Volksoper: Orpheus in der Unterwelt

Juni 3, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft himmlischer Höllenritt

Angestachelt von Pluto proben die Götter den Aufstand: Vincent Schirrmacher (li.) mit Gernot Kranner als Merkur, Birgid Steinberger als Diana, Elvira Soukop als Minerva, Jakob Semotan als Cupido, Christian Graf als Juno, Martin Winkler als Jupiter, Annely Peebo als Venus, Daniel Ohlenschläger als Mars und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Eric Stoklossa

Bei Jacques Offenbach werden die wirklich wichtigen Fragen gestellt, zum Beispiel: Muss man erst tot sein für ein Gläschen Rotwein? Kommt darauf an, gibt’s in der Hölle doch keine Promille- und ergo keine Schamgrenze, während im alkoholfreien Olymp gähnende Langeweile herrscht – neben Göttervater Jupiter, versteht sich. Also auf nach unten, wo Pluto nicht am Rebensaft und die Damen und Herren Teufelchen nicht an nackter Haut sparen. Welch ein Spaß ist diese Wiederaufnahme von „Orpheus in der Unterwelt“ an der Wiener Volksoper.

Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten holt Hausherr Robert Meyer die Eröffnungspremiere seiner Direktionszeit aus dem Jahr 2007 auf die Bühne zurück, die Inszenierung von Helmut Baumann neu einstudiert von Karin Schnyol-Korbay, am Pult Guido Mancusi, und bis auf Meyer selbst als Hans Styx und Gernot Kranner als Merkur sämtliche Solistinnen und Solisten in Rollendebüts. Das Ergebnis ist ein gut gelaunter Operettenabend, ein wahrhaft himmlischer Höllenritt, mit viel ironischem Wortwitz und etlichen Ibiza-Anspielungen.

Das Ensemble zeigt sich einmal mehr nicht nur gesanglich sattelfest, sondern auch als großartige Komödianten, die mit Schwung und Spaß bei der Sache sind, und gilt es auf hohem Niveau zu mäkeln, dann einzig darum, dass man ein wenig mehr von dem Feuer, das die numinosen Brüder mit Blitz und Donner versprühen, auch das Orchester für die mal tirilierende und gurrende, mal tanzwütige und champagnerprickelnde Partitur hätte entflammen können. Durchaus mehr Einfallsreichtum hätte die Choreografie von Roswitha Stadlmann vertragen, wiewohl es sicher nicht einfach ist, etwas Neues zum Cancan zu erfinden.

Martin Winker als Göttervater Jupiter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf als Juno und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer als Hans Styx und Rebecca Nelsen als Eurydike. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss als Orpheus mit den kessen Teufelchen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Ouvertüre wird zum Prolog, der erzählt, dass der Fürst der Finsternis eine Ehe als himmlisches Bündnis zu brechen gedenkt, um seine Macht zu demonstrieren. Da hat er beim „drittklassigen Tutti-Spieler“ Orpheus und der ihm überdrüssigen Eurydike nicht viel zu tun, sie verfällt dem vermeintlichen Schäfer – und Exitus. Rebecca Nelsen, mit schönem, höhensicherem, geschmeidig jubilierendem Sopran und Carsten Süss sind fabelhaft als letztlich Spießerpaar zwischen Blumentapeten-Tristesse, er ein sich selbst lorbeerkränzender Künstler, der an seine Geigenschülerinnen grapscht, sie ringend mit sehr viel Sexappeal samt entsprechendem Appetit. Auftritt Vincent Schirrmacher, wie immer auch stimmlich eine Freude, in Rockstarkluft, der die Schöne per Riesenjoint gefügig macht, was er eigentlich gar nicht muss.

Er ist ein charismatischer Unterweltler, und auch seine kuriose Truppe schwarzgeflügelter Untoter, die ihm stets auf den Fersen ist, macht Laune. Und während Süss‘ Orpheus noch den Abgang der Gattin bejubelt, trifft ihn die Öffentliche Meinung wie ein Schlag, Regula Rosin als knallharte Reporterin, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die abendländischen Werte zu verteidigen und folglich und schon gar nicht einem Celebrity ein Lotterleben durchgehen lassen kann. Als Bittsteller machen sich die beiden auf Richtung Olymp, den Mathias Fischer-Dieskau weiland als Luxusspa angelegt hat, in dem die Götter in Bademänteln auf Wellnessliegen herumlungern und sich fadisieren, der Chor eine schläfrige High Society. Bis Pluto kommt, und ihnen zeigt, wie man den Aufstand probt für, natürlich, mehr antike Demokratie.

Nicht immer geht’s ja gut mit Aktualisierungen, oft genug bleiben Politanspielungen unfreiwillig peinlich, doch die aufgepeppte Textfassung von Peter Lund bringt das Premierenpublikum zum lauten Lachen. Wenn die Kinder des Olymp Chef Jupiter zu „Wir kennen dich, Jupiterlein“ jede Vorbildfunktion absprechen, weil er sich beim letzten Fremdgehen dummerweise auf Video hat aufnehmen lassen, was „Jupi“ freilich als mediale Schmutzkübelkampagne abtut. Wenn Pluto auf Jupiters korruptes Ansinnen, die entführte Eurydike miteinander zu teilen, reimt „kaum glaubst du, du hast den Hauptgewinn, hängst du schon im Verein mit drin“. Worauf Daniel Ohlenschläger als Mars meint, die Regierungsgewalt müsse nun Zack! Zack! Zack! von der nächsten Generation übernommen werden …

Die Unterwelt beehrt den Olymp: Vincent Schirrmacher als Pluto mit gruseliger Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt, Lokalaugenschein in der Unterwelt, wo Jupiter versucht, Eurydike als Stubenfliege zu erobern, die Öffentliche Meinung – und nicht nur sie – mit dem Vergessenswasser des Lethe betrunken gemacht wird, und sich alles im köstlichen Galop infernal auflöst. Wunderbar ist Martin Winkler mit dem ihm eigenen voluminösen Bariton als Jupiter, den er zwischen komisch-gravitätisch und tollpatschig intrigant changieren lässt.

Robert Meyer im HipHop-Aufzug ist ein hinreißend untertänigst nervtötender Hans Styx. Wie er in seinem Couplet „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ ein Höchstmaß an bezirzender Höflichkeit zusammenstammelt, ist vom Feinsten. Birgid Steinberger als Diana, Annely Peebo als Venus und Elvira Soukup als Minerva sind ganz im Divenmodus, Jakob Semotan ist ein aufmüpfiger Teenager-Cupido. Bleibt die Götterkönigin der Herzen, Christian Graf, der die Juno nicht nur mit seiner delikaten Silhouette, sondern auch mit Opéra-bouffe-mäßiger Würde ausstattet. Mit einer solch „herrlichen“ Grande Dame im Ensemble, könnte sich die Volksoper trotz des großen Vorbilds ruhig wieder an eine „La Cage aux Folles“ wagen.

Video: www.youtube.com/watch?v=s2vZOZgt-8E

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  1. 6. 2019

Volksoper: Die Räuber

Oktober 15, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Zurücklehnen und genießen

Die dunkle Seite der Macht – Karl inmitten seiner Räuber: Vincent Schirrmacher mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper gibt es zum zweiten Mal seit 1963 eine Inszenierung von Verdis „Die Räuber“ zu erleben – und die Inszenierung krankt vornehmlich an zwei Dingen: An der immer noch verwendeten deutschen Fassung von Hans Hartleb, die so hanebüchen Reim‘-dich-oder-ich-fress‘-dich daherkommt, dass es einem ein Graus ist. Und an dem vollkommen fehlenden Willen zur szenischen Gestaltung des Abends.

Regisseur Alexander Schulin dachte sich offenbar „Zurücklehnen und genießen“, denn dieses kann man mit Dirigent Jac van Steen wunderbar tun. Augen zu und durch! Verdi komponierte „Die Räuber“ 1847 nach Friedrich Schillers gleichnamigen Sturm-und-Drang-Drama für das Haymarket Theatre in London. Bei einem Kuraufenthalt im Veneto fasste er den Entschluss, sich des Stoffes anzunehmen; die Idee dazu entstand wohl in Gesprächen mit seinem Freund Andrea Maffei, der sein Kurgenosse war und Schillers Stück ins Italienische übersetzt hatte. Verdi, der eine Vorliebe für explosive Vater-Kind-Beziehungen hatte, fand Gefallen an der Geschichte rund um den Konflikt des ungleichen Brüderpaars Karl und Franz Moor. Bei der Uraufführung am 22. Juli des Jahres stand der Komponist selbst am Dirigentenpult, die Aufführung wurde zum Triumph.

Das „Melodramma tragico“ des Meisters ist noch ganz dem Belcanto verpflichtet, dies der ausdrückliche Wunsch der britischen Auftraggeber, lässt aber bereits seine späteren Werke erahnen. Entsprechend verbreitet das Orchester der Volksoper unter van Steen keinerlei Italianitá. Man setzt auf Heftigkeit und Kraft, und beides tut der Theatralik der Oper gut. Van Steen versteht Verdis Theaterinstinkt und dessen Abzielen auf größtmögliche Wirkung. Er spannt die Rezitative wie eine Feder für den folgenden Gefühlsausbruch.

Maximilian, Graf von Moor, ist erschüttert über die Intrigen seines Sohnes Franz: Kurt Rydl und Boaz Daniel mit David Sitka als Herrmann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Amalia leidet unter dem Treiben im Schloss: Sofia Soloviy und Boaz Daniel mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er versteht die Vaterfigur des Maximilian, Graf von Moor, gleich wie in „Rigoletto“ oder „Don Carlo“ als den Kern der Melodieschöpfung, und ergo das Duett Amalia/Franz als erotisch und leidenschaftlich, das von Amalia und Karl aber als keusch und bereits himmelwärts gewandt. Verdis Oper endet lapidar mit Amalias Tod von Karls Hand und mit dessen Ausruf: „Und nun zum Schafott!“ Der Chor, Einstudierung: Holger Kristen, ist van Steen die dunkle Seite der Macht – und wie immer an der Volksoper grandios. Das Brüderpaar verkörpern Vincent Schirrmacher als Karl und Boaz Daniel als Franz.

Schirrmacher ist ein Sänger und Schauspieler, wie ihn sich jedes Opernhaus nur wünschen kann. Der Tenor, dessen Stimme sich früher für das italienische Fach als bedingt geeignet erwies, „dreht voll auf“, wenn man’s so flapsig sagen darf, setzt ganz auf die dramatische Verzweiflung seiner Partie – und überzeugt kraftvoll und verwegen gesanglich auf ganzer Linie. Boaz Daniel, seinerseits in der Staatsoper so was wie der „Mann für alle Fälle“, liefert einen korrekten Franz ab. Sein Bösewicht besticht durch seine Trockenheit; Gefühle sind diesem Teufel fremd. Kurt Rydl hat als Maximilian einen „dunklen Abend“.

Er fokussiert seine Stimme auf das Leid seiner Figur, und mit rauem Timbre und merklichem Vibrato gestaltete er einen Vater, der einsehen muss, mehr als eine falsche Lebensentscheidung getroffen zu haben. Die beste Leistung bietet die ukrainische Sopranistin und Hausdebütantin Sofia Soloviy als Amalia, der gefürchteten Jenny-Lind-Partie, von Verdi der „schwedischen Nachtigall“ auf den Leib geschrieben – und angeblich der Grund für die seltene Aufführung der Oper. Soloviy geht durch diesen Mythos ohne Schaden zu nehmen. Sie hat italienisches Timbre, versteht es, klar zu phrasieren und kann ihre Stimme in höchste Höhen schrauben. Als Hermann und Roller ergänzten David Sitka und Christian Drescher achtbar die Riege der Solistin und der Solisten.

Karl will seinen von Franz in den Tod getriebenen Vater rächen: Kurt Rydl und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Was nun die Optik betrifft, hatte Alexander Schulin wenig Einfälle. Nichts ist hier so effektvoll wie die Musik. Das Vorspiel wird ihm zum Celloabend von Roland Lindenthal im Hause Moor. Danach bestimmt ein schwarzer Kubus von Bettina Meyer die Bühne. Er kann sich um die eigene Achse drehen und stellt – siehe Interview im Programmheft – die Innenwelten dar. Die im Schloss und die seelischen. So viel zum Raumkonzept, ah ja, die Bäume im Wald sind Neonröhren. Dazu passen die historisierenden Kostüme von Bettina Walter nicht.

Personenführung gibt es de facto keine. Sämtliche Bewegungen der Solisten und des sonst so spiel- und rollengestaltungsfreudigen Chores sind vorhersehbar (furchtbar, wie Franz mit in der Luft zappelnden Beinchen stirbt); dass Rydls alter Moor auch der Pfarrer Moser ist, fällt nicht weiter auf, man denkt, ein Greis im Nachtgewand … Alle Gesten wirken wie aus den anno-anno-Jahren, als man Opernsängern vorwarf, gerade mal drei Handbewegungen zu beherrschen. Wie Stewardessen beim Erklären des Befindens der Notausgänge.

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  1. 10. 2017

Volksoper: La Wally

März 26, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Und die Lawine ist Mensch geworden

Auf Strommingers Fest geraten Freund und Feind erstmals aneinander: Vincent Schirrmacher als Giuseppe Hagenbach, Kari Postma als Wally, Kurt Rydl als Stromminger, Bernd Valentin als Vincenzo Gellner und der Volksopern-Chor Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper wird erstmals Alfredo Catalanis „La Wally“ gezeigt, und zumindest was das Musikalische betrifft, ist die Aufführung eine einzige Beglückung. Sowohl die Solisten als auch der wie immer souveräne Chor der Volksoper wurden nach der Premiere mit großem Applaus und vielen Bravi bejubelt, Hausdebütantin Kari Postma für ihre Sangesleistung als Titelheldin gar mit Bravissima-Rufen gefeiert. Dieser Erfolg ist durchaus als Verdienst von Dirigent Marc Piollet zu erachten.

Der das Orchester mit so sensibler wie sicherer Hand in lichte Höhen führte, und mit seiner einfühlsamen Art die Sänger auf diesem Wege folgen ließ. So wie die norwegische Sopranistin mit ihrer tadellosen, stimmgewaltigen Leistung konnten auch die Darsteller der männlichen Protagonisten überzeugen: Vincent Schirrmacher lässt als Hagenbach seinen hellen Tenor erklingen, ihm gelingen Spitzentöne, so klar wie ein Gebirgsbach. Mit jugendlicher Heldenstimme trägt er die lyrischen Momente in Catalanis Musik ebenso gekonnt vor wie ihre dramatischen Höhepunkte. Er korrespondiert gesanglich perfekt mit Postma; die beiden geben ein unwiderstehlich tragisches Liebespaar ab.

Als Dritter in diesem Amour-fou-Bunde ist Bernd Valentin mit seinem schön geführten Bariton ein überzeugender Gellner, the one and only Kurt Rydl brilliert als herrischer Stromminger. Annely Peebo und Elisabeth Schwarz gefallen als Wirtin Afra und Wallys Freund Walter. Und Paradebösewicht Daniel Ohlenschläger überzeugt als Infanterist. Einer Rolle, eingesetzt als allegorische Figur, als spielmachender, todbringender Schicksalsschmied, dem am Ende eine ganz besondere Bedeutung zukommen wird …

Arturo Toscanini und Gustav Mahler gelten als Verehrer von Catalanis 1892 uraufgeführtem Werk. Der Komponist ließ sich von Wilhelmine von Hillerns Roman „Die Geier-Wally“ inspirieren, schuf sein famoses Frauenporträt allerdings unter Verzicht auf den Geier, der eigentlich ein Adler ist, und unter Verzicht auf das von der Autorin vorgesehene Happy End. Dies schien ihm wohl zu wenig operntauglich und so handelt seine Story ausschließlich von der desaströsen Liebesgeschichte. Der tyrannische Gutsherr Stromminger will seine Tochter Wally mit seinem Gutsverwalter Gellner verheiraten. Doch das sturschädelige Mädchen schmachtet heimlich nach dem draufgängerischen Jäger Hagenbach. Als sie, die reiche Tochter aus besserem Bauernhause, die arme Wirtin Afra verspottet, tritt Hagenbach zu deren Ehrenrettung an.

Der Vater unterdrückt seine Tochter: Kurt Rydl und Kari Postma. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gellner wirbt um Wally: Bernd Valentin und Kari Postma … Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

… doch die liebt nur Hagenbach: Kari Postma und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wally demütigt Afra: Kari Postma und Annely Peebo. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er stiehlt Wally beim Tanz den Kuss, den sie niemals einem Mann geben wollte. Die Brüskierte erbittet von Gellner Hagenbachs Tod, der greift zur Flinte, und zu spät erkennen die Figuren wer hier wen wirklich liebt. Wally flieht in die Berge, Hagenbach aber hat das Attentat überlebt und eilt ihr nach, doch eine Lawine gibt den beiden den Rest. Ein Ende unter Schneemassen, das bühnentauglich und unpeinlich kaum umzusetzen ist … Catalani zeigt einen hartleibigen Menschenschlag, und seine Hauptfigur darunter als die härteste und kratzbürstigste; die Charaktere sind so karstig gezeichnet, wie die Tiroler Berge, die sie umgeben. Die Musik ist mal hochdramatisch, mal lakonisch knapp, mal setzt Catalani mit ihr sarkastische Akzente, mal lässt er sie ganz zart – in allen Augenblicken aber ist sie aufwühlend und vorwärtstreibend. Der Verismo lässt grüßen!

Während nun Marc Piollet diese Vielschichtigkeit am Pult einwandfrei umzusetzen vermag, gelingt Aron Stiehl mit seiner Inszenierung wenig bis gar keine Nuancierung. Der Regisseur störte die Sänger nicht beim Singen, ist dazu ein passendes Bonmot, es heißt aber auch, dass Stiehl, der mit „La Wally“ erstmals eine Arbeit an der Volksoper vorlegt, sein Ensemble darstellerisch sehr allein gelassen hat. Er hat das Personal nicht ausreichend psychologisiert, um die Rollen als individualisierte Charaktere neu zu formen. Da singen sich herausragende Kräfte im Wortsinn die Seele aus dem Leib, aber ihre Figuren bleiben davon völlig ungerührt; man weiß szenisch einfach nichts mit sich anzufangen.

Je nach Temperament retten die Sänger sich in eine Art Schreckstarre, agieren hingegeben an die Hybris der von ihrem Stolz zerfressenen Protagonisten oder irren auf der Bühne plan- und ziellos umher. Manche Momente wirken so hilflos, man weiß nicht, ob lachen oder weinen. Zwar hat Frank Philipp Schlößmann ein abstraktes, geröllgraues, jeder Kitschfalle entgehendes Bühnenbildmassiv erschaffen, das immer wieder überraschende Ein- und Durchblicke in seine klaustrophobischen Räume freigibt, doch eine auf Dauerrotation geschaltete Drehbühne bringt noch keine Bewegung ins Geschehen. Der Einfälle sind also wenige, dafür manche Ideen ziemlich abstrus. Etwa, wenn sich Gellner, nachdem Wally sich ihm ergeben hat, mitten auf dem Dorffest sein Hosentürl aufreißt, sich über das Weib beugt und – Blackout. Das Schlussbild allerdings gelingt Aron Stiehl beeindruckend gut. Denn, apropos: Kitschfalle, der Regisseur hat sich für den Schneetod etwas Spezielles einfallen lassen:

Hinten die Mensch gewordene Schneelawine, vorne der Infanterist: Daniel Ohlenschläger, Kari Postma und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Auftritt Schirrmachers Hagenbach im weißen Anzug. Er bittet Wally zu sich. „Komm mit mir in ein neues Leben …“ heißen die Zeilen, die Stiehl elegant neu interpretiert. So nämlich, als wäre Hagenbach durch Gellners Schuss doch gestorben und würde nun als quasi Mensch gewordene Lawine die geliebte Wally nachholen wollen. Die streckt ihre Arme dem Infanteristen entgegen, der aber hat ihr Geschick gesiegelt. Und das ist so stark, dass es einen die Schwächen davor milder sehen lässt …

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Wien, 26. 3. 2017

Volksoper: Fürst Igor

März 20, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Seltsames Werk mit Sonnenblumen

Sebastian Holecek als Fürst Igor, Chor der Volksoper Wien Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Sebastian Holecek als Fürst Igor und der Chor der Volksoper Wien
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

An der Volksoper kann eine Wiederentdeckung nur teilweise gefeiert werden. „Fürst Igor“ von Alexander Borodin wurde unter der musikalischen Leitung von Alfred Eschwé und in der Regie von Thomas Schulte-Michels zumindest zum Triumph für Sebastian Holecek in der titeltragenden Rolle und für den Volksopern-Chor. Beide wurden mit Bravorufen bedankt, Eschwé und Schulte-Michels hingegen mussten sich mit einigen Buhs abfinden.

Das mag beim traditionsbewussten Opernpublikum auch daran gelegen haben, dass das Leading Duo etliche, durchaus sinnhafte Änderungen und damit eigentlich Restaurierungen vorgenommen hatte. So aber war das Werk in Wien, wo es an der Staatsoper ohnedies erst zwei Mal als Neuinszenierung, zwei Mal als Gastspiel aufgeführt worden war, noch nie zu hören. 18 Jahre lang arbeitete Borodin an dieser Oper, bis er sie, weil 1887 verstorben, unvollendet zurückließ. Es kam seinem Kollegen und Freund Rimski-Korsakow und dessen Schüler Glasunow zu, sie zu Ende zu schreiben.

Eschwé nun strich diesen Zugriff wieder großzügig aus der Partitur, er kürzte das Ganze auf zweimal 70 Minuten, die Ouvertüre um ihrer „Ausstattung“ beraubt gar auf dreieinhalb, und erlaubte sich den klugen, als publikumswirksam gedachten Schachzug, die Polowetzer Tänze, das einzige, das an „Fürst Igor“ irgend bekannt und berühmt ist, weil ein von Bing Crosby und Tony Bennett unter dem Titel „Stranger in Paradise“ interpretierter Welthit, vor die Pause zu stellen. Das wurde ihm dadurch möglich, dass auch Schulte-Michels kräftig umstellte, abwechselnd Szenen in Russland und bei den Polowetzern zeigte, also die von Rimski-Korsakow vorgenommene Vertauschung der Akte eins und zwei rückgängig machte. An den Schluss, und dies die größte Erregung bei den After-Show-Gesprächen, stellte er nicht die große Rede Igors, sondern eine komische Nummer der beiden Bänkelsänger Skula und Eroschka.

„Fürst Igor“ ist ein seltsames Werk. Es hat einen klar ausgewiesenen Schurken, doch die meisten Figuren bleiben ambivalent, einen Helden sucht man vergebens. Borodins Sympathien mögen bei der Fürstin Jaroslawna, Igors Frau, gelegen haben, ihr widmet er nämlich einige der schönsten Melodien. Fürst Igor also bricht auf in den Krieg gegen die Polowetzer, die immer wieder sein Reich überfallen. Dieses und die Gattin übergibt er in die Obhut seines Schwagers Galitzky. Igor und sein Sohn Wladimir werden vom Khan vernichtend geschlagen und gefangen genommen, doch der Khan erweist sich als großmütig und bietet Igor gegen einen Nichtangriffspakt die Freiheit an. Der nimmt natürlich nicht an. „Ehre!“ ist das in dieser Oper am meisten geschmetterte Wort, und was wurde dieser Begriff nicht menschheitsgeschichtlich falsch verstanden, doch schließlich flieht er, weil Galitzky in der Heimat ein Schreckensregiment errichtet. Wladimir und die Tochter des Khans aber haben sich unsterblich ineinander verliebt, und der Herrscher gibt seinen Segen dazu, unter der Auflage, dass der Sohn am nächsten Tag an seiner Seite gegen den Vater in die Schlacht zieht. Der ahnt derweil noch nichts Böses und sorgt erst einmal daheim für Recht und Ordnung. Aus. In Russland ist die Oper eine Art Nationalheiligtum. Der „Einigkeit macht stark“-Gedanke passte zu jeder Zeit und unter jedem Regime ins Großreich.

Borodin aber hatte, so scheint’s, für die Polowetzer nicht weniger Sym- oder Antipathie wie für die Russen. Für die einen hat er opulente, heitere, orientalisch gefärbte Klänge komponiert, die anderen können mit bedeutungsschweren Melodien, wie russischen Volks- und Kirchenliedern entliehen, glänzen. Wohlklingende Chöre nehmen musikalisch den breitesten Raum der Oper ein. Das Orchester allerdings hatte am Premierenabend keine Sternstunde. Eschwé gelang es kaum die Feinheiten der Borodin’schen Kompositionen zu bedienen, weder wurden Folkloreklangfarben großzügig aufgetragen, noch lyrische Momente mit großer Zartheit entfaltet. Die meiste Zeit wurde plakativ und wenig differenziert musiziert.

Die gesanglichen Leistungen der Solistinnen und Solisten stehen allerdings außer Frage. Allen voran brillierte Sebastian Holecek, der als Fürst Igor seinen kraftvollen Bariton von Höhepunkt zu Höhepunkt führte. Seine große Arie war zweifellos der Moment des Abends. Auch Melba Ramos als Jaroslawna und Annely Peebo als Khan-Tochter Kontschakowna überzeugten stimmlich, wiewohl Peebo kleinste Probleme in der Tiefe hatte. Dies lässt sich auch über den Charakterbariton von Martin Winkler als Galitzky sagen, Winkler sah sich allerdings und offenbar als einziger im Stande, aus seiner Rolle einen spannenden, in seinem Fall sinistren Charakter zu formen. Ihm beim Spielen und Intrigieren und Grausamsein zuzusehen war eine Freude. Soran Coliban als Khan kämpfte ebenfalls ein wenig mit extremen Lagen, ließ seinen Bass aber dennoch kräftig klingen. So wie Vincent Schirrmacher seinen schönen, glockenhellen Tenor. Auch Stefan Cerny und Christian Drescher als Skula und Eroschka waren stimmlich deutlich mehr auf der Höhe als darstellerisch-komödiantisch. Da wäre viel mehr möglich gewesen.

Und dies der große Vorwurf an die Aufführung: An der Rampe wurde prächtig gesungen und mit den Händen gerungen, aber ansonsten? Lethargie. Es ist unverständlich, warum Schulte-Michels, der dem Volkstheater unter Michael Schottenberg etliche auch in ihrer Aussagekraft herausragende Abende schenkte, hier mit seiner Theaterpratzn nicht hinlangte. Eigentlich ist doch schauspielerischer Stillstand auch am Musiktheater und an der Volksoper unter Direktor Robert Meyer im Besonderen längst passé. Optisch entwirft Schulte-Michels für die Russen eine schwarz-düstere Hölle, während die Polowetzer zwischen riesigen Sonnenblumen lustwandeln dürfen. Die sind auch Sitzmöbel und Kerker für die Gefangenen und dies der Hinweis darauf, dass hier der Schein trügt, und weit und breit der einzige Regieeinfall.

Ausführlicheres hätte man zum Werk durchaus sagen dürfen. Über einen Ehrbegriff von vorgestern, der Völker in immer wieder neue, alte Kriege hetzt – und die Frage, ob sich das je ändern mag. Schließlich weist Borodin sogar musikalisch aus, dass der Heide auch ein kultivierter Herrscher sein kann, wenn er nur will, Coliban gibt ihn als bauchigen Gemütsmenschen, während sich die sogenannte zivilisierte Gesellschaft unter Galitzky in Windeseile von jeglicher Mitmenschlichkeit selbstbefreit. Die Jaroslawna hat hier die ganz große Szene, wenn die vom Bösewicht und seinen Mannen sexuell bedrängten Mädchen sie um Hilfe anflehen. Es genügt eben nicht ins Ballett ein paar Streetdanceelemente einzustreuseln und in den Logen Fanlichter erklimmen zu lassen, um für ein Publikum anno 2016 eine Botschaft zu formulieren. Warum spielt man heute ein Werk wie „Fürst Igor“ überhaupt noch? Und wenn ja, wie?

Als Politsatire, beispielsweise. Als Kommentar zu Europas neuem Nationalismus, seinem Chauvinismus, dem politischen Säbelrasseln allerorts. Schulte-Michels tut das immerhin in der Schlussszene mit Skula und Eroschka. Die beiden politischen Wendehälse schaffen es gerade noch rechtzeitig zurück ins nunmehr richtige Lager. Von Galitzky zu Fürst Igor. Sie haben verstanden, dass das Volk bald einem als Führer nachläuft, und lassen laut ihre Rufe nach dem aktuell starken Mann erschallen. Die Opportunisten und Manipulatoren obsiegen, sie schwimmen sicher durch jedes System, das ist das Schönste, das man über eine Oper, die deren mehrere gesehen hat, sagen kann. Zeitlos gültig und zurzeit gültig. Mehr davon wäre mehr gewesen.

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Wien, 20. 3. 2016

Volksoper Wien: „Il trovatore“

November 12, 2013 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine tragische Dreiecksgeschichte

Eva Maria Riedl (Ines), Melba Ramos (Leonora), Chor Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eva Maria Riedl (Ines), Melba Ramos (Leonora), Chor
Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Anlässlich von Giuseppe Verdis 200. Geburtstages setzt die Volksoper als erste Opernpremiere der aktuellen Saison “ Il trovatore“  aufs Programm. Verdis 17. Oper begründete gemeinsam mit „Rigoletto“ und „La Traviata“ (ab 29. März 2014 wieder im Repertoire)  zu Beginn der 1850er Jahre den Welterfolg des Komponisten. Die Premiere der Neuinszenierung von Dietrich W. Hilfsdorf ist am 16. November 2013. Verdis Klassiker wird somit bereits zum fünften Male nach 1905, 1935, 1941 und 1961 am Haus am Gürtel neuproduziert. Die Musik sei banal und brutal, die Handlung schlichtweg unverständlich – so tönte es dem „Troubadour“ noch im 19. Jahrhundert – zumeist von der Seite deutschsprachiger Kritiker – entgegen. Während Verdis Partitur von elementarer Kraft und Meisterschaft mittlerweile über jede Herabsetzung erhaben ist, steht die tragisch endende Dreiecksgeschichte seit jeher im Verdacht nur schwer nacherzählbar zu sein. Und doch kann sich niemand ihrer Sogwirkung entziehen: Verdis „Il trovatore“ kreist um das Thema der verfeindeten Brüder Graf Luna und Manrico, die in diesem Falle jedoch nichts von ihrer Verwandtschaft wissen. Der Troubadour Manrico hält sich für den Sohn der Zigeunerin Azucena, die von dem Gedanken an Rache für ihr ermordetes Kind besessen ist. Manrico und Graf Luna sind nicht nur politische Widersacher, sondern auch Rivalen um die Liebe derselben Frau, Leonora. Die Vorlage für Verdis Oper „Il trovatore“ lieferte Antonio García Gutiérrez erstes Bühnenstück „El trovador“, uraufgeführt 1836. „Der Troubadour“ ist ein „großes und gewaltiges Sujet“, dessen starke emotionale Motive – Rache, Liebe, Hass, Angst und Eifersucht – ihm die geeignete Inspiration für seine gleichnamige Oper lieferten. Oft taucht in Verdis Schaffen das Motiv der verfeindeten Brüder auf; doch nur einmal gibt es eine so dominante Mutterrolle wie jene der alten Zigeunerin Azucena, welche die Handlung des „Trovatore“ vorantreibt. Seinen Librettisten Cammarano hatte Verdi dazu ermuntert, die Erzählung „je ungewöhnlicher und bizarrer, desto besser“ auszugestalten und besonders den Charakter der alten Zigeunerin in seiner „Neuartigkeit und Fremdheit“ herauszustellen. Der Kritiker und Verdi-Zeitgenosse Eduard Hanslick verachtete die Geschichte „von ausgesuchter Grässlichkeit, in welche eine Zigeunerin samt einigen gestohlenen und verbrannten Kindern bedenklich verwickelt ist“, den nachhaltigen Triumph dieses unwiderstehlich mitreißenden Meisterwerkes konnte er jedoch nicht verhindern. Neben der tragisch endenden Liebesgeschichte ist Verdi mit „Il trovatore“ auch eine ‚Parabel über die Unterdrückung von Minderheiten‘ (Ulrich Schreiber) gelungen.

Das Team der Neuinszenierung
Nach dem „Wildschütz“ im April 2013 inszeniert zum zweiten Male Dietrich W. Hilsdorf in Bühnenbildern von Dieter Richter an der Volksoper. Der 1. Gastdirigent unseres Hauses Enrico Dovico steht am Pult der ersten „Trovatore“-Neuproduktion an der Volksoper seit 52 Jahren. Als Azucena kehrt die international gefeierte Mezzosopranistin Janina Baechle an die Volksoper zurück, wo sie zuletzt 2006 als Magdalena in „Der Evangelimann“ zu hören war. Der koreanische Bariton Tito You, zuletzt hier als Vater Germont in Verdis „Traviata“ zu erleben, singt den Graf Luna. Stuart Neill gibt in der Rolle des Manrico, die er schon mit großem Erfolg u. a. an der Deutschen Oper Berlin und in der Arena von Verona gesungen hat, sein Hausdebüt. Die Partien der Leonora und des Ferrando sind mit den Ensemblemitgliedern Melba Ramos und Yasushi Hirano besetzt.

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Wien, 12. 11. 2013