Volksoper: Die Dubarry

September 4, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit

Endlich zur Mätresse des Königs aufgestiegen: Annette Dasch als Gräfin Dubarry und Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kommt man nach der Pause zurück in den Saal, sitzen auf der Bühne bereits Oliver Liebl als Hauslehrer und Annette Dasch, die von diesem vom Arbeitermädchen Jeanne Beçu zur Gräfin Dubarry erzogen werden soll – allerdings nicht für den Hof des französischen Königs Ludwig XV., sondern laut Liebls Zungenschlag eindeutig für den kaiserlichen zu Wien. Da gibt’s freilich viel zu lachen bei diesem Zwischenspiel, wenn der Berlinerin vom Wiener Kaffeeunterricht erteilt wird,

wenn die „Piefkenesin“ an der Knödelfrage „Hauptspeis‘, Zuaspeis‘, Nachspeis‘?“ scheitert, das Hand-Ablecken ist gleich den Handkuss pervers findet, und sich schief lacht über die Anrede „Eiergnaden“. Liebls „Lecker is bei uns goar nix!“ wird von jenem Teil des Publikums mit einem Jauchzer begrüßt, der auch am Schluss für Jubel und Applaus sorgte, während der andere ob des Niveaus indigniert das Leading Team mit Buhrufen bedachte.

Das war sie also die Eröffnungspremiere der Direktion Lotte de Beer an der Volksoper, „Die Dubarry“, mit einem ZuschauerInnen-Unentschieden als Endstand, wobei an dieser Stelle von einem verheißungsvollen Start die Rede sein soll. Hausdebütant Regisseur Jan Philipp Gloger turnt bei seiner theatralen Recherche über die Weibsbilder toxischer Männlichkeit eine Rolle rückwärts, vom Heute in die 1930er-Jahre zum Ende des 19. Jahrhunderts zu Louis Quinze, was weniger mit der von dem betriebenen Beilegung des Habsburgisch-Französischen Gegensatzes zu tun hat, als mit der Zeitlinie, die der Operette eingeschrieben ist:

Der Aufführung des selten gespielten, weil doch ziemlich angestaubten Werks im Jahr 2022, der Originalfassung des österreichischen Komponisten Carl Millöcker anno 1879, der Neufassung vom Deutschen Theo Mackeben von 1931 und der Handlung rund ums Jahr 1769. Entstanden ist so eine frisch aufgebrühte Melange mit dem melodie-verliebten Charme der goldenen Operettenära in der Donaumetropole und einer schmissig-schnoddrigen Revue-Operette à la an der Spree, sozusagen ein Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit, eine Konfetti-Explosion voll Witz und Ironie fürs Genre, dessen Dekonstruktion zweifellos – aber durchaus mit dem gebotenen Respekt.

Und in der Titelpartie eine entfesselte Annette Dasch, die mit ihrer Stimme sowieso und ihrem Spiel begeistert, eine grandiose Komödiantin, die ihren Charakter aber auch in Tiefen gleiten lassen kann, wenn es gilt die antiquiert-anzüglichen Frauenfantasien der besseren Herren zu hinterfragen – wobei trotz Feminismus und Büstenhalter-Verbrennung die bittere Essenz des Abends ist, dass Emanzipation bis zum Anschlag immer noch nicht stattgefunden hat. In allen vier Teilen bleibt die Frau mehr oder minder (Sex-)Objekt des Mannes, das alles gut getarnt im Dreivierteltakt als „Weiblicher Reize Macht“.

Los geht’s im Jetzt: Die „Putzmacherinnen“ im Atelier Madame Labille dekorieren Schaufensterpuppen, schwatzen über die neueste Emma-Ausgabe und, dass sie lieber bei Cartier als bei Kik shoppen würden, die Dasch rauscht mit Timbre und Temperament heran. Noch ist sie die aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Jeanne Bécu, doch mit bester Freundin Margot, entzückend quirlig wie stets: Juliette Khalil, schmiedet sie größere Pläne. Die so rotzfrechen wie leichtlebigen Gören haben noch was vor: reiche Männer gegens eigene Elend aufreißen. Ergo raus aus dem Modesalon, rein ins Nachtleben, wo Marco Di Sapia als Graf Dubarry, Daniel Ohlenschläger, Oliver Liebl, Martin Enenkel und Wolfgang Gratschmaier ihr zynisches „Cherchez la femme“ anstimmen, Motto: Klug muss sie nicht sein, aber schön. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.“

Die Putzmacherinnen und die Blaublüter anno 2022, M.: Wolfgang Gratschmaier und Juliette Khalil. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Bohème-Romantik kann er sich einrahmen lassen: Annette Dasch und Lucian Krasznec als Maler René Lavallery. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In den Berliner 1930ern, gestrandet als Sängerin im Bordell: Annette Dasch und Marco Di Sapia als Graf Dubarry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im k.u.k.-Reich Seiner Majestät: Martin Enenkel, Wolfgang Gratschmaier, Marco Di Sapia, Annette Dasch und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vor allem gefällt hier Wolfgang Gratschmaier als Marquis de Brissac, ein in die Jahre gekommener schlitzohriger Don Juan, dessen Ähnlichkeit mit einem bekannten Wiener Rechtsanwalt rein zufällig ist. Gemeinsam mit Khalil wird er in zahlreichen Bravourszenen ein akklamiertes Buffo-Paar abgeben. Margot wird nämlich die Geliebte des alten Gockels und hat sich in den Kopf gesetzt, sich von ihm die Schauspielerei finanzieren zu lassen.

Zwischen kleinen Gags, kurzem Augenzwinkern und dem Schießen von Selfies darf derweil Lucian Krasznec als Kunstmaler René Lavallery seine Schellackstimme strahlen lassen. Es stand hier schon in der Rezension zum „Bettelstudent“ (www.mottingers-meinung.at/?p=19470), dass da einer ziemlich nah an den großen Adolf Dallapozza heranreicht, ein Eindruck, der sich bei seinem Schmachten um Jeanne wiederholt. In ihren Szenen sind Dasch und Krasznec musikalisch als das dramatische Liebespaar der Operette ausgewiesen, auch wenn ihn Besitzgier und häusliche Gewalt fehlleiten und die wichtigste Frage an die Geliebte ist, was sie denn vorhabe zu kochen. Bühnenbildner Christof Hetzer setzt Renés Bohème-Stube in einen blattgoldenen Bilderrahmen, in den –  einmal rausgestiegenJeanne kein Zurück mehr findet.

Denn die Dasch wirft den Würfel mit den zahlreichen Spielflächen selbst immer wieder händisch an, dreht die eigene Geschichte weiter, die Zeituhr zurück in die 1930er-Jahre, wo sie als Sängerin mit Künstlerinnennamen Manon in einem anrüchigen Etablissement auftritt. Alles atmet hier die Exzellenz der Dekadenz, als erneut Marco Di Sapia als eiskalt-eleganter, sinistrer Graf Dubarry erscheint, um der desillusionierten Jeanne, die er sofort als solche erkennt, ein unmoralisches Angebot zu machen: Um sein politisches Ränkeschmieden in Versailles voranzutreiben, will er sie als Gräfin Dubarry zur Mätresse des Königs machen. Schließlich habe sie nicht nur den Körper, sondern auch den Geist, um in dieser monarchisierten Form der Prostitution zu reüssieren.

Und während Dasch in einer De-facto-Vergewaltigungsszene beim Roulettetisch „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“ singt, zeigt Margot, wie’s mit dem „Der Mann denkt, aber die Frau lenkt“ richtig geht: Sie trotzt dem Marquis de Brissac Luxuslabel-Sackerl um Luxuslabel-Sackerl ab, singt ihm ein fröhliches „Wenn Verliebte bummeln gehen“, während der alte Bock dasteht wie ein Packesel.

Der König der Late-Night-Shows kündigt seinen Gast an: Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

Die Dubarry rockt Versaille: Gi­tar­re­ra Annette Dasch und Harald Schmidt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Aus dem Schaf wird keine Schauspielerin: Juliette Khalil als Margot. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Ende steht die Guillotine: Daschs Dubarry wird zum Opfer der französischen Revolution. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

In der zweiten Hälfte der Aufführung findet man sich in Millöckers k.u.k.-Wien wieder, beim „Alles Walzer!“ mit weißroten Gala- und Husaren-Uniformen à la Ungarland. Nach wie vor bewegt sich die nunmehrige Gräfin Dubarry in einer Männerwelt – und gallig klingt der Dasch mit erhobener linker Faust dargebotenes „Ob man gefällt oder nicht gefällt“, von Kai Tietje mit krassen Dissonanzen und gehetztem Rhythmus dirigiert, derweil sich die Szenerie vom neuen Resident Lichtdesigner Alex Brok ins Teuflische, Albtraumhafte verändert.

Nicht nur die Herren liefern Großteils mehrere Rollen ab, die großartige Ulrike Steinsky wechselt von Couturière Madame Labille über Bordellbesitzerin Marianne Verrières bis zur Marschallin von Luxemburg von Chefinnen-Gekeife über Raucherlungen-Tonfall zu Paula-Wessely’schem Schönbrunner Näseln. Der Steinsky gelingt jedes dieser Kabinettstücke vom Feinsten, immer toller werden die Kapriolen, die sie macht, und auffällt, wie präzise und exquisit die „Nebenfiguren“ geführt sind.

Zu guter Letzt: Auftrittsapplaus für Harald Schmidt als Ludwig XV. im Epoche-gemäßen Justaucorps, Annette Dasch mit Cul de Paris, endlich der Moment, an dem sich Kostümbildnerin Sibylle Wallum austoben durfte. Und Volksopern-Debütant Schmidt macht gar nicht den Versuch majestätisch zu sein. Die Entertainerlegende spielt sich selbst als König der Late-Night-Shows (auch der echte Ludwig XV. verstand es, sich als le Bien-Aimé zu inszenieren), er „dirigiert“ das Orchester wie Helmut Zerlett und die ARD-Showband, stellt ganz Talkmaster seinem Volk als Gast die Dubarry vor – und dieser dann dumme Fragen, die sie mit einem „Glauben Sie nicht, dass das ziemlich erniedrigend ist?“ quittiert.

Worauf der absolutistische Herrscher übers Ancien Régime der Fernsehunterhaltung sich bis über beide Ohren verliebt. Ein Gag über einen Film, den Johnny Depp als ER/Ludwig XV. gerade in Frankreich dreht, darf auch nicht fehlen. Die neue Favoritin des Königs singt als „Gstanzl“ mit Gitarre noch einmal „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“, bevor beim beliebten Schäferspiel alle in den Gassenhauer „Ja, so ist sie, die Dubarry, wer sie einst sah, vergisst sie nie“ einstimmen. „Das hisst das Regietheater die weiße Fahne, und ich spüre Originaltext in mir aufsteigen“, flachst Schmidt und schließt so den Kreis zum ersten Bild.

Satire as Satire can. Mit tausend und einer Idee lässt Jan Philipp Gloger die Operette einen g’feanzten Blick auf die eigene Beschaffenheit werfen. Charmant und sympathisch wie Lotte de Beer hat sich ihr neues Team schon mal in die Hälfte der Herzen hineingespielt. Also: Alles Friede, Freude, Eierkuchen, Eiergnaden? Mitnichten, denn Gloger, der in der Aufführung immer wieder auch auf die Täterin-Opfer-Brüche der Person Dubarry hinweist, erzählt ihre Geschichte anders als Millöcker und Mackeben zu Ende. In der Volksoper wird sie dazu mitten im Trubel des Hofballs von Schergen der französischen Revolution abgeführt, wird ihr die bombastische Perücke vom Kopf gerissen – und ab unter die Guillotine.

www.volksoper.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=dH0k4fzsV8Y           Harald Schmidt über König Ludwig XV.: www.youtube.com/watch?v=ejo1alus1RU

TV-TIPP: Heute Abend ist die gestrige Volksopern-Premiere von „Die Dubarry“ um 20.15 Uhr auf ORF III zu sehen.

4. 9. 2022

Theater in der Josefstadt: Anna Karenina

September 2, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Unterkühlte Erotik auf dem Eislaufplatz

Der Josefstädter Eislaufverein: Alexandra Krismer, Alexander Absenger, Alma Hasun, Claudius von Stolzmann und Silvia Meisterle. Bild: © Moritz Schell

Zum Auftakt der Wiener Theatersaison hat Regisseurin Amélie Niermeyer, die 2019 mit ihren Ideen zu Tschechows „Kirschgarten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36654) am Haus so großartig reüssierte, fürs Theater in der Josefstadt „Anna Karenina“ inszeniert – immerhin mit dem Vermerk „nach Leo Tolstoi“, in einer Fassung von Armin Petras, die Niermeyer um ihr spannend erscheinende Aspekte aus

dem 1000-Seiten-Weltliteratur-Wälzer ergänzte. Das Ergebnis, bei der gestrigen Premiere präsentiert, ist … so lala, oder positiver formuliert: Ein Abend, auf den man sich einlassen wollen muss, doch selbst wenn’s wie hier am guten Willen nicht fehlte, sind die drei Stunden Spieldauer sehr lang. Längen die gar nicht notwendig wären, würde Niermeyer auf mehr Energie und weniger elegische Überdehnung der Szenen setzen. Das Ensemble dafür hätte sie allemal an der Hand, nur dass dieses im auch schon überstrapazierten Mix aus Dialog/direkter Rede, innerem Monolog und epischem Erzählton in der dritten Person in seltenen Momenten zum Spielen kommt.

Eine Kunst ist es jedenfalls, Tolstois 29-köpfiges Gesellschaftspanorama auf ein Acht-Personen-Kammerspiel zu reduzieren. Niermeyer konzentriert sich auf die Beziehungen zwischen Anna Karenina, Alexej Karenin und Alexej Wronski, den die Aberkennung der Offizierswürde zum hauptberuflichen Erben mit Rich-Kid-Anwandlungen degradiert, Stepan und Dascha Oblonskij, die beiden alles andere als ein Fürstenpaar, sondern biedere Mittelstandspleitiers, sowie Daschas Schwester Kitty mit Verehrer Kostja Ljewin.

Letzteren hat Niermeyer als ihren Spokesman deutlich aufgewertet, der Sozialrevolutionär ist es, der sich über „Das Kapital“-Themen wie Neuordnung von Besitzverhältnissen und Gerechtigkeit für die Arbeiterklasse auslassen darf, ein ewig Zweifelnder und unablässig Sinnsuchender, wobei ihm Niermeyer laut Programmheft-Interview gleich auch noch die CoV19-Pandemie samt nihilistischen Todesfantasien und Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine zum Theoretisieren mit auf den Weg gibt. Dass ausgerechnet dieser Gutsbesitzer Lewin mit seinen Plänen zur Reformierung der Landwirtschaft an der Trägheit des Bauernstands scheitert, mag als Fingerzeig auf bevorstehende Wahlen gedeutet werden.

„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ Mit diesem ersten Satz Tolstois beginnt auch Niermeyer, der Text läuft über einen semitransparenten Vorhang, bis der sich hebt und man sich auf einem Eislaufplatz wiederfindet. Auf diesem – wie sich bald herausstellen wird – dünnen Eis dreht der Josefstädter Schlittschuhverein seine Kreise: Alexander Absenger als depressiv-tollpatschiger Philosoph Lewin, der sich von Alma Hasuns exaltierter Hyper-Hyper-Kitty einen Korb holt, weil die Eisprinzessin den Wronski liebt, Claudius von Stolzmann, der sich mit einer Pirouetten-Drehung aus der Dreier-Situation nimmt, nur um jetzt mit einem Doppeldreier aufzukommen: Anna Karenina, die auf dem Bahnsteig steht.

Silvia Meisterle, Cornelius Bruckmann, Raphael von Bargen. Bild: © M. Schell

Silvia Meisterle und Claudius von Stolzmann. Bild: © Moritz Schell

Silvia Meisterle und Claudius von Stolzmann. Bild: © Moritz Schell

Als diese zeigt Silvia Meisterle eine ihrer besten Leistungen bisher, ihre Karenina ist modern, mondän, ausgestattet mit der zynisch-unterkühlten Erotik einer Femme fatale. Mit ihrem Trolley könnte sie glatt als Businessfrau anno 21. Jahrhundert durchgehen, längst hat sie an Karenins Seite gelernt ihre Emotionen auf Eis zu legen, und dann ist da plötzlich einer, der das Eis crushen will. Diese Anna ist mehr Schwester von Nora oder Hedda Gabler als eine der Russinnen ihrer Zeit. Zu dieser Anna passt, dass Niermeyer unter Verwendung der Neuübersetzung von Rosemarie Tietze den Frauenfiguren Textpassagen, die im Original von Männern gesprochen werden, von ihr so genannte „inhaltlich relevante Passagen“ zuschreibt.

Zu den zeitgenössischen Outfits von Christian Schmidt hat Bühnenbildnerin Stefanie Seitz in Rechtecke unterteilte Wände erdacht, die verschiedenfarbig beleuchtet werden können, mitunter lässt sich ein häuslicher Wolkenstore gleich Gitterstäben herunter  – und um Rilkes Poem über Selbstentfremdung und Im-Kreise-Gehen zu bemühen: „hinter tausend Stäben keine Welt“. Auf der Bühne steht außerdem ein für Loops an einen Laptop angeschlossenes Keyboard, an dem Kitty die anderen mit ihren „Kompositionen“ quält, Imre Lichtenberger Bozokis eigens für die Aufführung geschaffene Musik erklingt, oder auch mal „Rasputin“ von Boney M., Schostakowitsch und Chick Coreas „Childrens’s Song No.6“ – gespielt von Raphael von Bargen als berührend gequältem Karenin.

Auch diesen hat Niermeyer in ein interpretatorisch neues Gewand gehüllt, der Charakter oft als spießiger und engstirniger Aktenvernichter gelesen, ist bei ihr ein sympathischer, dessen fatale „Sünde“ es ist, zu lange zuzuwarten: „Durchdenken, entscheiden, ad acta legen“, auch dieses Motto eines Staatsdieners hochaktuell. Doch lässt er sich erst noch von Sohn Serjoscha, Cornelius Bruckmann, im Holzschwerter-Duell auf lustigeste Art besiegen, lässt er alsbald seinen Frust an dem Buben aus, der daraufhin zum seelischen Krüppel mutiert, während der Vater am Sorgerechtsstreit zerbricht. Ach ja, die russischen Neurosenkriege!

Alexandra Krismer und Alma Hasun. Bild: © Moritz Schell

Alexander Absenger und Alma Hasun. Bild: © Moritz Schell

Robert Joseph Bartl als „Tanzmeister“. Bild: © Moritz Schell

Auch Kittys Unglücksball findet als Holiday on Ice statt, zu „Stepan“ Robert Joseph Bartls Anweisungen als „Tanzmeister“ wird sich zur Quadrille in Pose geworfen. Bartl kommt die Aufgabe als fröhlichem Hedonisten zu, der um sein Ablaufdatum weiß. Stepan ist einer, der den unfairen Bonus und die Privilegien seiner gewichtigen Position mit Vergnügen und ohne Skrupel genießen will, und glaubhaft erzählt Alexandra Krismer von einer Frau, Dascha, die einzig wegen der sechs Kinder beim notorischen Fremdgeher und gleichzeitigem Pantoffelheld bleibt, und seit langem an ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter ver-/zweifelt.

Das alles wird mehr geschildert denn gespielt. Das große Problem des Abends ist, man hört, aber man fühlt nicht. Weder, dass Anna wie angesagt zum ersten Mal Liebe, Lust und Leidenschaft erfährt, ihr Inneres scheint kalt und leer bis zum bitteren Ende, noch dass mit Wronski endlich befriedigender Sex im Spiel ist – trotz nackter Umarmung. Dass Claudius von Stolzmann Umberto Tozzis „Gloria“ zu einem Karaoke-„Anna Wronskaja“ umdichtet, wird zwar mit Szenenapplaus bedacht, aber bitte wieso wird diese Figur mit allerlei Schnickschnack so verjuxt? Warum sich Anna und Wronski am Schluss bis aufs Blut entzweien, es geschieht so unvermittelt, dass es schleierhaft bleibt. Okay, er hat die Allüren dieser Frau endgültig satt, aber war da zwischen zwei Buchdeckeln nicht noch mehr Inhalt? So bleibt Annas Selbstzerstörungstrip im Eisenbahndampf nebulös.

In den zweifellos unterhaltsamen Passagen (Lewin wirft Heuballen auf die Bühne, dazu Quieken und Muhen im Stall Schwein und Kuh; später fragt Wronski im Wohnsalon irritiert: „Was machen eigentlich diese Heuballen hier?“) zerfasert die Inszenierung nach der Pause auch ästhetisch in zwei Teile: Plötzlich Videozuspielungen von Annas und Wronskis Europatrip, oligarchischer Großeinkauf von Kunst, Meisterles hysterisches Lachen eine Schmierenkomödie für von Stolzmann, ein Palais in Venedig, das nach erster Euphorie über die Kronleuchter – der der Josefstadt senkt sich – schnell als modrig stinkend wahrgenommen wird. (Der Anna traumatisierende Tod der gemeinsamen Tochter Annie ist weniger als eine Fußnote.) Also zurück: Nach Moskau! Nach Moskau! In die Gefühlskälte. Wo Anna wiederum via Video von Spukbildern Karenins, Wronkis und Serjoschas heimgesucht wird. Der Pas de deux auf Kufen ist ausgetanzt.

Dieser zweite Teil, wiewohl besser als der langatmige erste, zeigt: Es fehlt dem Ganzen an Stringenz und einheitlicher Linie. Man versteht Niermeyers Intentionen bezüglich Zeitlosigkeit, betreffs schneidend klar wie Firn, aber der große Zusammenhang, der große Wurf gelingt ihr mit dieser frostigen Regiearbeit nicht. Vielmehr verheddert sich Niermeyer auf ihrer Suche nach einer so aktuellen wie allgemeingültigen Aussage in den „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ statt aus Tolstois Meisterwerk eine wirkmächtige Essenz zu destillieren. In der Josefstadt kommt nach dem unvermeidlichen Zug noch der große Regen. Auch im Roman wird nach Annas Freitod 80 Seiten lang das Weiterleben der anderen beleuchtet: Kitty und Lewin lassen ihren Sohn Mitja taufen. Und trotz des schweren Gewitters schließt Kitty mit dem Satz: „Überhaupt war der ganze Tag so angenehm.“ Tja, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben …

www.josefstadt.org

  1. 9. 2022

Werk X-Petersplatz: Trümmerherz

Juli 7, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Nachkriegsbrutalität in Pastelltönen

Yes, Sir, I Can Boogie: Unfreiwilliger Partnertausch mitten im „Mach koane Dànz!“: Lukas David Schmidt, Anna Zöch und Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

„Siehst doch eh wie die Leut hier sind. Die tun: Vergessen. Verdrängen. Lügen. Wo ist hier die Moral? Wo ist hier der Anstand? Den Wiederaufbau schaffen ́s doch nur: Weil’s die frühere Gesinnung in die neuen Häuser miteinbauen.“ – „Du sollst nicht immer von früher reden. Die Mama hat’s verboten.“ – „Ohne früher kein Heut‘. Das wird die Mama auch noch begreifen …“ Mit diesem Dialog lernt man die Schwestern Mitzi und Rudi kennen, erstere von der Nachbarschaft als Ami-Hur‘

gebrandmarkt, will sie doch mit ihrem GI-Johnny in die USA auswandern, zweitere, das Nesthäkchen insofern amerikanisiert, als sie den Boogie-Woogie in den Beinen hat, mithilfe derer sie sich das Preisgeld eines Tanzwettbewerb abholen will. Autor Bernhard Bilek hat diese Mädchen für seinen Text „Trümmerherz“, basierend auf biographischen Episoden aus dem Leben seiner mit knapp 90 Jahren verstorbenen Großmutter, erdacht und ihnen Nachkriegs-österreichische Signature-Sätze in den Mund gelegt. Es ist nicht zu viel zu sagen, dass Bileks 1950er-Jahre-Wien nur ums Eck zur berühmten „stillen Gasse im achten Bezirk“ liegt. Das Milieu, die Charaktere, eine Dreiecksbeziehung, der genretypische Kunstdialekt … alles passt bei dieser jüngsten Hervorbringung der Gattung „neues Volksstück“.

Regisseurin Martina Gredler, gemeinsam mit Bilek Gründerin des Kunst- und Kulturvereins Wiener*innen Wahnsinn, hat mit dem Ensemble Anna Zöch als Rudi, Josefine Reich als Mitzi, Bettina Schwarz als Mama, Felix Krasser als Pepi und Lukas David Schmidt als Moritz die Uraufführung von „Trümmerherz“ zur auslastungsstärksten Produktion am Werk X-Petersplatz in der Spielzeit 2021/22 gemacht. Grandios dazu Komposition und Live-Musik von Nadine Abado, Ausstattung und Kostüme von Moana Stemberger und die Choreografie von Daniela Mühlbauer.

Abado, die den Boogie als hypnotischen Percussion-&-Voice-Sound wispert, was die Tanzenden bei psychischem Fast Forward zur physischen Slow Motion zwingt; Stemberger, deren pastellige Outfits – die Damen in Ballroom-Petticoats, die Herren in Rosé- und Metallic-Silber samt Pailletten, Nagellack in Killerfarbe und blutroten High Heels – die Brutalität der Ereignisse konterkarieren; Mühlbauer, in deren somnambule Bewegungsabläufe die Schauspielerinnen und Schauspieler sich albträumen, wenn die Zweier-, Dreier-, Viererkonstellationen einander mit Worten nichts mehr zu sagen haben. Nach dem großen Publikumszuspruch zur ersten Aufführungsserie ist eine Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit geplant, über deren Termine www.mottingers-meinung.at informieren wird, wenn sie von der Kulturabteilung der Stadt Wien – MA7 bewilligt wurde.

Können Spielen und Tanzen: Anna Zöch und Lukas David Schmidt. Bild: © Alexander Gotter

Lukas David Schmidt, Felix Krasser, Josefine Reich und Anna Zöch. Bild: © Alexander Gotter

Zum Geschlechtsverkehr abgeschleppt: Anna Zöch und Lukas David Schmidt. Bild: © Alexander Gotter

So steht also auf Moana Stembergers leerer Nachkriegstristesse-Bühne Anna Zöch als rotzfrech um ihr Emanzipiert-Sein ringende Rudi (Lieblingsfrage ihres losen Mundwerks: „Tätschn?“) von Beginn an zwischen zwei Burschen: dem tölpelig-warmherzigen Pepi von Felix Krasser, der sich das Korsett, in das ihn die Gesellschaft zwängt, tatsächlich um den Leib gelegt hat, und dem draufgängerischen Frauenschwarm und Schwarzhändler Moritz, der sich nimmt, was er will – und das in, für Darsteller Lukas David Schmidt muss man den Begriff erfinden, ungestümer Zeitlupe.

Und über alles und allen schwebt die Mater Dolorosa in der Kittelschürze, „Mitzi-Mama“ Bettina Schwarz, die sich ans Mantra klammert, der Papa und der Onkel wären als Kommunisten im Konzentrationslager ermordet worden (weshalb sie von den Russen die kleine Wohnung zugeteilt bekommen hätte) – Mamas Liebling Pepi dazu, während er sich noch ein Stück ihres Guglhupfs reinschiebt: „Das Leben ist zu kurz, um für eine Partei zu sterben.“ Seine Mama hätt‘ seinem Papa halt immer was zum Essen in den Mund gestopft, wenn er politisieren wollte. Während Moritz die Widerständler-Glorifizierung mit einem „Die waren doch selber Nazis!“ entherrlicht, bevor das Publikum verbale Schlagabtausche später erfährt, er könnt‘ ebenso gut den eigenen Vater zu verspäteter Rechenschaft gezogen haben.„Wir haben alle nichts gelernt. Entweder waren wir zu früh dran, oder zu spät“, schreit dieser Moritz die Rudi an, als sie ihn wegen seines sinistren Broterwerbs zur Rede stellt.

Und unwillkürlich denkt man die Zukunft der Generation CoV-19 und ans Ausarten des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, dessen Grausamkeit den Geflüchteten und folgenden Generationen wie hier nach 1945 blutig in die Körper eingeritzt ist. Rudi hat/hatte von Moritz ein Kind, Anni, das mit zwei Jahren verstarb. Ob dessen bösartige Großmutter mit diesem Ableben zu tun hat, erfährt man nicht, wie Bilek und Gredler überhaupt vieles in der Schwebe halten. Geldknappheit, ein verlorenes Kind und das bedrückende Schweigen, das Wien für die Nachgeborenen in einen undurchdringlichen, grauen Schleier hüllt, ein Kuss an falscher oder gar richtiger Stelle. Man taumelt durch Kriegstraumata, stilisiert sexuelle Gewalt, quer zu lesende queere Geschlechterverhältnisse, österreichische Verdrängungskultur, heißt: Zeitgeschichte, wie’s Huhn übers Möbiusband.

Gluckhenne Mitzi-Mama (M.) und ihre Küken: Anna Zöch, Bettina Schwarz und Josefine Reich. Bild: © Alexander Gotter

Lieber noch dem Joker als ihm einen Luftballon abgekauft: Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

Ami-süchtige Sisters in Crime: Josefine Reich als Mitzi und Anna Zöch als Rudi. Bild: © Alexander Gotter

Geschlecht? Spielt keine Rolle: Lukas David Schmidt und Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

Hochspannend ist das, wie der Boogie-Woogie inszenatorisch zum Ringkampf wird. Hip Bump Flirt, American Spin, Whip, Let Loose, Ladies Solo, Fallaway Throwaway, schließlich der „Todessprung“, im Englischen „Birth of a Baby“ genannt. Im Wechselschritt meint man den Rückwärtsgang eingelegt zu haben, Rudi, eben noch den Tod ihres Töchterchens beklagend, ist jetzt hochschwanger …, jedenfalls ist‘s, wie’s kommt, eine Drehung senkrecht nach unten. Wie Mitzi Rudi aus Moritz‘ Umklammerung befreit, wie Moritz den Pepi diesmal nicht heraus-, sondern auffordert. Intensiv performen das die Vier. Selten war ein Turniertanz so ein „Mach koane Dànz!“

Geht Pepi wirklich in diese Art von Herrenetablissements, wie Moritz behauptet? Und gibt ihm dies das Recht, Rudi zwecks Kindszeugung von der Tanzfläche im Wortsinn abzuschleppen? Ist das geschehen oder wird es erst passieren? Rudis Antwort auf Baby und Pepis Bi+Stereotypisierung: „Besser einer, der sich kümmert, als …“ Anna Zöch überzeugt als stur-zerbrechliche Rudi, Bettina Schwarz als Hart-aber-herzlich-Mama und Lukas David Schmidt ist sowieso des Werk X-Petersplatz‘ Antwort auf „Elvis the Pelvis“, doch obliegt es Felix Krasser seinen Pepi in grausige Abgründe zu entwickeln, im Prater als Luftballonverkäufer in dragqueenigen Zwölfzentimetern und einem sinistren Lächeln als wäre er ein Joaquin-Phoenix‘-Joker-Lookalike.

„Trümmerherz“ ist ein ungeschönt authentisches, aber von Bernhard Bilek gleichwohl liebevoll gestaltetes Sittenbild einer Familie, wie es zahlreiche gab und gibt, die sich im Chaos zwischen Vergangenheit und Gegenwart eine rosige Zukunft erträumen. Dass Regisseurin Martina Gredler die Realität des Textes nicht „bebildert“ hat, sondern ihr Ensemble in choreographisch-tänzerischer Körperarbeit ausleben lässt, ist der Clou der Aufführung. Vor allem aber: Danke, Oma Bilek, dass du als Zeitzeugin uns alle über deinen Enkel an deinen Erinnerungen teilhaben lässt …

Bernhard Bilek. Bild: © Matthias Heschl

Über den Autor: Bernhard Bilek wurde 1982 in Wien geboren. Er studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Germanistik an der Universität Wien. Während seines Studiums wurde er zum Theaterautor am Burgtheater und Schauspielhaus Wien in den von Andreas Beck initiierten Schreibklassen unter den Leitungen von David Spencer, Wolfgang Stahl und Bernhard Studlar ausgebildet. Zusätzlich ließ er sich postgradual am Institut für Kulturkonzepte in Kulturmanagement schulen. Er arbeitete als Kommunikations- und Kulturmanager im Theaterverein „Ich bin OK”, im Nachtclub „Flex” und in der Filmproduktionsfirma „evolver film” (dort auch als Script Consultant). Von 2019 bis 2021 leitete er Presse- und Kommunikation am Theater Werk X.

2020 gründete er mit Martina Gredler den Theaterverein „Wiener*innen Wahnsinn“, um Projekte von Frauen, queeren und nicht-binären KünstlerInnen zu fördern. Die Uraufführung seines Theaterstücks „Trümmerherz“ in der Inszenierung von Martina Gredler ist das erste Projekt des Vereins.

werk-x.at           werk-x.at/premieren/truemmerherz

7. 7. 2022

Trailer: © Clemens Schmiedbauer

Theater an der Wien via fidelio: Saul

Mai 9, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Macht macht Migräne

Das Volk macht für den neuen Herrscher die Welle: Jake Arditti als David, David Webb als High Priest und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Vor drei Jahren wurde Claus Guths szenische Umsetzung des Händel-Oratoriums „Saul“ zum Triumph für das Theater an der Wien. Anstatt der ursprünglich angestrebten Wiederaufnahme blieb Corona-bedingt nun allerdings nur die gestrige Bildschirm-Premiere via www.myfidelio.at, wo der Bühnenfilm von Tiziano Mancini ab sofort in der Klassithek abzurufen ist. Und hat die Pandemie für die darstellende Kunst irgend gewirkt, sodass sich immer freihändiger und leichtfüßiger

dem Medium mit der Kamera angenähert wird, kurz: Mancinis Arbeit, er hielt unter anderem den extravaganten Valencia-Ring von La Fura dels Baus für die Ewigkeit fest, Mancinis Arbeit also macht aus der Guth’schen ein eigenständiges Kunstwerk, dessen Vorzüge man sich auch als selbstverständlich Live-Bevorzuger nicht entgehen lassen sollte. ‘S beginnt bereits bei der Ouvertüre, der Blick in den Orchestergraben, wo ein verschmitzt dirigierender Christopher Moulds das Freiburger Barockorchester zum sinnenfroh neckischen Spiel bittet, und welch Charakterköpfe da an den biblischen Pauken und Posaunen sitzen.

Derart viel Mühe und Geldmittel – unter anderem heutige 130.000 Euro für eine eigens angefertigte Orgel – verwendete Händel darauf, exotisch-antik gedachte Instrumente aufzutreiben, dass sein Librettist Charles Jennens über dessen “Head more full of Maggots than ever” klagte. Es erklingt das Carillon, eine Art Glockenspiel mit Tastatur, dessen Töne als kleine, böse Chaos-Männchen durch Sauls Kopf tippeln. Eindrucksvoll ist das alles, der Auftritt von Florian Boesch als feindesblutüberströmter Kriegerkönig, dem sein Volk aka der Arnold Schoenberg Chor huldigt. Close-ups vom gestrengen, auch selbstzufriedenen Gesicht, der stolz hochgezogenen Augenbraue, den nackten, wunden Füßen, Sauls gleichsame Longinuslanze/Speer des Schicksals, der gottgewählte Selbst-/Gerechte, der the Writing on the Wall eigens besorgt, dem dessen Symbolik aber entkommt.

Solches geht nur mit solchen Sänger-Schauspieler-Charismatikern. Boesch leistet körperliche Schwerstarbeit, und kippt er im Wortsinn vom Stuhl, fragt man sich, wie in der Position singen überhaupt noch geht. Boesch brilliert mit Bühnenpräsenz, einer Lear’schen Urgewalt und vokaler Strahlkraft, der bärbeißige Bassbariton leidet mit Donnerhall Rotz und Wasser und unter offenbar heftigen Kopfschmerzen – To him ten thousend, and to me but thousands!

Dieser „Saul“ ist und bleibt eine Sternstunde, die Geschichte eines Großen, der vom jüngeren, besseren, beliebteren, schließlich populistischeren rechts überholt wird. Drei Sätze bis zum Selbstmord. Dazu passen die Prosekturkacheln in Ausstatter Christian Schmidts Seelenlandschaften, die sich auf der Drehbühne mit einer archaischen Felsenwüste und einem dunkelroten Salon abwechseln, dessen Bodenbelag … einmal, als die Kamera in die Totale geht, hat man dies Bild vor Augen, alle sind wir des Schöpfers Schachfiguren.

Brillante Performance als bärbeißiger Bassbariton: Florian Boesch als Saul. Bild: © Monika Rittershaus

Die 4er-Orgie: Anna Prohaska, Jake Arditti, Rupert Charlesworth und Giulia Semenzato. Bild: © Monika Rittershaus

Dienstmädchen from Hell: Rafał Tomkiewicz mit Florian Boesch. Bild: © Monika Rittershaus

Und welche Bilder gefunden werden. Da liegt ein Männerkörper, Augen zu, Kopf schlafend, nein, es ist der abgeschlagene des Goliath, und es erhebt sich handsome Countertenor Jake Arditti, wär‘ dies die Zauberflöte, man müsste „ein holder Jüngling, sanft und schön“ sagen. Arditti, in der Corona-Pause nicht nur was den Bizepsumfang betrifft, sondern auch stimmlich gewachsen, ist als David kein Schlachtenheld. Unsicher stakst er, wankt, weiß nicht, wie ihm geschieht – und schon kniet alles vor ihm, Triumphgesang der Israeliten, der immer spielfreudige Arnold Schoenberg Chor choreografiert von Ramses Sigl.

Dieser David mit seinem bubenhaften Charme ist Typ „Frauen lieben ihn, Männer wollen so sein wie er“, Guth und Schmidt haben für seine immer hoheitsvoller werdenden Kostüme ein reines Weiß gewählt, Schwarz für Saul Boesch, und es gehört zu dieser zeichenhaften Inszenierung, dass der Chor in weißem Hemd und schwarzem Anzug nach und nach die Farbe wechselt. Während sich also Arditti zur Air, O king, your favours with delight I take, but must refuse your praise, mirakulös in lichteste Höhen schwingt, wird vorgeahnt, der verschwitzte, verschmutzte Paradeschwiegersohn ist kein Gottesgeschenk.

Man gibt sich hochherrschaftlich bei Sekt und Shrimpscocktail, und wie wütend Boesch ihn runterwürgt, da hat ihnen David den Schädel schon auf den Tisch geknallt. Ganz schüchterner Bauerntölpel, den Merab mit bebendem Busen sexy findet, aber justament ablehnt, weil sie als das ungeliebte Kind Attitüde haben muss. Diese kleinen, vielsagenden Gesten sind gemacht für die Kamera, und mit dieser ideenreichen, detailverliebten Aufführung erweist sich Claus Guth einmal mehr als Experte für seelische Feinziselierung, für jene psychologische Durchdringung, mit der er jahrhundertealte Werke ans Heute holt. Am Ende, wenn Saul mithilfe der Witch of Ender den Propheten Samuel beschwört, und Florian Boesch als dieser wie jener mit sich ins teuflische Zwiegespräch tritt, ist das ein freudianischer Einfall.

Noch aber ist man eitel bei der Sache. Anna Prohaska grandios als Merab, der sie mit nachgedunkeltem Timbre Wesensart verleiht, als überspannte High-Society-Tochter spitzzüngig und arrogant in ihrer Zornesarie „Capricious man“, lupenreine Koloraturen, zu denen die Prohaska sogar Zigarette rauchen kann. Giulia Semenzato ist mit warmem Sopran als Michal hingegen die hingebungsvolle Maid, die beiden tief verstrickt in ihren Schwesternzwist, und David der Michal schon über die Suppenschüssel hinweg zugetan.

Goliaths Kopf ist ab, und David wundert sich: Jake Arditti und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Ein filmreifer Zweikampf in Zeitlupe: Florian Boesch als Saul und Jake Arditti als David. Bild: © Monika Rittershaus

Gesangskunst in extremo? Kann er!: Florian Boesch vom Wahnsinn umzingelt. Bild: © Monika Rittershaus

The Writing’s on the Wall: Florian Boesch als untoter Saul und Jake Arditti. Bild: © Monika Rittershaus

Mit dem Jonathan von Rupert Charlesworth ergibt sich eine von Beginn an homoerotische Blutsbruderschaft, was alles in einer 4er-Orgie gipfelt. Charlesworth der gute Sohn und supersympathisch und so very british als wäre sein Jonathan nicht Händel, sondern „Wiedersehen in Howards End“ entsprungen [was an rotem Haar und Smoking liegen mag, die Schwestern übrigens in Merab-Rot und Michal-Grün. Und auch das gehört erwähnt, Jonathans Wunde auf der Wange, die vom zweiten zum dritten Akt zu verheilen beginnt.]

Und weil’s hier grad ums Filmische geht: Nicht nur, dass David Webbs High Priest bei Saul den sinistren Exorzisten macht, der absolute Favourite der Produktion ist Countertenor Rafał Tomkiewicz, als Bedienstete in Sauls Haushalt more spooky als weiland Bette Davis in „The Nanny“. Er wird sich – dies ein schöner Plot twist – als eh-schon-wissen enttarnen. Alldieweil turnt Boeschs Saul zwischen Staunen, Starrsinn und Hass, sein Körper in ständiger Spannung, in krampfhaft epileptischen Zuckungen, überall sieht er Feind, Verrat und den Moral-von-der-Geschicht‘-Chor: Envy! Eldestborn of Hell! Wie Boesch sich vom Wahnsinn umzingelt lässt, ist große Kunst, der Mordversuch an David ein in Zeitlupe ausgetragener Zweikampf.

In diesen Momenten gibt Guth der Tragik einen Irrwitz, am bestechendsten in Webbs opportunistischem Kirchenmann, dessen bigotten Segen vor allem Jonathan beschmunzelt, der dann in Sauls Auftrag David-Gattin Michal bedroht, Do you mock the King? This disappointment will enrage him more: then tremle for th’event, und schließlich in Päpstlicher-als-der-Papst-Weiß hinter dem neuen Tyrannen steht. Der, im no na weißen Königsmantel, ist erst vorm Speer zurückgeschreckt, doch will das Volk, das ihm wie eine weiße Welle entgegenschwappt, er soll das Zepter führen. Merab und Michal passen auch farblich nicht mehr ins Bild und werden verstoßen, wofür ihn Anna Prohaska auch mit der Schulter anrempelt, denn David wählt zur Frau eine wahre Tochter des Landes.

Und noch einmal sei’s gesagt, bis bald die Theater wieder öffnen, ist der Film „Saul“ von Tiziano Mancini eine sensationelle Abendbeschäftigung. Diese Parabel eines Machtwechsels als Familienaufstellung, in der die Solistinnen und Solisten mit ausgetüftelten Kleinstaktionen einen ganzen Kosmos an Beziehungskisten gestalten. Und da steht er, Jahwes Wunderknabe, beklagt den Verlust von Jonathan, more than woman’s love thy wond’rous love to me!, schreibt sein „David“ an die Prosekturwand, von der die „Nanny“ eben das blutige „Saul“ gewischt hat. Die Israeliten feiern, Gird on thy sword, thou man of might, pursue thy wonted fame: go on, be prosperous in fight, retrieve, pursue, the Hebrew name! Und plötzlich ist er da, der Stich hinter der Stirn, jaja, Macht macht Migräne.

Trailer mit teilweise anderer Besetzung: www.youtube.com/watch?v=hOfmiN9NZBU           www.myfidelio.at/haendel-saul-theater-an-der-wien          www.theater-wien.at

  1. 5. 2021

Hauptsache Koscher!

Juni 14, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine großartige Hommage an den jüdischen Humor

Aus dem Repertoire einer vertriebenen Revue- und Kabarettkultur: Bruno Salomon, Tania Golden, Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

„Hauptsache Koscher, oder auch nicht“, ein Streifzug durch den jüdischen Humor mit Szenen und Chansons aus dem Repertoire einer lange vertriebenen Revue- und Kabarettkultur – so sollte das Programm heißen, und am 14. März in der ArenaBar seine Uraufführung haben.

Dann kam #Corona. Doch das darbietende Quartett, Tania Golden, Shlomit Butbul, Bruno Salomon und Wolfgang Schmidt ließ sich vom Lockdown nur kurzzeitig aus der Kurve tragen und schmiedete geänderte Pläne.

Gemeinsam mit Videofilmer André Wanne, Sohn der 92-jährigen Theaterprinzipalin Helene Wanne, und Susanne Höhne, die ihre Textcollage in ein Drehbuch verwandelte, beschloss man den Abend mit der Kamera festzuhalten. Entstanden ist so eine großartige Hommage, jüdisches Kabarett einmal anders, nämlich modern, schräg, schrill, die Geschlechterklischees negierend oder nonchalant infrage stellend – und zu sehen ab 17. Juni, 19 Uhr, bei 4GAMECHANGERS Roomservice.

Butbul, Golden, Salomon und Schmidt holen die philosophisch-witzige und zum Großteil vergessene Literatur spielend und singend ins 21. Jahrhundert. Sie interpretieren Friedrich Holländer, Fritz Grünbaum, Karl Farkas, Roda Roda, Ralph Benatzky, Louis Taufstein, Robert Neumann und Elfriede Gerstl auf ihre eigene, ganz besondere Art. Einige der Couplets wurden dafür von Wolfgang Schmidt neu vertont, etwa Armin Bergs „Ja, man wird ja so bescheiden“ mit Mundschutz, da die vier in schönster Quarantäne-Klaustrophobie.

Tania Golden singt Karl Farkas‘ „Abschied von New York“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Bruno Salomon als Servierfräulein im Sketch „Zechprellen“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt mit Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Die Damen diesmal besonders herrlich handgreiflich: Shlomit Butbul und Tania Golden. Bild: Susanne Höhne

Golden und Butbul sind auch hinreißende Herren, erstere als Stammgast Schöberl im ein wenig derangierten Etablissement, in gewisser Weise Conférencier und eine qualtingereske Wirtshausfigur, die sich – so viel zum Titel: Hauptsache, das Essen ist koscher und billig  – im „In der Suppe“-Witz von Salcia Lanzmann mit „Servierfräulein“ Bruno Salomon in die nicht vorhandenen Haare kriegt, bevor sie sich in Karl Farkas‘ „Zechprellen“ mit Shlomit Butbul um die Meisterschaft im Schnorren matcht.

Was das goldene Wienerherz ausmacht, ist die jüdische Seele, das zeigen die Verwandlungskünstler hier vom Feinsten, ein zerdeptschter Hut, eine zerschlissene Spitzenbluse reichen, schnell ist man Schmähtandler, Abzocker, Amtsirrläufer, Schmock, der Einedrahrer mit die besten Ezes, der Machatschek mitm größten Mazel, der Einseifer mit da größtn Chuzpe. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt können’s in allen Jargons der Stadt. Gruselig und komisch zugleich, denn ja, es ist schon wieder so weit, wie Butbul Roda Rodas „Darwinismus“ vorträgt, die Geschichte von den einst so stolzen Löwen, die nur überleben können, wenn sie sich an die Mehrheit Menschheit anpassen. Integrieren, assimilieren.

Zum Schmunzeln, wie Salomon in saloppem Gigerl-Slang Taufsteins & Holländers „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ männeremanzipiert umdeutet. Wer das Raunzen erfunden hat, „die Antisemiten oder die Israeliten?“, man kann’s nach dieser Aufführung nicht eindeutig sagen, wiewohl eine reiche Auswahl an Sudern und Räsonieren bis Sich-Aufpudeln und Pahöll-Machen geboten wird. Wunderbar, wie André Wanne die ArenaBar als AltWiener Beisl, Jukebox-Café oder Nachtclub zu nutzen weiß.

Ein großartiger Streifzug durch den jüdischen Humor: Bruno Salomon, Shlomit Butbul, Wolfgang Schmidt, Tania Golden. Bild: André Wanne

In letzterer Atmosphäre singt Shlomit Butbul angetan mit Lockenwicklern und Kittelschürze das Highlight des Abends, Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“, Madame Lizzys Kampf mit der Waage in dramatischstem Arienton, während der Golden das Gesicht entgleist. Die später, angelehnt an den Musikautomaten, über den „Abschied von New York“ sinniert.

„Hauptsache Koscher!“ ist eine Reise von den flirrenden, verrückten 1920er-Jahren, als die Welt gerade aufhörte, in Ordnung zu sein, in ihre Nachkriegszeit, der am Nationalsozialismus erkrankte noch immer nicht und bis heute nicht genesene Kontinent Europa.

Der es Heimkehrern mit seiner hiesigen „Mir wern kann Richter brauchen“- Mentalität schwer macht. „Sind Volksgenossen jetzt schon wieder Spezi?“, ist die gestellte Frage, die dem heutigen Publikum Gänsehaut bereitet. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt verstehen sich nicht nur auf Schmonzes, sondern auch auf Tacheles reden. Robert Neumanns „Teuto“ aus seinem Parodien-Band „Mit fremden Federn“ ist das Paradebeispiel dafür. Und wenn Bruno Salomon das wiedergibt, beim Abschminken in der Künstlergarderobe, diese bitterböse Persiflage aufs rechtsgesinnte Heldengedicht, dann bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Am Ende die vier vor symbolisch leerer Bühne. Ein Glück, dass sie sie wieder mit Leben gefüllt haben. „Hauptsache Koscher!“ ist die Empfehlung für Connaisseurs und zum Kennenlernen des jüdischen Humors. Oder wie einer dessen legendärsten Könner simpl sagte: „Schau’n Sie sich das an!“ Der Film wird ab 17. Juni, 19 Uhr, von 4GAMECHANGERS gestreamt. Tickets: 5 Euro – der gesamte Erlös geht an die Künstler.

Trailer: player.vimeo.com/video/426174565

Ticketcode: tickets.4gamechangers.io/shop/broadcast/registrations#koscher1

14. 6. 2020