Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Oktober 9, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Unheimliche im eigenen Heim

Dann schlaf auch du von Leila Slimani

„Das Baby ist tot“. Mit einem stärkeren, erschreckenderen, abscheulicheren Satz kann ein Buch wohl kaum beginnen. Leïla Slimani verwendet ihn für ihren jüngsten Roman „Dann schlaf auch du“. In Frankreich bereits mit dem Prix Goncourt und dem Publikumspreis Grand Prix des Lectrices de Elle ausgezeichnet, ist Slimanis Arbeit für die deutschsprachige Leserschaft die Sensation dieses Herbstes. Durchaus auch ein Aufreger. Die junge Autorin berichtet ohne Sentiment, in einem kühlen, lakonischen, reportagehaften Tonfall über eine grauenhafte Familientragödie. Den Stil muss man aushalten, jeder Satz wie mit der Rasierklinge geschrieben, in die Seiten gekratzt von einer Betrachterin, die sich nie involviert, die ihre Figuren vom Spielfeldrand aus beobachtet.

Der in diesem Fall quasi ein Spielplatz ist. Das Ehepaar Myriam und Paul nämlich sucht für die Kinder Mila und Adam ein Kindermädchen. Wie Mary Poppins landet punktgenau Louise. Eine Perle, diese Nounou. Nicht nur, dass sie Kleinen mit ihrem Mutterwitz gleich im Griff hat, sie macht Myriams und Pauls Zuhause zu einem kuscheligen Heim. Sie kommt gern früher, bleibt gern länger, putzt, kocht vor, macht die Hausfrau.

Sie nistet sich ein, macht sich das fremde Leben zu eigen, und niemand merkt es. Die Eltern – schwerbeschäftigt, zwei Workaholics, er Musikproduzent, sie Staranwältin, die sich den Nachwuchs angeschafft haben, wie ein Accessoire, das zu einem gewissen Lifestyle einfach dazugehört. Lass‘ uns Familie spielen, ist das nicht chic? Nein, sympathisch sind einem die beiden nicht. Nicht einmal die Kinder sind es. Baby Adam vielleicht noch, aber die ältere Mila ist eine anstrengende, raunzige Nervensäge. Am ehesten fühlt man mit Louise. Von der man von Anfang an weiß, dass sie zur Mörderin werden wird. Dieses Mitgefühl, das ist das Irre an diesem Buch. Dann der erste Gruselsatz: „Sie hat die stille Wohnung ganz in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet.“ Sukzessive, so langsam wie eine Depressionen heranschleicht, deckt Slimani auf, wer diese Frau ist. Entfaltet ihre Fallstudie.

Wie zwischen den Zeilen erfährt man vom Unheimlichen, blitzt Louises Biografie in Momentaufnahmen durch – und keiner dieser Momente ist schön. Tod des Mannes, der einen nicht zu bewältigenden Schuldenberg hinterließ, Verlust des Hauses, Verlust der Tochter, die die Mutter nicht länger ertrug. Prügel von der Kindheit bis zur Ehe. An einer Stelle steht das Wort Psychiatrie. Affektive Störung. „Ihr Herz ist hart geworden. Die Jahre haben es mit einer dicken, kalten Kruste überzogen, und sie hört es kaum noch schlagen. Nichts vermag sie mehr zu berühren.“ Louises Wohnsituation wird beschrieben. Erbärmlich im Vergleich zum Appartement im 10. Arrondissement, wo Louise bald auch die Badewanne in Besitz nimmt. Herrlich, und erst die schönen Handtücher.

Myriam und Paul wollen lange nicht sehen, was ihre Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Doch es spitzt sich zu, die Konflikte mehren sich. Die Spannung wird von Tag zu Tag greifbarer, aufgeputscht auch durch die Diskrepanz zwischen einem selbst als wissendem Leser und den arglosen Eltern. An seinen besten Stellen ist das Buch eiskalter Suspense.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Louise übernimmt das Kommando, und duldet bald keinen Widerspruch mehr. Sie sieht nicht ein, warum man ein verlegtes Jäckchen von Mila nicht einmal ansatzweise sucht, sondern Myriam sofort ein neues kauft. Sie hat kein Verständnis für Myriams Lebensmittelverschwendung, bereitet ein bereits weggeworfenes Hühnchen als Abendessen zu und drapiert das Gerippe als Mahnung auf dem Esstisch: „Myriam nähert sich dem Tier, das sie nicht zu berühren wagt. Das kann kein Irrtum, kein Versehen Louises sein. Noch weniger ein Scherz. Nein, das Gerippe riecht nach Spülmittel mit Mandelduft.“

Der Umgang miteinander wird gezwungener. Myriam und Paul, ganz liberale Bobos, wollen nicht in Arbeitgeber-Attitüde verfallen. Ihre Gedanken kreisen zunehmend um Louise. Stößt man sie vor den Kopf, lässt man sie spüren, dass sie nur Personal für Besserverdienende ist? Man betrachtet Louise nun mit einer Mischung aus Abscheu, Mitleid und Ärger über die Abhängigkeit, in die man sich ihr gegenüber gebracht hat. Doch man nimmt die Nounou mit in den Griechenlandurlaub, teil aus schlechtem Gewissen, teils aus dem Eigennutz, abends kinderfrei zu haben. „Dann schlaf auch du“ ist ein Buch über Geben und Nehmen. Die Arbeit und die Existenz. Existenz hier auch als Synonym für Leben.

In Frankreich wurde diese politische Brisanz des Buches diskutiert. Denn Slimani hat provokant klug die Verhältnisse umgekehrt, die Klischees zur Kenntlichkeit entstellt. Bei ihr ist die erfolgreiche Myriam ein Mensch mit „Migrationshintergund“. Sie hat wie die Autorin nordafrikanische Wurzeln. Die Ur-Französin ist aus dem Kleinbürgertum ins Prekariat abgerutscht. Im Park ist sie die einzige Weiße unter „farbigen“ Kindermädchen, die reichen Pariserinnen nutzen den Spielplatz als Arbeitsmarkt: „Jeder weiß, dass bestimmte Mütter, die cleversten und gewissenhaftesten, hierher ,auf den Markt‘ kommen, so wie man früher zu den Docks oder in eine Seitenstraße ging, um ein Dienstmädchen oder einen Lagerhalter zu finden.“ Derlei Textstellen waren dem einen oder anderen Rezensenten durchaus eine Bemerkung über die Wohlstandsverlierer der Grande Nation, über den Umgang mit Migranten und einer gegenüber beiden hilflosen Politik wert …

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Louise interpretiert die Feriensituation freilich als Aufnahme als Familienmitglied. Eine fixe Idee nistet sich in ihr ein: Myriam muss ein drittes Kind bekommen, damit Louise endgültig unentbehrlich ist. Atemberaubend, was sie alles unternimmt, um ihren Plan in die Tat umgesetzt zu sehen. Doch Myriam und Paul sind viel zu müde für Sex, und in Louises in „delirierender Melancholie“ versunkenem Kopf legt sich endgültig der Schalter um. Leïla Slimani lässt dem Leser keinen Ausweg, sie unterbindet alle Fluchtversuche vor diesem grausigen Wiegenlied. Sie bietet keine Erklärung, keine Er/Lösung. Unausweichlich geht es dem bekannten Ende zu. Ein Sushimesser ist zur Hand. Mila wird im Krankenhaus ihren Verletzungen erliegen, Louises Selbstmordversuch befördert sie fürs Erste ins Koma. „Das Geschrei der Kleinen geht ihr auf die Nerven, sie würde auch gern schreien. Das aufreibende Piepsen der Kinder, ihre schrillen Stimmen, ihr ewiges ,Warum?‘, ihre egoistischen Bedürfnisse spalten ihr den Schädel … ,Ich werde dafür bestraft werden‘, hört sie sich denken. ,Ich werde dafür bestraft werden, dass ich nicht mehr lieben kann.“

Über die Autorin:
Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani gilt als die aufregendste literarische Stimme Frankreichs. Slimani wurde 1981 in Rabat geboren und wuchs in Marokko auf. Nach dem Studium an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po arbeitete sie als Journalistin für die Zeitschrift „Jeune Afrique“. „Dann schlaf auch du“ wurde mit dem höchsten Literaturpreis des Landes, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet und erscheint in 32 Ländern. Ihr ebenfalls preisgekröntes literarisches Debüt „Dans le jardin de l’ogre“ wird derzeit verfilmt. Leïla Slimani ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie lebt in Paris.

Luchterhand Literaturverlag, Leïla Slimani: „Dann schlaf auch du“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Amelie Thoma

www.randomhouse.de

  1. 10. 2017