Volkstheater: Don Karlos

November 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Franzmeier funkelt wie ein Solitär

Einstürzende Altbauten: Steffi Krautz, Lukas Watzl, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es stand hier schon einmal anlässlich einer „Antigone“-Aufführung am Haus, das Sophokles-Stück müsse so gespielt eigentlich „Kreon“ heißen. Nun hat es Günter Franzmeier wieder getan. Als Spaniens König Philipp II. dominiert er mit seiner brillanten Performance die „Don Karlos“-Inszenierung von Barbara Wysocka am Volkstheater. Franzmeier funkelt wie ein Solitär, er macht aus dem Souverän einen modernen Chef im perfekt sitzenden grauen Anzug. Der reichste und mächtigste Mann seiner Welt gäbe sich gern gönnerhaft jovial, doch ist das eine bemühte Maskerade, frisst am absolutistischen Herrscher doch das Misstrauen gegen den Hof.

Fantastisch, wie Franzmeier seine Figur entwickelt. Vom ersten Auftritt in Aranjuez, wo er schneidend kalt seine Frau vor deren Entourage bloßstellt, über das Bild eines Einsamen, der sich, auf sich selbst zurückgeworfen, als Sklave seiner Staatsverpflichtungen zeigt, zum seelisch zerrissenen Vater, der der Inquisition seinen Sohn opfern wird. In einer von vielen vorzüglichen Szenen befragt Philipp sein Adressbuch nach einem spionagetauglichen Vertrauten. Blatt für Blatt reißt er aus der Ringmappe: „Tot! Besser tot! Was will der hier? Ich werfe ihn zu den Toten!“, bis er auf die Personalakte Posa stößt.

Wysocka, bereits weit über Polen hinaus als widerständige Regisseurin bekannt, hat bei ihrem Wien-Debüt reichlich richtig gemacht. Ihre auf die Schauspieler konzentrierte Arbeit lässt Schillers kompliziertes Intrigenspiel mit einer Intensität ablaufen, dass man gar nicht anders kann, als wie gebannt das Bühnengeschehen zu verfolgen. In erster Linie die Männerfiguren sind ihr gutfundiert und vielschichtig geraten, als Bühnenbild bietet Barbara Hanicka dazu martialische Architektur, einen zerfallenden Regierungsbunker an, auf den wichtige Textzitate projiziert werden, dessen Rückseite ihn allerdings als bloße Theaterkulisse enttarnt – die Macht nicht mehr als eine billige Bretterwand, die Masse wird später – „Ganz Madrid in Waffen!“ – in Form von Arbeitergesichtern darüber hinwegziehen.

Konfrontation in Höchstform: Sebastian Klein und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Don Karlos ein fiebriger Fürstensohn: Lukas Watzl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Interview sagte Wysocka, sie wolle mit „Don Karlos“ auf den aktuellen Demokratie-Abbau in Europa reagieren, und irgendwie muss man beim Betrachten der ernsten Schwarzweiß-Antlitze an die Solidarność denken, und was seither an Bürgerrechten erneut veruntreut wurde. Dass Hanicka als Versatzstücke Schreibmaschine, Drehscheibentelefon und Plattenspieler verwendet, wirft einen umso mehr zu deren Anfängen zu Beginn der 1980er-Jahre zurück. In diesem Setting spielt Lukas Watzl überzeugend den Don Karlos, weniger als jenen „schwachen Knaben“, den der König „mehr als das vereinigte Europa fürchtet“, denn als fiebrigen Fürstensohn.

Der Infant ist ein ungestüm und unglücklich Liebender, und Watzl zeigt ihn von Hormonen wie vom Vaterhass geschüttelt. Ausgestattet mit einer gehörigen Portion Borderline rennt er im Wortsinn beständig im Kreis und sich dabei doch nur den Hitzkopf an. Er ist aus Verzweiflung untätig, zwar kein Elegiebürscherl, sondern ein Energiebündel, nur kann er eben diese nicht bündeln, kann seine Emotionen nicht in den Griff kriegen, um Posas politisches Programm als neuer erster Mann im Staat umzusetzen.

Wie Watzl beeindruckt auch Sebastian Klein als Marquis von Posa, in seiner Darstellung ein kühler, kluger, auch manipulativer Realpolitiker, kein Aufklärer bis zur Selbstaufgabe, kein Sympath, sondern als Stratege ein ebenfalls sehr zeitgemäßer Charakter, an dessen Schachzügen bis zuletzt undurchschaubar bleibt, ob sie auf die helle oder dunkle Seite der Macht führen werden. Dass dieser Posa immer eine braune Reisetasche mit sich trägt, deren Inhalt er nie preisgibt, was Philipp zu der Frage „Was ist denn mit dieser Tasche?“ führt, schafft eine der humorvollen Stellen des Abends. In der Konfrontation mit Franzmeier läuft Klein, mit dem pathosfrei gesprochenen Satz von der Gedankenfreiheit ein Forensiker von Philipps abgetaner Staatsform, zur Höchstform auf.

Steffi Krautz gestaltet den Herzog von Alba als süffisanten, eiskalt kalkulierenden Ränkeschmied, der Don Karlos statt eines Schwertkampfs einen Kuss aufnötigt, ihrer Leistung steht Stefan Suske als verlogen schmeichlerischer Beichtvater Domingo, der hinter dem Rücken des Königs Gift und Galle spuckt, in nichts nach. Jan Thümer riskiert als Graf von Lerma von deren Niedertracht aufgerieben zu werden, vielleicht der Grund, warum man ihn auch als Opfer eines Autodafés erlebt. Ein brennend starkes Bild.

Läuft! Lukas Watzl und Sebastian Klein bringen Bewegung ins Spiel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefan Suske, Evi Kehrstephan und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Frauen neben Krautz haben unter der Führung von Wysocka keine Fortune. Sie setzen auf falsche Töne, Evi Kehrstephan als wie ein Waschweib keifende Elisabeth, Isabella Knöll als hysterisches Schulmädchen Eboli, der man nie und nimmer die elegant-heimtückische Quertreiberin abnimmt, und warum Claudia Sabitzer, als Oberhofmeisterin Olivarez eine Art Securityfrau, in Schreikrämpfe ausbrechen muss, versteht man sowieso nicht.

Erst Florentin Groll bringt als Großinquisitor wieder jene Qualität ins mitunter arg aufgeregte Spiel zurück, mit der Franzmeier die Aufführung begonnen hat. Mit leidenschaftsloser Brutalität fordert er von seinem „Schüler“ Philipp die Herausgabe Don Karlos‘, und der König ergibt sich nach kurzem Scheingefecht der katholischen Autorität.

Barbara Wysocka ist mit ihrer Inszenierung ein bemerkenswertes Statement zur politischen Gegenwart gelungen, und wiewohl ihr in der Überhitzung einiger Augenblicke die Gefährlichkeit dieses Ständig-nach-dem-Leben-Trachten im Stück immer wieder aus den Händen gleitet, entwirft sie mit ihrem finster-grauen ein zutiefst beunruhigendes Bild über die Mittel und Wege eines totalitären Regimes. Dafür gab es zur Premiere verdient langen Applaus.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2018

Bronski & Grünberg: Kabale & Liebe

April 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Friedrich Schiller in neuen Rollenbildern

Bild: © Philine Hofmann

Nach seinem überragenden Vorjahrs-„Philoktet“ am Volx/Margareten inszenierte Calle Fuhr nun im Bronski & Grünberg Theater Friedrich Schillers „Kabale & Liebe“.  Und die kleine, feine Bühne, die sich immer mehr zum Wiener Must See mausert, kann auch mit dieser Produktion ihre Erfolgsgeschichte beim Publikum fortschreiben. Fuhr versammelt eine Handvoll hervorragender junger Schauspieler um sich: Johannes Nussbaum, bekannt aus den ORF-„Vorstadtweibern“, „Chucks“-Entdeckung Anna Posch, Luka Vlatkovic, Nanette Waidmann und Laura Laufenberg. Ihnen zur Seite steht Patrick Seletzky als Präsident von Walter.

Mit seinem sehr klaren ästhetischen Konzept setzt Fuhr ganz auf die Wirkmacht des Wortes – und auf die seines Ensembles. Er hat Schiller ins Heute weitergedacht, ein paar Änderungen vorgenommen, so ist Vater Miller, dargestellt von Nanette Waidmann, nun eine liebevoll-emanzipierte Mutter, und immer wieder schleichen die Figuren durch die finsteren (Gedanken-)Gänge der Handlung, die ihnen nur eine Lichtschnur erhellt. „Bösewicht“ gibt es dennoch keinen.

Fuhr arbeitet stattdessen fein differenziert die Zwänge und Nöte von Menschen heraus, die sich ins Umfeld von Staatsgewalt begeben haben, und dort nun ums Überleben, zumindest aber ums eigene Fortkommen kämpfen müssen. So ist Luka Vlatkovic als Sekretare Wurm kein sinistrer Unmensch, sondern ein von Liebe und anderen Dämonen in die Intrige Getriebener, einer davon der Präsident, der ihn deutlich als Werkzeug für seine Machenschaften verwendet. Der Lady Milford darf Anna Posch den großen „Wohltäterin des Volkes“-Monolog angedeihen lassen, auch sie eine Art Gefangene des Hofes, an dem sie um die Reste ihres Rufes rittert. Intensiv ist dieses Spiel, und dass nicht jeder Schillersatz sitzt und sticht, mitunter Emotionen in hysterische Schreierei münden, dann wieder manches wie aufgesagt klingt, wird durch Momente großer Wahrhaftigkeit mehr als wett gemacht.

Für diese sorgt neben Vlatkovic allen voran Johannes Nussbaum als Ferdinand, dessen Verstörtheit ob der Umstände berührt, der Vater-Sohn-Konflikt noch mehr als sonst betont durch die herzliche Beziehung Luises – Laura Laufenberg – zur Mutter Miller. Dass Fuhr dabei niemals moralisch wertet, sondern die Zuschauer behutsam durch ein ambivalentes Figurentableau navigiert, dass er Friedrich Schiller darob mit neuen Rollenbildern versieht, macht den Abend zu einem besonderen. Diese „Kabale & Liebe“ kann wärmstens empfohlen werden.

www.bronski-gruenberg.at/

  1. 4. 2018

Theater in der Josefstadt: Maria Stuart

Januar 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Reclamheft hätte man mitbringen sollen

Elisabeth Rath und Sandra Cervik. Bild: Moritz Schell

Vorsicht, hier wird Theater gespielt! Auf diesen Punkt bringt es Regisseur Günter Krämer von Beginn seiner „Maria Stuart“-Inszenierung an der Josefstadt. Lautsprecherdurchsagen von der Abendregie, noch wird auf der Bühne Staub gesaugt, da tritt sie auf, die Diva, memoriert ihren Text, muss im Reclamheft nachlesen. Minuten später, mit weiß geschminktem Gesicht, wird sie Königin Elisabeth sein. Eine unerbittliche Herrscherin.

„Das ist neu“, flüstert jemand im Publikum. Und tatsächlich muss man sich in dieser Aufführung an vieles Neue gewöhnen. Manches erschließt sich, doch ebenso vieles nicht. Krämer hat sich von Schiller weitgehend gelöst, leider auch von dessen Sprache. Zwar versteht er „Maria Stuart“ sehr schön als Kammerspiel, macht daraus einen Kraftakt für eine Handvoll großartiger Schauspieler, zeigt eine durchgestylte, durchchoreografierte Arbeit, in der jede Geste sitzt – doch Motivationen? Nebbich! Wer was warum tut, geht in der würzigen Kürze unter. Vor allem die Handlungen der Herren erschließen sich nicht.

Hätte man ein Reclamheft mitbringen sollen? Krämer verzichtet auf den einleitenden ersten Akt, verzichtet auf alle guten Geister rund um Maria, die den Finsterlingen am Londoner Hof Widerpart zu geben bereit sind. Er beschränkt sich auf Leicester, Davison, Mortimer und den französischen Gesandten. Die Stuart tritt mit einer halben Stunde Verspätung auf, und zwar mit jenem Monolog aus Goethes „Iphigenie“, in dem sie das Land der Griechen mit der Seele sucht. Ein typischer Fall von „originell“ statt Original … Krämer verschiebt ganze Textpassagen, oktroyiert sie anderen Figuren auf, dichtet auch noch dazu.

Immerhin: Mit Sandra Cervik als Elisabeth und Tonio Arango als Leichester steht ihm ein erprobt großartiges Bühnenpaar zur Seite. Die Strippenzieherin und der Puppenspieler. Sie, Beherrscherin der in ihre Intrigen verstrickten Militärs, er, Politiker und Opportunist. Zu deren exaltiertem Tonfall, Cervik wird über Strecken zum Grimassenschneiden bis zur Knallchargigkeit verdammt, findet Elisabeth Rath als schottische Königin, als „die Fremde“, einen gänzlich anderen Klang. Angesiedelt zwischen fröhlicher Verzweiflung und einem Hauch Wahnsinn bietet sie ihre Sätze an, und immer hat man im Hinterkopf, dass dieser fabelhaften Schauspielerin bei mehr Anleitung mehr möglich gewesen wäre.

Sandra Cervik mit Tonio Arango. Bild: Moritz Schell

Am Höhepunkt der Aufführung treffen die beiden aufeinander, eine Wildsau blutet aus, Elisabeth kommt von der Jagd mit Armbrust und Schießbrille. Maria wird eine Gipsmaske zerbrechen, als sie von der endlich vorgesehenen Vollstreckung des Todesurteils erfährt. Was noch? Papierflieger. Sie verkünden Leichesters Flucht nach Frankreich. Roman Schmelzer als Davison ist ein sturschädeliger Uniformträger, Raphael von Bargen als Mortimer alles andere als ein hitzköpfiger Liebender und gänzlich charmebefreit, Florian Carove bleibt als Graf Aubespine blass. Der Applaus war enden wollend.

Video: www.youtube.com/watch?v=MF0F9LXWAlk

www.josefstadt.org

  1. 1. 2018

Matthias Hartmann inszeniert „Die Räuber“

September 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater als Live-Film – ein einmaliges Experiment

Schillers "Räuber" als Echtzeitdrama: Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco Koenig, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth, Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann. Bild: ServusTV

Schillers „Räuber“ als Echtzeitdrama: Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco König, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth, Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann. Bild: Servus TV

Am Schluss fordert Karl den Showdown, den ihm Schiller immer vorenthalten hat. Eine letzte Begegnung mit seinem Bruder Franz, und er soll sie bekommen, skizziert als dekadentes Graphic-Novel-Film-Fest, auf dem Franz imaginiert, er fliege aus dem Fenster, mit schwarzen Flügeln in die ewige Dunkelheit, während Karl ihn wie einen Stein zu seinen Füßen stürzen sieht. Tatsächlich bleibt dann doch die Hutschnur.

In dieser Art funktioniert also Matthias Hartmanns Neuinszenierung von „Die Räuber“. Der nunmehrige Kreativdirektor des Red Bull Media House erfand für Servus TV ein Format, das Theater in einen live gespielten Film transformiert, als Alternative für all die, wie er im Interview sagt, die abgefilmtes Guckkastentheater nicht mehr ertragen können. Wie er selbst übrigens. Unter Verwendung von elf Kameras, einer Vielzahl an Green-Screens, Spezial-Effekten und einer fulminanten Lichtregie hob er Schillers Sturm-und-Drang-Drama auf die Bühne des Salzburger Landestheaters, um es von dort Sonntagabend live auf den Fernsehschirm zu übertragen. Der ganze Film zum Nachsehen: www.youtube.com/watch?v=3qWWo6j4fQY

Besonders reizvoll war aber, sich die Sache online anzuschauen, konnte man da doch zwischen Kameraperspektiven wählen, auf die Making-Of- oder die Backstage-Kamera umschalten, und sich so zeitgleich das Spektakel aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten. Die Backstage-Aufnahmen zum Nachsehen: www.youtube.com/watch?v=CWPKIc_CQIM

Regisseur Matthias Hartmann mit Emanuel Fellmer und Friedrich von Thun als Franz und altem Moor. Bild: Leo Neumayr/ServusTV

Matthias Hartmann mit Emanuel Fellmer und Friedrich von Thun. Bild: Leo Neumayr/Servus TV

Im Hintergrund die Making-of-Kamera: Laurence Rupp als Karl Moor. Bild: ServusTV

Im Hintergrund die Making-of-Kamera: Laurence Rupp als Karl Moor. Bild: Servus TV

Doch auch im Fernsehen war das Bild mitunter in bis zu sechs einzelne unterteilt, immer wieder sieht man Menschen vor blinkenden Monitoren oder kulissenschiebende Bühnenarbeiter, damit dieser Effekt auch hier annähernd zustande kam. Der technische Aufwand, den der für die Gesamtleitung verantwortliche Parviz Mir-Ali und Video Supervisor Renée Abe betrieben, ist enorm. So waren etwa die Szenen mit der luxuriösen Besetzung Friedrich von Thun als altem Moor, ein Sir selbst im Verlies, Harald Serafin als unbestechlichen, sehr ernsthaften Daniel, Tobias Moretti als Pater oder Oliver Stokowski als durch den Krieg wie an der Moral versehrten Hermann vorproduziert, aber wurden mit dem Live-Geschehen, als wär’s eins-zu-eins gespielt, überblendet. Diese Sequenzen sind so gut gemacht, dass man zwei Mal hinschauen muss, und dies ja auch die Intention dahinter, um zu erkennen, was grad „echt“ ist und was nicht.

Die intensivste Szene dieser Art ist die zwischen Moretti und Laurence Rupp als Karl Moor, zweiterer ganz fabelhaft live auf der Bühne, ersterer via Video. Die beiden haben ja seit „Das jüngste Gericht“ Erfahrung als Filmgespann, aber wie da Moretti als sinistrer Geistlicher und Rupp als ehrhafter Räuberhauptmann in die Auseinandersetzung ums Christenmenschsein treten, das ist … Gänsehaut. Die schauspielerische Neu-Entdeckung des Abends ist allerdings Emanuel Fellmer, der als Franz Moor mit der Kamera und ergo mit dem Publikum spielt und kommuniziert; er sucht den Kontakt, sucht Verbündete für sein übles Tun, frech und unverblümt, und das sagt er einem sozusagen auch noch mitten ins Gesicht. Und weil die Bösewichte bekanntlich immer die besseren Rollen sind – auch Nico Ehrenteit überzeugt als „Chronist“ Spiegelberg, ein Schurke, der nicht nur den Moderator gibt, ins Werk und dessen Aufführungsgeschichte einführt, sondern auch die Schauspieler vorstellt. Ihm doch egal, dass Coco König als Amalia da noch im Bademantel ist.

Hartmann zeigt sich in all seinen Qualitäten, seine Lust am Spiel und seine Liebe zu den Schauspielern, er zeigt ein von ihm exzellent geführtes Ensemble und seinen Sinn für Humor. Etwa wenn Franz, vermeintlich ganz Herr des Geschehens, mit den Fingern schnippt, und hinter ihm der falsche Prospekt erscheint. Es wird, wie gesagt, per Hand gezeichnet, vor allem das Morden und Brandschatzen, eine Miniaturstadt geht in Flammen auf, das hat man zwar schon gesehen, ist als Effekt aber immer noch gut. Man wird bei der blutigen Folter Rollers, ihn stellt Wolf Danny Homann dar, nicht geschont, und was Schiller nicht niederschrieb, bei Hartmann darf er sich für den Hauptmann opfern. Und es wird gerappt, auch dafür eignen sich die Verse vorzüglich, für dieses trotzig-verzweifelte „Keinen Vater mehr, Keine Liebe mehr!“ Hartmann mischt Illusionen und Visionen, die Produktion hat die Schnittgeschwindigkeit eines Krimis.

Das zeigt die Backstage-Kamera: mit enormem Technikaufwand entstehen "Die Räuber". Bild: Leo Neumayr/ServusTV

Die Backstage-Kamera zeigt den enormen Technikaufwand, mit dem „Die Räuber“ live entstehen. Bild: Leo Neumayr/Servus TV

Nun mag die Inszenierung für Schiller-Experten und Räuber-Auskenner wie Schulfernsehen wirken, und dem einen oder anderen Puristen soll’s nicht gefallen, wenn dem von Ehrenteit vorgetragenen Erklärstück allzu viel Zeit und ergo in manchen Teilen auch die Schönheit von Schillers Sprache geopfert wird. Doch mag dies ein Weg sein, ein neues, ein junges Publikum zu den Klassikern zu holen.

Dafür hat sich Hartmann mit Co-Regisseur Michael Schachermaier auch den richtigen Mann an die Seite geholt. Die einzig wirkliche Kritik nämlich ist die Zeit. Neunzig Minuten, wiewohl Hartmann ohnedies ungeniert eine Viertelstunde überzogen hat, sind für Schillers „Räuber“, für die Tiefe und Tragweite des Werks, doch zu knapp bemessen. Aber da hatte wohl wieder einmal ein Fernsehredakteur seine Bedenken in punkto was man den TV-Zuschauern zumuten kann und darf … Matthias Hartmanns Live-Theater-Film ist ein gelungenes Experiment, ein einmaliger erster Versuch, an dem es nun mit Mut zu feilen gilt. Bravo! Bitte mehr davon!

Am 18. Oktober kommt die Produktion als Gastspiel ans Wiener Volkstheater: www.volkstheater.at.

www.servustv.com

www.salzburger-landestheater.at

Wien, 5. 9. 2016

Werk X: Räuber – das leben stiehlt auch nur vom tod (Schrei Schiller Schrei)

November 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Diesbezüglich ein paar Fragen

Ist Friedrich Schiller nicht gut genug? Zu wenig Sex Gewalt & Rock’n’Roll? Kann man einem heutigen Publikum Sturm-und-Drang-Texte nicht mehr zumuten? Hebt sich denn keine Kraft im Drang? Wieviel Übersteigerung verträgt ein sich inszenierendes Ego? Ist’s so, dass der auf Ewigkeiten hofft, der hier zu kurz gekommen ist? Warum Furcht statt Ehrfurcht vor der Sprache? Was Wunder, dass ringsum lall und LOL ist? Warum zum Schneckengang verderben, was Adlerflug geworden wäre? Wie originell ist verhaltensoriginell? Kann man für Geistes Stärke halten, was doch am Ende nur Verzweiflung ist? Warum gibt diesen Herbst jeder sein Theatermanifest ab, statt einfach Theater zu spielen?

Blankziehen, echt jetzt? Du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die deinige schon hat?

Wie nennt man in Österreich eine Veranstaltung, wo vorne einer plärrt, in der Erwartungshaltung, die ihm zuhören werden sein Geplärre abnicken? War Frontaltheater nicht schon alt, als ich noch jung war? Heute schon einen Menschen gefressen? Wie progressiv ist Pisse? Ist es wie beim Kind, das sich vor Mutti stellt und Olla, Olla, Olla! sagt, nicht weiß, was das sein soll, aber schon das es mit einem Pfui-Gack-Wort provoziert? Blut! war mein erster Gedanke, Blut! mein letzter? Schütt‘, Hermann, schütt‘ – Hermann? Warum liest keiner mehr ein Buch? Warum liest keiner mehr ein Stück? Ist das ein Hase, Franz?

Gehörte gegenseitiges Blutdruck messen zum Probenprozess? Habt ihr’s auch so gern, wenn’s brennt? Wie spät? Fort Schritt? Heim, Mann? Sind Lust und Spiel-Trieb abgeschafft? Hat denn keiner mehr einen Schwanz, dass alle ihr Hirn wichsen? Lernt noch jemand sprechen? Meinet ihr, die Harmonie der Welt werde durch diesen gottlosen Mißlaut gewinnen? Bemüht ihr euch oder seid ihr bemüht? Was kann eine gut stehende Schaubühne eigentlich wirken? Im Zweitberuf Messias? Europahymne, hä? Duldet mutig, Millionen? Kennt ihr Kurt Sowinetz? Was denkt sich Gott, wenn er Jürgen Gosch zu sich holt? Bist du eine Sau, und wenn ja, eine ziemliche? Sagt man nicht, es gebe eine bessere Welt, wo die Traurigen sich freuen, und die Liebenden sich wiedererkennen? Ist da jemand? Wie spät? Wer wird einmal meine Pension zahlen? Den Schwur vergessen? Was, willst du ewig leben? „Was tun?“, spricht Zeus.

Es ist leichter morden, als lebendig machen. Du hast mir eine kostbare Stunde gestohlen, sie werde dir an deinem Leben abgezogen. Ihr seht, ich kann auch witzig sein; aber mein Witz ist Skorpionstich.

Susanne Gschwendtner, Dennis Cubic, Wojo van Brouwer, Hanna Binder, Daniel Wagner Bild: © Yasmina Haddad

Susanne Gschwendtner, Dennis Cubic, Wojo van Brouwer, Hanna Binder, Daniel Wagner
Bild: © Yasmina Haddad

Werk X: Räuber – das leben stiehlt auch nur vom tod (Schrei Schiller Schrei). Inszenierung: Pedro Martins Beja. Mit: Susanne Gschwendtner, Dennis Cubic, Wojo van Brouwer, Hanna Binder und Daniel Wagner.

werk-x.at

Wien, 6. 11. 2015