Schauspielhaus Wien: Das Programm der Saison 2019/20

Juni 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die transkulturelle Gesellschaft präsentieren

Matthias Riesenhuber, Tomas Schweigen, kaufmännischer und künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, und Chefdramaturg Tobias Schuster stellen die Saison 2019/20 vor. Bild: Schauspielhaus Wien

Intendant Tomas Schweigen und sein leitender Dramaturg Tobias Schuster stellten heute Vormittag den Spielplan des Schauspielhaus‘ Wien für die kommende Saison 2019/20 vor, der kaufmännische Leiter Matthias Riesenhuber präsentierte die Zahlen der laufenden – und obwohl Schweigen und Riesenhuber von der bis dato erfolgreichsten Spielzeit des Theaters zu berichten wussten, von Einladungen zu den Mühlheimer Theatertagen übers Münchner Festival radikal jung bis zu den

Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin, alarmierten sie bereits eingangs mit drohenden Finanzierungsproblemen, eine Situation, zu der die beiden konkret allerdings erst nach ersten Einblicken in die Produktionen zu sprechen kamen. Und so freute sich Schweigen über den Coup, zur Saisoneröffnung am 28. September mit dem gefeierten Duo Vinge/Müller zwei der momentan gefragtesten Künstler der Theaterszene, von der Welt als „die irrsten Theatermacher der Welt“ vorgestellt, deren Aufführungen auch schon mal zwölf Stunden dauern, in denen Vinge Eigenurin trinkt oder anales Action Painting vorführt, für eine Inszenierung am Haus und damit ihre erste Produktion in Österreich gewonnen zu haben. „Vegard Vinge und Ida Müller gehörten zu den prägendsten Mitstreitern von Frank Castorf an der Volksbühne, und werden das unter René Pollesch wieder sein“, so Schweigen zur Uraufführung von deren Projekt.

Er selbst bringt dann am 13. November Édouard Louis‘ Roman Im Herzen der Gewalt als österreichische Erstaufführung auf die Bühne. Der 1992 geborene Shootingstar der französischen Literatur gilt auch als wichtige politische Stimme, und ist einer, der an der Schnittstelle von fiktionaler Literatur und Sozialwissenschaft schreibt. Das autobiografische Buch, in dem sich die Hauptfigur mit einer von Xenophobie, Rassismus und Homophobie durchzogenen Gesellschaft konfrontiert sieht, nennt Tobias Schuster ein „sprachgewaltiges, düsteres Weihnachtsstück“, eskaliert doch am Weihnachtsabend ein schwuler One-Night-Stand zur Vergewaltigung, nach der, so Schuster, „Édouard erfahren muss, wie Polizei, Ärzte, Freunde, sogar die Schwester auf die Gewalttat reagieren“. Mit dieser Arbeit knüpft das Schauspielhaus an Schweigens Inszenierung von Das Leben des Vernon Subutex 1+2 an (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33148), die wiederaufgenommen werden wird – und Tomas Schweigen die Gelegenheit bot, auf Ab- und Neuzugänge im Ensemble hinzuweisen, ist doch Vassilissa Reznikoff bereits nach Mannheim gewechselt, während Steffen Link nach der Hauptrolle in „Im Herzen der Gewalt“ nach München übersiedelt.

Dafür kommt fix Clara Liepsch, die bereits im „Vernon Subutex“ spielt, und Til Schindler: www.tilschindler.com. Fortgesetzt wird die Zusammenarbeit mit dem oberösterreichischen Erfolgsautor Thomas Köck, heuer zum zweiten Mal in Folge Gewinner des Mühlheimer Dramatikerpreises, der am 11. Jänner nach der Nestroypreis-nominierten Arbeit „die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!)“ (Rezension und Link zum Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=27228) erneut in gemeinsamer Regie mit Elsa-Sophie Jach seine Kronlandsaga um den Bauernbefreier Hans Kudlich fortgesetzen wird. Nach „Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23658) heißt der Text zur Uraufführung nun Kudlich in Amerika, geht der in Wien zum Tode Verurteilte doch wie tatsächlich in die Vereinigten Staaten, nur dass er bei Köck zum texanischen Öl-Magnaten wird – womit über den Roh/Stoff ein weites Gedankenfeld zu Kapitalismus, Kriegstreiberei und Klimakollaps eröffnet ist.

Anna Marboe, dies Jahr mit „Oh Schimmi“ im Nachbarhaus heftig akklamiert, übersiedelt auf die große Bühne und inszeniert das jüngste Gewinnerstück des Hans-Gratzer-Stipendiums, Angstbeißer von Wilke Weermann, ein zwischen Horror und schwarzem Humor changierender Drogentrip, oder wie es Tobias Schuster sagt, „eine Art Hipster-,Trainspotting‘, bei dem sich ein Freundeskreis in eine Albtraumwelt voller Halluzinationen und Gewaltfantasien verirrt.“ Uraufführung ist am 27. Februar. Mit dem Arbeitsatelier geht die Kooperation von uniT Graz und Schauspielhaus weiter. In diesem Jahr erarbeiten die Autorin und Soziologin Ewelina Benbenek und Regisseur Florian Fischer ein gemeinsames Rechercheprojekt, eine Diskussion darüber, wie eine transkulturelle Gesellschaft im Wechselspiel von Bühne und Publikum präsentiert werden kann, ein Ansatz, eine Analyse, die, wie Tomas Schweigen befindet, auf alle kommenden Produktionen zutrifft, nach der Untersuchung des Status Quo Europas in dieser Saison sozusagen das neue Spielzeitmotto. Tragödienbastard wird am 4. April uraufgeführt. Miroslava Svolikova schreibt, zugeschnitten auf das Schauspielhaus-Ensemble, ihr neues Stück RAND, das Schweigen zum Abschluss der Saison Ende April uraufführen wird.

Das neue Ensemblemitglied Clara Liepsch (li.) in „Das Leben des Vernon Subutex 1+2“; mit Steffen Link, Simon Bauer, Jesse Inman, Sebastian Schindegger und Anna Rot. Bild: © Matthias Heschl

Die Kronlandsaga um Bauernbefreier Hans Kudlich wird fortgesetzt: Nicolaas van Diepen und Max Gindorff als die Brüder Hans und Hermann Kudlich. Bild: © Matthias Heschl

Am Wochenende nach der Saisoneröffnung veranstaltet die Schule für Dichtung unter der Leitung von Fritz Ostermayer wieder ein zweitägiges Musik- und Literaturfestival, diesmal unter dem Motto Gebenedeit sei die Wut deines Leibes, bei dem neben unter anderem Christoph Grissemann, Antonio Fian und Maja Osojnik auch Oswald Wiener einen seiner raren Auftritte absolvieren wird. Auch eine Kooperation mit dem Theater KOSMOS Bregenz ist wieder vorgesehen, mit der Produktion Das Optimum des jungen Wiener Dramatikers Mario Wurmitzer in der Regie von Maria Sendlhofer. Uraufführung ist am 31. Oktober im Nachbarhaus.

Erfreut zeigten sich Tomas Schweigen und Matthias Riesenhuber zum Schluss über die aktuellen Zahlen, die ein kontinuierlich steigendes Interesse des Publikums bei dessen sinkendem Alter ausweisen. Riesenhuber: „Die Auslastung liegt bei 85 Prozent, das sind knapp 21.000 Zuschauerinnen und Zuschauer seit September 2018, wobei der Anteil des Publikums unter 30 Jahren bei mehr als 50 Prozent liegt.“

Durch verschiedene Umstrukturierungs-, Sparmaßnahmen und einen gesteigerten Aboverkauf sei außerdem eine Budgetentlastung von etwa 45.000 Euro erfolgt, an Kooperationsmitteln habe man an die 100.000 Euro eingenommen. Trotz dieser erfreulich klingenden Situation sprachen die beiden Geschäftsführer eine deutliche Warnung aus.

Die fehlende Valorisierung komme einer jährlichen Kürzung des Budgets, letztmals erhöht 2009 und derzeit bei 1,515 Millionen Euro von der Stadt Wien und 380.000 Euro vom Bund, um durchschnittlich 40.000 Euro gleich. Die Subventionskürzung des Bundes um 20.000 Euro seit 2019 werde man, so Riesenhuber, mit einer Erhöhung der Ticketpreise um zehn Prozent auszugleichen versuchen. Ob unter diesen Umständen ab 2021 das Schauspielhaus seine Aufgabe als progressives Autorinnen- und Autorentheater, das international Beachtung findet, noch in gewohnter Form wahrnehmen wird können, erklärten Schweigen und Riesenhuber für fragwürdig.

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24. 6. 2019

Schauspielhaus: Das Leben des Vernon Subutex 1+2

Mai 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Currysuppe gegen Dreigangmenü

In der Bar Rosa Bonheur: Clara Liepsch als Céleste, Steffen Link als Daniel, Simon Bauer als Patrice, Jesse Inman als Vernon Subutex, Sebastian Schindegger als Xavier und Anna Rot als Hyäne. Bild: © Matthias Heschl

Die Zweiklassengesellschaft gibt es sogar beim Nachtmahl. Besteht dies doch für die einen aus Currysuppen-Street-Food, immerhin einzunehmen in Anwesenheit des Titelantihelden, für die anderen hingegen wird Boboausspeisung aufgewartet, Spargelrisotto und so, an der prächtigen Tafel von Marie-Ange und Xavier. Die Kluft zwischen oben und unten symbolisiert mit Plastikschüsseln vs Porzellantellern, auf dem ureigensten Gebiet der Franzosen also, der Küche.

Das passt perfekt zum kapitalismuskritischen Grundton von Virginie Despentes‘ Bestsellerromanen „Das Leben des Vernon Subutex“. Deren Teile 1+2, in Buchform ist die Trilogie vollendet, zeigen Tomas Schweigen und Tobias Schuster nun in von ihnen erstellter Bühnenfassung am Schauspielhaus Wien, Regie: Schweigen, und die Erwartungen an dessen szenische Umsetzung der literarischen Sensation der Jahre 2015 bis 2017 werden nicht enttäuscht. Schweigen packt Despentes‘ witzig-wütenden Text über Abstiegshysterie und Anspruchsdenken in eine vierstündige Tour de Force für sieben Schauspieler. Bis auf Jesse Inman als Subutex haben alle mehrere Rollen zu stemmen, und sie tun dies mit dem für sie typischen Mix aus Eindringlichkeit und Nonchalance.

Vernon Subutex, der Vorname einem Pseudonym des französischen Autors Boris Vian entliehen, der Nachname der eines Schmerzmittels, das man in der Behandlung Heroinabhängiger einsetzt, ist ein pleitegegangener Plattenladenbesitzer. Allein der Beruf schon Hinweis auf Vernons Aus-der-Zeit-Gefallen-Sein, und nachdem er verkauft hat, was irgend verkauft werden konnte, der nächste Schicksalsschlag: Sein Finanzspritzen setzender Freund und Popstar Alex Bleach stirbt an einer Überdosis. So wird Subutex zum Sofasurfer, kurvt von einer Couch zur nächsten, erschleicht sich Schlafgelegenheiten bei ewig nicht mehr gesehenen Freunden, ehemaligen Geliebten, Ex-Bandkollegen.

Ein letztes Ass hat Vernon noch im Ärmel: Alex hat ihm die Videoaufzeichnungen eines Selbstinterviews hinterlassen, das letzte Zeugnis des Musikgenies, ein Gottesgeschenk für den Boulevard. Und so hat es Vernon bald nicht nur mit seiner früheren Bassistin, jetzt schwer übergewichtigen Emilie, dem verkrachten Drehbuchautor Xavier oder seinem alten Freund und Frauenprügler Patrice zu tun, sondern auch mit dem skrupellosen Filmproduzent Dopalet, der Vernon zwecks Erhalt der Bänder die „Hyäne“ auf den Hals hetzt … So verrückt das klingt, so irre ist es auch. Despentes lässt vom identitären Skinhead bis zur muslimischen Jusstudentin, vom koksenden Trader über den transsexuellen Pornodarsteller, von der promiskuitiven Musikjournalistin bis zur Cyber-Mobberin keine Spielart der Gattung Mensch aus, um ihre These einer radikalisierten Einzelkämpfergesellschaft zu untermauern.

Vernon mit Patrice und Xavier: Simon Bauer, Jesse Inman und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Vernon gibt Emilie die Bänder mit Alex Bleachs Autointerview: Vera von Gunten und Jesse Inman. Bild: © Matthias Heschl

Den karriere- und gewinnorientierten Druckkochtöpfen stellt sie ein Personal an abgeklärten Aussteigern gegenüber, etwa die überzeugte Obdachlose Olga, und so nimmt es nicht wunder, dass in all dem Chaos ausgerechnet der abgesandelte Vernon Subutex der Ruhepol ist. Jesse Inman spielt ihn mit der würdevollen Lässigkeit eines, dem das Begreifen dafür fehlt, was das Dasein an Tiefschlägen für ihn vorgesehen hat. Ihre Desillusionstiraden lassen Simon Bauer als Dopalet und Patrice, Vera von Gunten als Emilie und Lydia Bazooka, Schauspielhaus-Neuzugang Clara Liepsch als Olga und Céleste, Steffen Link als Kiko und Daniel, Anna Rot als Sylvie und Hyäne und Sebastian Schindegger als Xavier auf ihn los. Jacob Suske begleitet den Angst-und-Aufgebrachtheitschor als Musiker.

Wiewohl Schweigen und Schuster von den aberhunderten Romanseiten etliche streichen mussten, ist ihnen ein konzises Destillat der ersten beiden Vernon-Bände gelungen, das kein Despentes-Thema – furchtsam-verunsicherte Mittelschicht, Aufstieg der Neuen Rechten, Islamisierung, Digitalisierung …- unerwähnt lässt. Wie die Autorin betreiben auch die Theatermacher in den von ihnen ausgebreiteten Milieus soziologische Devianzforschung. Dies in Form szenischer Miniaturen, dann wieder in Erzählpassagen, auch Spielfilmsequenzen, umgesetzt von Nina Kusturica und Michael Schindegger, sind ein Mittel der Wahl.

Live oder via Leinwand zeigt sich das Schauspielhaus-Ensemble in Hochform. Jesse Inman schafft auf sympathische Weise den Wandel vom Zero zum Szene-Hero und retour. Extrem wandlungsfähig sind auch Steffen Link, der sich nicht nur von Debbie zu Daniel verändert, sondern auch vom Rechtsdenker Kiko zum rechtsradikalen Schläger Loïc, und Clara Liepsch, die von der kurzgeschürzten Kellnerin zur matronenhaften Olga optisch die größte Metamorphose durchmacht. Und gerade als die Sache wegen ausufernder Monologe aus dem Ruder zu laufen scheint, fällt der Vorhang, heißt: das Projektionstuch, und gibt den Blick auf ein schickes Loft und die Party darin frei. Vernon Subutex arbeitet mit genialischem Gespür für den Geschmack des Publikums seine Playlists ab, die Zuschauer sind zur Gemeinschaftsekstase auf die Spielfläche eingeladen. Da kann man verschmerzen, dass einen das in den letzten Band der Trilogie verweisende apokalyptische Ende ohne entsprechendes Vorwissen nicht wirklich erreicht, Hinweis: es geht um die Terroranschläge vom 13. November 2015 in Paris, Hauptsache das Leben ist ein Rave.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=PJ5ETBPDvZo

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1. 5. 2019

Schauspielhaus Wien: Die Hauptstadt

September 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Menasses Inside-Brüssel-Roman als Bühnensatire

Die Fädenzieher im Hintergrund: Steffen Link als Romolo Strozzi und Jesse Inman als schweinsköpfiger Attila Hitegkuti. Bild: © Matthias Heschl

Man könne, so dachte man, mit der Umsetzung von Robert Menasses mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichneten Brüssel-Bestseller „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646) auf der Bühne nur in Schönheit scheitern. Zu viele Protagonisten, viel zu viele verzwirbelte Handlungsstränge, als dass ein solches Unterfangen gelingen könnte. Falsch gedacht.

Am Schauspielhaus Wien zeigen Regisseurin Lucia Bihler und Dramaturg Tobias Schuster, beide für die Bühnenfassung des Texts verantwortlich, wie’s geht. Sie haben die Essenz dieser Europa-Satire exemplarisch destilliert, und behandeln in knackigen zwei Stunden Menasses große Themen – vom scheint‘s undurchdringlichen Dickicht der EU-Bürokratie über die grotesk-intrigante Beamtenschaft und auf eigenstaatlichen Standpunkten beharrenden Politiker bis zum nicht klein zu kriegenden Geist des Nationalismus.

Dieser entzündet sich diesmal an einem eigentlich für ein Prestigeprojekt gedachten Papier: Weil die Europäische Kommission unter Imageproblemen zu leiden hat, soll die Generaldirektion für Kultur zum 50. Geburtstag derselben einen Festakt organisieren. Ergo macht man sich in der ungeliebten, vernachlässigten Abteilung Gedanken um ein mögliches Motto – und landet bei Auschwitz. Das Vernichtungslager der Nazis als Motor der Gründung der Europäischen Union, geschuldet einem Niemals Vergessen! und einem Nie mehr wieder! Ein entsprechender Plan wird ausgearbeitet und rundgemailt – und schon bricht die Hölle los, brechen alte Gräben auf. Die Beamten darin Aufrechterhalter eines Status quo, ohne Vorstellungskraft für die Zukunft, die Politiker festgezurrt an ihr Modell des Nationalismus als Identifikationsobjekt für ihre jeweils wahlberechtigen Bürger.

Bihler verlegt das Geschehen in eine von Josa Marx gestaltete Bar wie aus grünem Onyx. Darin tummeln sich seltsame, kafkaeske Gestalten, die Gesichter weiß geschminkt, die Augen schwarz umrandet, aber fesch glänzend in Schale, die ganze untote Brüsseler Beamtenschaft. Viel Pantomimisches läuft hier ab, ein Zombietanz, ein Gespensterballett, immer wieder Stasis, Zeitlupe, dann Zeitraffer-Bilder, Zuckungen wie von Insekten, die gegen Flammen fliegen. Der Zeremonienmeister in dieser Szenerie ist Bardo Böhlefeld als diabolischer Barmann. Er ist gleichsam Erzähler wie Spielleiter, eine Art Maschinenmensch mit zunehmender Funktionsstörung. Unheimlich, wie er um die anderen Figuren schleicht, wie er Vanitas-Videos, ein verrottendes Stillleben mit Milch und Motte, an die Wand werfen lässt, bis ihm selbst schließlich wortwörtlich der Saft ausgeht.

Der diabolische Spielmacher und seine Beamtenfiguren: Jesse Inman, Bardo Böhlefeld und Sophia Löffler. Bild: © Matthias Heschl

Brüsseler Zombietanz: Simon Bauer, Steffen Link, Jesse Inman, Sophia Löffler und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Antiheld des Ganzen ist Simon Bauer als Martin Susman, ein schwermütiger, ein österreichischer Mensch ganz am Rande des Machtzentrums, aufgerieben zwischen den Begehrlichkeiten seines Bruders, der den Jüngeren als Lobbyist für seine Schweinezucht-Interessen instrumentalisieren will, und denen seiner Vorgesetzten Fenia Xenopoulou, die eigentlich auf dem Sprung zum nächsten Karriereschritt wäre, der aber nicht kommen mag, so lange sie in der „Kultur“ vor sich hin dümpelt.

Bauer stattet seinen Susman mit einer augenrollend komischen Verzweiflung aus, Sophia Löffler macht aus Fenia eine flirrende Person, die um vermeintlich höher Gestellte verlegen umhertänzelt, während sie ihre eigene Truppe mit harschem Kommando führt. Ständig arbeitet es in ihrem um „Visibility“ bemühten Gesicht, aber ach, der Pragmatismus … Jesse Inman darf als Susmans begrenzt enthusiastischer Kollege Bohumil Smekal Elvis singen (muss sich aber gleichzeitig wegen der Heirat seiner Schwester mit einem tschechischen Nationalisten grämen), und als Attila Hitegkuti Fenias Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Schließlich Steffen Link, der sich als Fenias Liebhaber Frigge zähnebleckend geschmeidig macht, und als Florian Susman zum typisch hiesigen Funktionär, bevor er als Kabinettchef Romolo Strozzi – dieser cool in güldenen Frauenkleidern und auf High Heels – Fenias Plänen die Fäden zieht. Bihler zeigt Robert Menasses heiter bis wolkige Liebeserklärung an die große Idee Europa als Brüsseler Spitzen. In genau jenen Zerrbilder und Klischees, die für etliche die unelastischen EU-Eingeweide ausmachen. Viel ließe sich über die Aufführung am Schauspielhaus noch sagen. Böhlefeld etwa berichtet über den im Buch überaus wichtigen David de Vriend, einen Holocaustüberlebenden, der nun in einem Altersheim seinem Lebensabend entgegendämmert. Kommissar Émile Brunfaut und dessen Mörderjagd fehlen, was verständlich, aber schade ist, weil seine Geschichte direkt mit der de Vriends zu tun hat. Die Sau, die Menasse leitmotivisch durch seinen Roman laufen lässt, eine Metapher für eine ganze Breite ideologisch geprägter Europabilder, taucht im Schweinsgalopp der Inszenierung immer wieder nur kurz auf.

Bleibt Professor Alois Erhart, der zweite Österreicher im Setting, gespielt von Sebastian Schindegger, und bereits im Roman eine faszinierende Figur. Wie ein Fremdkörper tritt er immer wieder dann in Erscheinung, will er sich offenbaren, wenn die anderen mit „wichtigen Geschäften“ beschäftigt sind. Ein sympathisch-tollpatschiger Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Thinktank über die Zukunft der Union eingeladen. Den sprengt er ob des dargebotenen Schwachsinns mit einer Rede, in der er seine Sorge formuliert, Europa könnte derzeit von Politikern gemacht werden, von denen der europäische Grundgedanke so weit weg ist, wie eine gute Kinderstube. Dem lässt sich angesichts aktueller Entwicklungen nichts hinzufügen. Auf der Schauspielhaus-Bühne wird indes mit Robert Menasse weiter diskutiert werden über dieses als nachnationale Gemeinschaft gedachte Gebilde, geboren aus einem europäischen Wahnsinn, den jetzt viele wieder für normal halten.

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  1. 9. 2018

Schauspielhaus Wien: Das Programm der Saison 2018/19

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Status Quo eines gemeinsamen Europas erheben

Matthias Riesenhuber, Tomas Schweigen, kaufmännischer und künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, und Chefdramaturg Tobias Schuster stellen die Saison 2018/19 vor. Bild: Giovanna Bolliger

Den Weg eines politisch engagierten, ästhetisch und inhaltlich avancierten Autorentheaters mit einer großen Vielfalt unterschiedlicher Regiehandschriften will man am Schauspielhaus Wien auch in der kommenden Saison fortbeschreiten. Tomas Schweigen, künstlerischer Leiter, der seinen Vertrag soeben bis 2023 verlängerte, und Tobias Schuster, leitender Dramaturg, stellten heute den neuen Spielplan vor, der kaufmännische Leiter Matthias Riesenhuber resümierte die Ergebnisse der vergangenen Saison. Man wolle vor allem, so Schweigen, jene Reihe an Inszenierungen fortsetzen, die sich mit dem Status Quo und der Zukunft Europas beschäftigen, und ein Plädoyer für ein liberales Europa abgeben.

Los geht’s entsprechend am 26. September mit der österreichischen Erstaufführung von Robert Menasses „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646).  In „Punk & Politik“, der Eröffnungspremiere Schweigens im Herbst 2015, war Robert Menasse in einem Video zu sehen und schilderte seinen Plan eines Brüssel-Romans. Drei Jahre später beginnt mit dessen Dramatisierung die Saison: ein spannendes, humorvolles, melancholisches, ein wichtiges Werk für diese polarisierte Zeit. Regie führt Lucia Bihler, die sich 2016 mit ihrer bildstarken Inszenierung von Schnitzlers „Der grüne Kakadu“ am Haus vorstellte. Die Premiere der „Hauptstadt“ ist gleichzeitig der Startschuss zum Eröffnungsfestival „melancholie im september – survival of the weakest“, das in Partnerschaft mit der Schule für Dichtung umgesetzt wird. Thematisiert wird ein Gemütszustand, so tragi- wie -komisch, und zu sehen ist unter anderem das „Museum der zerbrochenen Beziehungen“ aus Zagreb.

Am 8. November folgt „Schlafende Männer“. Martin Crimp ließ sich für sein jüngstes Stück vom gleichnamigen Gemälde von Maria Lassnig inspirieren und spielt mit zahlreichen Referenzen aus dem Wiener Aktionismus – Regie bei der österreichischen Erstaufführung dieser surrealen Zimmerschlacht, die sich „vom Beziehungsdrama zum Horrorstück mit blutigem Ende“ steigert, führt Tomas Schweigen. Franz-Xaver Mayr begibt sich – nach seinem Ausflug ans Burgtheater – mit Enis Maci, die eben erst ex aequo mit Thomas Köck von Theater heute zur Nachwuchsautorin des Jahres 2018 gekürt wurde, in eine Zusammenarbeit im Rahmen des „Arbeitsateliers“: Sie arbeiten an Macis‘ neuem Stück „Autos“, ein Kammerspiel in ebendiesen, ein Familienthriller um Verrat, Herkunft und Rassismus. Die Uraufführung ist am 12. Jänner. Elsa-Sophie Jach inszeniert das diesjährige Gewinnerstück des Hans-Gratzer-Stipendiums, „Sommer“ von Sean Keller. Schweigen: „Es spielt im Jahr 3000, in dem die Menschheit gespalten ist in eine Weltraumkolonie und Gefangene in einer Zeitschleife, die immer wieder die 2000-Jahre durchleben.“ Uraufführung ist am 9. Februar.

Auf den 7. März fällt der Auftakt zur zweijährigen Serie „Was ihr wollt“, die „nicht Shakespeare, sondern Fragen der politischen Teilhabe und der politischen Willensbildung“ behandeln wird, so Schweigen. Gemeinsam mit der Gruppe FUX, die sich 2017 mit „Frotzler-Fragmente“ am Haus vorgestellt hatte, und dem Theater Oberhausen erhielt das Schauspielhaus Wien den Zuschlag der deutschen Kulturstiftung des Bundes für diese Kooperation; als erstes Projekt wird FUX am Schauspielhaus Wien die Inszenierung „Was Ihr wollt: Der Film“ realisieren – ein Dokumentarfilm, der live auf der Bühne entsteht. Es folgt am 26. April die österreichische Erstaufführung von Virginie Despentes „Das Leben des Vernon Subutex 1 + 2“ in der Regie von Tomas Schweigen. In den Buchbestsellern wechselt ein bankrotter Ex-Plattenladenbesitzer die Wohnungen und WGs seiner Freunde, um sich mietfrei über Wasser halten zu können. Ein Gesellschaftspanorama, das als eine der großen literarischen Analysen des Rechtsrucks in Europa gilt und zwischen anarchischem Witz und tieftraurigen Momenten hin und her springt.

Miroslava Svolikova, Gewinnerin des Hans-Gratzer-Stipendiums 2016, wird in diesem Jahr mit dem AutorInnen-Preis der Theaterallianz ausgezeichnet. Im Juni wird die Uraufführung von „Der Sprecher und die Souffleuse“ in einer Kooperation mit dem Grazer Theater am Lend im Rahmen der Theaterallianz am Schauspielhaus Wien zu sehen sein. Eine politische Farce um die Albtraumsituation, dass eine Theatervorstellung beginnen soll, aber die Schauspieler fehlen. Wer hat jetzt das Recht, die Bühne zu entern? Kleinere Produktionen im Nachbarhaus und eine Reihe von Specials und Gastspielen runden das Programm ab. Aus diesen hervorzuheben: „Café Bravo“ von Felix Krakau über die berühmt-berüchtigte Jugendzeitschrift (Uraufführung: 31. Oktober) und das Coming-of-Age-Stück „Oh Schimmi“ von Teresa Präauer, eine Kooperation mit dem Bregenzer Theater Kosmos (Premiere: 24. November).

Der  neue kaufmännische Leiter und Geschäftsführer Matthias Riesenhuber berichtete schließlich, dass das Geschäftsjahr 2017 mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen werden konnte. Für das laufende Jahr rechne er damit, die Vorjahreszahlen erneut zu erreichen, vielleicht sogar zu übertreffen. Die Besucherzahlen sind über die vergangenen Jahre stabil geblieben, die Auslastung lag weitgehend konstant zwischen 75 und 80%. Die durchschnittliche Zuschauerzahl pro Vorstellung konnte um 8% gesteigert werden. Weiterhin ist der Zuspruch beim Publikum unter 30 Jahren zunehmend und liegt bei mehr als 50 %, wie im Frühjahr eine aktuelle Besucherumfrage ergeben habe. Neu und unter der Schirmherrschaft von Rudolf Scholten ist „HausfreundIn in Gold“: Um 299 Euro für einen, 499 Euro für zwei Personen, erhält man Eintritt zu allen Vorstellungen inklusive der Premieren und Ermäßigungen in einigen umliegenden Lokalen.

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7. 9. 2018

Akzent: Hubsi Kramar als „Häuptling Abendwind“

November 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Trashrevue zum Thema Sprachkannibalismus

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar. Bild: Lilli Crina Rosca

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar mit seinem All-Star-Team. Bild: Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar ruft wieder einmal zum Halali auf das, was andere liebevoller als er die österreichische Mentalität nennen. Im Theater Akzent zeigt er Nestroys letzten Streich, die Faschingsburleske „Häuptling Abendwind“, und das gar nicht so „frei nach“ dem genialischen Autor, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Kramar hat die Menschenfresserposse mit eigenen und Texten von Eva Schuster und Gunter Falk gespickt, die bitterbösen Couplets mit Musik von James Brown bis Queen aufgefettet, er zitiert von Faust bis Dreigroschenoper, er collagiert – und dies alles im Sinne des Erfinders. Wie der nämlich bereits anno 1862 eine Offenbach’sche Operette zur parodistischen Polemik gegen den stetig wachsenden Nationalismus und einen europäischen Kolonialimperialismus verwurstete, so tut’s Kramar nun auf seine Art. Als Theatermacher, der nicht müde wird, der Rechten nachzuweisen, wie link sie ist.

Das Thema seiner Trashrevue ist der allgegenwärtige Sprachkannibalismus, der hetzerische, Hass schürende, hirnlose Umgang mit Worten – und da serviert Kramar ein paar wahn/witzige Doppeldeutigkeiten, denn offenbar kann man die eine historische Tatsache wie ein Gulasch immer wieder aufwärmen: Man muss die Leut‘ nur lang genug mit Parolen hartkochen, bis sie „Fremde“ fressen. Häuptling Abendwind, ihn spielt Hubsi Kramar selber, ist ein solcher als Schiffbrüchiger auf die Insel gespült worden, was sich gut trifft, da er seinen Politgegner Biberhahn mit einem opulenten gräulichen Festmahl beeindrucken will. Dieser wiederum wartet auf seinen Sohn Arthur, den er in der Zivilisation in die Friseurlehre geschickt hat, und als sich in der Suppe diesbezüglich eindeutige Utensilien finden, scheint die Sache klar. Doch Arthur hat im aufgeklärten Europa erfahren, wie das so ist mit dem Fressen und der Moral, und so wurde ein anderer aufgetischt, und Arthur kann die Häuptlingstochter Atala heiraten. Eine diplomatisch höchst willkommene Liebesallianz.

Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Der heftige Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseursohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseur-Sohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Als Darsteller fungiert das Hubsi-Kramar-All-Star-Team: Patrik „Satchmo“ Huber ist der heftige Biberhahn, Gioia Osthoff eine resolut-liebreizende Atala. Stefano Bernardin kann als Arthur nicht nur spielerisch überzeugen, er erweist sich sogar gesanglich als echter Figaro. Sowieso immer ein Gustostückerl ist Diseuse Lucy McEvil, die unter anderem in einem großartigen russischen Chanson samt Ballett erzählt, wie die vornehme Petersburger Familie Stroganoff zu ihrem Boeuf kam, nämlich weil die Dame des Hauses einen Liebhaber hatte. Ein Leckerbissen ist auch Markus Kofler als politischer Gefangener in oranger Schwimmweste, dessen weltverbesserische Forderungen ganz Dada sind.

Der Star des Abends ist aber das Volk von Groß-Lulu, das im Bühnenbild von Markus Liszt in nach Kramars Vorgaben selbstgefertigten Kostümen agiert. Ob Sascha Tscheik als Hofkoch Ho-Gu, Hannes Lengauer als Hofschamane oder Christian Rajchl als Holofernes, sie alle ziehen eine fantastisch verrückte Show ab, spielen, singen, kriegstanzen, bedrohen das Publikum, dass es eine Freude ist. Die Zuschauer waren ob Kramars Nonsense mit Hintersinn höchst amüsiert. Nur vom Höchstrichter Er-Ich kam am Ende die Stückanfechtungsklage …

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Wien, 5. 11. 2016