Volksoper: Fürst Igor

März 20, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Seltsames Werk mit Sonnenblumen

Sebastian Holecek als Fürst Igor, Chor der Volksoper Wien Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Sebastian Holecek als Fürst Igor und der Chor der Volksoper Wien
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

An der Volksoper kann eine Wiederentdeckung nur teilweise gefeiert werden. „Fürst Igor“ von Alexander Borodin wurde unter der musikalischen Leitung von Alfred Eschwé und in der Regie von Thomas Schulte-Michels zumindest zum Triumph für Sebastian Holecek in der titeltragenden Rolle und für den Volksopern-Chor. Beide wurden mit Bravorufen bedankt, Eschwé und Schulte-Michels hingegen mussten sich mit einigen Buhs abfinden.

Das mag beim traditionsbewussten Opernpublikum auch daran gelegen haben, dass das Leading Duo etliche, durchaus sinnhafte Änderungen und damit eigentlich Restaurierungen vorgenommen hatte. So aber war das Werk in Wien, wo es an der Staatsoper ohnedies erst zwei Mal als Neuinszenierung, zwei Mal als Gastspiel aufgeführt worden war, noch nie zu hören. 18 Jahre lang arbeitete Borodin an dieser Oper, bis er sie, weil 1887 verstorben, unvollendet zurückließ. Es kam seinem Kollegen und Freund Rimski-Korsakow und dessen Schüler Glasunow zu, sie zu Ende zu schreiben.

Eschwé nun strich diesen Zugriff wieder großzügig aus der Partitur, er kürzte das Ganze auf zweimal 70 Minuten, die Ouvertüre um ihrer „Ausstattung“ beraubt gar auf dreieinhalb, und erlaubte sich den klugen, als publikumswirksam gedachten Schachzug, die Polowetzer Tänze, das einzige, das an „Fürst Igor“ irgend bekannt und berühmt ist, weil ein von Bing Crosby und Tony Bennett unter dem Titel „Stranger in Paradise“ interpretierter Welthit, vor die Pause zu stellen. Das wurde ihm dadurch möglich, dass auch Schulte-Michels kräftig umstellte, abwechselnd Szenen in Russland und bei den Polowetzern zeigte, also die von Rimski-Korsakow vorgenommene Vertauschung der Akte eins und zwei rückgängig machte. An den Schluss, und dies die größte Erregung bei den After-Show-Gesprächen, stellte er nicht die große Rede Igors, sondern eine komische Nummer der beiden Bänkelsänger Skula und Eroschka.

„Fürst Igor“ ist ein seltsames Werk. Es hat einen klar ausgewiesenen Schurken, doch die meisten Figuren bleiben ambivalent, einen Helden sucht man vergebens. Borodins Sympathien mögen bei der Fürstin Jaroslawna, Igors Frau, gelegen haben, ihr widmet er nämlich einige der schönsten Melodien. Fürst Igor also bricht auf in den Krieg gegen die Polowetzer, die immer wieder sein Reich überfallen. Dieses und die Gattin übergibt er in die Obhut seines Schwagers Galitzky. Igor und sein Sohn Wladimir werden vom Khan vernichtend geschlagen und gefangen genommen, doch der Khan erweist sich als großmütig und bietet Igor gegen einen Nichtangriffspakt die Freiheit an. Der nimmt natürlich nicht an. „Ehre!“ ist das in dieser Oper am meisten geschmetterte Wort, und was wurde dieser Begriff nicht menschheitsgeschichtlich falsch verstanden, doch schließlich flieht er, weil Galitzky in der Heimat ein Schreckensregiment errichtet. Wladimir und die Tochter des Khans aber haben sich unsterblich ineinander verliebt, und der Herrscher gibt seinen Segen dazu, unter der Auflage, dass der Sohn am nächsten Tag an seiner Seite gegen den Vater in die Schlacht zieht. Der ahnt derweil noch nichts Böses und sorgt erst einmal daheim für Recht und Ordnung. Aus. In Russland ist die Oper eine Art Nationalheiligtum. Der „Einigkeit macht stark“-Gedanke passte zu jeder Zeit und unter jedem Regime ins Großreich.

Borodin aber hatte, so scheint’s, für die Polowetzer nicht weniger Sym- oder Antipathie wie für die Russen. Für die einen hat er opulente, heitere, orientalisch gefärbte Klänge komponiert, die anderen können mit bedeutungsschweren Melodien, wie russischen Volks- und Kirchenliedern entliehen, glänzen. Wohlklingende Chöre nehmen musikalisch den breitesten Raum der Oper ein. Das Orchester allerdings hatte am Premierenabend keine Sternstunde. Eschwé gelang es kaum die Feinheiten der Borodin’schen Kompositionen zu bedienen, weder wurden Folkloreklangfarben großzügig aufgetragen, noch lyrische Momente mit großer Zartheit entfaltet. Die meiste Zeit wurde plakativ und wenig differenziert musiziert.

Die gesanglichen Leistungen der Solistinnen und Solisten stehen allerdings außer Frage. Allen voran brillierte Sebastian Holecek, der als Fürst Igor seinen kraftvollen Bariton von Höhepunkt zu Höhepunkt führte. Seine große Arie war zweifellos der Moment des Abends. Auch Melba Ramos als Jaroslawna und Annely Peebo als Khan-Tochter Kontschakowna überzeugten stimmlich, wiewohl Peebo kleinste Probleme in der Tiefe hatte. Dies lässt sich auch über den Charakterbariton von Martin Winkler als Galitzky sagen, Winkler sah sich allerdings und offenbar als einziger im Stande, aus seiner Rolle einen spannenden, in seinem Fall sinistren Charakter zu formen. Ihm beim Spielen und Intrigieren und Grausamsein zuzusehen war eine Freude. Soran Coliban als Khan kämpfte ebenfalls ein wenig mit extremen Lagen, ließ seinen Bass aber dennoch kräftig klingen. So wie Vincent Schirrmacher seinen schönen, glockenhellen Tenor. Auch Stefan Cerny und Christian Drescher als Skula und Eroschka waren stimmlich deutlich mehr auf der Höhe als darstellerisch-komödiantisch. Da wäre viel mehr möglich gewesen.

Und dies der große Vorwurf an die Aufführung: An der Rampe wurde prächtig gesungen und mit den Händen gerungen, aber ansonsten? Lethargie. Es ist unverständlich, warum Schulte-Michels, der dem Volkstheater unter Michael Schottenberg etliche auch in ihrer Aussagekraft herausragende Abende schenkte, hier mit seiner Theaterpratzn nicht hinlangte. Eigentlich ist doch schauspielerischer Stillstand auch am Musiktheater und an der Volksoper unter Direktor Robert Meyer im Besonderen längst passé. Optisch entwirft Schulte-Michels für die Russen eine schwarz-düstere Hölle, während die Polowetzer zwischen riesigen Sonnenblumen lustwandeln dürfen. Die sind auch Sitzmöbel und Kerker für die Gefangenen und dies der Hinweis darauf, dass hier der Schein trügt, und weit und breit der einzige Regieeinfall.

Ausführlicheres hätte man zum Werk durchaus sagen dürfen. Über einen Ehrbegriff von vorgestern, der Völker in immer wieder neue, alte Kriege hetzt – und die Frage, ob sich das je ändern mag. Schließlich weist Borodin sogar musikalisch aus, dass der Heide auch ein kultivierter Herrscher sein kann, wenn er nur will, Coliban gibt ihn als bauchigen Gemütsmenschen, während sich die sogenannte zivilisierte Gesellschaft unter Galitzky in Windeseile von jeglicher Mitmenschlichkeit selbstbefreit. Die Jaroslawna hat hier die ganz große Szene, wenn die vom Bösewicht und seinen Mannen sexuell bedrängten Mädchen sie um Hilfe anflehen. Es genügt eben nicht ins Ballett ein paar Streetdanceelemente einzustreuseln und in den Logen Fanlichter erklimmen zu lassen, um für ein Publikum anno 2016 eine Botschaft zu formulieren. Warum spielt man heute ein Werk wie „Fürst Igor“ überhaupt noch? Und wenn ja, wie?

Als Politsatire, beispielsweise. Als Kommentar zu Europas neuem Nationalismus, seinem Chauvinismus, dem politischen Säbelrasseln allerorts. Schulte-Michels tut das immerhin in der Schlussszene mit Skula und Eroschka. Die beiden politischen Wendehälse schaffen es gerade noch rechtzeitig zurück ins nunmehr richtige Lager. Von Galitzky zu Fürst Igor. Sie haben verstanden, dass das Volk bald einem als Führer nachläuft, und lassen laut ihre Rufe nach dem aktuell starken Mann erschallen. Die Opportunisten und Manipulatoren obsiegen, sie schwimmen sicher durch jedes System, das ist das Schönste, das man über eine Oper, die deren mehrere gesehen hat, sagen kann. Zeitlos gültig und zurzeit gültig. Mehr davon wäre mehr gewesen.

www.volksoper.at

Wien, 20. 3. 2016

Volkstheater: Die Vögel

September 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sheer Heart Attack

Günter Franzmeier, Till Firit, Chor der Vögel Bild: © Lalo Jodlbauer

Günter Franzmeier, Till Firit, Chor der Vögel
Bild: © Lalo Jodlbauer

Regisseur Thomas Schulte-Michels ist wie „Queen“ (wobei er eindeutig die Rolle von Brian May übernimmt und alle anderen Freddie Mercury sein lässt): Mit jeder Inszenierung erfindet er sich neu, doch der Sound ist immer eindeutig als ein Schulte-Michels zu erkennen. More of most! Bombastisch, fantastisch! Herrreinspaziert, meine Damen und Herren! „Die Vögel“ von Aristophanes hat er sich diesmal als Eröffnungspremiere am Volkstheater vorgenommen. Er lässt das Haus zum 125-Jahr-Jubiläum abheben. Volkstheater – V wie Flügel. Allein schon seine Bearbeitung des 2500 Jahre alten Textes sticht. Von Euro-Junkies ist die Rede, vom Afro-Gesocks. Pisthetairos (Günter Franzmeier) und Kumpan Euelpides (Till Firit) sind nämlich weg aus Athen, um einen migrantenresistenten Ort zu suchen. Den finden sie bei den Vögel – keine Steuern, keine Schulden versprechen König Wiedehopf (Thomas Kamper) und sein Sekretär Marabu (Alexander Lhotzky). Na, da kann man doch bleiben. Und sinistre Pläne schmieden. Heißt: Ein Zwischenreich zwischen Menschen unten und Göttern oben schaffen und so beide in die Knie zwingen. Am Ende siegt der schlimmste Schurke. Pisthetairos. Und die Moral von der Geschicht‘: Moral hilft dir im Leben nicht.

Schulte-Michels arbeitet bei allem circensisch-caotischem Bühnentohuwabohu diesen Aspekt klar heraus: Ein freies Volk wird in eine Diktatur getrieben, von der man ihm auch noch einredet, sie wäre seine Idee gewesen. Der Kannibalismus ist selbst gewählt, die Knechtschaft sozusagen an der Urne angekreuzt, weil da zwei so schön reden und so viel versprechen können. Wo sollte man da anfangen mit historischen und aktuellen Querverweisen? Aristophanes‘ Athen-Schelte steht nur für den Anfang. Schelm, denk’s dir doch aus, sagt Schulte-Michels. Das „Würzelchen, das beflügelt“, davon hat der ganze Abend einen großen Bissen genommen. Auf der Wolkenkuckucksheim-Treppe, dem Verbindungsstück der Welten, nisten die schrägsten, die schrillsten Vögel seit der Erfindung der Laufmasche in Strumpfhosen. Kostümbildnerin Tanja Liebermann hat die Nähmaschine zum Durchdrehen gebracht, bunte Pussy-Riot-Wollmützen und Silberkleidchen erfunden, Federhüte und -boas, Tutus und Tatas. Und zwei, drei Untergatten, diesmal aber blütenrein. Ohne die kann Schumi nicht. Während also die Hetz und die Hatz losgehen, hat Schulte-Michels die Antike immer im Auge: Ein Chor zwitschert beziehungsweise krächzt mit „Schuhu“ Patrick Lammer einwandfreie, vielseitig zotige Lieder bis die Ohren bluten, Franzmeier und Firit alias Protagonist und Antagonist spielen mit den Worten Ping Pong. Und der Gewinner mit den meisten Silben pro Sekunde ist … Nicht immer ist wegen Glöckchengeläut, Trommelwirbel, Beckenschlag alles gut hörbar. Macht nichts. Wer den meisten Lärm macht, ist der Überflieger. Und globales Verständnis doch das Faustschlagwort der Stunde.

Die Volkstheatertruppe glänzt wie meist durch eine hervorragende Ensembleleistung. Man ist hier auf einander eingespielt; Franzmeier und Firit wie zwei Seiten einer Münze. Zahl‘, sagt die eine, sonst rollt der Kopf, sagt die andere. Alle anderen hat die Vogelgrippe voll erwischt. Sehr schön Wiedehopf-Kamper, dessen Federkrone wie die aus dem Weltmuseum entliehene Rache des Montezuma aussieht. Ein Indianer-Zombie. Oder er ist bei all dem Stress schon in der Schreckmauser. Man will doch nisten ohne Kolonisten. Und dann liefert erst Ronald Kuste als ungeratener Sohn ein Kabinettstück ab, bevor der Gesetzes-Macher-Mensch (Günther Wiederschwinger) auftaucht. Wunderbar: Die Bürokratie als Wiedergänger. So oft kann man sie den Vögeln gar nicht zum Zerhacken vorwerfen, dass sie totzukriegen wäre. Patrick O. Beck ist ein einwandfreier Prometheus; die blutige Leber notdürftig verbunden, verkündet er den Niedergang der Götter. Die schicken denn auch Unterhändler: Rainer Frieb als Poseidon, Haymon Maria Buttinger als Triballer und Erwin Ebenbauer als kochbegeisterten Herakles, der mit glänzendem Goldhaar und neckischem Negligée jeden Senioren-Drag-Queen-Wettbewerb gewinnen würde. Sie müssen Pisthetairos schließlich den Blitz des Zeus aushändigen. Von all den irren Szenen bleibt eine im Hirn hängen, in der es Schulte-Michels ins katholische Kuttenlager verschlägt. Wiedehopf, Marabu und Schuhu als Vorbeter in liturgischen Gewändern. Sehet die Vögel unter dem Himmel: sie säen nicht, sie ernten nicht  und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Nein, nein, es erntet schon jeder, was er sät. Nur die Gerechtigkeit ist dabei keine Maßeinheit.

Oder am Volkstheater vielleicht doch. Schulte-Michels und seine Mitverschwörer haben viel Lust und Liebe in ihr Projekt gesteckt und wurden mit viel Applaus dafür belohnt. Jemand sollte mal mit Fürst Albert reden. Möglicherweise bepreist man den Spielmacher beim Zirkusfestival von Monte Carlo ja mit dem Goldenen Clown.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/thomas-schulte-michels-im-gespraech

Wien, 15. 9. 2014

Thomas Schulte-Michels im Gespräch

September 8, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Volkstheater: „Die Vögel“

Tany Gabriel, Günter Franzmeier, Till Firit und Komparserie Bild: © Lalo Jodlbauer

Tany Gabriel, Günter Franzmeier, Till Firit und Komparserie
Bild: © Lalo Jodlbauer

Am 14. September zeigt Thomas Schulte-Michels – als Abschluss des Tags der offenen Tür zur 125-Jahr-Feier des Volkstheaters – seine Inszenierung von Aristophanes‘ „Die Vögel“: Geplagt von Schulden und von vielen Zuwanderern, die dem Staat auf der Tasche liegen und den Frieden stören, suchen die zwei Athener Pisthetairos („der seine Gefährten Überzeugende“) und Euelpides („der das Gute Hoffende“) eine bessere Welt. Fündig werden sie bei den Vögeln, die sie von der Gründung einer Stadt überzeugen – dem zum Sprichwort gewordenen „Wolkenkuckucksheim“, das es mit einer Mauer abzugrenzen gilt. Aus dieser strategisch idealen Lage zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Reich der Menschen und dem Reich der Götter, könnten die Vögel wieder zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurückfinden: über Menschen und Götter zu herrschen. Die Nachricht von diesem möglichen Paradies spricht sich schnell herum; rasch fügen sich die Menschen den neuen Hierarchien, zwielichtige Gestalten begehren Einlass und die Götter, denen man die von der Erde aufsteigenden Opferdämpfe wegfängt, versuchen, ihrer bedrohten Lage Herr zu werden. Mit Hilfe von Prometheus setzt sich Pisthetairos über die Vögel hinweg, greift nach dem Blitz des Zeus – und damit nach absoluter Macht … Diese 414 v. Chr. in Athen uraufgeführte Komödie erweist sich trotz ihrer zweieinhalbtausend Jahre alten Geschichte als überraschend aktuell. Thomas Schulte-Michels wird „Die Vögel“ als politische Allegorie mit 17 SchauspielerInnen und 25 KomparsInnen auf die Bühne bringen. Ein Gespräch:

MM: Sie haben die vergangene Saison am Volkstheater mit „Die letzten Tage der Menschheit“ www.mottingers-meinung.at/volkstheater-die-letzten-tage-der-menschheit/ beendet, nun eröffnen Sie die neue mit „Die Vögel“ und entführen das Publikum ins Wolkenkuckucksheim. Wieder eine Art Irrenhaus. Warum haben Sie sich für Aristophanes entschieden? 

Thomas Schulte-Michels: Weil er ein uralter aktuellster Autor ist. Er hat 414 v. Chr. ein nach wie vor brandaktuelles Stück geschrieben : eine Geschichte der Manipulation. Leider haben wir uns, in unserer scheinbar aufgeklärten Zeit von diesem Manipulieren und Manipuliert werden nicht verabschieden können. Es finden sich immer wieder welche, die bereitwilligst den Orgon geben und welche, die der Tartuffe sind.

MM: Die Volkstheater-Textfassung ist von Ihnen. Was haben Sie aus dem überreichen Stoff herausgefiltert?

Schulte-Michels: Theater ist kein Museum. Man muss die alten Stoffe und Geschichten aus ihrer Zeit abholen und einem heutigen Publikum verständlich machen. Vieles aus dem Einst ist uns heute unverständlich ; das schmeiße ich raus. Wenn die Leute ins Theater gehen, haben sie zu Recht den Anspruch, dass sie unterhaltend, ihnen etwas über sie erzählt wird, was vor ihnen andere wohl auch schon mal betroffen hat. Das ist erzählens- und darstell-wert. Und hierbei sind sie nicht mit ausuferndern Geschichtsbalast zu belästigen und zu langweilen. Damit fällt aus vielen Vorlagen schon mal eine beträchtliche Menge an Textmaterial weg. Und es bleibt ein Konzentrat auf nichts mehr Wegzulassendes. Kurz: Stück + Stoff – Optimierung durch konzentrierende Minimalisierung halten den Zuseher interessiert und wach. Meine Inszenierungen dauern in der Regel um die 100 Minuten. Da habe ich der SMS-Generation ohnedies schon große Aufmerksamkeit abverlangt. In dieser Zeitspanne lässt sich kompakt und konzentriert viel „verhandeln“ .Ich hab mich dann „aus“- erzählt. Alles mehr an Länge wäre mir quälende Strapazierung bis Vernichtung ausgeliehener Lebenszeit.

MM: „Die Vögel“ waren von Aristophanes angelegt als politische Satire, in der sich die Athener ungern wieder erkannt haben und darüber nicht glücklich waren. Sie machen’s wohl etwas distanzierter?

Schulte-Michels: Ich spiele nicht auf euren ehemaligen Finanzminister an, falls das die Frage ist. Ich beziehe mich generell auf unangenehme Zeitgenossen in unserem Gesellschafts –System. Die da handeln nach dem : Wie gelingt es mir mit Hilfe anderer über die Köpfe anderer hinweg nach oben zu kommen; oben angekommen heisst’s dann unverblümt: So, ihr Idioten, jetzt sag’ ich euch wo’s langgeht. Ein Repräsentant dieser unangenehmen Spezies ist der Aristophanes – Pisthetairos .Typen wie den gab es , die gibt es , die wird’s geben…die sind einfach da… überall und immer wieder .. ein universelles, Pestresistentes Radikalunkraut in unserer turbokapitalistichen, darwinistischen Welt. Zu viele passen in in dieses Schema. Vom Janusköpfigen Putin, über den Kopftuch – Erdogan bis zu den Terror Autokraten des ISis „Kalifats“. Die Bergpredigt steht auf verlorenem Posten.

MM: Sie wollen zwar weg vom Mythologischen, aber Prometheus und Herakles gibt es in Ihrer Inszenierung trotzdem.

Schulte-Michels: Ohne über – menschliche Figuren geht’s doch auch heute nicht: Egal, ob Glocken läuten, von Minaretten gerufen oder Zettel in eine Mauer gesteckt werden, immer wird uns verkündet: Mein göttlicher Impresario ist der Wahrhaftige, der richtige. Und unter diesem Schirm von Offenbarungsversprechungen lässt sich eine Menge „gestalten“. Dass der Mensch ganz offensichtlich ein Depot braucht, in das er Selbst -Verantwortung delegieren kann, in das er einzahlt und hofft, dass er irgendetwas „höheren Orts „ zurückbekommt, das gilt nach wie vor. Die Aufklärung hat’s schwer. Der Libertin hat schlechte Karten .

MM: Agnostiker oder Athestist?

Schulte-Michels: Agnostiker. Ich komme aus der katholischen Ecke, bin aber zu lax und zu schlampig, um den augustinischen Gottesbeweis zu widerlegen. Zum Atheisten reichts nicht. Ich bin der ungläubige Thomas, da haben meine Eltern kein falsches Etikett gezogen.

MM: Es gibt Menschen, die verströmen natürliche Autorität. Und andere, denen die Macht von einer Gruppe Schwächlinge verliehen wird. Im Reich der Idioten ist ein Kretin König.

Schulte-Michels: Den aber nur die Epauletten dazu machen.

MM: Ihre Inszenierungen kennend, meine ich, Sie haben einen Hang zum Skurrilen, Satirischem.

Schulte-Michels: Ist das so? Na ja, wenn ich nur das fotografiere, was auf dem Bordstein steht – ich hatte auch meine Phase des fotografischen Dokumentiertheaters -, dann ist mir das inzwischen zu langweilig, das interessiert mich nicht mehr. Ich bin zum Kasperltheater zurückgekommen. Mehr ist nicht.

MM: Die Kostüme von Tanja Liebermann wirken wie ein Mix aus Geisterbahn, Vermummungsverbot und Pussy Riot …

Schulte-Michels: Das haben Sie schön gesagt, da würde ich nichts negieren wollen. (Er lacht.) Ja, alles was uns im Moment begegnet. Mit Tanja Liebermann arbeite ich gern zusammen; ich bin ja kein Bühnenbildner, sondern Raummacher, Ich bin Bauhaus-Fan: Design follows Function. Nix Dekor..Funktionales! Ich mache eine weitgehenst leere Vitrine und sage: Tanja, stell’ mir da die Menschen rein. Ich mag den auch austattungsmässig konzentrierten Minimalismus, damit die Leute, die sich da oben abmühen, möglichst viel Raum fürs Eigentliche haben.Wir sind die Serviceabteilung, Support für die Schauspieler.

MM: Wie wird der Raum diesmal sein?

Schulte-Michels: Die Treppe, die wir schon vom „Revisor“ kennen…ist auch da. Die ist ein Sinnbild für das „Dazwischen“ Dazwischen ist die Luft. …unten: Menschenwelt…Mitte: Vögel…oben: Götter. So hat das der Autor auch vorgegeben. Außerdem steht das Hinaufsteigen einer Treppe auch für das Erklimmen von Macht. Das uralte von Unten nach Oben. Die von Unten setzen sich an der Spitze der Bewegung, schalten die bisherigen Machthaber aus. Und Fehltritte darf man sich nicht erlauben, sonst fällt man.

MM: Sie halten Ihr Ensemble also wieder fit.

Schulte-Michels: Ja, ja, da muss der Meniskus was aushalten. Alle müssen schwer trainieren, auch ich, sonst geht das überhaupt nicht. Dafür haben bei der Premiere alle eine flotte Wade.

MM: Pisthetairos, dargestellt von Günter Franzmeier, ist der Spielmacher. Ist er auch die Hauptrolle?

Schulte-Michels: Ich habe viel Monologisches aufgeteilt…. auf ihn, den Pistethairos und Till Firit, den Euelpides – so wird durch „Duettisierung“ das dramatische Potential „freigelegt“, durch die personelle Aufstockung von einem auf zwei Akteure bekommt das Inhaltliche mehr Dynamik. Es gibt ein Wechselspiel, einen Schlagabtausch. Die beiden sind wie Wladimir und Estragon, wie Laurel und Hardy. Dieses Duo wird zum Quartett erweitert durch Thomas Kamper als König Wiedehopf und seinen Sekretär „Marabu“ Alexander Lhotzky. Gute Menschen sind sie alle nicht. Mit guten Menschen auf der Bühne habe ich meine Probleme. Und es endet bei mir zum Schluss auch nicht „lustig“.

 MM: Ans Theater als moralische Anstalt glauben Sie also?

Schulte-Michels: Anstalt mit Unterhaltungswert. Wenn überhaupt Anstalt…. Wir haben im Theater die Möglichkeit, auf etwas zu verweisen, nicht etwas zu verändern. Veränderung ist eine maßlose Überschätzung. Wir müssen uns nicht einbilden, etwas bewirken zu können. Aber wir sind ja die subventionierten Narren – und Narren waren immer diejenigen, die gesagt haben: Da stinkt’s! Kratzer am Lack kriegen wir mitunter schon hin!

MM: In einem Interview, das ich gelesen habe, haben Sie sich als „Teamplayer“ bezeichnet. Mannschaftskapitän, Trainer oder Sportdirektor?

Schulte-Michels: Der Sportdirektor kann nicht direkt etwas auf dem Spielfeld bewirken, der braucht seine Spieler…die brauchen Gott sei Dank auch ihn…sonst wäre ich arbeitslos. Ich kriege von Freund Schotti (Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg, Anm.) einen Sandkasten zur Verfügung gestellt und er sagt zu mir: Jetzt mach’ schöne Förmchen mit den Kameraden da drin. Dann muss ich mir überlegen, will ich eine Sandburg oder eine Treppe bauen oder ein Sandloch buddeln…Dann budeln alle mit…… Primus inter Pares ist der Job schon. Die Spielregeln müssen klar sein. Ich hasse Übergriffe, halte aber sehr viel davon, mit denen im Sandkasten auf Augenhöhe zu spielen. Und das ist ein Punkt, der am Volkstheater mit allen off- und on – Stage – Menschen ausnahmslos hervorragend klappt. Deshalb komme ich gern ans Haus. Es gibt hier ein einmaliges Miteinander. Das ist nicht immer die Regel!

MM: Das Wolkenkuckucksheim ist ein auch ein Sehnsuchtsort, an den sich viele wünschen. Wie wäre Ihres?

Schulte-Michels: Ich hab’s nicht so mit Wolken. Ich bette mich lieber in Wolle. Ich lebe mit meiner Frau und sehr zufrieden im dörflich-grossstädtischen Basel, die Beine, die unter meinem Hintern hängen, funktionieren noch. Wenn meine Arbeit nicht mehr an der Zeit angedockt ist oder ob ich nur noch Trampelpfadtheater mache, heißt: mir selbst hinterher renne. … dann würde ich aufhören. Ohne Pensionsschock. Aber auch ohne Hängematte. Langeweile kenne ich nicht, zum Glück kann ich mich ganz gut beschäftigen. Ich würde dann Radfahren am Rhein….solange die Beine …funktionieren.

www.volkstheater.at

125 Jahre Volkstheater: Tag der offenen Tür! www.volkstheater.at/home/spielplan/1737/125+Jahre+Volkstheater+

Wien, 8. 9. 2014

Volkstheater: Die letzten Tage der Menschheit

Mai 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt – ein Irrenhaus

Thomas Kamper, Alexander Lhotzky, Ronald Kuste, Roman Schmelzer, Marcello de Nardo, Haymon Maria Buttinger, Günther Wiederschwinger Bild: © Lalo Jodlbauer

Thomas Kamper, Alexander Lhotzky, Ronald Kuste, Roman Schmelzer, Marcello de Nardo, Haymon Maria Buttinger, Günther Wiederschwinger Bild: © Lalo Jodlbauer

Es beginnt fast wie der Faust oder ein Shakespeare oder Karl Kraus. Mit Prolog. Da werden die Insassen/Schauspieler und ihre Leiden/Leidenschaften vorgestellt. Nur findet der weder im Himmel noch auf dem Theater (das heißt: das natürlich), sondern im Irrenhaus statt. Die Welt ist ein Lazarett geworden, in Thomas Schulte-Michels großartiger Inszenierung von Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“. Berichten die da oben etwa schon posthum, gehören sie mit ihren weißen Untergatten und ebenso fahl geschminkten Gesichtern, mit ihren „schlecht“ geklebten Glatzen und Haarresten zu den an Leib und Seele Versehrten, die den Ersten Weltkrieg als Untote überlebten? Und/oder sind es schon ihre verwirrten Geister, die zu uns sprechen?

Schulte-Michels ist etwas Wunderbares gelungen. Er hat Kraus‘ niemals zur Bühnenaufführung gedachtes „Marstheater“ neu verwandelt, sich anverwandelt. Ein Stoff, den jede Maturaklasse intravenös verabreicht kriegt. Ein Text, bei dem man Helmut Qualtinger in jeder Szene im Ohr hat: Die Stimme, die „Bumsti!“ ruft. Und nun das Gefühl: „Winter in den Karpathen“, das gehört auch dazu. Sie haben keine Kriegsmoral, diese Lumpen, obwohl man sie nächtens bei Frost nackt im Freien stehen lässt. Nein, bevor sie kämpfen, erfrieren sie lieber … „Man kommt gar nicht mehr dazu, human zu sein.“ Grausam ist die auf eindreiviertel Stunden gekürzte Fassung mit den übergangslosen Szenen des Regisseurs. Aber Lachen machen einen seine Gaukler. Haymon Maria Buttinger, Marcello de Nardo, Erwin Ebenbauer, Günter Franzmeier, Rainer Frieb, Tany Gabriel, Thomas Kamper, Ronald Kuste, Patrick Lammer, Alexander Lhotzky, Roman Schmelzer und Günther Wiederschwinger sind in unzähligen Rollen unterwegs. Lammer sorgt darüber hinaus fürs Musikalische; de Nardo ist als eine Art Arzt mit Stethoskop in der Kitteltasche der Spielleiter. Und eine fabelhafte Schalek. So wie sich Rainer Frieb unter anderem als Hansi Niese hervortut, die „unserem Kaiser“ – ein Riesenhampelmann, der von oben auf die Rampe schwebt – ein Busserl aufdrücken möcht‘.

Man kann Satire noch satirisch überhöhen, beweist der Abend. Das Lametta, das die Herren Offiziere an den Uniformen tragen, ist vom Christbaum (Kostüme: Tanja Liebermann). Die Kanonen schießen Konfetti. Eine U-Boot-Mannschaft trägt Zeitungspapierhüte. Und immer wieder tritt einer mit dem Aufschrei „Jetzt reicht’s aber!“ auf einen der Knallfrösche, die auf dem Boden verteilt sind. Franz-Joseph-Büsten mit blinkenden roten Augen gibt’s en masse. Viele gehen freiwillig oder unfreiwillig zu Bruch. Und gab dem Kaiser einen ganz kleinen Stips, und da war er aus Gips … Gespielt wird mit Tempo, Tempo, Tempo. Ein Irrsinn im Irrenhaus. Und ein weiterer Grund für die österreichisch-deutsch-babylonische Sprachverwirrung. Es fehlt k.u.k. eben die „Urganisation“ der Piekfe; dafür haben wir das absurde „Je ne sais quoi„. Schön arbeitet Schulte-Michels heraus, wie aus der fatal fröhlichen Falscheinschätzung der Situation allmählich Katastrophenstimmung wird. In solchen Momenten hat etwa Günter Franzmeier seine besten.

Wie wohl es freut, dass der Ausnahmeschauspieler Haymon Maria Buttinger auch für diese Produktion gewonnen werden konnte, und ihr schließlich ein Ende setzt, ist die Arbeit eine einzige große Ensembleleistung. Chapeau vor allen, die die Straßen Wiens und Berlins bevölkern, in Kanzleien und Kasernen, in Hinterhöfen und großbürgerlichen Wohnungen, in Wallfahrtskirchen, in Friseursalons und Redaktionen, an Fronten und in der Etappe – im Lazarett sitzen. Chapeau vor allen Erzherzögen, Militärs und Zivilisten jeglicher sozialen Schattierung, jeder Mittelmäßigkeit und angetan von jedem politischen Verbrechen, blutrünstigen Patriotismus, Profitgier oder Phrasendrescherei. Ein kriegsgegnerischer Irrenhäusler wird kurzerhand erschossen. Auf de Nardos Prolog folgt sein Epilog. Nur Gottes letzte Worte „Ich habe es nicht gewollt“ fehlen. Wahrscheinlich wurde Er gerade mit Elektroschocktherapie oder kalten Bädern behandelt. Drei Mal, sagte Schulte-Michels im Interview, hätte er Kraus‘ Buch an die Wand geworfen und geflucht, warum er sich das Ganze antue. Ein Glück, dass er es ein viertes Mal aufgehoben hat.

www.volkstheater.at

Wien, 2. 5. 2014

Interview mit Marcello de Nardo

März 20, 2013 in Bühne

Das Volkstheater spielt Gogols „Der Revisor“

Am Freitag, 22. März, hat am Wiener Volkstheater Gogols „Der Revisor“ Premiere. Sein Stück darf als eine der besten Komödien der Weltliteratur bezeichnet werden: Sie enthüllt die kläglichen Oberflächen und schauerlichen Abgründe einer ganzen Sozialsphäre, einer ganzen Nation, einer ganzen Epoche. Dabei verleiht Gogol mit Hilfe eines teuflischen Mechanismus seinen Figuren eine schlotternde, gespenstische Marionettenwirklichkeit, wie sie sonst nur noch in den Lustspielen von Molière zu finden ist. Eine komplette Kommunalverwaltung tritt auf – und nicht ein anständiger Mensch. Korrupt sind sie alle, sogar die berechtigten Klagen über die Korruption stammen von Bittstellern, die durch Korruption reich geworden sind. Schlechtes Gewissen? Nein. Ihre fieberhaften Überlegungen gelten den Fragen: Wie kann man den Revisor täuschen? Ist er bestechlich? Alle finden den Betrug selbstverständlich. Durch einen widerrechtlich geöffneten Brief erfahren die Honoratioren einer Provinzstadt, dass ein Revisor aus Petersburg kommen wird. Sie halten Chlestakow, einen kleinen Beamten, der zufällig im Gasthaus absteigt, für den gefürchteten Mann. Sie drängen ihm Geld auf. Sie bringen Frauen und Töchter ins Spiel, um ihn sich gewogen zu machen. Die Verstrickungen und Korruptionsversuche nehmen überhand, das Spiel wird gefährlich. Die einen schwelgen in Vorfreude auf eine Petersburger Karriere, der Aufschneider Chlestakow hingegen bereitet seine Abreise vor. Da bringt der Postmeister einen aufgebrochenen Brief, in dem Chlestakow seine Erlebnisse in dem Provinzstädtchen schildert: Die im Brief als Dummköpfe beschriebenen Dummköpfe lesen sich gegenseitig ihre Porträts vor – da wird die Ankunft eines Revisors gemeldet … Ein Gespräch mit Marcello de Nardo, dem Hauptdarsteller, über seine Rolle als Iwan Alexandrowitsch Chlestakow, ein Petersburger Beamter:

Der Revisor

Andrea Bröderbauer, Marcello de Nardo, Günter Franzmeier, Susa Meyer
Bild:Lalo Jodlbauer

MM: „Der Revisor“ ist eine schier unglaubliche Korruptionskomödie. Puschkin ist das ja tatsächlich einmal passiert: Er wurde in einer Provinzstadt für einen mit der Aufdeckung von Korruption beauftragten geheimen Beamten gehalten. Gogol hat danach dieses Stück geschrieben. Ist Chlestakow ein Aufschneider? Der Teufel, ein Teufel?

Marcello de Nardo: Weder das eine noch das andere. Er purzelt aufgrund eines Missverständnisses in diese Misere. Er ist ein armer Schlucker, doch die Menschen um ihn herum machen aus ihm das, was sie in ihm sehen wollen. Und mit der Zeit kommt er drauf, welche Möglichkeiten er da hat, wenn sie ihm das Geld förmlich aufdrängen, ihn Exzellenz und Hochwürden nennen. Er will Achtung und Respekt – das ist für mich der Schlüssel zum Verstehen dieser Figur. Aber im Endeffekt geht er weg, ohne zu wissen, welchen Brand er hinterlassen hat. Aber der „schlaue Teufel“, der grinsend großen Schaden anrichtet, ist er nicht. Das wäre mir zu spielen auch zu langweilig gewesen, denn die Figur ist eine unfreiwillig komische. Er agiert aus einer Überforderung heraus, er tanzt auf dem Hochseil. Daneben hat er seinen Diener Ossip – das haben wir schon in der Bearbeitung so aufgeteilt -, der die Fäden in der Hand hat, der ihn zurückzieht, wenn er nicht weiß, wann es genug ist, wann er droht aufzufliegen. Chlestakow weiß nie, wann er die Klappe halten soll, während es Ossip schon unter den Nägeln brennt.

 MM: Nach der Uraufführung 1836 schrieb der Schauspieler, der den Revisor spielte an Gogol, das sei „die blasseste Figur, die er jemals spielen musste“. Man möge sich dafür bitte „einen völlig unbegabten Schauspieler suchen“ und dem als Regieanweisung mitgeben, er solle „einen aufrechten Mann verkörpern“. Dann könne das Ganze vielleicht was werden. Was sagen Sie da dazu?

MdN: Huch! Ich habe so oft die schneidigen, schnittigen Chlestakows gesehen und ich habe mich jedes Mal gelangweilt, weil da zu klar war, was der will. Da hat man keinen Spaß daran. Wir haben eine acht Meter lange, steile Treppe als Bühnenbild und wenn der Revisor die hinunter stolpert, weil er betrunken ist, und alles hinter ihm her, dann kriegt das eine gänzlich andere Aussage. Da bekommt man eine wage Vorstellung davon, dass er denkt: Okay, wenn ich hier Chef bin … Da beginnt die Figur sich zu drehen. Da kriegt er das Gefühl, dass er vom Leben bis dahin ungerecht behandelt worden ist, und entwickelt eine gewisse Boshaftigkeit. Das ist eine so vielschichtige Figur. Wir haben mit Regisseur Thomas Schulte-Michels und einem sensationellen Ensemble eine Form gefunden, die von einer Virtuosität, einer Schärfe, ist, dass einem der Atem weg bleibt. Das ist wie ein Albtraum: Da kommt einer rein, der das System zu bedienen weiß – aber nicht gewollt. Und das eskaliert bis zu einer Fast-Hochzeit. Eine absurde, bissige Komödie.

 MM: Sie haben mit Schulte-Michels auch den mit dem Nestroypreis ausgezeichneten Brecht „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ gemacht. Wenn man die ersten Revisor-Fotos sieht, hat man das Gefühl, ihr dreht auch optisch die Groteske noch weiter als von Gogol vorgesehen.

MdN: Ja, definitiv. Es hat sehr viel mit einem Grand Guignol Theater zu tun. Es ist sehr nach vorne gewandt, wir wollen das Publikum reinziehen, mit einbeziehen. Das ist ein ganz reizvoller Bruch in dem atemberaubenden Tempo, in dem das Stück gespielt wird. Dazu braucht es diese Art von Kostümen, wenn das zu realistisch ist, interessiert es mich nicht. Die Treppe impliziert natürlich auch, dass man dauernd in Habt-Acht-Stellung ist, man darf nicht einen falschen Schritt tun, sonst fällt man. Dauernd rennt man rauf und runter, irgendwann keucht man automatisch. Da sagt der Mund etwas anderes als der Geist meint. Das ist wie die von Jan Kott beschriebene Shakespeare’sche Königstreppe.

 MM: Gogol wollte die russische Gesellschaft abbilden, ihr ein Spiegelbild vorhalten. Ist es nicht traurig, dass aus dem Revisor ein Stück von ewiger Gültigkeit geworden ist? Heißt: Würdenträger heute noch so korrupt sind wie damals?

MdN: Es ist traurig, aber wir sind selber Schuld. Wir sind als Gesellschaft nicht lernfähig, sondern eher rückwärts gewandt. Wir sind nicht sehr bereit, zu lernen, was wir nicht können, und das neu Gelernte umzusetzen. Das geht von Naturschutz bis zu den Gleichstellungsgesetzen von Mann und Frau. Auch nach zwei-, drei-. Vierhundert Jahren stolpern wir immer noch an denselben Stellen. Schulte-Michels sagt: In dem Hamsterkäfig, in dem unser Rad steht, ist es wichtig, dass der Boden nicht austrocknet. So bleiben wir feucht und fit und drehen uns mit. Es ist völlig desillusionierend, aber richtig. Und was die Korrumpierbarkeit betrifft: Jeder hat seinen Preis. Ich habe mal eine Late-Night-Show gemacht und hatte am Ende der Show die Abendeinnahmen zu Hause, hab’ das Bündel in die Luft geschmissen und mich mitten auf dem Bett reinfallen lassen und das Geld ist an mir runtergefallen. Da denkt man schon darüber nach, wie schmal die Grenze ist, die man überschreiten könnte. Das kann dir, bevor er’s getan hat, keiner verraten. Und da es ja heute in der Politik nicht um innere Werte, sondern um Wirkung geht, ist fast jeder Hallerwachel, der die Augen an der richtigen Stelle hat, prädestiniert, sich Richtung Kohle zu drängen. Deshalb werden wir immer Revisoren brauchen.

MM: Womit wären Sie korrumpierbar?

MdN: Schöne Rolle, schöne Inszenierungen, ein tolles Theater, eine tolle Gage.

MM: Sie haben am Volkstheater eine künstlerische Heimat gefunden, spielen wie ein „Verrückter“, sind aber auch nicht mehr ganz so jung, wie Sie wirken und aussehen. Wie halten Sie das durch?

MdN: Das Frage ich mich auch. (Er lacht.) Als ich jetzt die Tür zur Probebühne aufgemacht habe und diese Endlostreppe gesehen habe, dachte ich, ich falle in Ohnmacht. Ich dachte: Leck’ du mich am Arsch, das kann ja heiter werden –  und tatsächlich nach dem zweiten Tag hat mein Meniskus zu spinnen begonnen. Dieser Beruf hält dich auf Trab. Und ich will’s auch gar nicht anders. Ich will auf diese Bühne, auf diese Treppe rauf. Ich bin ein Perfektionist bis zur Selbstzerstörung; ich sehe Kollegen, die nehmen’s gelassener und tun sich einfacher. Aber das liegt mir nicht. Ich muss die Synapsen geschärft haben.

 MM: Noch ein Wort über Ihre fast schon zweite künstlerische Heimat: Reichenau. Dort spielen Sie heuer im Sommer Ibsen: „Die Stützen der Gesellschaft“, den Schiffsreeder Konsul Bernick. Punkto bröckelnder Fassade schließt sich da zum Revisor ein Kreis.

MdN: Nicolaus Hagg macht die Bearbeitung, worauf ich mich schon sehr freue, nicht nur weil ich ihn wertschätze, sondern weil er für den Stoff auch die richtige Kralle hat. Ohne Moralinsäure schreibt. Und es stimmt tatsächlich, der Bernick schwingt im Hintergrund schon mit, der kriecht schon her zu mir. Bernick ist ein knallharter Geschäftsmann, unmoralisch, korrupt, ist gewillt, den Tod von 25 Menschen in Kauf zu nehmen. Wie ihm das passieren konnte, wie er dieser Mensch geworden ist, dieser schleichende Prozess, das interessiert mich, da schließt mich für mich der Kreis zum Revisor. In beiden Stücken geht es um Unrecht, das ungesühnt bleibt – auch, wenn man beim Revisor lachen kann.

 MM: „Der Revisor“ ist ein politisches Stück. Daher zum Abschluss eine politische Frage. Sie haben die schweizerisch-italienische Staatsbürgerschaft. Die Schweizer haben die Volksbefragung, Volksabstimmung quasi erfunden. Jetzt kommt das auch in Österreich mehr und mehr. Was halten Sie davon?

MdN: Ich bin Demokrat. Ich halte das prinzipiell für ein ausgezeichnetes Instrument. Nur: In der Schweiz ist es etwas durch die Jahrhunderte Gewachsenes. Wenn man mit der Tonleiter nicht anfängt, wird man die Klaviatur nie beherrschen. Also habe ich in Österreich immer das Gefühl, die Politiker wissen nicht einmal, wie sie die Frage formulieren sollen, die sie beantwortet haben wollen. Da macht das schon weniger bis gar keinen Sinn. Außerdem hat die Volksbefragung hier keine Konsequenzen, man kann sich das Ergebnis ans Bein schmieren. Mir wäre ein Anliegen, dass endlich einmal über die Gleichstellungsgesetze abgestimmt wird. Ich wüsste nicht wie – deshalb schrecke ich vor Ihrer Frage zurück.

In der Regie von Thomas Schulte-Michels spielen Günter Franzmeier, Susa Meyer, Andrea Bröderbauer, Erwin Ebenbauer, Alexander Lhotzky, Claudia Sabitzer, Thomas Kamper, Rainer Frieb, Matthias Mamedof, Günther Wiederschwinger, Till Firit (den Ossip), Jan Sabo und Christoph F. Krutzler.

www.volkstheater.at

www.marcellodenardo.net

www. festspiele-reichenau.com

Von Michaela Mottinger

Wien, 20. 3. 2013