau von Roman Polanski und hierzulande von seinem „Frantic“ bis Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“ als Filmschauspielerin bekannt) ist als Ruth überirdisch schön, so elektrisierend wie traumwandlerisch. Erst geheimnisvoll -no na -, bald anlassig. Schnell findet sie in alte Muster zurück; die Natur des Menschen ändert sich nicht. Schnell wird da der verbitterte, verwitwete Patriarch zum Tänzler, zum Um-sie-herum-Schwänzler. Wie er das Wesen durchschaut, betrachtet er es auch schon als sein Eigentum. Der trögen Gesellschaft aus Vater und Söhnen schießt das Blut ein – ja, genau da -, als Zukunftspläne greifbar, angreifbar, antatschbar werden. Sehr nachvollziehbar stellen das Louis Garrel als Sportskanone Joey und der immer leicht eingeraucht wirkende Lenny (Micha Lescot) dar.

Das Gewissen, in Gestalt des stets mit seinem Toupet kämpfenden Onkel Sam, hat keine Chance. Pascal Greggory (schon 2011 mit Patrice Chéreaus Inszenierung von Jon Fosses „Rêve d’automne“ bei den Festwochen zu Gast) gibt ihm eine tragikomische Note. Ein Weißclown, bei dem man nicht weiß, ob man über ihn Lachen oder mit ihm Weinen soll. Bleibt Teddy (Jérôme Kircher). In dieser Runde der Spießbürger. Der sich nächtens, nervös mit dem Schlüssel fingernd, ins väterliche Haus stiehlt. Keinen Versuch macht, seine Frau zu „retten“. Am Ende still seinen Koffer nimmt. Und aus. Fast scheint es, er wäre nur heimgefahren – weil, warum sollte ein Uni-Prof sich diese Bagage antun -, um das unter seiner Würde befindliche Weib, dem auch er einmal verfiel, ein für alle Mal loszuwerden. Ach, hätte er doch wenigstens den lieben Sam aus diesem Clan-Gefängnis befreit. Dem fehlt nämlich allein offenbar die Kraft dazu. Aber, Halt! Man darf manches tun, nur nicht versuchen, Pinter zu interpretieren. Also nur so viel: Es war ein überwältigender Abend, der mit Riesenapplaus, Bravorufen und Standing Ovations für Ganz und Bondy endete.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 19. 5. 2013

Akademietheater: Die Marquise von O.

Mai 11, 2013 in Bühne

Sterlingsilber schmeckt eben nach nichts

Es ist nicht leicht eine Meinung zu einer Inszenierung zu haben, die so nichts sagend ist, die offenbar nicht einmal eine Meinung über sich selber hat. Daher folgendes: Die Bozner Society-Lady Renate Hirsch Giacomuzzi zeigte einer einschlägigen Fernsehsendung in St. Moritz einmal ihren neuen Maibach. In der Mitte der Rückbank lässt sich per Knopfdruck eine Bar mit Kühlung hochfahren, darin eine Flasche Champagner und Kelche aus Sterlingssilber. „Wissen Sie“, sagte die Hirsch zur staunenden Jungreporterin, „zur Grundausstattung gehören Flöten aus Swarovski-Kristall. Aber ich hielt sie in einem Fahrzeug für zu zerbrechlich, deswegen haben wir umdisponiert.“

Oliver Masucci, Andrea Clausen, Dorothee Hartinger Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Oliver Masucci, Andrea Clausen, Dorothee Hartinger
Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am Akademietheater wird derzeit Yannis Houvardas‘, hauptberuflich Intendant des Griechischen Nationaltheaters in Athen, Inszenierung von Ferdinand Bruckners „Die Marquise von O.“ gegeben. Und auch da will man offenbar keine Scherben. Also holt man auf Nummer Sicher das gute Silber aus der Lade, poliert es auf Hochglanz, deckt eine wunderbare Tafel – und vergisst darüber, dass Sterlingsilber nach nichts schmeckt. Sondern, dass man auch was auftischen muss. Das tut immerhin Bühnenbildner Johannes Schütz mit einer wunderbaren Lösung aus halbdurchsichtigen Wänden auf einer ebenso schön beleuchteten wie anzuschauenden Bühne.

Der Rest des Abends ist hart, Mann! Die Burg, „Weihetempel der Kunst“, wird immer mehr zur Selbstbeweihräucherungsbühne. In diesem Fall mit Live-Streichquartett auf der Bühne. Toll. Traurig nur, wenn ein Regisseur den Kern der Sache, bei der er Regie führen soll, ignoriert. Und damit ist nicht gemeint, dass Houvardas das Drama über weite Strecken statitsch wie eine antike Tragödie anlegt. Aber aus Schauspielstars wie Dorothee Hartinger, Peter Simonischek, Andrea Clausen, Oliver Masucci und Dietmar König dermaßen nichts zu machen, das ist wirklich eine Leistung. Kurz zusammengefasst ergehen sich die einen in Hysterie (die Damen), die anderen in umso mehr Härte (die Herren). Simonischek spielt den überlebensgroßen, verschrobenen, vor Imponiergehabe platzenden Vater, der ein „Isaak“-Opfer, sprich: Abtreibung, fordert, und als das misslingt vor der Schande nach Breslau „flieht“. Mutter Andrea Clausen versteckt sich überspannt-manieriert-schockiert hinter ihrer Geige. Motto: Was ich nicht sehe, gibt es nicht. Immerhin: Dietmar König ist ein vornehmer Friedrich, der das Weite sucht, wo ihm Nähe verweigert wird. Eine kleine Rolle, eine schöne Leistung. Dorothee Hartinger changiert als Marquise zwischen Verwirrung, Verzweiflung über und Verachtung für die Menschheit.  Ist gleichzeitig traumwandlerisch, schwebend, entrückt. Und am Ende genauso erschöpft-ernüchert wie das Publikum. Eine neue Nuance, ein neues Gefühl, irgendetwas – aber nein, alles schon dagewesen, alles schon gesehen; auf zweifelsfrei höchstem Niveau zeigen die Artisten ihre bewährten Kunststücke.

Oliver Masuccis Hauptmann immerhin macht eine Wandlung durch. Bekannt für seine Rollengestaltungen von Anatol Kuragin bis Achilleus als Zyniker, Charmeur, Filou mit unwiderstehlichem Raubtierlächeln, arrogant, überheblich, selbstverliebt, nun gar ein Vergewaltiger, zieht er all seine Joker auch diesmal. Aber: Er wird ein hilflos Liebender, ein Hin- und Hergerissener, ein Getriebener in der Frage, ob er der Vater des O.-Kindes ist oder nicht. Tatsächlich ist die letzte Szene, als er der Hartinger zärtlich den Bauch berührt, und sie ihm eine Verbal-Watschn gibt, die Ehrenrettung des Ganzen. Also rein in den Pelzmantel, raus aufs Schlachtfeld …

Bleibt, Houvardas schlimmste Sünde abzuhandeln. Denn weder galt es (Achtung: KritikerkollegInnenzitate!) Ferdinand Bruckner „den Muff der Zeit“ abzuklopfen, noch einem „Trendbarometer“ zu gefallen, noch zu jubeln, dass auf „platte Gegenwartsbezüge“ verzichtet wurde. Bruckner schrieb 1933 – danach emigrierte er nach Paris – ein hochpolitisches Stück. Von einem darniederliegenden, zerfallenden Europa. Von Niedergang bis Niederträchtigkeit. Von einer Politik, die zerstört, statt aufbaut, die nicht nur keine Antworten hat beziehungsweise gibt, sondern sich nicht einmal mehr Fragen stellt. Und: Er schrieb ein Emanzipationsdrama. Im Gegensatz zu Kleist, wo alles in Liebe, Wonne, Hochzeit endet, zeigt die Marquise hier der Gesellschaft den Mittelfinger. Sie wird gehen. Allein. Und Mutter sein, wo sie keiner kennt. Dazu kann einem heute was einfallen. Ohne die von manchen so gefürchtete Abrissbirne namens „Modernisierung“. Es reichte auch ein leicht Schlag mit dem Reflex-Hämmerchen. Aber im Maibach bewegt man sich eben lieber vorsichtig, verschüttet nichts, freut sich über die Silberkelche und lauscht Beethoven.

www.burgtheater.at

www.mottingers-meinung.at/die-marquise-von-o-am-akademietheater-2

Von Michaela Mottinger

Wien, 11. 5. 2013

„Die Marquise von O.“ am Akademietheater

April 19, 2013 in Tipps

Nach dem Ende öffnen sich neue Horizonte

Honi soit qui mal y pense. „Die Marquise von O.“, die am 19. 4. am Akademietheater Premiere hat, hat natürlich nichts mit „Emmanuelle“  Sylvia Kristel zu tun. Die war 1974 ja auch „Die Nichte der O.“ Einen bemerkenswerten Film nach Kleists Novelle gibt es allerdings: Aus dem Jahr 1976 von Eric Rohmer; mit Bruno Ganz und Edith Clever.

Presse: Fotos bei Nennung des Fotografen für die aktuelle Berichterstattung freigegeben.

Oliver Masucci (Hauptmann), Dorothee Hartinger (Frau von O.)
Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In Wien ist nun Ferdinand Bruckners dramatische Bearbeitung des berühmten Kleist’schen Stoffs zu sehen. Yannis Houvardas, Intendant des Nationaltheaters in Athen, inszeniert das Stück. Der Inhalt (bei Bruckner, nicht bei Kleist): Die Selbstbefreiung eines gesellschaftlichen Opfers aus Erpressung und Unterdrückung, schließlich Zerbrechen – statt wie bei Kleist Versöhnung – der familiär-einengenden Bande. Und ein Aufbruch zu neuen Horizonten. Der Marquise passiert nämlich etwas „Unglaubliches“: Sie kommt in andere Umstände, ohne sich erklären zu können wie (ein Hauptmann hat sie im Vorbeiflitzen, als sie ohnmächtig war, das waren die besseren Damen damals ja öfters, vergewaltigt). Die Eltern und ihr Verlobter reagieren verstört. Die Marquise, die sich selber immer mehr zum Rätsel wird, gibt in ihrer Verzweiflung schließlich jene Zeitungsannonce auf, in der sie den ihr unbekannten Kindsvater auffordert, sich bei ihr zu melden. Statt Hochzeit mit dem Vergewaltiger folgt die Annahme des Kindes der Gewalt durch die Mutter allein …

Starker Tobak. Den der Altösterreicher Bruckner, der 1933 nach Paris emigrierte, wieder ins Preußen (des 18. Jahrhunderts/napoleonische Kriege/ergo Männergesellschaft, Krieg und Tod) verlegte. Kleist war inhaltlich aus Verlegenheit nach Italien ausgewandert. Wie sehr der Grieche Houvardas  im Drama Euro(pa)-Themen wie Solidarität statt Zwietracht, sozialen Wandel statt Stände- und Staatenstillstand, die Notwendigkeit von Kultur statt deren Kaputtsparung, Freiheit und Frieden statt wirtschaftlichen Fortschritt als neoliberalistische Religion … anklingen lassen wird – man wird sehen. Zärtlich will er sein. Und Beethoven live spielen lassen.

Ein Erfolgsgarant für die Produktion dürfte schon einmal Johannes Schütz als Bühnenbildner sein. Und an erster Stelle natürlich das exzellente Ensemble: Dorothee Hartinger als Marquise, Peter Simonischek und Andrea Clausen als die entsetzten Eltern, Oliver Masucci – nach allem, was man von ihm bisher gesehen hat, sicher eine Idealbesetzung für den schlitzohrigen Hauptmann – und Dietmar König.

www.burgtheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 19. 4.