Theater an der Wien via fidelio: Saul

Mai 9, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Macht macht Migräne

Das Volk macht für den neuen Herrscher die Welle: Jake Arditti als David, David Webb als High Priest und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Vor drei Jahren wurde Claus Guths szenische Umsetzung des Händel-Oratoriums „Saul“ zum Triumph für das Theater an der Wien. Anstatt der ursprünglich angestrebten Wiederaufnahme blieb Corona-bedingt nun allerdings nur die gestrige Bildschirm-Premiere via www.myfidelio.at, wo der Bühnenfilm von Tiziano Mancini ab sofort in der Klassithek abzurufen ist. Und hat die Pandemie für die darstellende Kunst irgend gewirkt, sodass sich immer freihändiger und leichtfüßiger

dem Medium mit der Kamera angenähert wird, kurz: Mancinis Arbeit, er hielt unter anderem den extravaganten Valencia-Ring von La Fura dels Baus für die Ewigkeit fest, Mancinis Arbeit also macht aus der Guth’schen ein eigenständiges Kunstwerk, dessen Vorzüge man sich auch als selbstverständlich Live-Bevorzuger nicht entgehen lassen sollte. ‘S beginnt bereits bei der Ouvertüre, der Blick in den Orchestergraben, wo ein verschmitzt dirigierender Christopher Moulds das Freiburger Barockorchester zum sinnenfroh neckischen Spiel bittet, und welch Charakterköpfe da an den biblischen Pauken und Posaunen sitzen.

Derart viel Mühe und Geldmittel – unter anderem heutige 130.000 Euro für eine eigens angefertigte Orgel – verwendete Händel darauf, exotisch-antik gedachte Instrumente aufzutreiben, dass sein Librettist Charles Jennens über dessen “Head more full of Maggots than ever” klagte. Es erklingt das Carillon, eine Art Glockenspiel mit Tastatur, dessen Töne als kleine, böse Chaos-Männchen durch Sauls Kopf tippeln. Eindrucksvoll ist das alles, der Auftritt von Florian Boesch als feindesblutüberströmter Kriegerkönig, dem sein Volk aka der Arnold Schoenberg Chor huldigt. Close-ups vom gestrengen, auch selbstzufriedenen Gesicht, der stolz hochgezogenen Augenbraue, den nackten, wunden Füßen, Sauls gleichsame Longinuslanze/Speer des Schicksals, der gottgewählte Selbst-/Gerechte, der the Writing on the Wall eigens besorgt, dem dessen Symbolik aber entkommt.

Solches geht nur mit solchen Sänger-Schauspieler-Charismatikern. Boesch leistet körperliche Schwerstarbeit, und kippt er im Wortsinn vom Stuhl, fragt man sich, wie in der Position singen überhaupt noch geht. Boesch brilliert mit Bühnenpräsenz, einer Lear’schen Urgewalt und vokaler Strahlkraft, der bärbeißige Bassbariton leidet mit Donnerhall Rotz und Wasser und unter offenbar heftigen Kopfschmerzen – To him ten thousend, and to me but thousands!

Dieser „Saul“ ist und bleibt eine Sternstunde, die Geschichte eines Großen, der vom jüngeren, besseren, beliebteren, schließlich populistischeren rechts überholt wird. Drei Sätze bis zum Selbstmord. Dazu passen die Prosekturkacheln in Ausstatter Christian Schmidts Seelenlandschaften, die sich auf der Drehbühne mit einer archaischen Felsenwüste und einem dunkelroten Salon abwechseln, dessen Bodenbelag … einmal, als die Kamera in die Totale geht, hat man dies Bild vor Augen, alle sind wir des Schöpfers Schachfiguren.

Brillante Performance als bärbeißiger Bassbariton: Florian Boesch als Saul. Bild: © Monika Rittershaus

Die 4er-Orgie: Anna Prohaska, Jake Arditti, Rupert Charlesworth und Giulia Semenzato. Bild: © Monika Rittershaus

Dienstmädchen from Hell: Rafał Tomkiewicz mit Florian Boesch. Bild: © Monika Rittershaus

Und welche Bilder gefunden werden. Da liegt ein Männerkörper, Augen zu, Kopf schlafend, nein, es ist der abgeschlagene des Goliath, und es erhebt sich handsome Countertenor Jake Arditti, wär‘ dies die Zauberflöte, man müsste „ein holder Jüngling, sanft und schön“ sagen. Arditti, in der Corona-Pause nicht nur was den Bizepsumfang betrifft, sondern auch stimmlich gewachsen, ist als David kein Schlachtenheld. Unsicher stakst er, wankt, weiß nicht, wie ihm geschieht – und schon kniet alles vor ihm, Triumphgesang der Israeliten, der immer spielfreudige Arnold Schoenberg Chor choreografiert von Ramses Sigl.

Dieser David mit seinem bubenhaften Charme ist Typ „Frauen lieben ihn, Männer wollen so sein wie er“, Guth und Schmidt haben für seine immer hoheitsvoller werdenden Kostüme ein reines Weiß gewählt, Schwarz für Saul Boesch, und es gehört zu dieser zeichenhaften Inszenierung, dass der Chor in weißem Hemd und schwarzem Anzug nach und nach die Farbe wechselt. Während sich also Arditti zur Air, O king, your favours with delight I take, but must refuse your praise, mirakulös in lichteste Höhen schwingt, wird vorgeahnt, der verschwitzte, verschmutzte Paradeschwiegersohn ist kein Gottesgeschenk.

Man gibt sich hochherrschaftlich bei Sekt und Shrimpscocktail, und wie wütend Boesch ihn runterwürgt, da hat ihnen David den Schädel schon auf den Tisch geknallt. Ganz schüchterner Bauerntölpel, den Merab mit bebendem Busen sexy findet, aber justament ablehnt, weil sie als das ungeliebte Kind Attitüde haben muss. Diese kleinen, vielsagenden Gesten sind gemacht für die Kamera, und mit dieser ideenreichen, detailverliebten Aufführung erweist sich Claus Guth einmal mehr als Experte für seelische Feinziselierung, für jene psychologische Durchdringung, mit der er jahrhundertealte Werke ans Heute holt. Am Ende, wenn Saul mithilfe der Witch of Ender den Propheten Samuel beschwört, und Florian Boesch als dieser wie jener mit sich ins teuflische Zwiegespräch tritt, ist das ein freudianischer Einfall.

Noch aber ist man eitel bei der Sache. Anna Prohaska grandios als Merab, der sie mit nachgedunkeltem Timbre Wesensart verleiht, als überspannte High-Society-Tochter spitzzüngig und arrogant in ihrer Zornesarie „Capricious man“, lupenreine Koloraturen, zu denen die Prohaska sogar Zigarette rauchen kann. Giulia Semenzato ist mit warmem Sopran als Michal hingegen die hingebungsvolle Maid, die beiden tief verstrickt in ihren Schwesternzwist, und David der Michal schon über die Suppenschüssel hinweg zugetan.

Goliaths Kopf ist ab, und David wundert sich: Jake Arditti und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Ein filmreifer Zweikampf in Zeitlupe: Florian Boesch als Saul und Jake Arditti als David. Bild: © Monika Rittershaus

Gesangskunst in extremo? Kann er!: Florian Boesch vom Wahnsinn umzingelt. Bild: © Monika Rittershaus

The Writing’s on the Wall: Florian Boesch als untoter Saul und Jake Arditti. Bild: © Monika Rittershaus

Mit dem Jonathan von Rupert Charlesworth ergibt sich eine von Beginn an homoerotische Blutsbruderschaft, was alles in einer 4er-Orgie gipfelt. Charlesworth der gute Sohn und supersympathisch und so very british als wäre sein Jonathan nicht Händel, sondern „Wiedersehen in Howards End“ entsprungen [was an rotem Haar und Smoking liegen mag, die Schwestern übrigens in Merab-Rot und Michal-Grün. Und auch das gehört erwähnt, Jonathans Wunde auf der Wange, die vom zweiten zum dritten Akt zu verheilen beginnt.]

Und weil’s hier grad ums Filmische geht: Nicht nur, dass David Webbs High Priest bei Saul den sinistren Exorzisten macht, der absolute Favourite der Produktion ist Countertenor Rafał Tomkiewicz, als Bedienstete in Sauls Haushalt more spooky als weiland Bette Davis in „The Nanny“. Er wird sich – dies ein schöner Plot twist – als eh-schon-wissen enttarnen. Alldieweil turnt Boeschs Saul zwischen Staunen, Starrsinn und Hass, sein Körper in ständiger Spannung, in krampfhaft epileptischen Zuckungen, überall sieht er Feind, Verrat und den Moral-von-der-Geschicht‘-Chor: Envy! Eldestborn of Hell! Wie Boesch sich vom Wahnsinn umzingelt lässt, ist große Kunst, der Mordversuch an David ein in Zeitlupe ausgetragener Zweikampf.

In diesen Momenten gibt Guth der Tragik einen Irrwitz, am bestechendsten in Webbs opportunistischem Kirchenmann, dessen bigotten Segen vor allem Jonathan beschmunzelt, der dann in Sauls Auftrag David-Gattin Michal bedroht, Do you mock the King? This disappointment will enrage him more: then tremle for th’event, und schließlich in Päpstlicher-als-der-Papst-Weiß hinter dem neuen Tyrannen steht. Der, im no na weißen Königsmantel, ist erst vorm Speer zurückgeschreckt, doch will das Volk, das ihm wie eine weiße Welle entgegenschwappt, er soll das Zepter führen. Merab und Michal passen auch farblich nicht mehr ins Bild und werden verstoßen, wofür ihn Anna Prohaska auch mit der Schulter anrempelt, denn David wählt zur Frau eine wahre Tochter des Landes.

Und noch einmal sei’s gesagt, bis bald die Theater wieder öffnen, ist der Film „Saul“ von Tiziano Mancini eine sensationelle Abendbeschäftigung. Diese Parabel eines Machtwechsels als Familienaufstellung, in der die Solistinnen und Solisten mit ausgetüftelten Kleinstaktionen einen ganzen Kosmos an Beziehungskisten gestalten. Und da steht er, Jahwes Wunderknabe, beklagt den Verlust von Jonathan, more than woman’s love thy wond’rous love to me!, schreibt sein „David“ an die Prosekturwand, von der die „Nanny“ eben das blutige „Saul“ gewischt hat. Die Israeliten feiern, Gird on thy sword, thou man of might, pursue thy wonted fame: go on, be prosperous in fight, retrieve, pursue, the Hebrew name! Und plötzlich ist er da, der Stich hinter der Stirn, jaja, Macht macht Migräne.

Trailer mit teilweise anderer Besetzung: www.youtube.com/watch?v=hOfmiN9NZBU           www.myfidelio.at/haendel-saul-theater-an-der-wien          www.theater-wien.at

  1. 5. 2021

Hauptsache Koscher!

Juni 14, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine großartige Hommage an den jüdischen Humor

Aus dem Repertoire einer vertriebenen Revue- und Kabarettkultur: Bruno Salomon, Tania Golden, Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

„Hauptsache Koscher, oder auch nicht“, ein Streifzug durch den jüdischen Humor mit Szenen und Chansons aus dem Repertoire einer lange vertriebenen Revue- und Kabarettkultur – so sollte das Programm heißen, und am 14. März in der ArenaBar seine Uraufführung haben.

Dann kam #Corona. Doch das darbietende Quartett, Tania Golden, Shlomit Butbul, Bruno Salomon und Wolfgang Schmidt ließ sich vom Lockdown nur kurzzeitig aus der Kurve tragen und schmiedete geänderte Pläne.

Gemeinsam mit Videofilmer André Wanne, Sohn der 92-jährigen Theaterprinzipalin Helene Wanne, und Susanne Höhne, die ihre Textcollage in ein Drehbuch verwandelte, beschloss man den Abend mit der Kamera festzuhalten. Entstanden ist so eine großartige Hommage, jüdisches Kabarett einmal anders, nämlich modern, schräg, schrill, die Geschlechterklischees negierend oder nonchalant infrage stellend – und zu sehen ab 17. Juni, 19 Uhr, bei 4GAMECHANGERS Roomservice.

Butbul, Golden, Salomon und Schmidt holen die philosophisch-witzige und zum Großteil vergessene Literatur spielend und singend ins 21. Jahrhundert. Sie interpretieren Friedrich Holländer, Fritz Grünbaum, Karl Farkas, Roda Roda, Ralph Benatzky, Louis Taufstein, Robert Neumann und Elfriede Gerstl auf ihre eigene, ganz besondere Art. Einige der Couplets wurden dafür von Wolfgang Schmidt neu vertont, etwa Armin Bergs „Ja, man wird ja so bescheiden“ mit Mundschutz, da die vier in schönster Quarantäne-Klaustrophobie.

Tania Golden singt Karl Farkas‘ „Abschied von New York“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Bruno Salomon als Servierfräulein im Sketch „Zechprellen“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt mit Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Die Damen diesmal besonders herrlich handgreiflich: Shlomit Butbul und Tania Golden. Bild: Susanne Höhne

Golden und Butbul sind auch hinreißende Herren, erstere als Stammgast Schöberl im ein wenig derangierten Etablissement, in gewisser Weise Conférencier und eine qualtingereske Wirtshausfigur, die sich – so viel zum Titel: Hauptsache, das Essen ist koscher und billig  – im „In der Suppe“-Witz von Salcia Lanzmann mit „Servierfräulein“ Bruno Salomon in die nicht vorhandenen Haare kriegt, bevor sie sich in Karl Farkas‘ „Zechprellen“ mit Shlomit Butbul um die Meisterschaft im Schnorren matcht.

Was das goldene Wienerherz ausmacht, ist die jüdische Seele, das zeigen die Verwandlungskünstler hier vom Feinsten, ein zerdeptschter Hut, eine zerschlissene Spitzenbluse reichen, schnell ist man Schmähtandler, Abzocker, Amtsirrläufer, Schmock, der Einedrahrer mit die besten Ezes, der Machatschek mitm größten Mazel, der Einseifer mit da größtn Chuzpe. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt können’s in allen Jargons der Stadt. Gruselig und komisch zugleich, denn ja, es ist schon wieder so weit, wie Butbul Roda Rodas „Darwinismus“ vorträgt, die Geschichte von den einst so stolzen Löwen, die nur überleben können, wenn sie sich an die Mehrheit Menschheit anpassen. Integrieren, assimilieren.

Zum Schmunzeln, wie Salomon in saloppem Gigerl-Slang Taufsteins & Holländers „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ männeremanzipiert umdeutet. Wer das Raunzen erfunden hat, „die Antisemiten oder die Israeliten?“, man kann’s nach dieser Aufführung nicht eindeutig sagen, wiewohl eine reiche Auswahl an Sudern und Räsonieren bis Sich-Aufpudeln und Pahöll-Machen geboten wird. Wunderbar, wie André Wanne die ArenaBar als AltWiener Beisl, Jukebox-Café oder Nachtclub zu nutzen weiß.

Ein großartiger Streifzug durch den jüdischen Humor: Bruno Salomon, Shlomit Butbul, Wolfgang Schmidt, Tania Golden. Bild: André Wanne

In letzterer Atmosphäre singt Shlomit Butbul angetan mit Lockenwicklern und Kittelschürze das Highlight des Abends, Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“, Madame Lizzys Kampf mit der Waage in dramatischstem Arienton, während der Golden das Gesicht entgleist. Die später, angelehnt an den Musikautomaten, über den „Abschied von New York“ sinniert.

„Hauptsache Koscher!“ ist eine Reise von den flirrenden, verrückten 1920er-Jahren, als die Welt gerade aufhörte, in Ordnung zu sein, in ihre Nachkriegszeit, der am Nationalsozialismus erkrankte noch immer nicht und bis heute nicht genesene Kontinent Europa.

Der es Heimkehrern mit seiner hiesigen „Mir wern kann Richter brauchen“- Mentalität schwer macht. „Sind Volksgenossen jetzt schon wieder Spezi?“, ist die gestellte Frage, die dem heutigen Publikum Gänsehaut bereitet. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt verstehen sich nicht nur auf Schmonzes, sondern auch auf Tacheles reden. Robert Neumanns „Teuto“ aus seinem Parodien-Band „Mit fremden Federn“ ist das Paradebeispiel dafür. Und wenn Bruno Salomon das wiedergibt, beim Abschminken in der Künstlergarderobe, diese bitterböse Persiflage aufs rechtsgesinnte Heldengedicht, dann bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Am Ende die vier vor symbolisch leerer Bühne. Ein Glück, dass sie sie wieder mit Leben gefüllt haben. „Hauptsache Koscher!“ ist die Empfehlung für Connaisseurs und zum Kennenlernen des jüdischen Humors. Oder wie einer dessen legendärsten Könner simpl sagte: „Schau’n Sie sich das an!“ Der Film wird ab 17. Juni, 19 Uhr, von 4GAMECHANGERS gestreamt. Tickets: 5 Euro – der gesamte Erlös geht an die Künstler.

Trailer: player.vimeo.com/video/426174565

Ticketcode: tickets.4gamechangers.io/shop/broadcast/registrations#koscher1

14. 6. 2020

Kosmos Theater: Das Werk

Januar 9, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Ziehen in den Schneidezähnen der Wahrnehmung

Keine Panik vor der Titanic: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brower und Tamara Semzov als Persiflage eines literarischen Quartetts. Bild: Bettina Frenzel

Als Hintergrundgeräusch endlosschleift Freddy Quinn „Ich mach mir Sorgen / Sorgen um dich / Denk auch an morgen / denk auch an mich“ – der Vierzeiler über den Jungen, der bald wiederkommen möge, von Regisseurin Claudia Bossard allerdings auf ihre Zweifel an der Seligen-Insel Österreich umgemünzt. Kaum ein Monat, bevor am Akademietheater aktuell Politbalearisches von der Literaturnobelpreisträgerin uraufgeführt wird, hatte gestern im Kosmos Theater Elfriede Jelineks „Das Werk“ Premiere.

Dessen Thema: Kaprun2, heißt, dass die Autorin den Gletscherbahnbrand am Kitzsteinhorn im Jahr 2000 mit dem zeithistorischen Bau des Tauernkraftwerks verquickt, 155 Tote hie, in etwa ebenso viele da, Schifahrer und NS-Zwangsarbeiter und kein Schuldiggesprochener nirgendwo, stattdessen die Schaffung eines Mythos vom Unterwerfen der Natur durch Menschenhand als „eine patriotische Leistung des gesamten Bundesvolkes“ (© Karl Renner, Bundespräsident 1949).

So größenwahnsinnig der Kahlschlag, so gewaltig die Tragödie, auf die nun im Kosmos Theater – 20 Jahre nach der von ihrem wirtschaftlichen Kontext hurtig entkernten und medial noch fixer mit jenem Schicksalsbegriff ausgestatteten „Kaprun-Katastrophe“ – Rückschau gehalten wird. „Das Werk“ dabei eine Collage aus Zitaten und Zeitungsartikeln, Fachkommentaren und Fakten, eine Textmauer über die Staumauer, ein monomaner Monolog, den fünf Spieler parieren, pointieren, rhythmisieren, zerlegen und chorisch aufladen müssen. Und zu dem Jelinek regie-anweist: „Wie Sie das machen, ist mir inzwischen bekanntlich sowas von egal.“

Zusammengefasst, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov, Lukas David Schmidt und Wojo van Brouwer machen’s virtuos. Claudia Bossard, die zuletzt am Haus mit ihrer Inszenierung der „Sprengkörperballade“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32624) überzeugte, schöpft aus den Jelinek’schen Satzkaskaden die Hybris als ihr zentrales Sujet, und dies mit einem Biss und einem Witz, dass es eine Freude ist. Bossard lässt ihr Ensemble nämlich nicht „Das …“, sondern Jelineks Werk verhandeln, in Form einer blasiert aufgeblähten Literaturkritikerrunde, jede Ähnlichkeit mit derlei real existierenden Fernsehformaten wohl alles andere als rein zufällig, die bei einem skurrilen Symposium im Über-Jelinek-Reden schwelgt.

Wojo van Brouwer, Alice Peterhans und Veronika Glatzner. Bild: Bettina Frenzel

Lukas David Schmidt. Bild: Bettina Frenzel

Veronika Glatzner, Alice Peterhans und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Die Mythos-Mäklerin wird derart selbst zu einem solchen, das Werk im doppelten Wortsinn zerkaut, verdaut, defäktiert, interpretiert wird, bis der Arzt kommt, denn eine Autorin, die ihre Gedanken nicht deklariert, muss sich mit dem Deuteln der anderen, oder wie’s hier gesagt wird: dem rezensentischen Dekonstruieren, abfinden. Prachtvoll ist diese Farce über blaugedroschene Werkforscherfragen, köstlich, wie die Schauspielerinnen und Schauspieler Binnen-I-ronisch formulieren, beim Rezitieren pathetisch paraphrasieren, über die Übersetzung von Accident – Zufall/Unfall? – philosophieren. Zwischen den Zuschreibungen „Seismografin“ oder „Columba des Zeitgeists“ wird selbstverständlich der Selbstdarstellung gefrönt. Jeder der Diskutanten hatte schon seinen Jelinek-Moment, aus weiter Ferne und in der Furcht, die öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin nur ja nicht zu stören, beim Zeitunglesen im Railjet oder beim Shoppen in der Münchner Maximilianstraße.

„Wie billig“, bemerkt dann einer übers teure Pflaster. „Es weiß doch wirklich jeder, dass Frau Jelinek dort eine Wohnung hat.“ Alice Peterhans zetert, sie empfinde Jelinek eigentlich als Lesetortur, als schmerzhaftes „Bohren in den Schneidezähnen meiner Wahrnehmung“. Gemeinsam mit Veronika Glatzner, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov wirft sie sich gehörig in Pose, alle vier als literarisches Quartett wahrhaft und in allen Nuancen akademischer Eitelkeit höchst amüsant. Von Elisabeth Weiß mit Club-2-Garderobe und Goiserern ausgestattet, wird über ein Österreich, das als Idee besser denn als Ausführung ist, kluggescheißert, soll Turnschuh-telefonisch eine Musikgruppe namens „Die Ur-Krainer“ um ein Jelinek-Statement gebeten werden.

Und mittendrin Lukas David Schmidt als Getränkekellner, der offenbar als einziger „Das Werk“, dies Denk-mal! der Wissenschaftsjargon-Jongleure, auswendig hersagen kann. Videokünstlerin Annalena Fröhlich macht die Sprachbilder visuell greifbar. Mit einem metaphorisch zu erklimmenden Worteisgebirge, ein garstig-karstiges Konterkarieren der Tourismushochburg Alpenland, an dem vorbei Fröhlich ab und an Monty-Phyton-like einen Riesenluxusliner schickt – der aber ohne Panik vor der Titanic elegant entlang der Spieler gleitet, zu einem – ebenfalls von Fröhlich – Soundtrack von Schlager bis Katastrophenfilm.

Illustre Runde rauchender Literaturkritiker: Lukas David Schmidt, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Nach knapp der Hälfte ist der Abend jelinekisch vom Feinsten. Längst hat man’s aufgegeben sinnerfassend zuzuhören, und beobachtet lieber, wie die, die’s beruflich können müssen, mit dem Abend umgehen. Nach Jelinek-Perücken und -Puppen hat Bossard nun mit deren Werk Betrachter die humoreske Metaschraube noch stärker angezogen. „Warum, Martin Heidegger, warum so schwierig?“, darf einer der Protagonisten den Insidergag jammern.

Und plötzlich wird man’s gewahr, das Ziehen in den Zähnen, die gnadenlose Grausamkeit der Gleichnisse, der Spaß hat mit dem Heimatbegriff-Usurpator die Kurve zum Schrecklichen gekratzt. Zitat Jelinek: „Der faschistische Philosoph Heidegger [hat] sozusagen das Eigene gegen das Fremde abgrenzen und bewahren wollen. […] Heidegger ist der, der davon spricht, dass diese Heimat denen gehört, die sie besitzen …“ Das Panorama wird brüchig, im Hintergrund stürzen Schlote in sich zusammen, im Monströsen entpuppt sich die Poesie und umgekehrt. Publikum und Bühnenpersonal sind da bereits vom Sog der Sprache verschluckt worden. „Das Werk“ im Kosmos – der mit Bravour geführte Beweis, wie groß eine Produktion im kleinen Rahmen sein kann!

kosmostheater.at           www.elfriedejelinek.com

  1. 1. 2020

Volksoper: Brigadoon

Dezember 2, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Schottisches Märchen von schönster Herzenswärme

Eine Sternstunde für das Wiener Staatsballett, das Orchester und Chor und Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Keine Sorge, wenn die Sache, und davon ist auszugehen, so hervorragend läuft, wie vergangene Saison die konzertante Aufführung von „Porgy and Bess“, wird das Haus sicher bis Februar weitere Vorstellungen ansetzen. Der Vorschlag wäre rund um den Valentinstag, weil: da reingehen mit der Liebsten, und die ist hin und weg und auf ewig dein … Gestern hatte an der Volksoper der erste große Musicalerfolg

des genialen Duos Frederick Loewe und Alan Jay Lerner Premiere, „Brigadoon“, auf den bald die noch gigantischeren von „My Fair Lady“ oder „Gigi“ folgen sollten, halbszenisch und dies ist kaum zu glauben – als österreichische Erstaufführung. Ein Glück also, dass Direktor Robert Meyer die in den schottischen Highlands angesiedelte Liebesgeschichte nun für sich und damit auch fürs Publikum entdeckt hat, strotzt doch das wundersame Märchen nicht nur vor wunderbaren Melodien, sondern platzt auch vor Romantik aus allen Nähten.

Mit der gemäßer Herzenswärme gehen die Mitwirkenden an die Story heran, Dirigent Lorenz C. Aichner, der die Seinen mit Schwung und Sinn für Swing durch Loewes Evergreens leitet, Regisseur Rudolf Klaban, Choreograf Florian Hurler und das Wiener Staatsballett, die mit Verve die Bezeichnung des Abends als halbszenisch ad absurdum führen. Klaban holt mit Hintergrundbildern reetgedecktes Dorfidyll, purpurfarbenes Heidekraut, Castle-Ruinen und bemooste Wälder auf die Bühne, davor das Orchester und der wie stets von Thomas Böttcher fabelhaft vorbereitete Chor, davor die Solisten und vier Tanzpaare, Lassies und Lads in Scots-Tracht samt Tartan.

Jeffrey Treganza als Jeff Douglas und Jessica Aszodi als Meg Brockie. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Oliver Liebl als sinistrer Harry Beaton beim Sword Dance. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ben Connor als Tommy Albright und Rebecca Nelsen als Fiona MacLaren. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Wobei bei den schnellen, kraftvoll gesprungenen Reels und Stately Steps kein Zweifel darüber bleibt, was die Herren unterm Kilt tragen. Auf 581 Vorstellungen am Broadway, auf 685 in London West End hat es „Brigadoon“ sofort in Serie gebracht, bekannt ist die Vincente-Minnelli-Verfilmung mit Gene Kelly, der 1954 den New Yorker Touristen Tommy Albright verkörperte, der sich mit seinem Freund Jeff Douglas im schottischen Middle of Nowhere verirrt – und auf den im Wortsinn zauberhaften Ort stößt, der, weil nur alle hundert Jahre für einen Tag zum Leben erweckt, auf keiner Landkarte verzeichnet ist.

Der österreich-stämmige Loewe hatte sich an die alte Sage „Germelshausen“ von Friedrich Gerstäcker erinnert, Lerner die verwunschene Siedlung Zweiter-Weltkriegs-bedingt in den Norden der britischen Inseln verlegt und sie nach den Burns-Balladen über die Brig o‘ Doon benannt. An der Volksoper singt und spielt der australische Bariton Ben Connor den Tommy, überhaupt weist der in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln und Texten von Erzähler und Barkeeper Christoph Wagner-Trenkwitz gestaltete Abend eine hohe Zahl an Native Speakers auf, so etwa die texanische Sopranistin Rebecca Nelson als jene Fiona MacLaren, in die sich Tommy selbstverständlich unsterblich verliebt, und den wie sie aus den USA stammenden Tenor Jeffrey Treganza als Jeff.

Die australische Mezzosopranistin Jessica Aszodi, die als temperamentvoll-verrückte Meg Brockie am armen Jeff ihren Hang zum Männerfang austobt, gibt mit der Rolle ebenso ihr Hausdebüt, wie der britische Tenor Peter Kirk als Charlie Dalrymple, Fionas jüngerer Schwester Jean MacLarens Verlobter. Das neue Ensemblemitglied Lauren Urquhart ist als Tommys zickige Upper-Class-Verlobte Jane Ashton zu erleben; ihr schottischer Großvater Doug Urquhart hat mit der Truppe die rrrichtige Aussprache trainiert. Und apropos, rrrichtig: Schon im Foyer erwarten die Dudelsack-Spielerinnen Irmgard Foglar und Saskia Konz und Trommlerin Julia Nusko die Zuschauer, um sie mit ihren Great Highland Bagpipes und der Scottish Snare Drum in die passende Stimmung zu bringen; später werden die drei Musikerinnen den Funeral Dance von „Maggie“ Mila Schmidt begleiten.

Lauren Urquhart als Jane Ashton, Erzähler Christoph Wagner-Trenkwitz und Ben Connor als Tommy Albright. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Rebecca Nelsen als Fiona MacLaren, Jessica Aszodi als Meg Brockie und der Jugendchor des Hauses. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Peter Kirk hat als Bräutigam Charlie Dalrymple den schönsten Love Song des ganzen Musicals zu singen. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Jessica Aszod, Vernon Jerry Rosen, Jakob Semotan, Rebecca Nelsen und Juliette Khalil. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Und apropos, Dance: Auch Juliette Khalil als Jean, Jakob Semotan als Stuart Cameron oder Maximilian Klakow als Sandy Dean wirbeln mit den Profis Round-the-Room, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten, allen voran Oliver Liebl, der als sinistrer Harry Beaton durch den Sword Dance turnt, als wäre er für derart Folklore zur Welt gekommen. Punkto Performance bleibt kein Wunsch offen und kein Auge trocken, Ben Connor und Rebecca Nelsen singen gemeinsam hinreißend den Riesenhit „Almost Like Being in Love“ und „The Heather on the Hill“, Peter Kirk ganz großartig den Ohrwurm „I’ll Go Home with Bonnie Jean” und den schönsten Love Song des Musicals „Come to Me, Bend to Me”.

Jessica Aszodi macht aus „The Love of My Life“ und „My Mother’s Wedding Day“ zwei gesangliche Kabinett- stücke, ein tödlicher Unfall passiert, Tommy und Jeff kehren zurück an die Ostküste, Tommy natürlich tod- unglücklich – und die Frage ist, ob die Liebe Raum und Zeit überwinden kann, die zu beantworten das Ensemble dieser rundum gelungenen Produktion am Mittwoch wieder zusammenkommt. „Brigadoon“ an der Volksoper, das ist sehr viel Sentiment, ein wenig Schottland-Satire und lyrische Stimmungsbilder, noch mehr fantastische Songs und die überbordende Spielfreude aller Beteiligten. In einem Satz: Ein Highland-Ausflug, der sich lohnt.

Einführung: www.youtube.com/watch?v=84WDhdOgjSU           www.youtube.com/watch?v=DjxKsMi4D5E           Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=yum73XNvZ9E           www.volksoper.at

  1. 12. 2019

Schauspielhaus Wien: Der Sprecher und die Souffleuse

Juni 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Meta-Stück übers Theaterdasein

Der hohe Ton fürs Mikrophon: Gerhard Balluch als „König Lear“ und Patrick Berg als Sprecher. Bild: © Nikola Milatovic

Seit der Uraufführung des Theaters am Lend Graz weiß man freilich, dass es ein Gag ist, wenn da einer aus dem Publikum „Lauter!“ und in diesem Fall „Wir sind in Wien!“ ruft, als Hanna Binder so verschüchtert leise zu sprechen beginnt, dass sie unter Garantie keiner hört. Was für den Beruf der Souffleuse, und eine solche stellt Binder hier dar, prinzipiell eher unpraktisch ist. Also hebt sie schließlich die Stimme, erzählt von ihrem Immer-Anwesend-Sein.

Sozusagen „unter“ den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, wie sie in die Textbücher, auf die Rückseite der beschriebenen Seiten, ihre Alltagsbeobachtung notiert – und, dass die wichtigste derartige ist, dass sowohl reales als auch Bühnenleben einem Kaugummi gleichen. Weil, das eine zieht sich, wie ein, während man fürs andere Figuren und deren Sätze hineinkleben könnte, und so lange durchkauen, bis alles ein großes Ganzes ist. Derlei Metaphern hat die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova en masse auf Vorrat, ihr aktuelles Stück „Der Sprecher und die Souffleuse“ ist als Meta-Stück übers Theaterdasein zu lesen, ist in diesem Sinne Nonsens mit Hintersinn – und 2018 Gewinner des Autor- und Autorinnenpreises der sich bis dato über sechs Bundesländer erstreckenden Theaterallianz (www.schauspielhaus.at/schauspielhaus/theaterallianz).

Svolikovas Stern strahlt seit Beginn ihrer Schreibtätigkeit hell, etwa mit Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23816) oder „europa flieht nach europa“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29742), ihre neue Arbeit hat Pedro Martins Beja inszeniert, und er meistert bravourös die Aufgabe, den Zinnober der Vorlage umzusetzen. Was man zwischen sich bauschenden, schwarzen Vorhängen zu sehen bekommt, sind Zerrbilder von Bühnenbeschäftigten. Die Ausgangssituation sind aufgrund widriger Verkehrsumstände fehlende Schauspieler.

So bleibt da nicht nur Hanna Binder, angetan wie ein 1950er-Jahre-Sekretariatsfräulein (Kostüm, Bühne & Maske: Elisabeth Weiß), sondern auch Patrick Berg als erschreckter Sprecher, der um die Zeit zu überbrücken um sein Leben redet. Beide sind großartige Komödianten. Peinlich und berührend. Florian Tröbinger führt als Bote ein Endlostelefonat mit einem Gottöberst, in dem er auch Liebesgekicher unterbringt, Lukas David Schmidt mit halbem Cyborg-Gesicht hat als Elektriker nach einem Stromausfall nach dem Rechten zu sehen.

Lear kürt den Elektriker zu seiner Lieblingstochter: Lukas David Schmidt und Gerhard Balluch, hinten: Patrick Berg. Bild; © Nikola Milatovic

Im Publikum die Schauspieler erkannt: Patrick Berg, Florian Tröbinger als Bote und Hanna Binder als Souffleuse. Bild: © Nikola Milatovic

Sie alle treiben grandioses, gnadenloses Over-Acting, doch finden punkto Outrage ihren König, Grandseigneur Gerhard Balluch, der als Lear in der Szene „Still Storm“ hängengeblieben zu sein scheint. Mit nacktem Oberkörper pflegt Balluch fortan den hohen Ton, seine Aufmachung samt Blütenkranz wie eine Brandauer-Stein-Parodie, den der Sprecher versucht ins Mikrophon zu bannen, doch tatsächlich ist hier jeder auf der Suche nach seiner Rolle, nach einer Bestimmung, die seine Existenz zu legitimieren vermag. Und da nun alle mit der Sinnfreiheit von Leerstellen und Wiederholungen kokettieren, hält Balluch die Mitspieler für Narr und Cordelia.

Kürt irgendwann den schnoddrigen Elektriker zur Lieblingstochter, erkennt im Boten den Feind, verlangt vom Richter-Sprecher Gerechtigkeit – ein Chaos, das die Souffleuse mittels Von-der-Bühne-Zerren lösen will. So wabert die Darbietung zwischen Dada und Gaga, entpuppen sich Sprecher und Souffleuse als Sandkastenliebespaar, werden allerlei gewitzte Bemerkungen bezüglich Stromkreis-Lebenskreis, lockere Schrauben und die Macht des Zuschauens vom Stapel gelassen. „Wir sind da, so wie wir sind“, stellt Hanna Binder fest, verärgert darüber, dass die anderen immer andere sind.

Völlig verausgabt sie sich in einer Publikumsbeschimpfung, philosophiert übers Sterben auf der Bühne „für einen schönen Abend“, lädt aber denn doch die ersten Reihen gönnerhaft und gruselig zum Händeschütteln ein, während Bergs Sprecher, um ein Entkommen eben derselben zu verhindern, fragt: „Soll ich den Saal zusperren?“ Und immer wieder Gerhard Balluch, im umstrittenen Grazer Konwitschny-Lear dereinst der Graf von Kent, polternd hinter der Bühne, das Schwert zückend auf dieser, er gleicht dem Geist eines gestrigen Theaters, das nicht weichen wird, so lange das neue – mit dem Shuttlebus – im Stau steckt und Verspätung hat, der komplette Theaterapparat in Warteposition und dabei die Zuschauer beschwichtigend und irgendwie beschäftigend. Am Ende, man ahnte es bereits, hat der Bote die fehlenden Mimen doch noch gefunden, sie sind – wir. Damit ist die Lizenz freigegeben, das Tollhaus, das Theater ist, zu übernehmen.

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  1. 6. 2019