Volkstheater/Bezirke: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

November 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die 114 Suren als Symbol für Sein Lenkrad

Fahrstunde mit dem Koran als Lenkrad: Dominik Warta, Bagher Ahmadi und Michael Abendroth. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Am Ende, das heißt: am neuen Anfang, wenn Momo die geerbte Schatulle öffnet, wird ein warmes Strahlen auf sein Gesicht fallen. Im hölzernen Kästchen nämlich befindet sich eine Ausgabe des Heiligen Buchs des Islam, und der Lichtvers aus dessen 24. Sure – „Gott führt zu Seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an“, steht darin geschrieben – ist nicht nur die Inspirationsquelle des Sufismus, sondern gleichsam auch der Leitsatz von Éric-Emmanuel Schmitts „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.

Vom elsässischen Bestsellerautor erst als einer von drei Bühnenmonologen über die Weltreligionen verfasst, arbeitete Schmitt seinen Text später zur Erzählung um, bis die Story schließlich mit Omar Sharif in der Titelrolle zum Kino-Blockbuster wurde. Für die Bezirke-Tour des Volkstheaters haben Regisseur Jan Gehler und Dramaturg Michael Isenberg den tragikomischen Roadtrip für drei Schauspieler aufbereitet, Michael Abendroth, Bagher Ahmadi und Dominik Warta, und es ist vor allem der aus Afghanistan stammende Schauspielstudent an der Wiener MUK, der mit seinem Feuer und seinem Charme die Herzen des Premieren- publikums entflammt.

Die Inszenierung ist, wie die Franzosen formulieren würden, super sympa, und neben der liebenswerten Behandlung von Schmitts Pariser Rue-Bleue-Charakteren, ist Gehler auch die intensive Beschäftigung mit der jüngsten der Abrahamsreligionen hoch anzurechnen. Wie Schmitt in seinem literarischen Viertel Faubourg-Montmartre an jedem Detail feilte, so auch Gehler, bis zum Symbol der Rose, deren zwei getrocknete und gepresste Momo im Buch findet, und deren Beschaffenheit die Stationen in der Entwicklung des Derwischs darstellen – die Dornen die Schari’a, das islamische Gesetz, der Stängel Tariqa, den mystischen Weg, die Blüte Haqīqa, die Wahrheit, die als Duft Ma’rifa, die Erkenntnis, in sich trägt.

Überhaupt versteht sich die Aufführung auf Zeichen, und dies am schönsten, wenn das Koran-Kästchen bei der bevorstehenden Autofahrt emblematisch zu Seinem Lenkrad wird. Die Spielfläche bleibt bis auf die Vordersitze leer. Die Darsteller gestalten mit Kreidezeichnungen den Raum – Eiffelturm, Sacré-Cœur und Moulin Rouge werden an eine schwarze Tafel gekritzelt, ein Baguette, eine Flasche Beaujolais, in Emmareh- oder Einweihungsblau ein sich drehender Derwisch. Denn Monsieur Ibrahim, der einzige „Araber“ in der jüdischen Straße, ist gerade das nicht, dafür alles andere: alteingesessener Citoyen in der Stadt der Liebe, ursprünglich vom Goldenen Halbmond, Kolonialwarenhändler und Sufi.

Moses erfährt vom Selbstmord seines Vaters: Ahmadi und Warta. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die erste Lektion des Monsieur Ibrahim lautet „Lächeln!“: Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Monsieur Ibrahim nimmt Moses als Sohn an: Abendroth und Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Michael Abendroth stattet die Figur mit einer stoischen Verschmitztheit aus, die sowohl Monsieur Ibrahims spirituellen Habitus als auch seinen Hang zur Schlitzohrigkeit glaubhaft macht. Dieser Mann weiß, dass in der Ruhe zwar die Kraft, im Lächeln aber das Glücklichsein liegt, und dies ist lediglich eine der Lehren, die er Momo auf die Reise Richtung Levante und durchs Leben mitgibt, als der meint, die Mundwinkel nach oben zu ziehen, sei nur was für reiche Leute. Momo, eigentlich Moses, ist ein elfjähriger jüdischer Junge, der bei seinem Vater, einem Rechtsanwalt ohne Fälle, wohnt. Die Mutter hat vor dem unerträglichen Misanthropen bald nach Momos Geburt die Flucht ergriffen. Weshalb der nun den Sohn zum Haushaltssklaven degradiert.

Moses holt sich die Liebe, die er in der kalt-geheimniskrämerischen Atmosphäre seines Zuhauses nicht kriegt, bei den käuflichen Damen im Arrondissement, den darob entstehenden Geldverlust kompensiert er, indem er „beim Orientalen“ Konserven stiehlt – was Monsieur Ibrahim freilich längst bemerkt hat. Es ist ein Kunst- wie Glücksgriff Gehlers diesen diebischen Moses von Bagher Ahmadi verkörpern zu lassen, und im Sinne selbiger Liberté, Égalité, Fraternité den Muslim vom gebürtigen Hamburger mit Hauptwohnsitz Wien Abendroth. Nicht nur passt die Chemie der beiden, nicht nur können’s die zwei wunderbar zwischenmenscheln lassen, Ahmadi erweist sich auch als temperamentvoller, starker Sprecher, der seine Sätze mitunter, statt auf Hebräisch, in Farsi spricht.

Derart mäandern die 80 Minuten von Bonhomie zu melancholischem Humor, bis Moses‘ Vater, der seine binären Codes nach der Gleichung Jude sein ist gleich depressiv sein wie den Teufel an die Wand malt, Selbstmord begeht. Dem großartigen Dominik Warta kommt die Aufgabe zu, von Szene zu Szene zu sie alle zu sein: der finstere Vater, der nicht aus seinem Schneckenhaus kann, der unsensible Polizist, der die Todesnachricht überbringt, die überraschend auftauchende, von der Situation aber überforderte Mutter … Zwei Kabinettstücke liefert das Darstellertrio ab:

Das strahlende Licht aus der Schatulle macht aus Moses Mohammed: Bagher Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Im Adoptionsamt, denn Ibrahim will Moses an Kindes statt annehmen, mit Warta als bärbeißigem, aufs Prozedere pochenden Beamten, und in der Fahrschule mit Warta als Karntnarisch parlierendem Fahrlehrer. Und auch als bezaubernde Brigitte Bardot entpuppt sich Warta als Idealbesetzung. Mit der Weisheit des Koran und seinem unerschütterlichen Optimismus im Gepäck nimmt Monsieur Ibrahim Momo nun mit auf eine Expedition in neue Erfahrungswelten, und er lädt ihn ein zum Tanz zum Gedeih der Seele.

Der Schluss ist bekannt: Momo wird das Heilige Buch und die Greißlerei bekommen, zu Mohammed und zum neuen „Araber“ im Laden um die Ecke werden. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ für die Volkstheater-Bezirke-Tour ist eine hinreißend gefühlvolle Produktion, die eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer übers Aufeinander-Zugehen statt Voneinander-Abschotten verbindet, und von Regisseur Gehler bei aller Reduktion der Mittel mit genau dem Maß an Kitsch versehen, den das Ganze braucht. Nächste Termine: ab 4. Dezember.

www.volkstheater.at

www.bagher-ahmadi.com

  1. 11. 2019

stadtTheater Walfischgasse: „Enigma“

November 14, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein rätselhaftes Spiel von Éric-Emmanuel Schmitt

Bild: © Lukas Beck

Bild: © Lukas Beck

Nach der erfolgreichen Uraufführung von Rupert Hennings „C(r)ash“ mit Claudia Kottal, Stefano Bernardin  und Cornelius Obonya zauberte Theatermacherin Anita Ammersfeld mit „Enigma“ nun die nächste Produktion auf die Bühne des stadtTheater Walfischgasse, die das Potenzial zum Publikumsmagneten hat. Isabella Suppanz inszenierte den Text von Bestsellerautor Éric-Emmanuel Schmitt – und selten war Schroffes so feinfühlig, Unverschämtes so liebevoll. Denn die beiden Herren auf der Bühne, Christian Pätzold und Alexander Rossi, schenken einander ganz schon ein. Mehr als nur Alkohol. In dieser Dreiecksbeziehung, in der die dritte Person, die „Hauptrolle“ fehlt – weshalb auch Edward Elgars „Variations énigmatiques“ für Stück und Aufführung Pate standen -, fallen Lebensentwürfe, Lebenslügen in sich zusammen wie Kartenhäuser. Wobei von Anfang an klar ist, dass die zwei ein rätselhaftes Spiel miteinander treiben. Nur welches? Der Inhalt: Literaturnobelpreisträger Abel Znorko (Pätzold), eitler Einsiedler auf einer norwegischen Insel, gewährt einem Journalisten Audienz für ein Interview. Das heißt: Zuerst schießt er einmal auf ihn. Aber weil so ein 21. Buch, ein Liebesbrieferoman, auch beworben gehört – also bitte …  Doch dieser Erik Larson (Rossi) lässt sich vom Ruhmreichen nicht einschüchtern, er weiß mehr über Fakten und Fiktion als dem Autor lieb sein kann. Die beiden teilen nämlich ein Stück Vergangenheit. Des Dichters Schöpfung, Eva Larmor, ist mehr als nur eine Kopfgeburt: H. M. Cherchez la femme! Und der Krimi, ein Duell mit Worten wie Schwertern, beginnt …

In Suppanz‘ Regie läuft das alles in hohem Tempo ab. Kaum Zeit, Atem zu holen. Weder für die auf der Bühne, noch für die davor. Schmitts Sätze sind klar und klug. Letztlich lässt er seine Protagonisten Konzepte von Liebe erörtern, wie sie widersprüchlicher nicht sein könnten: die Amour fou, die zur platonischen, reinen Geistesgemeinschaft wird. Die Aufopferung am Altar des anderen, die im einsamen Herzen endet. Jetzt schauen wir noch wie durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich nur Teile, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt sein werde. Pätzold ist ein prächtiger Znorko. Anfangs ganz arroganter Schwadroneur, gewaltig und gewalttätig, spröde, unzugänglich; wunderbar, wie er sich in seiner Glorie suhlt, Larsen das Buch signiert, ohne das der darum gebeten hätte. Dumm nennt er ihn und seine Fragen, worauf der Journalist erst einmal tut, wovon alle Zunftmitglieder schon geträumt haben: ER packt zusammen und erklärt das Gespräch für beendet. Nein, da muss ihm der Nobelbepreiste nachlaufen, er hat der Welt doch so viel Wichtiges zu verkünden. Etwas Exklusives? Gut. Schnapp, die Falle ist zu. Die Masken fallen. Von Szene zu Szene wechseln die Machtverhältnisse zwischen den Männern. Bis … und Abel liegt am Boden, vom selbsternannten Übermenschen zum nackten Menschlein geworden. Rossis Larson, die ehrliche Haut, diese Verkörperung der gefühlten Seele, hat nämlich mehr zu bieten, als die „Wäschetrockner-Banalitäten“, wie Znorko ihm vorwirft. Er ist seit Langem sein Geliebter.

Schmitt entwirft zwei mögliche Männermodelle, die Pätzold und Rossi unter Isabella Suppanz‘ Anleitung intensivst mit Leben füllen. Bravo! In „Enigma“ legt Schmitt sensibel, intim beinah Zeugnis über die Liebe ab. Dass hinter jeder Wendung schon die nächste wartet, ist das Rezept für Spannung und Spaß in diesem Spiel. Denn es darf an diesem Abend auch gelacht werden – schon allein beim Ansehen der Freude, die die beiden Darsteller mit dem Stoff haben. Sein Schluss aber ist einfach umwerfend.

www.stadttheater.org

C(r)ash: www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-badet-in-selbstmitleid

www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-im-gespraech

Interview zu Enigma: www.mottingers-meinung.at/walfischgasse-enigma-von-eric-emmanuel-schmitt

Wien, 14. 11. 2013

Walfischgasse: „Enigma“ von Éric-Emmanuel Schmitt

November 12, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gespräch mit Regisseurin Isabella Suppanz und den

Darstellern Christian Pätzold und Alexander Rossi

Alexander Rossi, Christian Pätzold Bild: © Sepp Gallauer

Alexander Rossi, Christian Pätzold
Bild: © Sepp Gallauer

Im stadtTheater Walfischgasse hat am 13. November „Enigma“ von Éric-Emmanuel Schmitt Premiere. Schmitt ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten zeitgenössischen französischsprachigen Autoren; er wurde bereits zweimal mit dem Prix Molière ausgezeichnet und 2001 mit dem „Grand Prix du Théâtre“ der Académie française; sein international bekanntestes Werk ist „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ wohl durch die Verfilmung mit Omar Sharif in der Hauptrolle. Das stadtTheater spielte schon 2009 Schmitts „Kleine Eheverbrechen“ mit Prinzipalin Anita Ammersfeld in einer der beiden Hauptrollen. Inhalt von „Enigma“: Abel Znorko, Nobelpreisträger für Literatur, lebt zurückgezogen auf einer norwegischen Insel. Nach Jahren überrascht er die Öffentlichkeit mit seinem neuen Buch, einem Briefroman eines Mann und einer Frau – ein sensibles und intimes Zeugnis einer außergewöhnlichen Liebe. Erik Larsen, Journalist eines Provinzblattes, gelingt es, die Zusage für ein Interview mit dem als exzentrisch und egomanisch geltenden Autor zu erhalten. Schon Larsens Ankunft auf der Insel gibt Anlass zur Sorge über die psychische Verfassung Znorkos. Er inszeniert sich als gewalttätig, spröde und unzugänglich. Doch Larsen lässt sich nicht einschüchtern und zwingt Znorko zu einem Wort-Duell auf Leben und Tod. In packenden Dialogen macht Éric-Emmanuel Schmitt das Publikum zu Zeugen einer Enthüllung – Lebenslügen, Verrat und Masken der Männlichkeit werden aufgedeckt. Aus den erzwungenen Bekenntnissen der beiden Männer entsteht das Bild einer rätselhaften Frau aus der Vergangenheit. Der Titel „Enigma“ bezieht sich auf Edward Elgars Komposition „Variations énigmatiques“, 14 seiner Freunde gewidmet, bei der nie das Hauptthema gespielt wird und der wichtigste Charakter niemals auftritt. Ein Gleichnis über die Rätselhaftigkeit der Liebe. In seinem durch stets neue Wendungen immer wieder überraschenden Zweipersonenstück beschreibt Schmitt die Problematik zwischenmenschlicher Beziehungen im Allgemeinen und der Liebe im Besonderen. Fernsehstar Christian Pätzold (als Abel Znorko), der schon mit Regisseuren wie Benoît Jacquot, Doris Dörrie, Carlo Rola und Zoltan Spirandelli gedreht hat, und Alexander Rossi (als Erik Larsen), der wiederum in der Regie von Claus Peymann, Leander Haußmann, George Tabori, Hans Neuenfels oder Matthias Hartmann an den unterschiedlichsten Theatern spielte, sind die beiden Kontrahenten in einer Inszenierung von Isabella Suppanz, die „Enigma“ als erste Regiearbeit nach ihrer langjährigen Intendanz am Landestheater Niederösterreich auswählte. Ein wunderbar ernsthaft unernstes Gespräch:

Christian Pätzold: Sie haben Ihr Diktiergerät bereit. Gut. Legen wir los. Ich habe in dem Stück einen schönen Satz, der lautet: „Die Leute, die mich aufnehmen, legen mir später Sätze in den Mund, die ich nie gesagt habe.“ (Allgemeines Gelächter.)

Alexander Rossi: „Nimmt Ihr Gerät uns jetzt auf?“ Auch ein Stückzitat. Dann schnell was Intelligentes sagen.

MM: Fein, dann fange ich damit bei Frau Suppanz an: Das ist Ihre erste Inszenierung als wieder freie Regisseurin. Warum dieses Stück? Warum mit den Herren Rossi und Pätzold?

Isabella Suppanz: Weil es mich interessiert hat, einmal ein Stück mit zwei Männern zu machen. Wir kennen Beziehungskisten, die sind in allen Varianten ausgeleuchtet und auf der Bühne sichtbar gemacht worden, aber die diesbezügliche Auseinandersetzung zweier Männer – das ist einmal ein spannendes Stück.

MM: Wie sind Sie auf „Enigma“ gekommen? Éric-Emmanuel Schmitt ist ein Name, als ob die Sonne aufgeht.

Suppanz: Das ist ja bei dem Wetter vielleicht ganz gut, wenn die Sonne aufgeht. Nein, ernsthaft: Ich war einerseits schon länger dran, hatte andererseits meine Vorbehalte gegenüber dem Stück, weil da sehr viel mäandert und sehr viel ausufert, aber mit ein bisschen Straffung geht’s gut. Anita Ammersfeld hat mich gefragt, ob ich das machen möchte. Und ich möchte. Und ich habe das Gefühl, dass wir in diesem Theater sehr willkommen sind.

Rossi: „Enigma“ muss man als Theatermacher in die Hand nehmen. Ein kleines Lifting – und dann klappt das auf der Bühne wunderbar.

Pätzold: Ein Wort noch zum Haus: Frau Ammersfeld macht einen sehr klugen Spielplan. Ich habe ja lange nicht in Wien Theater gespielt, damals gab’s das stadttheater Walfischgasse noch nicht. Und ich bin äußerst positiv überrascht, über die Dinge, die hier passieren.

MM: Lassen Sie mich die Fragen um die Figuren, die Sie verkörpern erweitern: Abel Znorko – kein Mensch heißt so – und Erik Larsen. Was interessiert einen an den Charakteren?

Pätzold: Dass Abel Znorko kein Durchschnittsmensch ist. Das ist eine Superrolle, ein Fest für einen Schauspieler, eine Herausforderung, so viele verschiedene Facetten, so viele Emotionen zu zeigen. Von einer arroganten Fassade zum kleinen Würmchen. Das finde ich toll. Ich will nicht zu viel verraten, aber im Schwäbischen, wo ich herkomme, würde man sagen, er ist einer, dem man „den Roscht runtertuat“, der mit seinen üblichen Textbausteinen nicht mehr weiterkommt, der Erfahrungen macht, die ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Das ist eine spannende Geschichte. Einer, der sich jenseits des Polarkreises auf eine einsame Insel zurückgezogen hat – und plötzlich bricht die Außenwelt dort ein … Aber ich darf nicht zu viel verraten.

Rossi: Als ich das Stück zum ersten Mal gelesen habe, kam ich eigentlich ziemlich ins Schwitzen, weil alles so sentimental und kitschig war. So kam es mir zumindest vor. Dann habe ich aber eine sehr kluge Konstruktion entdeckt, eine Behauptung darüber, was Menschen miteinander erleben – über Räume und Distanzen hinweg. Und dann nahm ich diese Figur Erik Larsen wahr, die sich innerhalb einer sehr kurzen Zeit sehr stark verändert, eine riesige Biografie hat. Dann lässt ein alter Mann einen jungen Mann tanzen, dann lässt ein junger Mann einen alten Mann tanzen – in sein Schicksal hinein und (nicht wieder) heraus. Die Machtverhältnisse ändern sich ja mehrmals … Aber – wie Christian schon sagte – wir dürfen nicht zu viel verraten.

MM: Der Dreh- und Angelpunkt des Textes, das sei verraten, ist die Liebe. Das zeigt sich auch in der von Znorko erfundenen Romanfigur „Eva Larmor“. Darin steht sowohl das Wort Liebe als auch Träne. Gleichzeitig ist es/sie Schmitts Cherchez la femme.

Suppanz: Das sehe ich genau so. Eigentlich ist es ihre Geschichte, der man atemlos folgt. Das Geheimnis, das im Raum steht, hat etwas Krimihaftes; das Publikum kann raten und entschlüsseln, bis die Wahrheit aufgedeckt ist.

Pätzold: Wobei es nicht wirklich um ein Verbrechen geht.

Suppanz: Das ist die Frage. Erik würde das anders sehen.

Pätzold: Ich denke, es geht um die unterschiedlichen Entwürfe von Liebe. Im Stück gibt es drei: Die Amour fou, das heißt sich nach jemandem fleischlich verzehren. Dann das absolute Gegenteil davon: Eine Liebe, die nur auf der geistigen Ebene existiert, die totale Sublimation, eine reife, reine, fast „religiöse“ Liebe. Und dann Larsens Konzept, nämlich das tägliche Für-einander-da-Sein, Für-einander-Sorgen, sich nahe zu sein. Das prallt im Stück aufeinander. Znorko ist letztlich ein absoluter Mensche: Entweder Amour fou oder geistige Liebe. Etwas anderes gibt es für ihn nicht. Wer nicht seiner Meinung ist – das betrifft übrigens auch literarische Fragen -, den macht er fertig. Eine wahnsinnige Haltung. In der er sich sicher fühlt – und aus der er von Larsen völlig rausgekippt wird. Bis er nur noch ein kleines wimmerndes Menschlein ist. Ein schlotterndes Skelett in einem feindlichen, günstigsten Falls gleichgültigen Universum. So bezeichnet Znorko Larsen, aber er selber IST so.

Rossi: Für Erik bedeutet Liebe alles: von Sex bis Wäsche waschen, ein Leben miteinander verbringen. Das sieht Abel anders. Ausnützerisch. Die beiden Protagonisten machen einander jedenfalls wahnsinnig viel vor. Da muss man als Schauspieler das Bauchgefühl und den Kopf in der Waage halten.

Pätzold: Dem schließe ich mich an, vor allem, weil wir ja das Ende kennen. Ich muss also meine Emotionen sehr genau timen, um nicht schon in der Mitte so zu agieren, wie es erst der Schluss verlangt. Das ist die Gefahr, die ein Stück mit so vielen Ver- und Entwirrungen birgt: Dass ich einen „Ton“ spiele, der erst 15 Seiten später verlangt wird. Das ist handwerklich durchaus harte Arbeit. Da muss man analytisch sehr genau sein, muss vom Kopf her steuern, was wann an Emotionen kommt. Wiewohl beides zusammengehört: Da gibt’s Momente, wo der „Bauch“ auch mal Pause hat.

Rossi: Stimmt. Das Schwierige ist, immer am Punkt zu sein. Alles zu wissen und nicht sagen, nicht zeigen zu dürfen. Wie in diesem Interview. (Wieder Lachen.)

MM: Wie empfinden Sie Schmitts Sprache?

Suppanz: Wir sind von der Übersetzung immer wieder aufs Original zurückgegangen. Dort kommt mir vieles eleganter vor. „Schmitts Sprache“ ist blumig, haarscharf daneben, hält einer Überprüfung oft nicht stand. Sie ist formal sehr schwierig, kippt immer wieder ins Epische, ins Lyrische. Aber die Situation, das scheibchenweise Anbringen von Wahrheit, das hält stand. Und das ist das Schöne an Schmitt. Die Schauspieler müssen aber mehr sein, als Schmitts Figurenentwurf. Znorko ist bei ihm eine Art Hemingway für Arme. Pardon, wenn ich kritisch bin, aber da zeigt Christian Pätzold mehr als vorgegeben. Schmitt ist emotional. Er ist sehr gut, was Stückaufbau, was Plot betrifft, aber in den Wortfindungen geht’s mit ihm durch. Da gibt’s ordentlich Kitsch, da lässt er nichts anbrennen – und es funktioniert. Aber nur, wenn man sich nicht draufsetzt, sondern zügelt.

Pätzold: Schmitt liebt es Lebenskonzepte zu predigen. Sowohl in seinen Theaterstücken als auch in seiner Prosa. Was übrigens auch sehr verkaufsträchtig ist. Im Französischen liest er sich wunderbar, da fühlt man sich wohl und hat am Schluss einen Geschmack im Mund, als ob man zu viele Cremetörtchen gegessen hätte. Er kann ungeheuer spannend schreiben, aber manchmal auch furchtbar betroffen, in Situationen, wo das gar nicht geht. Da muss man sich auf der Bühne anbrüllen, nicht einander in die Arme sinken, wie er es will. Das macht die Arbeit an Schmitt so aufregend: Man ist ständig bemüht, ihm auf die Schliche zu kommen. Manches Überbordende wegzulassen, um auf ein Gerüst zu kommen, das super ist.

MM: Herr Rossi, suchen Sie auch das Glück in diesem Stück?

Rossi: (lacht: Mein Vater hatte sogar einen Hund, der Gaston hieß.) Aber wenn Sie nach meiner Meinung zum Autor fragen: Mir kommt der Text manchmal ein bisschen schwülstig vor. Er will in eine emotionelle Breite, was durchaus liebenswürdig ist, aber nicht immer angebracht. Auch seine Regieanweisungen sind sehr plakativ.

Suppanz: Aber ich glaube nicht, dass das spekulativ ist, Schmitt ist einfach so.

Pätzold: Wenn man Zuckerguss wegnimmt, kommen viele Erfahrungen, die wir alle mit der Liebe gemacht haben, hervor. Die muss man einfach hinstellen. Damit das Publikum sagen kann: Das ist spannend, da muss ich drüber nachdenken, denn: Ich bekomme keine Lösungen geliefert. Das ist das Problem mit Schmitt – er liefert immer die Lösung mit.

MM: Welche Reaktion wollen Sie also im Publikum hervorrufen?

Suppanz: Wachsamstes Interesse. Dass das Publikum zwischen den Positionen der Protagonisten hin- und herschaut wie bei einem Tennismatch, sich fragt: Wer hat jetzt recht? Wobei keiner Unrecht hat. Weder der Liebesberserker noch der mit der Wäschetonnenphilosophie.

Rossi: Schmitt transportiert einfach zwei mögliche Männermodelle. Zwei Extremvarianten.

Pätzold: Zwei verschiedene Arten zu leben, die sich nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig brauchen.

Rossi: So, dass das Beharren im Widerspruch das geistig Befruchtende ist.

MM: Beinah biblisch. Schmitt befasst sich ja auch gerne mit Religionsfragen: Abel – alttestamentarisch, Erik – neues Testament.

Suppanz: Und nicht umsonst heißt diese Figur von ÉRIC-Emmanuel Schmitt Erik. Und dann gibt’s den großen Abel. Das ist so bedeutungsaufgeladen.

MM: Ja, Schmitt ist immer im neunten Monat bedeutungsschwanger. Wie sind die Proben? Auch alles Liebe?

Rossi: Wir fetzen uns schon auch mal. Das ist existenziell.

Pätzold: Kunst ist ohne Reibung und ohne Reibungswärme undenkbar. (Und noch einmal Lachen.)

www.stadttheater.org

Wien, 12. 11. 2013

Von Felix Mitterer bis Cornelius Obonya

August 28, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Walfischgasse startet mit Stars in die neue Saison

Cornelius Obonya, Stefano Bernardin, Claudia Kottal Foto: Robert Polster

Cornelius Obonya, Stefano Bernardin, Claudia Kottal
Foto: Robert Polster

Zunächst ein Rückblick als Vorschau: Weil der hauptberufliche Autor Felix Mitterer vergangene Saison als grandioser Schauspieler in Franz Kafkas „Bericht an eine Akademie“ dem Publikum schier atemberaubende Höhepunkte bescherte, gelang es Anita Ammersfeld, Intendantin des Wiener stadtTheater Walfischgasse, den Vielbegabten zu drei weiteren Abenden zu überreden: Am 25., 26. und 27. Oktober kann man Mitterer nochmals als Affen Rotpeter erleben!

Die ersten neue Eigen-Produktion ist ein Auftragsstück an Rupert Henning „C(R)ASH“ – Premiere ist am 16. Oktober. Das Stück erzählt über Realitäten, in denen wir leben: solche mit vier Wänden und solche, die wir manchmal einfach nicht wahrhaben wollen … Das junge Ehepaar Trish und Artie Rizzo ist vor kurzem erst in ein schönes, altes Haus eingezogen, das in einer ausnehmend guten Wohngegend steht, wo sich nur betuchtere Leute Grund und Boden leisten können. Der smarte, geschäftlich begabte Artie hat ziemlich viel Geld mit der Entwicklung und dem Verkauf einer Anwendungssoftware und diversen lukrativen Investments gemacht, während die hübsche, intelligente Trish erst vor kurzem ihr langjähriges Studium abschließen konnte. Als ein uniformierter Polizist vor der Türe steht, sind Trish und Artie zunächst auch nicht sonderlich beunruhigt – und Officer Leroy S. Brooks scheint ja ein besonders netter Kerl zu sein, der einfach nur einmal vorbeischauen wollte, um die neuen Bewohner des schönsten Heims in „seiner Gegend“ kennenzulernen. Das anfangs freundliche, zwanglose Gespräch wird zusehends angespannter – auch weil sich herausstellt, dass der Cop offenbar mehr über die Geschichte des Hauses weiß, als es zunächst schien: Brooks macht auch keinerlei Anstalten, seinen „Höflichkeitsbesuch“ zu beenden – ganz im Gegenteil: Es wirkt fast so, als würde der unerwartete Gast bleiben wollen – und als wäre es ihm lieber, die Rizzos würden gehen… Langsam kippt die Stimmung. Die eigenen vier Wände, die ihnen zwar laut Kaufvertrag gehören, aber eigentlich nicht zustehen, wenn man Leroy S. Brooks Worten glauben darf, sind plötzlich kein schützendes Heim mehr, sondern eine Gefängnis ohne Ausweg – und der Ausgang des unerwarteten Besuches ist völlig offen… Hochklassig besetzt mit Claudia Kottal, Stefano Bernardin und Salzburgs neuem, fabelhaftem „Jedermann“ Cornelius Obonya verspricht Hennings Stück in der Regie von Obonya-Ehefrau Carolin Pienkos ein besonderer schauspielerischer Genuss zu werden.

Bereits als zweites Stück (nach „Kleine Eheverbrechen“ im Jahre 2009) von Eric-Emmanuel Schmitt, einem der bekanntesten und erfolgreichsten zeitgenössischen französischen Autoren, bereits zweimal mit dem Prix Molière und 2001 mit dem „Grand Prix du Théâtre“ der Académie Française ausgezeichnet, ist als Eigenproduktion der Walfischgasse „Enigma“ zu sehen: Isabella Suppanz inszeniert das Interview eines Provinz-Journalisten mit einem zurückgezogen lebenden Literaturnobelpreisträger, das zum Ausgangspunkt einiger Enthüllungen wird – Lebenslügen, Verrat und Masken der Männlichkeit werden aufgedeckt. Aus den erzwungenen Bekenntnissen der beiden Männer entsteht das Bild einer rätselhaften Frau aus der Vergangenheit. Neu und wahrhaftig … Es spielen Christian Pätzold und Alexander Rossi; Premiere ist am 13. November.

Auch ein weiteres Stück von Yasmina Reza wird sehen sein: „3 x Leben“ beginnt als Feydeau´sche Komödie, wächst sich aber zu einem Bunuel’schen Albtraum aus. Reza beschreibt mit Sensibilität, Humor und hinterhältiger, abgrundtiefer Bösartigkeit in drei Variationen das Zusammentreffen zweier Ehepaare, das sich jedes Mal anders gestaltet, obwohl es immer um die gleiche Grundkonstellation geht. Dabei verschieben sich die Machtverhältnisse permanent und vor allem die Ehefrauen haben ein gerüttelt Maß schuld, daß jeder gegen jeden kämpft und zu erniedrigen versucht. Es spielen (nach „Gott des Gemetzels“ wieder) Oliver Baier sowie Barbara Horvath, Sinikka Schubert und Nicolaus Hagg; Regie Michael Gampe; Premiere: 15. 1. 2014.

Fortgesetzt wird natürlich auch in der neuen Saison die Reihe „Peter Huemer im Gespräch mit …“, zu Gast sind diesmal Paul Lendvai am 27. Oktober und Robert Menasse am 17. November (jeweils Sonntag, 11 Uhr). Als Neuheit veröffentlicht das stadtTheater erstmals eine selbstproduzierte DVD: Arik Brauers  Jugend-Erinnerungen „A Gaude wars in Ottakring“ wurde wegen der großen Publikums-Nachfrage in der Walfischgasse aufgezeichnet und wird auch im Fernsehen ausgestrahlt (Freitag, 8. November, 23:20 h auf ORF 3), dem Tag den Novemberpogromen 1938.

www.stadttheater.org

Rezension vom 14. 2. 2013: www.mottingers-meinung.at/felix-mitterer-spielt-franz-kafka

Wien, 28. 8. 2013