Bronski & Grünberg: Der Reigen

Oktober 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss sind alle fick und fertig

„Schnitzler“ von Ruth Brauer-Kvam: Florian Stohr als Dirne und Gerald Votava als Soldat. Bild: © Philine Hofmann

Von wegen Männerwelt. Hat sich was mit Herren der Schöpfung. Nicht nur zwingt das „Domina“-nte Stubenmädchen den Soldaten zwecks Orgasmus zum tödlichen Stromschlag, da wird später sogar ein Erotikdarsteller mittels bösem Weiberblick um sein Ejakulat betrogen, bis schließlich ein französisch parlierender Adelsspross zum Sex einen Pariser benutzen soll – was ihm leider gar nicht steht.

Im „Bronski & Grünberg“ ist wieder „Der Reigen“ im Programm, die Wiederaufnahme der in der vergangenen Saison höchst erfolgreichen Produktion, für die zehn Regisseurinnen und Regisseure je eine Szene aus dem einstigen Skandalstück inszenierten. Und wie darin ein Gesellschaftspanorama des Fin de Siècle entworfen wurde, changierend zwischen Unmoral, Ohnmacht und Machtanspruch, so geschieht’s auch heute.

Allerdings auf post-patriarchal gedreht und gewendet, heißt: die Frauen schaffen an, und zwar nicht nur die Dirne, sondern in jeglicher Form. Das selbsternannt starke Geschlecht ist ein im Wortsinn armes Würstchen, das selbstmitleidig davon singt, dass ein Penis halt keine Maschine ist.

Zehn Leuchttafeln rund um die von Gabriel Schnetzer gestaltete Bühne zeigen das Jahr der jeweils gespielten Szene an, nicht chronologisch geht’s von 1750 bis 2000, selbstverständlich ins Erstveröffentlichungsjahr 1900 und ins Uraufführungsjahr 1920. Kyrre Kvam hat dazu Goethes Gedicht „Liebhaber in allen Gestalten“ vertont, die Strophen unterbrechen die Begegnungen, wobei, tatsächlich tut das Florian Stohr als Dirne. Stohrs Leocadia ist ein liebenswertes leichtes Mädchen, klar kann der Schauspieler Drama-Queen, doch die von Ruth Brauer-Kvam verantworteten erste und letzte Szene setzen lieber leise, lyrische Akzente in dieser ansonsten um Kalauer und Klamauk keineswegs verlegenen Aufführung.

„VHS Kassette“ von David Schalko: Von Stolzmann als Gatte und Julia Edtmeier als Süsses Mädel. Bild: © Philine Hofmann

Der Pornostar will die Filmelevin beeindrucken: Claudius von Stolzmann und Julia Edtmeier. Bild: © Philine Hofmann

„Dr. Condom“ von Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki: Florian Carove als Graf. Bild: © Philine Hofmann

Mit Verhüterli floppt der Verkehr: Kimberly Rydell als Schauspielerin und Carove. Bild: © Philine Hofmann

Trifft Stohr anfangs auf Gerald Votava als defätistischen Soldaten, dieser brutal in seiner Resignation, hartherzig in seinem Nihilismus, von beiden eine schnitzlereske Charakterzeichnung inmitten des Überdrüber, das noch folgen soll, so ist es am Ende Florian Carove als Graf, der nach Satire, Ironie, Sarkasmus endlich ernsthaft einen Schnitzler’schen Sehnsüchtler gibt – dieser an diesem Abend übrigens nicht der einzige, der nicht zum Schuss kommt. Solitär Stohr aber fällt, da Brauer-Kvam auch die Über-Regie übernommen hat, und damit die Arbeit, die Episoden zu einem Ganzen zusammenzufügen, außerdem die Aufgabe zu, als eine Art Spielmacherin zu fungieren. Denn Leocadia bestimmt, wer wann wo, und wie es Marius Zernatto als Dichter mit einem weinerlichen „Alle andern dürfn a“ formuliert, „abgespielt“ ist, und führt die Figur von der Bühne.

Alldieweil ist Gerald Votava bereits beim Stubenmädchen angelangt, Karoline Kucera als SM-Kammerraubkätzchen, der Soldat wie Woyzeck impotent, nicht von zu vielen Erbsen, sondern weil abgefüllt mit Cornflakes aus dem Hause „Kellogg’s“ – wie Dominic Oley seine Szene hintersinnig nennt, diese Verquickung der Erfindung der Frühstücksflocken als Medizin gegen den Sextrieb und die im Zweiten Weltkrieg erfolgte Übernahme des dafür errichteten Sanatoriums durch die US-Armee. In „Doppelspalt Experiment“ trifft Kucera als nächstes auf David Jakob als Jungen Herrn, ein prä-potenter Teenager, den Dominic M. Singer sich in der Badewanne räkeln lässt, ein Herrenburscherl, das den Hitlergruß probt, bevor ihn die von ihm als solche behandelte „Dienstmagd“ Kurz anbindet.

Auf „Reigen Skandal“ von Johanna Mertinz mit David Jakob als Jungem Mann und Agnes Hausmann als Junger Frau, folgt Helena Scheubas „Freddie Mercury“, eine Sequenz, in der sich Agnes Hausmann als Junge Frau und Claudius von Stolzmann als Gatte in Rollenspielen üben, von Stolzmann hinreißend beim natürlich tollpatschigen Versuch zu „Under Pressure“ einen Striptease hinzulegen, großartig der eheliche Dialog, ob nicht des Gatten Schnauzbart und seine Begeisterung fürs Tanzen ein Indiz für eine ebensolche betreffs Sex mit Männern sei. Dies jedenfalls die große Fehlstelle in dieser Gemeinschaftsarbeit, dass nämlich im „Schnitzler neu“ mehr Spielarten zwischenmenschlichen Zusammenlebens als immer nur die Hetero-Variante wünschenswert gewesen wären.

„Kellogg’s“ von Dominic Oley: Karoline Kucera als Stubenmädchen und Gerald Votava. Bild: © Philine Hofmann

„Freddie Mercury“ von Helena Scheuba: Agnes Hausmann und Claudius von Stolzmann. Bild: © Philine Hofmann

„Schnitzler“ II von Ruth Brauer-Kvam: Florian Carove als Graf und Florian Stohr als Dirne. Bild: © Philine Hofmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stattdessen schnallt sich von Stolzmann in David Schalkos „VHS Kassette“ einen Riesen-Penis um (Kostüme: Katja Neubauer), der Gatte ein Pornostar, mit dem Fellatio zum Reflux führt, wie er angibt, bis Julia Edtmeier seinem Segen-und-Fluch-zugleich-Pimmel mit einem Augenaufschlag den Garaus macht. In Fabian Alders „Die Pille“ gesellt sich zu Edtmeier Marius Zernatto als Dichter, ein von seinem Singer-Songwriter-Genie überzeugter Poser, den an der Beziehung lediglich interessiert, ob sie eh die – siehe Episodentitel – nimmt. Auch bei seinem zweiten Antreten ist Zernattos Dichter kein Glück beschieden, im von Laura Buczynski inszenierten „Sex and the City“ sorgt Kimberly Rydell als Schauspielerin mit ihrer flammenden Rede über Verhütung für den Untergang seiner Schwimmer.

Die Szene von der Schauspielerin und dem Grafen nennt sich in der Fassung Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki „Dr. Condom“, nötigt doch Rydells Bühnenkünstlerin den Blaublüter voll feministisch und auf ihre nachwuchslose Unabhängigkeit bedacht sich ein solches –  1750 noch aus Tierdarm gefertigt, mit Seidenbändern und lateinischer Gebrauchsanleitung – überzuziehen. Schwach protestiert Florian Caroves Graf, das Abwenden von der Zeugung von Bastarden liege in der Verantwortung des Weibes, doch es hilft ihm kein sich auf diesen Standpunkt Versteifen. Was im Übrigen auch andernorts nicht stattfindet, was wiederum von Carove, der sich zu allem Ungemach noch zusätzlich durch unzählige Rokkokokleiderschichten wühlen muss, mit einem bedauernden „Ich war eigentlich grad sehr geil“ kommentiert wird.

Da lacht das Publikum, wie generell viel an diesem Abend. „Der Reigen“ im Bronski & Grünberg geriet im besten Bronskisten-Style zur abgedrehten Komödie, die Schauspielerinnen und Schauspieler mal lässig-lasziv, mal amüsant-süffisant, mal exaltiert, mal exzentrisch. Neben Gerald Votava mit seinem rostigen Goldenen Wienerherz, ist es von Stolzmann, dessen darstellerische Feinheiten gefallen. Wie er in der Scheuba-Szene bei Hose rauf, Hose runter, von Satz zu Satz tänzelt, von Erwartung zu Enttäuschung, spielt er sich sportlich-schnittig die Pointen von der Seele. Am Schluss sind alle fick und fertig. Schön ist das, diesem Dreamteam beim „seeeehr frei nach Schnitzler“ Spaß haben und Spaß machen zuzusehen.

 

www.bronski-gruenberg.at

  1. 10. 2019

Die Bücherdiebin

März 20, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lesen kann Wunden heilen

Liesel Meminger (Sophie Nélisse) Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Liesel Meminger (Sophie Nélisse)
Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Es wäre leicht zu sagen, dieser Film ist kindlich-naiv. Die 13-jährige Hauptdarstellerin Sophie Nélisse, „Liesel“, wurde in der kanadischen Provinz Quebec geboren. Vom Holocaust hat sie in der Schule so gut wie nichts gehört. Anne Frank? Kennt sie nicht. Im Dritten Reich wurden Bücher verbrannt? Wirklich? Ihr deutscher Partner, Nico Liersch (Rudi Steiner), 14 Jahre alt, weiß das natürlich alles. Und genau so sollte man „Die Bücherdiebin“ sehen: Wie Tom Cruises für europäische Augen grottenschlechte „Operation Walküre“, die aber in den USA das Bewusstsein schuf, dass es sehr wohl innerdeutschen Widerstand gab. Nicht jeder Fritz war ein Nazi. Außerdem adelt Regisseur Brian Percival („Downton Abbey“ – we love it!) die Verfilmung seines Weltbestsellers des australischen Autors Markus Zusak mit Geoffrey Rush, Emily Watson, Ben Schnetzer und Ben Becker als Tod. Als tiefrauchige Stimme aus dem Off. Darüber hinaus sind Burgschauspieler Oliver Stokowski als Rudis Vater, Burg-Gast Matthias Matschke als NSDAP-Mitglied und Heike Makatsch als Liesels Mutter zu sehen

Erzählt die Geschichte von Liesel, deren jüngerer Bruder stirbt, kurz bevor sie zu ihren neuen Pflegeltern kommt – zum herzensguten Hans Hubermann (Geoffrey Rush) und zu seiner etwas kratzbürstigen Frau Rosa (Emily Watson). Rosa verkörpert anscheinend das Böse und Inhumane dieses an den Führerlippen hängenden Deutschlands, ihr Mann Hans das nun untergebutterte Menschliche, das gute Worte nun nur noch zu flüstern, milde Gesten nur noch heimlich auszuführen wagt. Erschüttert vom nur ein paar Tage zurückliegenden tragischen Tod ihres jüngeren Bruders und noch etwas eingeschüchtert von ihren neuen „Eltern“, die sie gerade erst kennengelernt hat, bemüht sich Liesel, sich anzupassen – zu Hause wie auch in der Schule, wo ihre Klassenkameraden sie als Dummkopf verspotten, weil sie noch nicht lesen kann. Doch mit der unbeirrbaren Leidenschaft einer wissbegierigen Schülerin, ist Liesel entschlossen, diesen Makel abzustellen. Und sie bekommt Hilfe, von ihrem einfühlsamen „Papa“ Hans, der Tag und Nacht mit Liesel arbeitet, als sie über ihrem ersten Buch sitzt und es intensiv studiert. Hans ist von Beruf Anstreicher und sein ständiger Begleiter ist ein altes Akkordeon, dem er warme und keuchende Klänge und Akkorde entlockt. Er wirkt wie ein sehr einfacher Mann, tatsächlich aber steht er in puncto Komplexität keiner Figur nach, die Rush in seiner Karriere bisher verkörpert hat. „Hans’ größte Gabe ist meines Erachtens seine sehr ausgeprägte emotionale Intelligenz“, beschreibt Rush seine Figur. „Und diese Feinfühligkeit führt auch dazu, dass er fast auf Anhieb eine enge Beziehung zu Liesel aufbauen kann. Hans spürt, dass Liesel sehr schwere Zeiten durchgemacht hat und er versucht Wege zu finden, sie aus der Reserve zu locken – manchmal eben auch durch das Akkordeon, das er mit großer Begeisterung spielt.“

Fantasie und die Macht und die Magie der Worte, Herz und Seele wie auch der unbedingte Wille, durchzuhalten und das Gefühl, dass letztlich das Gute triumphieren wird, sind die dramaturgischen Motoren des Films. Nur so kann man den verstörenden Ereignissen entfliehen. Lesen kann Wunden heilen.

Doch Brian Percival inszeniert ein geschicktes Täuschungsmanöver. Die Hubermanns, so verschieden die Charaktere und Überlebensstrategien von ihr und ihm auch sein mögen, sind alles ­andere als Nazis. Es sind Oppositionelle, von den waschechten Hakenkreuzlern misstrauisch beäugt und  aus­gegrenzt. Wie wagemutig und anders sie sind, zeigt sich, als sie den Juden Max (Ben Schnetzer) bei sich verstecken. Liesels Faszination für ihren neuen Mitbewohner erwacht, da beide verwandte Seelen sind. Beide sind Vertriebene, haben ihre Familien verloren und entwickeln zueinander eine starke Bindung. Beide lieben sie Bücher, und das wird für ihr Überleben schließlich genauso wichtig wie Essen und Schutz. Max lehrt Liesel viel mehr als nur noch besser lesen zu können. Er lehrt sie, wie sie Worte einsetzen und verwenden muss und öffnet ihr damit die Augen für die Welt, in der sie lebt – in seinem neuen Heim, im dunklen und manchmal eisigkalten Keller. Auch ihr junger Nachbar und Schulkamerad Rudi Steiner verändert Liesel. Liesel und Rudi werden schnell Freunde, machen alles gemeinsam und stehlen zusammen auch Bücher, wobei Liesel stets betont, dass sie diese nur „ausleihen“ würde. Tatsächlich ist es auch Rudi, der Liesel den Spitznamen „Die Bücherdiebin“ gibt.

„Die Bücherdiebin“ beginnt Verbotenes zu lesen und holt sich Literatur auch aus dem Haus eines Nazibonzen und von den für sie aufgestellten Scheiterhaufen. In einer von  großen Emotionen aufgeheizten  Sequenz wird Liesel Zeuge, wie unter dem Jubel der Stadtbewohner Tausende von Büchern in den Flammen verbrennen. Nach diesem schockierenden Erlebnis rettet Liesel ein Buch, das noch vor Hitze qualmt, vor dem alles vernichtenden Feuer. Eine brandgefährliche Situation … Für seinen Roman ließ sich Markus Zusak von Geschichten inspirieren, die ihm seine Eltern in seiner Kindheit in Australien erzählten. „Man hatte das Gefühl, als würde unsere Küche zu einem Teil von Europa, wenn meine Mutter und mein Vater von ihrer Kindheit in Deutschland und Österreich, von den Bombardierungen Münchens und von den Gefangenen erzählten, die die Nazis im Marschschritt durch die Straßen trieben“, erinnert sich Zusak. „Damals war mir das noch nicht bewusst, aber diese Geschichten brachten mich schließlich dazu, Schriftsteller werden zu wollen. Ein zentrales Thema der Geschichte ist, dass Hitler die Menschen, das deutsche Volk, mit seinen Worten zerstört. Liesel holt sich diese Worte zurück, sie stiehlt sie und schreibt dann mit ihnen ihre eigene Geschichte.“

Brian Percival geht sehr sorgsam mit der Vorlage um; er inszeniert fehlerlos. Und führt seine Schauspieler zu Höchstleistungen. Manche werden „Die Bücherdiebin“ als opulent bebilderte Schulze schelten, man sollte darin aber eine große Geschichte über Mut, Mitmenschlichkeit und Anstand sehen. Und übers Neinsagen. Natürlich gibt es drastischere Filme über das Dritte Reich. Sie sind wichtig. Aber hier darf man froh sein über jeden, der sich zu Zivilcourage – und zum Lesen – animieren lässt!

www.diebuecherdiebin-derfilm.de

www.thebookthief.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7Wt38kDWjaI

Wien, 20. 3. 2014