sirene Operntheater online: Die Verwechslung

Januar 5, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pauken und Trompeten über die Berliner Mauer

Kaffee-und-Kuchen-Tristesse bei Dauters: Johannes Czernin als Gustav, Ingrid Haselberger als Oma, Günther Strahlegger als Vater, Katrin Targo als Tante Ilse. Bild: © Kristine Tornquist

Mit keiner geringeren Idee als „Die Verbesserung der Welt“ waren Kristine Tornquist und Jury Everhartz im Herbst angetreten, um das interessierte Publikum mit ihrem Neuen Musiktheater zu erfreuen. Da jedoch das siebenteilige Kammeropern- festival entlang der christlichen Werke der Barmherzigkeit #Corona-bedingt nicht auf der Bühne beendet werden konnte, hat sich das sirene Operntheater entschlossen,

dessen letzten Teil zu verfilmen und ab sofort als kostenlosen Stream anzubieten. Nach unter anderem Zusammenarbeiten von Antonio Fian und Matthias Kranebitters „Black Page“, Thomas Arzt und Dieter Kaufmann oder Martin Horváth und PHACE, widmen sich Autorin Helga Utz und Komponist Thomas Cornelius Desi nun Kirchenvater Lactanius‘ Punkt sieben nach der Endzeitrede Jesu, Gefangene vom Feind loskaufen. „Die zunehmende verbale und ethische Verwahrlosung des Diskurses, die Verhärtung gegen jene, denen es schlechter geht, und das Gefühl, mit Europa und der Welt gehe es unaufhörlich bergab, hat uns dazu inspiriert, ja fast gedrängt, dem etwas Positives entgegenzusetzen“, so Everhartz und Tornquist.

Die auch die Verfilmung der Wien-Modern-Kooperation übernommen hat. „Die Verwechslung“ heißt das Werk, das die Zuschauerin, den Zuschauer in die DDR des Jahres 1981 versetzt, 1981 das Datum, zu dem der 24-jährige Bürgerrechtler Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera unter bis heute ungeklärten Umständen stirbt, und zu dem an Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen Vorbereitung seiner Flucht in den Westen das letzte Todesurteil der DDR-Justiz vollstreckt wird.

„please release me ostseefisch“: Johannes Czernin als Gustav. Bild: © Kristine Tornquist

Gustav hat sich die Freiheit auf die Fahnen geheftet: Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Das Geheimnis um Hedwig hat Vater alles gekostet: Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Das belauschte Gebet: Günther Strahlegger und Katrin Targo. Bild: © Kristine Tornquist

All das mag Helga Utz beim Schreiben im Hinterkopf gehabt haben. Kristine Tornquist zeigt in Raum und Requisiten von Markus und Michael Liszt, Kostüm und Maske: Katharina Kappert und Isabella Gajcic, die Kaffee-und-Kuchen-Tristesse der Familie Dauter. Dauter, das klingt nach doubter, und solche hat’s hier zwei: den Vater und seinen Sohn Gustav, Günther Strahlegger und Johannes Czernin. Ingrid Haselberger ist dessen verwirrt-verängstigte Oma und Katrin Targo die kadertreue Tante Ilse.

Schon heben sie an, die Streitgesänge um Staats(zuge)hörigkeit, Revolutionär Gustavs Haare nach der jüngsten „Außenseiter“-Mode so Puhdys-lang, dass er die Parteiparolen nicht hören kann, bis der Vater ein (Ohn-)machtwort spricht. Hedwig, wird man später erfahren, ist das Geheimnis, das Vater alles gekostet hat, die Ehefrau, die „rübermachte“. Die Streicher des œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik unter der Leitung von François-Pierre Descamps unterstreichen das düstere Szenario, und werden auch Omas Konfusion wie ein Bienenschwarm umschwirren.

Chaos, Kakophonie, das Libretto ein Familienzwist in gesungen-gestammelten, sich wiederholenden Halbsätzen, wortdeutlich!, denn der vorgeführte SED-Stimmraub ist ein stimmgewaltiger – und ein „please release me ostseefisch“ aus Gustavs Kassettenrekorder im Kinderzimmer. Wo er sich eine „Freiheit“ auf die Fahnen heftet, für die er verhaftet und unter Schreibmaschintippen und Handschellenklirren verhört wird. Gefängnis, Folter, drei Tage nackt im winterkalten Haftanstaltshof, das hat das Regime perfekt von der Vorgängerdiktatur gelernt. Sie habe Faschisten, Rote Armee, Flucht im Schnee überlebt, singt die Oma und macht sich, während Ilse fürchet, „Gustav wird uns alle mit in die Tiefe ziehen“, auf die Suche nach dem im System verschollenen Enkel.

Indoktrinationstelefonat: Haselberger und Targo. Bild: © Kristine Tornquist

Czernin, Haselberger und Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Köfferchen gepackt: Strahlegger und Haselberger. Bild: © Kristine Tornquist

„Die Verwechslung“ beweist sich als Parabel über gleichgeschaltete Gesellschaften, über Message Control und Meinungsmainstream. Filmisch ist das vom Feinsten umgesetzt, mittels welchen Mediums sonst könnten Solistinnen und Solisten in Gedanken singen? Tornquist besorgt mit Überblendungen Rückblicke und Schauplatzwechsel im Stakkato, die verliebt-verträumte Jung-Ilse im roten Kleid, nun Arm in Arm mit NVA-Mann Knut, ein übler Bursche, wie Oma weiß, während das Publikum ihn beim Flirten mit Ilse sieht.

Es sind derlei Einfälle, die die sirene-Produktion besonders machen. Verwanzte Festnetztelefonate, die Ilse offenbar steuern, frei nach Nestroy: die beste Nation ist die Indoktrination, der Vater unter West-Spitzel-Verdacht, sein Gebet, Du sollst keinen Gott nehmen Erich Honecker haben …, von Ilse belauscht, ein musikalisch lyrischer Moment, seine Sünde die Mehrzimmerwohnung. Das Liszt’sche Labyrinth aus Räumen, durch das die Protagonistinnen und Protagonisten gleich Versuchstieren irren, wird vom Kamera-Auge aus immer wieder ungewöhnlichsten Big-Brother-Winkeln eingefangen.

Nicht zuletzt dank „Knut“ Gebhard Heegmann, Kari Rakkola und Bärbel Strehlau als bösartigem Beamtenapparat ist „Die Verwechslung“ eine hochdramatische Arbeit, in die das gesanglich naturgemäß exzellente Ensemble auch darstellerisch sein ganzes Herzblut fließen lässt. Der Titel des Werks entschlüsselt sich zum Schluss, Gustav wird auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegt, wo ihm Krankenschwester Pauline, Marelize Gerber als Schutzengel in Weiß, zur Identität eines eben verstorbenen Insassen verhilft.

Stasi-Verhör: Kari Rakkola, Gebhard Heegmann, Bärbel Strehlau und Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Vaters Anklage: Katrin Targo, Ingrid Haselberger und Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Stasi-Folter: Kari Rakkola und Johannes Czernin „im winterkalten Hof“. Bild: © Kristine Tornquist

Auf der Krankenstation: Rakkola, Heegmann, Marelize Gerber und Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Dieser war Sohn eines „OFS in der AKG der HA IX“, heißt: eines Offiziers für Sonderaufgaben in der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit, verblüffend, was Helga Utz so alles recherchiert hat, und so kommt Gustav nicht nur mit einem blauen Auge ist gleich gebrochenen Rippen davon. Gustav soll sogar, begleitet vom freilich ebenso wie er falschem Vater, im Westen behandelt werden, die Puschkinallee 28 wird das regeln, „Die Verwechslung“ sein Leben retten.

Der Mensch im Arbeiter- und Bauernstaat ist längst nur noch Aktenzeichen, da fällt sowas nicht weiter auf. Mit Pauken und Trompeten, also zwei Schlagwerkern und Flötentönen, geht’s für Gustav und Vater freudetanzend über den DDR-„Schutzwall“. Vater, der sich nun Herwig nennt, und den damit nur noch ein Buchstabe von seiner Frau trennt. Und die Moral von der Geschicht‘: Mag es auch immer und überall Menschen geben, die „gleicher“ sind (© George Orwell), Grenzen können überwunden werden, Mauern stürzen ein. Nur Mut! Mut!

www.sirene.at/video/verbesserung-der-welt-7-die-verwechslung          www.sirene.at           www.wienmodern.at

  1. 1. 2021

Werk X: Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)

Dezember 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Kämpferische Politaktivistin trifft auf sangesfreudige Gewerkschaftsjugend: Michaela Bilgeri und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und

deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll. Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall.

Susi Stach als Trude, Peter Pertusini, Julia Schranz, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl mit Olga: Julia Schranz, Peter Pertusini, Susi Stach, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Thomas Kolle als Projektion, vorne: Julia Schranz, Susi Stach, Peter Pertusini und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Wie sich die Bilder gleichen, wird dem Publikum mal mittels TV-Ausschnitten vom Maiaufmarsch, mal mit Quizfotos höchst amüsant vor Augen geführt, die Kanzlerparade Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, und daneben immer: es-kann-nur-einen-geben Michael Häupl. Die Saga beginnt im April 1945, Olga Blaha ist hochschwanger, ihr Mann Karl nach wie vor, da illegaler Sozialist, mit einer Strafkolonne verschollen. Julia Schranz spielt Olga, Peter Pertusini Karl. Susi Stach ist Trude Fiala, die ebenfalls auf die Rückkehr ihres Mannes hofft, während ihr Johnny Mhanna als politisch uninteressierter Albin Roemer den Hof macht, und weil Thomas Kolle in die Rolle von Olgas im Krieg einbeinig geschossenen Bruder Kurt Swoboda schlüpft, ist klar, dass das Ganze sehr körperlich ist.

Die Schauspieler nähern sich der Bewegung über die Bewegung, das Bühnenbild von Daniel Sommergruber gilt es für sie erst zusammenzubasteln, und von Sakkos bis Sporthosen ist rot, rot, rot ihre liebste Farbe. Köpping zeigt das Politische im Privaten wie umgekehrt, die vor kurzem noch Widerstandskämpferin Trude Susi Stachs rechtet mit Kolles Kurt, dem gesinnungsmäßig geweglichen Parteifunktionär, Kolle, der im behänden Tanzschritt „harte Standpunkte“ auflösen will. Zu Recht fühlt sich die Basis gefoppt, „Koalitionen mit rechts werden immer rechts“, sagt Trude. In der Geräuschkulisse von Maschinengewehrsalven läuft Karl ohne vom Fleck zu kommen, aber am Ende doch nach Hause. Mit ihm hat der Flügel der Revolutionären Sozialisten eine Stimme mehr gegen die Sozialdemokraten. „Es sind ja noch gar nicht alle da, viele von uns sind noch im Exil oder im KZ, die müssen wir zurückholen“, sagt die Schranz wieder und wieder.

Ohne gehört zu werden. Zu Karls Fronttrauma kommt Trudes Sicht auf den Tod als Trost, Zukunftsangst wird mit Euphorie übertüncht, Filmszenen werden mit dem Bühnengeschehen überschnitten, etwa, wenn Schranz und Pertusini die Zigarettenreichung von Annette Uhlen an Helmut Berger mitgestalten, da wird die intime Filmsequenz zur kunstreichen Geste. Schön auch, wie das Anfragen bei den Sowjets um Plakatpapier in einer babylonischen Sprachverwirrung gipfelt, Johnny Mhanna, der sich zwischen den Alliiertensprachen Russisch, Englisch, Französisch verrennt – und kein Ausweg nirgendwo. So wird’s nichts mit dem Sozialismus, merkt man bald. Köpping hat den Konflikt der revolutionären und der reformistischen Kräfte in den Mittelpunkt seiner Handlung gerückt, mit heutigen Kommentaren kontrastiert, und um Specials wie eine Live-Kamera aufgepeppt.

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Endlich bei Brigitte Bardot: Erika Deutinger, Martina Spitzer, Karl Ferdinand Kratzl und Michaela Bilgeri. Bild: © Alexander Gotter

Tanzen statt debattieren: Bilgeri, Kratzl, Spitzer, Deutinger, Groll und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Sie projiziert die Streitereien überlebensgroß auf die Hinterwand, der „gesunde Opportunist“ Kurt wird als Paktierer mit dem Klassenfeind aus dem Freundeskreis vertrieben, Trude und Albin finden einander beim „Wiener-Blut“-Walzer, und zum Schluss, wenn fertig gewerktätigt ist, werden die überdimensionalen 1.-Mai-Lettern aufgestellt und „Aufmarsch“ nachgeahmt. In alten Wochenschau-Aufnahmen marschiert Schärf samt Gefolge vor Menschenmassen, der Achtstundentag wurde von links eingeführt, von rechts ohne Gegenwehr abgeschafft, und Kurt Palm lässt seine Protagonisten nun polemisieren, die rote Zukunft sei eine tote Zukunft.

Der „Monster“-Autor (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263) macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

Das 1.-Mai-Bühnenbild ist zusammengebastelt und steht: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ oder säuselt „Je t’aime“. Immerhin rollt keine Geringere als Erika Deutinger als Brigitte Bardot durchs Szenario, die „Gitti“, geoutet als Front-National-

Sympathisantin und Islam-Hasserin, die hier Stofftiere füttert und ihren Ennui mit Champagner vertreiben will. Die Deutinger im Glitzerkleidchen ist vom Feinsten, und so auch Martina Spitzer als „Bienenkönigin“ Heddi Prießnitz. Die in ihrem Zitate-Quiz Aussagen von SPÖ-Kanzlern, Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, als Unwahrheiten enttarnt, bis es nicht mehr verwundert, dass sich der Gemeindebau in FPÖ- und Nichtwähler gespalten hat. Der stolze Proletarier ist nur noch stumpfer Prolet, und während sich unheilige Allianzen bilden, ist jeder vierte Österreicher für einen starken Führer. Zustände sind im Land, die diese Doppelaufführung, diesen Mix aus Überprüfung und Persiflage, Defätismus und Zweckoptimismus dringend notwendig machen.

„Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)“ ist ein Workout für Lachmuskeln und Gehirnzellen. Gut so. Am 16. Jänner haben Folge 3 & 4 Premiere, Regie führen dann Martina Gredler und Bernd Liepold-Mosser.

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g

  1. 12. 2019

KosmosTheater: Kassandra

Januar 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Julia Schranz erweckt Christa Wolfs Seherin zum Leben

Bild: © Bettina Frenzel

„Die Zukunftssprache hat für mich nur diesen einen Satz: Ich werde heute noch erschlagen werden.“ Zu dieser Erkenntnis gelangt die Seherin Kassandra am Hofe Agamemnons angesichts der Machenschaften der Klytaimnestra. 1983 lässt sie Christa Wolf in ihrer berühmten Antikriegserzählung diesen Satz sagen. Am KosmosTheater ist nun eine Bühnenadaption des Werks zu sehen, ein kraftvoll verdichteter Monolog, inszeniert von Julia Nina Kneussel.

Vorgetragen von der wunderbaren Julia Schranz. Und siehe, die warnenden Worte der Hellsichtigen, dereinst in Troya nicht gehört, in der Wolf’schen Interpretation in Ost wie West als heldenmütiger Widerstand gefeiert, haben an Aktualität nichts eingebüßt. Als „Whistleblowerin“, verrät der Programmzettel, möchte man Kassandra heute gern verstanden wissen. Weiß sie doch, dass Helena gar nicht an Paris Seite bis nach Troja gekommen ist, und die ganze Sache mit dem Überfall auf die Heimatstadt daher … „Wann Krieg beginnt, das kann man wissen. Aber wann beginnt der Vorkrieg?“, sagt sie.

Stolz steht die Schranz da. Als Kriegsbeute angetan mit einem grauen Gefangenenoverall, die Hände wie zur Schaustellung über den Kopf erhoben. Beklemmend ist das, wenn sie an- oder wehklagt, ihre Stimme erhebt gegen das Unrecht der Welt oder wegen des über sie hereinbrechenden Unheils. Der herrliche Apoll hat Kassandra einst die Seherinnengabe verliehen, indem er ihr in den Mund spuckte, nun kann sie den üblen Geschmack der politischen Geschäfte nicht mehr von der Zunge bekommen.

Bild: © Bettina Frenzel

Die Verhältnisse zum besseren zu ändern, obliegt ihr nicht, auch dafür hat der Gott gesorgt. Die Wahrheit ist den Mächtigen nicht zumutbar. So ist es ihre Aufgabe, im Wortsinn sehenden Auges in den Untergang zu gehen. In den ihrer Stadt und später in den eigenen. Schranz gestaltet eine moderne Analytikerin, der anhand ihrer Beobachtungen gar nicht anderes bleibt, als auf Konsequenzen zu zeigen, und die darob schon zwischen Bewachern – Wärtern aufwuchs.

Je nach Betrachtungsweise. Viel Zeit nehmen sich nämlich Regisseurin Kneussel und Martina Theissl, von denen die Bühnenfassung stammt, über die Königspartei und deren Macht über die Wörter zu berichten. Eumelos, Chef der Palastwache und Berater des Priamos spinnt sein Sicherheitsnetz wie eine Spinne, baut Feindbilder auf, lange bevor aus Griechenland die Krieger anlanden. Auch, wenn Christa Wolfs Reflexionen über die Zweiteilung der Welt und die Verkrustung der beiden Machtblöcke längst verdampft sind, bleiben so ihre Rufe gegen den Militarismus, gegen Männerdominanz, gegen deren Allmachtsfantasien deutlich zu hören.

Kneussel/Theissl führen vor, wie aus einem friedlichen, auf den Diskurs aller Beteiligten setzenden Staat ein Hochsicherheitstrakt wird, in ihm Beschränkung der Gedankenfreiheit durch Bespitzelung. Trojas Mauer, und die der DDR, beide längst gefallen, werden bereits anderswo wiedererrichtet. Schranz berichtet das alles mit einer Portion Sarkasmus. Irritierende Störgeräusche, Maschinengewehre oder Heereshubschrauber?, Musik von Stefanie Neuhuber, sind zu hören.

Bild: © Bettina Frenzel

Schranz tritt in Zwiesprache mit den verfremdeten Videobildern von Mihaela Kavdanska, Dilmana Yordanova und Cristian Iordache alias KOTKI visuals, ihr verschwommenes Ich, teilweise aufgenommen mit Live-Kamera, dabei ein Symbol ihrer Sehergabe, ihre „Stimme“. Eindrücklich ist das, wie der ganze Abend, den nicht nur die Optik so zeitgenössisch macht, dass es hinter den Augen schmerzt. Am Ende noch einmal über Eumelos.

Den Kriegstreiber und Menschen(ver)hetzer. Er wird überleben, sieht Kassandra vorher, die Griechen werden ihn brauchen. Die Wahrheit schließlich ist: „Wohin wir immer gehen, dieser wäre schon da.“

www.kosmostheater.at

  1. 1. 2018

migrationshintergrund.am.arsch: Zucker – Büstenhalter

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine irrwitzige Satire auf Polen und den Rest der Welt

Die Geschenke der UdSSR an das polnische Volk werden immer noch angebetet: Suse Lichtenberger und Claudia Kottal. Bild: Alek Kawka

Nach der fabelhaften „Familie Tót“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17141) zeigt migrations-hintergrund. am.arsch (MAA*) nun im Off-Theater „Zucker – Büstenhalter“ von der polnischen Autorin Zyta Rudzka. Und auch diesmal haben Claudia Kottal, Anna Kramer und ihre Theatertruppe eine hierzulande so gut wie unbekannte, irrwitzige Satire auf das Leben in Osteuropa ausgesucht.

MAA* hat sich die Pflege von Dramatikerinnen und Dramatikern aus den Nachbarländern gleichsam zur Pflicht gemacht. Mit großem Erfolg, wie auch diesmal wieder zu sehen war. „Zucker – Büstenhalter“ erzählt vordergründig die Geschichte der Geschwister Zucker, David (Constanze Passin) und Mira (Suse Lichtenberger), deren Wäschegeschäft für Damen mehr und mehr den Bach hinuntergeht. Dies ausgerechnet zur 100-Jahr-Feier des Familienbetriebs, und schuld daran sind die Chinesen, deren Billigprodukte seit der Öffnung des Marktes die Supermärkte überfluten. 800 Millionen China-Büstenhalter warten in den Häfen der Niederlande!

David schickt Mira auf Sabotagetour, mit einer Schere bewaffnet schneidet sie flugs bis zu 100 BH-Träger täglich durch. Ist ja nichts wert, das Importzeugs. Gegen die heimische Qualitätsware, die früher Schauspielerinnen, Sportlerinnen und Sängerinnen – „in meinem BH eroberte sie die Scala“ – kleidete! Natürlich fliegen diese Machenschaften auf.

Suse Lichtenberger, Anna Kramer, Claudia Kottal, Julia Schanz, Katarzyna Radochońska und Constanze Passin … Bild: Alek Kawka

… können nicht nur spielen, sondern auch singen: „Boobies, Baby!“ Bild: Alek Kawka

Die Kapofurie (Anna Kramer als Sicherheitsbeauftragte im Einkaufscenter) hat Mira bald auf dem Radar. Und dann sind da noch Streuner (Claudia Kottal), ein vom Markt ausgespiener Arbeitsloser, der für seinen Lebensunterhalt Dosen sammelt (Motto: „Jeden Scheiß kann man wiederverwerten“, wie sich am Schluss zeigen wird), und die Blinde (Julia Schranz), die sich gegen Geld anmieten lässt, damit andere als „Begleitperson“ in den Genuss von Ermäßigungen kommen. Lauter Dinge also, die den chinesischen Flüchtling (Katarzyna Radochońska) an der neuen Heimat durchaus erstaunen …

Mit großer Leichtigkeit und viel Humor zeichnet Zyta Rudzka in ihrer Tragikomödie eine Gesellschaft, die vom Ultraliberalismus unter dessen politischen Befürwortern aus der Kurve getragen wurde, eingekeilt zwischen Postkommunismus, Katholizismus und den Kaczyński-Brüdern. Man konnte mit dem rasanten Systemwechsel einfach nicht Schritt halten, glaubt sich nun am Ende der Fahnenstange, jedenfalls von der EU stiefmütterlich behandelt, und sucht Zuflucht in der „guten, alten Zeit“ als die Völker der UdSSR Polen noch unkaputtbare Staubsauger namens Leika zum Geschenk machten.

Toilettenpapier allerdings Mangelware war. Regisseur Imre Lichtenberger Bozoki trägt mit seiner skurril-spöttischen Inszenierung Rudzkas Tonfall Rechnung. Das Ensemble agiert vom Feinsten, und versteht sich auf Wortwitz und Situationskomik. Immer wieder lässt Lichtenberger Bozoki die Darstellerinnen auch aus der Rolle fallen, dann philosophieren sie über Polen, Geld, das dort nicht in die Kultur, sondern in die Kirche fließt, eine mit Füßen getretene Verfassung und das Staatsfernsehen, über Österreich, wo auch schon Marktschreier die Angst vor allem irgend „anderen“ schüren – und über das Frauenbild in beiden Ländern.

Die Geschwister Zucker bereiten die 100-Jahr-Feier vor: Suse Lichtenberger und Constanze Passin. Bild: Alek Kawka

Fazit: Der Vergleich ist kein Vergleich, weil alles gleich ist, siehe „Häuslichkeit“ und „Brutpflegetrieb“ (O-Ton FPÖ). Rot-weiß trennt nur ein roter Stoffstreifen von Rot-weiß-rot. Die Intermezzi, die politischen Ansagen, hat MAA* selbst entwickelt. Radochońska erklärt mitunter auf Polnisch, von Kottal übersetzt, samt einem Segenswunsch für einen milden Winter, falls es die Menschen hierzulande so wie das polnische Volk auf die Straße treibt.

Auf einer Batterie von Monitoren (Bühne/Video von Alek Kawka und Martin Nussbaum) laufen die entsprechenden Bilder. Am Ende wird man vom Ende profitieren. Die Westler sind ja ganz verrückt auf Ostblock-Devotionalien und Überbleibsel des realen Sozialismus, daraus lässt sich ein Geschäft machen. Also gibt es für das Publikum, wie es die polnische Gastfreundschaft gebietet, Wodka und Brot. Und in der Firma Zucker viel selbstkomponierte und -getextete Musik zum großen Fest: „Boobies, Baby!“

www.maa.co.at

  1. 11. 2017

Aggregat Valudskis: Verwandlungen oder Ungern als Mensch

April 11, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch, der Sau wird, hat kein Schwein gehabt

Das Aggregat Valudskis performt Texte von Darrieussecq, Kafka und Dahl: Martina Spitzer, Martin Bermoser und Julia Schranz. Bild: Deniz Arslan

Und als das Weib schlussendlich vor Vergnügen grunzt, hundeheult der Mann mit ihr um die Wette, und gemeinsam wiehert und kikerikit und schluckauft man sich dem Happy End entgegen. Happy wife, happy life, sozusagen, das tut gut, nach all den Entgleisungen und Sadismen und im Wortsinn Kopf-, nein: vielmehr Körperlosigkeiten, die in den vergangenen 75 Minuten zu sehen waren …

Das Aggregat Valudskis hat seinen Regisseur Arturas Valudskis zu einer weiteren Produktion nach Wien gebeten. Der Hörsaal der Akademie der bildenden Künste dient diesmal als Spielort, ein herrlich desolater Raum mit enger Holztribüne, zu erreichen über treppab, treppab Gänge bis in den universitären Orkus. Gruselig ist es da unten, genau die richtige, unangenehm intime Atmosphäre, die das Aggregat braucht, um Komplizenschaft mit seinem Publikum herzustellen.

Kommt Valudskis, wird Theater zu Ereignis. So auch diesmal. Der Bühnenmagier ist nicht nur einer der stilistisch maßgeblichen Regisseure in Österreich, sondern auch ein bemerkenswerter Mensch. 1963 in Litauen geboren, verweigerte er als 18-Jähriger den Dienst im Afghanistankrieg und wurde in der Folge in eine Nervenklinik eingewiesen. Er machte Untergrundtheater und Theater im Gefängnis, fand später bei einem Kapuzinermönch Schutz vor dem KGB, und kam 1994 mit einem Stipendium nach Salzburg, wo er sein „Theater Panoptikum“ eröffnete. Die Schauspieler Markus Kofler, Martin Bermoser und Julia Schranz gründeten später in Wien das nach ihm benannte Aggregat. Statt Kofler ist bei der aktuellen Produktion Martina Spitzer die Dritte im Bunde.

„Verwandungen oder Ungern als Mensch“ heißt der Abend, für den sich das Team von Texten inspirieren ließ, in denen die Tierwerdung des Menschen verhandelt wird. Im Roman „Schweinerei“ von Marie Darrieussecq wird die namenlose Mitarbeiterin eines Massageinstituts und eigentlich Prostituierte nach und nach zu einer Sau. Gregor Samsa hat sich in Franz Kafkas „Verwandlung“ bekanntlich „zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“.  Und in Roald Dahls Erzählung „William und Mary“ lebt der Philosoph und Ehemann William nach seinem physischen Krebstod als leibloses Bewusstsein weiter, weil der Arzt sein Gehirn samt einem Auge an ein künstliches Herz angeschlossen hat. Ein Triumph für seine Frau Mary, die sich sehr skurril für die erlittenen Lieblosig- und Grausamkeiten am nun Wehrlosen rächt …

Valudskis verknüpft assoziativ Fragmente aus den Texten zu seiner Analyse gesellschaftlicher Dysfunktionalität. Lakonisch lässt er die Schauspieler seine Sätze über Systeme in den Saal sprechen. Wie immer treiben ihn Fragen nach der existenziellen Beschädigung des einzelnen und seiner Bedrängnis im und durchs Kollektiv um. Es geht dem „Katholiken aus Versehen“ (© Valudskis) nie um weniger als Gott und die Welt, immer auch um Schuld, um Politik und ihre totalitären Auswüchse sowieso, um Lähmung, die aus Druck entsteht – und diesmal auch um ein Quäntchen Quantenphysik. Julia Schranz macht sich in einem großartigen Monolog an die Erforschung des Wesens der Dinge, heißt in diesem Fall: der Teilchen.

Übers Unsagbare wird gesummt. Bild: Deniz Arslan

Drei Weißclowns bei der Arbeit. Bild: Daniel Wolf

Wobei, gesagt wird beim Aggregat wenig mit Worten. Valudskis absurdes, surrealistisch „schwarzes Theater“ bedient sich der Sprache nur, wenn es sein muss. Diesmal mitunter sogar im Dialekt. In Endlosschleife wird übers ohnedies Unaussprechliche, übers Unsägliche gebrabbelt und gemurmelt und gesummt, auch Schreibversuche an der Hörsaaltafel scheitern ein ums andere Mal. Das Ringen um Ausdruck spielt sich aber vor allem in Mimik und Gestik ab, jede Zuckung wohldosiert, minimalistisch.

Es bedarf so hervorragend pantomimischer Körperkünstler, dreier Virtuosen wie Schranz, Spitzer und Bermoser, um das über die Rampe zu bringen: Valudskis feinen, subtilen Sinn für Humor, seinen Nonsens mit Hintersinn, mit dem er die alltäglichen Un/Menschlichkeiten entlarvt. Er ist ein Daniil Charms dieser Tage.

Und so werden in „Verwandlungen oder Ungern als Mensch“ Hände zu Insekten, und Finger strecken sich wie Fühler aus. Da wird Schranz von ihrer eigenen Physis überrollt.

Und Spitzer schaut so schreckerfüllt-erstaunt, so bösartig-bestürzt drein, wie wohl nur sie es kann. Da formt Bermoser für die Frauen eine Zeitungsblüte, die durchs freudige Gießen freilich „verwelken“ muss. Aggregat Valudskis, das ist – Clowneske mit melancholischer Baseline, das sind drei Weißclowns bei der Arbeit. Wer auftritt, wird von den Bühnenpartnern per Hand rauf-, wer abtritt runtergekurbelt, ex und hopp – denn gestorben wird mit natürlicher Regelmäßigkeit –  verschwindet man hinterm Katheder. Das Ganze ist, um animalisch zu bleiben, ziemlich ausgefuchst. Die Darsteller werfen sich mit Verve in unerqui(e)ckliche Verhörsituationen und andere Verlegenheiten; Menschenelend und Tierleid ist überall, wo Gott los ist … und trotzdem oder gerade deshalb ist die Aufführung zum Lachen. Eine Brille, ein Tischtuch, zwei Stühle und drei Wassergläser sind alles, was an Requisiten benötigt wird, um ganze literarische Universen entstehen zu lassen.

Denn man erkennt sie nach und nach: Bermoser als Gregor Samsa auf dem Rücken strampelnd, Spitzer als Mary, die ihrem Kopfmann frech den Zigarettenrauch ins übriggebliebene Auge bläst, Schranz als Sau mit Schlachtungsängsten. Ihr scheeler Blick sagt alles. Valudskis sagt mit seinem Gedankenexperiment über Instinkte dem wiedergängerischen Ungeist des Ewiggestrigen den Kampf an. Auf dem Programmzettel zitiert er einen weiteren experimentellen Humoristen der Verzweiflung, den bulgarischen Autor Georgi Gospodinov. Das letzte Wort hat dann Martina Spitzer mit Ernst Jandl – doch verdreht sie’s zum Vorteil fürs Steinobst:

ich bekreuzige mich
vor jeder kirche
ich bezwetschkige mich
vor jedem obstgarten

wie ich letzteres
tue weiss jeder katholik
wie ich ersteres tue
ich allein …

Zu sehen bis 23. April, Karten: valudskis@gmail.com

Arturas Valudskis im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17254

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis

Wien, 11. 4. 2017