Schauspielhaus Wien: Elektra – Was ist das für 1 Morgen?

Januar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Biobäuerin richtet das Blutbad an

Königs beim Frühstücksritual: Vassilissa Reznikoff als Ägisth und Sebastian Schindegger als Klytaimnestra. Bild: © Matthias Heschl

Jacob Suske, Komponist und Musiker unter den hauseigenen Dramaturgen, ist für die aktuelle Produktion am Schauspielhaus Wien verantwortlich. Gemeinsam mit Ann Cotten schuf er – nach seinem in Luzern entwickelten Format der elektronischen Kammeroper – die Öko-Farce „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“. Ein Werk, von Regisseur Suske nicht nur geschlechterneutral besetzt, sondern auch höchst p.c. gegendert.

Cotten orientiert sich für ihren Text am euripideischen, doch verfängt sie sich keine Sekunde in altgriechischem Wehklagen, im Gegenteil: zwei Stunden lang herrscht auf der Bühne überdrehte, ironische Distanz, das kothurn’sche Pathos sieht sich zum gummistiefeligen Nonsense erhöht, die Sprache schwankt zwischen Alltagssprech und absurder Abgehobenheit – dazu eine Art Minimal Music, mal sperrig, mal schmissig, und vier Darsteller, die, obwohl klassisch auf die Rollen verteilt, wirken, als hätte sich ein Haufen Spielverliebter zum Revuespaß versammelt.

Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger geben ein aufgeklärtes Herrscherpaar Ägisth und Klytaimnestra. Sie ist er und er ist sie, der große Mann im Damenhosenanzug, der apart die Drehbühne zum Weiterkommen für sich selbst und für die Heimat nutzt, die zarte Frau mit Herrenkoteletten, Hochprozentiges süffelnd und die Frückstücksrituale hochhaltend. Gemeinsam haben die beiden nach der Ermordung Agamemnons einen modernen, prosperierenden Staat aufgebaut. Aber ach, sie setzen ganz auf die Töpfer und deren Erzeugnisse, die Landwirtschaft ist ihnen weniger Anliegen.

Das muss der mit einem Landwirt zwangsverheirateten und früh verwitweten Tochter Elektra sauer aufstoßen. Die Biobäuerin sieht ihren Lebensstil bedroht, durch den Regierungsstil ihrer Mutter, die ein ganzes Volk zu „KulturschmarotzerInnen“ umerzieht. Sophia Löffler singt die Partie bis in die höchsten Töne. Als Orest taucht schließlich Jesse Inman auf, als in Havard geschulter neoliberaler Unternehmer aus dem US-Exil, ein Überdrüber-Ami, der Kapitalismus-Ikone Ayn Rand gelesen hat und der Family Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung erläutert. Als Chor und DJane fungiert Mirella Kassowitz, die eine luftige Loge in der Hinterwand bezogen hat.

Als endlich alle Charaktere in ihren neuüberschriebenen Positionen eingeführt und der Konnex zum antiken Fluch der Tantaliden, zur Opferung der Iphigenie, dem Töten Agamemnons etc. etc. gezogen ist, entfaltet sich auch noch so etwas wie Handlung: Das Geschwisterpaar will die Mutter töten, doch weil Orests Vorhaben misslingt, muss sich Elektra schließlich selbst bewaffnen und reinen Tisch machen. Sie erschießt Klytaimnestra und Orest in der Badewanne, in der mythologisch betrachtet der Vater ums Leben gebracht wurde – und errichtet einen reaktionären Ökostaat.

Jesse Inman als Orest mit Schindegger und Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Die Biobäuerin bewaffnet sich und richtet endlich das Blutbad an: Sophia Löffler als Elektra. Bild: © Matthias Heschl

Auf den Jubel des Volkes folgt die Ernüchterung – Ägisth berichtet dies aus der Zukunft -, dass sie alle Sozialstaatlichkeit zugunsten der Landwirtschaft abgeschafft hat. Spätestens nun wird klar, dass das Schauspielhaus-Team wie immer klug im Klamauk eine Aussage zur Lage der Nation getroffen hat. „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“ ist ein Spiel um Ideologien, um Rechts- und Staatsutopien; Ann Cotten legt den Finger in die Wunde ökonomischer Mechaniken und analysiert deren Werden, Wirken und Wert.

Wer im Tauziehen um Neoliberalismus und Traditionsverbundenheit Parallelen zur derzeitigen Regierungskoalition sehen will, scheint auf der richtigen Fährte zu sein. Aus alt mach‘ neue Trends, heißt es im Stück sinngemäß, „Wobei sich herausstellt, dass schon die Ebene des ,gesunden Menschenverstandes‘ eine offene Frage darstellt“ im Programmheft.

Video: www.youtube.com/watch?v=HovH5bzmT20

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2018

Schauspielhaus Wien: Blei

April 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spurensuche in kollektiven Gedächtnislücken

Zwiegespräch mit einem Zeitzeugen: Sebastian Schindegger und auf der Leinwand Zvonimir Springer. Bild: Matthias Heschl

Es ist die Geschichte, die ihr Großvater, der begnadete Geschichtenerzähler, nie erzählte: „Blei“. Benannt nach Bleiburg, nach Beilegung des unsinnigen Ortstafelstreits: auch slowenisch Pliberk, und nach dem Blei, das dort noch im Boden liegt. Munition und Waffen in einem Acker, der stummer Zeuge eines Kriegsmassakers ist. Geschehen im Mai 1945. Gräuel, die bis in die Jugoslawienkriege der 1990-Jahre, bis zu heutig-umstrittenen Gedenkfeiern nachwirken.

Und wie so oft bei derlei Schreckenstaten sind die Grenzziehungen Täter-Opfer, Gut-Böse, Überforderung-Mutwilligkeit nicht einfach zu ziehen. „Blei“ heißt die jüngste Produktion am Schauspielhaus Wien. Die junge Autorin Ivna Žic hat sich gemeinsam mit Hausherr Tomas Schweigen und seinem künstlerischen Team auf Spurensuche in ihrer Familiengeschichte begeben und ist dabei auf kollektive Gedächtnislücken gestoßen. Die Ergebnisse der Theaterrecherche, ein erster Work-in-Progress-Zwischenstand, sind teils auf Leinwand und live-synchronisiert zu sehen, teils als Dokudrama, für das Vera von Gunten, Jesse Inman, Sebastian Schindegger und Jacob Suske in verschiedene Positionen schlüpfen. Von der eigenen in die der Autorin (von Gunten zunehmend verzweifelnd in den Laptop hackend) und deren Großvater (Schindegger kettenrauchend in einer aufgebauten Wohnküche). Oder in die von Gottfried Glawar (Suske), der in Bleiburg ein Fundstückemuseum betreibt. Oder von Zvonimir Springer, einem der letzten noch lebenden Überlebenden …

Die Geschichte beginnt 1941. Hitler gibt Befehl zum Einmarsch in Jugoslawien, und Kroatien gründet sich als faschistischer Nazi-Puppenstaat neu. Die Geschäfte liegen in der Hand der Ustascha und deren „Führer“ Ante Pavelić, der nach seinem großen Vorbild den Genozid an Serben, Juden, Roma vorsieht. Schnitt. 8. Mai 1945. Die Partisanentruppen unter Tito, nunmehr bereits die „Jugoslawische Volksbefreiungsarmee“, dringen bis Zagreb vor. Das dortige Militär entscheidet sich für die Kapitulation, will sich jedoch den bereits hinter der slowenisch-österreichischen Grenze in Stellung gegangenen Briten ergeben.

Je nach Quelle 150.000 bis 300.000 Menschen sollen sich auf den Weg gemacht haben. Darunter viele Zivilisten, wie die Geschirr- und Kinderspielzeugfunde belegen. Doch die Soldaten immer noch schwer bewaffnet – und Hitlerverbündete. Weshalb ein ob der Massen in die Enge getriebener und mangels funktionierendem Feldtelefon von seinem Stab abgeschnittener Brigadier Scott – natürlich eine Rolle für Jesse Inman – die Schutzsuchenden „zwangsrepatriierte“. Was nun folgte, wird je nach Blickwinkel anders politisch instrumentalisiert, als Kreuzzug überschrieben oder als Todesmarsch vereinnahmt. Noch in Kärnten, außerhalb der Sichtweite der Briten, kam es zu ersten Hinrichtungen. Die Zahl der ums Leben Gekommenen – unklar, Teile ihres Hab und Guts – im Bleiburger Acker, mit dabei – Großvater Žic, bis zuletzt schweigsam …

In Großvaters Wohnküche. Bild: Matthias Heschl

Live-Kamera auf die Landkarte: Statt Soldaten begeben sich sinnbildlich Schachfiguren in Grenzsituationen. Bild: Matthias Heschl

Wollte er sich über seine Vergangenheit bedeckt halten oder war die Erinnerung zu schmerzhaft? Diese und andere Antworten gibt „Blei“ nicht, der Abend ist eher dazu angetan, weitere, neue Fragen aufzuwerfen – in langen Einstellungen sieht man die müden, durchgefrorenen Schauspielergesichter und wie sie sie denken -, und das ist ob der unterschiedlichen Lesarten der historisch eruierten Fakten gut so. Die Übersetzung des Dokumentarischen von der Leinwand ins Künstliche, ins Künstlerische der Bühne scheint der einzig mögliche Schachzug, einer für Nachgeborene schwierigen Einordnung der dort vorgestellten Erinnerungen beizukommen. Bleiburg bleibt ein Feld des Unsagbaren.

Am Ende, in einem starken, (nach so viel Realismus-Bemühen) poetischem Schlussbild, kapituliert auch das Schauspielhaus-Ensemble. Vor dem Nichtwissen, vor dem sowieso Nicht-Verstehen-Können. Es mehren sich die Zweifel am selbst gesuchten Projekt, an den eigenen Erkenntnismöglichkeiten, an der Chance generell, Geschichte fassen zu können. Aus x-en Erdsäcken wird auf der Spielfläche der Bleiburger Acker aufgeschüttet, man suhlt sich in einer dreckigen Vergangenheit, besudelt sich mit ihr. Ivna Žic, auf der Leinwand selbst präsent, will ihre Arbeit als Beginn eines Dialogs über eine (für sie anzunehmen schmerzhafte) Familienvergangenheit verstanden wissen. Als ein nie geführtes Gespräch mit dem Großvater. Nur so, über diesen persönlichen Zugang, ist die historische Dimension des Gezeigten im Schauspielhaus wohl zu deuten.

www.schauspielhaus.at

Wien, 22. 4. 2017

Schauspielhaus Wien: Frotzler-Fragmente. Eine postmonetäre Doppelconférence

März 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vertrauen wir auf die Muschel!

Hier wird die (halb-)nackte Wahrheit über die Macht und die Ohnmacht der Finanzmärkte ausgesprochen: Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Zeiten wie diese fordern von der Kunst Radikalität. Und die radikalste Form, radikal zu sein, ist einfach Spaß zu haben. Lachen ist gut fürs Gehirn, das haben Gelotologen kürzlich, Kabarettisten schon vor fast 140 Jahren festgestellt – dass mit Humor alles besser geht, auch politische Botschaften an das Publikum zu bringen. Nele Stuhler und Frank Rößler haben sich für ihr jüngstes Projekt diese Methodik einverleibt.

Die beiden Berliner, ihres Zeichens zwei Drittel der Performancegruppe FUX, legen mit „Frotzler-Fragmente. Eine postmonetäre Doppelconférence“ ihre erste Arbeit in Österreich, genauer: im Schauspielhaus Wien, vor. Es ist das Markenzeichen von FUX, bestehende Bühnenformate durch eigene Filter zu schicken und so zu etwas Neuem umzuwandeln. Die Arbeiten bewegen sich stets an der Schnittstelle von Sprech-, Musiktheater und Tanz, und nie fehlt es ihnen an Witz, Un- und Zweieindeutigkeit, Plattitüde und Übermut. Dies alles, um Zweifel an Bestehendem zu schüren und die Suche nach Unkonventionellem einzuleiten. Handeln statt mit dem Weltgeschehen hadern, ist die Devise, die an die Zuschauer weitergereicht wird, denn die Verhältnisse, sie sind schon so.

Apropos, Devise: Sie ist Teil des neuen FUX-Programms. Stuhler und Rößler haben die Achse Berlin-Wien geschlossen, indem sie beschlossen sich mit zwei Großen der Kleinkunst zu befassen – Karl Farkas und Erwin Piscator. Von ersterem entliehen sie die Doppelconférence, das Spiel des G’scheiten mit dem Blöden, von zweiterem seine Vision der politischen Revue und seinen Anspruch, ein „Trommelfeuer gegen die Passivität der Zuschauer“ zu entfachen.

„Menschen machen falsches Geld, und das Geld macht falsche Menschen“, ist ein berühmtes Farkas-Zitat. Es könnte als Motto über diesem Abend stehen, befassen sich die Texte doch mit den Mechanismen der Marktwirtschaft und dem Fehlverhalten von Finanzmärkten. Zwischen dem kaputt gegangenen Kommunismus und dem an die Grenzen seiner Kapazität gehenden Kapitalismus, muss es ein Drittes geben, sagen Stuhler und Rößler, und jonglieren lustvoll mit Alternativkonzepten und zeitgeistigen Schlagworten wie „Sharing Economy“ und „Open Source Project“ oder „Bedingungsloses Grundeinkommen“ und „Bargeldloser Zahlungsverkehr“.

Als treue Epigonen der beiden Godfathers of Performance switchen sie dabei zwischen Dys- und Utopien, changieren ihre Szenen zwischen skurril und surreal, verwenden sie alle gültigen Mittel von Klavierimprovisation und Bauchrednernummer bis zum Neudichten von aktuellen Schlagern. Da reimt sich Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ plötzlich auf „soziale Marktwirtschaft“, der Britney-Spears-Hit wird zu „Oops!…I paid it again“, Tokio Hotel singen „Nach dem Konsum“ und Bob Marley reggaet „No Money, No Cry“. Die Kostüme von Aleksandra Pavlovic erscheinen wie aus dem Cabaret Voltaire entliehen, und eindeutig Dada ist auch ihr Bühnenbild samt Showtreppe. Sketch reiht sich an Sketch, und weil’s um Geld und Güter, nicht aber um Güte geht, enden die Nummern per Blackout.

Von wegen Plastikgeld – endlich wird die Kunststoffmuschel als Zahlungsmittel entdeckt: Steffen Link, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Geschäfte und Profit machen sich am besten im Whirlpool. Darin als organisches Polymer: Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Simon Bauer und Steffen Link. Bild: © Matthias Heschl

Auf die Bühne gehoben wird das alles vom fabelhaften Schauspielhaus-Quartett Vassilissa Reznikoff, Simon Bauer, Steffen Link und Sebastian Schindegger. Mit spielerischer Leichtigkeit und doch hochkonzentriert sprechen sie die komplexesten Texte im Chor, Kanon oder Quodlibet; sie springen, blitzdichten, singen, geben abwechseln den spöttischen Verweigerer der Zu- und Umstände, heißt: den Frotzler, und stellen einmal mehr die Qualität des Ensembles unter Beweis, wenn es darum geht, mit entsprechend Hintersinn auch noch den größten Nonsens zu servieren. Schließlich gilt es den DAZ, den dümmsten anzunehmenden Zuschauer, dort abzuholen, wo er ist, im Un/Sinn, und ihn nicht mit endlosem Intellektuell-Quabla über die Krise als Normalzustand der Finanzwelt zu überfordern.

Apropos, Nonstop: Nicht nur Farkas und Piscator treten als Figuren auf, sondern auch Dieter Hallervorden, von Steffen Link eins a stimmimitiert. Der populäre „Palim Palim“-Sketch des Komikers ist gleichsam das Herzstück der „Frotzler-Fragmente“, und es ist ein Riesenspaß, wie er sich von Runde zu Runde mehr verändert, wie sich erst der Kaufmannsladen in die Europäische Zentralbank, dann der Kaufmann in Mario Draghi und schlussendlich die Tüte Pommes Frites in TLTRO II verwandeln. Ex-Investmentbanker Rainer Voss versucht verzweifelt die Filmdokumentation mit und über ihn, „Masters oft the Universe“, vorzustellen, kann aber kaum zu Wort kommen.

Die Heidenreich-Brüder Stefan und Ralph haben zwar mehr Erfolg, ihr Buch „Forderungen“ anzupreisen, doch scheitert Stefan an der Erklärung seines „Matching Algorithmus“, weil Ralph das Buch nicht gelesen hat … So heiter geht’s entlang der Menschheit monetärer Höllenfahrt, von der uneigennützig-naiven Gemeinschaft über die Entdeckung von Eigentum und ergo Tauschhandel bis zur Vergabe von Krediten und ergo dem dessen Zinsen geschuldeten Schulden machen. Der Wert der Dinge wird zum Lebewesen und lässt sich entsprechend verwöhnen, und weil das alles mit irgendjemandes Mittel bezahlt werden muss, lautet der Aufruf: Vertrauen wir auf die Muschel! Die ist, weil ja bargeldlos, selbstverständlich aus Plastik, und kann in Ermangelung fremder Federn auch als Showfächer Verwendung finden, wenn es gilt, den Abend Revue passieren zu lassen.

Am Ende also von Jubel, Trubel, Inszenierungsanarchie klatschte ein begeistertes Publikum nicht nur im Takt der Songs, sondern spendete auch so großzügig Applaus, dass Erwin Piscator ob so viel Zuschaueraktivität sicher erfreut gewesen wäre. Bleibt, noch einmal Karl Farkas zu zitieren: Schau’n Sie sich das an!

gruppefux.de

www.schauspielhaus.at

Wien, 12. 3. 2017

Schauspielhaus Wien: Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen …

Januar 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Institution lebt, doch ist sie leider sehr scheu

Sie haben eine Ausschreibung gewonnen: Katharina Farnleitner, Steffen Link und Simon Bauer mit EU-Stern Dolores Winkler. Bild: © Matthias Heschl

Sie haben eine Ausschreibung gewonnen: Katharina Farnleitner, Steffen Link und Simon Bauer mit EU-Stern Dolores Winkler. Bild: © Matthias Heschl

Die Produktion mit dem mutmaßlich längsten Titel der Saison hatte Freitag am Schauspielhaus Wien Premiere. Miroslava Svolikova schrieb „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ im vergangenen Jahr als Hans-Gratzer-Stipendiatin unter der Anleitung von Falk Richter.

Nun folgte die Uraufführung dieser Groteske, in der die Dramatikerin lustvoll die Leiden junger Kulturschaffender in einer sich in Selbstauflösung befindlichen Europäischen Union widerspiegelt. Drei Figuren jagt sie in einer Tour de Farce durch ein Assessment Center. Sie alle haben eine Ausschreibung gewonnen und sehen sich nun verpflichtet eine wichtige Aufgabe zu übernehmen. Welche ist allerdings nicht klar, findet sich auf einem Tisch doch nur eine Zettelbotschaft, die sie zur „Rettung der Onion“ aufruft. Die Verwirrung komplett macht der Umstand, dass sich der futuristische Raum, in dem sich das Trio eingefunden hat, als Museum entpuppt, das eine ganze Menge skurriler Exponate beherbergt. Und dann ist da noch der letzte verbliebene Stern der U/Onion, der sich nicht geschlagen geben will und zur Revitalisierung der Gemeinschaft aufruft …

Was Svolikova da verfasst hat, hat im höchsten Maße Komödienpotenzial. Mit viel Sinn für Humor – und, so ist anzunehmen, einem Schuss Selbstironie – nimmt sie den Bewerbungsalltag von Wettbewerblern aufs Korn, von jenen Idealisten, Künstlern und Schwärmern, die immer wieder von Neuem Anträge stellen, um Aufträge rittern und dabei der Auftragsbürokratie öfter ins offene Messer laufen, als dass die ihre Geldbörse öffnen würde. Eine prekäre Situation, die Svolikova in ihrem Stück mit Szenen voll Situationskomik kommentiert. Das Spiel ist freilich auch ein Spiel mit Sprache, mit Wortwitzeleien, die die Autorin durch Wortneuschöpfungen und -neudeutungen kreiert. Dem entsprechend bedient sich Regisseur Franz-Xaver Mayr des Instrumentariums der Boulevardklamotte. Er stattet die surreale Story mit einer gehörigen Portion Klamauk aus, als gelte es den Text durch Klipp-Klapp und andere Schenkelklopfer zu erden.

Simon Bauer, Steffen Link und Katharina Farnleitner hetzt er ohne Atempause über die von Michaela Flück erdachte Bühne, die drei als Prototypen akademischer Hilflosigkeit angesichts auftretender administrativer Probleme. Link gibt den hektisch-beflissenen Streber, Bauer mit vorgeschobenem Unterkiefer den dumben, nichts hinterfragenden Dienstleister, Farnleitner die allzeit und zu allen Bedingungen willige Auftragnehmerin.

Die Museumsführung mit Hologramm Sebastian Schindegger ... Bild: © Matthias Heschl

Die Museumsführung mit Hologramm Sebastian Schindegger … Bild: © Matthias Heschl

... endet in einer Schaumschlägerei. Bild: © Matthias Heschl

… endet in einer Schaumschlägerei. Bild: © Matthias Heschl

Zu dritt stemmen sie den Querbalken, den Svolikova in ihr Gedankengebäude eingezogen hat, die Frage nach dem Verbleib des Individuums und der Individualität im Vergleich zu Kraft und Stärke des Kollektivs, die Orientierungslosigkeit, die Identitätssuche, letztlich die Schuldfrage – das alles ist so sehr EUropäisch, dass es naturgemäß ohne Antwort bleiben will.

Dolores Winkler ist in diesem Setting nicht nur die Museumsreinigungskraft, sondern auch die „Regisseurin“, eine von denen, die schon alles gesehen, alles erlebt und alles gemacht haben – und ein einsamer übrig gebliebener Stern, der unter wimmerndem Wehklagen das Kollektiv beschwört, sind ihm die anderen Sterne doch in Richtung ihrer nationalistischen Heimatfronten auf und davon gelaufen.

Schließlich Auftritt Sebastian Schindegger als Hologramm. Mit Riff-Raff-Frisur und im Schlurfgang ist er der Führer durch ein Museum, das auf Besucher gar nicht eingestellt ist, weil ohnedies nie welche kommen. Nun aber kann er zeigen, was er an Schätzen hat. Einen abgekauten Kugelschreiber zum Verträge Unterzeichnen, die real existierende Mauer, abgekaute Fingernägel von früheren Kandidaten.

Dazu gibt’s im Schlafmodus zu verzehrende Pommes Frites – bekanntlich eine belgische Erfindung – und eine von oben herabkommende Schaumschlägerei. Die Institution ist zwar als lebendes Exponat an der Ausstellung beteiligt, aber leider nie zu sehen, die Institution, lässt das Hologramm wissen, ist nämlich sehr scheu …

Das Publikum im Schauspielhaus reagierte auf all diese assoziativen Andeutungen und Doppeldeutigkeiten höchst amüsiert. Sowohl Miroslava Svolikovas Text als auch dessen szenische Umsetzung durch Franz-Xaver Mayr wurden am Ende lautstark bejubelt. Und natürlich das Ensemble, das wie stets mit überbordender Spielfreude an die Sache herangeht. Katharina Farnleitner und Dolores Winkler fügen sich nahtlos in den Flow ein; erstere wird diese Spielzeit am Haus auch in „Kolhaaz (AT)“ zu sehen sein, diese feine, satirebegabte Schauspielerin, von der man gar nicht glauben mag, dass sie noch Studentin ist.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y4X-TOHCpco

www.schauspielhaus.at

Wien, 14. 1. 2016

Schauspielhaus Wien: Strotter

Mai 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spaziergang durch die Science Fiction

Bild: ©Susanne Einzenberger

Sinistre Gestalten strottern nächtens einmal um den Schauspielhaus-Block. Bild: ©Susanne Einzenberger

Das Bemerkenswerte ereignet sich an der Kreuzung Wasagasse/Berggasse. Da nimmt die Untergrundbewegung erstmals direkten Kontakt mit dem Grüppchen Fußgänger auf, will es auf seinen, auf den richtigen Weg locken – und erstaunlich, wie viele Menschen in diesem Spiel mit Illusionen trotzdem den Computeransagen aus dem Kopfhörer gehorchen und falsch abbiegen. Dabei steht auf den kleinen Straßenkarten, die einem eben zugesteckt wurden, doch ausdrücklich: Nicht auf die Stimme hören! So obrigkeitsgehorsam, also? Ein Mitläufer des Systems? Von der wiedergängerischen „Vernunft“ gleichgeschaltet? Diese Erfahrung bleibt allerdings der einzige Prüfstand, auf den man in dieser Produktion gestellt wird.

Das Schauspielhaus Wien begibt sich, der Tradition von Andreas Beck folgend, mit seinem Theater hinaus auf die Straße. „Strotter“ heißt der 75-minütige postapokalyptische Spaziergang durch die Science Fiction, zu dem Autor Thomas Köck und Intendant und Regisseur Tomas Schweigen laden. Inhalt ist, wie bei 99,9 Prozent aller Dystopien, die Menschheit hat sich und den Planeten fertig gemacht, ein totalitäres Regime die Macht übernommen, aber ein paar letzte Eigenständler leisten Widerstand. Köck, der vielgehypte Freidenker, hat vorweg als erste das Publikum von der Diktatur des Dramatikers errettet. Heißt: Er reißt etliches an, formuliert wenig aus, mag sein, er findet das waahnsinnig enigmatisch, mag sein, es ist ihm mehr nicht eingefallen, vielleicht hatte er auch einfach nicht so viel Zeit. Aber das hier ist ja Mitgrübel-Theater für Erwachsene und, ein Glück, aufs eigene Hirnkastl immerhin Verlass.

Und während Ray Bradbury und Philip K. Dick mit den Wachowski-Geschwistern Ringelreihen tanzen, geht’s vorbei an Wirtshaus und Tagesspa, um die zu begaffen, die sich verzweifelt in Resten von Zivilisation suhlen, auf den Gesichtern der Bridgeclub-Damen ist deutlich „Schon wieder die üblichen Irren!“ zu lesen, während man von THX 1138  angeleitet durch die Scheibe starrt; man bekommt im Hinterhof des Sigmund-Freud-Museums bedeutungsschwer Bier aus einem Müllcontainer serviert und … Was? Handlung? Ah ja, so etwas gibt’s in Ansätzen auch. Nur, dass THX 1138 hier nicht Robert Duvall, sondern Sophia Löffler ist, die streng genommen Omm zu sein hätte, aber … Was? Wie verwirrt? Na, man weiß ja, wie’s am Ende war. George Lucas ging mitten in der schönsten Verfolgungsjagd das Budget aus, weshalb der Flüchtige … und aus. Wie sich die Schicksale der Kreativköpfe vom Alsergrund bis zum Marin County doch offenbar gleichen.

Jesse Inman ist als Max so ein Flüchtling, entweder er aus der Zukunft oder das Publikum aus der Vergangenheit, das werden wir nicht verstanden haben müssen, jedenfalls er durch ganz Europa, und nun sucht er im Café Berg seine Freundin Anna alias Vassilissa Reznikoff, die Teil einer kommenden oder gewesenen Résistance ist, rage against the machine, von denen zwei die Zuschauer immer wieder umhüpfen, um die message an den Mann zu bringen. Weil, wo Schauspielhaus drauf steht, auch Schauspielhaus drin zu sein hat. Sebastian Schindegger und Steffen Link schildern sich hin und weg über die Manipulation der Massen, die Klimakatastrophe, ideologische Lügen inklusive der des Kapitalismus, und den Tod des Humanismus, weil Menschsein als Modell passé ist. Eine sich abmühende Endzeitdemo mit „Wacht auf!“-Transparenten, in einem Kellerloch dann Zeitungsausschnitte über Baschar al-Assad und E. T. und die Angst diverser Space Monkeys, über Mülldeponien und tödliche Mikroben und H. C. als letzten gewesenen Bundeskanzler.

„Wenn der Mensch aus der Geschichte lernt, dann dass alles immer schlimmer wird und die Ausreden schlechter“, heißt es. Nur bedeutet das nicht, dass die Komplettliste aller Anklagepunkte die Argumente präziser und schärfer werden lässt. Köck knallt einem ein Was-auf-diesem-Planeten-alles-schief-läuft-Quodlibet vor den Latz, huch, als ob man’s nicht gewusst hätte, und eigentlich ist die Analyse des Tatbestandes hier expliziter als seine Bestandsaufnahme. Stop trying to hit me and hit me. Und apropos, Matrix und so weiter, das Ganze endet in einer grindigen Fleischhauerei inmitten von virtuellem Fliegengesumm, weil im Keller ein paar Cryo-Untote gelagert sind, denen THX 1138 eine schöne, nein: nicht neue, sondern eben alte 2010er-Welt vorgaukelt. Denn damals wäre Veränderung noch möglich gewesen, aber wir haben’s ja vergeigt und werden daher nun auf unsere Zukunft vorbereitet.

Sebastian Schindegger und Steffen Link. Bild: ©Susanne Einzenberger

Sebastian Schindegger und Steffen Link: Wer einen Cryo-Schlafplatz kauft, … Bild: ©Susanne Einzenberger

Sebastian Schindegger. Bild: ©Susanne Einzenberger

… endet in einer grindigen Fleischhauerei: Sebastian Schindegger. Bild: ©Susanne Einzenberger

Draußen, also im Kopfhörer, Geschrei und Sirenen, „Des solltma verfilmen“, flüstert ein Wanderkamerad ins nebelige Halbdunkel, und somit kein Wunder, dass während rundum übers Theater-Desinteresse eines jüngeren Publikums gejammert wird, das Schauspielhaus sich diesbezüglich kaum beschweren kann – siehe auch „Cellar Door“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18916).

Wie’s ausgeht? Ehrlich jetzt? Das liegt bei progressiven Theatermachern wie Tomas Schweigen doch immer beim Betrachter. Mit Gruselspaß und Abenteuergänsehaut halt. Außerdem ist in Wien irgendwann Sperrstund‘. Mehr gibt’s nicht zu sagen. Mehr hat anscheinend auch keiner zu sagen. Dabei hätt‘ man durchaus mehr vertragen. Daran kränkelt die Arbeit von Köck und Schweigen nämlich, dass man immer denken muss, da wäre noch was Größeres drin gewesen, eine Explosion statt dieses Interruptus. Nur Mut, euer Publikum hält was aus! Das Tannhäuser Tor steht uns offen! Max Winter bespielsweise, der vom Austrofaschismus verbotene Journalist und Sozialreformer hat eine Reportage über die Strotter verfasst, „Ein Strottgang durch Wiener Kanäle“, in der er beschreibt, wie gesellschaftliche Randexistenzen ihr unteriridisches Leben fristen müssen. Darüber könnte man mal einen Theaterabend machen. Das wäre hochaktuell, von wegen working poor und der sich immer schneller ausbreitenden Armut in Österreich. Ah so, sein Vereintes-Europa-Roman „Die lebende Mumie“, der war … auch? Wirklich? Wo? Wie auch immer: We’ll be back.

www.schauspielhaus.at

Wien, 7. 5. 2016