Landestheater NÖ: Árpád Schillings „Erleichterung“

Dezember 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das bröckelnde Bürgerhaus ist schnell neu verputzt

Schriftsteller Felix kämpft mit mehr als nur einer Schreibblockade: Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Beim Satz, man könne doch alle Flüchtlinge in klimatisierten Bussen nach Wien schicken, wird natürlich gelacht. Sein Wahrheitsgehalt ist ja noch frisch im Gedächtnis. So ist das, wenn der ungarische Regisseur Árpád Schilling Theater macht, immer ein Versuch, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Seine jüngste Versuchsanordnung wurde Freitagabend am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt: „Erleichterung“. In diesem Fall eine Familiengeschichte. Das Politische im Privaten. Schilling zeigt, wie dünn der Firnis von Zivilisation und Zivilcourage ist, von dem wir uns zum ersten so gut geschützt, zur zweiteren so kämpferisch bereit fühlen. Er zeigt, wie schnell im Zweifelsfall eine gutbürgerliche Fassade bröckelt, und wie schnell sie sich neu verputzen lässt.

Eine messerscharfe Analyse. Schwarzer Humor. Die Gesellschaftsschelte sitzt diesmal in den eigenen Knochen. Freilich, Orbán weht’s durch alle offenen Ritzen dieses Abends. Schilling wurde vom Ausschuss für Nationale Sicherheit des ungarischen Parlaments zum „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt.

Darauf gilt es zu reagieren. Das Landestheater NÖ hat es getan, der steirische herbst, das Burgtheater, wo Schillings „Eiswind“ läuft, ebenfalls – auch dies ein Stück über die Fragilität der „Festung Europa“ und ein neues Salonfähig-Machen von Nationalismus …

Für St. Pölten haben Schilling und seine Co-Autorin Éva Zabezsinszkij zwei Handlungsstränge zu einer Geschichte verwoben. In deren Mittelpunkt steht der Schriftsteller Felix, der an mehr als nur einer Schreibblockade laboriert. Seine Frau Regina, die Vizebürgermeisterin der Stadt, engagiert sich für ein Asylbewerberheim; sein Vater Wolfie, nicht nur politisch der Platzhirsch, möchte stattdessen ein Sportcenter errichten. Das Töchterchen rebelliert.

Da offenbart Felix ein düsteres Geheimnis aus seiner Vergangenheit: Er hat vor 23 Jahren ein Kind mit dem Auto schwer verletzt und Fahrerflucht begangen. Im gehbehinderten Tankstellenwart Lukas glaubt er, dieses Kind zu erkennen. Die Familie lädt den Fremden ein. Doch als sich Tochter Johanna Lukas annähert, stellt die Mutter klar: So ein körperlich Versehrter passt ihr nicht ins Haus …

Johanna nähert sich dem behinderten Lukas: Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Versuch einer Aussprache zwischen Regina und Felix: Bettina Kerl und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

In bester Krétakör-Manier wird auf schwarzer Bühne gespielt. Das Saallicht ist an. Die Mittel, auch die darstellerischen, werden sparsam eingesetzt. Formal schnörkellos, dabei von großer Intensität und erzählerischer Dichte, so ist sie stets, Schillings Theatersprache. Wenige Versatzstücke, ein Tisch, ein paar Sessel, eine Matratze genügen. Eine Schokoladentorte wird auch zum Verdauungsendprodukt.

Michael Scherff spielt den Felix hart an der Grenze zur völligen Verzweiflung, er spielt sich im Wortsinn blutig. „Würde ich mich selbst erkennen, würde ich nie wieder schreiben“, sagt er an einer Stelle. Wie sein Gewissen kommt immer wieder eine Gegenstimme aus dem Zuschauerraum; es ist schon die von Lukas, Tim Breyvogel, der die ganze Aufführung über wie entfesselt agiert und eine körperliche Höchstleistung bietet.

Helmut Wiesinger ist als Patriarch Wolfie ganz Gemütsmensch, so lange alles nach seinem Willen geht. Bettina Kerl mimt als Regina die guten Absichten, die Frau, die Kleinstadt und Familie samt kindischem Ehemann managt, Cathrine Dumont ist als Johanna angemessen aufsässig.

Und dann treibt Schilling die Inszenierung in die Eskalation. Vorurteile werden für den eigenen Vorteil flugs gefällt. Opportunismus allüberall. Die ach so guten Menschen fallen aus ihren Mustern, wenn sie plötzlich von ihren Schutzbefohlenen selbst betroffen sind. Der Paradebehinderte ist nicht weniger Ausländerfeind als der Großunternehmer, nur wünscht er sich überdachte Fußballplätze statt des Sportcenters. Fragen kommen auf, wofür man Geld „rauswirft“, und wenn einer sagt, „Wo Araber sind, da gibt es auch Angst“, oder man müsse statt für sie „für die eigenen Krüppel“ was tun, dann ist das schon gruselig. Schilling fährt frontal ins Publikum.

Am Ende wird das Fremde entfernt worden sein. Wird geopfert worden sein fürs häusliche Wohlergehen. Die Familie hat sich gestritten und versöhnt. Man versammelt sich am Frühstückstisch, und Felix erklärt: „Ich habe eine Idee für einen neuen Roman.“ „Wir reden immer von Interessen, Interessen, Interessen …“, sagte Árpád Schilling in einem Interview, „die Menschenrechte interessieren weniger.“

Die Produktion ist bis 17. 2. am Landestheater Niederösterreich zu sehen, am 23. und 24. 1. gastiert das Haus damit an der Bühne Baden.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 12. 2017

Galerie der Komischen Künste: Schilling & Blum

März 2, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ärztecartoons und was sonst noch zum Kranklachen ist

Schilling & Blum: Hörsaal Bild: Galerie der Komischen Künste

Schilling & Blum: Hörsaal
Bild: Galerie der Komischen Künste

Am 10. März startet in der Galerie der Komischen Künste die Ausstellung „Wir wissen nicht, was Sie haben, aber es ist etwas Lateinisches!“. Zu sehen gibt es Cartoons über Ärzte und Krankheiten von Schilling & Blum. Ein junges und innovatives Cartoonistenduo, das sich gekonnt mit den Widrigkeiten des Lebens auf wunderbar komische Weise auseinandersetzt. Lachen ist bekanntlich gesund, und mit Humor betrachtet ist eh alles nur halb so schlimm.

Der Eintritt ist frei!

 

 

 

Zu den Künstlern: Schilling & Blum, das sind Michael Schilling, geboren 1983 in Mannheim, und Jan Blum, geboren 1981 in Euskirchen. Von Köln aus führen sie seit 2010 ihren Cartoon-Blog vomlebengezeichnet.de und veröffentlichen unter anderem in der Titanic, im Eulenspiegel und bei Spiegel Online.

www.komischekuenste.com

Wien, 2. 3. 2016

Who am I – Kein System ist sicher

September 29, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Rächer tragen seit jeher eine Maske

Elyas M'Barek ("Max"), Wotan Wilke Möhring ("Stephan"), Antoine Monot, Jr. ("Paul") und Tom Schilling ("Benjamin") in Sony Pictures' WHO AM I - KEIN SYSTEM IST SICHER. Bild: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Elyas M’Barek („Max“), Wotan Wilke Möhring („Stephan“), Antoine Monot, Jr. („Paul“) und Tom Schilling („Benjamin“) in Sony Pictures‘ WHO AM I – KEIN SYSTEM IST SICHER.
Bild: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Vergangenen Freitag lief in den heimischen Kinos „Who am I – Kein System ist sicher“ an. Der deutsche Film, im Herstellungsland bereits als erfolgreichster Thriller ever gefeiert, ist modernes, packendes Whistleblower-Kino. Mal sehen, ob sich daraus ein eigenes Genre entwickelt. Inhalt: Benjamin (Tom Schilling) ist unsichtbar, ein Niemand. Dies ändert sich schlagartig, als er plötzlich den charismatischen Max (den oberösterreichen Schauspieler Elyas M’Barek) kennenlernt. Auch wenn beide nach außen nicht unterschiedlicher sein könnten, so eint sie doch dasselbe Interesse: Hacken. Gemeinsam mit Max’ Freunden, dem impulsiven Stephan (Wotan Wilke Möhring) und dem paranoiden Paul (Antoine Monot, jr.), gründen sie die subversive Hackergruppe CLAY (CLOWNS LAUGHING @ YOU). CLAY provoziert mit Spaßaktionen und trifft den Nerv einer gesamten Generation. Zum ersten Mal in seinem Leben ist Benjamin ein Teil von etwas. Und sogar die attraktive Marie (Hannah Herzsprung) wird auf ihn aufmerksam. Zuerst sind die CLAY-Aktionen vor allem lustig, die Gruppe hat Nazis lächerlich gemacht oder der Finanzwirtschaft den Mittelfinger gezeigt. Doch Max hat immer höhere Ziele. So entwickelt das Quartett einen Coup, der alles in den Schatten stellen soll: eine Hackattacke auf den BND. Kurz darauf gibt es den ersten Toten… Und aus Spaß wird plötzlich Ernst, als die Gruppe auf das Fahndungsraster von BKA und Europol gerät. Gejagt von der Cybercrime-Ermittlerin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm), ist Benjamin jetzt kein Niemand mehr, sondern einer der meistgesuchten Hacker der Welt. Edward Snowden lässt grüßen …

Regisseur ist Baran bo Odar: „Die Welt der Hacker interessierte mich sofort“, sagt er, „aber ich wollte keine Nerds erzählen, die hinter ihrem Schreitisch sitzen und auf Tasten rumtippen. Ein Kinofilm soll unterhalten, da will man nicht dutzende Close Ups von Computerbildschirmen sehen und keiner versteht, was darauf eigentlich passiert. Ich besprach die Idee mit meiner Autoren-Partnerin Jantje Friese und noch am selben Abend fing es an in unseren Köpfen zu rattern. Wir fingen an zu recherchieren, unterschiedliche Ansätze zu verfolgen, bis wir endlich auf das gestoßen waren, was dem Thema Hacken für uns einen besonderen Kniff gab: Social Engineering. Die größte Kunst des Hackens. Die Manipulation von Menschen, um an Daten, Passwörter und geheime Informationen zu kommen. Endlich hatten wir eine Möglichkeit unsere Protagonisten in Aktion und fern vom Schreibtisch zu erzählen.“

Im Grunde haben sich Baran bo Odar und Jantje Friese eine Superheldenstory ausgedacht: Der schüchterne Außenseiter Benjamin, der plötzlich seine Superkraft entdeckt ist eine Art Spiderman an der Tastatur.  Tom Schilling: „Ich habe zur Vorbereitung und Einstimmung auf Benjamin ein paar Hackerbiografien gelesen. Kevin Mitnick zum Beispiel ist ein sehr berühmter Hacker aus den USA, der eine tolle Autobiografie geschrieben hat. Ich habe artverwandte Filme geguckt, aber auch ganz pragmatische Dinge wie einen Zehnfinger-Schreibkurs belegt. Ich war bis vor drei Jahren noch ohne Computer und habe bisher maximal mit zwei Fingern und sehr, sehr langsam geschrieben. Das wäre für die Rolle eher hinderlich gewesen. Hacker sind blitzschnell und schreiben mit zehn Fingern. Es wäre schwierig gewesen, wenn ich da irgendwie erst einmal das @-Zeichen hätte suchen müssen auf der Tastatur.“ Er lacht. Zum Helden gehört natürlich eine Truppe: der Scheiß‘-mich-nix-Typ Max (über seine Filmfigur sagt M’Barek: „Max ist auf jeden Fall jemand, der Leute sehr für sich vereinnahmen kann, ein charismatischer Siegertyp. Aber er ist auch nicht ganz ungefährlich, auch für Benjamin.“) und der mittelschwer durchgeknallte, extrovertierte, laute, aggressive, immer auf Krawall ausseiende Stephan. Er ist wie ein letzter Überlebender der 68er-Bewegung. Seine Botschaft ist klar: No system is safe! In Außeneinsätzen lässt er die Mitstreiter Occupy-Larven aufsetzen. Schließlich hat seit Zorro jeder Rächer seine Maske. Um die Rolle spielen zu können, hat Wotan Wilke Möhring sich vor jedem Drehtag vier Stunden Tattoos auf die Haut malen lassen: „Stephan ist eine vergleichsweise kleine Rolle, der will man natürlich einen Stempel aufdrücken. Man muss rüberbringen, dass sie eine Bedeutung hat und nicht nur einfach mitläuft. Er ist ein ausdrucksstarker Typ, der mit seinen Tattoos auffällt. Wenn ich Tattoos trage, dann will ich was zeigen, dann will ich mich nicht verstecken, sondern ich will mich veräußern. Das wollten wir betonen. Stephan ist ein Hacker-Veteran. Seine Biographie ist auf seinen Körper geschrieben. Das war die Idee der Tätowierungen.“

„Who am I – Kein System ist sicher“ kocht nicht auf Sparflamme. Während in den social medias Perversionen aller Art durch Anonymität versteckt werden können, fragt der Film nach den Menschen hinter den Bildschirmen. Das Unpersönliche wird durch großartige Charakterdarsteller persönlich und dadurch nachvollziehbar. Der Cyperkrimi punktet durch seine temporeiche Inszenierung und eine raffiniert verschachtelte Geschichte. Und er macht klar: Nicht alles, was im Netz steht, ist die Wahrheit, aber man kann die Wahrheit auch ins Netz stellen – und so Menschen in Massen informieren. Baran bo Odar hat sich an berühmten Mindfuck-Klassiker orientiert. Nun muss sein Film selber einer werden. An der Kinokasse sieht’s derweil gut aus …

www.whoami-film.de/site/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Us8FWjdZhWc

Wien, 29. 9. 2014