Patrick Marnham: Schlangentanz – Reisen zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters

August 26, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Geister, die wir riefen …

zoom_berenberg_book_46157325779cEs ist eigentlich kein Sachbuch und auch kein Roman. Patrick Marnhams Buch „Schlangentanz“ ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und gegen alle, die noch immer glauben, die Kräfte der Kernspaltung und -fusion beherrschen zu können.
Der Autor begab sich mit einem Filmteam auf die Spur des Urans, das für die Atombomben in Los Alamos/New Mexico gebraucht wurde und hunderttausenden Menschen das Leben gekostet hat beziehungsweise heute noch immer kostet. Seine Reise beginnt in einer Mine im damaligen Belgisch-Kongo, nahe der Stadt Lubumbashi im Süden des Landes, wo Uran von der einheimischen Bevölkerung abgebaut wurde (ohne zu wissen, welche todbringende Kraft in diesem chemischen Element mit der Ordnungszahl 92 steckt), führt über Los Alamos bis nach Japan, wo die Bomben am 6. und 9. August 1945 in Hiroshima und Nagasaki ihre Ziele fanden. Doch die Reise geht noch weiter. Sie führt zu den Atomreaktoren in Fukushima, wo die 2011 entfesselte (Kern)Kräfte zeigten, was sie auch heute immer noch anrichten.

Marnham erzählt auch eine Geschichte von Missgeschicken und ehrgeizigen Plänen von Männern, die die Menschheit an den Rand der Vernichtung geführt haben. Einige erkannten, was sie angerichtet hatten, andere nicht und entwickelten noch fürchterlichere Waffen. Und so stellt sich die Frage: Gibt es für die Wissenschaft Grenzen? Gibt es ethische Limits? Welche Verantwortung haben Wissenschaftler? Edward Teller, der „Vater der Wasserstoffbombe“ und vehementer Befürworter der Kernenergie, war der Überzeugung „Das Wichtigste in jeder Wissenschaft ist, die Dinge zu machen, die machbar sind.“ Er sah nicht ein, warum Experimente, auch wenn sie die Menschheit und die Wissenschaft auslöschen können, nicht gemacht werden sollten.
Aber es gab auch kritische Geister, wie Harold Urey, Direktor der Uran-Anreicherungsanlage Oak Ridge in Tennessee, der 1944 von seinem Posten zurücktrat, als er erkannte, dass das Manhattan-Projekt (mit dem Ziel der Herstellung der Atombombe) nicht mehr dazu diente, ein Atombombenmonopol der Deutschen zu verhindern. Oder Leo Szilard von der Wissenschaftlergruppe in Chicago, der das 1942 erfolgreiche Experiment der ersten Kettenreaktion als „schwarzen Tag in der Geschichte der Menschheit“ bezeichnete.

Der weit gereiste BBC-Korrespondent, Biograf und Schriftsteller Marnham bezieht Stellung und hinterfragt die Entscheidungen, die zum Bombenbau geführt haben, was viele der Mitarbeiter am Manhattan-Projekt nicht beziehungsweise zu spät getan haben. Akribisch genau beschreibt er den Weg von der Entscheidung zum Bau der Atombombe bis zu ihrem Einsatz: Er erzählt die Geschichte von der Gründung des Manhattan-Projekts 1942, den Werdegang von dessen skrupellosen Direktor Leslie Groves, und von unzähligen Wissenschaftlern und Nobelpreisträgern wie Enrico Fermi und Otto Frisch, die für das Projekt gewonnen werden konnten.
Der Autor erzählt von einem Kernphysiker namens Robert J. Oppenheimer, der zum führenden Wissenschaftler des Manhattan-Projekts in Los Alamos wurde, und alles für seine Verwirklichung tat, und vom Ungarn Edward Teller, der mit der Wasserstoffbombe eine Waffe schuf, deren Sprengkraft und vernichtende Wirkung, die der in Hiroshima und Nagasaki eingesetzten Kernspaltungsbomben, um ein Vielfaches übersteigt.
Ausführlich hinterfragt Marnham auch die Rolle der Verantwortlichen in der US-Regierung am Manhattan-Projekt. Seine Kernaussage: „Nachdem sie (Anm. die amerikanische Regierung) zwei Milliarden Dollar hineingesteckt hatte, hatte das Projekt eine solche Eigendynamik entwickelt, dass es getestet werden musste – und zwar am Menschen.“ Nach der Entwicklung zweier verschiedener Atomwaffen (Uran- und Plutoniumbombe) brauchte man auch zwei bewohnte Ziele. Das Experiment sollte genaue Erkenntnisse über die jeweiligen Leistungsfähigkeiten der Waffen erbringen – von thermischer Strahlung, Fallout bis hin zu Ganzkörper-Strahlendosen. Denn als die Bomben einmal fertig waren, musste sie auch eingesetzt werden, obwohl beim von Oppenheimer genannten „Trinity-Test“ am 16. Juli 1945 (die erste Plutoniumbombe wurde in New Mexico gezündet), die meisten wissenschaftlichen Beobachter über die Wirkung der Atomwaffe entsetzt waren.

Für die meisten Wissenschaftler war es aber nun nur an der Zeit, die Bombe am „Objekt“ auszutesten. Der vor dem Ende stehende Krieg gegen Japan bot für den Einsatz einen willkommenen Anlass. Der Rest ist traurige Geschichte: In Hiroshima betrug die Opferzahl nach dem Abwurf am 6. August 1945 am 1. September mindestens 70.000, am Ende des Jahres war sie bereits auf 140.000 angestiegen. In Nagasaki starben am 9. August sofort 30.000 Menschen, zum Großteil Zivilisten. Bis Ende des Jahres waren 70.000 Todesopfer zu beklagen, nach fünf Jahren waren es 140.000. Japan kapitulierte am 14. August. Damit konnte weiteres Leid vermieden werden, denn Leslie Groves teilte nach dem 9. August den Verantwortlichen in Washington mit, dass am 18. August auch „Fat Man II“ zum Einsatz gebracht werden könnte. Was wäre das nächste Ziel gewesen?

Natürlich gab es von amerikanischer Seite eine offizielle Erklärung für die Abwürfe von „Little Boy“ (auf Hiroshima) und „Fat Man“ (auf Nagasaki), an der vielerorts noch immer festgehalten wird. Zuerst: Die Waffe sollte verhindern, dass sich Nazi-Deutschland ein Monopol auf Atomwaffen verschaffen konnte (Otto Hahn gab 1939 in Berlin die Entdeckung der Kernspaltung bekannt). Als dieses Argument mit keinen Fakten mehr aufrechterhalten werden konnte – das deutsche Bombenprogramm wurde 1942 faktisch eingestellt –, galt als neue Begründung die Beendigung des Krieges gegen Japan, um den US-Truppen eine verlustreiche Eroberung Japans zu ersparen. Dass das Kaiserreich schon vor den Atombombenabwürfen vor der Kapitulation stand, wurde von den meisten US-Strategen verschwiegen.
Für viele Militärstrategen war die Sowjetunion als Adressat der Abwürfe gedacht. Ihrem Führer Stalin konnte man zeigen, welch verheerende Waffe die USA besaßen. Doch einschüchtern ließ sich der Mann in Moskau nicht. Schon einige Zeit später zündeten auch die Russen ihre erste Bombe. Das atomare Wettrüsten war eröffnet.

„Schlangentanz“ beginnt mit einer zerstörten Kolonie, dem Kongo. Ausgeblutet vom belgischen Kolonialismus bis hin zum Bürgerkrieg im späten 20. Jahrhundert, und endet in Japan, und einer vom explodierten Reaktor in Fukushima verstrahlten Umwelt. Somit schließt sich der Kreis. Der Mensch hat nichts dazugelernt.
Was Patrick Marnham beim Schreiben seines Buches nicht wissen konnte: Vier Jahre nach der Katastrophe ging im August 2015 einer der Reaktoren in Fukushima wieder ans Netz – um den Anstieg der Energiekosten zu dämpfen.
Ein wichtiges Buch!

Über den Autor:
Patrick Marnham, geboren 1943 in Jerusalem, aufgewachsen in England, ist Biograf und vielfach ausgezeichneter Reiseschriftsteller. Als BBC-Korrespondent lebte er in Afrika, dem Mittleren Osten und Zentralamerika. Er veröffentlichte Biografien über Diego Rivera, Georges Simenon, Jean Moulin und Mary Wesley. Er lebt in Oxfordshire.

Berenberg, Patrick Marnham: „Schlangentanz – Reisen zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters“, Sachbuch, 376 Seiten. Deutsch von Astrid Becker und Anne Emmert

www.berenberg-verlag.de

Wien, 26. 8. 2015