TAG online: Medea – Ich, ich, ich, ich!

Dezember 8, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Ausländerin einfach abschieben

Michaela Kaspar als vor Zorn rasende Andrea/Medea: Bild: © Anna Stöcher

Um die Zeit bis zum Lockdownende zu versüßen, schenkt das TAG seinem Publikum die Aufzeichnung der umjubelten „MEDEA Ich, ich, ich, ich!“. Die Inszenierung ist auf der neuen Plattform Stage+ unter stage-plus.art/medea kostenlos zu sehen, sie ist ein virtueller Vorgeschmack auf die letzte Live-Spielserie dieser Produktion: „MEDEA Ich, ich, ich, ich!“ wird im Februar und März 2022 letztmalig live auf der Bühne präsentiert. Hier noch einmal die Rezension vom Dezember 2019:

Da die Darsteller bei ihrem ersten Auftreten als attischer Chor Masken tragen, verweist dies bereits darauf, dass das Drama zur Groteske werden wird. Der Mythos der mordlüsternen Medea als spöttische Auseinandersetzung mit den Bürgern der Polis – so originalgetreu überschrieben hat Gernot Plass Euripides, und dem Namen der Barbarenprinzessin vier Ichs angefügt. Kennzeichnung einer Ego-Gesellschaft, in der jeder für sich und gegen alle anderen ist.

„Medea – Ich, ich, ich, ich!“, uraufgeführt im TAG, ist die komplett unterschiedliche, sich total gleichende Geschichte mit Ursprung Argonautensage, Andrea und Walter aka Medea und Jason als Yuppie-Paar, das die geschmackvoll-weiße Couch allerdings nicht zur Ehetherapie nutzt. Nein, zwischen Michaela Kaspar und Julian Loidl geht’s handfest zur Sache, ein Streit wegen des Gatten Seitensprung eskaliert, dieweil der Chor eben noch vor hochgespieltem Individualismus warnte, schlimmer ist es als die Frau befürchtet hat: Das Pantscherl basiert auf politischem Kalkül. Walter gesteht freimütig, ihm sei das höhere Töchterl Elisa lieber als die angetraute Lebensabschnittspartnerin.

Deren Vater Peter, früher König Kreon von Korinth, ist immerhin Bürgermeister, und Elisa/Kreusa beileibe nicht untätig, träufelt sie’s doch wie Gift in Daddys Ohr, er solle die Ausländerin per Dekret abschieben, die Fremde ein für alle Mal aus der Stadt entfernen lassen. Für Andreas Kinderchen hingegen hat Elisa durchaus Verwendung, wie schön, auf Mutti machen zu können, ohne die Unbill des Gebärens. Über so viel Chuzpe seiner Lendenfrucht steht sogar Jens Claßens Peter der Mund offen, er wird dennoch den Wunsch Elisas zu erfüllen trachten.

Walter/Jason will Lebensabschnittsgattin Andrea abschieben: Julian Loidl und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Bürgermeister Peter und Tochter Elisa aka Kreon und Kreusa: Jens Claßen und Lisa Schrammel. Bild: © Anna Stöcher

Messerattentäterin Andrea tötet Ehekonkurrentin Elisa: Michaela Kaspar und Lisa Schrammel. Bild: © Anna Stöcher

Der weinende Walter, die triumphierend blutverschmierte Andrea: Julia Loidl mit Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Lisa Schrammel schlüpft in diese Rolle, der Charakter der Kreusa von Gernot Plass, wiewohl er die griechische Tragödie insgesamt auf ihre immer noch Gültigkeit abklopft und für gut befindet, der am meisten ins Heute gehievte, denn Elisa ist ein manipulatives, machthaberisches Upper-Class-Miststück fernab jeder Jungmädchen- haftigkeit, geschweige denn Mitmenschlichkeit. Es macht einen frösteln, wie Plass die Figuren zwischen TAG-typischem Geplänkel und aggressivster Kontroverse wechseln lässt. Seine „Medea“ ist ein entsetzliches Vergnügen, der irrwitzige Plot um Beziehungskisten angereichert um den Wahnsinn der Themen Rassismus und Xenophobie – ein Fazit zum Umgang der selbsternannten Ersten mit der sogenannten Dritten Welt.

Selbstverständlich wird auch diesmal das Schlachtfeld der sexuellen Untreue mit Blut begossen, im ewig währenden Kampf der Geschlechter schont die Inszenierung niemanden. Vor allem Kaspar und Schrammel gehen mit brutaler Gewalt in den Infight, die europäische Bildungsbürgerin und die zu entsorgende Ehefrau aus einer, wieder und wieder wird’s gesagt, rückständigeren „Kultur“. Kaspar kann grandios toben, im Wortsinn archaisch – und wie!, Schrammel so groß- wie unartig skrupellos sein, letztlich aber, eine so schlimme, wie die andere, überlappen die beiden Plass-Charaktere. Schauderhaft die Szene, in der Elisa endlich die Beherrschung verliert und kaltschnäuzig zugibt, sie hätte sich die Bastardsöhne zwecks „für uns die Drecksarbeit erledigen“ ins Haus geholt, grauenvoll die Reaktion Andreas, die zur Vermeidung der Ausweisung erst Peter anbaggert, bis –

Der Chor der attischen Tragödie: Julian Loidl, Jens Claßen, Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

sie beginnt, die Leichen zu Bergen zu stapeln. Auf diese Bestialität hat sich die Aufführung hundert atemlose Minuten lang zugespitzt, der Abend ist von der ersten bis zur letzten von fiebrig vibrierender Spannung, alle beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil der Existenzbedrohung, auch Claßens gern mal laut werdender Lokalpolitiker, auch Loidls begriffsstutziger, Schwanz einziehender Anti-Held, der ja zumindest seit Grillparzer zum rückgratlosen Schwächling deklariert ist. Derart changiert „Medea – Ich, ich, ich, ich!“ im TAG von literarischen Bezügen zu deren Brüchen.

Die Sprache des Plass’schen Textes ist stark, seine Umsetzung auf der Bühne intensiv, zwischen Gut und Böse sind die Figuren hier jenseits von … und das Publikum mal bitter lachend, mal betreten Innenschau haltend. Medea/Andrea schießt sich ins Aus durch einen martialischen Spruch, den sie in ihrer Wut ausstößt. Bekannt kommt einem dieser Satz vor. „Was? ‚Ich bring sie um?‘ Mein Gott! Das wird man doch noch sagen dürfen!!!“ Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=36752

 

dastag.at           stage-plus.art/medea

8. 12. 2021

TAG: Ödipus. Eine Kriminalkomödie

Oktober 5, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Telefon-Orakel von Delphi weissagt ab 250 Euro

Nach Theben, was erleben: Stefan Lasko, Florian Carove, Julia Edtmeier, Lisa Schrammel, Jens Claßen, Michaela Kaspar und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Die Fusion des TAG-Ensembles mit den Kreativgeistern des Bronski & Grünberg, das ist Jazzrock pur, die verspielte Raffinesse des einen mit der rhythmischen Intensität des anderen, oder anders gesagt: Die Godfathers of Surreal Comedy – Monty Python wären wohl very amused über diese Collaboration.

Dies als Kompliment an Kaja Dymnicki und Alexander Pschill, die Text, Regie und Ausstattung der Kriminalkomödie „Ödipus“ verantworten, und an die Spielerinnen und Spieler Florian Carove, Jens Claßen, Julia Edtmeier, Michaela Kaspar, Stefan Lasko, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Georg Schubert, die in der expressiv-exaltierten Art beider Häuser den Sophokles-Stoff zur komischsten Tragödie ever machen. Beides – sowohl als die Antike imitierender Chor, denn auch als krisengebeutelte Protagonistinnen und Protagonisten.

Zu The Who’s, weil wer ist hier schließlich wer?, „Young Man Blues“ gibt’s XXX-Trash vor biederer Seventies-Fototapeten-Behausung. In Zimmer, Küche, Kabinett plus einer unsichtbaren Wand als Metapher, wird eine Houseparty vorbereitet. Käseigel, Mango-Bowle, Toast Hawaii, Karaoke und Rätselspiele der Zwillinge Sphinkt, eine Schicksalsfete, die das Königspaar Laios und Iokaste, Georg Schubert und Michaela Kaspar, vorbereiten, um das Thron- und Ehejubiläum nebst des losgewordenen, götterlästerlichen Unglückssprosses zu feiern.

Merope Mayer und Iokaste. Bild: © Anna Stöcher

Karaoke-Königin: Lisa Schrammel. Bild: © Anna Stöcher

Raphael Nicholas als Kreon. Bild: © Anna Stöcher

Stefan Lasko und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

ṓimoi! So einfach ist’s in Wien nicht. Derweil nämlich Laios den Korruptionsstaatsanwalt Theiresias MEYer, er weiß zuviel, er muss weg, einladen wollte, entsendete Iokaste das Schreiben ans Ehepaar MAYer, Jens Claßen und Lisa Schrammel als Polybos und Merope, die ob der Ehre zwar unsicher, aber angesichts von Schinkenrollen und Mayonnaise-Eiern gewiss, samt Ziehsohn Ödipus – !!! Theaterdonner – erscheinen.

Muss mehr gesagt werden, außer dass ein Slapstick mit Pistole im Anschlag und Koks Lines ausbricht, der seinesgleichen sucht; im Tyrannenstaat sind alle extrem schreckhaft, Stichwort: Türklingel; jene, die eben noch unterwegs waren nach Theben, was erleben, sind nun in Geiselhaft eines bizarren Agatha Christie’s Whodunnit, ein Eindruck, den Florian Carove als Hercule-Poirot-Lookalike aka des blinden Sehers Theiresias MEYer noch bestätigen wird. Und großartig zeitpolitisch ist, wie Claßen und Schubert auf die orakelsüchtige Generation hindreschen, jeder (Wahl-)Spruch wie vom Stammtisch der Alles(besser)wisser, die Untergangspropheten auf dem Vormarsch. Das ist Nonsens auf höchstem Niveau, Nonsens mit Spür- und Hintersinn.

Ödipus also, Stefan Lasko, ist die Art findiges Findelkind, über dessen Neurosen die Neuronen heiß laufen, Geräusche dazu: Nadel kratzt über Schallplatte, Vinyl, wer will, und bei der Delphi-Telefonhotline gibt’s dazu wenig Anleitung zum offenbar Unvermeidbaren. Wunderbar reimt das Duo Dymnicki-Pschill Gyros auf Virus, denn klar kommt der COV19-Seuchen-Fluch vor. Julia Edtmeiers als gelangweilter Teenag-Nerd nennt das neue Staatsoperhaupt, den Stadtstaatneurotiker Öd-Ipus auf dessen Spottwort Anti-Gone; die aufsässige Tochter-Schwester-Enkelin eine Fridays-for-Future-Göre vom Feinsten; die ganze Familiensoap wie „Dynasty – Der Kreon-Clan“ für spaßbereite Altphilologen; Karrierist und zweimalig thronberaubter Kreon, als der Raphael Nicholas zwischen den Psychoticks seiner Schizosippe die Spatoi-Drachenzähne zusammenbeißt.

Polybos Mayer und Laios. Bild: © Anna Stöcher

Der blinde Theiresisas Meyer. Bild: © Anna Stöcher

Ein Anruf bei der Delphi-Hotline …: Bild: © Anna Stöcher

… und hereinbricht der Theaterdonner. Bild: © Anna Stöcher

Stellt sich Lasko mit „Ödipus“ vor, antwortet Kaspars Iokaste „Komplex, Ihr Name …“ Gibt es Stromausfall, schreit der Vatermörder-Mutterschänder: „Ich bin blind.“ Jeder Satz ein Lacher, Tschingderassabum! Selten hat man sich in zwei Stunden derart köstlich und geistreich amüsiert. Und keine Sorge, so schlimm wie beim Athener Dichter kommt’s nicht. Das Publikum hat nämlich Stimmrecht als jene Sorte Blitzdemokratie, wie’s die Populisten gerne hätten.

Soll er oder soll er nicht? Sein oder Nichtsein? Ist der Lauf der Dinge vorherbestimmt und launenhafte Gottheiten wählen Menschen für ihre grausamen Spiele willkürlich aus? Oder – welch ein moderner Gedanke – gibt es Ursache und Wirkung, eine stringente Ereigniskette aus dem Kleinsten ins Größte, aus dem Banalen ins Entsetzliche? Egal, wie man entscheidet, sagt Ödipus, es passiert, wie es denen da oben gefällt …

18 Jahre und vier gezeugter/adoptierter Kinder später trifft man erneut aufeinander. Geil, gefräßiger, süchtiger denn je. Same place, other husband, but still: Verwechslungsfarce. Let’s party! Doch der von seinen Visionen virtuos geschüttelte Carove-Theiresias liefert zu „A Whiter Shade Of Pale“ ein Kabinettstück ab, wenn er die Tötungsszene nachspielt. Bei einem letzten Abendmahl wird die rasche Tat bei einer Flasche Rot abgeurteilt. Ein Alternative-Fakten-Ende, ein posthomerisches Gelächter auf die präpotenten Olympier. Ein Bravissimo fürs Timing im Tempo. Und sollte vor dieser Politik jemand Panik haben … Attacke!

Trailer: vimeo.com/618879246           www.dastag.at            www.bronski-gruenberg.at

5.10.2021

TAG online: „Das Wachzimmer“ als Hörspiel

Mai 5, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein kafkaesker Franz hat einen Mord zu melden

Bild: Screenshot

Das TAG meldet sich aus der #Corona-Isolation mit der Uraufführung des Hörspiels „Das Wachzimmer“. Als Sprechtheater habe man sich bewusst dagegen entschieden, die lange Zeit der kulturellen Entbehrungen mit einem Wechsel zu „Theater aus der Konserve“ zu füllen, so das TAG-Team: „Das Wesen des Theaters ist unserer Meinung nach das Unmittelbare des Zusammenseins in einem Raum – gemeinsam mit

lebendigen, atmenden und ja, auch manchmal hustenden Menschen. Theater lebt von der immer wieder neuen Entstehung im Augenblick und von der direkten Wechselwirkung zwischen Publikum und Spielern.“ Nach Überlegungen, was man dennoch tun könnte, um ebendieses zu unterhalten und zu halten, entstand die Idee, ein Hörspiel zu produzieren. Für welches das Ensemble allein im jeweiligen Home Office vor den Computern saß. Die einzelnen Tonaufnahmen wurden parallel mit dem eigenen Handy aufgenommen und zusammengefügt. So entstand eine außergewöhnliche TAG-Produktion, die die Zeit des Wartens auf lebendiges Theater verkürzen soll.

Ein Dreiteiler, dessen erster ab heute auf dastag.at/hoerspiel kostenlos zu streamen ist, ein dramatischer Text vom künstlerischen Leiter Gernot Plass, der darin der Frage nach Wahrheit und deren Alternativen nachgeht, und der nach Deutungshoheit vor dem immer virulenter werdenden Hintergrund verschiedenster Krisensagas. Als Inspiration diente ihm Akira Kurosawas weltberühmter Film „Rashomon“. Eine Geschichte – vier Perspektiven. Ein Vorfall – vier unterschiedliche Wahrnehmungen desselben.

Mitten rein in eine Atmosphäre flackernden Neonlichts führt einen Erzähler Georg Schubert, in „Das Wachzimmer“ eben, wo Franz aka Raphael Nicholas verzweifelt darauf hofft, dass der Herr Wachtmeister endlich Interesse an seinem Anliegen bekundet. Ein psychotisches Bürscherl gestaltet Nicholas da, einen kafkaesken Protagonisten, was Wunder bei dem Vornamen, der nichts weniger als ein „entsetzliches Verbrechen“ mitzuteilen hat.

Text und Regie: Gernot Pass. Bild: Screenshot

Musik: Dr. Plass. Bild: Screenshot

Polizistin Lisa Schrammel. Bild: Felix Rank, Montage: Julia Mayer

„Frau Elisabeth“ Michaela Kaspar. Bild: Screenshot

Polizist Jens Claßen. Bild: Screenshot

Der Verdächtige Georg Schubert. Bild: Screenshot

Doch während er noch nervös auf seinem Stuhl hin- und herwetzt, man kann seine Anspannung förmlich fühlen, wird er von der Seite angequatscht. Von Daueranzeigerin Frau Elisabeth, der Michaela Kaspar eine gruselige Grandezza verleiht, eine Aura lesende, Gesichter sehende Kassandra, die zur Kulisse eines nun aufziehenden Gewitters, Donner, Blitz & Unheil, Franz‘ ganze mörderische Story hören will.

Schon befindet man sich, um bei Kurosawa zu bleiben im Dickicht zwischen einer Art übersinnlicher Gerichtverhandlung und dem „Wald der Dämonen“, er habe der Polizei längst nicht alles berichtet, und „Du lügst!“, sagt Frau Elisabeth dem Franz auf den Kopf zu. Der’s zunehmend mit der Angst kriegt, weil sie Dinge weiß, von denen sie nichts ahnen dürfte. Das Wach- könnte genauso gut das Wartezimmer einer Irrenanstalt sein, befindet nicht nur Franz, sondern bald auch der Zuhörer.

Da bringen die Polizisten Lisa Schrammel und Jens Claßen einen Verhafteten in den Raum, auch er gesprochen von Georg Schubert – und Franz glaubt im blutverschmiert und in Handschellen vorgeführten Muskelprotz seinen Verbrecher zu erkennen. Alldieweil die Alte immer kryptischer brabbelt – „unheimlich“, so Franz, „unheimlich wertvoll“, so der Polizist. „Der schwarze Koffer …“, ist so ziemlich das Letzte, das Frau Elisabeth in Episode eins stöhnt. Da wird Franz klar, dass man ihn zu einer Séance verschleppt hat und sein Zusammentreffen mit dem Verhafteten kein Zufall ist, soll Frau Elisabeth doch ihren Verdächtigen wählen …

„Das Wachzimmer“ ist ein witziges Whodunit, mit auch in der Quarantäne in bewährter Spieltriebighaftigkeit agierenden TAGern, dessen Hintersinn hinsichtlich Frau Elisabeths sechstem Sinn sich noch zeigen wird. Fürs Erste merke man sich den Codenamen Tiefenbach. Fortsetzung folgt in zwei Tagen.

„Das Wachzimmer“: Teil zwei ab 7. Mai, Teil drei ab 9. Mai, jeweils 15 Uhr.

Trailer: vimeo.com/413170918                     dastag.at/hoerspiel

  1. 5. 2020

TAG: Medea – Ich, ich, ich, ich!

Dezember 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Ausländerin einfach abschieben

Michaela Kaspar als vor Zorn rasende Andrea/Medea: Bild: Anna Stöcher

Da die Darsteller bei ihrem ersten Auftreten als attischer Chor Masken tragen, verweist dies bereits darauf, dass das Drama zur Groteske werden wird. Der Mythos der mord- lüsternen Medea als spöttische Auseinander- setzung mit den Bürgern der Polis – so originalgetreu überschrieben hat Gernot Plass Euripides, und dem Namen der Barbarenprinzes- sin vier Ichs angefügt. Kenn- zeichnung einer Ego-Gesell- schaft, in der jeder für sich und gegen alle anderen ist.

„Medea – Ich, ich, ich, ich!“, uraufgeführt am Wochenende im TAG, ist die komplett unterschiedliche, sich total gleichende Geschichte mit Ursprung Argonautensage, Andrea und Walter aka Medea und Jason als Yuppie-Paar, das die geschmackvoll-weiße Couch allerdings nicht zur Ehetherapie nutzt. Nein, zwischen Michaela Kaspar und Julian Loidl geht’s handfest zur Sache, ein Streit wegen des Gatten Seitensprung eskaliert, dieweil der Chor eben noch vor hochgespieltem Individualismus warnte, schlimmer ist es als die Frau befürchtet hat: Das Pantscherl basiert auf politischem Kalkül. Walter gesteht freimütig, ihm sei das höhere Töchterl Elisa lieber als die angetraute Lebensabschnittspartnerin.

Deren Vater Peter, früher König Kreon von Korinth, ist immerhin Bürgermeister, und Elisa/Kreusa beileibe nicht untätig, träufelt sie’s doch wie Gift in Daddys Ohr, er solle die Ausländerin per Dekret abschieben, die Fremde ein für alle Mal aus der Stadt entfernen lassen. Für Andreas Kinderchen hingegen hat Elisa durchaus Verwendung, wie schön, auf Mutti machen zu können, ohne die Unbill des Gebärens. Über so viel Chuzpe seiner Lendenfrucht steht sogar Jens Claßens Peter der Mund offen, er wird dennoch den Wunsch Elisas zu erfüllen trachten.

Walter/Jason will Lebensabschnittsgattin Andrea abschieben: Julian Loidl und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bürgermeister Peter und Tochter Elisa aka Kreon und Kreusa: Jens Claßen und Lisa Schrammel. Bild: Anna Stöcher

Messerattentäterin Andrea tötet Ehekonkurrentin Elisa: Michaela Kaspar und Lisa Schrammel. Bild: Anna Stöcher

Der weinende Walter, die triumphierend blutverschmierte Andrea: Julia Loidl mit Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Lisa Schrammel schlüpft in diese Rolle, der Charakter der Kreusa von Gernot Plass, wiewohl er die griechische Tragödie insgesamt auf ihre immer noch Gültigkeit abklopft und für gut befindet, der am meisten ins Heute gehievte, denn Elisa ist ein manipulatives, machthaberisches Upper-Class-Miststück fernab jeder Jungmädchen- haftigkeit, geschweige denn Mitmenschlichkeit. Es macht einen frösteln, wie Plass die Figuren zwischen TAG-typischem Geplänkel und aggressivster Kontroverse wechseln lässt. Seine „Medea“ ist ein entsetzliches Vergnügen, der irrwitzige Plot um Beziehungskisten angereichert um den Wahnsinn der Themen Rassismus und Xenophobie – ein Fazit zum Umgang der selbsternannten Ersten mit der sogenannten Dritten Welt.

Selbstverständlich wird auch diesmal das Schlachtfeld der sexuellen Untreue mit Blut begossen, im ewig währenden Kampf der Geschlechter schont die Inszenierung niemanden. Vor allem Kaspar und Schrammel gehen mit brutaler Gewalt in den Infight, die europäische Bildungsbürgerin und die zu entsorgende Ehefrau aus einer, wieder und wieder wird’s gesagt, rückständigeren „Kultur“. Kaspar kann grandios toben, im Wortsinn archaisch – und wie!, Schrammel so groß- wie unartig skrupellos sein, letztlich aber, eine so schlimme, wie die andere, überlappen die beiden Plass-Charaktere. Schauderhaft die Szene, in der Elisa endlich die Beherrschung verliert und kaltschnäuzig zugibt, sie hätte sich die Bastardsöhne zwecks „für uns die Drecksarbeit erledigen“ ins Haus geholt, grauenvoll die Reaktion Andreas, die zur Vermeidung der Ausweisung erst Peter anbaggert, bis –

Der Chor der attischen Tragödie: Julian Loidl, Jens Claßen, Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

sie beginnt, die Leichen zu Bergen zu stapeln. Auf diese Bestialität hat sich die Aufführung hundert atemlose Minuten lang zugespitzt, der Abend ist von der ersten bis zur letzten von fiebrig vibrierender Spannung, alle beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil der Existenzbedrohung, auch Claßens gern mal laut werdender Lokalpolitiker, auch Loidls begriffsstutziger, Schwanz einziehender Anti-Held, der ja zumindest seit Grillparzer zum rückgratlosen Schwächling deklariert ist. Derart changiert „Medea – Ich, ich, ich, ich!“ im TAG von literarischen Bezügen zu deren Brüchen.

Die Sprache des Plass’schen Textes ist stark, seine Umsetzung auf der Bühne intensiv, zwischen Gut und Böse sind die Figuren hier jenseits von … und das Publikum mal bitter lachend, mal betreten Innenschau haltend. Medea/Andrea schießt sich ins Aus durch einen martialischen Spruch, den sie in ihrer Wut ausstößt. Bekannt kommt einem dieser Satz vor. „Was? ‚Ich bring sie um?‘ Mein Gott! Das wird man doch noch sagen dürfen!!!“

 

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  1. 12. 2019

Raimundspiele Gutenstein: Brüderlein fein

Juli 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch als Choleriker mit sensibler Seele

Im Kampf mit seinen Dämonen: Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Joachim Kern

Ferdinand Ochsenheimer, Schiller-Star, Bühnenbösewicht, gefeiert am k. k. Hoftheater zu Wien, war also das große Vorbild. Lernt das Publikum unter Lachen, wenn Johannes Krisch ochsenheimerisch grimassiert, outriert, den Körper einmal um die eigene Achse schraubt – doch sein Ferdinand Raimund trotzdem nicht ans Burgtheater engagiert wird. Einige Szenen später, da ist Raimund schon die Wiener Volkstheater-Berühmtheit, den zu sehen

die Leute um die Häuserblocks Schlange stehen, wird er seinen Schauspielern jedes Extemporieren, jedes übertriebene Agieren verbieten. Der Dramatiker war nicht nur der beste Darsteller seiner Werke, sondern auch ein moderner Regisseur, der Disziplin und Texttreue einforderte. Dies nur eines der Dinge, die man in Felix Mitterers Raimund-Bioplay „Brüderlein fein“ über den Zauberpossen-Dichter erfährt, dessen Uraufführung Donnerstagabend bei den Raimundspielen Gutenstein mit Standing Ovations für Autor, Inszenierung und Ensemble endete. Intendantin Andrea Eckert hatte Mitterer als ausgewiesenen Experten fürs Historisch-Biografische mit dem Stück beauftragt, das nun chronologisch entlang Raimunds Leben und Schaffen verläuft, unterfüttert von Stück-im-Stück-Sequenzen und auch allerhand Zauberhaftem.

Auf den durch den Zuschauerraum wandernden Zuckerbäckerlehrling, der im Burgtheater in den Pausen Brezeln verkauft, und dort sein theatrales Erweckungserlebnis hat, folgen derart Fee Rosalinde und Nymphe Lidi – Figuren aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ -, die das Jungtalent mit allen Begabungen segnen, die es sich ersehnt. Mitterer erzählt im Zeitraffer von den wichtigsten Momenten, der Lebensliebe zur Kaffeehausbesitzerstochter Toni Wagner, der Ehe mit Schauspielkollegin Luise Gleich, die ihm ein Kind des Fürsten Kaunitz unterschob, zeigt Probenarbeit und Aufführungen und das Durchfallen von „Moisasurs Zauberfluch“ im Theater an der Wien. Der Name Nestroys irrlichtert durchs Geschehen, der große Rivale, der es hellhörig verstand, auf den Zug der Zeit aufzuspringen, schließlich das Hobellied statt des Pistolenschusses. Mitterer, seines Zeichens selbst Volksstückeschreiber, fährt seinen bewährten Mix aus Gelehrigkeit und Geschichtswissen auf, sein Drama wie immer durchsetzt von heiteren Episoden, und wenn der Tiroler über den Wiener sagt, er wäre ihm ein Bruder geworden, so glaubt man das aufs Wort.

Genialischer Dritter im Bunde ist Johannes Krisch, der Burgtheaterschauspieler auf Landpartie, der Ferdinand Raimund als den „leidenden Humoristen“ darstellt, als den ihn Zeitgenosse Carl Ludwig Costenoble einmal bezeichnete, Costenoble, der 1832 über Raimund in seinem Tagebuch vermerkte: „Der wird noch toll oder bringt sich um.“ Krisch, mit Hund Ariel als wuschelige Handpuppe, gibt den Komödianten, der so gern Tragöde sein wollte, in all seinen Extremen. Egal, ob ihm gerade rührselig ums Herz oder der Sinn nach kindlichem Überschwang ist oder „da Gache“, heißt: der Jähzorn, mit ihm durchgeht, gelingt Krisch das Psychogramm eines manischen Fieberkopfs, eines Cholerikers mit sensibler Seele, dessen Abstürze in die Depression, ins Hypochondrische für alle Beteiligten verheerend sind.

Liebeswerben bei Toni Wagner: Anna Rieser und Johannes Krisch mit „Hund“ Ariel. Bild: © Joachim Kern

Mutter Wagner ist darob nicht erfreut und erteilt „Trottoirverbot“: Eduard Wildner. Bild: © Joachim Kern

Therese Krones als „die Jugend“: Lisa Schrammel und Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Landpartie mit dem Freund Johann Landner: Johannes Krisch und Gerhard Kasal. Bild: © Joachim Kern

Nach der Pause zunehmend von Raimunds Dämonen getrieben, läuft Krisch zur Hochform auf, und eine schöne Idee ist, dass ihm Ariel im Zwischenmenschlichen als warnendes Gewissen zur Seite steht. Am Ende wird dieser Raimund, überzeugt, sich mit Tollwut infiziert zu haben, von Fabelwesen mit Hundsköpfen umzingelt werden … Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin stellen all das mit wenigen Mitteln auf die Bühne, Versatzstücke, ein Fenster, ein Alkovenbett, eine Gefängniszelle, werden rasant rein- und rausgeschoben, die Kostüme sind mit Reif- und Gehrock angedacht biedermeierlich. Tommy Hojsa begleitet die Handlung auf dem Akkordeon.

Aufgerieben wird Krischs Raimund zwischen den beiden Polen Luise Gleich und Antonie Wagner. Larissa Fuchs spielt erstere durchtrieben und berechnend, sie umgarnt den Dichter mit ihrem sinistren Plan der Eheschließung und ist gleichzeitig ebenfalls Opfer, des Fürsten Kaunitz, aus dessen Fängen es kein Entrinnen gibt. Krisch hat mit Fuchs starke Szenen. Wenn ein ganzes – imaginäres – Publikum ihm unter Buh-Rufen „G’heirat‘ wird!“ befiehlt, wenn er die untreue Gattin später während einer Vorstellung quer durch den Theatersaal jagt und würgt, da verbinden sich Verzweiflung und Furor und Volksstückewitz aufs Feinste. Fuchs hat zum Schluss noch einen feinnervigen Auftritt, als heruntergekommene Akteurin, die den Ex vergebens um ein Engagement anfleht.

Anna Rieser ist eine anrührende Toni Wagner, verständnisvoll, verzeihend, zu Raimunds Leidwesen kein Naturkind, sondern insektophobisch, was Rieser mit großem Vergnügen ausspielt, auch Raimunds Stimme der Vernunft, die ihn mahnt, künstlerisch bei dem zu bleiben, was er am besten kann und was sein Publikum schätzt – eine Einmischung in seine Belange, die sich der Egomane von der „Sitzkassiererin“, wie er sie schimpft, verbietet. Dennoch werden die beiden einander vor der Mariensäule in Neustift am Walde statt des dem Geschiedenen verbotenen Eheversprechens einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schwören. Lisa Schrammel bleibt als Therese Krones, diese immerhin die gefeiertste Schauspielerin ihrer Zeit, deren exaltierter Lebensstil ihr einen frühen Tod bescherte, zu sehr im Hintergrund, singt aber als „Jugend“, Krones‘ berühmte Hosenrolle in „Der Bauer als Millionär“, im Duett mit Krisch glockenklar das „Brüderlein fein“.

Sein Jähzorn bringt Ferdinand Raimund ins Gefängnis: Johannes Krisch, Tommy Hojsa, Eduard Wildner als Fürst Kaunitz, Reinhold G. Moritz als Josef Gleich, Larissa Fuchs als Luise Gleich. Bild: © Joachim Kern

Neun Rollen teilen sich drei Schauspieler: Gerhard Kasal ist unter anderem als Soproner Theaterdirektor Christoph Kunz und als Johann Landner zu sehen, Raimunds Freund und lebenslange Stütze. Reinhold G. Moritz spielt den schlitzohrigen Theatermacher und Schwiegervater Josef Gleich, den sterbenden, seinen Sohn verfluchenden Vater Raimund und brillant den für seine Spontaneinfälle berüchtigten „Agent aller heiteren Charaktere“, wie ihn Adolf Bäuerle einmal nannte, Friedrich Korntheuer.

Eduard Wildner erscheint zum Gaudium des Publikums als übellaunige Mutter Wagner und erteilt Raimund „Hausverbot, Fensterverbot, Trottoirverbot“; Wildner gibt gefährlich jovial auch den Fürsten Kaunitz, wegen dessen sexueller Lust auf Kinder ihm Luise Gleich vom Vater „als Gespielin verkauft worden“ war. Ein Schicksal, das, so stellte sich heraus, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog, 200 andere minderjährige Mädchen mit ihr geteilt haben.

Zum Ende eben „Der Verschwender“, Hobellied, und Mitterers Hommage an den Uraufführungs- und Raimunds Sehnsuchtsort, wenn er den Todgeweihten sagen lässt: „Begrabt‘s mich in Gutenstein, ja nicht in Wien“. Das ist freilich allemal einen Extra-Applaus wert. Mit „Brüderlein fein“ ist Felix Mitterer eine kitsch- und klischeefreie Vita-Verdichtung Ferdinand Raimunds gelungen, die zwischen plastischen Szenen und poetischen Passagen changiert, und Hauptdarsteller Johannes Krisch alle Register seines großen schauspielerischen Könnens ziehen lässt. Neben Mitterer galt ihm vor allem, der sich in gekonntem Alt-Wiener Dialekt in einen rappelkopfschen Wahn hineinwütet, der Jubel. Den die beiden Arm in Arm genossen.

Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=33961

www.raimundspiele.at

  1. 7. 2019