Bronski & Grünberg: Exorzist

Februar 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spuksatire über die Sünde Raffsucht

Elisa Seydel, David Oberkogler, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin, Serge Falck und Rafael Schuchter. Bild: © Philine Hofmann

Stockduster ist es, und das gespenstische Geräusch ein schweres Keuchen, und selbstverständlich wird sich unter den schemenhaften Gestalten, die über die Bühne geistern, die eine im Nachthemd befinden, die auf den Teppich pieselt. So viel Original muss sein, der Special Effect des Abends sozusagen, weil mit den Kotz- und Kopfdrehmomenten ist es am Theater ohnedies Essig. Doch mit dem Teppich, der im Laufe der Ereignisse noch viel mehr Flüssigkeiten aushalten wird müssen, das 4000 Euro teure Stück, dessen Verschandelung ob seines Preis‘ und Werts noch sehr bejammert werden wird, weist Dominic Oley schon den Weg, den seine Inszenierung im Weiteren einschlägt.

Oley, als Autor wie Regisseur erste Adresse für besten Boulevard, hat im Bronski & Grünberg sehr frei nach dem William-Friedkin-Film dessen „Exorzist“ anders gedacht und weitergeschrieben.

Hat den ernstgemeinten Horror in eine skurrile Spuksatire verwandelt, deren wichtigste Bestandteile Suspense, Slapstick und ein Sexvorfall sind. Der Inhalt reloaded: Ex-Schauspielstar Nanni plagt sich mit ihrer verhaltensoriginellen Tochter Ronaldrea, die mit ihren Anwandlungen nicht nur die Mutter, sondern auch das Haushälterehepaar Karl und Wilma und ihr Kindermädchen Traudl tyrannisiert. Als Nanni wieder einmal eine Party gibt, erscheint der ehemalige Erfolgs-, nun Erotikfilmchenregisseur Puke Darrings, aber auch ein gewisser Pater Dorian Gyros – der von seinem Bischof mit einer besonderen Mission beauftragt wurde.

Wie’s kaum anders sein kann, handelt die Teufelsaustreibung anno Profitgier und Konsumrausch nicht mehr vom altmesopotamischen Pazuzu-Dämon, stattdessen von dem Leibhaftigen, der die Leute heute rotieren und durchschütteln lässt: Geld. Alle hier haben es auf das durch illegale Geschäfte erworbene der Diva abgesehen. Die Angestellten für ein Leben abseits der Allüren der weltfremden Chefin, der Bischof über seinen instrumentalisierten Untergebenen, der eine Großspende einsacken soll, deren karitativer Zweck der Behübschung seines Badezimmers im venezianischen Palazzo dient, Puke, was tatsächlich „Kotze“ heißt, indem er ein von Nanni verfasstes Drehbuch stiehlt, mit dem er endlich wieder einen Leinwandtriumph feiern will.

Das Aufgebot an Abzockern verkörpert das beliebte Bronski-Team: Elisa Seydel und Johanna Prosl als überdrehte Nanni und teenie-aufsässige Ronaldrea, David Oberkogler als selbstverliebter Puke Darrings, Serge Falck und Rafael Schuchter als schmieriger Bischof und bald im doppelten Wortsinn aufrechter Pater Gyros, Daniela Golpashin und Michou Friesz als rachedürstige Traudl und Drahtzieherin Wilma. Den Karl dazu spielt kein geringerer als Burgtheaterschauspieler Fabian Krüger. Oley lässt seine Darsteller im hintergründigen Humor seiner Nonsensedialoge strahlen, alles ist eingestellt, das heißt eigentlich: verstellt, auf Verhören und Versprechen, der Quatsch pointiert durchbrochen durch Gesinnungssätze.

David Oberkogler, Elisa Seydel, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Großartige Komödianten: Johanna Prosl, Michou Friesz, Rafael Schuchter und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Etwa wenn Krüger, der sich einmal mehr als Erzkomödiant erweist, Karl Honecker zitiert, bevor er in eine „Publikumsbeschimpfung“ ausbricht, oder die grandiose groteske Friesz erklärt „Mir geht langsam der ideologische Treibstoff aus, wenn ich hier alles alleine machen muss“ – nachdem sie dem Pater sein „Anfängerbettelprospekt“ um die Ohren geschlagen hat. Jede brutale Geste sitzt, die großen wie die kleinen, und wie stets im Bronski & Grünberg ist die Aufführung brüllend amüsant und getroffen von so manchem Geistesblitz. Kaja Dymnicki hat das Bühnenbild, Julia Edtmeier die Kostüme entworfen.

Auch die beiden brillieren in der Detailverliebtheit des passenden Beinah-1970er-Jahre-Ambientes samt Bowleschüssel und Dean-Martin-Schallplatten. Eine der schönsten Finessen ist eine Vogue, die Nanni durchblättert, vorne natürlich sie als Covercelebrity, hinten als Gesicht einer Zigarettenwerbung. Derart geht’s munter dem Ende zu: Der Mutter wird das große Exorzismus-Paket angedreht, das seit den 1880ern niemand mehr bestellt hat, doch im Wasserglas des Paters schwimmt Viagra, so dass dieser statt religiöser Ekstase eine andere Art Erregung erfährt.

Ein Priesterproblem, das der Bischof intern regeln will, und apropos, Intoxikation durch Drogen: Ronaldreas Besessenheit entpuppt sich durch ihr böswillig verabreichte Koffeintropfen ausgelöst. Wie auch immer, die Bekämpfung des Beelzebubs wirkt, jeder fühlt sich plötzlich bemüßigt zu bekennen, der Bischof muss es also sagen: Beichten kosten extra. Gegen die Raffsucht ist offenbar kein Kruzifix gewachsen. Was in diesem speziellen Sündenfall wirklich zum Lachen ist, der „Exorzist“ als Turbokomödie über Turbokapitalismus …

Video: www.facebook.com/watch/?v=493390097861765

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2019

Projekttheater im Werk X: Foxfinder

November 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Fuchs

Der Foxfinder nistet sich auf dem Bauernhof der Coveys ein: Marc Fischer, Martina Spitzer und Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

„Es gibt hier keine Situation“, sagt Marc Fischer als Farmer Samuel Covey zu Anfang. Welch ein Irrtum. Die Situation, wie künstlich auch immer kreiert, wird ihn nämlich mit sich reißen, auch seine Frau, die Nachbarin, bis schließlich … Das Vorarlberger Projekttheater ist endlich wieder in Wien, und zeigt im Werk X seine fulminante Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder“. Regisseurin Susanne Lietzow hat die groteske Parabel der britischen Autorin in Szene gesetzt.

Diese eine Dystopie über Totalitarismus und Überwachungsstaat, Entsolidarisierung und das Schaffen von Feindbildern. In einem postapokalyptisch anmutenden England geht es den Menschen nicht gut. Das Bauernehepaar Samuel und Judith Covey hat wegen der Überschwemmung der Felder mit einer Missernte zu rechnen. Aber sie lassen die Arbeit ohnedies schleifen, nach dem Ertrinkungstod des vierjährigen Sohnes und der darob „Erkrankung“ des Mannes. Da platzt der Foxfinder William Bloor in die bescheidene Welt der beiden – und er hat den Feind sozusagen im Handgepäck: Der Fuchs ist an allem schuld, er verseucht die Höfe, macht das Wetter schlecht, manipuliert den Verstand, tötet die Kinder. Der Fuchs ist das Böse, „die Bestie“, die allerdings noch niemand, auch der Foxfinder nicht, zu Gesicht bekommen hat.

Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal hat für diese aberwitzige Ausgangssituation ein so atemberaubend schönes wie beklemmend düsteres Bild erdacht, in dem sich die Darsteller bewegen, als würden sie sich durch einen Albtraum tasten: eine Sumpflandschaft, morastig und wehmütig, dahinter der mystische Wald von Markus Orsini-Rosenberg, in Bahnen abgehängt wie Altarbilder, inmitten all des Wassers, wie eine gottverlassene Insel, die Stube. Martina Spitzer und Marc Fischer als die Coveys, Maria Hofstätter als Nachbarin Sarah Box und Rafael Schuchter als Bloor gestalten in diesem Setting ihr Spiel.

Aus Freundinnen werden Verräterinnen: Maria Hofstätter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Auf der Jagd nach dem Fuchs trifft es die Kaninchen: Marc Fischer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Gegenstände gibt es keine. In einer beeindruckend präzisen Choreografie, dies der erste von vielen Aha-Effekten fürs Publikum, werden das Rücken von Tellern, Suppe schöpfen, Türen öffnen, das Ticken seiner Taschenuhr, sobald Samuel den Deckel aufschnappen lässt, ausschließlich zu deren Geräuschen ausgeführt. Einziges Requisit ist ein Gewehr, und wie man von Tschechow weiß: Wo eine Waffe ist, wird geschossen werden …

Förmlich-höflich stellt sich der Foxfinder vor. Rafael Schuchter zeigt ihn mit seiner ruhigen, tiefgründigen Art als einen pedantischen Menschen, der aber bald im Befehlston zum unangenehmen Fragensteller wird. Immer wieder deckt Schuchter neue Schichten an diesem Charakter auf. Von Kindheit an in einem geheimnisvollen „Institut“ indoktriniert, ist Bloor dessen Glaubenssätzen soldatisch hörig. Alles deutet auf eine pseudoreligiöse Sekte hin – vor allem, als sich der Foxfinder als Flagellant enttarnt -, deren oberste Maxime Wirtschaftswachstum ist, weil „die Nation nur mit vollem Magen marschiert“. Den Lebensmittelproduzenten, heißt: Bauern, wird bei Nichterfüllung vorgegebener Quoten mit Enteignung und Zwangsarbeit in Fabriken gedroht.

Der Wald steht unter Wasser: Rafael Schuchter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Der Foxfinder fügt sich gern selbst Ungemach zu: Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Die Coveys sind ein einsilbiger, in sich gekehrter Menschenschlag. Marc Fischer spielt Samuel verhalten aggressiv, Martina Spitzer die Judith dem Fremden gegenüber um Freundlichkeit bemüht, aber ängstlich. Spitzer ist ganz großartig, so durchscheinend ist ihr Spiel dieser Figur Judith, die in der Beziehung die Starke sein muss, und nicht weniger leidet als Samuel, der mit seiner Schuld am Tod des Kindes hadert. Maria Hofstätters Sarah ist da deutlich resoluter, widerständiger, die Hofstätter in ihrer Darstellung authentisch wie immer.

Bald schafft es Bloor mit seiner krausen Ideologie, mit den „Zeichen“, die er überall wahrnimmt, das soziale Dorfgefüge zu destabilisieren. Die drei von ihm Heimgesuchten werden zu Denunzianten wider Willen und besseres Wissen, aus Freundschaft wird Verleumdung und Verrat, die Nachbarn spielen sich gegenseitig aus, das Misstrauen herrscht. Der Mensch wird des Menschen Fuchs, und einer als Mitläufer im System erscheint sogar fanatischer als der Foxfinder. Mehr und mehr wird unklar, wer dessen Theorien tatsächlich anhängt, wer sich in ihnen verfängt, wer seine Überzeugung nur vorgaukelt. Das Ende ist – überraschend.

Dawn King, und mit ihr das Projekttheater, erzählen eindrücklich davon, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn die Politik wahre Ursachen für Probleme mit Parolen und Phrasendrescherei gegen frei gewählte Sündenböcke verschleiert. Im Staat „Schuld sind immer die anderen“ wird Kings absurdes Drama zur schaurigen Realität. Die Wien-Premiere von „Foxfinder“ wurde mit viel Applaus bedankt.

Zu sehen bis 6. November.

new.projekttheater.at

werk-x.at/

  1. 11. 2018

Wiener Lustspielhaus: Don Giovanni

April 21, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Adi Hirschal spielt einen Wienerischen Herzensbrecher

Adi Hirschal spielt Don Giovanni. Bild: Sabine Hauswirth

Adi Hirschal spielt Don Giovanni. Bild: Sabine Hauswirth

Ab 14. Juli zeigt das Wiener Lustspielhaus Am Hof „Don Giovanni“ in einer eigenen Variante. Intendant Adi Hirschal führt Regie und spielt die Titelrolle. Seine Inszenierung ist in der Glamour-Welt der Mode, im Modehaus „Da Ponte“, angesiedelt. Das Buch stammt heuer aus der Feder von Max Gruber. Er hat den Da Ponte Stoff überarbeitet und ins Wienerische übertragen.

Don Giovanni ist nun ein ehemals sehr erfolgreicher Modeschöpfer, ein in die Jahre gekommener Liebhaber, der sich vergeblich gegen die Zeit und den Zeitgeist stemmt: Gendering, Binnen-I, Frauenquote, Gleichbehandlungsbeauftragte … Es sind schwere Zeiten für den schwer bedrängten Herzensbrecher. Die Frauen weigern sich, Beute seines unersättlichen Eroberungsdrangs zu werden. Sie durchschauen ihn und seine Unfähigkeit zu lieben, sehen die tragische Lächerlichkeit eines zu echter Beziehung unfähigen Mannes. Das Spiel von Liebe und Verführung ist ein ewig gültiger Stoff, aus dem das Theater schöpft. Und so wird auch das Wiener Lustspielhaus dieses Thema turbulent aufs Neue verhandeln.

Mit Hirschal spielen unter anderem Mercedes Echerer, Gabriele Schuchter und Peter Lodynski.

Kartenvorverkauf ab heute.

www.wienerlustspielhaus.at

Wien, 21. 4. 2016

Susanne Lietzow inszeniert in Linz und Feldkirch

September 8, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater Phönix: Leonce und Lena

Projekttheater: Foxfinder

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl
Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Susanne Lietzow ist zurzeit in Oberösterreich und in Vorarlberg als Regisseurin zugange. Am Linzer Theater Phönix bringt sie am 10. September Georg Büchners virtuoses Spiel „Leonce und Lena“ auf die Bühne. Sein 1836 verfasstes einziges Lustspiel ist ein absurd-romantisches Märchen, eine bitterböse Satire über die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit. Eine Persiflage auf die Weltfremdheit und Dekadenz eines elitären Standes, der es sich leisten kann, sich Langeweile zum Problem zu machen, während das Volk schuften muss, um zu überleben. Das Theater Phönix sieht in Büchners Kritik an der Ausbeutung des Menschen durch den Staat und das Feudalsystem durchaus Parallelen zu den Zuständen unserer Zeit. Es gehe um eine „No-Way-Out-Generation, die sich in einer ausweglosen Situation befindet“, so die Regisseurin. Das Stück habe „sowohl eine romantische als auch eine politische Seite in einer einzigartigen Sprache, die direkt unter die Haut geht.“

Julia Jelinek, die gleichzeitig in den österreichischen Kinos im Film „Der Blunzenkönig“ an der Seite von Karl Merkatz zu sehen ist, wird die Prinzessin Lena verkörpern, die vor der arrangierten Ehe mit Prinz Leonce flüchtet und sich inkognito dennoch in ihn verliebt. Phönix-Stammspieler David Fuchs wird den Prinzen Leonce spielen. Außerdem zu sehen: Rebecca Döltl, Tänzer und Choreograf Daniel Feik, neu im Phönix-Team: Markus Hamele, Klaus Huhle („Ihm laufe ich schon seit vier Jahren nach!“, sagt Lietzow), Sebastian Pass und Felix Rank. „Leonce und Lena“ spielt diesmal auf Kunsteis – und das Schauspielteam auf Eislaufschuhen. Dafür gab es Unterricht vom Linzer Eiskunstlaufverein.

Am 17. September folgt am Projekttheater Susanne Lietzows Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder – Zeit der Füchse“. In ihrem preisgekrönten Stück zeichnet die britische Autorin eine raffiniert-groteske Parabel auf den Überwachungsstaat. Eine aberwitzige Ausgangssituation, überzeichnete Figuren und pointierte Stakkato-Dialoge machen „Foxfinder“ zu einem Stück wie gemacht für das Ensemble des Projekttheaters. Den Menschen geht es schlecht. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und Missernte sorgen für Unmut und Verzweiflung in einer ländlichen Gegend irgendwo in England. Ein Feindbild muss her. Der Fuchs. Er verseucht die Bauernhöfe, beeinflusst das Wetter, manipuliert Träume und Verstand und tötet unschuldige Kinder – predigt der staatliche beauftragte „Foxfinder“ William Bloor, gespielt von Rafael Schuchter. Er platzt in die Welt des Ehepaars Samuel (Marc Fischer) und Judith Covey (Martina Spitzer) und der Nachbarin Sarah (Maria Hofstätter). Das Ehepaar Covey, geschockt vom plötzlichen Tod des Sohnes und verzweifelt wegen der schlechten Ernte, wird zur Zielscheibe des Foxfinders. Gespielt wird am magischen Ort der Johanniterkirche Feldkirch.

Im Februar/März 2016 kommt die Produktion als Gastspiel ins Theater Nestroyhof Hamakom.

www.theater-phoenix.at

www.projekttheater.at

Wien, 8. 9. 2015

Jonas Kaufmann singt an der Staatsoper

Oktober 4, 2013 in Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

La fanciulla del West

und weitere Kulturtipps für Oktober

Jonas Kaufmann Bild: © Gregor Hohenberg

Jonas Kaufmann
Bild: © Gregor Hohenberg

Am 5. Oktober hat an der Staatsoper Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“ Premiere. Inhalt: Feierabend in einem amerikanischen Camp von Minenarbeitern. Nick, der Barkeeper öffnet den Ausschank, die Arbeiter kehren von ihrem Tagewerk zurück und warten auf Minnie, die Chefin der Kneipe und auch die einzige Frau im Camp. Dabei vertreiben sie sich die Zeit mit Whisky, Kartenspiel und Raufereien. Um sie abzulenken, lässt Nick ein Lied aus der fernen Heimat spielen, Larkens hält es vor Heimweh nicht mehr aus und die Kumpels sammeln Geld, um ihm die Heimreise zu ermöglichen. Der selbsternannte Sheriff Jack Rance, der hinter Minnie her ist, brüstet sich vor allen, dass Minnie bald seine Frau werden wird; darüber gerät er in Streit mit Sonora, der ebenfalls heftig in Minnie verliebt ist. Mitten in diesen Kampf trifft Minnie ein und weist alle in ihre Schranken. Sie betreibt nicht nur die Wirtschaft, sondern versucht den rauen Kerlen im Winter Schulunterricht zu geben und sorgt mit einer Bibelstunde für etwas Einkehr und Besinnung. Ashby, der Chef einer Transportfirma besucht das Camp. Er ist auf der Suche nach einem Banditen namens Ramerrez, der seit einiger Zeit die Gegend unsicher macht. Die Post trifft ein und durch eine Depesche wird Ashby von einer dubiosen Frau über den angeblichen Aufenthaltsort von Ramerrez aufgeklärt. Als Jack mit Minnie allein ist, versucht er ihre Liebe zu erringen, indem er ihr viel Geld anbietet. Brüsk weist sie ihn ab, indem sie ihm vom armen, doch glücklichen Leben und der Liebe ihrer Eltern erzählt. Da betritt ein Fremder das streng bewachte Camp, Jack schöpft Verdacht, ruft die Arbeiter zusammen und stachelt sie gegen den Unbekannten auf. Doch Minnie bürgt für den Fremden, der sich als Mister Johnson aus Sacramento ausgibt. Minnie und er erinnern sich an eine frühere Begegnung. Mit einem kleinen Walzer wird der Unbekannte in die Gemeinschaft aufgenommen. Alarm ertönt, die Arbeiter schleppen Castro, ein Mitglied aus der Bande von Ramerrez, herbei. Er ist gekommen, um alle Arbeiter mit falschen Angaben über Ramerrez‘ Aufenthalt aus dem Camp zu locken, um so seinem Anführer (denn der unerkannte Dick Johnson ist in Wahrheit Ramerrez) die Möglichkeit zu geben, das Camp auszurauben. Alle machen sich auf die Jagd nach Ramerrez, Minnie bleibt allein mit Dick zurück. Die aufkeimenden Gefühle für Minnie machen es Dick unmöglich, diese Frau, die zurückgeblieben ist, um die versteckten Goldvorräte mit ihrem Leben zu verteidigen, zu überwältigen und auszurauben. Bevor er sie verlässt, verabreden sie sich für den späten Abend in ihrer Behausung oben am Berg. In ihrer Behausung bereitet sich Minnie auf Dicks Besuch vor. Als dieser eintrifft, berichtet sie ihm zutraulich von ihrem Leben, doch er verschweigt ihr seine wahre Identität. Beide gestehen sich ihre Gefühle, doch die Idylle wird abrupt durch den Besuch von Jack und einigen Arbeitern unterbrochen. Diese klären Minnie über die wahre Identität Johnsons auf und warnen sie vor ihm, dem Kriminellen. Enttäuscht stellt Minnie Dick zur Rede, er versucht sich zu verteidigen: Nicht freiwillig sei er Bandit geworden, vielmehr hat er nach dem Tod sein Vaters dessen Räuberbande übernehmen müssen. Doch das Zusammentreffen mit Minnie habe ihm den Weg für ein neues Leben gezeigt. Als er merkt, wie tief Minnie von seinem Vertrauensbruch getroffen ist, versucht er zu gehen, doch kaum ist der draußen, trifft ihn die Kugel Jacks, der ihm aufgelauert hat. Minnies Liebe erwacht erneut, sie öffnet ihm die Tür und verbirgt den Verwundeten. Doch einige Tropfen Blut verraten dem zurückkehrenden Sheriff, der sich ungestüm an Minnie vergreifen will, sein Versteck. Da beginnt Minnie für das Leben von Dick zu kämpfen. Eine Partie Poker soll über ihr und Johnsons Schicksal entscheiden. Sollte er gewinnen, will sie sich ihm hingeben und ihm Johnson ausliefern, sollte sie gewinnen, gehöre der Geliebte ihr alleine. Nachdem sie Jack sein Ehrenwort abgenommen hat, gewinnt sie die Partie mit falschen Karten. Jack hat sein Ehrenwort gegenüber Minnie gebrochen und setzt alles daran, um Dick zu fangen. Bei anbrechendem Tag beginnt die Verfolgung, doch Dick scheint zunächst zu entkommen. Doch schließlich gelingt es Ashby, ihn zu fassen. Jack will mit seinem Rivalen schnell kurzen Prozess machen, er hetzt die Meute auf, und schon wird Dick die Schlinge um den Hals gelegt. Doch die Hinrichtung stoppt, als Minnies Rufen zu hören ist. Sie nutzt die allgemeine Überraschung und stellt sich schützend vor ihren Geliebten. Nach und nach gelingt es ihr, den Hass und die Mordlust der Männer zum Versiegen zu bringen und sie zu überzeugen, ihren Geliebten zu begnadigen. Minnie und Dick machen sich auf, um anderswo ein neues Leben anzufangen.

Es singen u. a. Jonas Kaufmann | Dick Johnson (Ramerrez) und Nina Stemme | Minnie. Am Pult: Franz Welser-Möst

www.wiener-staatsoper.at

Herbsttage Blindenmarkt: Ziehrers „Landstreicher“

Sein Erfolgsrezept des erfolgreichen nö. Operetten-Festivals setzt Intendant Michael Garschall auch heuer fort – und zwar mit Carl-Michael Ziehrers Rarität „Die Landstreicher“ (Premiere: 4. Oktober, 19.30 Uhr). In der Regie von Gernot Kranner, der auch eine Neufassung geschaffen hat, ist heuer eine prominente „Herbsttage“-Debütantin zu entdecken: die junge Sopranistin Iva Mihanovic in der Partie der Anna. Zuletzt war die vielseitige Sängerin, die seit kurzem mit „Oscar“-Preisträger Maximilian Schell verheiratet ist, u. a. am Münchner Gärtnerplatz-Theater, bei den Seefestspielen Mörbisch sowie beim Lehár Festival in Bad Ischl zu hören. Natürlich wartet die diesjährige Produktion auch mit Publikumslieblingen auf: Gabriele Schuchter und Theater-Allrounder Marcus Ganser (als ideales „Landstreicher“-Paar August und Bertha Fliederbusch) sowie Tenor Anton Graner und Herbsttage-Urgestein Willi Narowetz. Die musikalische Leitung liegt wieder in den bewährten Händen des Ziehrer-Experten Kurt Dlouhy. Die Erfahrung zeigt, dass bei den „Herbsttagen Blindenmarkt“ das Interesse für Raritäten ungebrochen ist: aufgrund der großen Publikumsnachfrage findet am 19. Oktober (15.00 Uhr) eine Zusatzvorstellung statt.

www.herbsttage.at

Schauspielhaus Graz: Drei Mal neu im Oktober

5.10., NIEMANDSLAND, Yael Ronen & Company, Hauptbühne, 19.30 Uhr

Asra ist mit ihrer kleinen Tochter Leyla im Krieg aus Bosnien nach Österreich geflohen. Heute ist Leyla eine politisch engagierte Studentin, die in Palästina arbeiten will – zum Entsetzen ihrer Mutter, denn dort herrscht Krieg und schon das Reden über Krieg ist in Asras Haus tabu.
Osama und Jasmin sind ein israelisch-palästinensisches Paar, auf der Suche nach dem Ort, der sie als gleichberechtigte Bürger aufnimmt. Osama darf Palästina nicht verlassen. Jasmin emigriert nach Österreich und versucht, für ihn Asyl zu erlangen.
Ein renommierter Kriegsreporter steht kurz vor dem Burnout, ein Anwalt wird durch sein Engagement für syrische Blogger zum Medienstar, ein junger Deutsch-Serbe setzt sich mit seiner Vätergeneration auseinander und ein Universitätsprofessor mit Forschungsschwerpunkt Nachkriegs-Gesellschaft fällt aus dem Hörsaal ins wirkliche Leben. Alle diese Schicksale sind miteinander verknüpft, in dem neuen Stück von Yael Ronen (Hakoah Wien), zu dem die wahre Geschichte von Jasmin und Osama den Anstoß gab.

Yael Ronen zählt zu den außergewöhnlichen TheaterkünstlerInnen ihrer Generation. International bekannt wurde sie durch Theaterabende, in denen sie Klischees und Vorurteile auf Kollisionskurs bringt. Gemeinsam mit ihren Ensembles erforscht sie in einem Prozess kollektiven Schreibens und Improvisierens die Spannungen zwischen unterschiedlichen Nationalitäten: „Dem Perfektionismus der Deutschen stehen zum Beispiel die Grobheit und der Humor der Israelis gegenüber. Ich suche immer Gruppen, die sich gegenseitig herausfordern. Daraus ergibt sich eine fruchtbare Arbeit.“

6.10., SEI NICHT DU SELBST, Konzept & Regie Boris Nikitin, Koproduktion u. a. mit steirischer herbst, Probebühne, 20 Uhr

»Der größte Trieb in der menschlichen Natur ist der Wille, bedeutend zu sein.« Dieser Satz des US-amerikanischen Philosophen John Dewey bildet die Grundlage zu Dale Carnegies Buch How to Win Friends and Influence People (1936), einem Klassiker der Motivationsliteratur. Carnegie beobachtet, dass uns Kommunikation und Gemeinschaft, in Folge auch beruflicher Aufstieg, nur dann gelingen, wenn wir diesem Bedürfnis Rechnung tragen. Wenn wir uns aufrichtig für den Anderen interessieren, aufmerksam zuhören, ihm dann und wann ein Lächeln schenken. Auf diesem Prinzip basieren die meisten Formen von Peergroups und Cliquen, von Wahlgemeinschaften und Selbsthilfegruppen, die an Bedeutung gewinnen, je schneller sich traditionelle Formen kollektiver Sinnstiftung in Nichts auflösen. »Sei du selbst!«, hieß der Schlachtruf der Neunziger- und Nullerjahre. Das autonome Selbst war Ziel und Paradigma einer sich nach Individualität sehnenden Gesellschaft. Kunst wie Kommerz setzten auf den authentischen Menschen als Rollenmodell für Freiheit und Emanzipation. Mittlerweile verbreitet sich Katerstimmung. Philosophen wie Robert Pfaller und Byung-Chul Han fordern wieder ein Recht auf Fiktion: weg vom Zwang zur Authentizität, mehr Spiel, mehr Verschleierung, mehr Illusion. Sei nicht du selbst! »Wir sind dabei, uns umzubauen, als Individuen wie als Gemeinschaft. Dinge, die selbstverständlich waren, sind brüchig geworden. Was stellen wir jetzt mit den Fragmenten an? Wir haben die einzigartige Möglichkeit, uns selbst umzuprogrammieren und unser Leben, wie wir es bis zu diesem Punkt geführt haben, radikal loszulassen – inklusive unsere Zukunftsvorstellungen. Der letzte Glaube ist der Glaube an eine Fiktion. Wir müssen uns selbst ermächtigen.« (Boris Nikitin) Der Schweizer Theatermacher Boris Nikitin hat zuletzt am Schauspielhaus Graz in Bartleby oder Sicherheit ist ein Gefühl die Widerstandskraft des Einzelnen befragt und sich am Theater Freiburg mit der Gemeinde der Mormonen auf die Suche nach Gott begeben. In seiner neuen Arbeit, einer Koproduktion von Schauspielhaus Graz und dem steirischen herbst, fordert er angesichts des Paradigmenwechsels die gemeinschaftliche Radikalisierung: Wie werden wir handlungsfähig? Wie bringen wir uns wieder in die Lage, Entscheidungen zu treffen, die wirklich welche sind?

8.10., HERZBETRUNKEN – Ein Ringelnatz-Liederabend von Klaus von Heydenaber, mit Steffi Krautz und Christoph Rothenbuchner

www.schauspielhaus-graz.com

MUTH im Oktober

Am 6. Oktober präsentiert das Philharmonische Ensemble Wien Kammermusik von Mozart, Strauss und Fuchs. Das auf Initiative des philharmonischen Geigers Shkelzen Doli entstandene Ensemble besteht aus zwei weiteren Wiener Philharmonikern, dem Violinisten Holger Groh und dem Cellisten Sebastian Bru, sowie dem international erfolgreichen Konzertpianisten Gottlieb Wallisch. Es ist das erste Konzert des Zyklus „PHILHARMONISCHES ENSEMBLE WIEN“. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Jeunesse Wien ist am 14. Oktober Vesko Stambolov, einer der wichtigsten bulgarischen Pianisten, mit Ensemble zu Gast im MuTh. Dieses Konzert ist Teil des Zyklus „CHAMBER MUSIC“. Mit einem Konzert des Steude Quartett am 30. Oktober klingt der Monat musikalisch aus. Das 2002 von den Mitgliedern der Wiener Philharmoniker gegründete Ensemble spielt Kammermusik von Mozart, Respighi und Schubert. Den Musikern ist der gleichnamige Zyklus „STEUDE QUARTETT“ gewidmet. Auch der Nachwuchs steht im Oktober auf der MuTh-Bühne. Am 1. Oktober findet die Uraufführung von Stephan Kerschbaums Musical „Fariba“ statt. Die Schüler und Schülerinnen des ORG der Wiener Sängerknaben präsentieren am 19. Oktober die Jugendoper „U-Musik“. Sie ist das Ergebnis der im September 2012 gegründeten Opernwerkstatt, ein Projekt bei dem die Jugendlichen eine Oper selbst kreieren und aufführen.

www.muth.at

Slobodija Odysseia, mon Amour!

Marseille-Provence / Wien / Košice

Nach der Uraufführung im Théâtre Toursky in Marseille am 4. Oktober kommt die Bahamut-Produktion für drei Vorstellungen nach Wien. Ausgehend von Homers „Odyssee“ erkundet die Aufführung, was Flucht, Fremdsein, Suche und Ankunft heute bedeuten. Homers Text wurde dramatisiert, dazu gibt es Passagen aus Interviews mit Flüchtlingen und Kriegstraumatisierten. Roma-Musiker spielen live. Eine vielversprechende Idee, die phantasievoll, vielschichtig und sinnlich umgesetzt wird. Homers Odyssee und die politische brisante Realität von Heimatlosigkeit, Flucht und Vertreibung in unserer Zeit verschmelzen in „Slobodija Odysseia, mon amour“ zu einem Kaleidoskop von prägnanten Textpassagen, eindrucksvollem Bewegungstheater, mitreissender Musik und poetischen Bildern.

Termine: 10./12./16. Oktober 2013 / 20 Uhr
Ort: Expedithalle/Ankerbrotfabrik, 1100 Wien, Puchsbaumgasse 1c

Ausstellung: In Zusammenarbeit mit der Galerie Knoll begleiten Werke des renommierten Künstlers Àkos Birkás die Vorstellungen. www.knollgalerie.at

www.bahamutproductions.com

Wien, 4. 10. 2013