Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

„Vor der Morgenröte“ mit Josef Hader wird Österreichs Beitrag für den Auslandsoscar

September 6, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Maria Schrader verfilmte Stefan Zweigs Zeit im Exil

Im Exil in Brasilien: Josef Hader als Stefan Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Exil in Brasilien: Josef Hader als Stefan Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Maria Schraders Stefan Zweig-Porträt „Vor der Morgenröte“ mit Josef Hader in der Hauptrolle wird als österreichischer Beitrag für den Auslandsoscar eingereicht.

„Der Film setzt sich mit der letzten Lebensphase des österreichischen Schriftstellers auseinander und thematisiert auf sensible und eindringliche Weise seine Erfahrungen von Fremd-Sein, Exil und Entwurzelung. Josef Haders herausragende Darstellung des im brasilianischen Domizil zunehmend an Halt verlierenden Schriftstellers wird auf kongeniale Weise durch Wolfgang Thalers subtile Kameraarbeit unterstützt“, so die Begründung der Jury.

„Vor der Morgenröte“ trifft allerdings vor dem historischen Hintergrund einer durch den Nationalsozialismus zerrütteten Welt auch zutiefst aktuelle Aussagen zum Thema Flucht und Verlust von Heimat. Ganz im Sinne Stefan Zweigs reicht der Film über seine zeitgeschichtliche Dimension hinaus, und liefert ein tiefgehendes Plädoyer zu den brisanten Fragen unserer Zeit.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20437

Josef Hader im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20252

www.vordermorgenroete.x-verleih.de

Wien, 6. 9. 2016

Vor der Morgenröte

Mai 31, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Josef Hader beeindruckt als Stefan Zweig

Josef Hader und Aenne Schwarz. Bild: © Filmladen Filmverleih

Der Donauwalzer treibt dem berühmten Österreicher im brasilianischen Exil die Tränen in die Augen: Josef Hader und Aenne Schwarz als Stefan und Lotte Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Großer Bahnhof selbst noch im kleinsten Kaff. Stefan und Lotte Zweig besuchen 1941 eine brasilianische Zuckerrohrplantage, ein Dorfbürgermeister passt sie ab, der Ehrengast entrinnt seiner Ehrung nicht, peinlich ist das, die vor Aufregung schwitzenden Honoratioren mit ihren Ansprachen zum Fremdschämen.

Schon zwinkert Zweig seiner Frau verschwörerisch zu, da schrammelt die Kapelle den windschiefsten Donauwalzer, den man je gehört hat, und der Schriftsteller hat plötzlich Tränen in den Augen. Das ungefähr sind die Temperaturen zwischen denen sich Maria Schraders Film „Vor der Morgenröte“ bewegt. Am 3. Juni läuft er in den österreichischen Kinos an.

Josef Hader spielt Stefan Zweig. Er spielt ruhig, fast erstarrt, schweigsam, fast sprachlos, fremd und verloren und fassungslos, erschöpft von der Welt und der auf ihr herrschenden Zustände. Sonst ein Meister von feinem Spott und beißendem Sarkasmus, hat sich Hader für diese neue Rolle ein völlig neues schauspielerisches Instrumentarium zugelegt. Das heißt, das typische Staunen über den ihn umgebenden Irrsinn, sein Unverständnis über die Unzulänglichkeit des Menschseins, sind schon noch da, doch dazu ist Hader wie unter Zweigs Haut geschlüpft. Er hat sich den Autor quasi angezogen, den Pazifisten und Humanisten, den überzeugten Europäer und den Pessimisten, den schwierigen, vergrübelten, verschlossenen Menschen, der an sich und an den Umständen zerbrach. Nicht nur äußerlich möchte man Ähnlichkeit orten, sondern auch was das Wesen betrifft, eine Seelenverwandtschaft unter Künstlern, ohne die diese brillante Darstellung kaum möglich gewesen wäre. Josef Hader ist einmal mehr großartig.

Regisseurin Schrader erzählt episodisch. In sechs Bilder berichtet sie von Zweig im amerikanischen Exil, wie exemplarisch hat sie dafür einzelne Situationen ausgewählt. Auf dem Höhepunkt seines weltweiten Ruhms wird er in die Emigration getrieben und verzweifelt angesichts des Wissens um den Untergang Europas, den er schon früh voraussieht. „Wer keine Heimat hat, hat keine Zukunft“, lässt Schrader den Schriftsteller sagen. Rio de Janeiro, Buenos Aires, New York, Petrópolis sind vier seiner Stationen, er wird herumgereicht, ohne wirkliche Hilfe zu erfahren, der Star soll sich zur Weltlage äußern und verweigert sich. Zweig glaubte nicht an die Wirkung politischer Statements, an Widerstandsgesten, die aus der sicheren Deckung gegeben zum Selbstlob werden; nur wer sich damit in Gefahr bringt, habe das Recht, das Wort zu ergreifen.

Vom P.E.N.-Kongress 1936, bei dem der von Charly Hübner gespielte Emil Ludwig eine Wutrede gegen das Dritte Reich hält, schreibt Zweig an seine erste Frau Friderike: „…  mit Riesenformat war ich abgebildet, wie ich bei der Rede Ludwigs weinte (!!!). Ja, so stand es mit Riesenlettern – in Wahrheit hatte ich mich so widerlich gefühlt, als man uns als Märtyrer hinstellte, dass ich den Kopf in die Hände stützte, um mich nicht photografieren zu lassen, und gerade das photografierten sie und erfanden den Text dazu. Mich ekelt dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten.“

Josef Hader und Charly Hübner. Bild: © Filmladen Filmverleih

Buenos Aires, P.E.N.-Kongress 1936: Mit Charly Hübner als Emil Ludwig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader, Barbara Sukowa. Bild: © Filmladen Filmverleih

New York 1941: Stefan Zweig trifft sich mit seiner geschiedenen Frau Friderike (Barbara Sukowa). Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader und Matthias Brandt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Petropolis 1941: Mit Matthias Brandt als Ernst Feder. Bild: © Filmladen Filmverleih

Es sind Szenen, wie diese, im Szenenbild von Silke Fischer und durch die Kamera von Wolfgang Thaler akribisch nachgestellt, mit denen Schrader ihren Film auf die nächste, eine abstraktere Ebene hebt, weg von Zweig hin zu der generellen Frage, ob und wenn ja welche Verantwortung der öffentliche Mensch für eine Gesellschaft trägt, ob „Prominenz“ zur Aussage gleichsam verpflichtet oder ob, wie Zweig die internationalen Journalisten höflich, aber bestimmt abblitzen lässt, allein über das Werk Wirkung anzustreben ist.

Doch nicht nur dieses Ausstellen einer Bekenntnisunkultur holt der Film ans Heute heran. Eindrücklich auch ein Moment von Barbara Sukowa als Friderike Zweig, in dem sie erzählt, wie sie mit tausenden anderen Menschen, die alle vor Krieg und Verfolgung flüchten wollten, am Quai von Marseille stand, Gedränge und Geschiebe, Angst und Panik, jeder will auf ein Schiff. Wie sich die Bilder gleichen, wenn dieser Tage auf der anderen Seite des Mittelmeers Menschen mit ähnlichen Motiven ihr Leben riskieren. Ein Europa, das Niemals Vergessen! wollte, hat vieles aus seiner Erinnerung getilgt …

Hader spricht im Film sechs Sprachen, es wird nicht synchronisiert, auch damit macht man klar, was es heißt, ein Leben ohne Verwurzelung zu führen. Maria Schrader zeigt, wie es ist, wenn – Zitat Zweig – „ein halber Kontinent auf einen anderen flüchten möchte“. Das „Wem helfen?“ betrifft auch den Autor, bei dem täglich Bittbriefe von Freunden und Nicht-einmal-Bekannten eingehen. Dabei ist „Vor der Morgenröte“ ein spröder, unaufgeregter Film. Beinah emotionslos, wie beiläufig schildert er die Haltepunkte einer Reise ins Nirgendwo, und wie die Menschen keine Ahnung haben von der Existenz des jeweils anderen. Wie die Brasilianer keine Vorstellung vom Grauen in Europa finden, so sieht Zweig die Armut und die Ausbeutung der Arbeiter in seinem Gastland nicht. Als hätten Folklore, Freundlichkeit und die für ihn zweifellos faszinierende Tatsache, dass die Brasilianer ohne Rassenkonflikte nebeneinander leben können, seinen Blick auf größere Zusammenhänge verblendet. Das aus dieser Sicht entstandene Buch „Brasilien – Land der Zukunft“ wurde von den linken Intellektuellen des Landes entsprechend heftig kritisiert.

Neben Barbara Sukowa und Charly Hübner hat Hader weitere hervorragende Schauspielkollegen an seiner Seite. Burgtheatermimin Aenne Schwarz spielt seine zweite Frau Lotte, Sarah Viktoria Frick Friderickes Tochter Suse. Als Ernst Feder ist Matthias Brandt zu sehen; mit ihm übt Zweig in Petrópolis so viel Schachspiel, wie er’s fürs Schreiben seiner „Schachnovelle“ braucht. Die erdrückende Ruhe des im Film alles Nicht-Gesagten und Zweigs Melancholie des Verlorenseins endet im Selbstmord 1942. Diese letzte Szene ist ohne Schnitt an einem Stück und mit nahezu unbewegter Kamera gefilmt.

Das ist Maria Schraders letztes Bild von Stefan Zweig: Zusammen mit Lotte liegt er wie schlafend auf dem Bett, kurz ermittelt die Polizei, knapp telefoniert sie der Dienststelle durch, was passiert ist. Der Hund Pucky bellt, ein kleiner Terrier, den ihm sein brasilianischer Verleger Abrahão Koogan gerade erst zum Geburtstag geschenkt hat, die Haushälterin schluchzt. Man hat es gewusst und ist doch nicht weniger schockiert und erschrocken als die Zeitgenossen. Zweig wollte „in der Welt voller Hassgeschrei, feindlicher Absperrung und brutalisierender Angst, die uns heute umgibt, nicht fortleben“, schrieb Thomas Mann später. Aus dem Abschiedsbrief ergibt sich der Filmtitel: „Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht. Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus!“

Josef Hader im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20252

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z1RAT0c9mwc

www.vordermorgenroete.x-verleih.de

Wien, 31. 5. 2016

Josef Hader spielt Stefan Zweig – ein Gespräch

Mai 25, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Film „Vor der Morgenröte“

Im Exil in Brasilien: Josef Hader als Stefan Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Exil in Brasilien: Josef Hader als Stefan Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 3. Juni läuft Maria Schraders aktueller Film „Vor der Morgenröte“ in den heimischen Kinos an. In der Hauptrolle: ein fulminanter Josef Hader als Stefan Zweig. In sechs Episoden erzählt die Filmemacherin über das Leben des österreichischen Schriftstellers im Exil.

Bereits 1934 verließ Zweig Salzburg, um ins Ausland zu gehen und nie zurückzukehren. Schrader zeigt Stationen seines Wegs, von seinem ersten Aufenthalt in Brasilien und der Teilnahme am P.E.N.-Kongress in Buenos Aires 1936 über den Besuch New Yorks und seiner ersten Frau Friderike im Jahr 1941 bis zu seinem Freitod 1942 im brasilianischen Petrópolis. Dort schreibt Zweig zuvor sein wohl berühmtestes Werk „Die Schachnovelle“.  „Vor der Morgenröte“ ist ein seltsam sinnliches und dabei sprödes Werk über das Wesen eines Künstlers, ein Film über eine Zeit auf der Flucht und damit ein Film zur Zeit. Mit Hader spielen unter anderem Barbara Sukowa, Matthias Brandt, Charlie Hübner und die Burgschauspielerinnen Aenne Schwarz und Sarah Viktoria Frick. Josef Hader im Gespräch:

MM: Sie haben sich Stefan Zweig äußerlich sehr anverwandelt, aber auch innerlich scheint man durchaus Parallelen zu finden. Wie haben Sie sich in Zweig hineingedacht und was haben Sie dabei gefunden?

Josef Hader: Ich habe ein paar Biografien gelesen, mir den einzigen Kurzfilm angeschaut, in dem er zu sehen ist und mir zwei Tonaufnahmen angehört, auf denen er Gedichte liest. Das war alles, dann muss man irgendwie sich vorstellen, wie er gewesen sein könnte. Mehr bleibt einem nicht über.

MM: „Vor der Morgenröte“ ist kein Biopic, sondern Regisseurin Maria Schrader und Sie umreißen in Episoden eine Figur. Der Film hat nicht vor, Stefan Zweig in allen seinen Kompliziertheiten zu erklären, sondern ihn darzustellen.  Was war Ihnen wichtig, über Stefan Zweig zu erzählen?

Hader: Ich glaube, diese ganz psychologische Erklärung, wie das in Biopics üblich ist, das wollte Maria Schrader nicht, sondern, dass es ihr mehr um die intellektuelle Auseinandersetzung gegangen ist, mit den Themen Flucht, Exil, der Künstler und die Politik … Es ist kein Drama voller leidenschaftlicher Momente, sondern es ist ein kleiner Film mit sehr feinen Szenen. Meiner Meinung nach geht es nicht um dramatische Höhepunkte dieses Lebens, sondern um Szenen, in denen es immer um den Künstler im weitesten Sinn und die Politik geht. Um die Politik, die ihn daran hindert, sein Leben zu leben. Um die Frage, welche Position nimmt man als Künstler gegenüber der Politik sein. Stefan Zweig ist da sehr interessant, weil er die Haltung vertreten hat, dass Stellungnahmen nur dann Sinn haben, wenn man damit Gefahr riskiert. Alles das, was wir machen, uns hinstellen hie und da und sagen, wir sind für oder gegen irgendetwas, wir halten eine kleine Rede bei einer Demonstration, wir sagen in einem Zeitungsinterview, wir sind diesem oder jenem Präsidentschaftskandidaten zugeneigt, alles das, hat Stefan Zweig befunden, ist sinnlos und hat keine Wirkung. Und im tieferen Sinn hat er Recht.

MM: Weil?

Hader: Weil tatsächlich ein Bekenntnis, das nicht mit einer Gefahr verbunden ist, sondern eher mit Beifall, nicht mutig ist und daher keine Wirkung haben kann. Ich bin seiner Ansicht. Trotzdem mache ich es aber anders.

MM: Im Sinne von, man ist ja doch Teil dieser Bekenntniskultur und als solcher sehr gefragt: Der Journalist ruft den Künstler an und bittet um eine Meinung …

Hader: Schnell ein Statement zu dem und dem. Ich mach‘ das auch immer wieder. Ein bissel halte ich mich zurück, aber ich bin nicht so konsequent wie Stefan Zweig.

MM: Wie steht’s mit der Prominenz? Wenn Stefan Zweig oder Josef Hader eine Meinung haben, wird sie in größerem Wirkradius gehört werden. Ist der Bekanntheitsgrad nicht eine Verpflichtung, sich zu äußern?

Hader: Es gibt keine Verpflichtung, die daraus resultiert, welchen Beruf man hätte oder welchen Bekanntheitsgrad, sondern es ist so, dass man am ehesten als Bürger eine Verpflichtung hat, am politischen Leben teilzunehmen. Dazu gehört ab und zu auch, dass man aufzeigt und was sagt.

MM: Man sieht im Film Stefan Zweig in Südamerika, vor allem auch im Exil in Brasilien. Er ist begeistert von dem Land und den Leuten. Es verwundert, dass er auf all seinen Rundreisen die Armut und das Elend dort nicht wahrgenommen hat.

Hader: Das muss aus seiner Sicht so sein. In seinem „Brasilien“-Buch schildert er begeistert eine heile Welt, und der Grund, dass er die sozialen Spannungen, die damals ebenso geherrscht haben wie heutzutage, nicht sieht, liegt wohl darin, dass er aus Europa gekommen ist. Und aus dem damaligen Europa kommend haben viele Dinge auf ihn unglaublich eindrucksvoll und idyllisch gewirkt. Zum Beispiel, dass in Brasilien Menschen verschiedener Rassen und Hautfarben miteinander leben, ohne dass sie sich gegenseitig verfolgen, ohne dass sie den anderen bedrohen. Er musste den Eindruck bekommen, dass das im Vergleich zu Europa wirklich eine heile Welt ist. Die Unterschiede, wie, dass die Weißen immer die Chefs sind und viel verdienen, und die Schwarzen sind die Diener und Arbeiter und verdienen wenig, diese Unterschiede haben ihn nicht so interessiert. Vor allem, weil damals auch in Europa viel größere soziale Gefälle existiert haben als heute. Zum anderen, weil ihn die Tatsache generell, dass Rassen miteinander und nebeneinander leben, so begeistert hat.

MM: Er wurde offensichtlich sehr herumgereicht, von Ehrung zu Ehrung. Einerseits hat man in Ihrer Darstellung das Gefühl, er ist wahnsinnig gebauchpinselt, andererseits wollte er nicht unbedingt eine Person des öffentlichen Lebens sein. Waren da zwei Seelen in seiner Brust?

Hader: Das kann ich überhaupt nicht beantworten. Ich habe mir eine kleine Filmszene von ihm angeschaut, heute würde man sagen, ein Hobbyfilm, ohne Ton, in Schwarzweiß, wo er anlässlich der Salzburger Festspiele auf einer Party ist. Man sieht nur 20 Sekunden, wie eine Verehrerin auf ihn einredet und ihm sein Buch hinhält, und er steht daneben und fühlt sich nicht wohl und ist verlegen. Ich habe mir gedacht, das wird schon etwas über ihn aussagen, ich habe dann versucht sein Verhältnis zum Erfolg aus diesen 20 Sekunden zu gestalten, das ist sicher eine Verkürzung, aber jeder Film ist eine Verkürzung. Insofern ist es wahrscheinlich in Ordnung.

MM: Wenn man eine real existiert habende Person porträtiert, und es gibt so wenig Vorlage, ist man da als Schauspieler sehr frei in der Gestaltung? Oder schüchterner, weil man befürchtet, diesem Menschen unrecht zu tun?

Hader: Es ist sicher schwieriger jemanden zu spielen, den wir alle noch kennen, oder aus Filmen kennen, von dem wir wissen, wie er gesprochen und sich bewegt hat. Ich finde es einfacher jemanden zu spielen, von dem man nicht genau weiß, wie er war. Das ist ungefährlicher und gleichzeitig interessanter. Wenn man jemanden spielt, wie Hitler oder Goebbels, wird man als Schauspieler leicht zum Kopierer, weil man versucht ihn möglichst originalgetreu nachzumachen und das sind dann oft so hermetische Figuren. Abgesehen davon, dass ich das gar nicht könnte. Ich habe ja schon mit Stefan Zweig Neuland betreten.

MM: Wie sind Sie in dieses hineingeraten?

Hader: Maria Schrader hat mich getroffen und gefragt, ich habe das Drehbuch gelesen und mir gedacht, das klingt interessant, wenn ich scheitere, kann mir auch nicht viel passieren.

MM: Wieso?

Hader: Weil ich eh andere Sachen kann, und wenn ich diese Sache nicht kann, dann halt nicht, aber wenn, wird’s schön. Ich dachte, das wird spannend, ohne dass es mich allzu sehr in Gefahr bringt.

MM: Und jetzt, wie ist das Bauchgefühl?

Hader: Keine Ahnung. Ich habe irgendwas gemacht, das ich nicht beurteilen kann.

MM: Aber der Reiz, Stefan Zweig zu sein, war …

Hader: Diese tragikomischen Momente, die ich schon aus dem Drehbuch herausgelesen habe, dieser leicht neurotische, überforderte Zug, dass er manchmal fast wie ein trotziges, kleines Kind ist, und dann wieder der große Autor, der überzeugt ist von dem, was er sagt, und an das glaubt. Das waren alles Dinge, die habe ich im Drehbuch gelesen und gewusst, die kann ich spielen. Es waren aber auch Dinge im Drehbuch, da habe ich gewusst, die kann ich nicht spielen – und ich hab’s auch nicht getan.

MM: Wo wurde gedreht. Bis Südamerika hat’s nicht gereicht?

Hader: Nein, New York war in einem Studio in Halle an der Saale, Buenos Aires wurde teilweise in Berlin gedreht, teilweise in Lissabon, und Brasilien auf der Insel São Tomé in der afrikanischen Bucht vor Lagos. Die Sprache und die kolonialen Gebäude dort sind portugiesisch, es schaut unberührter aus als im heutigen Brasilien, abgesehen davon, dass wir für Brasilien wahrscheinlich kein Geld gehabt hätten.

MM: In diesem Film sprechen Sie fünf Sprachen. Der Film wird nicht synchronisiert, wohl weil zum Exilantenschicksal Zweigs die Vielsprachigkeit dazugehört. Wie ging es Ihnen mit den vielen Sprachen?

Hader: Das Unglück ist, dass ich nie Französisch gelernt habe, weil ich auf ein humanistisches Gymnasium gegangen bin. Die Sprache, in der Stefan Zweig sich ausdrücken konnte, wie in einer zweiten Muttersprache, weil er sie von klein auf gelernt hat, wie es im Wiener Großbürgertum üblich war, die konnte ich gar nicht. Das war das größte Handicap, die anderen Sprachen waren nicht so schwierig, aber Französisch war die große Hürde, und ich halte auch persönlich nur sehr wenige Stellen im Film aus, an denen ich es spreche. Gott sei Dank wissen nicht so viele Leute, wie gut Zweig das konnte.

MM: Sie aber hatten ein Hörbespiel.

Hader: Ja, und damit festgestellt, dass Zweig die Sprache des Wiener Großbürgertums gesprochen hat. Es gibt wie gesagt zwei von ihm vorgelesene Gedichte, und in einem kommt der Name August Rodin vor, und den spricht er so aus, wie das jemand aus Hietzing oder Döbling machen würde. Insofern ist das eine Sprache, die mir nicht ganz unvertraut ist, ich kenne aus der Großelterngeneration noch einige, die so gesprochen haben, als ich noch ein Kind war. Ich bin zwar nicht im Wiener Großbürgertum aufgewachsen, aber wir hatten Sommergäste aus verarmten höheren Kreisen. (Er lacht.)

Barbara Sukowa. Bild: © Filmladen Filmverleih

Barbara Sukowa als Zweigs erste Frau Friderike. Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader und Aenne Schwarz. Bild: © Filmladen Filmverleih

Aenne Schwarz spielt Lotte, Zweigs zweite Frau. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Wie war es, sich zwischen den beiden darstellerischen Polen Aenne Schwarz und Barbara Sukowa zu bewegen? In der Beziehung zu seinen Frauen kommt ja noch eine Farbe Zweigs zum Vorschein: seine Egomanie.

Hader: Und er hat sich natürlich bei der älteren Frau, mit der er viel länger verheiratet war, viel mehr getraut, dieser Egomanie freien Lauf zu lassen, als bei der jüngeren Frau. Wir haben mit diesen Szenen begonnen und es war gleich einmal am Anfang so, dass man einen hohen Berg besteigen musste. Diese Szenen, wo er trotzig ist, wo er kleinlich ist, und das alles musste ich ja mit Barbara Sukowa sein, das war sicher kein leichter Beginn der Dreharbeiten. Aber sie war unglaublich freundschaftlich und großartig zu mir. Aenne ist dann später dazugekommen, wir haben einfach die lockereren Szenen miteinander, wie wir da aufgelöst und verschwitzt durch die brasilianischen Zuckerrohrplantagen laufen. So etwas spielt sich leichter, als ein Streit in einem New Yorker Appartement, das in Halle an der Saale liegt.

MM: Was war die größte Herausforderung beim Dreh?

Hader: Wenn ich ganz ehrlich bin, war das Allerunangenehmste, dass Stefan Zweig so ein großer Hundefreund war. Ihm, also mir, wird in Brasilien von Freunden einer geschenkt für den zurückgelassenen. Und ich habe einen unglaublich schlecht riechenden Hund gehabt, der war wirklich grauslich. Ich bin schon ein Tierfreund, das möchte ich betonen, aber mit einem Hund, der so unglaublich aus dem Mund stinkt, auf dem Boden herumzukriechen und sich über das Gesicht schlecken lassen, ich glaube, das war das Allergrauslichste. Das ist nicht leicht, weil man muss sich ja nicht einmal über das Gesicht schlecken lassen, sondern zig Mal, bis die Kamera sagt, das passt jetzt. Na, pfui. Man soll ja überhaupt wenig mit Tieren spielen, aber mit solchen Tieren ist es noch schwieriger.

MM: Wie, wie schon gesagt, generell im Film nicht erklärt wird, so unvermittelt kommt auch der Selbstmord. Gerade hat Stefan Zweig noch einen stinkenden Hund geschenkt bekommen, schon ist er tot.

Hader: Wobei so ein stinkender Hund ja den Überlebenstrieb bei nicht so vitalen Menschen stärken müsste. (Er lacht.) Nein, im Ernst, ich denke mir, dass der Film den Selbstmord so unerklärlich lassen wollte, wie er auch für die Zeitgenossen war. Am Anfang haben ja berühmte Kollegen richtiggehend mit Unverständnis reagiert, teilweise auch mit Verärgerung. Thomas Mann fand das eine Zeit lang ganz ungehörig, dass ausgerechnet der Autor, der als einziger von allen keine finanziellen Schwierigkeiten hatte, weil er als Weltautor überall auf der Welt Verleger hatte, sich umbringt, während die anderen verzweifelt von Tag zu Tag leben und schauen müssen, wie sie Geld auftreiben. Mann hat später erst gerechter geurteilt.

MM: Aus Zweigs Abschiedsbrief ist der Filmtitel …

Hader (zitiert): „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“ Er wollte betonen, dass er sich nicht deswegen umbringt, weil er glaubt, dass der Zweite Weltkrieg für die Allierten verloren sei. Dem wollte er im Abschiedsbrief entgegentreten, und sagen, er glaubt, dass die Sonne wieder aufgehen wird, er vertschüsst sich aber vor der Morgenröte. Und zwar deshalb, weil er zu müde ist, einen Neuanfang zu machen, so schreibt er. Teilweise herrscht aber immer noch die Meinung, dass Stefan Zweig sich wegen der Kriegserfolge des Dritten Reichs getötet hat. Es gibt von einigen Biografen die Theorie, dass er immer schon schwer depressiv war, sich durch die Arbeit aber immer herausziehen konnte, und dass das am Schluss aus mancherlei Gründen nicht mehr möglich war. Zweig hatte immer eine große Bibliothek für seine Arbeit, auch die gab’s dort, wo er am Schluss war, nicht. Nichts hat ihn mehr beflügelt zu schreiben.

MM: Es gibt von ihm den Satz, ein Migrant hätte nicht eine neue Heimat gewonnen, sondern nur die alte Heimat verloren.

Hader: Ich glaube, dass Heimat sowieso etwas ist, dass man schwer finden kann. Was Heimat ist, kann sich im Laufe eines Lebens ändern, aber wenn man aus seiner Heimat weg muss und sich gar nicht aussuchen kann, wo man hinkommt, dann ist es noch viel schwerer auf die Schnelle etwas als Heimat zu fühlen. Stefan Zweigs Problem war allerdings nicht, dass er aus Salzburg weg musste, sondern, dass er aus Europa emigrieren musste. Seine Heimat war Europa, eigentlich das Europa vor dem Ersten Weltkrieg, das geht aus seiner posthum erschienenen Autobiografie hervor, ein Europa, das zumindest in kultureller Hinsicht ein vereintes Europa war.

MM: Ein moderner Gedanke.

Hader: Mehr als das. Die Künstler waren überzeugte Europäer und ständig miteinander im Austausch, das hat schon mit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr funktioniert, weil die Fronten plötzlich auch durch die Köpfe gezogen worden sind und die politische Atmosphäre anders aufgeladen war.

MM: Ist dieser Europa-Gedanke der Grund, warum man jetzt einen Film über Stefan Zweig macht?

Hader: Ich denke, dass die Zwischenkriegszeit für uns interessant ist, weil da viele Dinge falsch gemacht worden sind, und das könnte für uns zumindest eine Inspiration sein, nicht mehr dieselben Fehler zu machen, sondern vielleicht andere.

Mit seinem Team bei den Dreharbeiten zu "Wilde Maus". Bild: © Wega Film/Petro Domenigg

Mit seinem Team bei den Dreharbeiten zu „Wilde Maus“. Bild: © Wega Film/Petro Domenigg

MM: Sie verbringen Ihre Tage derzeit im Schneideraum bei der Fertigstellung des Films „Wilde Maus“. Das erste Projekt, bei dem Sie nicht nur Autor und Schauspieler sind, sondern auch Regisseur. Haben Sie jetzt mehr Verständnis für die andere Seite bekommen?

Hader: Die hab‘ ich eh immer schon gehabt. Ich hatte eigentlich nie große Konflikte mit Regisseurinnen und Regisseuren, ich hab‘ nur gemerkt, wo ich mich wohler fühle und wo weniger, und ich habe versucht ein Regisseur zu sein, wo sich die Kollegen wohlfühlen. Nicht, weil ich so ein selbstloser Mensch bin, sondern weil meine tiefe Überzeugung ist, dass man damit die besten Ergebnisse bekommt.

MM: Warum war es Ihnen ein Anliegen, diesen Film selber zu machen und nicht in fremde Hände zu geben?

Hader: Ich schreibe seit zwanzig Jahren auch immer wieder allein Drehbücher, die habe ich halbfertig gelassen und sie immer wieder für andere Projekte verwurschtet, zwei, drei Ideen kamen in Kabarettprogramme, ein paar in die Brenner-Filme, eines über Pathologen habe ich mit David Schalko umgearbeitet. Aber irgendwie war ich damit unzufrieden, ich wollte einmal wissen, was dabei herauskommt, wenn ich mich zusammenreiße und die Disziplin aufbringe, so ein Projekt durchzuziehen. Da ist mir zu Hilfe gekommen, dass ich älter werde und die Lebenszeit immer kürzer wird, da reißt man sich dann eher zusammen und sagt sich: Jetzt machst es.

MM: Wie kommt man auf die Idee, eine Geschichte über einen arbeitslosen Kulturkritiker zu schreiben? Sie haben verzweifelt einen Menschen gesucht, den keiner mag.

Hader: Der Beruf war nicht so entscheidend, ich wollte eine elementare Situation – Arbeitslosigkeit, die Geschichte sollte aber im Mittelstand spielen. Ich wollte kein Sozialdrama machen, sondern ein bissel schon eine Satire über die neuen Bürger. Damit meine ich die grünangehauchten, coolen Falter-Leser, die glauben, ihre Eltern waren Bürger. Ich finde, dass die, dass wir, genauso sind wie unsere Eltern. Um das miteinander zu vereinen, habe ich überlegt, welcher Beruf ist derzeit schwer gefährdet, wo werden dauernd Arbeitsplätze abgebaut, was ist die Stahlindustrie des Mittelstands? Und das sind die Printmedien.

MM: Man hört, der Film will auf die Berlinale?

Hader: Ich persönlich will mit dem Film ins Kino. Das wird im Februar soweit sein. Falls sich vorher ein Festival interessiert, ist es fein, wenn nicht auch. Wir kommen mit „Vor der Morgenröte“ nach Locarno (der Film ist mittlerweile auch für den deutschen Filmpreis nominiert, Anm.), dort habe ich schon einmal zusammen mit Roland Düringer und Joachim Bissmeier den Schauspielpreis für „Der Überfall“ bekommen. Das war die schönste Kinovorstellung, bei der ich jemals war, auf dieser großen Piazza im Freien. Ich war auch schon in Karlsbad, in Sarajewo, also ich bin überhaupt nicht fixiert auf ein Festival. Die Berlinale wäre halt die letzte Chance vor dem Kinostart von „Wilde Maus“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z1RAT0c9mwc

www.vordermorgenroete.x-verleih.de

www.hader.at

Wien, 25. 5. 2016

Wiener Festwochen: Die Neger

Juni 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles ein einziges Missverständnis

Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige) Bild: (c) Julian Röder / JU Ostkreuz

Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige)
Bild: (c) Julian Röder / JU Ostkreuz

Es herrschte kathedralenhafte Stille im Akzent. Nachdem sich eine Initiative über den Stücktitel echauffiert hatte www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-neger-bleiben/, wollten wohl viele im Zuschauerraum besonders „pc“ (politisch korrekt) sein. Le Seufz, wie die Franzosen sagen. Alles ein einziges Missverständnis. Erst nach einer Stunde wagten die ersten zu lachen, es gab aber auch „Schas“- und „I kenn‘ mi ned aus“-Gemurmel. Und in Kleingruppen organisierte Publikumsflucht. Ein Glück. Denn es blieben die, die den Schauspielern und damit ihrem Regisseur Johan Simons frenetischen Applaus spendeten. Ja, die Truppe wurde sogar noch einmal herausgefordert, als sie sich eigentlich schon Richtung Garderobe bewegen wollte. Welch ein Abend! (Zur Erklärung: Es war der zweite, nicht die Premiere.)

Simons hat Jean Genets 1958 entstandene Clownerie „Die Neger“ neuinszeniert. Auf eine wunderbare Weise. Wer das langweilig fand, sollte sich vielleicht einmal grundsätzlich mit dem Thema Theater beschäftigen. Denn Simons zeigt ein buntes – rosa, gelb, grünes – Schattenspiel auf weißen Plastikbahnen, dazu eine Maskerade bandagierter Köpfe – wie Degenfechterhelme -, die Genet auf den Punkt treffen: Die äußere Farbe ist nichts. Was gilt ist die innere Revolte, die zur Revolution wird. Noch dazu erklären die beiden einzigen Unmaskierten, die Archibalds Felix Burleson und Stefan Hunstein, gleich zu Beginn, dass es sich bei der Sache um ein Spiel, ein Schauspiel handelt. Es wird darüber gestritten, dem Text zu gehorchen, zu schnell oder zu langsam aufzutreten, bis die Archibalds drohen, den Abend abzubrechen, wenn nicht bald Disziplin herrscht. Mit einem Problem muss man sich außerdem beschäftigen: Man braucht für jede Vorstellung eine frische „Leiche“, die ist nämlich aus Wachs und tropft die ganze Zeit über durch das Gitter des Autopsiebettes. Bis am Ende keine Tote mehr da ist (nur Reste eines Popöchens), ergo kein Mordfall, ergo kein Stück. Oder?

Zugegeben: Genet ist nichts für Anfänger. Der Außenseiter in der Clique um Sartre, Cocteau, Boris Kochno, Simone de Beauvoir, Giacometti und Picasso, Moralist, Sympathisant der RAF, der PLO, der Black Panther und der algerischen Befreiungsfront FLN, schrieb eine Vorurteilssatire. „Wir spielen, um uns zu bespiegeln“, sagt Archibald. Und meint „die Weißen“ mit „Exotikfimmel“. Szenario: Mit beißendem Spott wird das rassistische Klischee vom lustmordenden „Neger“, der eine weiße Frau sexuell missbraucht und sie dann tötet, in seine Bestandteile zerlegt. Andere Spieler repräsentieren die Kolonialisten, die dem Mord eine groteske Strafexpedition folgen lassen. Die Darstellung des Ganzen: Sigi-Freud’isch „überspannt“. Köstlich, wie „die Weißen“ mit Krone (Königin), Kreuz (Missionar) und Gesetzbüchlein (Richter) die Insignien ihrer Macht auf dem Kopf tragen. Köstlich, wie „die Neger“, Männer wie Frauen, in Neger-Mama-Outfits wie in einer US-Südstaatenschmonzette verkleidet sind. Vom Winde gebläht. (Die Weißen sollen nämlich unter anderem weggefurzt werden.) Köstlich, wie der Mörder Village (Benny Claessens) von seinen Mitspielern aufgefordert wird, er möge sein Leid doch bitte in weniger Metaphern ausdrücken. Sie täten das schließlich auch nicht.

Simons offenbart den Surrealismus der Realität. Er kennt sich aus mit dem Existenzialismus, wenn „die Weißen“ in der Wüste vor Lepra, Fieber, Ameisenvölkern bibbern. Ein furchterregendes Land. Das sie trotzdem in Besitz halten möchten. „Aber wir sind doch hier in Frankreich“, sagt die Königin einmal. „Nein, das ist Afrika“, erwidert Village, „Noch ist Zeit. Kehren Sie um.“ Darauf die Königin: „Sie setzen auf unsere Erschöpfung.“ Sätze tiefer Wahrheit. Doch davon kommt noch mehr, wenn Genet prophetisch über Schwarze in schwarzen Rolls-Royces, die zu schwarzen Opernhäusern fahren, philosophiert. Die Geschichte der Ausschlachtung Afrikas hat viele Gesichter. Auch die der Bid Dadas. Am Ende von Simons Ausführungen kommt ein Mann mit Gewehr, dankt den Schauspielern für ihre „Ablenkung“, der neue, schwarze Führer sei nun an die Spitze geputscht.

Simons Schauspieler sind allesamt großartig. Ausdruck ohne Gesicht zu haben ist eine große Kunst. Allen voran brillieren Benny Claessens, Anja Laïs als Vertu, Maria Schrader als sich ständig an den Kopf fassende, weinende, hinrichtende Königin, Edmund Telgenkämper als Richter. Felix Burleson, der einzige „echte Schwarze“, ein niederländischer Schauspieler mit Wurzeln in Surinam, kommentiert die Handlung mit Zwischen-Achs, in Mimik und Gestik. Er ist das Herz der Inszenierung.

Nun gibt’s ja die, die meinen, die Kolonialzeit in Afrika sei doch längst vorbei, Genet also ein alter Hut, ohne Bezug zum Heute. Falsch. Er war nie aktueller. Denn über Afrika rollt Furcht und Schrecken und Terrorismus verbreitend seit Jahren die zweite Welle der Kolonisation. Wirtschaftlich angeführt von den Chinesen, ideologisch vom Islam. Staaten verkaufen einen niederländischen Konzern ihr Wasser, es wird privatisiert. Kinderhände, weil kleiner, holen aus Müllbergen von Laptops und Handys aus den Industriestaaten die weiter verwertbaren hochtoxischen Teile … „Wir gehen wie Larven in den Winterschlaf“, sagt die Königin, bevor sie stirbt. Zeit, diese endlich von den Gesichtern der Verantwortlichen zu reißen.

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6. 6. 2014