Albertina und Albertina modern: Die Ausstellungen 2021

Januar 26, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Erstmals eine große Modigliani-Schau in Österreich / starke Frauen auf und  hinter Leinwand und Fotolinse

Xenia Hausner: Das blinde Geschehen, 2010. © Bildrecht, Wien, 2020

Das Ausstellungsjahr 2021 von Albertina und Albertina modern stellt Frauen mit zwei Personalen in den Vordergrund, bringt Modigliani erstmals nach Österreich, fasst ein halbes Jahrtausend Landschafts- und Stadtmalerei zusammen und zelebriert mit „The 80s. Anything Goes“ den wichtigsten Umbruch der Kunst in den vergangenen  50 Jahren. Die Albertina hat die Möglichkeit, dem Publikum aus ihren eigenen Beständen wunderbare Kunst zu zeigen“, so Direktor Klaus Albrecht Schröder.

„Ich möchte unseren Museumsbetrieb damit ein Stück unabhängig von den derzeitigen wechselnden Krisenszenarien machen. Die jahrelange Arbeit macht sich hier bezahlt, denn das Haus kann auch dann mit Kunst begeistern, wenn es unvorhergesehene Reiserestriktionen, Grenzschließungen und logistische Herausforderungen gibt.

Die erste Personale ist ab 30. April Xenia Hausner gewidmet. „Xenia Hausner ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen des Landes. Nun, zu ihrem 70. Geburtstag zeigen wir eine eindrucksvolle, starke Personale dieser wunderbaren Malerin“, so Klaus Albrecht Schröder. In „True Lies“, kuratiert von Elsy Lahner, legt die Albertina den Schwerpunkt der Schau auf den Aspekt der Inszenierung, der die Werke von Xenia Hausner schon seit ihrer Zeit als Bühnenbildnerin auszeichnet. Die Ausstellung ist retrospektiv angelegt, beginnend mit den ersten frühen Arbeiten aus den 1990er-Jahren bis zu Hausners jüngster, bewegender „Exiles“-Serie, die von einer beklemmenden Aktualität ist.

Michela Ghisetti: Afua/Der Weg (Triptychon/Zweiter Teil), 2012. Albertina, Wien © Michela Ghisetti

Amedeo Modigliani: Liegender Frauenakt auf weißem Kissen, ca. 1917. Staatsgalerie Stuttgart. © bpk, Staatsgalerie Stuttgart

Ab 14. Oktober zeigt die Albertina als erstes Museum in Österreich Michela Ghisetti in einer umfassenden Mid-Career-Retrospektive, die von Antonia Hoerschelmann kuratiert wurde. Das Werk der 1966 im italienischen Bergamo geborenen und seit 1992 in Wien lebenden Künstlerin bewegt sich zwischen den Polen von Abstraktion und Hyperrealismus. Biografisch-emotionale verschwimmen mit philosophisch-kunsttheoretischen Elementen und einer Strenge, die in Humor übergeht.

Anlässlich seines 100. Todestages würdigt die Albertina ab 17. September den italienischen Maler und Bildhauer Amedeo Modigliani mit einer großen Retrospektive, die in mehrfacher Weise eine Premiere darstellt. Die von Marc Restellini zusammengestellte Ausstellung bringt Modigliani zum ersten Mal nach Österreich. Gezeigt werden seine berühmten Akte und außergewöhnlichen Porträts sowie einige seiner wenigen erhaltenen Skulpturen. Weiters zeigt Kurator Restellini, der auch Autor des Oeuvre-Katalogs Modiglianis und jahrzehntelanger Modigliani-Forscher ist, den großen Künstler erstmals als einen der führenden Avantgardisten, der die Revolution des Primitivismus bis weit ins 20. Jahrhundert hinein trug: als Gegenspieler von Picasso.

Überfluss an Stilen und Storys: David Salle: Room with blue statue, 1986. Alberina, Wien – The Essl Collection

In der Albertina modern führt ab 10.Oktober die große Herbstausstellung The 80s. Anything Goes vor Augen, wie Kunstschaffende in den 1980er-Jahren die Kunst neu definieren. Die 1980er sind eine Zeit visuellen Überflusses, individueller Stile und unendlicher Geschichten. Es ist eine Kunst, die überwältigen will. Der Verlust der Unmittelbarkeit durch eine sich zunehmend virtualisierende Welt, spiegelt sich in der Kunst von Sherrie Levine oder Cindy Sherman deutlich wider. Die zentralen Namen des Jahrzehnts – Jeff Koons, Jean-Michel Basquiat, Keith Haring und Julian Schnabel – finden sich neben noch zu entdeckenden wie Jack Goldstein, Isolde Joham und Julia Wachtel.

Die Fotoausstellungen

Zu sehen sind auch drei Fotoausstellungen. Den Beginn macht ab 12. Februar Faces in der Albertina: Aufgezeigt wird hier der richtungsweisende Wandel, den die Porträtfotografie im Deutschland der Zwischenkriegszeit erfuhr. In den 1920er- und 30er-Jahren wird das Verständnis des klassischen Porträts erneuert: Aufnahmen dienen nicht mehr der Darstellung der Persönlichkeit eines Menschen, sondern fassen das Gesicht als inszenierbares Material auf, als Spiegel des Standes und der politischen Haltung … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=43548

Intime Aufnahmen von Ehefrau Yoko: Nobuyoshi Araki: Sentimental Journey, 1971. © Nobuyoshi Araki

Faces: Max Burchartz: Lotte (Auge), 1928. Museum Folkwang, Essen © Bildrecht, Wien 2020

Araki, zu sehen ab 28. Mai in der Albertina modern widmet sich einem der beeindruckendsten zeitgenössischen Fotografen Japans, Nobuyoshi Araki. Chefkurator Walter Moser stellt Arakis grandiose und einflussreiche Serie „Sentimental Journey“, entstanden von 1971 bis 2017bins Zentrum der Ausstellung: In dem langjährigen Projekt erhebt er mittels schnappschussartiger und unverblümter Fotos seiner Frau Yoko das eigene Leben zum Thema. Vergleichbar mit einem Tagebuch zeigen die intimen Bilder die Flitterwochen, das Zusammenleben des Paares und den frühen Tod Yokos. Sämtliche Werke stammen aus der Stiftung Jablonka, die der Sammler vergangenes Jahr der Albertina übergeben hat.

Joel Sternfeld: Staatlicher Campingplatz im Red Rock Park, Gallup, New Mexico, September, 1982. Alberina, Wien – Dauerleihgabe Öster. Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Courtesy of the artist and Buchmann Galerie, Berlin 2019

Ab 16. Juni lädt American Photography zu einem kritischen Blick auf den „American Dream“ ein. Eindrückliche Porträts halten der Gesellschaft auf humorvolle wie kritische Weise einen Spiegel vor. Raffinierte Farbaufnahmen der Konsumkultur wechseln sich mit dynamisch aus der Hüfte geschossenen Street-Fotos der Metropolen ab. Diese Ausstellung ist mit mehr als 200 der bedeutendsten amerikanischen Fotografinnen und Fotografen von Lisette Model, William Eggleston über Diane Arbus bis zu Lewis

Baltz und Gregory Crewdson die größte Fotoausstellung in der Geschichte der Albertina. Die wichtigen Bestände amerikanischer Fotografie des Hauses werden um zentrale Hauptwerke aus einer der bedeutendsten Privatsammlungen der Welt ergänzt, jener von Trevor Traina, der auch als Botschafter in Wien gewirkt hat.

Das diesjährige Albertina-Programm bietet also trotz der Umstände spannende Highlights. Der künftige Qualitätserhalt heimischer Kultur sei aber auch von mehr Planungssicherheit abhängig, so Schröder: „Was wir brauchen, ist mehr Klarheit und Antworten auf mögliche Szenarien. Im Wochenrhythmus wechselnde Strategien der Gesundheitsbehörden verunsichern unser Publikum. Mir ist es wichtig, dass die Menschen keine Angst davor haben müssen, Kultureinrichtungen zu besuchen. Ich befürchte, die Strategie eines ‚Freitestens‘ für den Kulturbetrieb wird viele Menschen davon abhalten, Kulturveranstaltungen zu besuchen. Ich bin froh, dass das Tragen einer FFP2-Maske für die Museen als sicher erachtet wurde. Letztlich wäre dies mit limitierten Besucherkontingenten aber auch eine Lösung für andere Kulturbereiche“, so Schröder.

Video: www.youtube.com/watch?v=IM0OGOxpyVQ          www.albertina.at

26. 1. 2021

Wiener Festwochen: Die Orestie

Mai 31, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Demokratie für die Laborratten

Klytaimestra (Marie Löcker) und Volk. Bild: Armin Smailovic

Sollte einem die Schädeldecke nach hinten rutschen, so der Tipp von Dramaturg Matthias Günther am Ende seiner gutgelaunten Werkeinführung: „Schieben Sie sie einfach wieder nach vorne!“ Äh, ja. Ersan Mondtag Shootingstar hat zweifellos viel und farbenprächtige Fantasie, seine Fassung von Aischylos‘ „Orestie“ oszilliert zwischen Pathos und Klamauk – ein spannender Mix, für den man alles, nur nicht spaßbefreit sein darf.

Die Ansage, den Anspruch, sich wieder auf die Archaik des antiken Theaters zu besinnen, erfüllt der Abend, der vom Thalia ans Theater an der Wien übersiedelt ist, allerdings in vielerlei Hinsicht nicht. Das beginnt mit der Sprache, die so typisch deutsches Stadttheater ist. Mit einem Hauch Schnoddrigkeit und Mut zur Schreierei bis zur Outrage. Wenn Sebastian Zimmler als Orest sich in der Plattenbausiedlung – Mondtag, der seine Inszenierungen gern auch biografisch verankert, denkt hier wohl an den Berliner Kiez seiner Kindheit – die rachsüchtige Seele aus dem Leib brüllt, wartet man unwillkürlich darauf, dass von einem der Balkone ein „Ruhe!“ in den Innenhof erschallt. Im Wiener Gemeindebau wär’s mit Garantie so. Bevor die Stiege vier endlich ins Spiel kommt, passiert aber eine Menge.

Mondtag hat sich das Haus des Atreus‘ als Laborrattenstaat erdacht (honi soit …, wem hier der Neuenfels‘sche Skandal-Lohengrin einfällt). Das macht insofern Un/sinn, als die alten Griechen schon zu satyrnartigen Bocksmasken und großen Schwänzen griffen. Vor der Kulisse einer Glyptothek stehen die Darsteller in Stasis auf einer kleinen, roten Drehbühne. Ihr Singsang als Bürgerchor, unterstützt von einem Altonaer Gesangschor, der die Musik von Jazzer Max Andrzejewski interpretiert, erzählt die Geschichte von Flaute für die Flotte, Opferung Iphigenies, bis Heimkehr Agamemnon und Totschlag. Das ist, dank des hohen Tons von Walter Jens‘ Übersetzung, tatsächlich gewaltig. Marie Löcker tritt mit brüchiger Erotik als Klytaimestra aus der Masse hervor, André Szymanski als totengleich wandelnder Agamemnon, Paul Schröder als Aigisth.

Kassandra irritiert als Wickelkind im Weidenkorb. Bild: Armin Smailovic

Warum Kassandra ein Wickelkind im Weidenkörbchen sein muss, erschließt sich wiederum nicht. Das Babygebrabbel wird als die Fremdsprache der Seherin gedeutet, von der keiner versteht, was sie sagen will. Die ästhetische Setzung ist jedenfalls stark, Form bestimmt den Inhalt. Und erst auf den zweiten Blick sind die kleinen Irritationen zu entdecken: ein Shirt auf dem „Geil“ steht, eine Tasche mit der Aufschrift „Club Azur“.

Das weist schon hin auf das Folgende, wenn sich die Kulisse dreht, und die Aufführung zwischen Blumenbalkon und Sat-Schüssel angelangt ist. Als ob hinter jeder marmornen Fassade die Kleinbürgerlichkeit hauste. Und Klytaimestra und Aigisth winken gar königlich aus dem Spießbürgeridyll ins Volk hinunter. Da wird nun vieles lächerlich bis zum Lachen. Eine Urne wird aufs Chaos von Thomas Niehaus geworfen, die Sätze sind jetzt von Mondtag und modern. Als hätte manch einer ein „Also, wissen Sie, nee …“ auf den Lippen.

Nach der Pause eine eindrückliche, schwarze Albtraumszene, die sich von Atreus und Thyestes zu Aigisth, der längst als Witzfigur zur Abschlachtung freigegeben ist, und Orest entwickelt. Das ist von großer Intensität, wenn Agamemnon, als Toter auf seinem Grab sitzend, dem Sohn den Doppelmord befiehlt. Kein Wunder hier, dass Zimmler Hamlet und Jesus zitiert, er wird schließlich vor dem roten Vorhang zum durch die Erinyen Verpesteten, will eine Beichte ablegen, wird aber durch höhere Macht – Apollon – zum Demagogen, der aufhetzt, statt zu gestehen. Das ist schon sehr geschickt gelöst, samt Björn Meyer als Elektra.

Am Ende finden sich alle im Tiefgaragen-Tempel von Athene – Cathérine Seifert, die für die Übersiedlung die vom deutschen Feuilleton bemängelte Merkel-Raute und SMS-Sucht offenbar abgelegt hat – wieder und die Plädoyers beginnen. Der Hohe Rat wird eingesetzt, und sofort setzt Zank und Hader wieder ein. Unter Ratten ist eben keine Demokratie möglich, diese zarte Pflanze, die derzeit gerade vielerorts zertreten wird. Sagt Ersan Mondtag und verdreht Aischylos‘ Happy End in ein hämisches Moment. Zum Schluss gab’s Riesenjubel und Applaus für einen Abend, der die Balance zwischen Erhabenen und Groteskem sucht, und doch zu sehr in Zweiteres entgleitet. Die alte Kreativenregel „Kill your darlings!“ lass‘ die Einfälle weg, auf die du am stolzesten bist und die du am schönsten findest – hätte dieser Inszenierung gutgetan.

www.festwochen.at

  1. 5. 2018

Schauspielhaus Wien: Der grüne Kakadu

Januar 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In Wahrheit war’s nur Plain Vanilla

Sänger Nicolas Fehr, Sophia Löffler, Vera von Gunten als Herzog, Vassilissa Reznikoff und Steffen Link Bild: © Lupi Spuma

Sänger Nicolas Fehr, Sophia Löffler, Vera von Gunten als Herzog, Vassilissa Reznikoff und Steffen Link
Bild: © Lupi Spuma

Wie da der ganze Raum mit weißer Plastikfolie ausgeschlagen war, hat man mehr erwartet. Mehr „Blut, Schweiß und Sperma“. Mehr Exzess und Ekstase. Mehr Sauerei, mehr Konsequenz. So blieb es die Behauptung von. So war es nicht mehr als Plain Vanilla. Wie ein Musikvideo der übertrainierten Dragmutti Madonna, die ja auch gern mit Huch! und Hach! erregen möchte, was längst kein Schwein mehr aufsext. Für den Weißweinshower spendenden Zapfhahnbusen der Wirtin Prospère würde die Queen of Pop mutmaßlich aber töten. Und das war’s denn auch schon: eine spitze Szene-Veranstaltung, was haben wir gelacht!, nur von Schauspiel keine Spur.

Am Schauspielhaus Wien inszenierte Lucia Bihler „Der grüne Kakadu“. Das ist dem Titel nach jener Einakter, den Schnitzler in einem späten Tagebucheintrag als eines seiner maßgeblichsten Werke bezeichnete, bedauernd, dass die Groteske zu seinen Lebzeiten so selten gespielt, weil die Zensur ob des Inhalts hellhörig wurde. Im sagenumwobenen Nachtclub Prospères gibt eine Theatertruppe nämlich allabendlich gruselige Geschichten von Gaunern und Ganoven zum besten, auf dass dem finanzpotenten Adel der wohlige Schauer in die Glieder fahre. Besonders beliebt: Die „Ermordung“ des Herzogs durch Darsteller Henri, der den hohen Herrn bezichtigt, der Liebhaber seiner Frau zu sein. Was tatsächlich stimmt. Es ist der 14. Juli 1789 in Paris. Auf den Straßen formiert sich der Menschenzug Richtung Bastille, und im Sog der Ereignisse wird aus dem Lust-Spiel tödlicher Ernst. Kein Wunder, dass die Philister fürchteten, da könnte was aufs Fin de Siècle überschwappen.

Weil Uraufführung sein muss, hat Bernhard Studlar Schnitzler überschrieben. Oder sich dazu geschrieben. Das mag ein spannender neuer Text sein, der allerdings im allgemeinen Bühnengedöns kaum über die Rampe kam. Bihler, gepriesen als Bildgewaltige, setzt auf Voyeurismus, also Schau als Mehrwert; im Programmheft kann man sie aber nachlesen, Studlars Sätze über morsche Zukunftsgefühle, Blutgerüste als unmögliche Fundamente einer neuen Gesellschaft, über tobende Massen: „Wer einmal Wut geleckt hat, ist schwer zu bremsen“. Kara Schröder verschafft ihnen als Wirtin mitten in ihrem 24/7-Einsatz immerhin Gehör. Ansonsten kam nichts weltbewegendes über eine Welt, in der nicht nur immer noch wohlhabende Eliten die Weichen stellen, sondern in der die soziale Ungleichheit schockierend schnell wächst. Im Jahr 2016 wird das reichste Prozent der Erdbevölkerung so viel besitzen wie deren großer Rest. Im Schauspielhaus Wien aber, wo man drängende Fragen zu den und Analysen der gegenwärtigen Krisen sogar als Theatermanifest formuliert hat, lautet der Revolutionsruf nicht Brot -, sondern fröhlich „Darkroom für alle!“

Da tummeln sie sich also in Ganzkörperstrumpfmasken, in Latex-Korsett und Bikerleder, auf dem Kopf den Penis-Fascinator, dessen Dreifaltigkeit sich übers Gesicht entleert, die Ehefrau im Transparent-Trolley. Alles sehr Burlesque mit einem Hauch Frontaltheater, weil ins Publikum Schreien ist jedenfalls immer ein Statement.Welcome to the Freakshow! Das ist schon konsequent von 1898 bis hierher weitergedacht. Wien als Urknall im BDSM-Universum. Expertentum von Sacher-Masoch bis Sigmund Freud. Und mittendrin der Süße-Mädl-Schänder. Der großartige Nicolas Fehr feiert als Sänger die Exzellenz der Dekadenz, ein delikates androgynes Geschöpf, eine gefährlich sanfte Stimme, ein geheimnisvoller schwarzer Vogel auf der Loveswing – der Orgasmus des Abends.

Der Kakadu ist laut Gekrächze aber der Herzog und gleichzeitig die Marquise Severine, Gender-Bender Vera von Gunten, umgeben von ihren devianten Adelsarschkriechern – Simon Bauer und Jesse Inman. „Wenn ich König wär‘, läg‘ Versailles am Mittelmeer, käm‘ aus dem Brunnen Champag-ner …“, kalauert er/sie, während die illustre Gesellschaft einem folgenschweren historischen Irrtum aufsitzt: „So lange das Gesindel zu Späßen aufgelegt ist, kommt’s doch nicht zu was Ernstem.“ Kommt aber. In Gestalt von Steffen Links Henri. Am Schluss mit Lustig das dicke Ende. Und während Prospère am Top Drop leidet, bereiten die Kunstgewerblerinnen des „Kakadu“, Sophia Löffler und Vassilissa Reznikoff, den TPE vor. Und es ist sträflicher Leichtsinn dieser Inszenierung, dies so unterspielt zu haben. Schnitzlers Kerngedanke, gleichsam in die Tonne getreten: Dass im Spiel des Lebens real und surreal schwer zu scheiden sind, dass im Spiel Wahrheit zwar Pflicht, das Leben aber dennoch immer ein Tunnel game ist. Dass die Veränderung kommen muss, und sei’s nur um ihre nächsten Kinder zu fressen.

So war die Session ein abgefahrener Comic. Ein Gag, wenn Inman angstschlotternd und augenrollend ob der ihn umgebenden Extravaganza den Panikhaken sucht. Aber das dringlichste Gefühl beim Verlassen des Theaters hätte nicht die Sehn-Suche nach einem ebenso geilen Club wie eben sein dürfen, sondern! Eben!

Vive la révolution!

www.schauspielhaus.at

Wien, 15. 1. 2016

Die Albertina bestückt ab Herbst 2018 das Künstlerhaus

November 17, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ausstellungen im Auftrag der Haselsteiner Privatstiftung

Klaus Albrecht Schröder Bild: © Albertina, Wien

Klaus Albrecht Schröder
Bild: © Albertina, Wien

„Ich freue mich über das klare Votum der Künstlerhausvereinigung bei der gestrigen außerordentlichen Hauptversammlung“, sagt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder. Die vergangene Woche angesprochene „Jahrhundertchance“ ist nun fixiert: Die Albertina wird nach der mit 30 Millionen Euro veranschlagten Sanierung des Künstlerhauses durch die Haselsteiner Familienprivatstiftung ab Herbst 2018 das Erdgeschoß des Hauses am Karlsplatz bespielen, also jenen Teil, den die Stiftung innerhalb der gemeinsam gehaltenen Besitzgesellschaft hält.

Die restlichen Flächen im Obergeschoß werden weiterhin von der Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs genützt. Sowohl das Stadtkino im Künstlerhaus als auch brut Wien bleiben bestehen. Die Albertina wird mit dem Künstlerhaus erstmals die Gelegenheit haben, große Teile ihrer Sammlungen österreichischer Kunst gemeinsam mit anderen österreichischen Kollektionen zugänglich zu machen. Der Name Künstlerhaus bleibt dabei erhalten.

Erst am 14. November hatte Künstlerhaus-Präsident Michael Pilz mit Vehemenz „alle Anwürfe und Einmischungen von falsch informierten Außenstehenden, die die Kooperation mit der Haselsteiner Familienprivatstiftung als ,feindliche Übernahme‘ darstellen wollen“ zurückgewiesen: „In Wirklichkeit ist es in einem großartigen Verhandlungserfolg gelungen, nicht nur das Künstlerhaus für die Künstlerinnen  und Künstler zu erhalten, sondern darüber hinaus die GBKKÖ erstmals seit Jahrzehnten des zähen Überlebenskampfes in die Lage zu versetzen, für die Kunst und die Künstler im eigenen Haus und weit darüber hinaus aktiv zu werden, wie es ihrer Bestimmung entspricht.“

Nach Schröders Plänen soll das Künstlerhaus nun wieder zu einem Brennpunkt des Ausstellungsgeschehens in Wien werden; er denkt an eine „Nutzung als prominentester Schauplatz für die österreichische Kunst des 20. Jahrhunderts, präzise: jener der Ersten und Zweiten Republik“. Viele Strömungen seien von den nachkommenden verdrängt worden, ihnen will man mehr Aufmerksamkeit schenken. Konkret schwebt Schröder vor, in die Kunst nach 1945 „klare Referenzpunkte der österreichischen Kunst der Zwischenkriegszeit einzubauen“, auch in Hinblick auf das 100-Jahr-Jubiläum der Republiksgründung 2018. Gezeigt werden sollen neben Werken aus der Sammlung Essl, an der Haselsteiners Stiftung mit 60 Prozent beteiligt ist, auch Werke „aus vielen anderen Sammlungen“, so Hans Peter Haselsteiner zur APA. Konkrete Sammler-Namen wollte er vorerst nicht nennen. Einen eigenen Direktor zu ernennen, hält er für „nicht sonderlich sinnvoll“, die Albertina sei schließlich sein „Wunschpartner“ gewesen.

Schröder: „Wien wird mit der gestrigen Entscheidung in drei Jahren ein neues Museum und damit ein führendes Haus für die Präsentation österreichischer Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts erhalten.“ Die Kuratoren für die drei bis fünf geplanten Ausstellungen pro Jahr werden aus der Albertina sein. Die Besucher seines Hauses, das im Herbst 2018 eine große Monet-Schau programmiert hat, könnten mit dem selben Ticket dann auch ins Künstlerhaus gehen. Wenn das nur ein Prozentsatz wahrnehme, würde das Künstlerhaus zum dritt- oder viertbest besuchten Museum werden, hofft der Albertina-Chef.

www.k-haus.at

www.albertina.at

Wien, 17. 11. 2015

Schauspielhaus Wien: „Queen Recluse“

November 15, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück Emily Dickinson

Barbara Horvath, Gideon Maoz, Steffen Höld Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Barbara Horvath, Gideon Maoz, Steffen Höld
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Wie enttäuschend. Etwa eine Stunde nur hat er gedauert, dann war er schon wieder vorbei. Dieser Theaterabend, der – oh, seltsam seltene Ausnahme – gerne doppelt so lange hätte dauern dürfen, müssen, sollen. (Obwohl im „Nachbarhaus“ des Schauspielhauses Wien ob der Sitze eher früher als später die Region Sitzfleisch, Steißbein, Ischiasnerv „La Paloma“ singt.) Wie beglückend. Dieser Theaterabend, an dem einfach alles stimmt. Der großartige Text, die formidable Inszenierung mit wohl überlegtem „Bühnenbild“, die fabelhaften Darsteller. Autor und Ensemblemitglied Thiemo Strutzenberger brachte sein Stück „Queen Recluse“ zur Uraufführung. Ein Stück Emily Dickinson, ein Versuch, das Wesen der US-Lyrikerin, nein, nicht zu fassen, sondern in ihrem Vorbeigleiten abzubilden. Wie Wildtiere, die Forscher mit verlockendem Futter in eine Fotofalle locken. Klick, ein Bild des kostbaren Geschöpfs. Dickinson (1830-1886 in Amherst, Massachusetts, lebend und sterbend), Politikerkind und -enkelin, war eine Ein-Frau-Demonstration gegen den Puritanismus der Gründerstaaten, eine der ersten Frauenrechtlerinnen, Nonkonformistin, ein hochpolitischer Kopf. Nur marschierte sie nicht Tafeln oder Fahnen schwenkend durch die Straßen, sie agierte von ihrem Haus aus. Emily alone. Seit 1850 hegte sie eine Vorliebe für weiße Kleidung und zog sich immer mehr in die Einsamkeit zurück. Sie empfing nur wenige Besucher und machte selbst selten Besuche. Sie galt als menschenscheu und verbrachte die meiste Zeit in ihrem Zimmer. My home is my castle. Von dem aus sie an die 1800 Gedichte (posthum veröffentlicht) und unzählbare Briefe in die Öffentlichkeit entsendete. Ihre Stellungnahme zum Bürgerkrieg: Interessiert mich nicht. Punkt. Absatz. Wir befreien versklavte Schwarze aus dem Süden, damit sie in der Nordstaatenarmee als Kanonenfutter dienen … Eine Geisteskrankheit, schöner: eine Erkrankung des Gemüts, wurde der Dickinson auf den Leib geschrieben. Dabei: Was wäre das Gegenmodell zu ihrem Lebensentwurf gewesen? Heirat, lukrativ, in besten Kreisen, am besten mit einem Parteifreund des Vaters, alle Jahr‘ ein Kind, Haushaltsführung, Deckchen häkeln, Kekse backen. Frauen wurde von ihren Ehemännern ohnedies an der Teilnahme an der „korrupten, schrecklichen Welt“ ferngehalten. Dann lieber gleich konsequent „Queen Recluse“. „Die Sprache kennt kein wilderes Wort als Nein“, sagt Dickinson. Und: „Das Ufer ist sicher, nur trotze ich so gern der See.“

Strutzenbergers Text ist ein Versuch über das sehr öffentliche Verschwinden, die Verweigerungstaktiken und Rückzugsgefechte der Dichterin. Er verbindet Originalzitate mit dutzendweise vorhandener Erklärsekundärliteratur mit eigenen Überlegungen. Er paraphrasiert und variiert die Theorien über Emily Dickinson. Das Stück ist eine Farce, ein Reinheitsdiskurs, eine bizarre Komödie um Verwechslungen und Missverständnisse, ein Rollen- , ein Vexier-, ein Verwirrspiel um ständig wechselnde Identitäten (- denn Emily Dickinson ließ, wenn sie der anderen müde war, was immer war, ihre Schwester Lavinia oder ihre Schwägerin Susan als sie auftreten). Strutzenberger, der Sprachspieler. Inklusive Versprechern zwischen den Karln May und Marx. Martin Schmiederer hat den Text in Szene gesetzt, auf einem von duftig transparenten Vorhängen umrahmten Podium (Bühne und Kostüme: Christian Tabakoff), um die ein Hauch von Emily schwebt. Mit heiligem Ernst werden die Stoffbahnen von den Schauspielern immer wieder neu arrangiert. Hinter ihnen kann „Emily“ Barbara Horvath Gespräche „mit ihr“ und über sie belauschen. Sie spielt die Dickinson spröde, unversöhnlich, majestätisch, versponnen wäre das falsche Wort: in sich gekehrt in sich das Antibanale suchend. Ihr Denken tickt so laut, im „Flatterstil“ von Dickinsons Briefen, dass es die Außenwelt gut übertönen kann. Es herrscht Geschlechtergleichheit. Gideon Maoz gibt die Geschwister, sowohl Rechtsanwaltsbruder Austin als auch Stellvertreterinschwester Lavinia. Jeder „tritt“ hier auf. Nur nicht als er selbst. Maoz verkörpert als Austin den Herrn seiner Zeit, ganz Mann, ganz Herrscher im Haus, frühstückt er die geliebte, leider über Gott an sich und die Welt im Besonderen philosophierende Gattin ab. Mann hat noch zu arbeiten … Strutzenberger streift mit „Susan“ Myriam Schröder auch Dickinsons mutmaßlichen Gefühle zu ihr. Schröder und Horvath klären auf über die Erotik eines Bleistifts, den die Dichterin stets im Munde führt. Steffen Höld spielt Literaturkritiker T. W. Higginson, ein Frauenrechtler, der Dickinson zeitlebens von einer Veröffentlichung ihrer Gedichte abrät, um die Aufgabe nach ihrem Tod zu übernehmen. Er ist auch Erzähler ihres Lebens, Erklärer ihrer Kunst, wird angeschossen, an der Nase herumgeführt, hat fast was mit Susan, diskutiert mit Lavinia – und ist von seinem Irrtum nicht abzubringen: „Warum nennen Sie die Frau XXX, das ist doch Emily.“ Tatsächlich sagte er: „Ich habe Emily Dickinson drei Mal getroffen. Glaube ich zumindest.“ Höld ist bezaubernd als waidwunder Bewunderer, der mit steifer Hüfte kniefällig um Erhörung fleht … „A Letter always feels to me like immortality because it is the mind alone without corporeal friend.“ Emily Dickinson in einem Brief an T. W. Higginson, Juni 1869

Strutzenbergers Stück gewährt nicht mehr und nicht weniger als einen Blick unter den Glassturz, in dem Emily Dickinson war. Wertvolles darf man weder Licht noch Luft aussetzen. Nur schnell schauen und gut ist’s. Und sehr poetisch. „Wenn mir buchstäblich ist, als würde mir die Schädeldecke entfernt, weiß ich: Das ist Poesie. Nur so erkenne ich sie. Es gibt keine andere Möglichkeit.“ Sagt Emily Dickinson. Ohne „Queen Recluse“ gekannt zu haben.

www.schauspielhaus.at

www.mottingers-meinung.at/thiemo-strutzenberger-im-gespraech

www.emilydickinsonmuseum.org

Wien, 15. 11. 2013