Raimundspiele Gutenstein: Brüderlein fein

Juli 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch als Choleriker mit sensibler Seele

Im Kampf mit seinen Dämonen: Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Joachim Kern

Ferdinand Ochsenheimer, Schiller-Star, Bühnenbösewicht, gefeiert am k. k. Hoftheater zu Wien, war also das große Vorbild. Lernt das Publikum unter Lachen, wenn Johannes Krisch ochsenheimerisch grimassiert, outriert, den Körper einmal um die eigene Achse schraubt – doch sein Ferdinand Raimund trotzdem nicht ans Burgtheater engagiert wird. Einige Szenen später, da ist Raimund schon die Wiener Volkstheater-Berühmtheit, den zu sehen

die Leute um die Häuserblocks Schlange stehen, wird er seinen Schauspielern jedes Extemporieren, jedes übertriebene Agieren verbieten. Der Dramatiker war nicht nur der beste Darsteller seiner Werke, sondern auch ein moderner Regisseur, der Disziplin und Texttreue einforderte. Dies nur eines der Dinge, die man in Felix Mitterers Raimund-Bioplay „Brüderlein fein“ über den Zauberpossen-Dichter erfährt, dessen Uraufführung Donnerstagabend bei den Raimundspielen Gutenstein mit Standing Ovations für Autor, Inszenierung und Ensemble endete. Intendantin Andrea Eckert hatte Mitterer als ausgewiesenen Experten fürs Historisch-Biografische mit dem Stück beauftragt, das nun chronologisch entlang Raimunds Leben und Schaffen verläuft, unterfüttert von Stück-im-Stück-Sequenzen und auch allerhand Zauberhaftem.

Auf den durch den Zuschauerraum wandernden Zuckerbäckerlehrling, der im Burgtheater in den Pausen Brezeln verkauft, und dort sein theatrales Erweckungserlebnis hat, folgen derart Fee Rosalinde und Nymphe Lidi – Figuren aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ -, die das Jungtalent mit allen Begabungen segnen, die es sich ersehnt. Mitterer erzählt im Zeitraffer von den wichtigsten Momenten, der Lebensliebe zur Kaffeehausbesitzerstochter Toni Wagner, der Ehe mit Schauspielkollegin Luise Gleich, die ihm ein Kind des Fürsten Kaunitz unterschob, zeigt Probenarbeit und Aufführungen und das Durchfallen von „Moisasurs Zauberfluch“ im Theater an der Wien. Der Name Nestroys irrlichtert durchs Geschehen, der große Rivale, der es hellhörig verstand, auf den Zug der Zeit aufzuspringen, schließlich das Hobellied statt des Pistolenschusses. Mitterer, seines Zeichens selbst Volksstückeschreiber, fährt seinen bewährten Mix aus Gelehrigkeit und Geschichtswissen auf, sein Drama wie immer durchsetzt von heiteren Episoden, und wenn der Tiroler über den Wiener sagt, er wäre ihm ein Bruder geworden, so glaubt man das aufs Wort.

Genialischer Dritter im Bunde ist Johannes Krisch, der Burgtheaterschauspieler auf Landpartie, der Ferdinand Raimund als den „leidenden Humoristen“ darstellt, als den ihn Zeitgenosse Carl Ludwig Costenoble einmal bezeichnete, Costenoble, der 1832 über Raimund in seinem Tagebuch vermerkte: „Der wird noch toll oder bringt sich um.“ Krisch, mit Hund Ariel als wuschelige Handpuppe, gibt den Komödianten, der so gern Tragöde sein wollte, in all seinen Extremen. Egal, ob ihm gerade rührselig ums Herz oder der Sinn nach kindlichem Überschwang ist oder „da Gache“, heißt: der Jähzorn, mit ihm durchgeht, gelingt Krisch das Psychogramm eines manischen Fieberkopfs, eines Cholerikers mit sensibler Seele, dessen Abstürze in die Depression, ins Hypochondrische für alle Beteiligten verheerend sind.

Liebeswerben bei Toni Wagner: Anna Rieser und Johannes Krisch mit „Hund“ Ariel. Bild: © Joachim Kern

Mutter Wagner ist darob nicht erfreut und erteilt „Trottoirverbot“: Eduard Wildner. Bild: © Joachim Kern

Therese Krones als „die Jugend“: Lisa Schrammel und Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Landpartie mit dem Freund Johann Landner: Johannes Krisch und Gerhard Kasal. Bild: © Joachim Kern

Nach der Pause zunehmend von Raimunds Dämonen getrieben, läuft Krisch zur Hochform auf, und eine schöne Idee ist, dass ihm Ariel im Zwischenmenschlichen als warnendes Gewissen zur Seite steht. Am Ende wird dieser Raimund, überzeugt, sich mit Tollwut infiziert zu haben, von Fabelwesen mit Hundsköpfen umzingelt werden … Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin stellen all das mit wenigen Mitteln auf die Bühne, Versatzstücke, ein Fenster, ein Alkovenbett, eine Gefängniszelle, werden rasant rein- und rausgeschoben, die Kostüme sind mit Reif- und Gehrock angedacht biedermeierlich. Tommy Hojsa begleitet die Handlung auf dem Akkordeon.

Aufgerieben wird Krischs Raimund zwischen den beiden Polen Luise Gleich und Antonie Wagner. Larissa Fuchs spielt erstere durchtrieben und berechnend, sie umgarnt den Dichter mit ihrem sinistren Plan der Eheschließung und ist gleichzeitig ebenfalls Opfer, des Fürsten Kaunitz, aus dessen Fängen es kein Entrinnen gibt. Krisch hat mit Fuchs starke Szenen. Wenn ein ganzes – imaginäres – Publikum ihm unter Buh-Rufen „G’heirat‘ wird!“ befiehlt, wenn er die untreue Gattin später während einer Vorstellung quer durch den Theatersaal jagt und würgt, da verbinden sich Verzweiflung und Furor und Volksstückewitz aufs Feinste. Fuchs hat zum Schluss noch einen feinnervigen Auftritt, als heruntergekommene Akteurin, die den Ex vergebens um ein Engagement anfleht.

Anna Rieser ist eine anrührende Toni Wagner, verständnisvoll, verzeihend, zu Raimunds Leidwesen kein Naturkind, sondern insektophobisch, was Rieser mit großem Vergnügen ausspielt, auch Raimunds Stimme der Vernunft, die ihn mahnt, künstlerisch bei dem zu bleiben, was er am besten kann und was sein Publikum schätzt – eine Einmischung in seine Belange, die sich der Egomane von der „Sitzkassiererin“, wie er sie schimpft, verbietet. Dennoch werden die beiden einander vor der Mariensäule in Neustift am Walde statt des dem Geschiedenen verbotenen Eheversprechens einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schwören. Lisa Schrammel bleibt als Therese Krones, diese immerhin die gefeiertste Schauspielerin ihrer Zeit, deren exaltierter Lebensstil ihr einen frühen Tod bescherte, zu sehr im Hintergrund, singt aber als „Jugend“, Krones‘ berühmte Hosenrolle in „Der Bauer als Millionär“, im Duett mit Krisch glockenklar das „Brüderlein fein“.

Sein Jähzorn bringt Ferdinand Raimund ins Gefängnis: Johannes Krisch, Tommy Hojsa, Eduard Wildner als Fürst Kaunitz, Reinhold G. Moritz als Josef Gleich, Larissa Fuchs als Luise Gleich. Bild: © Joachim Kern

Neun Rollen teilen sich drei Schauspieler: Gerhard Kasal ist unter anderem als Soproner Theaterdirektor Christoph Kunz und als Johann Landner zu sehen, Raimunds Freund und lebenslange Stütze. Reinhold G. Moritz spielt den schlitzohrigen Theatermacher und Schwiegervater Josef Gleich, den sterbenden, seinen Sohn verfluchenden Vater Raimund und brillant den für seine Spontaneinfälle berüchtigten „Agent aller heiteren Charaktere“, wie ihn Adolf Bäuerle einmal nannte, Friedrich Korntheuer.

Eduard Wildner erscheint zum Gaudium des Publikums als übellaunige Mutter Wagner und erteilt Raimund „Hausverbot, Fensterverbot, Trottoirverbot“; Wildner gibt gefährlich jovial auch den Fürsten Kaunitz, wegen dessen sexueller Lust auf Kinder ihm Luise Gleich vom Vater „als Gespielin verkauft worden“ war. Ein Schicksal, das, so stellte sich heraus, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog, 200 andere minderjährige Mädchen mit ihr geteilt haben.

Zum Ende eben „Der Verschwender“, Hobellied, und Mitterers Hommage an den Uraufführungs- und Raimunds Sehnsuchtsort, wenn er den Todgeweihten sagen lässt: „Begrabt‘s mich in Gutenstein, ja nicht in Wien“. Das ist freilich allemal einen Extra-Applaus wert. Mit „Brüderlein fein“ ist Felix Mitterer eine kitsch- und klischeefreie Vita-Verdichtung Ferdinand Raimunds gelungen, die zwischen plastischen Szenen und poetischen Passagen changiert, und Hauptdarsteller Johannes Krisch alle Register seines großen schauspielerischen Könnens ziehen lässt. Neben Mitterer galt ihm vor allem, der sich in gekonntem Alt-Wiener Dialekt in einen rappelkopfschen Wahn hineinwütet, der Jubel. Den die beiden Arm in Arm genossen.

Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=33961

www.raimundspiele.at

  1. 7. 2019

Raimundspiele Gutenstein: Intendantin Andrea Eckert und Autor Felix Mitterer im Gespräch

Juli 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch spielt Ferdinand Raimund in der Mitterer-Uraufführung „Brüderlein fein“

Andrea Eckert. Bild: © Janine Guldener

Kein Stück von, sondern eines über Ferdinand Raimund zeigen die Raimundspiele Gutenstein dieses Jahr. Intendantin Andrea Eckert hat keinen Geringeren als Autor Felix Mitterer um dies Stück gebeten, das das tragische Leben des großen Dramatikers und Schauspielers zum Inhalt hat. Uraufführung von „Brüderlein fein“ ist nun am 11. Juli – und das Publikum kann versichert sein, unbekannte Seiten Raimunds kennenzulernen. Den Dichter spielt der auch unter der Direktion Martin Kušej dem Burgtheater erhalten bleibende Johannes Krisch. Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch:

MM: Wie kam es zu Ihrer Überlegung, in Gutenstein dieses Jahr kein Stück von Ferdinand Raimund zu spielen, sondern eines über ihn zu initiieren?

Andrea Eckert: Der Gedanke kam mir sehr bald, nachdem ich bei den Raimundspielen als Intendantin begonnen hatte. Ich finde es wunderbar, dass es diese eindeutige Widmung der Spiele, sich ausschließlich mit Raimund-Werken zu befassen gibt, daran halte ich auch hundertprozentig fest, aber die Anzahl der Stücke ist begrenzt. Nicht nur deshalb dachte

ich mir, es wird Zeit, einmal über ihn zu erzählen, sondern auch, weil ich das Leben von Ferdinand Raimund zutiefst bewegend, bestürzend und ergreifend finde. Die wenigsten Leute wissen Genaueres darüber – kennen nur seinen spektakulären Selbstmord. Wenn ich von Raimund als Schauspielstar spreche, der die Wiener Theater füllte und für den Zuschauer um die Häuserblocks Schlange gestanden sind, um ihn auf der Bühne zu sehen, ein Mensch, der so leidenschaftlich und gleichzeitig so trostlos war, bekam ich nur ein „Ah so?“ zurück.

MM: Und so begann die Suche nach einem Dramatiker?

Eckert: Ich habe intensiv nachgedacht, wer das sein könnte, und da ich Felix Mitterer vom Dorothea-Neff-Stück „Du bleibst bei mir“ am Volkstheater kannte, da ich auch viele seiner anderen Stücke, zum Beispiel seinen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ an der Josefstadt gesehen hatte, war ich entschieden: Ich frag‘ ihn! Er war damals quasi mein Nachbar, weil wir im Weinviertel ein Haus haben. Er war anfangs zurückhaltend und hat liebenswürdiger Weise andere Kollegen vorgeschlagen, die’s schreiben sollen, ich habe allerdings nicht nachgelassen, bis er endlich Ja sagte. Er hat in erstaunlich kurzer Zeit eine Rohfassung geschrieben, und ich war von Anfang an begeistert, weil ich gemerkt habe, was er mir später auch bestätigt hat, dass er eine tiefe Beziehung, fast eine Seelenverwandtschaft, zu Raimund gefunden hat. Man merkt dem Stück an, dass hier eine Begegnung zwischen zwei Dichtern stattfindet, und ich bin glücklich, aber auch sehr aufgeregt, denn natürlich ist diese Uraufführung ein Experiment, ein, wie ich finde, für die Raimundspiele Wesentliches.

Felix Mitterer: Ja, nach der Dorothea Neff ist der Kontakt zwischen Andrea Eckert und mir aufrecht geblieben, wir haben uns in Niederösterreich auch öfters gesehen. Als sie mich wegen des Stücks gefragt hat, kannte ich von Ferdinand Raimund nur die Zauberpossen, die halt so gespielt werden, aber dann habe ich mich mit seiner Biografie beschäftigt und hab‘ ihn liebgewonnen, und dachte mir, das Leben dieses Mannes muss unbedingt auf die Bühne – und so habe ich zugesagt.

MM: Wie haben denn die Gutensteiner auf dieses Ansinnen reagiert?

Mitterer: Gut, glaub‘ ich. Ich bin ja immer wieder draußen und schaue mir Inszenierungen an, ich habe auch alles besichtigt, was mit Raimund zu tun hat, bis zum Grab auf dem Bergfriedhof. Na, und jetzt bin ich selber da gelandet, in einem Sommerfrischegebiet, so schön und lieblich, wie ich es nicht mehr für möglich gehalten hätte, sag‘ ich als einer, der aus den schroffen Tiroler Alpenhöhen kommt.

Eckert: Der Bürgermeister von Gutenstein, Michael Kreuzer, ist auch der kaufmännische Direktor der Raimundspiele. Ich habe meinen Plan mit ihm besprochen, er denkt natürlich kaufmännisch und erwartet sich einiges. Und es ist ja auch etwas Spektakuläres, es ist eine Welturaufführung, sie wird vom ORF aufgezeichnet. Darüber bin ich auch sehr glücklich, denn das ist für die Raimundspiele schon etwas Besonderes. Und wie der Kartenvorverkauf zeigt, folgt uns unser Publikum auf diesem Weg, etwas Neues zu sehen.

MM: Felix Mitterer hat seinem Werk den Titel „Brüderlein fein“ …

Mitterer: „Brüderlein fein“, obwohl er’s gar nicht fein mit sich selbst hatte.

MM: … nach dem berühmten Lied aus „Der Bauer als Millionär“ gegeben, in dem „die Jugend“ auftritt und „das hohe Alter“. Handelt das Mitterer-Stück auch „von der Wiege bis zur Bahre“?

Eckert: Nicht von der Wiege an, aber von seinen Anfängen, er kam ja aus sehr armen Verhältnissen, die Eltern sind früh gestorben, und so hat er als Bub Brezeln im Burgtheater verkauft, so hat er seine Leidenschaft fürs Theater gefasst. Das ist keine Anekdote, sondern das war so. Mit einem Brezelverkauf im Publikum beginnt auch unser Stück, dann geht’s weiter mit der Liebe und den Leidenschaften, mit den Erfolgen und Misserfolgen – chronologisch bis zum Ende.

Mitterer: Ich behandle die wichtigsten Ereignisse seines Lebens. Das beginnt mit dem Anbieten von Desserts und Limonaden aus der Manufaktur des Hofzuckerbäckermeisters Jung auf der Freyung, wobei er am Burgtheater sein Erweckungserlebnis hatte, geht weiter wie Raimund von der Fee Rosalinde aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ seine literarische Begabung erhält, bis zu den bekannten Erfolgen. Die große Tragödie des Ferdinand Raimund war ja, dass er immer der große Tragöde sein und am Burgtheater aufgeführt werden wollte. Er war kein glücklicher Mensch, ein Hypochonder, der sich selbst aber als solchen erkannt hat, und je erfolgreicher, je depressiver. Mein Stück ist aber keine Tragödie, sondern eine Tragikomödie, und ich hoffe so, wie der Raimund es heute auch geschrieben hätte. In trockener Verzweiflung und als Liebeserklärung an die Schauspielerinnen und Schauspieler.

Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Felix Mitterer. Bild: © Joachim Kern

MM: Herr Mitterer hat als Regieanweisung vorgegeben, „man möge sich an der damaligen Ausstattungspraxis orientieren“. Wie tun sich Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin damit?

Eckert: Die Mittel, die es zu Raimunds Zeiten gegeben hat, bringen Gutenstein jedes Jahr in die Bredouille. Wir sind finanziell kein reiches Festival, wir haben nicht einmal eine Drehbühne, geschweige denn eine Versenkung, wir können Raimund auch keine feuerspeienden Vulkane auf die Bühne stellen, wie er es in seinen Regieanweisungen schreibt. Wir arbeiten also mit dem, was uns zur Verfügung steht, und zu meinem großen Glück machen wir das mit einem künstlerischen Team, das sehr viel Fantasie hat.

Mitterer: Geh, man muss doch nur mit Papier und Pappendeckel hantieren, so wie damals. (Er lacht.)

Eckert: Nicole Claudia Weber und Vanessa Achilles-Broutin haben jedenfalls einen wunderbaren Weg gefunden, wie man rasche Verwandlungen ohne großen Aufwand, größtenteils durch die Darstellung der Schauspieler verwirklichen kann, ohne, dass unser Theater „Armes Theater“ wird. Die Inszenierung wird ästhetisch sehr speziell sein und alle Notwendigkeiten des Stücks bedienen.

MM: Denn die Darsteller sind fast alle mehrfach tätig, sowohl als eine real existiert habende Person als auch als Raimund’sche Bühnenfigur. Das heißt, Sie zeigen streckenweise Theater auf dem Theater?

Eckert: Stimmt. Das Ensemble spielt ja in Raimunds Stücken, es werden auch Proben gezeigt, während derer man sieht, welch moderner Regisseur Raimund auch war, einer, der unglaublich auf Text gehalten hat, und sehr streng mit seinen Schauspielern war. Es gibt sogar das Gerücht, dass er tätlich wurde, wenn’s ihm nicht gepasst hat. Er war ein sehr jähzorniger Mensch.

Mitterer: Der Raimund hat jede zweite Woche ein neues Stück geschrieben und rausgeschossen, weil ihm die von den anderen zu schlecht waren. Er war Schauspieler und übernahm auch die Regie, er war der erste, der darauf Wert legte, dass die Darsteller mit gelerntem Text auf die Probe kommen, das war damals gar nicht üblich, aber seine Strenge hat ihm recht gegeben, die Leute sind ins Theater g’rennt.

MM: Apropos, Gerüchte: Es gibt eine Polizeiakte, in dem festgehalten ist, er hätte seine Ehefrau Luise Gleich „auf eine wahrhaft unmenschliche Art“ misshandelt.

Eckert: Ferdinand Raimund war ein Künstler, und in seinen Lieben so extrem wie im Theater. Er konnte mit Betrug sehr schlecht umgehen, das kann ich verstehen. Er wurde von den Damen mitunter nicht gut behandelt. Schön finde ich es nicht, aber ich gestehe ihm zu, dass er mitunter ausgerastet ist. Man muss auch nicht alles glauben, was im Polizeiakt steht. Tatsache ist, dass er im Foyer der Josefstadt einmal einer Geliebten, die ihn betrogen hat, mit einem Stecken nachgerannt ist und damit zugeschlagen hat, und dann auch ins Gefängnis gekommen ist.

Mitterer: Mitten während der Vorstellung hat er sie quer durch den Zuschauerraum verfolgt und auf sie hingeprügelt.

Eckert: Trotzdem war er seiner großen Lebensliebe Toni Wagner bis zu seinem Ende in gewisser Weise treu.

Mitterer: Er war ein Fieberkopf, er hat sich immer bis zur Raserei verliebt. Und die Luise Gleich ist ihm ja schwanger untergeschoben worden. Die war von ihrem Vater dem Alois von Kaunitz wegen dessen sexueller Lust auf Kinder „als Gespielin verkauft worden“. Das erfuhr Raimund aber erst 1822, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog. Jetzt muss man sich vorstellen, er stand mit dieser Soubrette, seiner Braut auf der Bühne, und wurde ausgepfiffen, weil das Publikum von ihm verlangte, zu heiraten. Die Toni Wagner war Kaffeehaustochter und ihre Eltern komplett gegen die Beziehung, weshalb die beiden auch nur vor der Mariensäule in Neustift am Walde einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schließen konnten. Toni war auch bei Raimunds Selbstmord Zeugin, er wollte noch testamentarisch für sie sorgen, aber sie ist später völlig verarmt gestorben.

MM: Als Theaterkind der mittleren bis späten 1970-Jahre muss ich gestehen, dass ich mit Raimund lange Zeit wenig anfangen konnte. Die Aufführungen waren mir zu lieblich, zu süßlich, zu viele rosa Rüschen, wenn ich das so sagen darf – bis endlich Regisseurinnen und Regisseure herangewachsen sind, die die dunkle Seite seiner Zauberpossen erkannt und bedient haben. Was meinen Sie, hat sich punkto Aufführungspraxis und Rezeption gewandelt?

Eckert: Diese Zauberwelt, die eine ganz große Poesie und sehr viel Humor hat, das finde ich bei Raimund ganz wesentlich, und auch im Stück von Felix Mitterer so schön herausgearbeitet, existiert ja. Trotzdem, wie Sie sagen, gibt es dahinter auch eine genaue Sicht auf die Menschen. „Der Diamant des Geisterkönigs“ beispielsweise ist sogar ziemlich brutal. Auch „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ ist ein in dieser Hinsicht erstaunliches Stück. Raimund zeigt einen Kosmos verschiedenster Charakterzüge, auch die unangenehmen, die grauslichen. Das muss man sehen, aber nicht draufhauen. Insofern hat sich die Aufführungspraxis sicher geändert.

Mitterer: Mir ist es auch so gegangen. Als Tiroler Bub kannte ich Raimund-Inszenierungen nur von Fernsehaufzeichnungen, und die waren mir viel zu zuckersüß. Aber es gab auch Ausnahmen, immer wenn die Hörbigers spielten, das fand ich damals schon gigantisch.

MM: Lassen Sie uns über die Besetzung sprechen: Johannes Krisch ist natürlich der Glücksfall als Ferdinand Raimund. Wie haben Sie ihn gewonnen?

Eckert: Lassen Sie es mich so sagen: ich habe mich sehr um ihn bemüht. Es ist ein ganz wesentlicher Teil meiner Aufgabe, eine Besetzung zusammenzustellen, an die ich glaube. In diesem Fall steht und fällt das Stück mit der Figur des Raimund. Ich habe Johannes Krisch das Stück geschickt, ich habe ihm schon vergangenes Jahr eine Rolle angeboten, aber er hat mich freundlich versetzt wegen Dreharbeiten oder etwas anderem. In diesem Fall hat er mich am nächsten Tag zurückgerufen, und war offensichtlich vom Stück und der Rolle so begeistert, dass er mir zugesagt hat. Das ist großartig, weil er quasi seine sommerliche Drehzeit diesmal uns geschenkt hat.

Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Moritz Schell

Larissa Fuchs als Luise Gleich, Johannes Krisch und Anna Rieser als Toni Wagner. Bild: © Moritz Schell

MM: Die Damen im Ensemble sind …?

Eckert: Anna Rieser ist Toni Wagner. Sie feiert große Erfolge am Landestheater Linz, ist dort ein echter Publikumsliebling, und ich denke, dass sie mit ihrem Charme und gleichzeitiger Herbheit eine ideale Toni ist. Larissa Fuchs ist die Frau von Johannes Krisch und ist besetzt als Raimunds Ehefrau Luise Gleich, die beiden haben am Berliner Ensemble gemeinsam „Liliom“ gespielt, Larissa Fuchs die Julie, das war ganz fabelhaft. Luise Gleich ist bei Felix Mitterer eine extrem vielschichtige Figur, ich finde diese beiden Frauen und wie Raimund zwischen ihnen aufgerieben wird, herzzerreißend. Lisa Schrammel vom TAG spielt Therese Krones und wird das berühmte „Brüderlein fein“ singen.

MM: Edu Wildner ist wieder mit dabei …

Eckert: Natürlich. Er verkörpert nicht nur den Wüstling Fürst Kaunitz, sondern auch die Mutter Wagner, eine wunderbare Rolle. Gerhard Kasal von der Josefstadt spielt Johann Landner, Raimunds Freund und lebenslange Stütze, Reinhold G. Moritz unter anderem den zwielichtigen Vater von Luise Gleich, der, wie schon gesagt, seine Tochter an Kaunitz verkauft hat, und Theaterdirektor und Stückevielschreiber war – ich glaube, es sind mehr als 100.

Mitterer: Die Besetzung ist perfekt. Ich freue mich, dass sie alle das Stück so mögen, und es, wie ich vorhin sagte, mit trockener Verzweiflung spielen. Das macht es komödiantisch, obwohl die Geschehnisse ja nicht komisch sind.

Nachmittagsstimmung. Bild: © Kern Jochi

Das Theaterzelt am Abend. Bild: © Karl Denk

MM: Sie wirken dies Jahr nicht auf der Bühne mit?

Eckert: Nein, es gibt in dem Stück keine Rolle für mich. Ich war die letzten Monate ohnehin mehr als ausgelastet mit meinen beiden Burgtheaterengagements, und diese Uraufführung aus der Taufe zu heben, ist kein leichter Job. Ich bin hier Intendantin und trage letztlich die Verantwortung für das künstlerische Ergebnis. Das nehme ich sehr ernst. Ich sitze bei jeder Probe, mache meine Anmerkungen, manchmal Verbesserungsvorschläge. Ich könnte dieses Jahr gar nicht daneben auch noch spielen. Das wäre fahrlässig. Trotzdem bin ich natürlich während der Festspielzeit präsent, es wird einen Chansonabend mit dem Titel „Damenwahl“ geben, an dem ich Wienerlieder, französische, englische und jüdische Lieder singen werde, begleitet von Tommy Hojsa, Otmar Klein und Lenny Dickson. Den Abend haben wir mit großem Erfolg bereits in Wien gespielt und jetzt freuen wir uns auf Gutenstein. Am zweiten Spieltag der Saison führe ich ein Gespräch mit Felix Mitterer und bin wöchentlich Gastgeberin bei den Literaturprogrammen, zu denen ich Erika Pluhar, Emmy Werner und Michael Köhlmeier eingeladen habe.

MM: Das Ende von Ferdinand Raimund wird sehr dezent abgehandelt.

Eckert: Felix Mitterer war wichtig, dass von Raimund an diesem Abend nicht der Selbstmord, der Schuss in den Mund bleibt, er wollte, dass sein Werk, seine Poesie das letzte Wort haben. Daher endet das Stück mit dem „Hobellied“ – „Da leg ich meinen Hobel hin und sag der Welt Ade“ und nicht mit seinem furchtbar traurigen, qualvollen Suizid.

Mitterer: Raimunds tagelangen Todesqualen wollte ich wirklich nicht beschreiben. Seltsam, diese Angst, an Tollwut zu erkranken! Und dann wurde er von seinem eigenen gebissen und hat ihn erschlagen. Dabei war er ein großer Hundeliebhaber und hat immer einen Hund gehabt …

MM: Zum Schluss gefragt: Frau Eckert, Sie waren, wie Sie vorher erwähnten, nun zwei Mal am Burgtheater zu sehen, als Frau Sidonie Knobbe in „Die Ratten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521) und mit Markus Meyer im Kasino in „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33364)

Eckert: … es war für mich wunderschön und wichtig, in dieser Stadt wieder als Schauspielerin vorzukommen, und ich habe gemerkt, dass sich das Publikum freut, mich wieder zu sehen. „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ war innerhalb von zwei Stunden ausverkauft. Insofern waren diese Produktionen ein Heimkommen, und ich kann Karin Bergmann nur tausend Mal danken, dass sie mir beide Rollen anvertraut hat, die großartige Erfahrungen waren, die Arbeit mit Andrea Breth wirklich etwas Besonderes, das Tanzstück, wo ich so gerne tanze … Das alles war einfach ein riesiges Glück.

MM: Aus dem sich Weiteres ergeben hat?

Eckert: Bis jetzt nicht. Das ist kein Problem, mein Beruf lässt mich schon nicht verkommen. Ich bin total entspannt und keine, die wartet, dafür bin ich viel zu ungeduldig. Wenn’s kein Angebot gibt, erfinde ich mir eine Arbeit, drehe einen Film oder gebe einen Chansonabend, mache selber etwas. Im Herbst mache ich einen Kinofilm in Deutschland und komme bei der nächsten Staffel der „Vorstadtweiber“ als „Greta Morena“ ins Fernsehen, eine Dame, die von der Münchner High Society zurück aufs Wiener Gesellschaftsparkett wechselt. Ich habe immer Arbeit, meistens zuviel. Nur nach der Bewerbung um die Leitung des Volkstheaters 2003 und der Nestroy-Gala, bei der ich mich gegen schwarz-blaue Regierung ausgesprochen hatte, gab’s einen Moment, da war’s wirklich kompliziert. Das war beruflich katastrophal, vor allem beim ORF, der über Jahre kein Drehangebot für mich hatte. Aber es ging weiter, und aus dieser Erfahrung schöpfe ich heute die Zuversicht, es ging und es geht sich immer aus.

Mitterer: Ja, so ist es, gell. Ich habe für die Tiroler Volksschauspiele Telfs „Verkaufte Heimat“ geschrieben, das wird am 25. Juli uraufgeführt und ist ein historisches Stück, das im Jahr 1939 spielt, als die Südtiroler die Option hatten, der Musolini- oder der Hitler-Propaganda zu glauben, also italienische Staatsbürger zu sein oder ins Deutsche Reich zu gehen. Das wird in einer der Südtiroler-Siedlungen aufgeführt, die in ganz Tirol sukzessive abgerissen statt als Kulturgut erhalten werden. Dann kommt am 14. August in Schwaz die Uraufführung von „Silberberg“, wo’s darum geht, wie Kaiser Maximilian den Bergbau an die Fugger verkauft hat. Und dann schreibe ich wieder was für die Josefstadt.

MM: Und da nun das Wort Volkstheater gefallen ist, darf ich fragen, ob Sie den designierten neuen Direktor Kay Voges kennen?

Eckert: Nein, ich fand ihn in allen Interviews sehr sympathisch. Ob er die richtige Mischung für das Volkstheater finden wird, werden wir sehen. Ich hoffe es sehr, weil mich der doch oft sehr schüttere Besuch dort bekümmert. Ich finde, das Volkstheater ist ein wunderbares Haus, und ich wünsche ihm von Herzen alles, alles Gute.

www.raimundspiele.at

6. 7. 2019

TAG: Die Ratten

April 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kind als Kapital und Konsumgut

Herr John ist überglücklich, doch Frau John hat ihrem Bruder bereits einen mörderischen Auftrag erteilt: Michaela Kaspar und Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

„Frei nach“ Gerhart Hauptmann nennt Bernd Liepold-Mosser seine Version von dessen Tragikomödie „Die Ratten“, und kommt dabei dem Original in der Intentionen so nahe, dass es greifbarer kaum geht. Am TAG hat der Sozialphilosoph unter den Theatermachern seine Fassung des berühmten Naturalismusstücks zur Uraufführung gebracht, als ein Gedankenspiel, auf das man allerdings gewillt sein muss, sich einzulassen. Wer dies tut, wird mit einem Bühnenerlebnis der Extraklasse belohnt.

Liepold-Mosser und Ausstatterin Karla Fehlenberg versetzen die Akteure in eine Art dystopische Laborsituation. Weiße Wände umgrenzen die klinische Versuchsanordnung, aus der es kein Entkommen gibt, weshalb die fünf Schauspieler permanent auf der Spielfläche sind – ein Kraftakt, auch wegen des hohen Tempos, in dem das 90-minütige Geschehen abläuft. Was Liepold-Mosser in diesem Setting schildert, ist das Sozialdrama eines Mittelstands, der seine Existenz auf schwankenden Boden gebaut hat. Zwar gilt für Herrn John noch das von allen Figuren vorgebetete Mantra, als fix Verankerter auf dem Arbeitsmarkt, Nachsatz: „Was heutzutage etwas heißen will“, sei er eine wichtige Größe in der Erwerbswelt.

Der Warenhandel an der Wiege: Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Inzestuöse Geschwisterliebe: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Doch dräut am Horizont schon der „Abstieg“ ins freie Unternehmertum, weil, wer nicht zu hundert Prozent einsatzwillig für die Firma ist, in diesem Falle, man weiß es, wegen der vermuteten Vaterschaft, alleine schauen muss, wo er bleibt. Liepold-Mosser hinterfragt mit seiner „Ratten“-Interpretation derart nicht nur die Schattenseiten eines heutigen kapitalistischen Systems, er verschiebt Arbeitsdruck, Ausnutzung, Nutzbarmachung des Menschen auch vom Beruflichen ins Private – zu Frau John und Pauline. Der nämlich stellt die Kindswütige die Alleinerzieherinnen-Armutsfalle in Aussicht, sollte sie sich nicht zur Abgabe des Neugeborenen entschließen.

Die Gleichung, die Liepold-Mosser aufstellt, lautet: Kind ist gleich Paulines Kapital ist gleich ein Konsumgut für Frau John, und so ist es nicht verwunderlich, dass es im Weiteren „das Ding“ oder „die virale Sache“ genannt wird, die Pauline, als wär’s eine Maschine, bei Frau John schließlich doch „in Betrieb gegeben hat“. Der Geburtskanal als Vertriebskanal. Liepold-Mosser hat eine mäandernde, sich stetig wiederholende Kunstsprache erdacht, doch was vom Dialekt befreit ist, immerhin an der Donau verankert, in die sich Pauline statt des Berliner Landwehrkanals erst stürzen will.

Michaela Kaspar als Jette John und Lisa Schrammel als Pauline machen „Die Ratten“ mit ihrer intensiven Darstellung zum Königinnendrama, auch dies etwas von Hauptmann Gewolltes, war doch sein Credo, dass untere Gesellschaftsschichten um nichts weniger als gekrönte Häupter für die große Tragödie taugen. Kaspar und Schrammel gestalten den Infight zweier Frauen meisterlich, manipulativ schmeichlerisch, dann wieder beinhart bedrängend die eine, vehement ihr Recht einfordernd die andere, Pauline hier als 24-Stunden-Pflegekraft aus einem Drittstaat ausgewiesen und damit eine ebenso prekäre Person, wie ihre Piperkarcka-Vorgängerin, auch wenn ihr Frau John zynisch versichert, ohne Babypause könne sie endlich jobmäßig durchstarten.

Performt den Nachbarschaftssong: Georg Schubert mit Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bruno ist Pauline auf den Fersen: Raphael Nicholas und Lisa Schrammel, vorne: Michaela Kaspar und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen scheint als Herr John ein Versicherungsvertreter für Zukunftsvorsorgen zu sein, und Claßen erzählt den draußen erfolgreichen Pragmatiker daheim als gutgläubigen Toren, dem zu spät die Augen aufgehen. Wenn Frau John über ihren Mann punkto Fortpflanzung sagt, er sei kein begnadeter Miterzeuger, aber ein perfekter miterzeugender Verantwortlicher, so ist diese Figur treffend beschrieben. Georg Schubert versammelt als neugieriger, nervtötender, unangenehmer Nachbar das übrige Personal der zum noch nicht ganz abbezahlten Eigenheimrefugium mutierten Zinskaserne in sich.

Er hat als Lauscher das Ohr wahlweise an der Wand oder auf dem Boden. Als „verschärfte Kontrollinstanz“, wie sich der Nachbar selber nennt, singt und tanzt er, und bestreitet zweifelsfrei den von Hauptmann als satirisch überspitzt vorgesehen Komödienanteil am Drama. Und dann ist da noch Frau Johns kleinkrimineller Bruder Bruno, der sein Handeln bei Liepold-Mosser damit rechtfertigt, ein „Modernisierungsverlierer“ zu sein. Raphael Nicholas spielt ihn als eifersüchtiges Mannkind, der mit dem Säugling um die Liebe seiner Schwester buhlt.

Wobei die beiden aus ihren inzestuösen Anwandlungen kein großes Geheimnis machen. „Du bist die Festplatte, aber ich bin die Maus“, sagt dieser Bruno zu Jette, bevor er sich die Nagermaske aufsetzt und zum gefährlich die Szenerie umschleichenden Raubtier wird. Das von der Inszenierung festgeschriebene „Alles hat seinen Preis“ wird in voller Doppeldeutigkeit auch ihn treffen. Liepold-Mosser und Fehlenberg haben eine pastellästhetische Optik fürs düstere Treiben gewählt. Das verläuft an sprachlosen Stellen nach einem streng choreografierten Bewegungsmuster. Bei Frau Johns Irrsinnstango mit der von der Decke abgehängten Pappkartonwiege. Wenn Pauline und Bruno das Bühnengeviert abschreiten – und man nach der zweiten Kurve entsetzt bemerkt, dass er sie immer mehr einholt. Bruno gehört denn auch der finale Song über eine Wasserleiche als Nahrungsquelle für ein Rattennest. Ein Text, der das Homo homini rattus auf die Spitze treibt.

Liepold-Mosser zeigt den Menschen, wie er sich im engen Käfig seiner Lebenswünsche verfängt, und überlässt es dem Publikum Worten wie Ausbeutung oder Zerfleischung die Silbe „Selbst-“ voranzustellen. Dass sich seine „Ratten“ auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik abspielen, auch das ist im Sinne des Erfinders Hauptmann – und natürlich das künstlerische Charakteristikum des TAG.

Trailer: vimeo.com/327432694

dastag.at

  1. 4. 2019

TAG: Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume

Februar 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Arturas Valudskis verzaubert Anton Tschechow

Einmal packt auch die Ranjewskaja zu: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas als Trofimow, hinten: Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Georg Mayer

Sommergäste! Schnaubt die illustre Gesellschaft und findet den Gedanken so abwegig, dass sie darüber nur in Gelächter ausbrechen kann. Derart fein gearbeitet ist der Witz, mit dem Arturas Valudskis seinen „Kirschgarten“ im TAG gestaltet. Denn „Sommergäste“ ist gleich Gorki, und der wiederum war mit Tschechow zwar befreundet, doch teilte der ältere die politisch-revolutionären Ansichten des jüngeren nicht.

In einem Brief hielt Tschechow sogar fest, er misstraue der gesamten Intelligenzija, da heuchlerisch und hysterisch und einen Stillstand beklagend, der aus ihrem eigenen Schoß krieche. Womit das Personal seiner Obstplantagenkomödie versammelt wäre. Valudskis‘ Zugriff auf den Stoff ist ein radikaler. Aus dem Vergleichen verschiedener Textversionen ist sein Destillat entstanden, 90 Minuten bis „Baum fällt!“, und wie stets setzt der aus Litauen stammende Regisseur für sein schwarzes Theater, für sein – im Grotowski’schen Sinne – Armes Theater neben einer genauen Sprache auf die Körperpräsenz seiner Schauspieler. Die diesmal fast zur Gänze aus dem TAG-Ensemble sind. Michaela Kaspar spielt die aus Paris heimgekehrte Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja als elegant-elegische Erscheinung, nur einmal packt sie zu, aber da richtig, Georg Schubert deren Bruder Gajew als vom Billard besessenen Gemütsmenschen.

Gutsbesitzers sind pleite: Michaela Kaspar und Georg Schubert als Gajew. Bild: Georg Mayer

Raphael Nicholas als Firs, hinten: Georg Schubert, Jens Claßen und Michaela Kaspar. Bild: Georg Mayer

Lisa Schrammel ist sowohl als romantisch veranlagte Tochter Anja wie als patente Pflegetochter Warja zu sehen, TAG-Gast Karola Niederhuber kommen als Gouvernante Charlotta die clownesken Szenen zu, und auch Raphael Nicholas teilt sich in zwei Charaktere auf – ein von ihm wunderbar gezeichneter Kontrast als ewiger Student Trofimow und als gichtfingriger Tattergreis Firs. Jens Claßen schließlich gibt als Lopachin eine Glanzleistung. Von diesem kommt der verspottete Vorschlag, das Grundstück für Ferienhäuser zu parzellieren. Denn die Herrschaften sind bekanntlich pleite.

Der ehemalige Leibeigene, nun Kaufmann, ist der einzige, der über Vermögen verfügt. Der Rest hofft auf Gott oder Kredit oder Hilfe von Großtantchen. Valudskis erschafft poetische Bilder. Er verzaubert Tschechow. Ein Telegramm aus Paris landet als Papierflieger auf der Bühne und wird dort, weil unliebsamen Inhalts, zum Schnipselregen. Steine von der Seele fallen tatsächlich, und was sich hinter einer Türattrappe an Gerangel und Getrampel zuträgt, vermag man nicht einmal zu erahnen. Immer wieder trägt Charlotta im Hintergrund den im Fluss ertrunkenen kleinen Sohn der Ranjewskaja vorbei.

Eine Erinnerung ans Verlorenhaben. Das sind die Momente, in denen Valudskis die Situationskomik und den Wortwitz innehalten und die Tschechow’sche Melancholie zu ihrem Recht kommen lässt. Behutsam, beinah nur im Unterbewusstsein, platziert Valudskis diese Botschaften. Da steht das in seinen Ritualen festgefahrene Faktotum Firs für die gesamte änderungsunfähige Clique, die Lopachin wie eine lästige Fliege wegwedelt, weil nicht neu sein kann, was nicht sein darf. Da reden sich Kapitalist Lopachin und Sozialist Trofimow über die Definition des „stolzen Menschen“ die Köpfe heiß, der Proletariatsphilosoph und der wahrhaftige Mann aus der Arbeiterklasse, und als zweiterer von Warja schlussendlich den Schlüsselbund für Haus und Hof ausgehändigt bekommt, wirkt der darüber gar nicht glücklich, sondern – zornig, irgendwie.

Im Papierschnipselregen: Karola Niederhuber als clowneske Gouvernante Charlotta und Jens Claßen als Lopachin. Bild: Georg Mayer

Die Intensität, mit der das alles abläuft, ist hoch. Und weil das Beste zum Schluss kommt, hat sich Valudskis dafür ein besonderes da capo al fine ausgedacht. Während nämlich Lopachin an einer Stelle versucht, das Alte rauszuwerfen, heben, tragen, schleppen Gutsbesitzers ihre Habe an anderer wieder herein. Ein „Sesselkreis“, der klar macht, dass es gar nicht so einfach ist, das Gestern loszuwerden. Wofür Russland durchaus ein passendes Beispiel ist …

Trailer: vimeo.com/314104883

dastag.at

  1. 2. 2019

TAG: Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik

November 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die amüsante Misere der Medienmenschen

Jens Claßen, Lisa Schrammel, Monika Klengel und Georg Schubert. Bild: Anna Stöcher

Die politische Utopie ist tot, die untote Vergangenheit lebt. Auf diesen Punkt bringt am Ende einer der Protagonisten die Situation der Nation, wenn nicht der Welt, und es wäre ein allzu deprimierendes, wäre man nicht zuvor zwei Stunden lang im TAG gesessen. Dort hat sich einmal mehr Ed. Hauswirth mit seinem Grazer Theater im Bahnhof unters Wiener Ensemble gemischt.

Diesmal mit dem Ansinnen entlang Boccaccios „Il Decamerone“ eine aberwitzige Farce über die heimische Politik- und Medienlandschaft zu entwickeln. Ja, „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“ befasst sich tatsächlich mit dem Journalismus. Da fühlt man sich ein wenig auf den Nabel geschaut, schon TAG-Chef Gernot Plass‘ Aufsatz auf dem Programmzettel kann man gleichsam nur schuldbewusst abnicken – als selbsternannte Meinungsmacherin, und wenn man im vollen Zuschauerraum diejenige ist, die an diversen Stellen am lautesten lacht, dann wegen: naja, Auskennerin eben. Wie immer haben Hauswirth und Team den Text nach geführten Interviews entwickelt, und da müssen einige Kolleginnen und Kollegen niedergeschmettert von der eigenen Branche aus dem Nähkästchen geplaudert haben, so absurd, so traurig, aber wahr ist der Abend, der daraus entstanden ist.

An diesem versammeln sich acht „publizierende Persönlichkeiten“ in einer Mäzenatenvilla am Semmering, das macht man seit ewig so, zum Ausspannen vom harten Kampf um die Aktualität, diesmal allerdings scheint die Zusammenkunft mit einer biedermeierlichen Realitätsflucht zu tun zu haben. Handys werden weggesperrt, Cocktails gemixt, die Frauen gehen joggen, die Männer kochen, über der von Johanna Hierzegger sparsam gestalteten Spielfläche kann das Publikum auf zwei Monitoren verfolgen, was drinnen in den Zimmern und draußen in der Natur vor sich geht. Die Laune ist zunächst bestens, die Musik laut, dazu wird sich zum Wettnageln nackig gemacht.

Raphael Nicholas und Beatrix Brunschko. Bild: Anna Stöcher

Beatrix Brunschko und Lorenz Kabas. Bild: Anna Stöcher

Doch man hat eben über die Jahre miteinander nicht nur geflirtet, gesungen und Sex gehabt, man hat auch miteinander gearbeitet, geschrieben und einander bis weit über die Schmerz- und Schamgrenze ausgenützt. Wo Alkohol ist, ist Auseinandersetzung, und so geraten die Kumpane alsbald aneinander. Monika Klengel spielt dabei Linde, eine in ihrem Glauben an sich selbst unerschütterliche Ex-Chefredakteurin, die einst mit einem Wochenmagazin spektakulär scheiterte, und dabei etliche von ihr angeheuerte Freunde mit in AMS-Gefilde riss.

Weil man dort für die schreibende Zunft keine Jobs, sondern nur ein Kopfschütteln übrig hat, arbeiten die Fifty-Somethings nun allesamt als „Freie“. Passé ist das Angestelltendasein, perdu sind die 15 Monatsgehälter, man hält sich mit Bücher- und Reden-Schreiben, mit Podcasts und Blogs mehr schlecht als recht über Wasser, aber immer noch den Kopf oben, denn man hat sie noch – seine Integrität. Die zu beschädigen tritt Markus an. Lindes ehemaliger Praktikant ist der einzige, der es geschafft hat, er ist nun „geschäftsführender Chefredakteur“ eines Boulevardblatts.

Dieses offenbar ein veritables Krawallmachermedium, das den rechtspopulistischen Regierungskurs hochjubelt. Raphael Nicholas gestaltet die Art affektierten Teflonmann, dessen sleeke Selbstverliebtheit aus allen Poren tropft, und dass dieser Markus etwas Mephistophelisches hat, zeigt sich auch dann, wenn er am Schluss zur scheinheilig-reuigen Fußwaschung der gewesenen Verbündeten antreten muss.

Zuvor aber bietet dieser Markus dem einen, nicht unbedingt ebenso dem anderen einen Schreibtisch in seinem Medienimperium an. Und weil die Lage der Angesprochenen prekär genug ist, wird nun überlegt: „Schreibende Nutte für ein Drecksprojekt“ werden? Sich vom Geld korrumpieren lassen und eine Kolumne über Volkskultur verfassen? Prinzipien, aber in der Tasche den letzten Cent haben? Fronten brechen auf, und die Pest wütet nicht weniger als im „Decamerone“. In dieser Stimmung entfalten Hauswirth und Mitstreiter nun ihre Kritik am System und an sich selbst, kriegt doch in erster Linie das kollektive linksintellektuelle In-Ohnmacht-Fallen angesichts herrschender Verhältnisse eins aufs Dach.

Georg Schubert, Juliette Eröd, Lisa Schrammel und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Fassungslos stehen die Figuren vor dem Fakt, dass ihre gut eingeübten gesellschaftlichen Diskurse nichts mehr gelten und plötzlich die ideologische Gegenseite die öffentliche Hegemonie beansprucht. Politiker machen sich via Twitter ihre Nachrichten selber, Plattformen regieren über Blattformen. Und während man sich an Markus anbiedert oder sich ihm gegenüber abweisend verhält, wird gestritten, geprügelt, gejammert, entgleist.

Wird Faschismus-Fantasien und solchen über Bürgerwehr und Blasmusik, Reaktion und Ressentimentkultur freier Lauf gelassen. Das alles könnte konzentrierter sein, vor allem in der letzten halben Stunde zerfasert die Aufführung von der brisanten Pointiertheit doch in die Beliebigkeit, gerät die Zankerei zunehmend zäh.

Nichtsdestotrotz sind die Schauspieler gewohnt großartig: Beatrix Brunschko als feministischer Freigeist Barbara, Juliette Eröd als esoterisch angehauchte Dora, die noch dazu frischen Trennungsschmerz zu verwinden hat, Jens Claßen als verbrauchter, ausgeschriebener Frank, den seine junge, noch an das Gute im Journalismus glaubende Geliebte Birgit, Lisa Schrammel, unbedingt zum Vater machen will, Georg Schubert als Harry, dieser seit seinem Absturz Lohnschreiber in SPÖ-Diensten. Lorenz Kabas schließlich gibt den gutmütigen Querdenker Clemens, er als Standesvertreter einer bedrohten Art zweifellos der Sympathieträger des Abends. Weshalb ihm in einer der zahlreichen surrealen Szenen, zu einer endlosschleifigen, in Englisch gehaltenen Kanzler-Kurz-Rede, auch der beste Satz gehört, nämlich: „Ignorieren Sie diese Stimme!“

Trailer: vimeo.com/300373630

dastag.at

  1. 11. 2018