Akzent: Hubsi Kramar als „Häuptling Abendwind“

November 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Trashrevue zum Thema Sprachkannibalismus

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar. Bild: Lilli Crina Rosca

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar mit seinem All-Star-Team. Bild: Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar ruft wieder einmal zum Halali auf das, was andere liebevoller als er die österreichische Mentalität nennen. Im Theater Akzent zeigt er Nestroys letzten Streich, die Faschingsburleske „Häuptling Abendwind“, und das gar nicht so „frei nach“ dem genialischen Autor, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Kramar hat die Menschenfresserposse mit eigenen und Texten von Eva Schuster und Gunter Falk gespickt, die bitterbösen Couplets mit Musik von James Brown bis Queen aufgefettet, er zitiert von Faust bis Dreigroschenoper, er collagiert – und dies alles im Sinne des Erfinders. Wie der nämlich bereits anno 1862 eine Offenbach’sche Operette zur parodistischen Polemik gegen den stetig wachsenden Nationalismus und einen europäischen Kolonialimperialismus verwurstete, so tut’s Kramar nun auf seine Art. Als Theatermacher, der nicht müde wird, der Rechten nachzuweisen, wie link sie ist.

Das Thema seiner Trashrevue ist der allgegenwärtige Sprachkannibalismus, der hetzerische, Hass schürende, hirnlose Umgang mit Worten – und da serviert Kramar ein paar wahn/witzige Doppeldeutigkeiten, denn offenbar kann man die eine historische Tatsache wie ein Gulasch immer wieder aufwärmen: Man muss die Leut‘ nur lang genug mit Parolen hartkochen, bis sie „Fremde“ fressen. Häuptling Abendwind, ihn spielt Hubsi Kramar selber, ist ein solcher als Schiffbrüchiger auf die Insel gespült worden, was sich gut trifft, da er seinen Politgegner Biberhahn mit einem opulenten gräulichen Festmahl beeindrucken will. Dieser wiederum wartet auf seinen Sohn Arthur, den er in der Zivilisation in die Friseurlehre geschickt hat, und als sich in der Suppe diesbezüglich eindeutige Utensilien finden, scheint die Sache klar. Doch Arthur hat im aufgeklärten Europa erfahren, wie das so ist mit dem Fressen und der Moral, und so wurde ein anderer aufgetischt, und Arthur kann die Häuptlingstochter Atala heiraten. Eine diplomatisch höchst willkommene Liebesallianz.

Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Der heftige Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseursohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseur-Sohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Als Darsteller fungiert das Hubsi-Kramar-All-Star-Team: Patrik „Satchmo“ Huber ist der heftige Biberhahn, Gioia Osthoff eine resolut-liebreizende Atala. Stefano Bernardin kann als Arthur nicht nur spielerisch überzeugen, er erweist sich sogar gesanglich als echter Figaro. Sowieso immer ein Gustostückerl ist Diseuse Lucy McEvil, die unter anderem in einem großartigen russischen Chanson samt Ballett erzählt, wie die vornehme Petersburger Familie Stroganoff zu ihrem Boeuf kam, nämlich weil die Dame des Hauses einen Liebhaber hatte. Ein Leckerbissen ist auch Markus Kofler als politischer Gefangener in oranger Schwimmweste, dessen weltverbesserische Forderungen ganz Dada sind.

Der Star des Abends ist aber das Volk von Groß-Lulu, das im Bühnenbild von Markus Liszt in nach Kramars Vorgaben selbstgefertigten Kostümen agiert. Ob Sascha Tscheik als Hofkoch Ho-Gu, Hannes Lengauer als Hofschamane oder Christian Rajchl als Holofernes, sie alle ziehen eine fantastisch verrückte Show ab, spielen, singen, kriegstanzen, bedrohen das Publikum, dass es eine Freude ist. Die Zuschauer waren ob Kramars Nonsense mit Hintersinn höchst amüsiert. Nur vom Höchstrichter Er-Ich kam am Ende die Stückanfechtungsklage …

www.akzent.at

Wien, 5. 11. 2016

Schauspielhaus Wien: Die Pläne für die Saison 2016/17

September 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kubin, Kudlich, Kaspar Hauser

Tomas Schweigen (M.) mit Rita Kelemen und Tobias Schuster. Bild: Schauspielhaus Wien

Tomas Schweigen (M.) mit Rita Kelemen und Tobias Schuster. Bild: Schauspielhaus Wien

Tomas Schweigen ist zufrieden. Man hätte ihn nämlich mehrmals gewarnt vor dem steinigen Weg, den er bereit sei zu beschreiten, sagt er. En-Suite-Spielen in Wien, damit sei kein Publikum zu gewinnen. Doch Schweigen hat. Hat seine erste Spielzeit als künstlerischer Leiter des Schauspielhaus Wien mit einer Auslastung von 83 % abgeschlossen.

Und, noch bemerkenswerter, mittels einer Besucherbefragung festgemacht, dass sich dabei der Anteil der Zuschauer unter 30 Jahren auf etwa 50 % erhöhte. Kein Grund also, den steinigen Weg zu verlassen, auch in dieser Saison bleibt das Haus ein „Autoren- und Entdeckertheater“, setzt Schweigen sowohl auf die Zusammenarbeit mit österreichischen Künstlern als auch auf eine weitere Internationalisierung seiner Spielstätte. Man sehe sich als Ensembletheater, das die gesellschaftlichen und politischen Themen der Zeit mit aufregenden Regiehandschriften beschreiben will, so Schweigen. Als da wären: Werte und andere Utopien und die Sehnsucht danach. Dies die Eckpunkte, die Tomas Schweigen Mittwochabend bei der Spielplanpräsentation für die Saison 2016/17 gemeinsam mit seinem leitenden Dramaturgen Tobias Schuster und seiner kaufmännischen Leiterin Rita Kelemen vorstellte.

Die Eröffnungspremiere am 29. September verantwortet er als Regisseur selbst. Traum Perle Tod! heißt die Produktion auf Grundlage der fantastischen Fabel „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, ein surrealistischer Schlüsselroman und „gespenstisch aktuell“. In Schweigens Händen wird die Geschichte des Multimillionärs Claus Patera und seines im ewigen Dämmerlicht liegenden Albtraumreichs Perle natürlich keine klassische Romanadaption, der Theatermacher verspricht ein „spezielles Bühnenerlebnis in einer sehr speziellen Bühnensituation, wie es sie, so hat man mir versichert, in Wien noch nie, oder zumindest schon lange nicht mehr, gegeben hat.“

Die folgende Produktion Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht, Premiere ist am 25. November, ist nach dem Stadtspaziergang „Strotter“ eine erneute Zusammenarbeit mit Autor Thomas Köck. Der Oberösterreicher, mittlerweile zu einer der wichtigsten Stimmen der heimischen zeitgenössischen Dramatik avanciert und für seinen Text bereits mit dem Preis der Österreichischen Theaterallianz ausgezeichnet (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=17739), verhandelt entlang der Biografie des Bauernbefreiers Hans Kudlich Fragen zur Ausbeutung durch andere und zur kapitalistischen Selbstausbeutung. Schweigen: „Es wird ein Parforceritt durch die Restaurationszeit und durchs heutige Dienstleistungsproletariat, es treten Figuren von Georg Büchner bis Andreas Gabalier auf, es wird saftig und humorvoll.“ Die kunstvolle kleistige Klassiksprache wird Regisseur Marco Štorman auf die Bühne heben.

Am 1. Dezember wird der schwedische Installationskünstler Thomas Bo Nilsson mit seinem Team ans Schauspielhaus zurückkehren. Nach seiner 504-Stunden-Installation „Cellar Door“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18916), bei der er das gesamte Theater in ein gespenstisches Dorf samt seiner skurrilen Bewohner verwandelte, hat er nun für sein begehbares Beziehungsgemälde JINXXX eine klaustrophob-kammerspielartige Form gewählt. Im kalten Kosmos einer Autobahnraststätte, die auch Bordell ist, und einer surrealen Waldhütte, in der sich drei sinistre Frauen herumdrücken, spürt er Tendenzen von Radikalisierung nach. Schweigen: „Es wird eine Reise in den Abgrund, wieder begleitet von den sozialen Medien und wieder unter Mitarbeit des Publikums.“

Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt ist der Titel des Stücks von Miroslava Svolikova, das ab 12. Jänner gezeigt wird. Die Wienerin, sie ist Gewinnerin des Hans-Gratzer-Stipendiums, gilt, seit vergangene Saison im Burgtheater-Vestibül ihr Text „die hockenden“ uraufgeführt wurde, als Spezialistin für absurde Komik und schrill-prägnante Dialoge. Nun hat sie eine Farce verfasst, die so manche Konvention des Theaterbetriebs infrage stellt, oder wie Schweigen erklärt: „Es geht um drei Figuren, die sich ins finstere Herz der Antragsbürokratie vorwagen. Wichtige Rollen spielen Hologramme, Teesiebe und sprechender Speichel …“ Um die Inszenierung kümmert sich der junge Salzburger Regisseur Franz-Xaver Mayr.

Ihre erste Inszenierung im deutschsprachigen Raum zeigt ab 1. Februar die in Norwegen bereits gefeierte Autorin und Regisseurin Lisa Lie. Bekannt für ihre archaischen Bilder und ihre verspielt-skurrile Komödiantik, hat sie sich des Kaspar-Hauser-Mythos angenommen. In Kaspar Hauser oder Die Ausgestoßenen können jeden Augenblick angreifen! befasst sie sich frei und assoziativ mit der Frage, wie eine Gesellschaft mit dem Fremden umgeht, wie eine Mehrheit durch einen Neuankömmling ihre eigene Funktionsweise hinterfragen muss, und wie ein einzelner eben diese infrage stellt, weil er ihre Mechanismen nicht kennt.

Das junge Performance-Kollektiv FUX, bestehend aus Nele Stuhler und Falk Rößler, befasst sich im März in den Frotzler-Fragmenten mit den historischen Theaterformen des Roten Wien der 1920er-Jahre. Ihre „postmonetäre Doppelconférence“ untersucht Reformperspektiven zum zunehmend krisenanfälligen Kapitalismus. Eine Arbeiterrevue, in der Reizworte wie Sharing Economy oder bargeldlose Gesellschaft fallen werden.

Danach forschen Tomas Schweigen und Ivna Žic im April mit Blei über die umkämpfte Geschichte des Feldes von Bleiburg/Pliberk, bis heute eine Pilgerstätte des Nationalsozialismus. Schweigen: „Auf diesem Feld an der Grenze von Kärnten und Slowenien liegt immer noch Kriegsmaterial aus dem Zweiten Weltkrieg vergraben. Im Mai 1945 wollte ein Tross aus Wehrmachtssoldaten und Zivilisten nicht den Tito-Soldaten in die Hände fallen, sondern sich den Briten ergeben. Doch die Briten lehnten ab, und die Jugoslawische Volksbefreiungsarmee trieb die Menschen zurück ins Landesinnere.“ Dieses Massaker von Bleiburg und die folgenden Todesmärsche würden aus den widersprüchlichsten Perspektiven betrachtet. „Uns“, so Schweigen“, geht es um das Zeigen der ideologischen Instrumentalisierung von Geschichte im Geiste des wieder erstarkenden Nationalismus.“

Imperium. Bild: © Matthias Heschl

Imperium. Bild: © Matthias Heschl

Città del Vaticano. Bild: © Matthias Heschl

Città del Vaticano. Bild: © Matthias Heschl

Zum Abschluss der Spielzeit im Mai/Juni werden schließlich Milo Rau und Robert Misik mit Agora ein Projekt über Demokratie ins Leben rufen, einen performativen Diskussionsraum schaffen, einen Ort für politischen Austausch, in dem Besucher mit Performern und Experten über aktuelle politische Fragen sprechen können. Wiederaufgenommen werden Città del Vaticano und der Publikums- und Kritikerliebling Imperium (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17877); auch die Uraufführungsrechte für Christian Krachts neuen Roman „Die Toten“, der heute erscheint, habe man sich bereits gesichert, freut sich Schweigen. „Für eine mittlere Summe im sechsstelligen Bereich.“

Das Schauspielhaus Wien ist nach wie vor mit etwa 1,5 Millionen Euro von der Stadt Wien und mit 400.000 Euro vom Bund subventioniert, reichte Rita Kelemen an Zahlen nach. Man habe vergangene Saison für 226 Vorstellungen 20.000 Karten verkauft, die Eigendeckung liegt bei 19 %. Letzter Satz: „Da weiterhin keine Indexanpassung in den öffentlichen Förderungen vorgesehen ist, bleibt die wirtschaftliche Situation des Schauspielhauses angespannt.“

www.schauspielhaus.at

Wien, 8. 9. 2016

Schikaneder: Ab 30. September im Raimund Theater

Mai 10, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Vereinigten Bühnen präsentierten ihr neues Musical

Erste musikalisce Kostprobe: Milica Jovanovic und Mark Seibert singen als Eleonore und Emanuel Schikaneder "Träum groß!". Bild: VBW

Erste musikalische Kostprobe: Milica Jovanovic und Mark Seibert singen als Eleonore und Emanuel Schikaneder „Träum‘ groß!“. Bild: VBW

Als schließlich zum ersten Mal vor Publikum der vorprogrammierte Hit „Träum‘ groß!“ intoniert wurde, klang es schon so, als würde Wolfgang Amadé ums Eck grinsen. Was nicht zuletzt daran lag, dass Dirigent Koen Schoots sein 31-köpfiges Orchester „mozartisch“, das heißt: „in der Fast-Original-Zauberflöten-Besetzung“, aufgestellt hat. Mark Seibert und Milica Jovanovic sangen das Liebesduett von Eleonore und Emanuel Schikaneder.

Denn darum geht’s im Wesentlichen, die turbulente Liebesgeschichte des genialen Wiener Theatermachers und seiner Frau. Das alles rund um die Schöpfung der „Zauberflöte“, deren Librettist und Ur-Papageno der Schauspieler, Sänger und Regisseur war. Und, nein, Mozart kommt diesmal nicht vor. Wie das geht, kann man ab 30. September, also genau 225 Jahre nach der Erstaufführung der Freimaureroper, erleben, wenn die Vereinigten Bühnen „Schikaneder“ als insgesamt dreizehnte Musical-Uraufführung des Unternehmens auf die Bühne des Raimund Theater heben.

Intendant Christian Struppeck, als Autor auch für das Buch verantwortlich, stellte die Produktion Dienstag Vormittag gemeinsam mit seinem „Schreibpartner“, dem Komponisten und Liedtexter Stephen Schwartz vor. Der Oscar-, Grammy- und Golden-Globe-Preisträger ist ein Showman. Und so war ein Klavier flugs zur Stelle, auf dem der New Yorker Musiker für die Presse und einige handverlesene Musicalfans ein Best-of seiner Melodien zum besten gab. Dazu erklärt er in Kurzfassung die Handlung: Man lernt sich kennen, „We are only young once“, doch er kann seine Angewohnheit, sich für andere Frauen zu interessieren, nicht ablegen, es gibt einfach „Too many fish in the sea“. Sie lernt erst „To look the other way“, doch nach Trennung und Beinah-Pleite steht das Geschäftliche wieder im Vordergrund, es heißt „Striktly business“ und man macht sich an die Arbeit zu einer der berühmtesten Opern der Welt.

„It’s all true and really funny“, sagt Schwartz über seine Story. Und, dass er es erst aufregend, gefährlich und erschreckend fand, dass in seiner Musik Zitate von Mozart zu hören sein sollten. Nun, die Übung scheint aufs erste Hinhören gelungen. So zwischen volkslied’schem „Klinget, Glöckchen, klinget“, Walzeranklängen und very Wienerischem L’amour-Hatscher. Michael Kunze schreibt die deutschsprachige Fassung, David Cullen hat die Orchestierung übernommen.

Intendant Christian Struppeck stellte mit Komponist und Liedtexter Stephen Schwartz die Produktion vor. Bild: VBW

Intendant Christian Struppeck stellte mit Komponist und Liedtexter Stephen Schwartz die Produktion vor. Bild: VBW

Reinwald Kranner, Katie Hall, Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seibert, Koen Schoots, David Cullen und Florian Peters. Bild: VBW

Reinwald Kranner, Katie Hall, Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seibert, Koen Schoots, David Cullen und Florian Peters. Bild: VBW

Mark Seibert und Milica Jovanovic. Bild: Rafaela Pröll/VBW

Die Schikaneders in ersten Kostümen: Mark Seibert und Milica Jovanovic. Bild: Rafaela Pröll/VBW

Seit vier Jahren schon beschäftigt sich Struppeck intensiv mit dem Projekt. Er sei fasziniert, sagt er, von diesem waghalsigen Unternehmer, mit seinem Sinn fürs Spektakuläre und seinen Antennen für den Publikumsgeschmack. Und, mal ehrlich, was könnte schöner an ein VBW-Haus passen, als eine Hommage an den Gründer der Raimund-Theater-„Schwesterbühne“, des Theaters an der Wien. Dies sei in dieser Stadt tatsächlich längst überfällig.

Auch Darsteller Mark Seibert schwärmt von seinem Charakter: „Schikaneder war definitiv ein Visionär, der das Theater neu erfinden wollte. Privat allerdings war er ein Hallodri, der es immer geschafft hat, mit einem Augenzwinkern davonzukommen. Ich bewege mich da auf einem schmalen Grat, denn Schikaneders großes Selbstbewusstsein und seine maßlose Selbsteinschätzung können schnell auch unsympathisch wirken. Meine Aufgabe wird es sein, die Figur so charmant zu gestalten, dass man ihn trotzdem mag.“ Bühnenpartnerin Milica Jovanovic sieht Eleonore Schikaneder als „moderne, emanzipierte Frau, und das im 18. Jahrhundert! Es ist fantastisch, wie sie es geschafft hat, von der Schauspielerin zur Intendantin zu werden. Welch eine Karriere! Schade, dass sie heute fast vergessen ist.“ Nachsatz: „Doch das werde ich jetzt ja ändern.“ Sie lacht.

Mit den beiden spielen unter anderem Reinwald Kranner, der „gerade übt, in Saft zu gehen“, den Schikaneder-Gegenspieler Karl Marinelli, Florian Peters Eleonores Verehrer Johann Friedl, Katie Hall die Maria Anna Miller, Franziska Schuster und Katja Reichert die Barbara Gerl, die spätere Papagena, und Josepha Hofer, Mozarts Schwägerin, die spätere Königin der Nacht. Hardy Rudolz ist als Franz Moser und Josef von Bauernfeld zu sehen, Armin Kahl als Benedikt Schack.

Anthony Ward gestaltet Bühnen- und Kostümbild, „alles wird aussehen, wie 1791“, sagt er, „und auch die Art, wie die Bühnenbilder bewegt werden, haben wir an die damaligen technischen Gegebenheiten angepasst“; Anthony van Laast übernimmt die Choreografie. Und mit noch einem Superstar kann Christian Struppeck aufwarten: Sir Trevor Nunn wird Regie führen. Der Tony-Preisträger und ehemalige Intendant der Royal Shakespeare Company meldet sich via Videozuspielung zu Wort. Was er davon hält, Schikaneder ein Musical zu widmen? „Well, das ist nicht die schlechteste Idee der Welt!“ Stimmt. Der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

www.musicalvienna.at

Wien, 10. 5. 2016

Schauspielhaus Wien: Imperium

Februar 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Fressen für die Schauspieler

Unterm Baströckchen wird blank gezogen: Sebastian Schindegger, Simon Bauer, Steffen Link und Oliver Mathias Kratochwill Bild: © Matthias Heschl

Unterm Baströckchen wird blank gezogen: Sebastian Schindegger, Simon Bauer, Steffen Link und Oliver Mathias Kratochwill. Bild: © Matthias Heschl

Eine kleine Enttäuschung ist das schon: Wenn STS mit „Irgendwann bleib i dann dort“ bemüht werden, warum nicht bitte Peter Cornelius‘ „Reif für die Insel“? Da war das Publikum mit Batida de Coco ja bereits gefügig gemacht, sozusagen in Schunkellaune, und reif zum Mitsingen – Ü-ü-ba-reif!

Schmähohne, ist das ein Spaß! Am Schauspielhaus Wien hat Jan-Christoph Gockel „Imperium“ von Christian Kracht inszeniert. Und das in erster Linie als Fressen für die Schauspieler. Die kommen nämlich voll auf ihre Kosten, die dürfen alles auspacken, was sie haben, ihr gesamtes schauspielerisches Arsenal, ihr Gesangstalent und die Genitalien. Was allerdings in dem 2012 erschienenen Roman des Schweizer Autors an zeitgenössischer Brisanz drinsteckt, dass er landauf, landab für Literaturkritikerkontroversen –  Der Spiegel schrieb von einer rassistischen Weltsicht, die totalitärem Denken den Weg ebne, Die Welt attestierte dem Magazin daraufhin Ironiebefreitheit – sorgte, erschließt sich, obwohl der Umstand als solcher kurz angesprochen wird, maximal als Fußnote. Das darf man um mittlerweile zehn Euro im Taschenbuch nachlesen. Der Gockel war auf Party gebürstet, nicht auf Kapitalismus-Kolonialismus-wasauchimmerismus-Kritik. Das ist wie gesagt eine kleine … aber ansonsten: ein mördermäßiger Mordsspaß!

Los ging’s gleich mit Showcooking und flambierten Koteletts und Speckduft in der Luft. Der Protagonist des Ganzen, der real existiert habende August Engelhardt, war nämlich so eine Art Hungerkünstler. Der Vegetarier und Nudist ging 1902 nach Deutsch-Neuguinea, um die Sonne anzubeten und sich von Kokosnüssen zu ernähren. Ausschließlich. Im Roman überlebt er das, wenn auch dem Wahnsinn anheimgefallen, erstaunlich lange. Kracht lässt ihn nach dem Zweiten Weltkrieg von US-Soldaten finden. Die das fleischlose Skelett als erstes mit Cola und einem Hotdog laben. Zwischen den Jahrzehnten wird viel mit Lebensmitteln gespielt. Ja, sie kommen sogar als Kriegsbemalung – Schokoladebrotaufstrich – und Special FX Makeup – Hungerödem aus Honig und Getreideflocken – zum Einsatz. Die kalorienhinterhältigen Erzengel Raffaello und Nutella schweben über dieser Produktion, und auch das Publikum kriegt sein Fett weg. Als Brat- oder Schönheitsmittel; man ist bald mitten drin in einer Kokosproduktekaffeefahrt. Engelhardt nannte seine Überzeugung übrigens Kokovorismus, je mehr Kokosnussverzehr, desto gottähnlicher. „Ich spüre selbst im Schlaf, wie sich mein Blut durch Kokosmilch ersetzt“, sagt sein Darsteller Sebastian Schindegger. Eh klar, dass das in Autokannibalismus – Stichwort: Karottendaumen – endet.

Gockel wagt sich an die Ironisierung der Ironie. Und reüssiert diesbezüglich. Seine gemeinsam mit Tobias Schuster erarbeitete Bühnenfassung rieselt auf Krachts Groteske wie Kokosstreusel auf den dazugehörigen Kuchen. Er gestaltet eine schwungvolle Satire auf den Hipsterismus dieser Tage, auf Lifestyleströmungen und urban trendsetter. Auch, wenn das alles in der Wildnis … das Bühnenbild samt den Baströckchen stammt von Julia Kurzweg und schaut aus, als hätte der Wirt ums Eck Hawaiiabend … ist doch klar, welche Art Scharlatane und sonstige Heilsversprecher, die sich an der Dämlichkeit anderer dumm und dämlich verdienen, angesprochen werden. Unter den von Kracht beschriebenen Rechtsauslegern, der aaaandere Vegetarier, der Europa noch ins Verderben stürzen wird, kommt freilich kurz vor, interessierte Gockel der Gesundheitsfaschismus wohl am meisten.

Das Saunafetzerl teilen sich ausschließlich die Herren des Hauses. Simon Bauer und Steffen Link gestalten das zivilisationsgescheiterte Figurenpanoptikum des Buches, und das bei Freiheit der Geschlechtlichkeit. Sie sind aber nicht nur der sumpffieberkranke Gouverneur Hahl, die liebestolle Großgrundbesitzerin Emma Forsayth, der mit einer Kokosnuss – welch ein Witz! – erschlagene Pädophile Heinrich Aueckens, der davor von ihm geschändete Eingeborenenbub Makeli, der hypochondrische Pianist Max Lützow und dessen likörsüchtige Verehrerinnen, sie sind auch allwissende Erzähler und Erklärer. Wie sie aus und in die Handlung, von der Khakihose ins Abendkleid, zeitlich vor und zurück springen, ohne je den Faden zu verlieren, ist ganz groß. Nebenbei werfen sie sich noch bissige Bemerkungen unter Kollegen zu. Zu denen auch Tonkünstler und Soundmacher Jacob Suske und Lichtdesigner und Stimmungsmacher – siehe: Gitarre und STS – Oliver Mathias Kratochwill gehören. Ein Mann, wie der Sohn, den Wolfgang Bauer nicht hatte, und das muss da stehen, weil Kratochwill „Imperium“ quasi zum exzessiv eskapistischen Gesamtkunstwerk macht.

Sebastian Schindegger ist als Engelhardt ein naiv-stiller Reservejesus, der inmitten all der Fleisch gewordenen Bewusstseinskrisengebiete an seinem segenspendenden Himmelsbaum festhält. Schindegger spielt das sehr zutraulich und enthusiastisch. Sein Engelhardt ist eigentlich ein ganz Lieber. Dass aber laut Kracht Idealismus die Vorstufe zu Ideologie und Irrsinn ist, zeigt er nicht wirklich. Und auch, dass der Plantagenbesitzer kurz vor Anarchie Richtung Absolutismus ausschert, reißen Regie und Schauspiel nur kurz an. Bei Gockel folgt auf die Komödie zu wenig Grauen, zu wenig Tiefgang auf das Waten durch die slapstickigen Untiefen. Während der Roman auch einen Rückspiegelblick auf die Massenkarambolage, die sich 20. Jahrhundert nennt, zulässt, begnügt sich das Theaterstück mit der aberwitzigen Aussteigerstory. Ästhetisch ist der Abend auf jeden Fall eine Adresse ans Berliner Theatertreffen mit der Bitte um Einladung.

Zwei Szenen bleiben da besonders im Gedächtnis: die von Simon Bauer und Steffen Link im Halbdunkel gestaltete Vergewaltigungsskulptur von Aueckens und Makeli, und Engelhardts Faust-Leseübung mit Makeli. Im Perspektivewechsel zwischen Schindegger und Link hört jeweils der eine die Worte des anderen als wildes Gestammel. Mehr lässt sich zum Thema Kulturimperialismus nicht sagen. Im clash of civilizations gilt als ungeklärt, wer die Barbaren sind, sagt Gockel mit diesem Moment. Hätte er mehr solche gehabt, es wäre aus einem unterhaltsamen, kurzweiligen Theaterabend einer geworden, der einen auch – pardon! – bei den Eiern gepackt hätte.

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Wien, 29. 2. 2016