Angelo

November 8, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der schwarze Mann als Spielzeug des Souveräns

Angelo erzählt dem Kaiserhof eine fantastische Geschichte über Afrikas Fabeltiere und seine mutigen Krieger: Makita Samba. Bild: © Novotny Film

In prächtigen Gewändern steht er gleich einer Puppe auf einem Podest, und eine adelige Gesellschaft lauscht wohlig erschauert seiner Geschichte. Angelo, der Hofmohr, erzählt von einem fantastischen Afrika, von Fabeltieren, mutigen Kriegern und einem Feuer speienden Berg, als wär’s ein Traum von seiner Heimat. Doch aus der ist er schon als Kind verschleppt worden, dem Sklavenschicksal durch eine hochwohlgeborene Dame entronnen, die am Knaben das Exempel der Menschwerdung eines Wilden statuieren ließ.

Verkauft, später auch verschenkt, bringt er es über diverse Fürstenhäuser bis zum Gesellschafter des Kaisers. Und doch bleibt der schwarze Mann nur ein Spielzeug – auch für den Souverän. Dies die Schlüsselszene. Markus Schleinzer erzählt in seinem meisterhaften Film „Angelo“, ab Freitag in den heimischen Kinos, vom Schicksal des Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert in Wien Berühmtheit erlangte. Nur einzelne, fragmentarische Episoden sind von dessen Existenz bekannt, und so lässt sie auch Schleinzer ausschließlich in Momentaufnahmen aufblitzen – verschiedene Schauspieler in allen Altersstufen, von Kenny Nzogang über Makita Samba vom Pariser Theater Odéon bis Jean‐Baptiste Tiémélé, gestalten die Figur vom Feinsten, diese Projektionsfigur, die die stetig steigende Lust am Exotischen zu bedienen hat, und der es zeitlebens nicht gelingen wird, ihren Fesseln zu entkommen. Angelo ist von klein auf der lebende Beweis für den unaufhaltsamen Siegeszug von Aufklärung und Vernunft, wenn man diese denn jemandem angedeihen lässt. Er ist eine Trophäe.

Er wird zum Schauspieler seiner selbst, in einer berührenden Szene übt der erwachsene Angelo die ausladenden, „afrikanischen“ Gesten, mit denen er später sein Publikum beeindrucken wird, in einer weiteren lässt das Kind Vögel aus einer Voliere frei, wohl schon wissend, dass ihm Freiheit nie wieder gegönnt sein wird. Schleinzer liebt die Arbeit mit derlei poetischer Symbolik, und nie geht es ihm dabei um das Eins-zu-Eins-Abbild einer Epoche. Immer richtet er sich an ein Darüberhinaus, stellt kulturelle Deutungshoheiten, Schemata und Sichtweisen und Zuschreibungen, bloß, die bis heute nachwirken, erzählt von der vollkommenen Vereinnahmung eines einzelnen durch die herrschende Masse, und vom europäischen Erbe der Kolonialzeit. Ein Neonlicht weist als bewusster Anachronismus ins Heute.

Das wilde Kind wird mittels Flötenspiel zum menschlichen Wesen erzogen: Kenny Nzogang. Bild: © Novotny Film

Angelo und seine Tochter besichtigen seinen späteren Ausstellungsort: Nancy Mensah-Offei und Jean‐Baptiste Tiémélé. Bild: © Novotny Film

Dass es ihm ums Beispielhafte geht, wird auch dadurch verdeutlicht, dass Schleinzers Figuren historisch nicht näher bestimmt sind. Es gibt „die Comtesse“ von Alba Rohrwacher, „den Fürst“ von Michael Rotschopf oder „den Kaiser“ von Lukas Miko, letztere tatsächlich Josef Wenzel von Liechtenstein und Joseph II., Gerti Drassl spielt eine Kindermagd, Christian Friedel einen Museumsdirekor, Larisa Faber Angelos Ehefrau Magdalena, Nancy Mensah‐Offei die gemeinsame Tochter Josephine.

Denn Angelo wird heiraten, im Geheimen, eine Weiße, eine Liebesgeschichte ohne Leichtigkeit, wird Freimaurer werden, aber niemals „ihresgleichen“. Als was er sich sehe, fragt einmal einer seiner Herren, als Sohn Afrikas und als Mann Europas, antwortet er. Schleinzers Film zeigt immer auch das Ringen um Sprache, heißt: um Ausdruck, nicht um Sprechvermögen, denn daran mangelt es Angelo nicht, sondern das Ringen mit einer Sprach- ob einer Wurzellosigkeit.

Gedreht im 4:3-Format, was den vom Theater geprägten Guckkastencharakter des Films, seine Bühnenbildhaftigkeit und die Objekthaftigkeit der Figuren noch unterstreicht, lässt Schleinzer anstatt seiner nüchternen Ästhetik und seiner Tableaux vivants am Schluss den Schock auffahren.

Angelo Soliman wird nach seinem Tod im Hof-Naturalien-Cabinet ausgestellt, wieder Spielzeug für Kaiserkinder, wieder halbnackter Wilder mit Federschmuck und Muschelkette. Schaurig, wie seine Haut wie Leder auf ein Holzmodell genagelt wird. Als er davor als alter Mann seinen Ausstellungsort im Museum besichtigt, fragt ihn die Tochter über die absurde Afrika-Darstellung „C’est comme ça, Papa?“ – „Ist es so?“ Angelos Hülle, hier endet der Film, verbrannte – längst in eine schäbige Dachkammer verbannt – 1848 während des Oktoberaufstands.

www.facebook.com/AngeloDerFilm/

  1. 11. 2018

Einer von uns

November 10, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Stiller Film über den tödlichen Schuss im Supermarkt

Jack Hofer und Markus Schleinzer Bild: © Filmladen Filmverleih

Jack Hofer und Markus Schleinzer
Bild: © Filmladen Filmverleih

„Wir werden rausgehen, eure Welt erobern“, singt der österreichische Rapper Gerard. „Im Labyrinth des Lebens durch die Wände gehen“, das ist es auch, was die Protagonisten auf der Leinwand wollen. „Blaulicht“, so der Titel von Gerards aktuellem Album, ist hier die Grundstimmung. Der Wiener Medienkünstler Stephan Richter legt mit dem Film „Einer von uns“, der am 20. November in den Kinos anläuft, sein Regiedebüt vor. Darin geht es um einen Vorfall, der sich im Sommer 2009 in Niederösterreich ereignete. Ein junger Einbrecher wird in einem Supermarkt bei Krems erschossen – von hinten, von einem Polizisten. Der Tote ist 14 Jahre alt. Das Ganze sollte für ihn offenbar eine Mutprobe sein. Der Schütze gab bei der Gerichtsverhandlung an, er habe „aus Furcht“ geschossen und „wohl  überreagiert“ – und bekam acht Monate Haft bedingt. Ausführlicher untersucht wurde der Fall nicht. Bis heute sind Fragen offen.

Julian liegt im Zentrum des Bildes, gerade getroffen, ein toter Körper im Gang zwischen Supermarktregalen, auf blank poliertem Boden, angestrahlt von kaltem Neonlicht. So beginnt und endet der Film, ein Stück stiller Trauer über etwas Unbegreifbares; er ist kühl und zart zugleich, empathisch, aber ohne falsches Pathos. Regisseur Richter hält sich die Realität vom Leibe. Er hat bei seinen Recherchen genug davon erfahren. So wie er filmt, könnte dieses Beispiel für unnötige Polizeigewalt, für ein außer Kontrolle geratenes System, in jedem europäischen Banlieue, auch in den USA, in Ferguson etwa, stattgefunden haben. Der Drehbuchautor Richter hält Distanz zu seiner Handlung. Er will „Wahrheit“, wessen auch immer, nicht rekonstruieren. Wie andere es tun. „Ich erinnere an Michael Jeannées fürchterlichen Kommentar in der Kronen Zeitung: ,Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist alt genug zum Sterben'“, sagt er im Interview über erhobene Zeigefinger. Und befragt nach dem Beweggrund für den Film: „Es geht darum ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was da überhaupt passiert ist und dass wir, also die Gesellschaft, das sicher nicht wollen. Es ist den meisten Leuten nicht bewusst, dass da ein Kind erschossen wurde. Aber das ist nun mal Fakt, das kann man drehen und wenden, wie man will.“

Gedreht hat Richter mithilfe der prägnant analytischen Fotografie von Enzo Brandner. Produzent Arash T. Riahi schlug den Meister der Handkamera als Kameramann vor. Brandners Bilder sind meditativ. Langsam und mörderisch ruhig gleitet er über Vorstadt-Betonwüsten, zeigt die Tristesse im Antiidyll, fährt entlang von Kühltruhen und Warenreihen. In dieser kalten Industriearchitektur ist kein Platz für menschliche Wärme, zwischen all dem toten Fleisch keiner für zuckend lebendiges. Der Supermarkt als stummer Beobachter ist ein klassischer Unort. Er schafft Sehnsüchte, deren Erfüllung er nicht einlösen kann. In seiner von Brandner perfekt eingefangenen unheimlichen Präsenz ist der Supermarkt der Bösewicht des Films. Auch er verweist auf die Universalität des dargestellten Problems: Die Regal-Welt als kapitalistisches Gesellschaftsgefüge, das längst vor dem Kollaps steht. Und darin Erwachsene, die für den Apparat (Konsum-)Lügen am Leben erhalten, denen die nächste Generation zum Opfer fallen muss.

Dagegen rebellieren Jack Hofer als Julian und Simon Morzé als Marko. Gegen diese Hüter der alten Ordnung. Wie beiläufig spielen die beiden die Buben. Auf Mamas x-te Ermahnung regiert man gelangweilt, den Filialleiter, schön spießig von Markus Schleinzer verkörpert, der weiß, wie man „Hierarchie“ schon durch Körperhaltung ausdrückt, versucht man auszutricksen. Was zählt sind HipHop und Techno aus den Kopfhörern, Energydrinks mit Wodka, subversive Graffitis und – schnelle Autos. Die Metapher für Freiheit und Selbstbestimmung. Rasen, was die Karre aushält. In den Regionen, in denen der Film spielt, fahren sich viele Jugendliche an die Wand. Mit seinen unterspielten Dialogen trifft Richter den Tonfall zwischen Angepasstseinmüssen und deswegen Aggression genau. Die Sache nimmt Fahrt auf, als der Möchtegernganove Victor mitmischt. Er ist cool, eben weil er ein Auto hat. Christopher Schärf verleiht ihm die Attitüde eines James Franco in „Spring Breakers“, sein Victor ist wie eine Reverenz an die amerikanische Popkultur. Ein „Alien“, der ein paar Arglose in sein Biotop befördert. Wer sagt, derlei wäre ihm als Teenager nie passiert, der …

Andreas Lust und Birgit Linauer spielen die Polizisten, die durch einen stillen Alarm zum Supermarkt gerufen werden. Zwei erschöpfte Menschen mittleren Alters, die den Vorfall eigentlich schnell als Fehlalarm abhaken und sich wieder ins Auto setzen wollen. „Arschloch“, murmelt Lust nach dem Schuss noch. Am Morgen danach fährt der Reinigungsdienst durch die Korridore des Geschäfts, als wäre nichts geschehen. In fatalistischer Haneke-Tradition wird einem hier jeder Hoffnungsschimmer vorenthalten. Schimmern darf nur auf die Fliesen auslaufendes Waschmittel. Es rinnt stellvertretend für das Blut, das der Film nicht zeigt. Wie es dem Polizisten jetzt geht, wäre spannend zu erfahren …  Wer „Einer von uns“ ist, ist am Ende nicht klar. Julian oder der Polizist? „Einer von uns“ ist ein Film der Zwischentöne und der kleinen Gesten, in dem das Unausgesprochene schwerer wiegt als das Gesagte. Stephan Richter sagt noch etwas: „Ich wollte weder Jugendliche noch Polizisten in irgendeiner Weise schonen oder zu brav und diplomatisch arbeiten, um Kritik aus dem Weg zu gehen. Was ich zeige, ist vielleicht polizeikritisch, aber nicht polizeifeindlich. Jeder vernünftige Polizist wird einsehen, dass im Fall Florian P. einiges schief gelaufen ist und hier ein Bedarf an Aufarbeitung besteht.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=fTZo4pTnLIE

www.einervonuns.at

www.oneofus-movie.com

Wien, 10. 11. 2015

Julya Rabinowich im Gespräch

Januar 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tagfinsternis“ am Landestheater Niederösterreich

Foto: Margit Marnul

Foto: Margit Marnul

Am 17. Jänner wird am Landestheater Niederösterreich „Tagfinsternis“ von Julya Rabinowich uraufgeführt. Regisseur ist der durch seinen Kinoerfolg „Michael“ bekannt gewordene Filmemacher Markus Schleinzer. Die Story von „Tagfinsternis“: Vor zwei Jahren floh Eli mit seiner Familie nach Österreich. Seitdem wartet die Familie, hin- und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen, in einer Flüchtlingspension auf die Beantwortung ihres Asylantrags. Eli gilt in seiner Heimat als Staatsfeind, da er als Krankenpfleger auch Widerstandskämpfer verarztet hat. Obwohl er nun in Sicherheit ist, lässt ihn die Vergangenheit nicht los. Als sein in der Heimat lebender Bruder als Geisel genommen wird, um gegen ihn ausgetauscht zu werden, steht Eli vor der Wahl, sich seinen Feinden zu stellen und sein Leben zu verlieren – damit aber die Familienehre zu retten – oder in Österreich zu bleiben und den Bruder zu opfern. Mit dem Eintreffen des langersehnten positiven Asylbescheids verschärft sich Elis moralisches Dilemma. Er weiß, dass den Seinen ohne ihn die Abschiebung droht. Die geringe Chance, seinen Bruder in der Heimat zu retten, bedeutet gleichzeitig, seine Familie hier zu opfern … Julya Rabinowich im Gespräch:

MM: „Tagfinsternis“ ist ein Stück, das es seit 2007 gibt. Nun kommt es endlich auf die Bühne. Und Sie feilen immer noch daran …

Julya Rabinowich: Ja, eigentlich sind wir mittlerweile bei der dritten Fassung, die ich gemeinsam mit dem Landestheater Niederösterreich erarbeite. „Tagfinsternis“ war mein erstes Theaterstück, fünf Stunden lang, bombastisch; ich habe ausgeholt und wiederholt – ich dachte wohl ein Anfang sei der richtige Moment, um gleich einmal den Mount Everest zu besteigen (sie lacht). Ich weiß auch noch nicht, ob dies nun die endgültige Fassung ist. Vielleicht verbinde ich später beide, schließlich sind die Fassungen Geschwister. Aber in der neuen sind Szenen drin, die absolut zwingend sind, die hundertprozentig bleiben werden. Mal sehen.

MM: Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Landestheater Niederösterreich?

Rabinowich: Gut. Wenn ich Bücher schreibe, bestehe ich auf Singularität. Am Theater bin ich Teamworker. Ein Stück ist immer die größere Summe aller Teile. In diesem Fall war mir vor allem das Feedback von Markus Schleinzer wichtig. Mit ihm kann man anders sprechen als mit einem anderen Regisseur, denn er hat Erfahrung im Asylbereich, hat Asylwerber betreut, hat mit ihnen Kunstprojekte gemacht. Er weiß, was es für die Menschen bedeutet, zu warten, ausgeliefert zu sein, er kennt die Notwendigkeit, sich zu beschäftigen, um nicht verrückt zu werden. Ich unterziehe meine Texte gern einem Realitycheck – auch da kam von ihm Bestärkung. Dann wiederum hat er als Mann einen anderen Blick auf das Geschehen. Seine Sicht der Dinge haben wir also auch noch eingearbeitet.

MM: Sie waren früher Simultandolmetscherin bei Psychotherapie- und Psychiatriesitzungen von Asylwerbern. Diese Gespräche beschäftigen Sie. Sie sagten einmal: „Ich habe sehr viel mit Flüchtlingen zu tun. Da tragen alle Familien griechische Tragödien mit sich herum. Jede davon wäre theoretisch buch- oder theaterreif.“ Kam daher die Idee für „Tagfinsternis“?

Rabinowich: Die Idee zum Stück kam tatsächlich aus dieser Tätigkeit. Es gibt zum Thema noch zwei, drei Theaterstücke und Prosatexte. Dieses Immer-wieder-Aufsuchen ist wichtig für mich, weil viele der angesprochenen Themen auch mein Thema sind. Es hat lang gedauert, es war mir sozusagen erst auf den zweiten Blick klar, dass Entwurzelung Teil meiner Lebensgeschichte ist. Ich habe auch einmal in einer Flüchtlingspension gewohnt. Als Dolmetscherin war ich mit einer Flut an Vergewaltigungsopfern konfrontiert. Einige Frauen mussten sogar vor der eigenen Familie flüchten. Je reaktionärer, je abgeschlossener ein Ort ist, desto gefährlicher ist er. Ich war dabei, wenn die Frauen endlich ihre Angst vor Abschiebung überwanden und erzählten. Ich durfte keine Emotionen zeigen – eine furchtbare Anstrengung.

MM: In „Tagfinsternis“ werfen Sie Fragen nach der Bedeutung von Traditionen auf, zeigen einen Familien- und vor allem Ehrbegriff, der hierzulande doch sehr fremd ist.

Rabinowich: Nicht nur. Ich zeige eine Familie – Vater, Mutter, Tante, Sohn, Tochter – und diese Familie spiegelt diese Werte in einer gewissen Art und Weise. Was sie tun, kann man aber nicht verallgemeinern. Dies ist keine Wiedergabe, sondern eine literarische Bearbeitung.

MM: Kann man die vermittelten Standpunkte verstehen?

Rabinowich: Verstehen kann man vieles, dennoch bleibt es unbegreiflich. Bürgerkriege etwa neigen dazu, die Dinge auf die Spitze zu treiben. Da gibt es geprägte Realitäten, die uns absurd erscheinen, die aber dort funktionieren. Deshalb glauben wir zu verstehen, wohin gewisse Mechanismen führen, bei gleichzeitigem Nichtglauben, dass sie jemand verfolgt.

MM: Welcher der Figuren gehört Ihr Herz? Mir hat sich beim Lesen keine so recht erschlossen.

Rabinowich: Das war meine Absicht, dass man sich nicht auf die Seite einer Figur schlagen kann. Ich wollte kein Verfolgungsdreieck „Verfolger, Retter, Opfer“ aufbauen. Mein Herz gehört so gesehen jeder Figur, das heißt: Vater – Mutter- Tante am meisten. Die Kinder sind notwendig, um die Entscheidungen des Vaters noch absurder erscheinen zu lassen. Die drei Erwachsenen stehen für drei Lebenseinstellungen, drei unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit – und über allem schwebt extreme Aggressivität. Die auch dadurch entsteht, dass man im Asylgasthof in einem kleinen Zimmer eingesperrt ist.

MM: Sie schreiben Stücke, Prosa, eine Kolumne in einer Tageszeitung. Was ist der Reiz an der Vielfalt?

Rabinowich: Die drei Genres fordern mich unterschiedlich. Das schärft den Blick auf neue Situationen, da kann man nicht in einen Trott verfallen. Die Kolumne ermöglicht mir außerdem aktuell aufs Tagesgeschehen einzugehen. Da gönne ich mir keine Ruhepause. Ich mache nie Urlaub von meinen Geschichten.

MM: Woran arbeiten Sie derzeit?

Rabinowich: An drei Sachen gleichzeitig. Ich bin mit einem Roman über bildende Kunst beschäftigt – für einen Ausschnitt daraus habe ich einen Literaturpreis bekommen, was mich sehr freut, weil mich das Projekt schon lange umtreibt. Ich schreibe für Hanser ein Jugendbuch „Tagfinsternis“, das die Geschehnisse aus dem Blickwinkel der Tochter beschreibt. Und ich arbeite für eine europaweite Publikation an einem Essay zum Jubiläum 1914. Darin schreibt jeder Autor über eine Stadt – und meine ist natürlich Wien.

ZUR AUTORIN: Geboren in St. Petersburg, 1977 „entwurzelt und umgetopft“, lebt Julya Rabinowich derzeit in Wien. Für den Roman „Spaltkopf“, der sie 2008 schlagartig bekannt machte, wurde sie unter anderem mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet. Es folgten die Romane „Herznovelle“ (2011) und „Die Erdfresserin“ (2012) sowie zahlreiche Stipendien, darunter das Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien. Bislang wurden sechs ihrer Theaterstücke uraufgeführt, zuletzt „Auftauchen. Eine Bestandsaufnahme.“ Die vielseitige Künstlerin ist auch Malerin.

ZUR PRODUKTION: Regie führt Markus Schleinzer, der 2011 mit „Michael“ sein Debüt als Filmregisseur gab. Mit seinem ersten Film, für den er auch das Drehbuch schrieb, gewann Markus Schleinzer zahlreiche Preise, darunter den Max-Ophüls-Preis und den Wiener Filmpreis, zudem erfolgte eine Einladung zu den Filmfestspielen in Cannes. Katrin Huber und Gerhard Dohr, die mit „Michael“ 2012 den Diagonale-Filmpreis für das beste Szenenbild gewannen, werden bei Tagfinsternis die Ausstattung übernehmen.

www.julya-rabinowich.com

www.landestheater.net

Wien, 15. 1. 2014

Landestheater NÖ: Spielzeit 2013/14

Mai 15, 2013 in Bühne

Mit Gerti Drassl, Markus Hering, Michou Friesz,

Dörte Lyssewski und Martin Wuttke

GertiDrassl Bild: (c) Yasmina Haddad

GertiDrassl
Bild: (c) Yasmina Haddad

Am 15. Mai präsentierte Intendantin Bettina Hering das Programm ihrer zweiten Spielzeit am Landestheater Niederösterreich in St. Pölten. Zu erwarten: spannendes, bewegendes, kritisches, unterhaltsames und anregendes Sprechtheater. Die Eröffnungspremiere „Hexenjagd“ von Arthur Miller gibt programmatisch die Richtung vor: Wie unterschiedlich sind jeweils in ihrer Zeit die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und welche politischen und soziologischen Erscheinungen generieren sie, also kurz gesagt: Welche Gesellschaft gebiert welche Ungeheuer?

In Regiearbeiten von Róbert Alföldi, Babett Arens, Alexander Charim, Cilli Drexel, Bettina Hering, Daniela Kranz, Irmgard Lübke, Barbara Nowotny, Katrin Plötner, Markus Schleinzer und Caroline Welzl werden neben dem Ensemble Babett Arens, Gerti Drassl, Michou Friesz, Florentin Groll, Alexandra Henkel, Markus Hering, Benno Ifland, Johanna Elisabeth Rehm, Johannes Schmidt, Susi Stach und Dominik Warta als Gäste in Eigenproduktionen zu sehen sein. Sven Philipp, Moritz Vierboom und Johanna Wolff begleiten das Haus einen Teil der Spielzeit. In Gastspielen von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, dem Schauspielhaus Zürich und dem Hamburger St. Pauli Theater sind in Arbeiten von Martin Wuttke, Karin Henkel und Wilfried Minks unter anderem Margarita Broich, Carolin Conrad, Burghart Klaußner, Lena Schwarz und Martin Wuttke zu sehen. Dörte Lyssewski und Markus Meyer, Katja Bürkle und Martin Wuttke sind mit eigens für das Landestheater Niederösterreich zusammengestellten Leseabenden zu Gast.

Das Programm im Detail:

„Hexenjagd“ von Arthur Miller ist die Eröffnungspremiere am 4. Oktober. Basierend auf den Hexenprozessen von Salem im 17. Jahrhundert, lässt es sich problemlos auf heutige Gesellschaftssysteme übertragen, die Denunziation fördern und Systemabhängigkeiten vorantreiben. In der Regie von Cilli Drexel werden neben unserem Ensemble u.a. die Burgschauspielerin Alexandra Henkel und Markus Hering, zurzeit am Residenztheater in München, zu sehen sein. Johann Nestroys „Einen Jux will er sich machen“, die Koproduktion mit der Bühne Baden mit Dominik Warta als Weinberl, in der Regie von Bettina Hering und mit viel Musik, landet am 11. Oktober in St. Pölten.

Thematisch  verknüpft mit Arthur Millers Hexenjagd ist „Die Wildente“  von Henrik Ibsen. Als Kämpfer gegen die vorherrschende Scheinmoral hat Ibsen mit diesem hochpsychologischen Stück die Frage aufgeworfen, was denn die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts für Ungeheuer hervorgebracht hat. Gerti Drassl, Benno Ifland und Johannes Schmidt werden das Ensemble verstärken, Daniela Kranz wird inszenieren. (Ab 7. Dezember). In der Uraufführung „Tagfinsternis“ TAGFINSTERNIS von Julya Rabinowich untersucht der Regisseur Markus Schleinzer, dessen Debütfilm „Michael“ viel Aufsehen erregt hat, den Umgang der heutigen österreichischen Gesellschaft mit ihren AsylwerberInnen. Die aufwühlende Geschichte um eine Familie zwischen Tradition und Assimilierung, die auf ihren Bescheid wartet, wird uns alle noch lange beschäftigen. (Ab 17. Jänner, Theaterwerkstatt)

Der Klassiker „Weh dem, der lügt!“ von Franz Grillparzer wird ab 25. Jänner in der Regie von Alexander Charim und mit Florentin Groll als Bischof beim Aufeinandertreffen zweier verschiedener Völker und ihrer Verhaltensweisen den Humor nicht zu kurz kommen lassen. „Geschwister“  von Klaus Mann, ein spannendes Zeitzeugnis der 20er Jahre, inszeniert von Irmgard Lübke (ab 8. März, Theaterwerkstatt), ist genauso wie das in der Antike angesiedelte Drama HORACE von Pierre Corneille, in der Regie von Katrin Plötner, (ab 24. April, Theaterwerkstatt) eine Wiederentdeckung. Die Dramatisierung des ungarischen Romans „Die Ruhe“ von Attila Bartis unter dem Titel „Meine Mutter, Kleopatra“als deutschsprachige Erstaufführung runden das Programm ab.Der bekannte Regisseur Róbert Alföldi war bis zum Spielzeitende 2012/13 erfolgreicher Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, bis auch er ein Opfer der momentan herrschenden politischen Verhältnisse wurde. Wir sind sehr froh, dass er im Landestheater diesen brillanten Stoff umsetzen kann, der Ungarn zur Zeit der Wende, fokussiert auf eine klaustrophobische Familienkonstellation, zeigt. Als Gäste spielen ab 29. März  Michou Friesz, Susi Stach und Moritz Vierboom in dieser Produktion.

Zwei vom Landestheater Niederösterreich initiierte Lesungen gibt es in prominenter Besetzung: Die Burgschauspieler Dörte Lyssewski und Markus Meyer lesen aus Ovids „Heroides“, den fiktiven Beschwerdebriefen der Heldinnen der Antike (am 2. November) und Katja Bürkle von den Münchner Kammerspielen und Martin Wuttke werden aus dem Briefwechsel von Bertolt Brecht und seiner Frau Helene Weigel lesen. (Am 16. Jänner). „Der eingebildete Kranke nach Molière von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin kommt als Gastspiel in der Regie von und mit Martin Wuttke am 29. und 30. November ins Landestheater. Das Schauspielhaus Zürich gastiert am 14. und 15. Februar mit „Amphitryon und sein Doppelgänger“  nach Heinrich von Kleist in einer Inszenierung der gefeierten Karin Henkel, deren Arbeiten seit vielen Jahren nicht mehr in Österreich zu sehen waren. Das Hamburger St. Pauli Theater kommt am 9. und 10. Mai mit  Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“  in der Regie von Wilfried Minks mit Burghart Klaußner, der für diese außerordentliche Darstellung den Theaterpreis Der Faust gewonnen hat und Margarita Broich, die ganz neu in die „Tatort“-Riege einsteigt.

Open House am  20. und  21. SEPTEMBER

Das Landestheater Niederösterreich öffnet vier Wochen bevor die Spielzeit startet an zwei Tagen seine Türen zum Open House und lädt am Freitag, 20. September  zu einem Programm für Jugendliche und Erwachsene ein. Abenteuerlustige Jugendliche haben so zum Beispiel die Möglichkeit im Theater zu übernachten. Am Samstag, 21. September geht es am Vormittag und frühen Nachmittag mit unserem beliebten Kostüm- und Requisitenflohmarkt sowie mit Attraktionen für unsere jüngsten BesucherInnen weiter. Es gibt Familienführungen, Kinderschminken, Basteln, Bilderbuchkino, Lesungen und vieles mehr.

 Abos: Neu sind, neben dem JUGEND-ABO 14+, die Kooperationen mit Grafenegg und dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich. Hier gibt es unter dem Titel ABO LANDESTHEATER & GRAFENEGG und ABO LANDESTHEATER & TONKÜNSTLER je ein attraktives Abo-Angebot mit Musik und Schauspiel. Ebenfalls neu:  Am 19. August 2013 eröffnen das Landestheater Niederösterreich, das Festspielhaus St. Pölten und die Bühne im Hof ein neues gemeinsames Kartenverkaufslokal am Rathausplatz 19, St. Pölten.

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013