Love Machine

Januar 29, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Womanizer mit Waschbärbauch

Georgy Hillmaier wird vom ambitionslosen Musiker zum erfolgreichen Callboy: Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

„Sensibel, bissi Macho, lustig, aber ned bled“, solcherart charakterisiert Georgy Hillmaier das mängelfrei funktionierende Mannsbild, hat er doch selber mit dieser Grundausstattung den größten Erfolg. Wobei, apropos Grundausstattung, die wahrscheinlich längste Praline der Welt hat mit seinem guten Gedeihen im sogenannten ältesten Gewerbe schon auch etwas zu tun: Georgy Hillmaier bietet nämlich seit einiger Zeit als Callboy seine Liebesdienste an.

„Love Machine“ heißt folgerichtig die freche Filmkomödie von Andreas Schmied, die am Freitag in den Kinos anläuft, und in der Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits den Georgy spielt. Der, ambitionsloses Mitglied einer Zwei-Mann-Combo für Geburtstage und andere Feiern, wird zunächst einmal vom Leben aus der Kurve getragen. Sein Musikerkollege stirbt mitten in einem Auftritt den plötzlichen Herztod, und weil Schulden da sind, verliert Georgy mit einem Schlag nicht nur den Job, sondern auch Auto und Wohnung. Eine Idee für eine neue Einnahmequelle muss also her, und eine solche hat Georgy mit dem Geistesblitz, er könnte doch professioneller Frauenverwöhner werden. Schwester Gitti unterstützt die Absicht nach anfänglicher Skepsis, kommt Georgy bei den Damen doch bestens an. Bald brummt das Geschäft – bis sich die Love Machine ernsthaft verliebt. Ein eher unpraktischer Gemütszustand in diesem Berufsfeld …

Noch sind Georgy und Gitti auf der Suche nach einer Geschäftsidee: Thomas Stipsits und Julia Edtmeier. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Fahrlehrerin Jadwiga wird Georgys große Liebe: Claudia Kottal und Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Leicht hätte ein Stoff wie dieser zur Sexklamotte, zum Klamaukfilm werden können, doch Regisseur Schmied und sein Hauptdarsteller meistern bravourös die Gratwanderung zwischen gefühlvoll, kess und komisch. Für diesen Mix ist Thomas Stipsits eine Idealbesetzung. Mit Charme und Schmäh und dem ihm eigenen verschmitzten Lächeln gibt er den Womanizer mit dem wehmütigen Blick und dem Waschbärbauch. Wobei vor allem zweiterer Georgy auf die Kundinnen supersympathisch wirken lässt, sind etliche der einsamen Herzen doch in der Altersgruppe Fiftysomething, und sich der Attraktivität ihrer äußeren Erscheinung alles andere als sicher.

Gleich der erste Job scheint diesbezüglich in Peinlichkeit zu versinken, doch Georgy rettet die Situation mit dem Vorschlag, fürs Erste einmal miteinander zu reden. Klar, dass es zu mehr kommt, Stipsits lässt sich in seiner Rolle auf eine Reihe intimer Szenen ein, die kaum eine Spielart von Sex auslassen, und immer ist das Gezeigte stilvoll. Auch, wenn Oralverkehr mit Barbara Schöneberger natürlich zum Lachen ist. Der deutsche TV-Star ist nur eine der kongenialen Darstellerinnen rund um Stipsits‘ Georgy. Auch Lilian Klebow, Adele Neuhauser oder Julia Jelinek gehören zu dessen Klientel.

Mit seiner Ehefrau Katharina Straßer hat Stipsits außerdem eine köstliche Szene. Ihre Figur will Georgys Können geburtsanregend einsetzen – die Straßer dabei tatsächlich hochschwanger mit Töchterchen Lieselotte. Die grandiose Julia Edtmeier, bekannt als Teil der künstlerischen Leitung im Bronski & Grünberg (www.mottingers-meinung.at/?p=27524), ist als Georgys Schwester Gitti zu sehen, erst Waxingspezialistin im Beautysalon der Ulrike Beimpold, bis sie hauptberuflich zur – was Arbeitsaufträge betrifft unbarmherzigen und Leistung einfordernden – Zuhälterin wird.

Georgy wird optisch optimiert: Claudia Schwarz, Thomas Stipsits, Julia Edtmeier, Agnes Hausmann und Philipp Doboczky. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Durch das Ableben seines Bandleaders lernt Georgy dessen Schwester, die Fahrlehrerin Jadwiga, kennen – und ist vom ersten Augenblick an für sie entflammt. Claudia Kottal gestaltet diese seltsam verkorkste junge Frau ganz fabelhaft, zwischen einer Schroffheit und einer Verletzlichkeit, deren Ursache sich erst später herausstellen wird. Georgy jedenfalls muss sich nun entscheiden, ob er weiter Callboy sein oder seine Liebesangelegenheit vorantreiben will.

Glaubt er. Denn einer, von dem jede Frau genau das bekommt, was sie im Moment höchsten Glücks braucht, hat natürlich auch der ausgerechnet in Sexfragen komplizierten Jadwiga etwas zu bieten … „Love Machine“ ist Kinovergnügen pur, mit einem hinreißenden Cast an großartigen Schauspielerinnen und einem Thomas Stipsits, der sich kein Blatt vor den … nimmt. Anschauen!

Thomas Stipsits im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31440

lovemachine.derfilm.at

  1. 1. 2019

Love Machine: Thomas Stipsits im Gespräch

Januar 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Schreck der Frauen vor dem Sixpack

Thomas Stipsits: Von der Zwei-Mann-Combo ins Callboy-Business. Georgy Hillmaier stellt sich und seinen Körper der Damenwelt entgeltlich zur Verfügung. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Kein Job, keine Wohnung und nur noch 8% Handyakku? Kein Problem für Thomas Stipsits, der im Film „Love Machine“ den arbeitslosen Musiker Georgy Hillmaier spielt. Am Tiefpunkt von dessen Leben eröffnet sich für Georgy nämlich eine unerwartete Karrierechance. Als Callboy bringt er künftig zahlenden Kundinnen viel Freude – und das nicht in erster Linie wegen seines Luxuskörpers. Dass er sich schließlich allerdings verliebt, macht das Ganze nicht unkomplizierter …

Am 1. Februar startet die freche Komödie von Regisseur Andreas Schmied in den Kinos. Mit dabei: Claudia Kottal, Julia Edtmeier, Ulrike Beimpold, Barbara Schöneberger, Lilian Klebow, Adele Neuhauser, Julia Jelinek und Katharina Straßer. Thomas Stipsits im Gespräch:

MM: „Love Machine“ Georgy Hillmaier verfügt über eine sagenhafte Grundausstattung, ich habe überlegt, wie wir ein seriöses Gespräch führen wollen, ohne die wahrscheinlich längste Praline der Welt zu erwähnen, aber …

Thomas Stipsits: Ja, darauf kommen die Leute immer wieder zurück. Fragen Sie einfach, wie es Sie überkommt.

MM: Gut also, was hat Sie daran angesprochen, in diese Filmkomödie einzusteigen?

Stipsits: Ich fand zum einen die Idee lustig, zum anderen hat mir gefallen, dass Andreas Schmied diesen Film inszenieren würde, weil ich ihn als Regisseur sehr schätze und mit ihm sehr gut kann. Ich habe bei ihm noch nie vor der Kamera gearbeitet, aber wir haben schon gemeinsam geschrieben und ich sollte schon mit einer kleinen Rolle bei „Die Werkstürmer“ dabei sein. Aber dann hat mir Wolfgang Murnberger eine Hauptrolle in „Steirerblut“ angeboten, und Andreas hat gesagt: Mach das! Was „Love Machine“ betrifft, hatten wir sofort den Konsens, dass dieses interessante Thema keine Sexklamotte, kein Slapstick oder Klamauk werden darf. Die Gefahr ist bei so etwas sehr hoch, deshalb gab es im Vorfeld auch viele Gespräche und Proben, damit die Szenen wirklich Intelligenz und Sinnlichkeit besitzen.

MM: Georgy ist der Womanizer mit dem wehmütigen Blick. Ein ungefährlicher Durchschnittsmann, der zum Superliebhaber wird. Ist das eine Figurencharakterisierung, die Ihnen entgegenkommt?

Stipsits: Natürlich liegen mir solche Figuren, weil ich abseits der Bühne eher kein offensiver Mensch bin. Ich bin ein großer Diplomat, gehe Streitereien lieber aus dem Weg, und ich glaube, dass mir Georgy darin nicht unähnlich ist. Ich habe mir vor Beginn der Dreharbeiten „Willkommen Mr. Chance“ mit Peter Sellers angeschaut, darin spielt er einen Gärtner, der eine gewisse Bauernschläue besitzt und unter einer Käseglocke durchs Leben wandelt, ohne dass ihm etwas passiert. Georgy Hillmaier ist ein ähnlicher Typ. Er macht sich wenig Gedanken, er hat keinen Plan fürs Leben, alles passiert ihm. Letztlich auch diese Callboy-Sache.

MM: Mit der Georgy gerade reüssiert, weil er kein Chippendale ist.

Stipsits: Genau. Ich denke, dass sich Frauen mehr schrecken, wenn einer mit Sixpack bei der Tür reinkommt. Trotzdem war es mir wichtig, als er die erste Kundin trifft, dass es beiden ein bissl peinlich ist. Er schlägt ihr vor, nur zu reden, und das meint er auch ernst. Er ist ein Seelenstreichler, und er bewertet nichts großartig, Frauen können ihren seelischen Müll bei ihm abladen, und er wird das nicht aburteilen.

MM: Als Mitglied dieser Gruppe, haben mich diese ganzen Fiftysomething-Frauen sehr berührt. Es ist tatsächlich nicht leicht, in diesem Alter noch einen g’scheiten Mann zu finden.

Stipsits: Das ist schön, wenn Sie so etwas sagen. Zwischen Georgy und seinen Kundinnen geht es nämlich schon um eine gewisse Art von Zuneigung, und auch wenn sie erkauft wird, will Georgy den Frauen nicht dieses Gefühl geben. Er schätzt seine Kundinnen wert, und er wächst an den Begegnungen selber menschlich, er ist anfangs viel oberflächlicher, bevor er sich auf diese „Heldenreise“ begibt. Ulrike Beimpold, die im Film auch mitspielt, hat gesagt, dass Georgy über den Sex zur Liebe findet.

MM: Sind Rollen wie Georgy Hillmaier solche, die Sie suchen? Mit Ihrem Gschau könnten Sie doch gut einmal einen Verbrecher spielen.

Stipsits: Das wäre sicher reizbar, einmal einen unsympathischen Charakter zu spielen. Es wird mir nachgesagt, dass mich nicht alle, aber manche, sehr sympathisch finden. Auf der Bühne, im Film. Und dafür kann ich halt nichts, das ist mir irgendwie angeboren.

Mit Barbara Schöneberger. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Mit Katharina Straßer. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

MM: Sie waren in „Love Machine“ fast der einzige Mann am Set. Wie war’s mit so vielen Frauen?

Stipsits: Grundsätzlich einmal: schön. Gerade im Film gibt es viele Frauen, die hinter der Kamera arbeiten. Ich möchte mich jetzt wirklich nicht blöd einschleimen, aber Frauen am Set bringen eine gewisse Ruhe rein. Sie sind nicht so schnell aggressiv, sie sind Teamplayer, nicht auf dem Egotrip. Sie haben das große Ganze im Auge, sie schauen, dass sich jeder wohlfühlt, und versuchen, das Team in Harmonie zusammenzuhalten. Natürlich kommen in Gesprächen unter Frauen Themen auf, wo ich denke, das ist nicht meins, aber da muss ich ja nicht mitreden.

MM: Im Film gibt es themenbezogen viele intime Szenen, sei’s allein, sei’s zu zweit. Sie geben in diesen sehr viel von sich her. Wie schwierig ist das?

Stipsits: Das werde ich auch im privaten Bereich oft gefragt, und ich kann nur sagen, da haben sich die Proben, die Andreas Schmied angeregt hat, wieder einmal bezahlt gemacht, um die erste Scheu voreinander zu nehmen. Viele der Darstellerinnen kannte ich schon privat, Adele Neuhauser, Julia Jelinek, Claudia Kottal, aber herauszufinden, wie sich eine Sexszene anfühlt, das ist noch einmal etwas anderes. Andreas sagte uns: Macht, wie ihr euch wohlfühlt, ich bestehe auf nichts, es muss nur als Ganzes richtig rüberkommen. Eine Sexszene vor der Kamera, mit Leidenschaft auf Knopfdruck, hat nichts Prickelndes, und bei „Love Machine“ gab es keinen Moment, in dem jemand sagte, er fühlt sich jetzt ungut. Ich bin ja oft nackt im Film, aber ich hatte nie ein Schamgefühl, weil ich in diesem Team sicher aufgehoben war.

MM: Und konkret? Wie ist es mit Barbara Schöneberger im Schoß?

Stipsits: Sehr lustig. Sie ist wirklich grandios, ich kannte sie nicht, aber sie ist genau so, wie ich es mir gedacht habe, jemand, der gute Laune am Set verbreitet, und das ist auch immer wieder schön, dass diese ganz Großen total nett sind. Sie hatte einen eigenen Maskenbildner mit, der auch unfassbar witzig war, der auch sofort unseren Schmäh mitgemacht hat. Wir haben viel gelacht. Barbara musste Oralverkehr-Geräusche machen, und fragt den Tonmann, ob das Okay war, und er sagt im Vorbeigehen so nebenbei: Das Lutschen war gut. Das führt natürlich schon zu Heiterkeit.

MM: Sie haben mit Katharina Straßer eine Geburtsszene. Sind da private Erfahrungen eingeflossen?

Stipsits: Bei uns war’s viel konzentrierter und viel ruhiger. (Er lacht.) Aber natürlich ist es so, wenn man den fertigen Film sieht, und man weiß, da war die Tochter im Bauch von der Kathi …

MM: Der Schwangerschaftsbauch ist echt?

Stipsits: Jaja, Andreas wollte unbedingt, dass Kathi mitspielt, dann kam dieses Ereignis dazu, und so hat er für sie extra diese Szene geschrieben. Wir haben die zwei Wochen vor dem eigentlichen Drehstart aufgenommen, damit es sich mit dem Mutterschutz ausgeht.

MM: Da wir beim Thema sind: Sie sind seit September zum zweiten Mal Vater, nach Emil eine Lieselotte. Wieviel Humor braucht man als Eltern?

Stipsits: Viel. Sie ist sehr brav, das muss man sagen. Emil kostet uns schon Nerven. Lieselotte findet meine – Kathi nennt das – „Show“ noch lustig, der Emil nicht mehr so, der ist schon ein anspruchsvolles Publikum, da muss man das Programm sehr oft wechseln, damit man den bei Laune hält. Wenn’s ihm fad ist, steht er mittendrin auf und geht und ich bleib über mit meiner Performance. Das ist die ärgste Art zu sagen: Das gefällt mir überhaupt nicht. Aber Kathi und ich sagen im Spaß immer: Aber man kriegt ja so viel zurück.

Mit Julia Jelinek und Adele Neuhauser. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Die große Liebe: Claudia Kottal als Fahrlehrerin Jadwiga. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

MM: Sie haben Ihre Karriere als Kabarettist begonnen. Wieso der Schritt zum Schauspieler?

Stipsits: Das war immer ein geheimer Wunsch.

MM: Und woher das Talent?

Stipsits: Das ist eine gute Frage. Vielleicht, weil wir eine lustige Familie sind, mein Vater, meine Mutter und mein Bruder. Natürlich habe ich mich am Anfang gefragt: Kann ich das wirklich oder unterliege ich meiner eigenen Selbstüberschätzung? Ich bin sozialisiert worden mit dem österreichischen Kabarettfilm, „Indien“, „Hinterholz 8“, „Muttertag“, und damals dachte ich schon, das wär’s, einmal in einem Film mitzuspielen. Ich hatte das große Glück, auf Kolleginnen und Kollegen zu treffen, erfahrene Leute, die mir Tipps mitgegeben haben. Marion Mitterhammer, mit der ich „Wie man leben soll“ gemacht habe, war zum Beispiel so eine.

MM: Aber als größtenteils Solokünstler, wie einfach sind Sie in Film- oder Fernsehprojekten zu führen? Ich habe oftmals den Eindruck, Sätze, die Sie da sprechen, sind original von Ihnen.

Stipsits: Das stimmt, weil ich bis jetzt immer mit Leuten arbeiten konnte, wo das absolut erwünscht war. Am Anfang habe ich gefragt, ob ich etwas so oder so sagen darf, das mache ich jetzt nicht mehr. Ich sag’s einfach, ich mache mir die Sätze mundgerecht. Es gibt eben Dialoge, bei denen man sich denkt: So redet niemand. Da ist es schon mein Bestreben, etwas zu finden, das zwar dasselbe heißt, aber anders formuliert ist.

MM: Sie haben für Ihre Kabarettprogramme Figuren kreiert, die mittlerweile legendär geworden sind. Man denke nur an Unteroffizier Steinschleifer. Wie erschaffen Sie die?

Stipsits: Im konkreten Fall stammt die Idee von meinem Papa, weil der so jemanden in seiner Ausbildung hatte. Ein sehr netter Kerl, der aufgrund seines S-Fehlers immer ausgelacht wurde. Ansonsten bin ich jemand der Leute beobachtet, in der Straßenbahn oder wo immer ich bin. Das Kabarett lebt ja von der Beobachtung, weniger von der Übertreibung. Oder ich treffe jemanden, von dem ich mir denke, der könnte was für die Bühne sein.

MM: Wie in Ihrem Buch „Das Glück hat einen Vogel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26349), Kurzgeschichten nach Vornamen von A bis Z, drunter auch diverse Familienmitglieder. Mögen die das?

Stipsits: Teilweise. (Er lacht.) Sie sehen das alle mit einem Augenzwinkern. Bei der Familie sitzt man halt an der Quelle, und es ist immer leichter über Dinge zu schreiben oder zu reden, von denen man Ahnung hat, als man saugt sich irgendetwas aus den Fingern. Die Geschichten im Buch sind teils wahr, teils Fiktion, aber keine ist quasi ganz erfunden.

MM: Nun hätten Sie mit Lieselotte ein neues L.

Stipsits: Ja, ich mache aber lieber ein neues Buch. Einen Stinatz-Krimi mit einer Art Columbo-Kommissar.

MM: Apropos, Stinatz: Sie touren derzeit mit den „Stinatzer Delikatessen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28317), die zwei Drittel Best-of, ein Drittel neu sind. Wann kommt ganz neu?

Stipsits: Die „Delikatessen“ waren als Übergangsprogramm gedacht. Jetzt ist aber die Nachfrage so groß, was mich sehr freut, dass sie sicher noch bis 2020 laufen werden. Ich habe zwar schon Ideen fürs neue Programm, aber ich mache mir da keinen Stress. Ich habe neue Nummern, von denen ich weiß, sie funktionieren, und dabei belasse ich es einmal. Das gilt auch fürs Auftreten mit Manuel Rubey. Wir haben Ende des Jahres 2018 mit „Gott & Söhne“ aufgehört, und die Pause, die wir jetzt einlegen ist rein künstlerischer Natur. Privat verstehen wir uns bestens, aber um uns künstlerisch nicht zu wiederholen, macht jetzt jeder einmal sein Ding, und danach treffen wir uns wieder mit neu gefülltem Rucksack. Heißt: Stipsits & Rubey wird auf alle Fälle weitergehen.

MM: Sie arbeiten auch an einem Griechenland-Projekt, Ihr Lieblingsland.

Stipsits: Ein Kinofilm, eine Aussteigerkomödie mit bewusst starken Alexis-Sorbas-Motiven, die ich gemeinsam mit Harald Sicheritz und Georg Weissgram geschrieben habe, und in der wir der Frage nachgehen, warum es gerade über Griechenland diese „Irgendwann bleib‘ i dann dort“-Gedanken gibt. Ein Teil ist schon finanziert, auf einen „Topf“ warten wir noch. Wenn alles klappt, werden wir im Mai, Juni drehen. Mit Kathi. Das wird dann Family-Urlaub und Dreh in einem.

MM: Um nun noch einmal auf die Einstiegsfrage nach der Grundausstattung zurückzukommen …

Stipsits: Dazu muss ich schweigen!

Die Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=31598

lovemachine.derfilm.at          www.stipsits.com

21. 1. 2019

Harri Pinter Drecksau

Dezember 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Absolut sympathische Loser-Komödie

Harris Herzblut – Juergen Maurer schlägt mit der U12-Eishockeymannschaft des KAC ein. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Von den „Mighty Ducks“ bis zum „Miracle“ – Filme über Eishockey stehen auf der persönlichen To-do-Liste nicht besonders weit oben. Nicht einmal Paul Newman und „Slap Shot“ konnten daran etwas ändern. Nun aber „Harri Pinter Drecksau“: hinreißend, supersympathisch, eine warmherzige Loser-Komödie, die den Kinobesuch lohnt, noch bevor der Film ins Fernsehen kommt (ist er doch die dritte „ORF-Stadtkomödie“).

Ein wenig  zaghaft wagte man sich erst nur an eine Veröffentlichung in Kärnten, nun ist „Harri Pinter Drecksau“ dank des dortigen Erfolges seit Freitag österreichweit in den Kinos. Der Inhalt: Harri Pinter, 46, hat seine beste Zeit schon hinter sich, nicht nur optisch: in den 1980er-Jahren holte die berüchtigte „Drecksau“ – dies ein Ehrentitel, bei dem das Ohrlapperl eines „Russen“ eine Rolle spielte – dem KAC den Meistertitel.  Erfolge, die der nunmehrige Fahrlehrer und Trainer der U12-Mannschaft beim Bier mit seinen Haberern gerne aufwärmt. Als aber Dauerfreundin Ines mit ihrem Uniprofessor den Absprung probt, gerät Harris Welt- und Selbstbild gehörig ins Wanken. Und als ihm auch noch der Trainerposten weggenommen wird, versteht er gar nichts mehr …

Nach „Die Werkstürmer“ ist „Harri Pinter Drecksau“ die neue turbulente Komödie von Andreas Schmied. Und sie besticht, wie schon die vorherige, durch die großartigen Darsteller. Juergen Maurer ist die Idealbesetzung für den einfach gestrickten Kraftlackel Marke „raue Schale, weicher Kern“, der bei seinen Eishockeykids sogar batzweich wird. Sein Harri ist mehr armes Würstl als Macker, weit weniger testosterongesteuert, als er’s gern hätte, und stets peinlich bemüht seinen Freunden etwas zu beweisen.

Mit einem Blick wie ein gescholtener Rottweiler bewegt sich dieses so hilflos naive Mannsbild durch die Gegend. Wunderbar, wie er alle Frauen in seiner Umgebung nach dem neuen, sensiblen Gegenmodell fragt, zu dem er sich für die Ines entwickeln möchte. Die unbequemen Wahrheiten, die er dabei zu hören bekommt, lassen nur einen Schluss zu: „Die Weiba stehen auf so halbschwule Sachn.“ In einer der witzigsten Szenen versucht er mit à la 80er Jahre aufgekrempelten Sakkoärmeln in der Disco einen Stich zu machen. Sehr fein auch, dass in der Kantine nicht Tischfussball, sondern Tischeishockey gewuzzelt wird.

Flasch gewährt Harri seine „5 minutes of fame“: Juergen Maurer und Andreas Lust. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Harri begleitet Dörki auf seinem schweren Weg zu Miri: Juergen Maurer und Hosea Ratschiller. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Flankiert wird Harri von Andreas Lust als Unsympathler vom Dienst, Flasch, der beim KAC auf Funktionärsebene große Karriere bis zum Vereinspräsidenten machen will, und Hosea Ratschiller als Dodl von der Vereinszeitung, Dörki, der unsterblich in die Kantinenkraft verliebt ist. Julia Cencig spielt die Ines, Dominik Warta ihren Uniprof – und alle beherrschen sie den Kärntner Dialekt aus dem Effeff.

Am Ende, eh klar, wird Harri zum Hero. Durchschaut alle Machenschaften und erkennt, dass Dörki sein einziger echter Freund ist. Entdeckt hinter Helm und Brustschutz seine perfekte Mischung aus Macho und Schmusebär. Das Dilemma moderner Männer. Doch gerade, weil Harri an allem (ver)-zweifelt, ermannt er sich. Schließlich gilt es ein Spiel und die Frau fürs Leben zu gewinnen …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=56&v=1V-adkDjncI

  1. 12. 2017

KOMMENTAR

Oktober 22, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das ist hart, Mann!

Man muss sich mit ihm solidarisch erklären. Das ist, will man sich selbst Kulturmensch schimpfen, Pflicht. Wo aber ist „Nachbar in Not“? Nachtbar ohne Not. Wer bringt „Licht ins Dunkel“, wenn man es braucht? Dieser Kommentar versteht sich als Spendenaufruf! Denn: Man MUSS sich mit ihm solidarisch erklären. Anders geht’s gar nicht. Der Chef der am geringsten subventionierten, unbeachtetsten, kleinsten Kellerbühne im deutschen Sprachraum – ein internationaler Maßstab an eh Wurscht -, klagte dieser Tage seinem Lieblingsjournalkolumnkabarettisten sein Leid. Und: Nein, die beiden probten keine neue Nummer. Und: Ja, der große, kleinformatige Bruder connyte am Wochenende auf diesem Schmerzensweg gerade noch mitmarschieren. Es ist eine Schande! Da will sich Österreich Kulturland nennen? Da jetten maßgebliche Vertreter desselben durch die Welt, um Promotion zu machen? Pfui! Etwas mehr Pereirianismus, bitte. Wer Großes leistet, soll auch groß dafür cashen. Nach der Mediokrität der einen UND anderer Aufführungen wurde ja nicht gefragt, sondern nach Schotter, Kies, Kohle, Asche … Die sich die hochgeförderten, von der Kulturpolitik heiß umworbenen, heißgeliebten, von der Kulturministerin und dem jeweiligen Stadt/Landesrat bei JEDER Premiere besuchten  Klein- und Mittelbühnen des Landes von der Eingangstür wegschaufeln müssen, um überhaupt Zuschauer einlassen zu können. Eine Buchhalterin der Bundestheater sagte einmal: „Weißt du eigentlich, dass EIN Bühnenbild von dem, so viel kostet wie drei Filme von …“ Sie nannte den Namen eines österreichischen Filmemachers, der rund um den Globus Auszeichnungen für sein Werk erhält. Was soll’s? Das Leben ist kein Paradies. Und der Theaterdirektor, der seine Bühnenbilder laut Interview schon in Rumänien anfertigen lässt, hält den Schlüssel zum Zusperren in der Hand. Theaterdonner, laut gebrüllt. Man MUSS sich mit ihm solidarisch erklären. Sonst wird noch die Stelle einer Toilettenfrau eingespart (die übliche Vorgangsweise, bei den Kleinen anzufangen) – und wohin soll man dann Lulu? Ins Kulissendepot? Ach, dieser arme Mann. Kann nicht einmal weg mit Ehefrau und Schwester und Schwager, weg von der Wiener Villa, weil die scheidende Kulturministerin seinen Vertrag – als sie gerade einmal nicht mit Lehrerbegehrlichkeiten beschäftigt war -, der einfachheithalber gleich bis 2019 verlängerte. Was selbst in „Nestroy-Jury“-Kreisen als „historisch“ bezeichnet wurde. Da sitzt er nun. In BURG-Haft. Das ist echt hart, Mann!

Wien, 21. 10. 2013

Neu im Kino: „Die Werkstürmer“

August 9, 2013 in Film

Das Leben ist ein Arbeitskampf

Bild: © David Ruehm / Thimfilm

Bild: © David Ruehm / Thimfilm

Ein charmantes Schlitzohr, eine aufmüpfige Gewerkschaftsanwältin und der steirische Erzberg: Hilde Dalik („Die Lottosieger“) und Michael Ostrowski („Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“) geben sich einen romantischen Schlagabtausch in der temporeichsten Komödie des Sommers. – Seit 25. Juli im Kino.

Inhalt: Patrick Angerer (Ostrowski) hat keine Sorgen. Er arbeitet im örtlichen Stahlwerk und hat alles, was ihn glücklich macht: Stammtisch, Haberer und seinen Fußballverein. Nur die Freundin Babs (Dalik) ist abhanden gekommen, sie ist jetzt Gewerkschaftsanwältin im fernen Wien. Kompliziert wird Patricks Leben erst, als Babs ins Dorf zurückkommt und die Lohnverhandlungen im Werk führen soll. Da ist nämlich gar nichts mehr in Ordnung, seit ein Investmentkonzern übernommen hat. Jetzt muss Patrick zeigen, dass auch er für das kämpfen kann, was ihm wirklich wichtig ist – also vor allem für die Babs. Ein scharfzüngiges Pärchen, das Regisseur Andreas Schmied für seine Screwball-Comedy, mit großem Witz, viel politischem Gespür und noch mehr Action arrangiert hat.

„A working class hero is something to be

If you want to be a hero well just follow me“.

(John Lennon)

Interview mit den Hauptdarstellern Hilde Dalik und Michael Ostrowski:

Wie sehen Sie die Figuren, denen Sie beide Ihre Gesichter leihen? Wie funktionieren Patrick Angerer und Babs Brossmann? Welche Entwicklungen machen sie durch? Was mussten sie noch lernen?

Hilde Dalik: „I hob an Schritt gmocht in a Richtung, die dir net taugt hat, und des war’s mit uns. Du hast mi sitzen lassen, Patrick.“ sagt Babs zu Patrick. – Babs kommt zu Beginn des Films in ihr Heimatdorf zurück und findet im Laufe des Films ihre Wurzeln wieder. Sie hat sich von sich selbst entfernt und macht eine Reise, die sie, ob sie will oder nicht, wieder zu sich selbst zurückbringt. Babs lernt, dass sie sich weiterentwickeln kann, ohne, dass sie ihre Wurzeln abreißen muss.

Michael Ostrowski: Ich kann nicht genau sagen, wie der Patrick Angerer funktioniert. Ich hab das Drehbuch gelesen und gewusst, ich kann den gut spielen, weil ich ihn im Großen und Ganzen verstehe. Er redet so, dass ich weiß, was er meint (was sehr hilfreich ist, wenn man was spielen soll). Ich erkenne die meisten seiner Handlungsmotive und finde nachvollziehbar, was er tut oder in seiner Vergangenheit getan hat. Aber es gibt auch Dinge, die ich nicht weiß. Ich glaube, ich nähere mich einer Figur aus zwei Richtungen gleichzeitig: aus einer oberflächlichen (wie schaut er aus, was hat er an, wie schaut sein Bart aus, hat er vielleicht ein Flinserl etc). Das ist genauso wichtig wie die andere Richtung, die von innen heraus kommt. D.h., ich muss ihn zum größten Teil verstehen und nachvollziehen können, warum er was macht. Ich muss also seine Charakterlichkeit annehmen und versuchen so zu handeln, wie es für die Figur richtig und logisch ist. Und jetzt kommen wir wieder zu den Dingen, die ich nicht genau weiß. Das sind jene Sachen, auf die man draufkommt, während man spielt. Diese Dinge kann man sich nicht überlegen, die kann man nur finden oder man stolpert drüber. Das sind vielleicht die interessantesten Momente beim Schauspielen, und oft ist es einem selber gar nicht bewusst. Ich glaube, die lässigen Rollen haben immer mit einem selbst zu tun und bringen Dinge zutage, derer man sich nur bedingt bewusst war. Diese Rolle ist zu  mir geflogen gekommen wie das Vogerl, das sich auf den Fuß setzt, aber der Gruß war nicht von der Mutter, sondern vom Andreas Schmied. Danke schön.

Das Drehbuch der „Werkstürmer“ kam nicht nur bei Novotny und Glehr gut an, sondern eroberte auch bei den Förderanstalten die Herzen. Was macht den unverwechselbaren Charme von „Die Werkstürmer“ aus?

Hilde Dalik: Der Film lebt unter anderem von den vielen Figuren, die ihre Stärken und Schwächen haben. Man mag sie sofort, meint, sie schon lange zu kennen.

Michael Ostrowski: Und: Der Film beschreibt ein für Österreich neues Genre. Arbeiter-Drama trifft auf Komödie, ein bisserl romantisch ist es auch noch. Es ist im besten Sinne kommerziell, das heißt es holt sein Publikum gut ab, man kann sich identifizieren und mit den Figuren mitleben und mitempfinden. Das gefällt den Kommissionen sicher gut. Außerdem funktionieren die Dialoge, sie wirken nicht papierern, auch das ist selten. Aber abseits vom Drehbuch war der Formwille des Regisseurs sehr stark, Licht und Kamera sind absolut wichtig und wurden in der Vorbereitung sehr stark miteinbezogen, es gab ein Farbkonzept, vor allem bei Kostümen und der Ausstattung. Das hebt diesen Film meiner Ansicht nach stark von anderen Kinoproduktionen ab, die einfach abfilmen, was passiert – was bei Charlie Chaplin super ist, aber sonst filmisch eher langweilig. Hier wurden Kinobilder gebaut und nicht nur talking heads abgefilmt (und damit meine ich nicht die Band!).

„Die Werkstürmer“ thematisiert Existenzängste, Wirtschaftsrückgang, Ersatzarbeiter, Venture-Unternehmen, … Ihr Metier ist auch nicht das Sicherste, obwohl Sie beide sehr gut im Geschäft sind. Sind die Themen des Filmes trotzdem auch Themen, die Sie beschäftigen und betreffen?

Hilde Dalik: Ich persönlich versuche meinen Ängsten nicht allzu viel Raum zu geben. Das Thema des Films ist natürlich sehr aktuell.

Michael Ostrowski: Als Künstler lebt man meistens unsicher. Nur wenige haben irgendeine fixe Anstellung bzw. wissen wirklich, wie’s im Leben und in der Arbeit weitergeht, insofern beschäftigt mich das Thema natürlich. Aber gleichzeitig hat man den Luxus, gesellschaftspolitisch relevante Themen künstlerisch zu behandeln. In unserem Fall sind wir sogar auch noch dafür bezahlt worden, das ist schon einmal nicht schlecht. Eine offene Gesellschaft sollte sich diesen Luxus auch leisten, weil wir in einer künstlerischen Arbeit ein anderes Licht auf die Dinge werfen können. Ich kann wirtschaftspolitische Themen anhand konkreter Schicksale greifbar machen. Das kann auch der Journalismus, aber in einem Buch oder einem Film findet oft eine Identifikation des Zusehers mit den Figuren statt, deshalb bleibt uns auch der vom Hauptmann geschundene Woyzeck von Klaus Kinski/Werner Herzog stärker in Erinnerung als ein Artikel, den wir einmal über Erniedrigungen in der Armee gelesen haben.

Schon mal eine menschliche Blockade vor einer Einfahrt gegeben? Gestreikt? Im Sitzen, Stehen, lauthals, leise? – Wie stufen Sie Ihr revolutionäres, kämpferisches Potential ein?

Hilde Dalik: Ich habe einmal in der Schule gestreikt, als unser Herr Direktor ein öffentliches Kussverbot ausgesprochen hat.

Michael Ostrowski: Ich habe in der Schulzeit einmal in Liezen eine Demonstration organisiert gegen den illegalen Verkauf der Noricum-Kanonen ins Ausland. Ich war damals Schulsprecher, und es war für uns das Richtige. Unsere Chemielehrerin hat gemeint, natürlich gehören diese Waffen verkauft, wenn sie schon einmal produziert wurden. Wir haben damals nicht verstanden, wie man so denken kann. Heute seh’ ich die Dinge wieder differenzierter. Aber das Lustige ist, dass das jene Fabrik war, in der wir die Innenaufnahmen des Stahlwerks gedreht haben (Maschinenfabrik Liezen, vormals Noricum). Und tatsächlich ist es schöner, wenn dort keine Kanonen zum Umbringen gefertigt werden, sondern irgendwelche Schrauben oder Turbinenteile oder Drähte. Ich hab auch einmal die Ennsauen besetzt, als geplant war eine Autobahn durch diese Naturschutzgebiete zu bauen. Das freut mich heute noch, dass diese Straße damals verhindert wurde.

Über dem Kopf des gemütlichen Patrick kreist die Frage: „Wie willst du sie zurückgewinnen, wenn du nicht um sie kämpfst? Du ziehst immer den Schwanz ein, wenn’s ernst wird.“ – Was ist es, wofür Sie kämpfen (würdet)? Was lässt Sie Ihre Stimmen erheben?

Hilde Dalik: Dafür, dass Flüchtlinge besser behandelt werden. Dass alle Asylwerber, unabhängig vom Rechtsstatus, solange sie in Österreich sind, eine Grundversorgung erhalten. Dass sie frei über ihren Aufenthaltsort entscheiden können und dass es keine Transfers gegen den Willen der davon Betroffenen gibt. Dass Asylwerber einen Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildungsinstitutionen und Sozialversicherung haben. Und dass alle Abschiebungen nach Ungarn – und andere Abschiebungen nach Dublin-II-Verordnung – gestoppt werden! Dass sozioökonomische Fluchtmotive anerkannt werden! Es wäre auch wichtig, eine unabhängige Instanz einzurichten, die negativ beschiedene Asylverfahren inhaltlich überprüft …

Michael Ostrowski: Ich finde Ungerechtigkeiten schwer zu ertragen. Warum sollen manche Menschen vom Recht auf Nahrung ausgenommen sein? Vom Recht auf freie Meinungsäußerung? Warum gibt’s so unglaubliche Armut – und daneben so unermesslichen Reichtum? Ich glaube an eine gesellschaftliche Verantwortung jenen Menschen gegenüber, die Hilfe brauchen. So einfach ist das. Und ich wehre mich gegen eine grassierende Biederkeit, die gerne alles erklärbar machen will in der Kunst und alle Ausrisse aus der scheinbaren Normalität zurechtbiegen will. Eine gut gemeinte Unverbindlichkeit, die nichts mehr riskiert.

Michael Ostrowski ist recht viel im Fußballtrikot zu sehen – Fußball in der steirischen Provinz spielte in Ihrer Filmographie schon mal eine große Rolle: in „Making of Futbol“. Ja, welche Rolle spielt Fußball denn? Kann Fußball die Welt retten?

Michael Ostrowski: Fußball ist auf jeden Fall besser als kein Fußball. Es ist super zu spielen, es ist meistens spannend anzuschauen, und es ist ein Teamsport, was wiederum nicht schlecht ist, weil man dabei nicht nur sich selbst, sondern auch viele unterschiedliche Leute (aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten) kennenlernt.

Welche „ersten Male“ brachte der Dreh für Sie? Was haben Sie in den Vorbereitungen gelernt?

Hilde Dalik: Ich hab zum ersten Mal in einem Film Steirisch gesprochen. Das ist nicht meine Muttersprache, also hab ich einen Sprachcoach engagiert, der mir den Dialekt beigebracht hat. Der Auftrag vom Regisseur war: „nicht böllen, sondern Stoasteirisch.“ Ich musste viel Kernöl trinken, dann ging’s wie geschmiert.

Michael Ostrowski ist mit der steirischen Provinz vertraut – wie sieht das für Sie aus, Frau Dalik? Gab es Berührungspunkte zum Ort? Unterscheidet sich das Miteinander am Land vom städtischen?

Hilde Dalik: Ich war vor dem Dreh noch nie in Eisenerz und hab gehört, wie rau das Klima in vielen Bereichen sein soll. Vorgefunden hab ich dann Herzlichkeit, Wärme und Sonnenschein, die ihresgleichen suchen. – Und eine märchenhafte Landschaft wie aus „Herr der Ringe“ (und ich meine nicht Mordor!)

Michael Ostrowski: Ja, Land und Stadt sind unterschiedlich. Es gibt am Land andere Gesetze, weil man einander kennt, weiß, woher der andere kommt, wo er wohnt und wer seine Oma ist. Das Thema des Miteinander am Land war schon in Helmut Köppings Film „Kotsch“ (2005) zentral. Der Drehbuchautor Gregor Stadlober kommt aus Fohnsdorf, wo Kotsch spielt, ebenso wie Andreas Schmied. Beide Stoffe verbindet, dass die Industrie langsam verschwindet und die Menschen oft ohne Arbeit zurückbleiben; die Kleinstädte verändern sich, aus dicht besiedelten Industriegebieten werden oft etwas triste Ex-Industriestädte mit großem Einwohnerschwund. In „Kotsch“ schaffen die jungen Protagonisten den Absprung nicht recht. Meine Figur Chris, ein durch sich selbst verhinderter Anti-Künstler, sagt den schönen Satz: „Glaubst i geh nach Wien und lass mi entdecken?!“ Bei den „Werkstürmern“ ist es Patrick, der zwischen den Stühlen sitzt: Er will nicht nach Wien (und gibt dadurch seine Beziehung zu Babs auf), er ist vielleicht stärker in seiner Gemeinschaft verwurzelt als er das sich selber eingesteht. Babs entdeckt dafür ihre Wurzeln wieder neu, als sie zurückkommt und mit der ihr vertrauten Gemeinschaft zu kämpfen beginnt.

Zum Titel „Die Werkstürmer“: Wer sind die eigentlichen „Werkstürmer“? – Die, die aus dem Familienbetrieb etwas Internationaleres basteln wollten? Die, die es aus der Ferne lenken und über seine Zukunft erscheinen wollen? Die, die dort schon immer gearbeitet haben und sich „ihr“ Werk nicht nehmen lassen wollen und es nun verteidigen?

Hilde Dalik: Die Werkstürmer sind die, die sich ihr Werk nicht nehmen lassen wollen. Die Arbeiter, die im Stahlwerk Schweiß und Herzblut lassen. Und die vom FC Falkendorf, da gibt’s allerdings neben den Werkstürmern auch Werkverteidiger und einen Werktormann.

Der bleibende Moment während des Drehs?

Hilde Dalik: Eine sehr lange Kette von glücklichen Momenten hat sich in mein Eisenherz geschweißt!

Michael Ostrowski: Legendäre Tischtennis-Turniere im Keller des Präbichlerhofs! („Die Fritzl-Keller-Open“, wie wir sie liebevoll genannt haben …)

www.diewerkstuermer.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=OHPuWPqFLdQ

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 7. 2013