Landestheater NÖ: Radetzkymarsch und Die Rebellion

Oktober 4, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Philipp Hauß inszeniert in St. Pölten Joseph Roth x 2

Wojo van Brouwer, Moritz Vierboom, Pascal Groß  Bild: Alexi Pelekanos

Wojo van Brouwer, Moritz Vierboom, Pascal Groß
Bild: Alexi Pelekanos

Burgschauspieler und Regisseur Philipp Hauß, der dem Landestheater Niederösterreich schon mit „Mamma Medea“ www.mottingers-meinung.at/?s=mamma+medea einen schönen Erfolg beschert hat, versucht sich nun am Haus an einem neuen waghalsigen Projekt. Er verknüpft, nein, eigentlich er stellt nebeneinander, Joseph Roths „Radetzkymarsch“ und Roths „Die Rebellion.“ Ein Dutzend Schauspieler, darunter die Gäste Moritz Vierboom vom Burgtheater und Myriam Schröder, bekannt vom Schauspielhaus Wien, meist in mehreren Rollen, spielen Vor- und Nach-Sarajevo, das Ende der Donaumonarchie, die Entmenschlichung der Kriegswitterer und -veteranen, den zunehmenden Verlust des Glaubens an Kaiser, Gott, Gerechtigkeit. Die Gräuel, die weder die oben noch die unten verschonen.

Die oben: Joseph Roth erzählt in Radetzkymarsch die Geschichte der dem Kaiserhaus schicksalhaft verbundenen Familie Trotta. Aus einer ärmlichen Bauernfamilie im slowenischen Dorf Sipolje rückt ein Trotta in der Armee zum Rechnungs-Unteroffizier auf. Sein Sohn Joseph bringt es  zum Leutnant. In der Schlacht von Solferino rettet Leutnant Joseph Trotta unter Einsatz seines Lebens dem jungen Kaiser Franz Joseph das Leben. Als „Held von Solferino“ wird er  als „Joseph Trotta von Sipolje“ in den Adelsstand erhoben und zum Hauptmann befördert.  Nachdem der Hauptmann im Schulbuch seines Sohnes zufällig eine heroisierende Darstellung der Schlacht von Solferino entdeckt und sich darüber beim Kaiser beschwert, wird er zwar in den Freiherrenstand erhoben, verlässt aber verbittert die Armee. Seinem Sohn, Franz Freiherrn von Trotta und Sipolje, verbietet er eine Karriere beim Militär. Dieser schlägt stattdessen eine zivile Beamtenlaufbahn ein. Bei seinem Sohn, Carl Joseph Trotta von Sipolje,  ist von der knorrigen Stärke des „Helden von Solferino“ nichts übrig geblieben. Weder ein schneidiger Soldat wie der Großvater, noch ein kaisertreuer Beamter wie der Vater ist Carl Joseph ein äußerst weicher und feinfühliger Charakter. Der junge Mann will eigentlich kein Soldat sein, doch folgt er gemäß dem Ethos der Pflichterfüllung dem Auftrag seiner Familie. Als Leutnant zur Kavallerie ausgemustert, verschlägt ihn das Schicksal bald zur Infanterie an die russische Grenze, wo Carl Joseph dem Alkohol und der Spielsucht verfällt. Wie am Anfang des Aufstiegs einer Familie der Einsatz eines Menschenlebens für den Kaiser gestanden hat, steht am Ende ein Opfergang für die namenlosen Kameraden: Carl Joseph fällt im Ersten Weltkrieg bei dem Versuch, Wasser für seine Soldaten zu holen. Die Familie Trotta erlischt mit ihm.

Die unten: Andreas Pum hat im Krieg ein Bein verloren, bekam zwar eine Auszeichnung, aber nicht einmal eine Prothese. Trotzdem glaubt er, die Regierung werde ihn schon versorgen. Das erweist sich als Irrtum. Andreas muss vor der Kommission einen „Zitterer“ (furchtbare Bilder dazu kann man in der Ausstellung auf der Schallaburg sehen: www.mottingers-meinung.at/ausstellung-auf-der-schallaburg-zum-1-weltkrieg/) simulieren, um die Lizenz zum Drehorgelspiel zu ergattern. Mit seinem Leierkasten humpelt Andreas von Hinterhof zu Hinterhof. Angehörige hat der Kriegsversehrte keine. Der Winter steht bevor. Andreas träumt von breithüftigen Witwen mit vorgewölbten Busen. Genau so eine läuft ihm über den Weg: Katharina Blumich. Hals über Kopf heiratet Andreas sie, bei der ersten Bewährungsprobe wendet sich die Frau von dem neuen Ehemann, diesem Krüppel, ab und wirft sich sofort einem Mann mit gesunden Gliedern an den Hals. Andreas wandert ins Gefängnis. Das Delikt: Bewaffneter Widerstand gegen die Staatsgewalt und Amtsehrenbeleidigung. Andreas hatte einen Polizisten mit der Krücke geschlagen. Der Staatsdiener wollte eine Auseinandersetzung schlichten. Der Invalide war in der Straßenbahn als Simulant und Bolschewik verunglimpft worden. Einige Fahrgäste hatten eingestimmt: Russe, Spion, Jude ! Die Lizenz zum Leierkastenspiel wird Andreas  entzogen. Im Gefängnis verliert Andreas den Glauben. Aus dem Gefängnis kommt er mit weißem Haar. Aber einen Freund hat er noch. Der stellt ihn als Wärter in der Toilette des Cafés Halali an. Als Andreas am Arbeitsplatz stirbt, will er die Gnade Gottes nicht. Denn Die Rebellion gilt Gott. Pum will in die Hölle.

Hauß lässt die Ereignisse auf einer halsbrecherisch schrägen, „unfertigen“ als wäre sie noch Probeninstrument, Bühne (von Martin Schepers) ablaufen. Es erfolgt kein Aufbau, sondern Abbau. Habsburgland ist abgebrannt. Die Darsteller üben sich im An-einander-vorbei-Reden; direkten menschlichen Kontakt wollen sie tunlichst meiden, diese weißgeschminkten Totenmasken mit den schwarzumrandeten Augen. Leise gesprochene „innere“ Monologe wechseln mit rasenden, lautstarken emotionalen Ausbrüchen. Weil die Welt ein Kerker ist, hat hier keiner mehr alle Zellen im Hirn. Im Überlebensk(r)ampf ist jeder auf der Suche nach seiner eigenen Medizin. Hauß macht klar, dass es mehr Subversion statt Subordination braucht. Und kein Festhalten an einem Ehrenkodex aus anno Tobak. Die Geschichte der Familie Trotta lässt er anfangs im Schnelldurchlauf erzählen, bis er bei Carl Joseph angelangt ist. Wojo van Brouwer ist in einer Umgebung, die hartleibig im Privaten wie im Politischen ist, ein weiches Herz, das allzu leicht zerdrückt werden kann. Wohin sich wenden, wenn rundum nur Abgrund ist? Van Brouwer spielt höchst gelungen einen Verzweifelten – und immer auch einen Zweifler – an all den Aufgaben, die ihm Vater und Landesvater stellen, einen, der seine eigene Identität sucht und stets beim Helden-Großvater strandet. Anschaulich und facettenreich stellt Hauß die Dekadenz des Offiziersstandes dem Untergang der Donaumonarchie und des Kaiserhauses gleich. Dazu hat er sich viele klein-nette Ideen einfallen lassen. Etwa eine Barbie-und-Ken-Kutsche, gezogen von Einhörnern, mit denen Seine Majestät vorfährt. Hauß stellt der Dekadenz der Truppe aber auch die De­s­pe­ra­ti­on des beinamputierten Pum gegenüber.

Wie ein Geist aus der Zukunft taucht er immer wieder auf der Szene auf. Eine Meisterleistung von Michael Scherff (der auch Franz von Trotta ist), nicht nur physisch den halben Abend auf einem Bein zu bestreiten, während das andere mit einem Gürtel an die Rückseite des Oberschenkels geschnallt ist, sondern auch psychisch. Sein Pum ist ein In-die-Grube-Einfahrer. Lange, lange, lange lässt er sich seinen Optimismus nicht nehmen, bis er buchstäblich am Boden liegt. Nun ein Zyniker, den nicht einmal der Tod erlösen kann. Moritz Vierboom hat diesmal mit seinen Rollen auch keine Fortune. Als Regimentsarzt Max Demant, Carl Josephs einzigem Freund, ist er erst, weil Jude, der Außenseiter unter den Kameraden, fällt schließlich, sucht das Sterben, in einem unsinnigen Duell. Später, als Hauptmann Wagner, verliert er alles beim Glücksspiel (auch seinen Schnauzbart, womit Vierboom übrigens souverän umgeht und sogar mit der Situation spielt) – und erschießt sich. Vierboom, wiewohl hier keine Hauptfigur, macht es seinen Mitstreitern nicht leicht. Seine Bühnenpräsenz, sein großartiges Spiel dominiert, ohne, dass er es beabsichtigt. C ‚est la Guerre. Myriam Schröder ist die einzige, die in beiden Episoden auftritt. Als Trottas Infanterie-Flittchen Valerie von Taußig und als Pums Katharina Blumich. Schön bös‘ kann sie in beiden Rollen sein. Blitzschnell erfolgt ihr Wechsel von der Sirene zur Megäre. Den Unangenehmen entzieht sie sich durch Sexyness. An der nächsten Ecke wartet schon der nächste. Kinder, heut‘ abend, da such‘ ich mir was aus einen Mann, einen richtigen Mann! Schröder ist Schöne und Biest in einem.

Am Ende steht da eine Totentafel von der der Schlachtruf oder Verzweiflungsschrei: Das ist Österreich! erschallt. Der tote Pum sitzt auf dem Tisch, der tote Carl Joseph von Trotta geht an ihm vorüber. Und bietet ihm einen Job an: Leierkastenmann, Museumswärter, Tabakverschleißer … Philipp Hauß hat keinen Abend gestaltet, der sich einem leicht erschließt. Mitarbeiten muss man schon. Doch es lohnt sich mit Hingabe Herz und Hirn für dieses außergewöhnliche, ambitionierte Projekt zu öffnen. Ein Bravo soll allen, auch Intendantin Bettina Hering, die dieses Abenteuer zugelassen hat, gelten.

TIPP: Am 8. Oktober wird Arthur Millers „Hexenjagd“ wiederaufgenommen!

www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-hexenjagd/

www.landestheater.net

„Radetzkymarsch und Die Rebellion“ ist am Landestheater Niederösterreich bis 31.12. auf dem Spielplan und gastiert am 21. und 22. 10. im Stadttheater der Bühne Baden.

Wien, 4. 10. 2014

Berliner Theatertreffen: Zement

Mai 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Vermächtnis des Dimiter Gotscheff

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau
Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Festspielintendant Thomas Oberender eröffnete  das 51. Berliner Theatertreffen mit einer Inszenierung aus dem Münchner Residenztheater: Dimiter Gotscheff hatte Heiner Müllers „Zement“ inszeniert – es war seine erste Arbeit am Haus und seine letzte bevor der Regisseur verstarb. Und wenn man eines von Beginn des dreistündigen Abend (der in München übrigens höchst kontrovers aufgenommen worden war) an sagen konnte, dann: Er fehlt. Dieser Theaterberserker, der vor Archaik und Pathos nicht zurückschreckte, der Herz und Hirn in Gleichklang bringt, der es schafft ein Publikum zu berühren und anzurempeln – der „seinen“ Heiner Müller so auf die Bühne bringt, dass man versteht, was einen der Große „von damals“ noch angeht. Und dabei die Schönheit seiner Sprache in den Mittelpunkt stellt. Gotscheff zeigt Müllers dystopisches Revolutionsstück „Zement“ aus dem Jahr 1972, geschickt verpackt zwischen Zeilen und Szenen des Autors und des Regisseurs zwiespältiges Verhältnis zum Arbeiter- und Bauernstaat. Den Sowjet im Sinn, kommt man auf die DDR hin. Müllers Dramatisierung eines Romans von Fjodor Gladkow aus dem Jahr 1925 behandelt die Geschichte der russischen Revolution. Gleb Tschumalow (Sebastian Blomberg), Schlosser und kommunistischer Bürgerkriegsheld gegen die weißen Garden, kehrt heim. Das Zementwerk ist stillgelegt, seine traumatisierte und fanatisierte Frau Dascha (Bibiana Beglau) ist erkaltet wie der heimische Herd. Seine Tochter wird im Kinderheim verhungern, sie derweil die Frauenbewegung anführen. Die Revolution frißt ihre Kinder.

Das Ganze: Eine Tragödie griechischen Ausmaßes. Gespielt in einem grauen Betonwürfel, desssen Boden/Podium sich steiler und steiler aufrichtet. Die Kostüme schmutziggrauweiß, ein Chor mit Gesichtsmasken aus Strümpfen, Mützen – die er für einen kurzen Moment, da das Werk wieder läuft, abnehmen wird. Doch dann siegt das Kollektiv über das Individuum. Und sie vermummen sich wieder zur anonymen Masse. Einmal müssen sie sogar die Schreibmaschine sein. Auch Revolution braucht Bürokratie. Sie erschlägt sich mit Papier. Valery Tscheplanowa, das tote Kind, klein und allein, erzählt, singt dazu. Vom an den Felsen geschmiedeten Prometheus, vom trojanischen Krieg, von der Kindsmörderin Medea. Von Gleb und Dascha. Er, ein russigschwarzes Gespenst, dem die Maschinen zuschreien: Mach‘, dass unser Zementwerk läuft. Sie, Frau Oberbolschewikin, hart wie Stein. Vom Feind gefoltert und missbraucht, um den Aufenthaltsort ihres Mannes preiszugeben – der jetzt nach drei Jahren Absenz Sex will. Man ist sich fremd geworden. Und wird sich auch nicht mehr finden. Mit kleinsten Gesten erzählen die Gotscheff-Vertrauten Beglau und Blomberg das. Das Ende der Zwischenmenschlichkeit, den Beginn des Sowjetmenschen. Ein neues Land steht auf in diesem Infight der Protagonisten. Man hat nicht mehr die selben Lebensziele, so endet diese Liebesgeschichte. Beide spielen sie das gestochen scharf und trotzdem mit gebrochenem Herzen. Zwei Verletzte, die sich ihre Wunden nicht zeigen wollen oder können. Beide umkreisen sich mit atemberaubender Körperspannung. Eine großartige schauspielerische Leistung. Ebenso großartig, wie Gotscheff den Chor einsetzt, der einerseits von Politfunktionär, vom Apparatschik bis zum Bürger alle nachahmt, gleichzeitig jederzeit Lynchmob ist. Hauptsache, es gibt jemanden, an den man sich klammern kann. Das Feuer der Revolution hat ihnen die Köpfe enteignet. „Keine Sklaven mehr und keine Herren“, skandieren sie. Ob sie schon wissen, dass es nicht stimmen wird?

Gotscheff schuf großes, wuchtiges Theater. Dargeboten als Weihespiel. Es geht um Politik vs Wirtschaft. Den kategorische Imperativ. Die kampfverliebte Polja (Leitsatz: „An den Gewehren war die beste Zeit!“) und der anerkennungssüchtige, weil aus bourgeoiser Familie stammender Iwagin (Lukas Turtur) – das Gegenpaar zu Gleb und Dascha – stecken sich nach ihrem Parteiausschluss ihre zu Pistolen gekrümmten Zeigefinger in den Mund und versinken im Boden. Gewalt regiert und geschrieen wird viel. Der Kommunismus ist kein Traum, sondern Arbeit. Zeit und Welt sind bei Müller/Gotscheff aus den Fugen. Das ist der Stoff aus dem politisches Theater von und für Heute ist. Ein Menschheitsalbtraumtraumadrama.

www.berlinerfestspiele.de

www.residenztheater.de

Wien, 5. 5. 2014