Landestheater Niederösterreich: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

September 29, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt, die will betrogen sein

Tobias Artner als Felix Krull. Bild: Alexi Pelekanos

Ein letztes Abendmahl des Messias, der Heiland der Hochstapler umringt von seinen Jüngern, die an seinen Lippen hängen und ihn lernbegierig hochleben lassen, so beginnt Felix Hafner seine Fassung der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ am Landestheater Niederösterreich. „die wellt die will betrogen syn“ schrieb Sebastian Brant 1494 in seiner Moralsatire „Das Narrenschiff“.

Und Hafner filtert aus der Thomas Mann’schen Vorlage zum Stück die Frage, wie’s heut‘ um jenen blinden Fleck der Selbst- und Fremdwahrnehmung steht, an dem der Schein wichtiger wird als das Sein. „Anstatt sich mit unbequemen, komplexen Realitäten auseinanderzusetzen, entscheidet man sich gerne für den einfachen Schein, der unseren Wünschen entspricht, unser Handeln bestätigt und uns eine simple Wirklichkeit liefert.“

Schreibt Hafner im Programmheft über den „weltweiten Aufstieg zahlreicher Populisten“. Ansonsten lässt der Regisseur seine Arbeit von Tagesaktuellem unangetastet. Hafners Inszenierung ist so gescheit wie gewitzt. Man versteht auch so.

Da steht er also, Tobias Artner im schwarzglänzenden Artistendress mit dem tiefen Herren-Dekolleté, und legt Zeugnis ab, dieser Felix Krull, der „aus edlerem Stoff gebildet, aus feinerem Holz geschnitzt und von Natur aus bevorteilt und vornehm“ ist. Jede Geste eine Pantomime seiner Präpotenz, und gelingt ein Schwindel ganz besonders elegant, legt er zum Triumph einen Ecstatic Dance aufs Parkett hin, heißt: auf die lange Tafel. Was kann ein Sonntagskind dafür, dass es vom Schicksal bevorzugt wird?

Tobias Artner ist brillant als aalglatter Verführer, sein Krull ist ein Gaukler, ein Illusionist, ein Schelm, der sich mit Ehrgeiz und Selbstdisziplin, das muss man ihm lassen, in die Höhe pusht. Mit einer auch körpersprachlichen Geschmeidigkeit steigt er auf, dass es einem den Atem nimmt. Sein Charme und Charisma und die bestätigende, einschmeichelnde Rede sind seine effektivsten Waffen. Seine Tür- und Toröffner. Artner, mit diesem spitzbübischen Unschuldsgesicht, kann alles sein, was sein Gegenüber will, wie seine Figur Felix Krull ist er ein famoser Schauspieler.

Thomas Manns Roman beschreibt eine Zeit der weltpolitischen Krisen und gesellschaftlichen Verunsicherungen, und wie sich die Bilder gleichen. Mit viel Fingerspitzengefühl hat Hafner daraus für Artner des Hochstaplers Krull großartig hochgestochene Wortwahl destilliert, verschnörkelte Satzkonstruktionen und zum Schönreden gelegentlicher sprachlicher Patzer und Verirrungen im eigenen Lügengespinst Krulls en passant aufgeschnapptes Halbwissen. Doppelbödigkeiten, die dessen Darsteller nun mit Verve darbietet.

In Manns Mémoire-Parodie sind es die Leserinnen und Leser, die Felix Krull zu seinen Vertrauten macht, auf der Bühne schlüpfen als Gefolgsleute Laura Laufenberg, Tilman Rose, Michael Scherff und Nanette Waidmann in die verschiedensten Rollen, die Hafner sich aus dem üppigen Personal des Buches entliehen hat.

Tilman Rose, Nanette Waidmann, Laura Laufenberg, Michael Scherff und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Tilman Rose, Laura Laufenberg, Tobias Artner und Nanette Waidmann. Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg, Nanette Waidmann, Tobias Artner, Michael Scherff und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Tilman Rose, Michael Scherff, Tobias Artner, Laura Laufenberg und Nanette Waidmann. Bild: Alexi Pelekanos

Geplant war die Premiere schon für März und in der Theaterwerkstatt, #Corona-bedingt kam’s anders und zur Aufführung im Großen Haus, doch die übersiedelte Reduziertheit der Ausstattung von Anna Sörensen tut der Sache gut. Mit wie wenig Schnickschnack man doch hervorragendes Theater machen kann! Und so geht’s episodisch entlang der Lebensstationen des bankrotten Schaumweinfabrikanten Sohns, der mit seinen Lügen völlig im Reinen ist, von der mittels einer Epilepsie-Täuschung unbeschadet überstandenen Musterung übers Hotelleriegewerbe bis zur Aristokratenfälschung.

Dass all diese Übungen bei „Kroppzeug“ wie „Elite“ gelingen, liegt an jenen, die selbst und in doppeltem Sinne anstandslos vorgeben mehr zu sein, als da tatsächlich ist, und Krull, laut Mann von der Ungleichwertigkeit der Menschen und der bestehenden hierarchischen Ordnung zutiefst überzeugt (jede Ähnlichkeit mit wahlwerbenden Politikern ist …), bedient die Degouts und Ressentiments der High Society bis zur Prostitution – siehe Klosettschüsselfabrikantengattin Madame Houpflé, Nanette Waidmann intensiv wie stets, die Felix erst bestiehlt, bevor sie ihn, und das spielt Waidmann genüsslich aus, in irgendwas Sadomaso-Artiges zieht.

Unter rum sind die Damen und Herren ohnedies schon ohne, Krull, dies Objekt vielfältiger Begierden, hat ihnen längst die Hosen runtergezogen, Michael Scherff als gestrengem Stabsarzt und Suppe schlürfenden Schwyzer Hoteldirektor, Laura Laufenberg, die als kleinkrimineller, instinktiv seinesgleichen erkennender Küchengehilfe Stanko ein Pumphöschen und als portugiesischer König ein Wählscheibentelefon trägt, Tilman Rose als leicht trotteligem, standesdünkelnden Marquis de Venosta. Die fantastischen Vier machen aus jeder Figur eine Type, aus jedem Auftritt ein Kabinettstück, sie sind Artners clowneske Mit- und Gegenspieler, mehr Scherenschnitte als Charaktere, doch passt das wie der sehr ausagierte Spielstil zum Zirzensischen der Inszenierung.

Die Welt als Varieté, und ja: sie will betrogen sein. Felix Krulls „stilisierte Einzigartigkeit ist paradoxerweise die Grundlage seiner Wandlungsfähigkeit. Diese Selbst-Ikonisierung ist zentraler Gegenstand der Inszenierung“, so Hafner. Und da lacht das Publikum, wenn zum Schluss über Felix orakelt wird – wird er nun Wirtschaftsboss oder populistischer Politiker? Karriere-Journalist oder Motivationscoach, gar ein TED-Talker? Das gülden durchwirkte Sakko passt jedenfalls schon einmal wie angegossen. Am Ende endlich die Apotheose – ein letztes Erscheinen mit Heiligenschein. Da muss man den Schwindler doch ins kollektive Gebet einschließen.Awakening Austria“ oder: Österreich, erwache!

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  1. 9. 2020

Landestheater NÖ: Molières Schule der Frauen

September 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti, Michael Scherff, Laura Laufenberg, Tim Breyvogel, Tobias Artner und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité! Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia

dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt.

Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt. Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung. Was dem präfeministisch kritikasternden Climène im allgemeinen Chaos auch mal eine für Arnolphe gedachte Ohrfeige einbringt, wohingegen die Position der Uranie im Damenfrack eine abgeklärt-belustigte ist.

Sätze wie „Ihr Frauen habt die Pflicht, uns untertan zu sein“ wollen erst einmal gesagt, Weltbilder, wie das von der Frau als Suppe, in die ein Fremder seinen Löffel tunkt, erst einmal ausgesprochen sein, ehe/wehe man sich zu lachen traut. „Wer macht denn heute noch sowas?“, empört sich Climène. Und nur so, genau so kann man’s machen, dieses ein wenig aus der Zeit gekippte Stück, in dem ein reicher Mann ein Mädchen in vollkommener Abgeschiedenheit zur Unterwürfigkeit, heißt: pflegeleichten Gattin erziehen und sie sicherheitshalber ungebildet lässt, weil: „Die Dumme frei’n heißt, nicht der Dumme werden! Frauen mit Geist – das bringt Beschwerden“. Bis die Ziehtochter bereit ist fürs Heiraten. Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers in die Quere kommt.

Artner, Scherff im Schwitzkasten, Rose und Breyvogel: Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

*Fußnote: Pikanter Fakt zur Fiktion ist, dass der 40-jährige Molière just 1662 die zwanzig Jahre jüngere Armande Béjart ehelichte, sie seit Kindesbeinen Schauspielerin in seiner Theatertruppe und offiziell die jüngere Schwester seiner Ex-Geliebten Madeleine Béjart, in Pamphleten aber als deren uneheliche Tochter, sogar Molières Kind geoutet – Blutschande! Was nichts daran ändert, dass Armande Molière gleich nach der Hochzeitsnacht betrogen haben soll, aber Arnolphes Fremdgeh-Paranoia erklärt.

Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren. Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Alles Tango! Rupperti, Rose, Breyvogel, Kelz, Laufenberg und Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain, Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt.

Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusst wird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen. Dies endet in einem Tauziehen mit Arnolphe, einem gegenseitigen Einwickeln, bis er sie als Paket von der Bühne schleppen kann. Würde enden. Denn auf der Zielgeraden dieser Hochgeschwindigkeits-Inszenierung kratzt Molière die Kurve, Tobias Artner erscheint mit Paten-Stimme und Rabenschwingen als Horaces Vater Oronte, um ihn mit der Tochter eines gewissen Enrique zu verheiraten. Und der, Tim Breyvogel als fransengeflügelter Deus ex USA im güldenen Ami-Schlitten, ist Agnès‘ leiblicher Vater.

Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser. Michael Scherffs Climène hält ein Plädoyer gegen männlichen Despotismus und wirbt um Verständnis zwischen Mann und Frau. Ihm selbst bleibt die Liebe verwehrt. Mit seiner bierernsten Art hat er sich bei der komödien-begeisterten Frau lächerlich gemacht. Uranie lässt ihn abblitzen. Fürs Erste, wie sie betont, und Scherff singt mit Michel-Sardou-Timbre „La maladie d’amour“. Und der Flow, der den ganzen Abend zwischen Bühne und Zuschauerraum floss, entlud sich in viel Jubel und Applaus – auch wenn der Saal nur halb gefüllt war. Fürchtet euch nicht, kommet und amüsiert euch, die #Corona-Sicherheitsmaßnahmen im Landestheater sind top!

Zu Gast an der Bühne Baden, Dienstag 17. und Mittwoch 18.11., 19.30 Uhr.

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  1. 9. 2020

Landestheater NÖ: Quasi Jedermann

Januar 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Verschluckt an der österreichischen Seele

Herr Karl hoch fünf: Michael Scherff, Tobias Artner, Tim Breyvogel , Hanna Binder und Josephine Bloéb teilen sich den Qualtinger-Monolog. Bild: Alexi Pelekanos

Wer ist denn dieser Querulant im Publikum? Zuschauer drehen sich zu dem Mann in der Reihe hinter ihnen um, dem’s nicht passt, dass da vorn nix weidageht, und der sich ausdauernd darüber beschwert. Lauta Weiba, sagt er mit Blick auf die Besetzungsliste, und drei Piefke, des haaßt deutscher Humor gegen unsan Schmäh, und erklimmt auch schon die Bühne, steigert sich hoch, vom Privaten ins Politische, und steigert sich rein, von Voreingenommenheit zum Vorurteil zur Verurteilung.

Weil, auch wenn St. Pölten nicht Wien ist, da kennt sich einer aus mit Frühaufstehen und Wachsein. „Mir brauchen se gar nix erzählen.“ Mit diesem Satz beginnt Helmut Qualtingers „Der Herr Karl“ und nun auch der Abend zu seinen Ehren – „Quasi Jedermann“ am Landestheater Niederösterreich. Für den sich Schauspieler Michael Scherff eben jenen brillant beckmesserischen Prolog verfasste. Regisseurin Christina Tscharyiski, die zuletzt mit der Stefanie-Sargnagel-Collage „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ im Rabenhof überzeugte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), hat zum 90. Geburtstag des Satiregenies Qualtinger etliche von dessen in Zusammenarbeit mit Carl Merz entstandenen Texte zu einem Ganzen verbunden.

Als Klammer dient selbstverständlich die Lebensbeichte des berühmt-berüchtigten Feinkost-Lageristen, und es überrascht, wie neu diese klingt, man hat ja das Original „quasi“ im Ohr, wenn die Widersprüche, in die sich der ewige Raunzer verstrickt, auf mehrere Stimmen aufgeteilt gleich einer Vox populi werden. Mit Scherff spielen Tobias Artner, Hanna Binder, Josephine Bloéb und Tim Breyvogel, und die fünf verstehen es meisterlich ein Herr-Karl-Gefühl aufkommen zu lassen, wenn sie einen weit hinunter in dessen österreichische Seele blicken lassen, so dass man sich am Lachen über deren Abgründe schnell einmal verschluckt.

Burschenschafter am Würstelstand: Tim Breyvogel und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Rosen für die Trottoirschwalbe: Josephine Bloéb und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Die Darsteller wissen die Pointen treffsicher zu setzen, sie bringen Qualtingers schwarzhumorigen Tiefsinn, seine bitterböse Verzweiflung ob herrschender Verhältnisse, seine urkomischen Dialoge angetan als Burschenschafter, Rosenverkäufer oder Heurigenbesucher, die Kostüme sind von Miriam Draxl, auf den Punkt. Als Bühnenbild hat ihnen Sarah Sassen einen Pflock hingestellt, der durch Drehung zu Blumen- oder Würstelstand wird, aber auch wie eine Bunkeranlage wirkt.

Tscharyiskis Text-Auslese reicht vom Travnicek-Sketch über „Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben“ und „Jahrhunderte blicken herab“ bis zur Striptease-Familie. Und wie sie sich bei „Ja, eh!“ Liedermacher Voodoo Jürgens als musikalischen Zeremonienmeister holte, sind diesmal die Wienerlied-Beatboxer Wiener Blond mit von der Partie.

Verena Doublier und Sebastian Radon, unterstützt vom Kontrabassisten Navid Djawadi, sind in hohem Maße mitverantwortlich für diesen gewissen anderen, den lapidaren Tonfall der Aufführung. Verkleidet als Country-Duo animieren Doublier und Radon das Ensemble zum „Vereinsmeier Bossa“ und verleiten es bei „Da liegt ana, da pickt ana“ zum Can Can.

Und weil Wiener Blond wissen, wo das goldene Wienerherz schlägt, geht’s liedtechnisch auch in den „Gemeindebau“ oder lassen sie in „I kumm ned weida“ wissen „Lieber das Krügerl vuam Gsicht, ois die Hackn im Kreuz. Lieber a Leber voi Gift, ois a Pantscherl des eh kaan mehr gfreut“. Das passt zum Qualtinger wie Arsch auf Eimer, um noch mal auf die Nachbarn zu sprechen zu kommen. Hanna Binder berlinert sich mitunter durchs heimische Idiom, sagt sie Hitler, wird daraus ein Schluckauf-Hicks, will sie „Die Bürgschaft“ rezitieren, wird ihr das Aufsagen von Terroristenlyrik so lange verboten, bis sie beim Gabalier’schen „Hulapalu“ landet. Dessen Hodi odi ohh di ho di eh auf klassische Art vorgetragen, das hat was … Michael Scherff wiederum mutiert zu St. Pöltens Antwort auf Charles Aznavour und erläutert seinen migrantischen Mitspielern, dass Lavendel nicht zwangsläufig eine lila Pflanze ist. Und apropos, Lippenblütler, geschüttelt, heißt: gereimt, wird auch. Auf Teufel komm‘ raus und tief unter der Gürtellinie.

Wiener Blond im Country-Look und mit Kontrabassist: Verena Doublier, Navid Djawadi und Sebastian Radon. Bild: Alexi Pelekanos

Josephine Bloéb singt als Trottoirschwalbe mit hinreißender Hingabe das Leopold/Werner-Lied „I schupf alles nur mit l’amour“, und erklärt Tobias Artner Tim Breyvogel, er habe vor der nächsten Wahl eine Operation vor, meint er damit keinen politischen Rechtsruck, sondern seinen Leistenbruch. Mit ihrer Hommage „Quasi Jedermann“ gelingt Christina Tscharyiski politisch-poetisches Volkstheater, das sich dem großen Vorbild als durchaus würdig erweist.

Sie treibt den Stachel, den Qualtinger einst einer geschichtsverleugnenden Nachkriegszeit ins Fleisch bohrte, der neu aufkommenden Kleingeistigkeit ins Gehirn. Eine Tiefenbohrung, die bei allem Freilegen gesellschaftlicher Tatbestände trotzdem auch Riesenspaß macht. Zum Schluss servieren Wiener Blond endlich, worauf alles gewartet hat: Qualtingers Greatest-Hits-Medley, vom „G’schupften Ferdl“ übern „Bundesbahnblues“ bis zum Papa, der’s schon richten wird.

Vorstellungen am Landestheater bis 9. März, zu Gast an der Bühne Baden am 23. August.

www.landestheater.net          www.wienerblond.at          www.buehnebaden.at

  1. 1. 2019

Landestheater NÖ: Um die Wette

September 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerangel um den nächstgrößeren Fauteuil

Der Großbürgerliche-Welt-Schwindel als gigantisches Sitzmöbel: Martin Brunnemann, Cathrine Dumont, Tilman Rose, Gisa Flake und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Und schon schwebt der nächste von der Decke herab, wieder massiver, wieder wuchtiger als sein Vorgänger. Ein Symbol für den Größenwahn von Kleinbürgern, deren Hang zur Hautevolee hier in immer schwereren und schwerer zu erklimmenden Sitzmöbeln symbolisiert wird. Isabelle Kittnar, zuständig auch für die knallbunten Kostüme, hat sich das köstlich kuriose Bühnenbild einfallen lassen. Für Philipp Moschitz‘ Inszenierung von Eugène Labiches Komödie „Um die Wette“ am Landestheater Niederösterreich.

Die war am Premierenabend ein voller Publikumserfolg. Kein Wunder, lässt Moschitz den Wortwitz und die unzähligen Bonmots des französischen Lustspieldichters von seinen fabelhaften Darstellern doch höchst präzise über die Rampe bringen. Das Tempo der Aufführung ist hoch, das Timing stimmt, und ein wenig Klipp-Klapp darf auch sein, wenn sich die Schauspieler unter den Zuschauern Verbündete für die jeweils eigene Sache suchen. Ein Herr in den vorderen Reihen wird so kurzerhand zum Kutscher, und kommt den Rest des Abends nicht mehr von der Schaufel runter.

In „Um die Wette“ geht es, so bei Labiche üblich, um Schein und Sein des Mittelstands. Emmeline und Frédéric, hoffnungsvoller Nachwuchs der Familien Malingear und Ratinois, haben sich in einander verguckt. Die Eltern stehen der Verbindung grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber, nur: wie ist das mit den finanziellen Verhältnissen? Weil jedes Paar die des anderen als die höheren einschätzt, beginnt ein Wettrüsten, um vermeintlichen Reichtum vorzutäuschen. Mit Fantasie und viel Aufwand werden Ansehen, Wohl- und Bildungsstand großzügig nach oben korrigiert. Doch als es schließlich um die Mitgift für das junge Glück geht, drohen die mühsam errichteten Kartenhäuser zusammenzubrechen …

Die Meister im Rauflizitieren sind Gisa Flake und Michael Scherff als die Malingears und Cathrine Dumont und Tilman Rose als Ehepaar Ratinois. In bis auf einen Spiegelrahmen identen Salons läuft ihr Spiel ab, unter den Schwindlern die Frauen die Drahtzieherinnen, die Männer deren Erfüllungsgehilfen. Wunderbar die Damen im Wettstreit, Dumont, die ihre Constance vom Hausbackenen ins Hochherrschaftliche changieren lässt, Flake als Blanche Malingear von Haus aus mondän im Selbstgenähten. Gisa Flake, die Braunschweiger Schauspielerin und Sängerin, derzeit auch in der Til-Schweiger-Komödie „Klassentreffen 1.0“ im Kino zu sehen, ist einfach eine Wucht, ein über die Bühne tobendes Temperamentsbündel mit einer Röhre, dass die Wände wackeln.

Mit „Money Money Money“ gelingt das Eheschmieden: Michael Scherff, Gisa Flake, Martin Brunnemann, Laura Laufenberg, Anton Widauer, Cathrine Dumont und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Noch haben die Ratinois den kleineren Fauteuil: Anton Widauer, Tilman Rose und Cathrine Dumont. Bild: Alexi Pelekanos

Überhaupt ist das Ensemble musikalisch wie turnerisch top, singt – auch dies natürlich in Konkurrenz zu einander – Eurythmics, Edith Piaf und Abba, klettert und kraxelt – je nach Vermögen, dies im doppelten Wortsinn – über die prestigeträchtigen Polstersessel. Michael Scherff lässt sich gar einmal einklatschen wie ein Leichtathlet, bevor er die nächste Höhe nimmt. Sein Malingear ist ein gutmütiger Tropf, der sich von Roses im Innersten hasenfüßigem Ratinois über die Hürden jagen lässt.

Laura Laufenberg und Anton Widauer beäugen dies Treiben als Emmeline und Frédéric mit zunehmender Skepsis, sie mit dem Potenzial zum durchsetzungskräftigen Trotzkopf, er schon jetzt in der Spur zum Pantoffelhelden. Wie zur Strafe muss er „La donna è mobile“ im Falsett singen. Martin Brunnemann schließlich macht auf Tausendsassa, gestaltet als diverse Diener und Dienstmädchen ironische Kabinettstücke – und wird am Ende als tatsächlich begüterter Onkel Robert dieses zu einem guten führen.

Philipp Moschitz ist mit dieser Regiearbeit ein wunderbarer Abend mit hohem Spaßfaktor gelungen. Als gleichsam Reverenz an einen ganz Großen der französischen Komödienzunft hat sich Moschitz Louis de Funès‘ legendären Spruch ausgeborgt und in seine Inszenierung eingebaut. Dessen „Nein! – Doch! – Ohh!“ ist als Dialog an Schlagfertigkeit aber auch kaum zu überbieten. Die Produktion ist am Landestheater Niederösterreich bis 22. Jänner zu sehen, Silvestervorstellungen um 16 und 20 Uhr, und zu Gast an der Bühne Baden am 29. und 30. Jänner.

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  1. 9. 2018

Landestheater NÖ: Der Revisor

Mai 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie eine Spinne im eigenen Lügennetz

Die Schauspieler als Kletterkünstler: Tim Breyvogel und Jevgenij Sitochin. Bild: Alexi Pelekanos

Beginnt die Beschreibung bei der Kulisse, so ein alter Rezensentenwitz, hat das in weiterer Folge meist nichts Gutes zu bedeuten. Nicht so am Landestheater Niederösterreich, wo Regisseur Sandy Lopičić und Bühnenbildner Michael Köpke mit der äußeren Form der Arbeit deren Innenwelt bloßlegen. Gogols „Der Revisor“ wird gegeben, und was fiele einem da zur Optik nicht alles ein.

Da ist im Wortsinn ein ganzes russisches Städtchen auf die schiefe Bahn geraten, haften sich dessen Bewohner gerade noch wie insektische Klebekünstler an der glatten Oberfläche an, während über ihnen der Chlestakow wie eine Spinne in seinem Lügennetz sitzt. Da wird geschlittert und geklettert, was das Zeug hält, und wer was Geheimes zu künden hat, agiert aus Luken aus dem Untergrund – wie Springteufel schnell wird daraus auf- und wieder abgetaucht. Hochmusikalisch ist Lopičićs Inszenierung außerdem, er selbst für die Arrangements zuständig lässt sich von Florian Fennes, Rina Kaçinari, Didi Kern und Imre Lichtenberger Bozoki unterstützen. Die, mit einer Art Commedia dell’arte-Masken, auch den einen oder anderen Dorfcharakter mimen, um ihren Mitbürgern die Flöten- (heißt in diesem Fall: Tuba, Trompete oder Klarinette) -töne beizubringen.

Lopičić versteht Gogols hinterlistige Komödie über betrogene Betrüger richtig als Groteske, er macht daraus eine Kasperliade, in der clownesk karikierte Gauner versuchen, einander mit ihren hysterischen Bestechungsversuchen zu übertrumpfen und zu retten, was noch zu retten ist. Was derlei reich an Slapstick und Klamauk ist, ist um reichlich Text ärmer. Lopičić lässt etliches davon weg, führt wenig Szenen bis zum Ende aus, die tiefere Bedeutung, das Maßgebliche dieser Parabel auf Korruption und Geisteskleinheit erschließt sich dennoch – dies immerhin eine Kunst, die nicht jeder schräge Bühnenspuk schafft.    

Auf die schiefe Bahn geraten: Jevgenij Sitochin, Tim Breyvogel, Michael Scherff, Josephine Bloéb und die Musiker. Bild: Alexi Pelekanos

Wer was Geheimes zu künden hat, agiert lieber aus dem Untergrund: Hanna Binder und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Vor der vielen harten Arbeit der durch die Szenerie turnenden Schauspieler, dem Tempo, dem Timing, vor Lopičićs gekonntem Feinschliff, gilt es den Hut zu ziehen. Tim Breyvogel gibt virtuos den insolventen Hochstapler, der sich für einen gestrengen Moskauer Beamten halten lässt, gekommen, um den moralischen Pegelstand im Städtchen zu vermessen, und der darob Panikreaktionen auslöst. Mit aufbrausender Süffisanz lehrt er vom Stadthauptmann abwärts alle Angst und Schrecken, wobei er selbst es ist, der fürchten muss, aufzufliegen. Breyvogel gelingt es im allgemeinen Tohuwabohu tadellos, die Ambivalenz seiner Figur zwischen hochfliegend und niedergeschmettert darzulegen.

An seiner Seite Jevgenij Sitochin als Ossip, Prototyp des schlauen Dieners, der zur Abreise mahnt, bevor alles zu spät ist. Michael Scherff brilliert als schmieriger Stadthauptmann, der so gern Tyrann sein möchte, aber von seinen Untergebenen unterspielt und wenig ernst genommen wird. Dazu agieren einwandfrei Katharina Haindl als seine seitensprungwillige Frau Anna und Josephine Bloéb als heiratswütige Tochter Marja, die den Revisor beide fest im Visier haben.

Und auch Tobias Artner und Hanna Binder können als Dobtschinski, Bobtschinksi (und flugs auch in alle anderen Einwohner verwandelt) ihr komödiantisches wie ihr akrobatisches Talent voll ausspielen.

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  1. 5. 2018