Theater in der Josefstadt: Der einsame Weg

November 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Klipp-Klapp-Tragödie mit drehbaren Türen

Ein Kommen und Gehen auf schmalem Gang: Therese Lohner, Marcus Bluhm, Alexander Absenger, Alma Hasun und Bernhard Schir. Bild: Astrid Knie

Vier hohe Türen, dahinter Fensterfronten, davor wie dazwischen ein enger Gang, den entlang die Darsteller im Wortsinn im Kreis gehen. Weil sich die Szenerie nach jeder Szene verschiebt. Was immer neue Perspektiven freigibt, immer neu gespiegelte Bilder einer in ihren selbstauferlegten Zwängen gefangenen Gesellschaft. Dieser Totentanz der drehbaren Türen ist die alles bestimmende Grundkonzeption von Mateja Koležniks Schnitzler-Interpretation am Theater in der Josefstadt:

„Der einsame Weg“. Von Anfang an ist klar, dass dieser hier auf kühl distanzierte Art abgeschritten werden wird. Keine Spur mehr von Schnitzlers Sehnsüchtlern, die durch dessen geschliffene Dialoge ihre psychischen Defekte schimmern lassen, das melancholische „Egoistenstück“ zum 90-minütigen Trauermarsch gekürzt. Dass Koležnik dem seelischen Stillstand ihrer Protagonisten die Bewegung der Bühne entgegensetzt, ist als Idee reizvoll, realiter mit der Zeit aber so spannend, wie die Beobachtung des Huhns auf dem Möbiusband.

Nun ist es nicht so, dass Koležnik für ihre radikalen Zugriffe nicht bekannt wäre. Auch weiß man, dass diese in der Regel in einer extremen Raumsituation stattfinden. Die slowenische Regisseurin räumt ihren Schauspielern so wenig Spielplatz wie möglich ein, ihr Kunstkniff, der dazu führt, dass die Figuren aufeinanderprallen müssen. Das hat im Vorjahr bei Ibsens „Wildente“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24871) im steilen Stiegenhaus ganz wunderbar funktioniert. Nun setzen die Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp erneut auf die bewährte taubengraublaue Optik, und aus der gleichen Farbpalette stammen auch die Kostüme von Alan Hranitelj – an denen sich unter anderem nicht erschließt, warum Felix‘ (Zwangs?-)Jacke hinten zu schließen ist -, man hat das alles also so oder so ähnlich bereits gesehen.

Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Bernhard Schir und Alma Hasun. Bild: Astrid Knie

Nur geht die angestrengt strenge Versuchsanordnung des Leading Teams diesmal nicht auf. Wenig bis gar nichts erfährt man über den fehlenden inneren Frieden der Figuren, von deren Selbstverliebt- und Verrücktheiten, über vergebene Lebenschancen und vergebliche Hoffnungen, Schuld und versuchte Sühne, und dass hier das Sterben als Thema über den Dingen schwebt, darf man sich bestenfalls dazu denken. Koležnik bedient sich einer Künstlichkeit, die einen nur schwer ins Stück lässt. Wo kompakt auch komplex bedeuten hätte können, wo etwa ein Belauschen und Belauern hinter den – so sie schon vorhanden sind – Türen möglich gewesen wäre, gibt sich Koležnik als Erfinderin der Klipp-Klapp-Tragödie. Die Verwendung von Mikroports und die gelegentlich knisternden Soundeffekte von Nikolaj Efendi sorgen für zusätzliche Verfälschung, Stimmen kommen aus dem Off oder als beiläufiges Beiseitereden zu bereits abwesenden Bühnenpartnern.

Diese Spielart kommt den Josefstädtern nicht zupass. Sie gestalten die Schnitzler’schen Charaktere seltsam blutleer, sind, statt diese aus Gründen der Konvention unterdrückend, einfach nur emotionslos, spröde, wo die Sprache schneidend, tief- und hintergründig sein sollte. Koležniks mangelnde Differenzierung ihrer Wachs-Figuren hinterlässt am Ende den Eindruck, diese würden ineinander verlaufen. Nicht nur was die Farbauswahl betrifft, verläuft der Abend ergo eintönig. Marcus Bluhm ist ein erstarrter Wegrat, Ulrich Reinthaller kämpft sich als Fichtner durch dessen mangelnde Sympathiewerte, Bernhard Schir nimmt man den todkranken Sala schlicht nicht ab, Peter Scholz als Doktor Reumann und Alexander Absenger als Felix finden genaugenommen gar nicht erst statt. Egal, was diese Einsamen auf ihrem Weg zittern, zögern, zagen und zetern, es hinterlässt einen ungerührt.

Alexander Absenger, Bernhard Schir, Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Am Schlimmsten treffen die Striche die Frauenfiguren: Therese Lohner als schnell hinscheidende Gabriele, Alma Hasun als Johanna und Maria Köstlinger als Irene Herms – sie alle bleiben blass. Hasun, die die ganze Aufführung über mit rätselhaften Tür auf-Tür zu-Ritualen beschäftigt ist, beschließt schließlich als Wasserleiche mit einem anklagenden, in dieser Inszenierung unverständlich pathetischen Über-die-Schulter-Blick ins Publikum das gar nicht tolle Treiben.

Dieser „Einsame Weg“ ist nicht das Beste, das man von Mateja Koležnik bisher sehen durfte, dennoch gab es freundlichen Premierenapplaus. Man wird einander bald wieder begegnen, im Sommer in Salzburg bei Gorkis „Sommergäste“ und mutmaßlich kommende Saison am Burgtheater.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Dtmxz3Mtreo

www.josefstadt.org

  1. 11. 2018

Theater in der Josefstadt: Professor Bernhardi

November 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Heraufdämmern einer neuen Zeit

Der Herrscher und der Kronprinz-Gegenspieler: Herbert Föttinger als Bernhardi, Florian Teichtmeister als Ebenwald. Bild: Sepp Gallauer

Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ ist stets das Stück zur Zeit, geht es um Kalkül und politisches Kleingeld. Selten aber tritt das so zutage, wie in der Inszenierung von Janusz Kica am Theater in der Josefstadt, die Donnerstagabend Premiere hatte. Beinah fröstelt es einen ob der Aktualität der hier gesagten Sätze. Kica arbeitet das Heraufdämmern einer neuen Zeit, den Schnitzler’schen Subtext, mit scharfer Klinge heraus, dabei steht ihm ein exzellent agierendes Ensemble zur Seite, beinah zwei Dutzend der Spitzenkräfte des Hauses, mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in der Titelrolle – ein primus inter pares. Mutmaßlich noch nie war Föttinger so brillant denn als Professor Bernhardi.

Drei Stunden lang entrollt sich das Spiel für Männer (mit Alma Hasun in der einzigen Frauenrolle der Krankenschwester Ludmilla) in der renommierten Privatklinik Elisabethinum. Hierarchien werden ausgelotet, Intrigen und Pläne geschmiedet, Machtkämpfe um Karrierebestrebungen ausgetragen. Da begeht Bernhardi fast im Wortsinn den „Kardinalfehler“. Er lässt einen Pfarrer nicht zu einer Sterbenden vor, die sich in ihren letzten Stunden in einem euphorischen Zustand befindet.

Er möchte ihr einen schönen Tod bereiten, die Letzte Ölung soll sie nicht erschrecken. Die Frau stirbt ohne Salbung, und ein unfassbare Hexenjagd gegen den „Juden“ setzt sich in Gang. Etwas, das man heute wohl Dirty Campaigning nennen würde … Föttinger hat sich den Bernhardi anverwandelt, er holt die Figur nahe an sich heran. So nahe, dass man sicher meint Dinge, wie „Dass ich im Ernstfall der Mann bin durchzusetzen, was ich will, habe ich schon einige Male bewiesen“ oder „Es ist immer meine Gewohnheit gewesen, den Leuten ins Gesicht zu sagen, was ich denke“, nicht nur aus dem Mund des Klinik-, sondern auch des Theaterdirektors schon im Wortlaut gehört zu haben. Viel von sich hat er in die Figur fließen lassen. Föttingers Bernhardi ist erst ein nonchalanter, dennoch apodiktischer Herrscher, changierend zwischen dem freundlichen Wissen um seine Bedeutung und deren Überschätzung, als er den Sturm auf sich zukommen sieht. Dann aber ist er bereit, den Preis für seine Integrität zu bezahlen.

Auf ironische Art hinterfragt er die ernstesten Angelegenheiten, wie Kicas Arbeit überhaupt bemüht ist, den schwarzen Humor der Götter in Weiß, den sarkastischen Grundton des Schnitzler-Textes nicht in der Gedankenschwere des Themas versinken zu lassen. Fürs Ende, nach Bernhardis Verbüßung seiner Haftstrafe, hat sich Föttinger weder ein Aufbegehren noch die Resignation überlegt. Sein Bernhardi ist ruhiger geworden, auch grantiger. Mitten im Weltanschauungskonflikt tritt er leise ab. Er will mit Politik, die ihn mittels einer nicht namentlich genannten Parlamentspartei erst zum Buhmann degradierte, nun – die Liberalen natürlich – zur Lichtgestalt machen will, nichts zu tun haben.

Die Ärzteschaft in heller Aufregung: Wojo van Brouwer, Johannes Seilern, Alexander Strömer, André Pohl, Peter Scholz und Michael König. Bild: Sepp Gallauer

Hochwürden hat keine Handschlagqualität: Matthias Franz Stein mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Aussprache mit dem Minister: Bernhard Schir als Teflonmann Flint mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Womit er der einzige ist. In Kicas Lesart macht jeder Politik, selbst der Geistliche, Matthias Franz Stein hat als Franz Reder seinen großen Auftritt nach der Pause, der die Moral seiner Kirche über medizinische Barmherzigkeit stellt, und der keinen Präzedenzfall schaffen wollte, indem er auf sein Recht aufs Sakrament verzichtete. Das Elisabethinum ist in zwei Lager gespalten. Für Bernhardi sind André Pohl als Ehrenmann Dr. Cyprian, Michael König als aufbrausender Dr. Pflugfelder oder – ganz wunderbar – Johannes Seilern als schelmischer Idealist Dr. Löwenstein.

Auf der Gegenseite gehen die Christen in Stellung. „Gegenüber anständigen Juden gibt es keinen Antisemitismus“, befindet Christian Nickel als Dr. Filitz mit vor Empörung zitternder Unterlippe ob der Affäre Bernhardi und droht zu demissionieren. Peter Scholz‘ Dr. Adler versucht sich mit Opportunismus über die Runden zu retten, doch selbst das Bernhardi-Protegé Wenger (Alexander Strömer) stellt sich gegen seinen Beförderer …

Kica lässt das alles in großer Einfachheit und Klarheit spielen. Keine Geste ist hier zu viel, kein Tonfall eine Übertreibung, die Aufführung ist so straight, wie die Männer, die in ihr auftreten. Das Bühnenbild ist weiß-grau-karg; zwei verschiebbare Wände und ein paar Versatzstücke genügen Kica, um Klinik und Privatwohnung des Professors anzudeuten.

Mit Föttinger dominieren zwei Darsteller das Geschehen. Florian Teichtmeister ist als Vizedirektor Dr. Ebenwald der Kronprinz-Gegenspieler und outet sich gleich in der ersten Szene als Antisemit. Weil Bernhardi bei der Klärung einer Fachfrage die Oberhand behalten hat, schießt er mit judenfeindlichem Geschütz: „Große Freude in Israel – wie?“

Gallig süffisant und gleichzeitig jovial dauergrinsend ist Teichtmeisters Ebenwald (im Pausengespräch meinte jemand: „Zum Speiben gut!“), ein ehemaliger Burschenschafter mit immer noch buberlhaftem Charme, den die Überzeugung verließ, als sie der Karriere schadete. Nun kann sie wieder hochkochen. Bernhard Schir überzeugt als Minister Flint (mit einem großartig bärbeißig-beamteten Martin Zauner als Hofrat Winkler an seiner Seite), ein eitler, großsprecherischer Teflonmann, als Politiker ein so guter Schauspieler, dass er seine Parolen bald selber glaubt. Schir gestaltet den Flint als Karl-Kraus’sche Figur. Er sei der Mann, der eben mache, was gemacht werden müsse, kommt ihm locker über die Lippen. Auch solche Aussagen erkennt man aus diesen Tagen wieder.

Bernhardis Maxime „Du sollst dich nicht in die Nähe der Politik begeben“ hält Föttinger übrigens nicht immer durch. In einer Werbekampagne zu Saisonbeginn produzierte die Josefstadt selbst satirische Fake News. Unter anderem fand sich da die „Meldung“, HC Strache gehe für ein Jahr in Bildungskarenz. Das veranlasste die FPÖ im Gemeinderat zu einer Anfrage an Andreas Mailath-Pokorny: Wegen der „Ehrenrührigkeit“ der Aussage solle er die Subventionsgelder vom Theater zurückfordern. Der Kulturstadtrat hat naturgemäß abgelehnt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=uk82aGywkiM

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  1. 11. 2017

Schauspielhaus Wien: Der grüne Kakadu

Januar 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In Wahrheit war’s nur Plain Vanilla

Sänger Nicolas Fehr, Sophia Löffler, Vera von Gunten als Herzog, Vassilissa Reznikoff und Steffen Link Bild: © Lupi Spuma

Sänger Nicolas Fehr, Sophia Löffler, Vera von Gunten als Herzog, Vassilissa Reznikoff und Steffen Link
Bild: © Lupi Spuma

Wie da der ganze Raum mit weißer Plastikfolie ausgeschlagen war, hat man mehr erwartet. Mehr „Blut, Schweiß und Sperma“. Mehr Exzess und Ekstase. Mehr Sauerei, mehr Konsequenz. So blieb es die Behauptung von. So war es nicht mehr als Plain Vanilla. Wie ein Musikvideo der übertrainierten Dragmutti Madonna, die ja auch gern mit Huch! und Hach! erregen möchte, was längst kein Schwein mehr aufsext. Für den Weißweinshower spendenden Zapfhahnbusen der Wirtin Prospère würde die Queen of Pop mutmaßlich aber töten. Und das war’s denn auch schon: eine spitze Szene-Veranstaltung, was haben wir gelacht!, nur von Schauspiel keine Spur.

Am Schauspielhaus Wien inszenierte Lucia Bihler „Der grüne Kakadu“. Das ist dem Titel nach jener Einakter, den Schnitzler in einem späten Tagebucheintrag als eines seiner maßgeblichsten Werke bezeichnete, bedauernd, dass die Groteske zu seinen Lebzeiten so selten gespielt, weil die Zensur ob des Inhalts hellhörig wurde. Im sagenumwobenen Nachtclub Prospères gibt eine Theatertruppe nämlich allabendlich gruselige Geschichten von Gaunern und Ganoven zum besten, auf dass dem finanzpotenten Adel der wohlige Schauer in die Glieder fahre. Besonders beliebt: Die „Ermordung“ des Herzogs durch Darsteller Henri, der den hohen Herrn bezichtigt, der Liebhaber seiner Frau zu sein. Was tatsächlich stimmt. Es ist der 14. Juli 1789 in Paris. Auf den Straßen formiert sich der Menschenzug Richtung Bastille, und im Sog der Ereignisse wird aus dem Lust-Spiel tödlicher Ernst. Kein Wunder, dass die Philister fürchteten, da könnte was aufs Fin de Siècle überschwappen.

Weil Uraufführung sein muss, hat Bernhard Studlar Schnitzler überschrieben. Oder sich dazu geschrieben. Das mag ein spannender neuer Text sein, der allerdings im allgemeinen Bühnengedöns kaum über die Rampe kam. Bihler, gepriesen als Bildgewaltige, setzt auf Voyeurismus, also Schau als Mehrwert; im Programmheft kann man sie aber nachlesen, Studlars Sätze über morsche Zukunftsgefühle, Blutgerüste als unmögliche Fundamente einer neuen Gesellschaft, über tobende Massen: „Wer einmal Wut geleckt hat, ist schwer zu bremsen“. Kara Schröder verschafft ihnen als Wirtin mitten in ihrem 24/7-Einsatz immerhin Gehör. Ansonsten kam nichts weltbewegendes über eine Welt, in der nicht nur immer noch wohlhabende Eliten die Weichen stellen, sondern in der die soziale Ungleichheit schockierend schnell wächst. Im Jahr 2016 wird das reichste Prozent der Erdbevölkerung so viel besitzen wie deren großer Rest. Im Schauspielhaus Wien aber, wo man drängende Fragen zu den und Analysen der gegenwärtigen Krisen sogar als Theatermanifest formuliert hat, lautet der Revolutionsruf nicht Brot -, sondern fröhlich „Darkroom für alle!“

Da tummeln sie sich also in Ganzkörperstrumpfmasken, in Latex-Korsett und Bikerleder, auf dem Kopf den Penis-Fascinator, dessen Dreifaltigkeit sich übers Gesicht entleert, die Ehefrau im Transparent-Trolley. Alles sehr Burlesque mit einem Hauch Frontaltheater, weil ins Publikum Schreien ist jedenfalls immer ein Statement.Welcome to the Freakshow! Das ist schon konsequent von 1898 bis hierher weitergedacht. Wien als Urknall im BDSM-Universum. Expertentum von Sacher-Masoch bis Sigmund Freud. Und mittendrin der Süße-Mädl-Schänder. Der großartige Nicolas Fehr feiert als Sänger die Exzellenz der Dekadenz, ein delikates androgynes Geschöpf, eine gefährlich sanfte Stimme, ein geheimnisvoller schwarzer Vogel auf der Loveswing – der Orgasmus des Abends.

Der Kakadu ist laut Gekrächze aber der Herzog und gleichzeitig die Marquise Severine, Gender-Bender Vera von Gunten, umgeben von ihren devianten Adelsarschkriechern – Simon Bauer und Jesse Inman. „Wenn ich König wär‘, läg‘ Versailles am Mittelmeer, käm‘ aus dem Brunnen Champag-ner …“, kalauert er/sie, während die illustre Gesellschaft einem folgenschweren historischen Irrtum aufsitzt: „So lange das Gesindel zu Späßen aufgelegt ist, kommt’s doch nicht zu was Ernstem.“ Kommt aber. In Gestalt von Steffen Links Henri. Am Schluss mit Lustig das dicke Ende. Und während Prospère am Top Drop leidet, bereiten die Kunstgewerblerinnen des „Kakadu“, Sophia Löffler und Vassilissa Reznikoff, den TPE vor. Und es ist sträflicher Leichtsinn dieser Inszenierung, dies so unterspielt zu haben. Schnitzlers Kerngedanke, gleichsam in die Tonne getreten: Dass im Spiel des Lebens real und surreal schwer zu scheiden sind, dass im Spiel Wahrheit zwar Pflicht, das Leben aber dennoch immer ein Tunnel game ist. Dass die Veränderung kommen muss, und sei’s nur um ihre nächsten Kinder zu fressen.

So war die Session ein abgefahrener Comic. Ein Gag, wenn Inman angstschlotternd und augenrollend ob der ihn umgebenden Extravaganza den Panikhaken sucht. Aber das dringlichste Gefühl beim Verlassen des Theaters hätte nicht die Sehn-Suche nach einem ebenso geilen Club wie eben sein dürfen, sondern! Eben!

Vive la révolution!

www.schauspielhaus.at

Wien, 15. 1. 2016

Theater in der Josefstadt: Anatol

Dezember 18, 2015 in Bühne

Michael König ist "Anatol" Bild: Sepp Gallauer

Michael König als „Anatol“
Bild: Sepp Gallauer

VON MICHAELA MOTTINGER

Alter Orpheus in kalter Unterwelt

Die Stimmung, in der einen dieser Abend in die Nacht entlässt, ist eine seltsam kalte – vorausgesetzt, dass die Hölle aus Eis ist; ihr Schnee wird später noch fallen. Da hat sich ein alternder Orpheus eine kalte Unterwelt geschaffen. Singen möchte er, wenn schon nicht von Liebe, so doch von Leidenschaft, aber die Stimme ist in zu viel Rauch und zu viel Champagner flöten gegangen. Die Weiber, die durch ihn wild geworden sind, sind allesamt da. Sie zerreißen ihn – innerlich. Helmuth Lohner sollte diesen Zerrissenen spielen. Michael König hat den Part übernommen. Seine Höhle ist ein heruntergekommener, schäbiger Tanzpalast. Jeder hat hier schon bessere Zeiten gesehen. Jeder hat die Hölle, die er verdient. Herbert Föttinger hat an der Josefstadt Schnitzlers „Anatol“ inszeniert.

Der Hausherr und sein Dichterfürst Peter Turrini haben sich ans Werk gemacht, ans Werk gewagt, und dem Abglanz der entmachteten Manneskraft einen Rahmen verpasst. Von der einst güldenen Opulenz bröckelt die Patina. „Ich will nicht mehr geliebt werden“, sagt dieser Anatol und überreicht seinem Freund Max ein Devotionalienkästchen der Erinnerungen. Sie duften noch süß, die Locken und Liebesbillets der süßen Mädln. Wie könnte man also verbrennen, was einen verbrennt? Nein, lieber unterm fremden Bett deponieren und von Zeit zu Zeit hervorholen, und gerade, als diese Episode verhandelt wird, tauchen sie auf, die Geliebten vergangener Tage. Kopfgeburten, Sukkuben, die sich um Anatol wie zu einem Untotentanz formieren. Schnitzlers psychologische Tiefengrabung als erotischer Albtraum eines angezählten Egomanen. Und apropos, „unten liegen“ – unterliegen: Die begnadeten Feministen Turrini und Föttinger haben Schnitzlers Harem die Emanzipation beigebracht. Die Damen haben das Sagen; wiewohl Anatol schon anno 1893 von Cora zu Ilona zunehmend Kontrollverlust erleidet, muss dieser da in schwarzbestrumpfter Beinschere gar um seine Atemluft fürchten. Headscissors sind ja manchem Herrn ein beliebtes Lustspiel.

Dies und das verhindert, dass dieses œuvre de vieillesse von Schwermut besoffen in Sentiment ersäuft. Es kann sich ja keiner von den eigenen Katastrophen abschneiden, und vielleicht liegt es auch daran, dass einem das Herz nicht wirklich aufgeht. Föttinger hat dem Leben aufs Maul geschaut und gesehen, wie die Tragi- neben der -komik steht, und dass doch alles nur Farce ist. Wie man durch die Welt läuft und sich fragt, wie man da wohl wieder reingeraten ist, so hetzt Anatol von Szene zu Szene. Ohne Faden, den hat er längst verloren, geht’s von illusionslos-nüchterner „neuer“ Sachlichkeit hinein in die Klamaukkomödie und retour. Alles ist Betrug, selbst die Frage an das Schicksal, wenn Alma Hasun, statt Hypnoselämmchen zu sein, beiseite flüstert: von wegen Untreue, da hätte sie ihm einiges zu erzählen gehabt … Wenn Michael König zu Max sagt, dass ihn dessen kühle, gesunde Heiterkeit enerviere, dann ist sie genau das, was Föttingers Inszenierung ausmacht.

König ist kein hinreißender Herzensbrecher. Wenn so einer eine Frau als „mein liebes Kind“ abschasselt, schwingen die Töne schon schön arrogant; die Diminutivierung des weiblichen Geschlechts gehört bekanntlich zum Wortschätzchen des männlichen Machterhalts. Königs Anatol changiert wie die Seidendessous, zwischen denen er sich bewegt. Er ist ungeduldig und beleidigt beim Abschiedssouper, wehleidig und beleidigt am Hochzeitsmorgen, süffisant und beleidigt bei den Weihnachtseinkäufen. Dieser Anatol nimmt im amourösen Rollenspiel mit Begeisterung die des Opfers ein. Da will einer Gefühlsmensch sein und hat dabei nur auf sich selber Emotionen. Was hat ihm das Weib nicht alles angetan! Ja, ja, da ist es gut, dass Peter Matić seinen Max mit einem charmanten Sarkasmus ausstattet, der das viele Seelengeklingel konterkariert. Matićs Max, der selbsternannte Stichwortgeber, ist in Wahrheit der Spielmacher; in den besten Szenen der Aufführung gestaltet er mit König Doppelconférencen. Nur nicht romantisch werden, rät er dem „leichtsinnigen Melancholiker“. Wozu bei der resoluten Riege allerdings sowieso wenig Anlass besteht.

Aus dem Reigen von Föttingers Frauen-Fantasien stechen drei hervor: Katharina Straßer gibt die Annie als grandiose „Fehlbesetzung“ in Adidas-Buxe und mit Pudelhaube, ohne hart antrainierter Ballerina-Attitüde, sondern als lustig-aggressive Prolet-Berserkerin. Sie spielt ein Vorstadtkabarettstückchen. Sandra Cervik ist als Ilona die elegante Domina-nte, die dem Herrn einen Herrn zeigt. Und mutmaßlich auch ihre strenge Kammer. Bevor die einem hinterher läuft, läuft sie lieber Amok. Als Höhepunkt gestaltet Andrea Jonasson mit Gabriele den Schlusspunkt, eine harte, nur von der Contenance im Zaum gehaltene Auseinandersetzung, die in ihrer Höflichkeit schlecht verheilte Verletzungen verdeckt. An Jonassons Seite, der einzigen Begegnung auf Augenhöhe an diesem Abend, kommt König schließlich in schauspielerische Hochform. Am Ende bleibt sein Anatol allein im dunklen Tanzpalast zurück. Seine Erinnerungsstücke hat er behalten, ein neues kommt dazu. Es ist zu erwarten, dass dieser Don Juan wieder in den Geschlechterkrieg zieht.

Michael König im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16616

Trailer: www.youtube.com/watch?v=iDMvEN7qmZk

www.josefstadt.org

Wien, 18. 12. 2015

Michael König im Gespräch

Dezember 11, 2015 in Bühne

Michael König als Anatol Bild: Jan Frankl

Michael König als Anatol
Bild: Jan Frankl

VON MICHAELA MOTTINGER

Spielt „Anatol“ im Theater in der Josefstadt

Arthur Schnitzlers Einakterzyklus neu gedacht: Herbert Föttinger und Peter Turrini machen aus „Anatol“ die Lebensbilanz eines Frauenverzehrers. Lange schon trägt sich der Josefstadt-Direktor mit der Idee aus den erotischen Episoden eines wohlhabenden Bonvivants die Geschichte eines an der Liebe Gescheiterten zu filtern. Helmuth Lohner sollte die Rolle des, dies allerdings keineswegs ehrwürdig, ergrauten Weiberhelden spielen; Michael König hat für ihn übernommen. Ihm als Anatol steht Peter Matić als Max zur Seite. Die Damenriege ist mit Andrea Jonasson als Gabriele, Sandra Cervik, Katharina Straßer, Martina Ebm und Martina Stilp hochkarätig besetzt. Premiere ist am 17. Dezember. Michael König im Gespräch:

MM: Als Herbert Föttinger Sie wegen des „Anatol“ angesprochen hat, was dachten Sie da?

Michael König: Ich habe zwar Schnitzler schon gespielt, „Einsamer Weg“ oder „Weites Land“, aber das ist doch aufregend schwer für mich. Dieses scheinbare Parlando, diese Oberfläche, die in der Schwebe bleibt, so zu spielen, dass es nicht nur ein langweiliges Geschwätz ist, das muss man schaffen. Und da fand ich den Ansatz von Herbert Föttinger interessant, dass Anatol und Max alte Schauspieler sind, die mit Imagination zurückblicken, auf das, was war, was man vielleicht verpasst hat, dass man in ein ganzes Leben schaut.

MM: Peter Turrini und Herbert Föttinger haben dem Ganzen eine Rahmenhandlung in einem Tanzpalast gegeben. Eine Selbstbespiegelung? Das Bildnis des Dorian Anatol?

König: Es hat damit zu tun. Inklusive der wahnsinnigen Egomanie des Herrn Anatol. Die Parallele zu Oscar Wilde ist da. Man sieht das auch bei den Frauen: Er sieht nie das Du in einer von ihnen. Dass eine Frau eine Person sein kann, nicht nur ein faszinierendes erotisches Fluidum, das kommt bei Anatol einfach nicht vor.

MM: Der Text bewegt sich zwischen Sentiment und Sarkasmus?

König: Das Sentiment versuchen wir gerade rauszukicken. Sarkasmus kommt ganz stark vor, in manchen Szenen wird ja Krieg geführt. Es ist so, dass ganz stark geschmeckt wird, in diesen Blüten, den Haarlocken seines Erinnerungskistchens. Vielleicht war die „Richtige“ doch da und ich habe es nicht wahrgenommen? Es geht um einen Jäger, der immer etwas besseres sucht. So heißt es im Stück: Die letzte ist immer die beste. Man fragt, wo ist das Ziel? Und dieses Ziel gibt es für diesen Narziss nicht.

MM: Ist es nicht das Wesen des Jägers, dass die Beute, sobald erlegt, uninteressant ist? Derart Männer kennt man doch.

König: Und Schnitzler ist das beste Beispiel. Er war besessen von der Erotik, vom Verzehr der Frauen. Schnitzler ist unglaublich, wenn man sich einmal in sein Tagebuch vertieft, das ist voll von den einzelnen Windungen und Wendungen seiner Beziehungen – grausam zum Teil. Max und Anatol sind zwei Seiten seiner Seele, sind Schnitzler A und Schnitzler B. Er seziert, er hat den Blick von außen, nur hat er im Gegensatz zu beispielsweise Tschechow keine Empathie.

MM: Schaut Schnitzler nicht von innen heraus? Wie man durch die Augen eines Totenschädels ins Draußen schauen könnte?

König: Es ist beides. Und das ist aufregend. Tatsächlich weiß er über das Innere der Menschen viel und das ist faszinierend. Aber gleichzeitig sieht er sie von außen, ganz kalt, er zerlegt, wie die Seele funktioniert.

MM: Sie verzeihen, aber Sie sind nicht mein erster Anatol. Und was haben mir die Darsteller nicht alles erzählt. Von Schwerenöter, von Sehnsüchtler mit der Betonung auf Sucht. Ich halte Anatol für einen Unsympath. Verteidigen Sie Ihre Figur!

König: Ich teile Ihre Meinung teilweise. Ich bin ein glücklich verheirateter Mann mit fünf Kindern, unsere Ehe wird jeden Tag schöner, ich bin gesegnet. Ich habe mit der Art von Anatol gar nichts zu tun. Persönlich schaue ich da ziemlich fremd drauf; gleichzeitig kenne ich natürlich diesen Typus Mann, ich habe ja viele Freunde. Ich kann da also schon etwas verteidigen, als Nicht-Wiener, und zwar diesen Charme bei den Ausreden. Es ist ja doch Natur. Die Frauen betrügen uns, sagt er, und ich liebe sie doch über alles und sie lieben mich doch über alles.

MM: Aber damit stellt er doch die Behauptung zur Selbstbehauptung auf.

König: Völlig d’accord mit Ihnen! Da müssen wir gar nicht drüber reden. Ich bin kein Macho, in diesem Sinne nicht. Doch das ist nicht das Thema. Ich ergreife nicht Partei. Diese Figur, die auch eine alte Figur ist, gibt es in dieser Form nicht mehr. Das merkt man an der Turrini-Föttinger-Fassung sehr. Dieses ganze Schwelende, das Aufregende zwischen den Geschlechtern, das gibt es so nicht mehr. Insofern ist Anatol ein Pfau aus einem anderen Jahrhundert. Durch diese Ferne kann ich die Figur anders wahrnehmen, ich bin aus einem bestimmten Denken, das am Theater heute oft so unangenehm kurzatmig ist, entlassen. Ich muss mir nicht überlegen, ob er ein grauenhafter Mensch ist, weil er ist.

MM: Und so Wienerisch? Kann man’s in Hamburg nicht spielen?

König: Doch. Und ich mach’s auch nicht auf Wienerisch, das wäre mir peinlich. Ich meine nicht die Sprache, sondern die Mentalität. Damit habe ich Schwierigkeiten. Ich meine den Umgang mit Definitionen. Ganz platt gesagt: Der Piefke, und ich bin kein Piefke, sondern ein Bayer, das ist etwas ganz anderes, der Piefke sagt: So ist das, oder so ist das nicht. Der Wiener sagt: Naja, es ist so, aber auch so, und anders muss man’s auch noch sehen. Das hat etwas Faszinierendes für mich. Das ganze Stück ist ein Herumreden, Herausreden, die Suche nach einem Weg. Sehr elegant, sehr eigen. Ich versuche das darzustellen, aber das fällt mir nicht leicht. „Anatol“ ist erstaunlich leichtfertig und gleichzeitig hat er eine erstaunliche Tiefe. Und über allem darf man nicht vergessen, dass es eine Komödie ist. In manchen Szenen beinahe vaudevillehaft.

MM: Wird damit gespielt, dass Sie nicht mehr 30 sind?

König: Nein, denn das Ganze ist ja wie ein Traum von ihm. Er zaubert die Frauen wieder hervor. Ich spiele nicht den alten Mann, sondern Anatol im Kopf von Anatol. Ich glaube, dass das funktionieren kann. Das Problem Alter gibt es nicht, weil alles aus den Gedanken von Anatol stammt.

MM: Es gibt eine Tanzszene, in der alle Geliebten wieder erscheinen. Da tanzen Sie die Damen durch …

König: Sie tanzen mich durch. Er beschwört sie, wie das wäre, wenn sie alle da wären, und dann kommen sie, rachedurstig, sie wollen ihn fressen. Zum Glück gibt es ein Blackout.

MM: Ist das der dargestellte Kontrollverlust über die Frauen? Von Cora zu Ilona entgleiten ihm die Dinge ja immer mehr.

König: Ja, er hat zwar die Fähigkeit, sich die Dinge immer schönzureden, eine übersteigerte Form mit den Frauen umzugehen, aber sie gehen mit ihm um. Sie haben ihn und lassen ihn nicht mehr los. Sie wollen mit diesem charmanten Arsch abrechnen, sie wollen, dass er in seinen Sauereien erstickt. Das finde ich gar nicht schlecht.

MM: Am Ende steht Gabriele in „Weihnachtsgeschenke“. Mit dieser Szene aufzuhören, ist nicht nur der Jahreszeit geschuldet. Ich habe es noch nie so stark wie dieses Mal gelesen, dass sie sein Pendant ist, die ihm Ebenbürtige, wenn sie sinngemäß sagt: Sag’ deinem neuen süßen Mädl, ich hätte dich lieben können, wenn ich mich getraut hätte. Ein Mut, der auch Anatol fehlt.

König: Das gefällt mir, was Sie sagen. Es stimmt etwas daran. Er hat es nicht gewagt. Vielleicht hätte es eine gegeben, aber er hat es nicht gewagt. Gabriele ist aus der großen Welt, im Grunde eine Frau, die zu ihm passen würde, aber er geht lieber in die Vorstadt. Die beiden haben ein heftiges Begehren, aber es ist vorbei, da ist tiefste Enttäuschung, Krieg, trotz der Erotik, die noch da ist. Sie killt ihn über sein süßes Mädl.

MM: Sie sind ein Mann und er tut Ihnen leid.

König: Nein, denn das wäre auch falsch. Die beiden machen sich gegenseitig fertig.

MM: Was sagt uns die Rahmenhandlung? Dass Anatol nicht in Würde altern kann?

König: Er möchte ja Schluss machen, es reicht ihm, aber er kann nicht. Wer denkt sich nicht: Es kann doch nicht einfach aus sein. Und schon ist er wieder drin, schon wieder geht es los. Anatol kann sich nicht erlösen. Er könnte sich nur selbst erlösen, und das geht nicht. Er ist gefangen.

MM: Ganz böse könnte ich jetzt sagen, die Impotenz wird ihn erlösen.

König: Das haben wir als Thema potenziell drin. Er sagt an einer Stelle: Ich will nicht mehr geliebt werden. Und Max sagt: Naja, wenn du könntest, würdest du doch sicher … Das ist als potenzielle – interessantes Wort an dieser Stelle – Möglichkeit drin, sozusagen Schnitzlers Novelle „Casanovas Heimkehr“. Ich bin ganz verliebt in diese Prosa.

MM: Was würden Sie Anatol sagen, wenn Sie könnten – von Mann zu Mann?

König: Ich würde ihm sagen, komm’ zu mir, ich stelle dir meine Frau vor, dann reden wir anders. Aber das ist nichts für die Öffentlichkeit, das ist etwas unter vier Augen.

MM: Als Frau muss man auch in den allerbesten Jahren jung und sexy bleiben. So die Anforderung der Gesellschaft. Wie bleibt ein Mannsbild ein Mannsbild?

König: Ob ich jung und sexy bleibe, ist mir wurscht. Ich lebe die Sachen, die ich wichtig und schön finde, und zwar mit Entschiedenheit. Wenn das jemand sexy findet, ist das schön.

MM: Darf ich das zum Abschluss sagen: Sie spielen den Anatol nicht statt, sondern für Helmuth Lohner.

König: Das freut mich sehr, dass Sie das so sagen. Das war für mich ein Punkt. Ich sehe Helmuth Lohner in dieser Rolle in einer Weise, in der ich mich nie sehe. Ich habe ihn schon als junger Schauspielschüler in München verehrt. Da hat Otto Schenk „Geschichten aus dem Wiener Wald“ inszeniert, Lohner war der Alfred, ich ein Komparse. Ich war fasziniert von Lohner, er hatte all das, was Anatol hat, mit einer Selbstverständlichkeit und Würde. Die Rolle nun zu spielen, ist für mich keine Last, weil sowieso klar ist, dass er der richtige dafür wäre. Daraus ein Thema zu machen, ist peinlich. Insofern entlaste ich mich auch selbst. Ich werde vor der Premiere einen kurzen Kontakt zu ihm aufnehmen und sagen: Verzeih’, dass ich es mache, aber ich mache es, wie Sie so schön gesagt haben, für dich. Und ich versuche, dass es Qualität hat.

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Wien, 11. 12. 2015