Landestheater NÖ: Der Revisor

Mai 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie eine Spinne im eigenen Lügennetz

Die Schauspieler als Kletterkünstler: Tim Breyvogel und Jevgenij Sitochin. Bild: Alexi Pelekanos

Beginnt die Beschreibung bei der Kulisse, so ein alter Rezensentenwitz, hat das in weiterer Folge meist nichts Gutes zu bedeuten. Nicht so am Landestheater Niederösterreich, wo Regisseur Sandy Lopičić und Bühnenbildner Michael Köpke mit der äußeren Form der Arbeit deren Innenwelt bloßlegen. Gogols „Der Revisor“ wird gegeben, und was fiele einem da zur Optik nicht alles ein.

Da ist im Wortsinn ein ganzes russisches Städtchen auf die schiefe Bahn geraten, haften sich dessen Bewohner gerade noch wie insektische Klebekünstler an der glatten Oberfläche an, während über ihnen der Chlestakow wie eine Spinne in seinem Lügennetz sitzt. Da wird geschlittert und geklettert, was das Zeug hält, und wer was Geheimes zu künden hat, agiert aus Luken aus dem Untergrund – wie Springteufel schnell wird daraus auf- und wieder abgetaucht. Hochmusikalisch ist Lopičićs Inszenierung außerdem, er selbst für die Arrangements zuständig lässt sich von Florian Fennes, Rina Kaçinari, Didi Kern und Imre Lichtenberger Bozoki unterstützen. Die, mit einer Art Commedia dell’arte-Masken, auch den einen oder anderen Dorfcharakter mimen, um ihren Mitbürgern die Flöten- (heißt in diesem Fall: Tuba, Trompete oder Klarinette) -töne beizubringen.

Lopičić versteht Gogols hinterlistige Komödie über betrogene Betrüger richtig als Groteske, er macht daraus eine Kasperliade, in der clownesk karikierte Gauner versuchen, einander mit ihren hysterischen Bestechungsversuchen zu übertrumpfen und zu retten, was noch zu retten ist. Was derlei reich an Slapstick und Klamauk ist, ist um reichlich Text ärmer. Lopičić lässt etliches davon weg, führt wenig Szenen bis zum Ende aus, die tiefere Bedeutung, das Maßgebliche dieser Parabel auf Korruption und Geisteskleinheit erschließt sich dennoch – dies immerhin eine Kunst, die nicht jeder schräge Bühnenspuk schafft.    

Auf die schiefe Bahn geraten: Jevgenij Sitochin, Tim Breyvogel, Michael Scherff, Josephine Bloéb und die Musiker. Bild: Alexi Pelekanos

Wer was Geheimes zu künden hat, agiert lieber aus dem Untergrund: Hanna Binder und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Vor der vielen harten Arbeit der durch die Szenerie turnenden Schauspieler, dem Tempo, dem Timing, vor Lopičićs gekonntem Feinschliff, gilt es den Hut zu ziehen. Tim Breyvogel gibt virtuos den insolventen Hochstapler, der sich für einen gestrengen Moskauer Beamten halten lässt, gekommen, um den moralischen Pegelstand im Städtchen zu vermessen, und der darob Panikreaktionen auslöst. Mit aufbrausender Süffisanz lehrt er vom Stadthauptmann abwärts alle Angst und Schrecken, wobei er selbst es ist, der fürchten muss, aufzufliegen. Breyvogel gelingt es im allgemeinen Tohuwabohu tadellos, die Ambivalenz seiner Figur zwischen hochfliegend und niedergeschmettert darzulegen.

An seiner Seite Jevgenij Sitochin als Ossip, Prototyp des schlauen Dieners, der zur Abreise mahnt, bevor alles zu spät ist. Michael Scherff brilliert als schmieriger Stadthauptmann, der so gern Tyrann sein möchte, aber von seinen Untergebenen unterspielt und wenig ernst genommen wird. Dazu agieren einwandfrei Katharina Haindl als seine seitensprungwillige Frau Anna und Josephine Bloéb als heiratswütige Tochter Marja, die den Revisor beide fest im Visier haben.

Und auch Tobias Artner und Hanna Binder können als Dobtschinski, Bobtschinksi (und flugs auch in alle anderen Einwohner verwandelt) ihr komödiantisches wie ihr akrobatisches Talent voll ausspielen.

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  1. 5. 2018

Landestheater NÖ: Der Zerrissene

März 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerald Votava spielt mit dem Publikum Nestroy

Schrieb auch die zusätzlichen Coupletstrophen: Gerald Votava mit Musiker Helmut Stippich. Bild: Alexi Pelkanos

Dass er auf der Bühne ebenso zu Hause ist, wie auf der Leinwand beweist Gerald Votava immer wieder gern. Nun spielt er am Landestheater Niederösterreich Nestroys „Der Zerrissene“. Die Posse vom fadisierten Millionär, der sich zwecks Nervenkitzel in eine Ehegeschichte und einen Raufhandel verstrickt, so dass er sich auf seinem Gut als vermeintlich „Kriminalischer“ verstecken muss – und dort die wahre Liebe findet.

Votava versteht sich auf ein augenzwinkerndes Spiel mit dem Publikum. Er gibt einen überspannten Herrn von Lips, der sich selbst zum Narren hält, changiert zwischen Süffisanz und Selbstzweifel, und weist darauf hin, dass hier einer in seinem Ennui nur Theater spielt, indem er die Sätze aus dem Nestroy’schen Schatzkästlein als das spricht, was sie längst geworden sind: Zitate. Nie lässt er dabei die Zuschauer aus seinem Blickfeld verschwinden, deren Einverständnis er für seine Taten einholt und die er sich beim Verwirrspiel zu Komplizen machen möchte.

Auch an den zusätzlichen Strophen zu den Couplets „Sich so zu verstell’n“ und „So gibt es halt allerhand Leut‘ auf der Welt“ hat Votava mitgetüftelt. Wie auch Regisseurin Sabine Derflinger, die die Aufführung tempo- und pointenreich inszeniert hat. Da wird eine Auseinandersetzung zwischen dem Herrn von Lips und Gluthammer zum Boxkampf in Zeitlupe und auch die berühmte „Gespensterszene“, in der die beiden sich als bereits Dahingeschiedene gegenüberzustehen glauben, zum Slapstick. Die Musik von Helmut Stippich hat Derflinger neben den Couplets zur Untermalung der Handlung wie in Stummfilmen eingesetzt.

Die vermeintlichen Freunde: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelkanos

Krautkopf versteckt Gluthammer: Haymon Maria Buttinger und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelkanos

Neben Votava spielen Tim Breyvogel, Tobias Artner und Stanislaus Dick die unangenehme Dreierbande Stifler, Sporner und Wixer. Cathrine Dumont ist eine geldgierige Madame Schleyer, Josephine Bloéb eine burschikose Kathi. Michael Scherff als rabiater Gluthammer und Haymon Maria Buttinger als Bauernphilosoph Krautkopf dominieren mit ihren Auftritten das Bühnengeschehen.

Die Produktion ist bis 17. 5. am Landestheater Niederösterreich zu sehen und gastiert am 4. und 5. 4. an der Bühne Baden.

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  1. 3. 2018

Landestheater NÖ: Die Flucht ohne Ende

Januar 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Suche nach der europäischen Identität

Gespielt wird tatsächlich auf engstem Raum: Michael Scherff, Josephine Bloéb und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Dass er auch ein Meister der kleinen Form ist, heißt: im intimen Spielraum mit bewusst sparsamen Mitteln, beweist Regisseur Felix Hafner am Landestheater Niederösterreich. In der Theaterwerkstatt zeigt er seine fabelhafte Fassung von Joseph Roths Roman „Die Flucht ohne Ende“. 1927 ist dieses Werk entstanden, in dem Roth seinen Protagonisten Franz Tunda auf eine Reise durch halb Europa schickt.

Die abenteuerliche Odyssee des k.u.k.-österreichischen Oberleutnants beginnt mit seiner Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft und führt ihn über Irkutsk und Moskau, über Baku und ein Städtchen am Rhein bis schließlich nach Wien und Paris. Auf seinem Weg wird er sich nicht nur bei einem polnisch-stämmigen Bauern verdingen und Kinobetreiber werden, sondern sich auch der russischen Revolution angeschlossen und mit sogenannten Verstandesmenschen abgerechnet haben.

Frauen kreuzen seinen Weg, Natascha, Alja, Madame G. Irene indes, die Verlobte, wartet daheim nicht auf ihn. Und immer und überall wird Tunda ein Entwurzelter bleiben, ein Fremder, Orientierungsloser, der sich selber die Aussicht aufs Morgen verstellt. Und immer wird ihn seine Suche nach der eigenen Identität auch auf die Europas, auf die Suche nach der „europäischen Kultur“ treiben. Sehr prägnant und sehr zeitgemäß stellt Hafner an seinem Roth gerade diesen Punkt aus.

Madame G. umgarnt Tunda: Josephine Bloéb und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Und immer wieder Koffer packen: Tobias Artner und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Ein Quartett, Tobias Artner als Tunda, Josephine Bloéb, Stanislaus Dick und Michael Scherff in je einem halben Dutzend weiterer Rollen, fungiert als Erzähler wie Schauspieler. Sie schildern Tundas Schicksal, bis sie es darstellen; die drei treten mit Artner in den Dialog, steigen in die Handlung ein und wieder aus. Der Kniff ist nicht neu, doch Hafner macht damit möglich, dass Roths wunderbare Sprache erhalten bleibt. Als Regisseur hält er die Balance zwischen dessen nüchtern-analytischem Blick auf die Figuren und deren dramatischem Potenzial. Wenige Versatzstücke, eine Kopfbedeckung, eine Jacke, ein falscher Bart, machen klar, wer gerade wen verkörpert.

Das Bühnenbild von Camilla Hägebarth ist eine Landschaft aus Requisitenkoffern und Kisten, auch ein Munitionskoffer ist als Gepäckstück darunter. Wie ein Zauberkünstler seine Trickboxen schieben die Schauspieler sie über die Spielfläche, formen mit ihnen Dörfer und Städte, ein Lichtspielhaus oder eine Moskauer Wohnung. Gespielt wird im Wortsinn aus jeder Luke, und sollen Gewehrschüsse knallen, so tun’s dafür die Kistendeckel. An Fantasie lässt diese Aufführung tatsächlich kaum etwas aus.

Da darf Madame G. in rotes Licht getaucht ein französisches Liedchen trällern, während sie Tunda umgarnt, da gibt es eine famos gemeine Parodie auf die Wiener (Un-)gemütlichkeit, samt bitterböser Alkoholseligkeit und Hommage an das Duo Heller/Qualtinger. Tobias Artner ist als verhalten verzweifelter Tunda gleichsam ein Mann ohne Eigenschaften, ein junger Intellektueller ohne ihn sinnvoll ausfüllendes Dasein. Michael Scherff überzeugt als Charakterdarsteller, ob er nun Proletarier, deutsche Gutbürgerliche oder einen französischen Professor gibt.

Parodie auf die Wiener (Un-)gemütlichkeit: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Michael Scherff und Josephine Bloéb. Bild: Alexi Pelekanos

Dass auch feiner Humor Hafners Sache ist, zeigt die Szene mit Tundas Bruder Georg und dessen Frau Klara. Zu ihnen gelangt Tunda schließlich – und Josephine Bloéb und Stanislaus Dick gestalten in partner- schaftlichem Weinrot zwei Prototypen kleinbürgerlicher, kulturbeflissener Existenz. Dass Tunda da mit seinen „bolschewikischen“ Ideen anecken muss, ist klar. Das geht bis ihm die Hutschnur reißt. Ein großartiger Eklat, so großartig wie der ganze Abend.

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  1. 1. 2018

Landestheater NÖ: Árpád Schillings „Erleichterung“

Dezember 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das bröckelnde Bürgerhaus ist schnell neu verputzt

Schriftsteller Felix kämpft mit mehr als nur einer Schreibblockade: Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Beim Satz, man könne doch alle Flüchtlinge in klimatisierten Bussen nach Wien schicken, wird natürlich gelacht. Sein Wahrheitsgehalt ist ja noch frisch im Gedächtnis. So ist das, wenn der ungarische Regisseur Árpád Schilling Theater macht, immer ein Versuch, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Seine jüngste Versuchsanordnung wurde Freitagabend am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt: „Erleichterung“. In diesem Fall eine Familiengeschichte. Das Politische im Privaten. Schilling zeigt, wie dünn der Firnis von Zivilisation und Zivilcourage ist, von dem wir uns zum ersten so gut geschützt, zur zweiteren so kämpferisch bereit fühlen. Er zeigt, wie schnell im Zweifelsfall eine gutbürgerliche Fassade bröckelt, und wie schnell sie sich neu verputzen lässt.

Eine messerscharfe Analyse. Schwarzer Humor. Die Gesellschaftsschelte sitzt diesmal in den eigenen Knochen. Freilich, Orbán weht’s durch alle offenen Ritzen dieses Abends. Schilling wurde vom Ausschuss für Nationale Sicherheit des ungarischen Parlaments zum „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt.

Darauf gilt es zu reagieren. Das Landestheater NÖ hat es getan, der steirische herbst, das Burgtheater, wo Schillings „Eiswind“ läuft, ebenfalls – auch dies ein Stück über die Fragilität der „Festung Europa“ und ein neues Salonfähig-Machen von Nationalismus …

Für St. Pölten haben Schilling und seine Co-Autorin Éva Zabezsinszkij zwei Handlungsstränge zu einer Geschichte verwoben. In deren Mittelpunkt steht der Schriftsteller Felix, der an mehr als nur einer Schreibblockade laboriert. Seine Frau Regina, die Vizebürgermeisterin der Stadt, engagiert sich für ein Asylbewerberheim; sein Vater Wolfie, nicht nur politisch der Platzhirsch, möchte stattdessen ein Sportcenter errichten. Das Töchterchen rebelliert.

Da offenbart Felix ein düsteres Geheimnis aus seiner Vergangenheit: Er hat vor 23 Jahren ein Kind mit dem Auto schwer verletzt und Fahrerflucht begangen. Im gehbehinderten Tankstellenwart Lukas glaubt er, dieses Kind zu erkennen. Die Familie lädt den Fremden ein. Doch als sich Tochter Johanna Lukas annähert, stellt die Mutter klar: So ein körperlich Versehrter passt ihr nicht ins Haus …

Johanna nähert sich dem behinderten Lukas: Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Versuch einer Aussprache zwischen Regina und Felix: Bettina Kerl und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

In bester Krétakör-Manier wird auf schwarzer Bühne gespielt. Das Saallicht ist an. Die Mittel, auch die darstellerischen, werden sparsam eingesetzt. Formal schnörkellos, dabei von großer Intensität und erzählerischer Dichte, so ist sie stets, Schillings Theatersprache. Wenige Versatzstücke, ein Tisch, ein paar Sessel, eine Matratze genügen. Eine Schokoladentorte wird auch zum Verdauungsendprodukt.

Michael Scherff spielt den Felix hart an der Grenze zur völligen Verzweiflung, er spielt sich im Wortsinn blutig. „Würde ich mich selbst erkennen, würde ich nie wieder schreiben“, sagt er an einer Stelle. Wie sein Gewissen kommt immer wieder eine Gegenstimme aus dem Zuschauerraum; es ist schon die von Lukas, Tim Breyvogel, der die ganze Aufführung über wie entfesselt agiert und eine körperliche Höchstleistung bietet.

Helmut Wiesinger ist als Patriarch Wolfie ganz Gemütsmensch, so lange alles nach seinem Willen geht. Bettina Kerl mimt als Regina die guten Absichten, die Frau, die Kleinstadt und Familie samt kindischem Ehemann managt, Cathrine Dumont ist als Johanna angemessen aufsässig.

Und dann treibt Schilling die Inszenierung in die Eskalation. Vorurteile werden für den eigenen Vorteil flugs gefällt. Opportunismus allüberall. Die ach so guten Menschen fallen aus ihren Mustern, wenn sie plötzlich von ihren Schutzbefohlenen selbst betroffen sind. Der Paradebehinderte ist nicht weniger Ausländerfeind als der Großunternehmer, nur wünscht er sich überdachte Fußballplätze statt des Sportcenters. Fragen kommen auf, wofür man Geld „rauswirft“, und wenn einer sagt, „Wo Araber sind, da gibt es auch Angst“, oder man müsse statt für sie „für die eigenen Krüppel“ was tun, dann ist das schon gruselig. Schilling fährt frontal ins Publikum.

Am Ende wird das Fremde entfernt worden sein. Wird geopfert worden sein fürs häusliche Wohlergehen. Die Familie hat sich gestritten und versöhnt. Man versammelt sich am Frühstückstisch, und Felix erklärt: „Ich habe eine Idee für einen neuen Roman.“ „Wir reden immer von Interessen, Interessen, Interessen …“, sagte Árpád Schilling in einem Interview, „die Menschenrechte interessieren weniger.“

Die Produktion ist bis 17. 2. am Landestheater Niederösterreich zu sehen, am 23. und 24. 1. gastiert das Haus damit an der Bühne Baden.

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  1. 12. 2017

Landestheater NÖ: Dantons Tod

September 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Revolution der Museumsarbeiter

Die Museumsarbeiter diskutieren „Dantons Tod“: Michael Scherff, Silja Bächli, Bettina Kerl, Catherine Dumont und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Zu fünft kommen sie auf die Bühne, in Arbeitskleidung, den sogenannten Blaumännern; sie haben Gewichtiges vor, nämlich „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix an die Wand zu hieven (mehr als 6 m2 Gemälde sind das im Original im Louvre), davor kommt eine Sitzbank. Doch die fünf haben noch Wichtigeres zu tun. Denn kaum ist der Kraftakt vollbracht, beginnen sie die Angelegenheiten der Revolution zu verhandeln.

Das Landestheater Niederösterreich eröffnet die neue Spielzeit mit Georg Büchners „Dantons Tod“, und es war die Idee der katalanischen Regisseurin Alia Luque den Fall in die Hände von Museumsarbeitern zu legen. Jeder darf hier mal jeder sein – Robespierre, Saint-Just, Camille, Lacroix. Danton ist immer der oder die, der den Oberkörper aus dem Overall geschält hat und im weißen Herrenunterhemd dasteht. Ein wenig hölzern lässt sie sich an, diese Verhandlung des Prinzips Lebemensch gegen den Tugendterroristen, was daran liegen mag, dass die Aufführung mehr auf das Schildern von Ereignissen denn auf deren schauspielerische Darstellung setzt.

Doch im Laufe des Abends nimmt die Inszenierung Fahrt auf, und kommt zu ihrem Höhepunkt knapp vor der Pause, wenn das Museumspersonal befindet, dass Delacroix‘ Bild „von Grausamkeit und Gewalt“ zerstört gehört, und die Sitzbank gleich mit. Da tanzen die Vorschlaghämmer, bei dieser Revolution der Museumsarbeiter und ihrem symbolischen Sturm auf die Barrikaden.

Bis dahin macht Luque Büchner, diesen fiebrigen Vormärzkämpfer und glühenden Politautor, zum Theoretiker, sein Drama zum Diskurstheater. Sie reduziert es auf Thesen und deren Argumentation, anfangs, wie gesagt, ist das ein wenig akademisch-anämisch. Allzu viel Büchner wird aber ohnedies nicht gespielt; die Regisseurin mischt in ihre zweistündige Arbeit Heiner Müllers „Der Auftrag“ und „Die Hamletmaschine“, den sozialen Realismus von Louis Aragon, ein wenig Dada von Francis Picabia, einen Hauch von Spinozas Bibelkritik und Nietzsches „Gott ist tot!“ – und Rodrigo Garcias „Picknick auf Golgatha“.

Catherine Dumont (mit Michael Scherff) hält ein flammendes Plädoyer als Camille. Bild: Alexi Pelekanos

Jeder schlüpft in jede Rolle: Silja Bächli und Tobias Artner als Robespierre und Saint-Just. Bild: Alexi Pelekanos

Weshalb auf der Bühne auch Fragen wie Warum hat Gott eine Welt erschaffen, die so unvollkommen ist, dass sein Sohn sie retten muss? oder Warum hat Moses 40 Jahre für das Zurücklegen von 400 Kilometern Wüste gebraucht, hat er sich verlaufen? erörtert werden. Dazu kommen zeitgenössische Revolutionseinsprengsel von der ETA bis zum Leuchtenden Pfad, und die Historie erklärende Zwischentexte. Die Methode ist: Prozess von Anfang an, die Schauspieler halten ihre Plädoyers frontal ans Publikum, das damit gleichsam in die Funktion des Wohlfahrtsausschusses gerät.

Die Bezeichnung klingt besser, als sie ist, der Wohlfahrtsausschuss war das maßgebliche Organ der jakobinischen Schreckensherrschaft. „Das Laster muss bestraft werden, die Tugend muss durch Schrecken herrschen“, befindet Bettina Kerl als Robespierre „im Namen des Gesetzes“, während sich die Bühnendiskussion in immer abstraktere Höhen schraubt. Die Schauspielhaus-Wien-geschulte Kerl ist die Erste, der es gelingt, aus der Diskursschablone Robespierre einen harten, strengen, fanatischen „Blutmessias“ zu gestalten. Sie ist die beste aller Revolutionsführer, sie gibt der Figur Profil und formt sie zum Charakter.

Cathrine Dumont, seit dieser Saison neu am Haus, folgt ihr als leidenschaftlicher Camille alsbald nach. Was den Danton betrifft, scheint’s, als hätte sich jeder Darsteller für eine Eigenschaft des eigenwilligen Ex-Volkshelden entschieden, eine legitime Herangehensweise zeigt doch auch Büchner einen Antihelden, in dessen Brust drei Seelen, heißt: drei Weltbilder, hausen. Silja Bächli gibt den liberalen Politiker, den selbstsicheren und von sich selbst überzeugten Epikureer, Bettina Kerl den süffisanten, aufsässigen Revolutionär. Während Danton eins sieht, dass alles Blutvergießen dem Volk kein Brot gebracht hat, und er ergo die Revolution beenden will, ist Danton zwei von Weltmüdigkeit, Fatalismus und Resignation zerfressen und kann sich kaum zum tatsächlichen Handeln motivieren. Nummer drei, Tobias Artner, der sich erst sträubt, seinen Museumskolleginnen nachzufolgen, ist ein wütender, dennoch nihilistischer Danton.

Statt Sturm auf die Bastille, Tod dem Inventar: Silja Bächli. Bild: Alexi Pelekanos

Erst nach der Pause, wenn alle mit Perücke und gepudert (oder angestaubt), in Rokoko-Unterwäsche und mit – je nach politischem Lager – roten oder blauen Kniestrümpfen auftreten, beginnt Danton für sein Leben zu kämpfen. Während er von den anderen Schauspielern, die im ganzen Theaterraum postiert sind, angegriffen wird, beginnt Michael Scherff eine letzte hysterisch-pathetische Rede. Einen Appell für mehr Wahrheit und Gerechtigkeit.

Und gegen Robespierre und sein mörderisches Treiben. „Wenn ich einen Blick auf diese Schandschrift (die Anklage, Anm.) werfe, fühle ich mein ganzes Wesen beben. Wer sind denn die, welche Danton nötigen mussten, sich an jenem denkwürdigen Tage zu zeigen? … Meine Ankläger mögen erscheinen! Ich bin ganz bei Sinnen, wenn ich es verlange. Ich werde die platten Schurken entlarven und sie in das Nichts zurückschleudern, aus dem sie nie hätten hervorkriechen sollen.“ Dieser Moment zweifellos der Höhepunkt des Abends. Doch die Sache ist längst entscheiden, die Guillotine wartet …

Alia  Luque hat eine interessante und sehr zeitgemäße Interpretation von „Dantons Tod“ entwickelt, die sie im Widerspruch zur Bühnensituation aus allem Musealen befreit hat, die aber ein bisschen Zeit braucht, bis sie sich entfaltet. Ihre Verweigerung, Geschichte als solche zu erzählen, und stattdessen ganz aufs papierraschelnde Thesentheater zu setzen, muss man zweifellos mögen, um an dieser Inszenierung Gefallen zu finden. Ein „easy listening“ lassen die von Luque verschränkten Texte nicht zu, Aufmerksamkeit ist gefordert, will man der Aufführung folgen. Interessant auch, dass sie Dantons dunkle Seite, die Septembermorde, darob die Gewissensbisse und Albträume, die übermäßige Völlerei und die Sexsucht völlig auslässt, um ihren im Wortsinn vielgesichtigen Protagonisten nicht zu beschädigen. Die Schauspieler überzeugen nach anfänglicher Stasis zunehmend und laufen bis zur „Halbzeit“ zu guter Form auf.

In St. Pölten bekennt man sich mit dieser Produktion einmal mehr zum eingeschlagenen Weg als moderne, urbane Spielstätte. Dies Politikerdebatierstück im Wahlkampfjahr 2017, im Herbst der Elefantenrunden, TV-Duelle und Plakatslogans anzusetzen, ist als gesellschaftspolitische An- und Aussage verstanden worden. Ein „nach“ oder „frei nach“ im Titel hätte dieser Theaterarbeit allerdings gutgestanden. Die Produktion ist bis 2. Dezember im Landestheater Niederösterreich zu sehen und am 24. und 25.Oktober zu Gast an der Bühne Baden.

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  1. 9. 2017