Schauspielhaus Wien: Der Sprecher und die Souffleuse

Juni 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Meta-Stück übers Theaterdasein

Der hohe Ton fürs Mikrophon: Gerhard Balluch als „König Lear“ und Patrick Berg als Sprecher. Bild: © Nikola Milatovic

Seit der Uraufführung des Theaters am Lend Graz weiß man freilich, dass es ein Gag ist, wenn da einer aus dem Publikum „Lauter!“ und in diesem Fall „Wir sind in Wien!“ ruft, als Hanna Binder so verschüchtert leise zu sprechen beginnt, dass sie unter Garantie keiner hört. Was für den Beruf der Souffleuse, und eine solche stellt Binder hier dar, prinzipiell eher unpraktisch ist. Also hebt sie schließlich die Stimme, erzählt von ihrem Immer-Anwesend-Sein.

Sozusagen „unter“ den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, wie sie in die Textbücher, auf die Rückseite der beschriebenen Seiten, ihre Alltagsbeobachtung notiert – und, dass die wichtigste derartige ist, dass sowohl reales als auch Bühnenleben einem Kaugummi gleichen. Weil, das eine zieht sich, wie ein, während man fürs andere Figuren und deren Sätze hineinkleben könnte, und so lange durchkauen, bis alles ein großes Ganzes ist. Derlei Metaphern hat die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova en masse auf Vorrat, ihr aktuelles Stück „Der Sprecher und die Souffleuse“ ist als Meta-Stück übers Theaterdasein zu lesen, ist in diesem Sinne Nonsens mit Hintersinn – und 2018 Gewinner des Autor- und Autorinnenpreises der sich bis dato über sechs Bundesländer erstreckenden Theaterallianz (www.schauspielhaus.at/schauspielhaus/theaterallianz).

Svolikovas Stern strahlt seit Beginn ihrer Schreibtätigkeit hell, etwa mit Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23816) oder „europa flieht nach europa“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29742), ihre neue Arbeit hat Pedro Martins Beja inszeniert, und er meistert bravourös die Aufgabe, den Zinnober der Vorlage umzusetzen. Was man zwischen sich bauschenden, schwarzen Vorhängen zu sehen bekommt, sind Zerrbilder von Bühnenbeschäftigten. Die Ausgangssituation sind aufgrund widriger Verkehrsumstände fehlende Schauspieler.

So bleibt da nicht nur Hanna Binder, angetan wie ein 1950er-Jahre-Sekretariatsfräulein (Kostüm, Bühne & Maske: Elisabeth Weiß), sondern auch Patrick Berg als erschreckter Sprecher, der um die Zeit zu überbrücken um sein Leben redet. Beide sind großartige Komödianten. Peinlich und berührend. Florian Tröbinger führt als Bote ein Endlostelefonat mit einem Gottöberst, in dem er auch Liebesgekicher unterbringt, Lukas David Schmidt mit halbem Cyborg-Gesicht hat als Elektriker nach einem Stromausfall nach dem Rechten zu sehen.

Lear kürt den Elektriker zu seiner Lieblingstochter: Lukas David Schmidt und Gerhard Balluch, hinten: Patrick Berg. Bild; © Nikola Milatovic

Im Publikum die Schauspieler erkannt: Patrick Berg, Florian Tröbinger als Bote und Hanna Binder als Souffleuse. Bild: © Nikola Milatovic

Sie alle treiben grandioses, gnadenloses Over-Acting, doch finden punkto Outrage ihren König, Grandseigneur Gerhard Balluch, der als Lear in der Szene „Still Storm“ hängengeblieben zu sein scheint. Mit nacktem Oberkörper pflegt Balluch fortan den hohen Ton, seine Aufmachung samt Blütenkranz wie eine Brandauer-Stein-Parodie, den der Sprecher versucht ins Mikrophon zu bannen, doch tatsächlich ist hier jeder auf der Suche nach seiner Rolle, nach einer Bestimmung, die seine Existenz zu legitimieren vermag. Und da nun alle mit der Sinnfreiheit von Leerstellen und Wiederholungen kokettieren, hält Balluch die Mitspieler für Narr und Cordelia.

Kürt irgendwann den schnoddrigen Elektriker zur Lieblingstochter, erkennt im Boten den Feind, verlangt vom Richter-Sprecher Gerechtigkeit – ein Chaos, das die Souffleuse mittels Von-der-Bühne-Zerren lösen will. So wabert die Darbietung zwischen Dada und Gaga, entpuppen sich Sprecher und Souffleuse als Sandkastenliebespaar, werden allerlei gewitzte Bemerkungen bezüglich Stromkreis-Lebenskreis, lockere Schrauben und die Macht des Zuschauens vom Stapel gelassen. „Wir sind da, so wie wir sind“, stellt Hanna Binder fest, verärgert darüber, dass die anderen immer andere sind.

Völlig verausgabt sie sich in einer Publikumsbeschimpfung, philosophiert übers Sterben auf der Bühne „für einen schönen Abend“, lädt aber denn doch die ersten Reihen gönnerhaft und gruselig zum Händeschütteln ein, während Bergs Sprecher, um ein Entkommen eben derselben zu verhindern, fragt: „Soll ich den Saal zusperren?“ Und immer wieder Gerhard Balluch, im umstrittenen Grazer Konwitschny-Lear dereinst der Graf von Kent, polternd hinter der Bühne, das Schwert zückend auf dieser, er gleicht dem Geist eines gestrigen Theaters, das nicht weichen wird, so lange das neue – mit dem Shuttlebus – im Stau steckt und Verspätung hat, der komplette Theaterapparat in Warteposition und dabei die Zuschauer beschwichtigend und irgendwie beschäftigend. Am Ende, man ahnte es bereits, hat der Bote die fehlenden Mimen doch noch gefunden, sie sind – wir. Damit ist die Lizenz freigegeben, das Tollhaus, das Theater ist, zu übernehmen.

www.schauspielhaus.at

  1. 6. 2019

Michael Niavarani wird Simpl-Chef

Mai 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Harald Schmidt übersiedelt in die Wollzeile

Bild: © Jan Frankl

Der Bulli hat bald ein neues altes Herrl: Nach mehr als 15 Jahren kehrt Michael Niavarani als künstlerischer Leiter zurück ans Kabarett Simpl. Mit der neuen Theatersaison 2019/20 übernimmt er das älteste durchgängig bespielte Kabarett der Welt. “Sich wieder um den Simpl zu kümmern, neue Kabaretttexte für das ,größenwahnsinnig gewordene Nudelbrett‘, wie Karl Farkas sagte, zu schreiben, ist, wie nach Hause kommen“, sagt Niavarani.

Auf dem Programm stehen:

Die Revue Arche Noah Luxusklasse, bei der Niavarani Regie führen und sein neues Ensemble vorstellen wird: „Katharina Dorian, Jennifer Frankl und Ariana Schirasi-Fard, drei Komödiantinnen mit großen Stimmen, feministischem Charme und Mut zur Schönheit, sowie die männlichen Protagonisten des Ensembles Stefano Bernardin, Matthias Mamedof und Bernhard Murg. Und da das Kabarett am Kopf zu Blödeln beginnt, hat der Simpl einen Conférencier, der die Pointen nur so vor sich hertreibt: Joachim Brandl, der aussieht, als hätten Karl Farkas und Martin Flossmann ein uneheliches Kind miteinander gezeugt“. Eine Parodie auf „Game of Thrones“, Thrones! Drachenfeuer unterm Königsarsch, ein, so Niavarani, „Fantasy-Mittelalter-(am Schluss sind alle tot)-Musical“ in der Regie von Nicolaus Hagg und mit Caroline Frank, Ariana Schirasi-Fard, Julia Edtmeier, Joachim Brandl, Peter Lesiak und Georg Leskovich in insgesamt 35 Rollen. Die Impro-Show Dem Faust auf’s Aug, in der Klassiker etwas anderes interpretiert werden.

Florian Scheuba wird mit Scheuba schaut nach die Late Night übernehmen. Und auch Harald Schmidt kommt in den Simpl. Niavarani: „Nach unseren vier gemeinsamen Abenden an der Burg wissen wir nun endlich, wie es sich anfühlt, Teil dieses großen historischen Welttheaters sein zu dürfen. Unterbezahlt und links liegen gelassen – man hat uns nicht einmal gekündigt! – ziehen wir mit Unser Leben nach der Burg um ins Kabarett Simpl, wo wir unseren gemeinsamen 90-minütigen Versuch weiterführen werden, einander nicht zu nahe zu kommen und uns doch völlig zu öffnen. Es wird also im Simpl neben der gewohnten kabarettistischen Revue auch viel Neues geben: Talk, Komödie, Late Night, Parodie und Impro.“ Schau`n Sie sich das an!

www.simpl.at

20. 5. 2019

Schauspielhaus Wien: AUTOS

Januar 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwarzhumorige Messe für ein Statussymbol

Die AUTO-Fahrer, ihr Auto-Radio und drei seltsame Spukgestalten: Johanna Baader, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Olga Hepnarová, das erzählt Johanna Baader, die Sopranistin zu Gast am Schauspielhaus Wien, war die erste, die mit einem Fahrzeug Menschen tötete. 1973 am Prager Strossmayerplatz ist das geschehen, da fuhr sie mit einem Lastwagen in eine Gruppe von 25 Leuten, die auf die Straßenbahn warteten. Um, wie sie in einem Bekennerbrief schrieb, „Rache zu nehmen an denen, die mich hassen“. Die Opfer kannten ihre Mörderin nicht, und so kam der Terrorismus per Kfz in die Welt.

Mit „AUTOS“ zeigt das Schauspielhaus die zweite Uraufführung eines Texts von Enis Maci, und der Hepnarová’sche Wahnsinn ist nur eine der Auto-Biografien, die die Autorin an diesem Abend in ihren Assoziationsfreiraum entlässt. Vollgepackt wie ein Urlauber-Auto sind Macis Zeilen, in doppeltem Sinn unfassbar, was alles in knapp zwei Stunden passt, in denen sie alle Hervorbringungen des Begriffs abhandelt. Statussymbol und Schutzraum und gern verwendetes Vehikel in Horrorstorys. Als Silbe heißt es „selbst“, also Auto-nomie vs Auto-ritäten, und darum geht’s Maci auf einer Metaebene:

Heimat haben oder Fremdsein, beides auch bei oder mit sich selber, Abnabelung von Vaterfiguren und Vaterländern, woran ihre Charaktere reihum scheitern, und wenn’s denn gelingt, Verrat an der eigenen Vergangenheit, gefolgt von erst Verheißung, dann Fluch eines neuen Lebens. Und während Maci auf einzelne Geschichten zoomt, entwirft sie gleichsam ein Europa als eine von inneren und offen ausgetragenen Konflikten entzündete Wunde. Darin politisches Herumstochern, statt Heilungsversuchen.

An Handlung gibt es dies: Ein Road-Trip. Bruder und Schwester, Steffen Link und Vassilissa Reznikoff, begeben sich – wie die statt eines Navi verwendete Straßenkarte vermuten lässt, irgendwann in den 1970er-Jahren – auf die Todeszone „Gastarbeiterroute“, um jene Stelle aufzusuchen, an denen einst der Großvater bei einem Auto-Unfall ums Leben kam. Als sie Kinder waren, hat der Vater in nächtlichen Albträumen deshalb laut geschrien und begab sich darob in psychiatrische Behandlung, nun wollen die Geschwister an Großvaters Sterbeort einen Baum pflanzen. Begleitet werden sie vom Auto-Radio, aus dem im Gruselton vorgetragene Nachrichten und Musikfetzen dringen, erstaunlich, wie viele La-La-Lieder geschrieben wurden, im Fond des Wagens drei mit Blutrot gezeichnete Gestalten, Johanna Baader, Simon Bauer und Sebastian Schindegger, die vom Auto als (Fortbewegungs-)Mittel zu Freiheit oder Tod berichten.

Regisseur Franz-Xaver Mayr verwandelt die absurde Poesie der Vorlage in eine schwarzhumorige Messe. Die Stimmung: suspense-ig. Im Halbdunkelnebel auf steiler Schräge, Bühne und Kostüme sind von Korbinian Schmidt, scheinen düstere, in Talare gewandete Priester ein Ritual abzuhalten. Sie erheben die Stimmen zum Chor, mal wird so gesungen, mal gesprochen, mal sind sie Rhythmusmaschine, mal Melodienmacher, sind das Aufheulen des Motors, das Rauschen im Äther, sind schluchzende Geige oder polterndes Blech, Simon Bauer eine schnauzbärtige Tuba – die Baader eine wahrhaftige Opernsängerin.

Einflüsterer unterwegs: Johanna Baader, Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Das Geld liegt auf der Straße: Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Hochmusikalisch ist diese Aufführung, und Mayr, der szenisch wenig Theater macht, tut recht daran, sich im leeren Raum auf die darstellerische Kraft seiner Schauspieler zu verlassen, die die Dialoglosigkeit des Textes dadurch aufheben, dass sie füreinander das absolute Gehör zu haben scheinen, ihr Spiel eine beständige Suchbewegung nach dem Wesentlichen beim anderen, eine Aufmerksamkeit, die zu perfektem Zusammenklang führt. Und weil’s am Schauspielhaus wunderbarer Weise meist so ist, wird das Ganze mit jener tiefernsten Komik vortragen, die noch die allerentsetzlichsten Vorkommnisse in goldhelles Licht taucht.

Die Schicksale sind nämlich schrecklich bis skurril. Bertha Benz, die, weil der Patent-Motorwagen ihres Mannes kein zahlendes Publikum fand, zu PR-Zwecken die erste erfolgreiche Fernfahrt unternahm, damit die Familienkasse klingeln ließ, und später vom Gatten verleugnet wurde, indem er angab, seine Söhne hätten das Fahrzeug gelenkt. Kurierfahrer K., ein migrantischer Tom Selleck, der in seiner Caritas-Kleidung die Zukunft der Runways vorwegnimmt, und Post in den Süden transportiert.

Steffen Link als Daniel Küblböck, der das Verblassen seines DSDS-Starruhms nicht ertrug und sich von der MS Aida ins Meer stürzte. Cem, der aus Alternativlosigkeit am protestantischen Religionsunterricht teilnimmt. Richard Sarrazin zwischen Plattenbau-Armut und Arbeitsamt. Sebastian Schindegger als Walter Kohl, den die Stiefmutter-Witwe nicht zum aufgebahrten Vater vorlässt. Der Syrer Ahmed A., dem kein Aufseher half, als seine deutsche Gefängniszelle in Flammen stand. Albaniens Punkikone Ivi, sein Vater hochrangiger Militär, und deshalb von den Eltern ins Irrenhaus verfrachtet, bevor er mit seinen Widerstandsrufen Kundgebungen des Regimes stören konnte … All diese Töchter/Söhne aufgebrochen, angefeindet, ausgestoßen, abgemahnt. In einer jelinek’schen Passage wird die Wolfsburger Auto-Industrie aufs Korn genommen, die die frühen italienischen Gastarbeiter in genau dem Lager zu wohnen hieß, in dem knapp zuvor noch Zwangsarbeiter und KZ-Häflinge hausten. Solches schildert Maci mit großer Wucht, etwa, wenn es darum geht, ob das Haus der Menschen Vernichtung oder Versöhnung heißt.

Mayr hält Macis so unergründliche wie mächtige Bedeutsamkeiten in Schwebe, nichts wird aufgelöst, nichts erklärt, nicht einmal, ob es in der Videoprojektion am Ende Wasser oder Feuer ist, das in Endlosströmen nach oben fließt. Da berichtet Vassilissa Reznikoff von denen, die im rostigen Mercedes, und dieser daheim trotzdem ein Protz-Auto, sieben Personen pro Pkw, Waschmaschine aufs Dach geschnallt, die Europastraße 5 befahren. Am Straßenrand ausgebrannte Auto-Wracks und Grenzkaufhäuser für letzte West-Geschenke. Heute heißt dieser Weg „Balkanroute“, darauf Flüchtlinge, unterwegs in der Gegenrichtung. Abgezogen von Schleppern und ohne Aufenthaltstitel. Johanna Baader singt betörend schön Kurt Weills Song über den Sehnsuchtsort „Youkali“. Den gibt es nicht, der ist nur Illusion. Und am Straßenrand liegen zwei neue Leichen.

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2019

Belvedere: Der Kremser Schmidt. Zum 300. Geburtstag

Oktober 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon zu Lebzeiten eine Legende

Martin Johann Schmidt: Venus und Amor, 1788. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Er wird mitunter als letzter großer Maler seiner Zeit gesehen – sein Tod 1801 gilt als spätes Ende der großen Ära des Barock. Und doch reichen seine Einflüsse noch weit in die nächste Künstlergeneration hinein. Martin Johann Schmidt, genannt Kremser Schmidt, zählt bis heute zu den populärsten mitteleuropäischen Barockmalern. Im Oberen Belvedere ist ihm ab 25. Oktober eine Ausstellung gewidmet.

Das Ende des Barock im Jahr 1801 anzusetzen, wirkt fast gewagt. Dennoch kann der Tod des Barockmalers Martin Johann Schmidt durchaus als Ende dieser Ära gesehen werden. Seine Kompositionen haben sich noch lange danach ungebrochener Beliebtheit erfreut. So trugen seine Schüler den Stil des Künstlers noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. Kremser Schmidt war bereits zu Lebzeiten ein Klassiker geworden. Neben Paul Troger und Franz Anton Maulbertsch gilt er bis heute als einer der bedeutendsten mitteleuropäischen Barockmaler. Er genoss überregionale Bekanntheit, wählte aber als Lebensmittelpunkt Stein bei Krems. Von dort führte er seine Aufträge aus. Niemand geringerer als Kaiser Joseph II. besuchte ihn in seinem Haus. Die Reichweite seines Einflusses veranschaulichen jene Werke, die sich im heutigen Slowenien befinden und den dortigen Künstlern eine eminente Inspirationsquelle waren.
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Martin Johann Schmidt: Die Heilige Sippe, 1786. Bild: © Belvedere, Wien

Martin Johann Schmidt: Wirtshausszene, 1781. Bild: © Belvedere, Wien

Der Künstler Kremser Schmidt selbst wurde offenbar stark von Rembrandt beeinflusst, dessen Volkstypen und die vergleichbaren Darstellungen seiner Zeitgenossen das Schaffen des Niederösterreichers inspiriert haben dürften. Ausgehend von den Werken des Künstlers, die sich im Belvedere befinden, wird in der Schau nun sein umfangreiches Oeuvre in allen wichtigen Facetten umrissen.

www.belvedere.at

22. 10. 2018

Theater zum Fürchten: Die Fleischbank

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der kleine Mann hat’s Hackl im Kreuz

Ein Fleischhauer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alfred Paul Schmidts Groteske „Die Fleischbank“. Als Ballade bezeichnet der Autor selbst seinen Text, Moritat könnte man auch sagen, schildert Schmidt doch Aufstieg und Untergang eines, dem das Leben nichts geschenkt hat: Der Favoritner Fleischhauer Arnulf ist Schmidts Anti-Held. Dem Kleingewerbetreibenden, braver Steuerzahler und gehorsames Innungsmitglied, ist die Welt abhanden gekommen. Als ehrliche Haut erniedrigt, als immer nur Durchschnittlicher zum Dulden verdammt, beginnt er sich selbst zu ermächtigen. Mittels Mord.

Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1974 liegt Schmidts Stück zugrunde. Da verschwanden in Graz zwei – damals gab’s das noch – Geldbriefträger und mit ihnen beinah 400.000 Schilling. Als Täter wird der Fleischer Karl H. ausgeforscht und zu lebenslanger Haft verurteilt … Es ist fein, dass das Theater zum Fürchten an der Wiederentdeckung Alfred Paul Schmidts arbeitet. 1941 in Wien geboren, kam er über die Umwege diverser Studien und Gelegenheitsjobs zum Schreiben. Seit 1975 lebt er in Graz, und gilt als das widersprüchlichste Mitglied der von Alfred Kolleritsch so genannten Grazer Gruppe.

Das Schweinchen weist den Weg in den Wahnsinn: Lara Buchsteiner. Bild: Bettina Frenzel

Arnulf mordet und seine Schweinchen schauen zu: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Seinen Werken eigen sind der weitgehende Verzicht auf eine herkömmliche Handlung, dafür der exzessive Einsatz burlesker, possenhafter Mittel, um vorgeblich fiktives Geschehen zur Wirklichkeit zu entstellen. Das alles kommt dem Theater zum Fürchten sehr entgegen, das mit der Inszenierung von Peter M. Preissler seinem Namen mehr als gerecht wird. Preissler, der auch bei der Uraufführung 1984 am Akademietheater Regie geführt hatte, setzt in der Scala auf Grauen, Gruseln, Gänsehaut. In halluziniert albtraumhaften, in gespenstisches Grün getauchten Szenen geht Arnulf seinem tödlichen Geschäft nach. Auf dem Dreirad umschwirrt, auf dem Akkordeon begleitet von einem Schweinchen im rosa Tutu (Lara Buchsteiner), mit deren mehrerer vom Wahnsinn umzingelt.

Preisslers exemplarische Aufführung lässt das Stück in seiner Zeit. Marcus Ganser und Prinzipal Bruno Max haben für Schmidts schwarzhumorigen Volksstück-Psychothriller ein steril-tristes Bühnenbild erdacht. Eine weiß gekachelte Fleischerei, die von der Theke über die Eskimo-Kühltruhe bis zum Wandtelefon 1970er-Jahre atmet; auf einer Angebot-des-Tages-Tafel wird das „Leberkässemerl“ um 6,50 Schilling angepriesen. Doch die Parabel auf den „kleinen Mann“, der das Hackl, das das Leben ihm permanent ins Kreuz haut, endlich zwischen anderer Leute Schulterblätter versenkt, ist zeitlos. Weil’s, siehe jüngst Las Vegas, mit jedem jederzeit passieren kann. Arnulf ist aus dem Stoff, aus dem die Amokläufer sind, und „Ana hat immer des Bummerl“, Horst Chmelars Gassenhauer, die Begleitmusik durch seine patscherte Existenz. Georg Kusztrich ist als Arnulf fulminant. Im Infight mit sekkanten Kunden, einer liederlichen Lebensgefährtin und einem „besten Freund“, der das Vorhandensein von Feinden überflüssig macht, ist er der ewige Verlierer.

Einmal ein Glück im Leben haben: Georg Kusztrich und Leopold Selinger als Vokuhila-Haberer Heinz. Bild: Bettina Frenzel

Das Selbstbewusstsein steigt, das Opfer kommt in Klarsichtfolie: Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

Kusztrich changiert in der Rolle zwischen tief depressiv, dann wieder aufmüpfig-aggressiv, verletzt und verzweifelt. Er erschreckt mit der Vehemenz seines Spiels. Er gestaltet auf höchstem darstellerischen Niveau das Psychogramm eines „armen Würschtls“, das zum Psychopathen wird. Kaum zum Killer avanciert, fühlt sich Arnulf wie ein allmächtiger Erlösergott. Das Selbstgewusstsein wächst, der Mord mutiert für ihn zur Machtdemonstration, wird letztlich zur guten Tat. Dieser Briefträger mit seiner hirndepperten Frau hatte doch ohnedies keinen leidensfreien Tag! In einer Allmachtsfantasie sprudelt es aus Arnulf: „Endlich hob i wos gmocht wos nua i vasteh … Durch dein Tod bin i auf die Wöd kumman. I bin aus mia söba ausikrochen – du woast die Hebamm“. Und während er moralisch-menschlich ungerührt sein Opfer in Klarsichtfolie verpackt, singt er das Schubertlied. „Du bist die Ruh, der Friede mild …“

Mit Kusztrich agiert das bestens aufgelegte TzF-Ensemble. Christina Saginth spielt Arnulfs Freundin Hedwig in Ledermini und waffenscheinpflichtiger Bluse hart am Flitscherl. Die gefährliche Liebschaft ist im Betrieb für die Buchhaltung zuständig, eine Gefälligkeit, für die sie tief ins Fleischergeldbörsel greift. Ihr schließt sich Leopold Seliger als hinterlistiger Haberer Heinz (mit großartiger Vokuhila-Frisur und riesigem Proleten-Schnauzbart) an, der für einen beim Karate-Training einkassierten Gipsarm von Arnulf Schmerzensgeld haben will. Als der neue Arnulf ihn entlarvt, erkennt er ihn als einen „dea zittat nach innan wia a Lampelschwaf, oba noch außen tuat a wia da Tegetthoff am Proterstern“. Doch die Halbseidene und der Kleinkriminelle sind nur zwei aus der Menge der Peiniger – allesamt sind sie Menschen, die selber auf der Schattenseite stehen.

Hedwig träumt von der Heirat: Christina Saginth und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Doch der Kommissar hat die Spur aufgenommen: Georg Kusztrich und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Das macht vor allem Birgit Wolf als verteufelt redselige Kundin Frau Dalma deutlich. Von ihrem Mann offenbar gepiesackt, brodelt es unter ihrer in Loden gewandeten Biederfrau-Fassade nicht weniger als unter der Arnulfs, nur ist sie zum Ausbruch noch nicht bereit … Bernie Feit brilliert als penetrant seine Obrigkeit verströmender Innungsfunktionär Bunderit und als Behinderter, der Zeter und Mordio schreit, als ihm Arnulf unbedarft die Frage stellt: „Wie is‘n des, wann ma waaß, dass ma bleed is?“ In ihrer Art scheinen viele der Schmidt’schen Charaktere – dies freilich auch dank der Kostüme von Alexandra Fitzinger und der Maske von Gerda Fischer und Monika Krestan – einem der „Tatorte“ rund um Oberinspektor Marek und Bezirksinspektor Wirz entsprungen, und tatsächlich hat Schmidt für die erfolgreiche TV-Krimireihe geschrieben.

Direkt aus dem „Kommissariat 24“ kommt offenbar Karl Maria Kinsky als urig-gemütlicher Kommissar in die Buchengasse. Kinsky macht seine beiden Auftritte zum Kabinettstück, wunderbar die skurrile Szene, als er den Täter entlarvt habend, nun aber völlig überfordert und hyperventilierend nach seinen Kripo-Kollegen ruft. „Geh, na! Na!“, entschlüpft es ihm. Der Mörder gefasst? Soviel Action hat er echt nicht gewollt … Michael Reiter und Florian-Raphael Schwarz sind als Briefträger von ihrem Amt gezeichnet, der junge Studienabbrecher um nichts weniger, als der Dienstältere, dem die schwere schwarze Tasche bereits den Rücken krumm und die Füße platt gemacht hat. Der Pletterscheck und seine Weinerlichkeit – sie waren Grund genug, zuzuschlagen. Mehr braucht es oft nicht zur Brutalität. Die private Malaise verlangt nach einer Bluttat, in Revolverblättern täglich nachzulesen. „Die Fleischbank“ erzählt von einem Menschen, der sich nicht holen kann, was ihm zusteht … obwohl er immer getan hat, was richtig ist … Großer Applaus fürs ganze Team.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2017