Love Sarah

September 8, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mehlspeis-Märchen kuriert die Multikulti-Gesellschaft

Dieses Ensemble kriegt’s gebacken: Rupert Penry-Jones, Shelley Conn, Celia Imrie, Shannon Tarbet und Bill Paterson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Sinnlichkeit feinster Süßspeisen ist nicht erst seit „Chocolat“ immer wieder beliebtes Filmthema, und schon Cissy Kraner besang in „Wie man eine Torte macht“ die Plagen einer Pâtissière. Nun zelebrieren Drehbuchautor Jake Brunger und Regisseurin Eliza Schroeder die hohe Kunst der Kuchenbäcker in „Love Sarah“, einem warmherzigen Feel-Good-Movie, das am Freitag in den Kinos anläuft.

Das heißt, gut fühlt sich hier anfangs niemand, stirbt doch Mehlspeis-Magierin Sarah just an dem Tag, an dem sie mit Best Friend Forever Isabella in Notting Hill eine eigene kleine Konditorei gründen wollte. Das stürzt diese nicht nur in

tiefe Trauer, sondern auch in schwere Existenznöte, wo keine Bäckerin, da keine Bäckerei, und beides teilt sie mit Sarahs Tochter Clarissa, die mitten in der Tanzausbildung von ihrem Lover vor die Tür gesetzt wird. Zu Sarahs Mutter Mimi hatten die drei längst den Kontakt abgebrochen, aber nun, da die Enkelin einen Schlafplatz und die Geschäftspartnerin der Tochter Geld braucht, scheint die wohlbetuchte Exzentrikerin die einzig rettende Hand. Als dann noch Michelin-Sterne-Koch Matthew auf der Bildfläche erscheint, mit dem Sarah und Isabella wohl mal eine himbeerheiße Ménage à Trois hatten, sind genug Konflikte beisammen, um diese zuckrigen Zutaten in die Rührschüssel zu tun.

Doch Eliza Schroeder und Kameramann Aaron Reid gelingt weit mehr, als De-Luxe-Törtchen pittoresk in Szene zu setzen. Das Spielfilmdebüt der deutschen Regisseurin, die nunmehr selbst in Notting Hill lebt, ist im London der Brexit-Verhandlungen ein sympathisches Stellungbeziehen für eine offene, multikulturelle Stadtgesellschaft. Matthews überkandidelte Kreationen nämlich finden keine Käufer, die Kunden aus der kunterbunten Nachbarschaft wünschen sich Süßes aus ihrer Heimat, „a home away from home“, wie Marketingstrategin Mimi es bald nennt, und so darf jeder ein Rezept vorbeibringen – und sich auf seine Naankhatai, Faworki, Maandazi, Klingeris oder Maamoul bil Tamr freuen.

Stolz aufs hochwertige Pâtisserie-Sortiment: Celia Imrie, Shaonnon Tarbet und Shelley Conn. Bild: © Femme Films

Doch im multikulturellen London wünschen sich die Kunden Kuchen, der nach Heimat schmeckt. Bild: © Femme Films

Hier hatten die Spitzenköche Candice Brown und Yotam Ottolenghi die Finger im Spiel. Bild: © Femme Films

Die berüchtigte Matcha Mille Crêpe Torte ist gelungen: Shannon Tarbet und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

So verschieden das neue Sortiment der Bäckerei, so auch die Charaktere ihrer Betreiber. Großartig allen voran ist Celia Imrie, die der Mimi einen herrlich herben Charme verleiht, der ehemalige Star auf dem Trapez, der mit Strenge Disziplin einfordert, und dem Jake Brunger Sätze wie „Müssen wir uns weiter durch diesen Smalltalk plagen, oder sagst du mir, worum’s geht?“, als sie die von ihr erhoffte Finanzspritze erahnt, und Dialoge wie: im noch als Bruchbude darniederliegenden Lokal –  Isabella: „Es hat Potenzial“, Mimi: „Als Crackhöhle!“, auf den Leib geschrieben hat. Mit ihrem feinen Lächeln verrät Celia Imrie, dass ihre Mimi auch über Gemüt verfügt.

Szenen, in denen Tanzelevin Clarissa, frisch und frech gespielt von Shannon Tarbet, die Oma in einen Trapezkurs schleppt, wo die frühere Zirkusdirektorin freilich samt der Kursleiterin alle aufmischt, sind vom Feinsten. Und dann ist da noch der Gentleman von gegenüber, Bill Paterson als skurriler Erfinder Felix, der Mimi nicht ohne deren Wohlwollen Avancen macht. Als Gegensatzpaar sind die ebenfalls starrköpfige Isabella und der nicht minder sture Matthew zur Stelle, Shelley Conn und Rupert Penry-Jones, denn sie misstraut ihm ob seiner zweifellos obskuren Beweggründe von der Haute Cuisine in die Niederungen des „Love Sarah“ genannten Kleinbetriebs zu wechseln.

Egal in welchem Alter, Liebe geht …: Bill Paterson als skurriler Erfinder Felix und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

… durch die Backstube: Shelley Conn und Rupert Penry-Jones als undurchsichtiger Sternekoch Matthew. Bild: © Femme Films

Doch erst als endlich alle Konflikte in der Konditorei beseitigt sind …: Shelley Conn und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

… kann die quirrlige Elevin Clarissa wieder nach Herzenslust tanzen: Shaonnon Tarbet. Bild: © Femme Films

Die Dame muss erst einmal nicht angebraten, sondern bebacken werden. Nur das Publikum weiß, dass Matthew mittels eines geklauten Clarissa-Haars einen Vaterschaftstest durchführen lässt … But together we’re sweet, könnte das Motto dieses Films lauten, all die Irrungen und Wirrungen, in denen ein bestellter Matcha Mille Crêpe Kuchen erst zum matschigen Dàtschen werden muss, bevor zusammenfindet, was offensichtlich zusammengehört, und der Ritter mit dem weißen Schneebesen seine holde Makronen-Maid heimführen darf. „Love Sarah“ ist ein zarter Film von tragikomischem Humor, und wer das Kitsch nennt, hat recht, aber kein Herz.

Die Leckereien, die so international sind wie es sich für die Bewohner einer Metropole gehört, wurden vom israelisch-britischen Spitzenkoch Yotam Ottolenghi, Food-Stylistin Rebecca Woods, Candice Brown, der Gewinnerin von „The Great British Bake Off“ 2016, und anderen kulturell vielfältigen Bäckereien in London gezaubert. Fazit: Aus der Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen kann eine wunderbare Kreativität entstehen. „Die Tatsache, dass ich als begeisterte Bäckerin, die in Deutschland aufgewachsen und mit einem Franzosen verheiratet ist, in Brexit-Großbritannien lebt, hat mich dazu inspiriert, das vielfältige London in seiner ganzen Pracht zu porträtieren, das durch die Liebe zum Backen zusammengebracht wird“, sagt Eliza Schroeder. What else to say? If you got sweet tooth, check it out!

www.weltkino.de/Love-Sarah           www.facebook.com/LoveSarah.DerFilm

  1. 9. 2020

Landestheater NÖ: Radetzkymarsch und Die Rebellion

Oktober 4, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Philipp Hauß inszeniert in St. Pölten Joseph Roth x 2

Wojo van Brouwer, Moritz Vierboom, Pascal Groß  Bild: Alexi Pelekanos

Wojo van Brouwer, Moritz Vierboom, Pascal Groß
Bild: Alexi Pelekanos

Burgschauspieler und Regisseur Philipp Hauß, der dem Landestheater Niederösterreich schon mit „Mamma Medea“ www.mottingers-meinung.at/?s=mamma+medea einen schönen Erfolg beschert hat, versucht sich nun am Haus an einem neuen waghalsigen Projekt. Er verknüpft, nein, eigentlich er stellt nebeneinander, Joseph Roths „Radetzkymarsch“ und Roths „Die Rebellion.“ Ein Dutzend Schauspieler, darunter die Gäste Moritz Vierboom vom Burgtheater und Myriam Schröder, bekannt vom Schauspielhaus Wien, meist in mehreren Rollen, spielen Vor- und Nach-Sarajevo, das Ende der Donaumonarchie, die Entmenschlichung der Kriegswitterer und -veteranen, den zunehmenden Verlust des Glaubens an Kaiser, Gott, Gerechtigkeit. Die Gräuel, die weder die oben noch die unten verschonen.

Die oben: Joseph Roth erzählt in Radetzkymarsch die Geschichte der dem Kaiserhaus schicksalhaft verbundenen Familie Trotta. Aus einer ärmlichen Bauernfamilie im slowenischen Dorf Sipolje rückt ein Trotta in der Armee zum Rechnungs-Unteroffizier auf. Sein Sohn Joseph bringt es  zum Leutnant. In der Schlacht von Solferino rettet Leutnant Joseph Trotta unter Einsatz seines Lebens dem jungen Kaiser Franz Joseph das Leben. Als „Held von Solferino“ wird er  als „Joseph Trotta von Sipolje“ in den Adelsstand erhoben und zum Hauptmann befördert.  Nachdem der Hauptmann im Schulbuch seines Sohnes zufällig eine heroisierende Darstellung der Schlacht von Solferino entdeckt und sich darüber beim Kaiser beschwert, wird er zwar in den Freiherrenstand erhoben, verlässt aber verbittert die Armee. Seinem Sohn, Franz Freiherrn von Trotta und Sipolje, verbietet er eine Karriere beim Militär. Dieser schlägt stattdessen eine zivile Beamtenlaufbahn ein. Bei seinem Sohn, Carl Joseph Trotta von Sipolje,  ist von der knorrigen Stärke des „Helden von Solferino“ nichts übrig geblieben. Weder ein schneidiger Soldat wie der Großvater, noch ein kaisertreuer Beamter wie der Vater ist Carl Joseph ein äußerst weicher und feinfühliger Charakter. Der junge Mann will eigentlich kein Soldat sein, doch folgt er gemäß dem Ethos der Pflichterfüllung dem Auftrag seiner Familie. Als Leutnant zur Kavallerie ausgemustert, verschlägt ihn das Schicksal bald zur Infanterie an die russische Grenze, wo Carl Joseph dem Alkohol und der Spielsucht verfällt. Wie am Anfang des Aufstiegs einer Familie der Einsatz eines Menschenlebens für den Kaiser gestanden hat, steht am Ende ein Opfergang für die namenlosen Kameraden: Carl Joseph fällt im Ersten Weltkrieg bei dem Versuch, Wasser für seine Soldaten zu holen. Die Familie Trotta erlischt mit ihm.

Die unten: Andreas Pum hat im Krieg ein Bein verloren, bekam zwar eine Auszeichnung, aber nicht einmal eine Prothese. Trotzdem glaubt er, die Regierung werde ihn schon versorgen. Das erweist sich als Irrtum. Andreas muss vor der Kommission einen „Zitterer“ (furchtbare Bilder dazu kann man in der Ausstellung auf der Schallaburg sehen: www.mottingers-meinung.at/ausstellung-auf-der-schallaburg-zum-1-weltkrieg/) simulieren, um die Lizenz zum Drehorgelspiel zu ergattern. Mit seinem Leierkasten humpelt Andreas von Hinterhof zu Hinterhof. Angehörige hat der Kriegsversehrte keine. Der Winter steht bevor. Andreas träumt von breithüftigen Witwen mit vorgewölbten Busen. Genau so eine läuft ihm über den Weg: Katharina Blumich. Hals über Kopf heiratet Andreas sie, bei der ersten Bewährungsprobe wendet sich die Frau von dem neuen Ehemann, diesem Krüppel, ab und wirft sich sofort einem Mann mit gesunden Gliedern an den Hals. Andreas wandert ins Gefängnis. Das Delikt: Bewaffneter Widerstand gegen die Staatsgewalt und Amtsehrenbeleidigung. Andreas hatte einen Polizisten mit der Krücke geschlagen. Der Staatsdiener wollte eine Auseinandersetzung schlichten. Der Invalide war in der Straßenbahn als Simulant und Bolschewik verunglimpft worden. Einige Fahrgäste hatten eingestimmt: Russe, Spion, Jude ! Die Lizenz zum Leierkastenspiel wird Andreas  entzogen. Im Gefängnis verliert Andreas den Glauben. Aus dem Gefängnis kommt er mit weißem Haar. Aber einen Freund hat er noch. Der stellt ihn als Wärter in der Toilette des Cafés Halali an. Als Andreas am Arbeitsplatz stirbt, will er die Gnade Gottes nicht. Denn Die Rebellion gilt Gott. Pum will in die Hölle.

Hauß lässt die Ereignisse auf einer halsbrecherisch schrägen, „unfertigen“ als wäre sie noch Probeninstrument, Bühne (von Martin Schepers) ablaufen. Es erfolgt kein Aufbau, sondern Abbau. Habsburgland ist abgebrannt. Die Darsteller üben sich im An-einander-vorbei-Reden; direkten menschlichen Kontakt wollen sie tunlichst meiden, diese weißgeschminkten Totenmasken mit den schwarzumrandeten Augen. Leise gesprochene „innere“ Monologe wechseln mit rasenden, lautstarken emotionalen Ausbrüchen. Weil die Welt ein Kerker ist, hat hier keiner mehr alle Zellen im Hirn. Im Überlebensk(r)ampf ist jeder auf der Suche nach seiner eigenen Medizin. Hauß macht klar, dass es mehr Subversion statt Subordination braucht. Und kein Festhalten an einem Ehrenkodex aus anno Tobak. Die Geschichte der Familie Trotta lässt er anfangs im Schnelldurchlauf erzählen, bis er bei Carl Joseph angelangt ist. Wojo van Brouwer ist in einer Umgebung, die hartleibig im Privaten wie im Politischen ist, ein weiches Herz, das allzu leicht zerdrückt werden kann. Wohin sich wenden, wenn rundum nur Abgrund ist? Van Brouwer spielt höchst gelungen einen Verzweifelten – und immer auch einen Zweifler – an all den Aufgaben, die ihm Vater und Landesvater stellen, einen, der seine eigene Identität sucht und stets beim Helden-Großvater strandet. Anschaulich und facettenreich stellt Hauß die Dekadenz des Offiziersstandes dem Untergang der Donaumonarchie und des Kaiserhauses gleich. Dazu hat er sich viele klein-nette Ideen einfallen lassen. Etwa eine Barbie-und-Ken-Kutsche, gezogen von Einhörnern, mit denen Seine Majestät vorfährt. Hauß stellt der Dekadenz der Truppe aber auch die De­s­pe­ra­ti­on des beinamputierten Pum gegenüber.

Wie ein Geist aus der Zukunft taucht er immer wieder auf der Szene auf. Eine Meisterleistung von Michael Scherff (der auch Franz von Trotta ist), nicht nur physisch den halben Abend auf einem Bein zu bestreiten, während das andere mit einem Gürtel an die Rückseite des Oberschenkels geschnallt ist, sondern auch psychisch. Sein Pum ist ein In-die-Grube-Einfahrer. Lange, lange, lange lässt er sich seinen Optimismus nicht nehmen, bis er buchstäblich am Boden liegt. Nun ein Zyniker, den nicht einmal der Tod erlösen kann. Moritz Vierboom hat diesmal mit seinen Rollen auch keine Fortune. Als Regimentsarzt Max Demant, Carl Josephs einzigem Freund, ist er erst, weil Jude, der Außenseiter unter den Kameraden, fällt schließlich, sucht das Sterben, in einem unsinnigen Duell. Später, als Hauptmann Wagner, verliert er alles beim Glücksspiel (auch seinen Schnauzbart, womit Vierboom übrigens souverän umgeht und sogar mit der Situation spielt) – und erschießt sich. Vierboom, wiewohl hier keine Hauptfigur, macht es seinen Mitstreitern nicht leicht. Seine Bühnenpräsenz, sein großartiges Spiel dominiert, ohne, dass er es beabsichtigt. C ‚est la Guerre. Myriam Schröder ist die einzige, die in beiden Episoden auftritt. Als Trottas Infanterie-Flittchen Valerie von Taußig und als Pums Katharina Blumich. Schön bös‘ kann sie in beiden Rollen sein. Blitzschnell erfolgt ihr Wechsel von der Sirene zur Megäre. Den Unangenehmen entzieht sie sich durch Sexyness. An der nächsten Ecke wartet schon der nächste. Kinder, heut‘ abend, da such‘ ich mir was aus einen Mann, einen richtigen Mann! Schröder ist Schöne und Biest in einem.

Am Ende steht da eine Totentafel von der der Schlachtruf oder Verzweiflungsschrei: Das ist Österreich! erschallt. Der tote Pum sitzt auf dem Tisch, der tote Carl Joseph von Trotta geht an ihm vorüber. Und bietet ihm einen Job an: Leierkastenmann, Museumswärter, Tabakverschleißer … Philipp Hauß hat keinen Abend gestaltet, der sich einem leicht erschließt. Mitarbeiten muss man schon. Doch es lohnt sich mit Hingabe Herz und Hirn für dieses außergewöhnliche, ambitionierte Projekt zu öffnen. Ein Bravo soll allen, auch Intendantin Bettina Hering, die dieses Abenteuer zugelassen hat, gelten.

TIPP: Am 8. Oktober wird Arthur Millers „Hexenjagd“ wiederaufgenommen!

www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-hexenjagd/

www.landestheater.net

„Radetzkymarsch und Die Rebellion“ ist am Landestheater Niederösterreich bis 31.12. auf dem Spielplan und gastiert am 21. und 22. 10. im Stadttheater der Bühne Baden.

Wien, 4. 10. 2014

Berliner Theatertreffen: Zement

Mai 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Vermächtnis des Dimiter Gotscheff

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau
Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Festspielintendant Thomas Oberender eröffnete  das 51. Berliner Theatertreffen mit einer Inszenierung aus dem Münchner Residenztheater: Dimiter Gotscheff hatte Heiner Müllers „Zement“ inszeniert – es war seine erste Arbeit am Haus und seine letzte bevor der Regisseur verstarb. Und wenn man eines von Beginn des dreistündigen Abend (der in München übrigens höchst kontrovers aufgenommen worden war) an sagen konnte, dann: Er fehlt. Dieser Theaterberserker, der vor Archaik und Pathos nicht zurückschreckte, der Herz und Hirn in Gleichklang bringt, der es schafft ein Publikum zu berühren und anzurempeln – der „seinen“ Heiner Müller so auf die Bühne bringt, dass man versteht, was einen der Große „von damals“ noch angeht. Und dabei die Schönheit seiner Sprache in den Mittelpunkt stellt. Gotscheff zeigt Müllers dystopisches Revolutionsstück „Zement“ aus dem Jahr 1972, geschickt verpackt zwischen Zeilen und Szenen des Autors und des Regisseurs zwiespältiges Verhältnis zum Arbeiter- und Bauernstaat. Den Sowjet im Sinn, kommt man auf die DDR hin. Müllers Dramatisierung eines Romans von Fjodor Gladkow aus dem Jahr 1925 behandelt die Geschichte der russischen Revolution. Gleb Tschumalow (Sebastian Blomberg), Schlosser und kommunistischer Bürgerkriegsheld gegen die weißen Garden, kehrt heim. Das Zementwerk ist stillgelegt, seine traumatisierte und fanatisierte Frau Dascha (Bibiana Beglau) ist erkaltet wie der heimische Herd. Seine Tochter wird im Kinderheim verhungern, sie derweil die Frauenbewegung anführen. Die Revolution frißt ihre Kinder.

Das Ganze: Eine Tragödie griechischen Ausmaßes. Gespielt in einem grauen Betonwürfel, desssen Boden/Podium sich steiler und steiler aufrichtet. Die Kostüme schmutziggrauweiß, ein Chor mit Gesichtsmasken aus Strümpfen, Mützen – die er für einen kurzen Moment, da das Werk wieder läuft, abnehmen wird. Doch dann siegt das Kollektiv über das Individuum. Und sie vermummen sich wieder zur anonymen Masse. Einmal müssen sie sogar die Schreibmaschine sein. Auch Revolution braucht Bürokratie. Sie erschlägt sich mit Papier. Valery Tscheplanowa, das tote Kind, klein und allein, erzählt, singt dazu. Vom an den Felsen geschmiedeten Prometheus, vom trojanischen Krieg, von der Kindsmörderin Medea. Von Gleb und Dascha. Er, ein russigschwarzes Gespenst, dem die Maschinen zuschreien: Mach‘, dass unser Zementwerk läuft. Sie, Frau Oberbolschewikin, hart wie Stein. Vom Feind gefoltert und missbraucht, um den Aufenthaltsort ihres Mannes preiszugeben – der jetzt nach drei Jahren Absenz Sex will. Man ist sich fremd geworden. Und wird sich auch nicht mehr finden. Mit kleinsten Gesten erzählen die Gotscheff-Vertrauten Beglau und Blomberg das. Das Ende der Zwischenmenschlichkeit, den Beginn des Sowjetmenschen. Ein neues Land steht auf in diesem Infight der Protagonisten. Man hat nicht mehr die selben Lebensziele, so endet diese Liebesgeschichte. Beide spielen sie das gestochen scharf und trotzdem mit gebrochenem Herzen. Zwei Verletzte, die sich ihre Wunden nicht zeigen wollen oder können. Beide umkreisen sich mit atemberaubender Körperspannung. Eine großartige schauspielerische Leistung. Ebenso großartig, wie Gotscheff den Chor einsetzt, der einerseits von Politfunktionär, vom Apparatschik bis zum Bürger alle nachahmt, gleichzeitig jederzeit Lynchmob ist. Hauptsache, es gibt jemanden, an den man sich klammern kann. Das Feuer der Revolution hat ihnen die Köpfe enteignet. „Keine Sklaven mehr und keine Herren“, skandieren sie. Ob sie schon wissen, dass es nicht stimmen wird?

Gotscheff schuf großes, wuchtiges Theater. Dargeboten als Weihespiel. Es geht um Politik vs Wirtschaft. Den kategorische Imperativ. Die kampfverliebte Polja (Leitsatz: „An den Gewehren war die beste Zeit!“) und der anerkennungssüchtige, weil aus bourgeoiser Familie stammender Iwagin (Lukas Turtur) – das Gegenpaar zu Gleb und Dascha – stecken sich nach ihrem Parteiausschluss ihre zu Pistolen gekrümmten Zeigefinger in den Mund und versinken im Boden. Gewalt regiert und geschrieen wird viel. Der Kommunismus ist kein Traum, sondern Arbeit. Zeit und Welt sind bei Müller/Gotscheff aus den Fugen. Das ist der Stoff aus dem politisches Theater von und für Heute ist. Ein Menschheitsalbtraumtraumadrama.

www.berlinerfestspiele.de

www.residenztheater.de

Wien, 5. 5. 2014